Yann sagte: »Sie ist Rosseherres Feindin.«

»Ach so!«

Da stand Jeanette mit dem Glas in der Hand. Yann sah sie an und lächelte

verächtlich.

»Du hast dir das Glas geholt?« fragte er spöttisch. »Nun, trag es wieder

hübsch zurück. Ho! Ho! Ho!«

Und Jeanette öffnete verblüfft den Mund, lachte laut und herzlich und trug

das Glas zurück.

Sie tröstete sich rasch. Ein kleiner stiernackiger Seemann hatte den Arm um

sie gelegt und sie ging mit ihm hinaus. Unter der Türe sah sie lachend zu

uns her und zeigte die Zähne.

»Siehst du,« sagte Yann, »da geht sie hinaus, sie schämt sich gar nicht.«

Die Bar tobte. Man hätte hier einen Dampfhammer arbeiten lassen können,

niemand hätte ihn gehört. Ha! Ha! Ha! Hoo! Es entstanden heulende

Schwingungen infolge des Getöses und zuweilen schien es, als fliege das

Grandhotel durch die Luft. Diese stillen, schweigsamen Leute, die in der

Einsamkeit der Wogen beim Rauschen des Meeres arbeiteten, brüllten heute

für ein ganzes Jahr. In der Ecke stand einer, den Kopf gegen die Wand

gelehnt, die Augen verzückt geschlossen, und riß das Maul auf und schrie

sinnlos heraus.

Die Köpfe dampften, die Arme wirbelten. Die Augen glühten wie geschmolzenes

Blei in den brandroten Gesichtern. Die Frauen kreischten und quiekten. Es

herrschte eine Betrunkenheit, die in Europa längst ausgestorben ist. Nur

Chikel saß in seinem Winkel und spielte Domino.

Ich muß gestehen, daß ich mich hier zu Hause fühlte. Ich liebe sittsame

Gesellschaften nicht. Zuweilen staut sich die Luft in meinen Lungen und

dann macht es mir Vergnügen zu brüllen. Die überschüssige Kraft zuckt in

meinen Muskeln und sie werden plötzlich hart wie Stein, und dann ist es

hübsch einen Teller in Stücke zu schlagen. Siehst du! Wenn mich in guter

Gesellschaft ein Idiot langweilt, so muß ich dazu lächeln, hier aber kann

ich ihm sofort sagen, daß er in die Hölle fahren möge. Ja, bitte! Hier

konnte man auch trinken, ohne sofort als Pavian zu gelten und tausend

gestreckte Meilen Abstand zwischen sich und seine Umgebung zu legen.

Ha! Ha! Ha! Hooo!

Kedril hat allen Grund mit seiner Hochzeit zufrieden zu sein. Und er war

es. In eine Wolke von Alkohol eingehüllt, mit Gespensteraugen, ging er mit

einer Flasche in der Hand umher, wie ein Sprengwagen. Und dazu sprach

dieser Mann eine vollkommen neue Sprache! Hatte sich der Geist eines

Höhlenbewohners Chikels Seele bemächtigt und ritt sie?

»Was zum Teufel redet er denn?«

Yann wußte es. »Die Mondsprache,« sagte er und begann eine Unterhaltung in

diesem Idiom mit Kedril. Kedril war entzückt, er verstand, er antwortete.

Ich aber war Ausländer, Kedril sah das ein.

»Wo steckt denn deine Frau, Kedril?«

»Frau? Frau? Frau?« Kedril tanzte mit der Flasche. O, er hatte ganz

vergessen --

»Wie schön der Priester heute gesprochen hat, wie?« fuhr er fort. »Du

sollst dich nicht vollsaufen, hahaha, so schön, so rührend hat er

gesprochen. Morgen passiert die >Lady of Ireland<, morgen abend, wirst du

mitkommen? Eine Spazierfahrt. Ja, sagte ich, mein kleines Haifischchen --«

Er erzählte verworren von seinem Haifisch, den er im vorigen Sommer

gefangen hatte. »Mein kleiner Haifisch, ich sehe ihn, er marschiert daher,

komm heran, mein Kleiner, mit deinen hübschen Zähnchen -- keine Angst, gib

mit die Ehre.« Es sah aus, als habe er ihn mit der Hand gefangen und an den

Zähnen herausgezogen -- ekelhaft!

»O Kedril, Pilot Nummer Eins, Haifischfänger, ich sage dir, mein Bruder,

dieser Haifisch, der dich berühmt gemacht hat, war dein Verderben. Du warst

der ordentlichste Mann der Insel, jetzt geht es dahin mit dir. Du hast

geheiratet, wirst Kinder zeugen, Hydrocephalen, du wirst dein Boot

vertrinken und deine Frau wird dich windelweich hauen. Es gibt kein Zurück

mehr.«

Kedril war gerührt über meine Ansprache. Er umarmte und küßte mich. »Dank,

mein Freund, du meinst es gut mit mir!«

Ich drückte ihm verstohlen ein Fünffrankenstück in die Hand. »Es soll

lustig hergehen auf deiner Hochzeit, Pilot.«

Kedril prüfte die Münze zwischen den hölzernen Fingern und bohrte sich mit

der Flasche in die Mauer von Rücken, die die Bar umgab.

Eine neue Epoche des Festes begann. Sie charakterisierte sich dadurch, daß

es in allen Ecken klirrte und kurze Streitigkeiten aufflackerten. Sie

wurden in triefender Sentimentalität ertränkt. Die beiden Papageien, die

man hereingenommen hatte, turnten auf ihrer Stange und schrien begeistert.

»Und nun spiele!« rief Yann. »Du hast doch die Flöte dabei?«

»Jawohl!«

»So spiele uns etwas.«

Ich nahm die Flöte aus der Tasche, feuchtete die Lippen an und ließ die

Finger über die Löcher galoppieren. Und meine kleine Flöte sang:

Freut eu--ich des Lebens, weil no--och das Lä--ämpchen glüht --

Pflücke--et die Rose, eh' sie--ie verblüht -- --

Hoho! Bravo! Bis -- bis!

Und wieder sang meine kleine Flöte:

Freut eu--ich des Lebens . . .

Der Dudelsack winselte und die Holzschuhe stampften.

Da war auch die schwarze Jeanette wieder. Sie stand mit einem jungen

Fischer und sah zu uns her.

»Da ist sie wieder!« sagte Yann verächtlich.

Wirklich, sie schämte sich nicht im geringsten.

Ich tanzte immerfort mit Rosseherre.

»Tanzt nur, tanzt nur!« schrie Yann. Nun, wir tanzten. Wir wurden

gequetscht und getreten, aber es war schön. Rosseherres kleine Brust atmete

erregt. Ihr Gesicht war rot vom Cidre. So oft ich sie an mich zog, sah sie

zu mir empor und lachte mich an. Martina zupfte mich am Arm und sagte:

Hallo! Aber ich beachtete sie gar nicht. Es gab hier einige Mädchen, die

mir großes Entgegenkommen zeigten, aber was waren sie gegen Rosseherre? Sie

hatten alle dicke Bäuche, als ob sie guter Hoffnung wären, Rosseherre

dagegen, ha!

»Vielleicht werde ich dir einmal einen meiner Ringe schenken, Rosseherre,«

sagte ich ihr ins Ohr. Wie hübsch ihre kleine weiße Haube war, und ihr

Mieder war mit einem halben Hundert farbiger Nadeln zugesteckt.

Plötzlich aber tanzte etwas durch die Luft, tanzte und tanzte mir mitten

auf die Stirn. Ein Weinglas. Ich bekam einen kleinen Riß in die Haut und

blutete. Ich richtete mich auf. Im Falle es auf der Insel Sitte sein sollte

mit Gläsern zu werfen, diese Sitte machte ich nicht mit, nein, merci!

»Wer hat geworfen?« schrie ich. Rosseherre zupfte mich am Arm und ich

verstand.

Es war Yann. Er lachte, und in seinen hellblauen Kinderäuglein sah ich

gerade den letzten Funken Zorn erlöschen.

Deine letzte Stunde ist gekommen, kleiner Kapitän. Alle Kalenderheiligen

können dich nicht mehr retten!

»Hehe!« lachte Yann und wand sich. »Du wirst doch nicht! Hehehe, ihr sollt

endlich aufhören zu tanzen.«

»Er blutet ja,« sagte Rosseherre und reichte mir das kleine Tuch, das ich

ihr geschenkt hatte.

Das beruhigte mich augenblicklich. Yann genoß ja mildernde Umstände, das

Leben sollte ihm noch einmal geschenkt sein. Meine gute Stimmung kehrte

zurück, denn war es nicht rührend, da stand Rosseherre mit dem Tuch in der

Hand. Meine Seele, über die eben ein Taifun dahinwirbelte, lag spiegelglatt

da. Ich lachte. Ja, man muß lachen über ein Rindvieh deines Kalibers, Yann!

Ich bedauerte ihn sogar ein wenig. Er hatte zwei kolossale strategische

Fehler gemacht. Erstens hatte er mir durch den voreilig abgefeuerten Schuß

seine Stellung verraten, und zweitens hatte er Rosseherre gezeigt, daß er

eifersüchtig war. Und das war der schlimmere Fehler.

Yann stand auf und legte die Hand feierlich aufs Herz. Seine treuen

Kinderaugen standen voller Tränen. »Ich wollte ja nur ein wenig werfen, ein

wenig, mein Freund.«

Ich reichte ihm die Hand. Auch ich hatte Tränen in den Augen. Wir umarmten

und küßten uns wie es sich gehört, und somit war die Sache erledigt.

Rosseherre aber stand stumm da und ihre niedrige Stirn war in tausend

kleine Falten gekräuselt, wie das Meer, wenn es zu wehen anfängt.

Ich wusch die Schramme mit Cidre aus und bestellte Wein. »Wir wollen Dampf

aufsetzen! Rosseherre lache!«

Rosseherre lächelte.

Nun war alles in Ordnung.

Es schien mir nur recht und billig, daß ich mich für Kedrils Einladung

revanchierte, indem ich etwas ganz Außerordentliches zur Erhöhung des

Festes beisteuerte. Infolgedessen gab ich einen Cakewalk zum besten. Ich

hämmerte mit den Absätzen darauf los -- hang it all --

Da was no ha'r on de top of his haid

De place whar de ha'r ought to grow!

An he had no teef fo' to eat de hoe-cake

So he had to let de hoe-cake go!

Hang up de fiddle ad de bo-oo-ow --

O-oo-ooh! Hahaha! Was war das für ein Erfolg!

Poupoul umkreiste mich kläffend, er fürchtete um meinen Verstand.

Das Meer · 第 8 / 79 题