Ich saß auf einem Stein in der Heide. Die Sonne schien. Ich rauchte. Die
Heide war braun und gelb, aber an einer Stelle hatte sie eine frische Narbe
-- dort lagen sie. So oft mein Blick auf die frische Narbe fiel, dachte
ich: dort liegen sie, dort liegt auch Joe Gordon mit der gespaltenen
Schläfe und dem kleinen Schnurrbart --
Einige Tage lang mußte ich immer wieder dasselbe denken. Es lag etwas wie
süßer Leichengeruch in der Luft. Dann aber gelangte ich dahin, die frische
Narbe in der Heide mit den rechten Augen zu betrachten: ja, da lagen sie
und sie waren glücklich zu preisen! Eines herrlichen, wilden Todes waren
sie gestorben. Ihr Götter da droben, laßt mich sterben wie sie! Schleudert
Felsblöcke nach mir oder Donnerkeile, in einem Eisenbahnzusammenstoß
vernichtet mich oder auf wildem Meer, einerlei, aber laßt mich nicht im
Bett sterben wie ein altes Weib, darum möchte ich bitten.
Ich sah nicht mehr auf die frische Narbe in der Heide -- eine Art Betäubung
hatte sich auf meine Sinne gelegt gehabt, nun war sie vorüber -- ich ließ
meine kleine Flöte hell über die Heide klingen: es war der Tod, nichts
sonst, heute bist du es und morgen bin ich es. Unser ist das Leben, sela!
An diesem Tage fand ich draußen bei den Klippen einen halben Mast.
Vielleicht war es jene Spitze, an der sich der Schwarze festgeklammert
hatte? Ich holte die Axt und begann zu arbeiten. Ich griff den Mast an
verschiedenen Stellen an. Er klang so eigentümlich: er war ein Teil von der
Leiche eines Dampfers. Die Splitter flogen. Sie leuchteten in der Sonne,
sie begannen zu brennen. Ich stand inmitten eines großen blendenden Feuers.
Ein paar Fischer kamen mit Äxten und Sägen. Da standen sie und sahen mir
zu.
»Schönes Holz hast du gefunden!«
»Ja, es ist trocken.«
»Es wird einen tüchtigen Haufen geben!«
»Der Winter ist lang.«
Ich schien nicht auszusehen wie ein Mann, der mit einer Axt in der Hand
einen Mast im Stich läßt, und sie gingen wieder.
Meine Axt blitzte und der Schweiß rann mir übers Gesicht.
Die großen atmosphärischen Differenzen hatten sich ausgeglichen und die
Luft war rein und durchsichtig wie eine Linse. Man sah die fernsten
Klippen, um die das Meer spielte, jede Ritze, alles war nahe und scharf.
Meine Axt hallte laut wider, und wenn ich pfiff, so klang es fast wie eine
Flöte. Der Himmel blendete und das Meer war flüssiges Silber. Da und dort
blitzte ein Streifen wie ein Schnitt. Die Dampfer zogen ruhig vorbei und
ihr Kielwasser stand meilenweit hinter ihnen wie eine Straße.
Der Strand war bedeckt mit grellrotem und grellgrünem Salat, mit großen
Röhren und Klumpen. Wie Lungen und Eingeweide, die das Meer ausgespien
hatte, sahen sie aus. Ganze Wälle von starkriechendem Tang säumten den
Strand, von Millionen von Insekten und Stechfliegen bevölkert. Ging man
vorbei, so prasselte und knisterte es, als begännen die Wälle zu brennen.
Das Leben kommt, wo Schmutz und Wärme ist.
So oft ich über die Insel blickte, konnte ich nicht umhin verächtlich zu
lächeln. Wie sonnig und friedfertig sie aussah. Sie dachte nicht mehr an
die »Indiana«, die da draußen lag mit all den Kupferbarren im Leib. Sie
hatte all die Dampfer vergessen, die sich an den Klippen die Nase
einstießen, zurückfuhren und sanken, und all die Segler, die im Sturm
angeritten kamen und ihr in die Zähne rannten. Sie hatte auch jenen Dampfer
der Union Castle Line vergessen -- damals starben zweihundertundzwanzig
Menschen. Sie hatte all jene Leichen vergessen, die einzeln angetrieben
wurden, und niemand wußte, woher sie kamen und wie sie hießen. Genug. Sie
dachte auch nicht mehr an jene vierundzwanzig Schiffbrüchigen, die eines
Tages in einem kleinen Boot ankamen und die sie mit der sicheren Rettung
vor Augen zerschmetterte. Genug, genug!
Sie lag und lächelte und blinzelte zuweilen aufs Meer hinaus, eingehüllt in
Sonnenschleier. Wie eine jener Frauen war sie, deren Wangen zart wie junge
Rosenblätter sind und die fünfundzwanzig Männer ruiniert haben -- du aber
gehst an ihnen vorbei und schlägst das Kreuz und sprichst: Heilige
Unschuld, sie war die Mutter Gottes oder wenigstens eine ihrer nächsten
Verwandten --