Nichts geschah. Das Meer wanderte. Aber dann trappelte es draußen und ich
stand auf und mein Herz klopfte. Horch, Poupoul! Was trappelt so? Geht man
draußen?
»Nun, so warte doch, du schwarzer Satan, wohin? Wie dein Haar glänzt! Wie
heißt du -- Yvonne? Ich möchte deinen braunen Nacken küssen, Yvonne, wo der
Wind dein Haar auseinanderbläst. So, siehst du, keine Angst -- zurück,
Poupoul! Hahaha -- sie ist doch kein Hammel!«
Nun vergingen wieder viele Tage, bevor sich hier außen ein Mensch zeigte.
Ich klopfte die Pfeife aus. Tock -- tock -- es hallte in der Heide. Aber
dann tauchte ein Mann aus der Heide auf und steuerte auf mein Haus zu. Es
war Kedril, der kam um mich zu seiner Hochzeit einzuladen.
»Du heiratest also, mon vieux?«
»Ja. Ich trinke zu viel. Wirst du kommen?«
»Wenn ich nicht komme, kommt niemand, Pilot!«
»Vielleicht kannst du deine Flöte mitbringen?« (Meine kleine Flöte war auf
der ganzen Insel berühmt.)
»Gewiß, mon cher!«
Auf dieser Hochzeit sah ich das gelbhaarige Mädchen wieder.
Um nichts zu versäumen, war ich schon am frühen Morgen zur Stelle. Der Tau
lag noch auf den Halmen.
Ich war rasiert, mein noch in Europa gewaschener Kragen (der letzte)
blendete in der Sonne. An der Hand trug ich zwei Ringe und über der Weste
eine dünne silberne Kette, die ich schon seit fünf Jahren mit mir in der
Hosentasche herumtrug. Gott weiß, warum. Ungeheuer vornehm nahm ich mich
unter den Fischern aus, und das Aufsehen war groß.
In der Kirche knieten links die Frauen mit den weißen Hauben, rechts die
Männer. Rosseherres helles Haar stach unter all den schwarzen Mähnen ab wie
ein neugeprägter Louisdor unter alten Kupfermünzen. So oft sie das Kreuz
schlug, bewegte sie die Lippen; sie sah weder rechts noch links. Der
Priester gackerte wie eine Henne, der schweres Unrecht widerfahren ist und
die ihr seelisches Gleichgewicht nicht wiederfinden kann. Er eiferte gegen
die Trunksucht. Gewiß, er fuhr in Wind und Regen hinaus aufs Meer und lebte
das ganze Jahr von getrockneten Fischen und Kautabak, während die Fischer
in einem gepolsterten Lehnstuhl saßen und sich an der Freundschaft der
Heiligen wärmten. Wir wurden langsam im Fegfeuer geröstet, dann strich ein
leiser Zephir der Seligkeit über uns hin und es war zu Ende. Alle waren
ergriffen. Kedril, der Bräutigam, der schon um sieben Uhr morgens betrunken
war, lauschte mit ein wenig ausgestreckter Zunge und der pure Alkohol
rieselte ihm aus den entzündeten Augen. Seine Braut kniete mit fettem,
gewölbtem Rücken, den Kopf gesenkt, wie bereit zur Hinrichtung.
Poupoul unterhielt sich unterdessen prächtig mit Noels grünem Papagei, der
auf dem Kirchplatz seine Morgenpromenade machte. Ich hörte die beiden
disputieren. Auf das schallende Spottgelächter des Papageis antwortete
Poupoul stets mit rasendem Kläffen.
Nach der Trauung küßten sich alle. Ein Mann machte die Runde mit einer
Flasche und jeder bekam einen Schluck geweihten Wein und ein Stückchen
geweihtes Brot. Der kleine Kirchplatz wimmelte von weißen Hauben; als sei
soeben ein Extrablatt ausgeworfen worden, so sah es aus.
Rosseherre stand in meiner Nähe und wandte zuweilen den Kopf nach mir. Auf
den ersten Blick hatte sie entdeckt, daß ich heute meine sämtlichen Juwelen
angelegt hatte. Zwei alte Fischer näherten sich ihr, nahmen die flachen
Tellermützen von den kahlen Schädeln und rieben ihre stachligen Gesichter
gegen ihre Wange, während sie mit eingeknickten Knien standen. Rosseherre
lächelte mir zu, als die Fischer sie küßten.
Nun kam die Reihe an mich. Ich nahm die Mütze ab und trat an Rosseherre
heran. Sie sah mich mit ungeheuer verwunderten Augen an. Diese Augen waren
graugrün und hatten gelbe Sterne in der Mitte. Sie sahen ganz anders aus
als neulich. Wie hatte ich doch denken können, daß ihre Augen wahnsinnig
aussähen? Nur alt erschienen sie mir. Ihre tiefroten rissigen Lippen
standen voll Erstaunen offen. Dann brach sie in kindliches Gelächter aus.
Sie klemmte die Hände zwischen die Knie und schüttelte sich wie ein
messinggelber Pudel, der aus dem Wasser kommt.
Alle wurden von ihrer Heiterkeit angesteckt, auch ich; ich lachte um meine
Niederlage zu verbergen.
»Du bist ja kein Fischer!« sagte sie im singenden Französisch der Bretonin.
»Woher weißt du das? Nun warte, wenn nicht heute, so morgen!«
Wiederum lachten alle.
Hierauf begaben sich die Geladenen ins Grandhotel, und auch die
Nichtgeladenen gingen dahin.
Das Grandhotel war eine elende gelbe Hütte, die abseits vom Dorfe stand,
dicht über der Bai, und sich nicht entschließen konnte, nach welcher Seite
sie umfallen sollte. Vor der krummen kleinen Tür saßen zwei Papageien auf
Sardinenbüchsen. Ohne jedes Zeichen von Aufregung saßen sie da, bald auf
der rechten Kralle, bald auf der linken, rollten die Liderkapseln, knarrten
und zuweilen lachten sie und schrien markerschütternd: Dieb, Lump,
Faulpelz!
Im Grandhotel hauste Madame Chikel, ein stämmiges Weib, à la bonheur, mit
einem lauten Mundwerk, immer liebenswürdig, immer entgegenkommend, und mit
Händen wie Anker. In ihrem Schatten fristete Herr Chikel sein jämmerliches
Dasein, wie ein Pilz im Schatten einer Eiche. Mit seinem breitrandigen
Plantagenbesitzerhut, den er sich beigelegt hatte, seinen ewigen Bandagen
an Kopf, Armen und Beinen, erinnerte er auch an einen Pilz.
Zuweilen bekam Herr Chikel einen Schlag mit einer Flasche über den Schädel,
zuweilen auch nur eine Serie der entzückendsten Backpfeifen. Manchmal mußte
er auch seiner Gesundheit halber im Freien übernachten. Er erschien im
Mondschein wie ein Bündel in der Tür und flog die Treppe hinab. Die Tür
krachte ins Schloß, der Riegel klirrte. Vorsicht! Aus dem Fenster flogen
Hämmer, Flaschen, und Chikel war gezwungen, sich in die Klippen
zurückzuziehen, in eine Art Fort, und hier schlief er.
Herr Chikel war eine Hundeseele. Lächle ihn an, was tut er? Er zittert mit
dem Bein und lächelt wieder. Lächle etwas spöttisch oder sauer, er wird
spöttisch oder sauer lächeln. Ziehe die Brauen zusammen und durchbohre ihn
mit Blicken, als ob du ihn töten wolltest -- er wird alles nachahmen. Er
war verdammt dazu, den Gemütszustand anderer widerzuspiegeln, und man
konnte ihn die Skala der Empfindungen auf- und abhetzen, bis ihm der
Schweiß aus den Poren brach.
Madame Chikel war ihm so sehr an Kräften überlegen, daß er mit List kämpfen
mußte. Er liebte es sich mit spitzen Gegenständen zu verteidigen, mit
Nadeln und Glasscherben, die er ins Bett legte; es kam ihm auch nicht
darauf an etwas Petroleum in den Strohsack zu gießen und nebenher ein
Streichholz fallen zu lassen. Sobald aber Madame Chikel etwas merkte, daß
zum Beispiel ein Nagel durch die Sohle ihres Holzschuhs getrieben war, oder
sonst etwas, schlug sie ohne Mitleid auf den Pilz ein.
In diesem, dem ersten Etablissement der Insel fand Kedrils Hochzeit statt.
Die Weiber der Geladenen brachten ihre eigenen Bestecke und Teller mit --
denn das Etablissement konnte nicht so viele stellen -- und das Mahl
begann. Ein wirres Meergespenst erhob sich und sprach. Es sprach
bretonisch. Es waren Namen, Namen, eine endlose Reihe. Da und dort schlug
einer das Kreuz und auch Rosseherre zuckte plötzlich zusammen, beugte den
Kopf und bewegte die Lippen. Dann sah sie auf, etwas bleich und scheu,
während sie zu lächeln versuchte. Es waren die Namen all derer, die aufs
Meer hinausgefahren und nicht mehr zurückgekehrt waren. Speisen und
Getränke wurden aufgetischt. Es gab Fisch, Hammel und einen Kuchen uralten
Rezepts, der aus Schweineblut, Mehl und Zwetschgen gebacken war. Am Anfang
ging es bäurisch steif zu, dann begann die Unterhaltung. Sie begann damit,
daß man allgemeinen Zweifel über die Treue von Kedrils Braut äußerte.
Kedril erstickte vor Lachen.
Nach dem Mahl wurde auf der Heide getanzt.
Bumba -- bumba -- alle formten einen Kreis und stampften mit den
Holzschuhen, als stiegen sie eine Treppe empor und sangen: bumba -- bumba.
Das dauerte endlos. Plötzlich aber begann eine einzelne Mädchenstimme zu
schrillen und der Kreis setzte sich in Bewegung.
Es war Rosseherre, die sang. Sie sang mit der Fistel, so hoch und schrill,
daß selbst eine Grille erstaunt wäre. Sie sang das bretonische
Hochzeitslied:
»Gib mir doch, gib mir doch, dein klein' Herz, mein Lieb« --
»Gib mir doch, gib mir doch, dein kleines süßes Herz« --
Sie wiegte den Kopf dabei und sah zum Himmel empor. Ihre Haare flogen und
der Reigen drehte sich. Die Holzschuhe klapperten, die Tücher wehten, die
langen Haare der Frauen, die Bänder der weißen Hauben. Auf der einen Hälfte
des Reigens wehte alles einwärts, auf der andern nach außen. Die Fischer
mit den Köpfen Ertrunkener und den blinkenden Augen trollten unbeholfen
dahin, die braungebeizten Indianerweiber lachten und zeigten die weißen
Zähne, während die Röcke über ihre dicken weißen Strümpfe emporschlugen. Um
den Reigen herum standen die Kinder, grell geputzt wie Puppen, mit
Ruschelköpfen, roten Backen und staunenden, strahlenden Augen.
Tief unten rauschte das Meer. Die Brandung lief und donnerte. Die Möwen
schrillten und flogen über den Reigen weg, der Wind wehte. Es war Sommer,
die Sonne schien, aber die Insel sah aus wie eine trostlose Öde von
starrenden Felsen. In der Ferne zogen auf einem tiefblauen Streifen im Meer
zwei Dampfer gegen Süden; da draußen lief die Straße vorbei, auf der die
Zeit wanderte.
»Gib mir doch, gib mir doch, dein klein' Herz, mein Lieb --«
Ich stand und folgte dem blonden Kopf Rosseherres, der im Kreise ging wie
eine funkelnde Glocke, die bimmelte. Rührend sang sie --
Neben mir stand Yann, der »kleine Kapitän«, denn wir waren stets beisammen.
Yanns Distelkopf war heute nicht nur gewaschen, sondern abgescheuert wie
ein Deck. Man sah noch deutlich jeden Bürstenstrich. Seine hellblauen
Kinderaugen waren geputzt wie Schiffslaternen. Er trug zur Feier des Tages
einen eingeschrumpften weißen Kittel, einen zerknitterten Kragen, blaue
Manschetten, schwarze Holzschuhe und ein dünnes Bambusstöckchen. Durch die
Krawatte hatte er eine Nadel mit einem riesigen Brillanten gesteckt, der
Quere nach, so daß die Nadel fingerlang herausragte. Und dazu -- ha, ha,
riechst du es nicht? -- hatte er sich parfümiert, der Elegant. Die blaue
schmucke Kapitänsmütze trug er nachlässig hinten im Genick wie etwas
Nebensächliches und Lästiges.
Yann stand natürlich mit gespreizten Beinen, die Hände in den Hosentaschen,
aber das war bei weitem nicht genug. Die Füße waren einwärts gerichtet,
besonders der rechte, die Schenkel auf unmögliche Weise verdreht, so daß
sein rundes Sitzfleisch plastisch hervortrat. Die linke Hüfte war stark
herausgedrückt, dann machte Yanns Taille einen graziösen Bogen einwärts und
die Brust stand vollkommen senkrecht. Diese Stellung gab einen federnden
Unterbau aus Gummi und Stahl, und so konnte man in aller Gemütsruhe auf
einem schwankenden Verdeck in der gröbsten See stehen. Auch ließ sich der
Oberkörper nach Belieben wenden und drehen, ohne daß man je den Unterbau
verändern mußte.
Yann war Kapitän eines kleinen Regierungsdampfers, der drunten auf der
Reede vor Anker lag. Seine Laufbahn war die übliche gewesen: Mousse auf
einem Fischerkutter, Ohrfeigen und nichts zu essen, Leichtmatrose auf
verschiedenen Segelschiffen, Ohrfeigen und wenig zu essen, zwei Campagnen
Stockfischfang auf den Bänken von St. Pierre, Hundefressen, ein paar Jahre
Dienst auf einem Amerikadampfer, erträgliches Essen. Von da an war es rasch
in die Höhe gegangen mit ihm. Er wurde geprüfter Pilot und die Regierung
vertraute ihm jenen schwarzlackierten Sarg mit Dampfheizung an, hundert
Tonnen, sechs Mann Besatzung. Diese Auszeichnung war ihm zu gönnen. Seine
Fingerkappen waren noch heute verunstaltet vom Reffen der Segel -- und da
drunten bei Kap Horn waren die vereisten Segel hart wie Glas, daß das Blut
aus den Nägeln sprang und man zuletzt die Ellbogen nehmen mußte -- sein
rechter Zeigefinger war gebogen vom Abschneiden von Tausenden von
Stockfischköpfen. Seine Finger hatten tiefe Rinnen von den Angelleinen,
seine Hände waren hart vom Rudern und den ewigen Tauen.
Yann war ein Tausendsasa. Er war Schneider, Schuster, Tischler, Schlosser,
Koch, was war er nicht, er konnte Strümpfe stricken, Netze knüpfen und
flicken, mit einem Stück Draht, das er auf der Straße fand, öffnete er dir
jedes Schloß. Dieser Teufelskerl sprach Arabisch, Malaiisch, Chinesisch,
was nicht, abgesehen von jenen lumpigen Sprachen wie Spanisch,
Portugiesisch, Englisch usw. Von all diesen Sprachen wußte er nur fünf
Wörter. Aber damit konnte er alles sagen, was nötig war die Bedürfnisse
eines Seemannes zu decken, der an Land geht. Obendrein wußte er von allen
Sprachen das gemeinste Schimpfwort, das er anwandte, wenn ihn die
Kenntnisse verließen oder ihm etwas gegen den Strich ging. Sobald er den
Fuß auf eine ferne Küste setzte, schleuderte er dem Gewürm dieses kapitale
Schimpfwort entgegen. Ah, ein Eingeweihter, kein Neuling! Die Preise sanken
rapid, denn Yann stieß bei jedem, auch dem demütigsten Angebot dasselbe
ungeheure Schimpfwort hervor, und das gleiche Wort bekam der Glückliche an
den Kopf, dem er etwas abkaufte.
So war Yann! Er war vollgestopft mit verfänglichen Scherzfragen und mit
zwölf Streichhölzern konnte er schädelspaltende Probleme bewältigen. Aus
einer einzigen Spielkarte konnte er etwas so unerhört Unanständiges
schneiden, daß einem das Wasser aus den Augen sprang. Gib Yann zum Beispiel
dein Taschenmesser. Er nimmt es in die Hand wie ein Numismatiker eine
seltene Münze. Messingfalse, gut, sie rosten nicht. Er stößt es in Noels
Ladentisch, wippt daran, er schneidet eine tiefe Kerbe in Noels Tisch: der
Stahl ist gut, überhaupt ein hübsches Messer! Er stellt beide Klingen
senkrecht zum Griff -- wenn nun einer Lust hat, ich stelle mich gegen die
Wand, heran -- wupp! zwei Stiche auf einmal. Yann streckt die Klingen. So!
Wenn nun hinten einer kommt und vorn -- eins, zwei! -- man schwingt den
Arm, der hinten erhält das Messer in den Bauch, der vorn in die Kehle. Ein
hübsches Messer, merci!
Und doch war Yann ein Gemüt. Es kam wohl vor, daß er seinen Schiffsjungen
mit der Faust ins Gesicht schlug, aber er gab ihm doch sofort zehn Sou, als
die Mutter dieses Schiffsjungen erkrankte. Er konnte mit Tränen in den
Augen schwärmen von einem Weinchen, das er vor sechs Jahren irgendwo
getrunken hatte, von Mädchen, die er genossen hatte -- ah, so etwas, süß,
saftig, und welch eine liebliche Stimme -- ! --
Da stand er nun, duftend und herausgeputzt, vom Kopf bis zu den Zehen eine
einzige ungeheure Überlegenheit und Verachtung, und sein loses Maul stand
nicht einen Augenblick still.
»He, dich haben sie wohl heute aus dem Friedhof freigelassen,
Großmütterchen?« sagte er zu einer verschrumpften Greisin mit wachsgelbem
Gesicht. Ein Mädchen, das guter Hoffnung war, grüßte er überaus höflich:
»Bonjour, messieurs-dames!« Für jeden hatte er eine kleine Aufmerksamkeit
auf Lager. Doch man nahm es ihm weiter nicht übel und zahlte ihm mit
gleicher Münze heim. Aber Yann behielt stets das letzte Wort.
»Ha! ha! ha!« Und mit einem schallenden Lachen machte er dem
niedergeschmetterten Gegner den Garaus.
Nun aber war seine Stunde gekommen. Er räusperte sich, was zum Teufel
steckt mir doch in der Kehle? »Vorwärts, gehen wir hinein. Ein Gläschen,
he!«
Der Reigen gefiel mir, ich blieb. Ich stand und sah Rosseherre an.
Yann lachte. »Wie kann dir das doch gefallen! Das sind ja Wilde!« sagte er
verächtlich. »Glaube nicht, daß das Franzosen sind! He! Nein, das sind
Leute aus der Sintflut, ohne jede Zivilisation und Bildung, sie sterben
aus. Sieh sie doch an -- bumba, bumba!« Und Yann lachte rasend um mir
seinen ungleich höheren Kulturzustand darzutun. Dabei war er aus Roskoff,
Yann hieß er und war selbst ein Bretone von oben bis unten, o du Schurke!
»Kennst du Rosseherre?« fragte ich ihn. »Rosseherre? Natürlich kenne ich
sie!« Yann sah an mir vorbei. Sonst sagte er nichts. Hm! »Nun marsch!« Er
wollte trinken und da gab es kein Sträuben bei ihm.
V
Wir hatten ganze fünf Schritte zu gehen, aber Yann handhabte sein
Bambusstöckchen, als ob er im Bois de Boulogne lustwandle.
Im Grandhotel ging es schon laut her. Die Fischer schwangen die Gläser in
den steifen Händen, sie sprachen wie Fässer und Röhren, stießen sich
gutmütig mit den Fäusten und spritzten einander ganze Duschen von Schnaps
ins Gesicht, wenn sie in Gelächter ausbrachen. Alles war in Bewegung, nur
Chikel, die Hundeseele, rührte sich nicht. Er hatte es sich in den Kopf
gesetzt nicht mitzumachen. Den bandagierten Fuß auf einem Stuhl, saß er in
der Ecke und spielte Domino mit einem unsichtbaren Gegner. Sein Kopf war
verbunden und nur ein kleines Auge bewegte sich hinter dem Verband, wie ein
kleines glänzendes Tier in einem dunklen Käfig.
»Hallo, Chikel, neulich war dein Arm verbunden und heute bist du ganz
eingewickelt?«
Yann aber sagte nichts, er postierte sich vor Chikel auf und lachte
unverschämt.
»Das sind die Folgen meiner schlechten Aufführung,« erwiderte Chikel mit
einem scheuen Achselzucken und schob mit der zarten schmutzigen Hand die
Dominosteine. Madame Chikel aber rief von der Bar herüber, daß man ihrem
Lumpen keinen Sou in die Hand geben solle. Heute nacht hatte ihr Lump die
Bretter der Bettstatt durchgesägt, so daß sie durchkrachte. »O, was für
eine erbärmliche Kanaille!«
Hier Pfiff Chikel vor boshaftem Vergnügen wie eine Maus, aber
augenblicklich schwieg er wieder still, da seine Gattin eine Gebärde
machte.
Der Reigen war zu Ende und die Hochzeitsgesellschaft füllte die kleine Bar.
Das eigentliche Fest begann. Die Bar wurde unter eau de vie gesetzt. Man
schrie und betrank sich, Männer und Frauen. Ein Dudelsack winzelte und man
tanzte. Es war eine Art Schottisch, aber die Hauptsache dabei war, daß man
gehörig mit den Holzschuhen stampfte. Das Grandhotel tobte wie das Innere
einer großen Trommel, auf die ein Rasender mit Prügeln losschlägt. Ganze
Wolken von Staub stiegen von den Dielen auf.
Rosseherre kam in meine Nähe und ich trat an sie heran und bat sie um einen
Tanz.
Ihr kleines Gesicht war mit einer sonderbaren Röte bedeckt, als sei es mit
Ziegelmehl gepudert. Sie lachte mich an. Ihr Gebiß blitzte. Sie sagte
nichts.
»Nun, Rosseherre? Willst du nicht?«
Rosseherre schüttelte den Kopf und lachte wieder. Sie war verlegen.
»Schön.« Ich wandte mich ab und kehrte zu Yann zurück um einen geeigneteren
Zeitpunkt für eine Annäherung abzuwarten.
Yann amüsierte sich prächtig. Er saß in einer Ecke, trank, applizierte den
Tänzern kleine Fußtritte in die Kniekehle und kniff die Frauen. Ho! Ho! Ho!
Und wie er dabei lachte! Schließlich stach er sich die Hand an seiner
Krawattennadel blutig, und augenblicklich riß er Binde und Kragen ab und
zerstampfte wütend diese Anhängsel der Zivilisation. Nun fühlte er sich
wieder Mensch, und es war merkwürdig, er trank jetzt zweimal so rasch.
Da gab es einen kleinen Zwischenfall. Jean Louis, den sie den »Meerkönig«
nannten, ein kleiner weißhaariger Greis, sank lautlos in sich zusammen. Man
trug ihn hinaus und legte ihn vor das Haus.
Rosseherre trat zu Yann. »Großvater liegt vor der Tür,« sagte sie etwas
beunruhigt.
Yann lachte. »Nun, und was weiter?« fragte er. »Glaubst du, jemand wird
kommen und ihn stehlen?«
Rosseherre lächelte. Nein, nun war sie beruhigt. Yann reichte ihr generös
sein Glas.
»Das hier ist mein Freund!« schrie er und deutete auf mich. »Umarme ihn,
vorwärts!«
Das kam Rosseherre sehr komisch vor.
»Wir kennen uns schon,« sagte ich, indem ich ihr die Hand reichte und in
die Augen sah, »aber Rosseherre will nichts mit mir zu tun haben, sie ist
zu stolz.«
»Stolz? O, ich bin gar nicht stolz!« rief Rosseherre singend aus und rückte
verlegen an der Haube.
»Aber doch willst du nicht mit mir tanzen, Rosseherre!«
Sie lachte.
»Tanze mit ihm, tanze sofort mit ihm, er ist mein Freund,« schrie Yann.
»Tanze mit ihm!« Das wiederholte er hundertmal, bis Rosseherre einwilligte.
Ich stampfte im Kreise wie die andern, Rosseherre im Arm. Sie war leicht
und schmal und ihre Haare fielen weich über meine Hand.
»Du bist wohl drüben an der Küste gewesen, Rosseherre?«
Ach, nein, sie war nicht auf der großen Erde, sie war nur auf der Insel
Molen.
»Heute in der Kirche sahst du so hübsch aus, Rosseherre. Wie eine kleine
Madonna. Du hast mir gefallen, bei Gott!« sagte ich und zog sie an mich.
Rosseherre sträubte sich nicht; sie lächelte und sah flüchtig zu mir empor.
Sie hatte viele Sommersprossen, besonders unter den Augen. Ihr Mund war
voll und weich, ein Mund, der sich beim Kusse ganz ergibt. Sie hatte fast
gar keine Brauen. Kindlich und unentwickelt war ihr Gesicht, trotz der
merkwürdigen, alten Augen. Auf ihrer niedrigen, eigensinnigen Stirn waren
die Linien vieler Falten zu sehen, wie bei allen Mädchen der Insel und
selbst bei Kindern. Denn in die grausame Helle des weiten Himmels konnte
man nur mit zusammengezogenen Brauen blicken.
Wir wurden langsam in der Runde geschoben. So oft wir an Yann vorbeikamen,
stach er nach uns mit seinem Bambusstöckchen. Dann war der Tanz zu Ende.
Rosseherre war erhitzt und trocknete sich die Stirn mit dem Ärmel. Ich zog
ein kleines, blaues Tuch aus der Tasche und reichte es ihr.
»Ein hübsches Foulard!« rief sie aus.
Yann prüfte fachmännisch das Gewebe.
»Prima!« sagte er.
Ich faltete das Tuch zusammen und legte es in Rosseherres kleine braune
Hand.
»Nun?«
»Behalte es, wenn du willst, Rosseherre. Ich brauche es nicht.«
Rosseherre sah mich ungläubig an.
»Nun, so nimm es doch, Rosseherre!« schrie Yann. »Er ist mein Freund!«
Rosseherre sah mich dankbar an. »Merci!« sagte sie leise und lächelte. Sie
betrachtete das Tuch nochmals von allen Seiten. »Wo hast du es gekauft? --
In Paris!?« Das konnte Rosseherre kaum fassen. Dann beugte sie sich über
meine Hand und studierte die Ringe. »Wie hübsch sie sind, Yann, sieh doch!«
Ich nahm die Ringe ab und sie streifte sie über die Finger. Sie hielt sie
gegen das Licht, damit sie glänzten, und ihre Augen waren voll verliebter
Gier.
Nun aber mußte Yann sein Gutachten abgeben. Er zog ein derbes Messer aus
der Tasche hinten, schabte vorsichtig daran und ritzte die Steine. Zuletzt
spie er etwas darauf und polierte sie am Ärmel.
»Echt!« sagte er.
Rosseherre war durstig und wollte gerne Cidre haben. »Also, Cidre,
Patronne! Im Namen der Hölle, rasch, sechs Flaschen!«
Yann prüfte ihn. Er roch, leckte, zerpreßte einen kleinen Schluck auf der
Zunge und je weiter seine Untersuchung vorschritt, desto strahlender wurde
seine Miene. Das war ein Cidre . . .! Auch Rosseherre und ich mußten daran
riechen, Yann zwinkerte vielsagend und überhäufte im nächsten Augenblick
Madame Chikel mit den wüstesten Vorwürfen, uns so etwas für diesen Preis
vorzusetzen. Madame Chikel war gezwungen den Preis um einen Sou pro Flasche
nachzulassen, ob sie wollte oder nicht. Nun war Yann glücklich.
»Ich tue das immer,« sagte er, »das sind ja lauter Diebe, diese Leute auf
der Insel. Selbst die Priester sind Diebe hier.« Dann zeigte er mir, wie
man Cidre zu trinken habe. »Nicht schlucken, um Gottes willen nicht
schlucken -- so -- einfach hinablaufen lassen. Durchs Schlucken verliert
der Cidre vollkommen seine Blume, seine Seele. Aber wenn man getrunken hat,
muß man die Zunge gegen den Gaumen pressen, das prickelt angenehm. So!«
Plötzlich schwang Yann seinen Fuß rasch unterm Tisch. »Ich wollte nur
sehen, ob ihr zwei -- haha!«
Wir unterhielten uns ausgezeichnet. Auch Poupoul. Es schien, als ob die
Erinnerung an seine besten Zeiten in ihm erwache. Er lächelte. Einigemal
wandte er mit großer Geschicklichkeit seinen Rattenfallentrick an, der
darin bestand, daß er die Zähne um ein Bein schlug und festhielt ohne zu
beißen.
Die schwarze Jeanette stand lächelnd neben uns und sah mit verlangenden
Augen zu, wie wir tafelten.
»Hole dir ein Glas, Jeanette!« rief ich ihr zu.
Aber da wurde Rosseherre purpurrot im Gesicht.
»Nun, ein Glas Cidre mag sie wohl haben?«