Auf diese Weise machte ich die Bekanntschaft der Schönheiten der Insel. Wir
litten keinen Mangel, das will ich nicht behaupten. Es wäre undankbar,
nichts anderes.
Rosseherre aber hatte ich noch nicht gesehen,
An einem Mittwoch nun ging ich zum Hafen hinüber um zu sehen, ob der
»Kommissionär« heil hereinkäme. Das Meer war erregt.
Die Fischer standen oben auf den Felsen, turmhoch über der Bai, und
blickten regungslos auf den »Kommissionär« hinaus, nur zuweilen spien sie
aus, aber ohne sich zu rühren. Sie sahen zerzaust und zerwühlt aus,
ausgetrocknet von der Sonne, die Augen geschliffen vom Wind. Manche
schienen gerade aus dem Wasser zu kommen, die dünnen Haare klebten an ihren
Schläfen, die Kittel hingen an ihren Schultern herab. Neben ihnen stand
Noel, der Kaufmann und »Inselkönig«, in einer schwarzen Lederjacke, den
Feldstecher vor den Augen. Er strotzte von Wohlhabenheit, sein Gesicht war
siegellackrot und sein schwarzer Vollbart knisterte vor Gesundheit. »O,
lala!« rief er und schüttelte besorgt den Kopf, denn der »Kommissionär«
gehörte ihm. Ein paar Fetzen Tuch an den Stangen watete der Kutter in der
Ferne durch die sausende Dünung, unter Sturzseen begraben. Manchmal versank
er bis auf die Mastspitze -- fahre wohl! -- nein, er tauchte wieder auf.
Hinter ihm ging schräg der schwarzgraue Regen. Plötzlich hielten alle
Fischer inne -- wenn jetzt ein Seil riß oder der Wind nur eine Minute
aussetzte -- sie spien wieder aus, es gab keine Gefahr mehr. In den Nischen
der Klippen kauerten Trüppchen von Fischerweibern, wie Hühner, die der Wind
in einen Winkel wehte. Alles flatterte an ihnen, die schwarzen offenen
Haare, die Bänder der weißen Hauben, die Röcke. Die schwarze Jeanette saß
bei ihnen und blickte lächelnd zu mir empor. Ich stand bei den Fischern,
regungslos wie sie, und nur zuweilen nahm ich die Pfeife aus dem Mund und
spie aus, auf amerikanische Art, durch die Zähne; ich hatte es darin zur
Vollkommenheit gebracht.
Der »Kommissionär« zog die Segel ein und warf mit Gerassel seinen
zerfressenen Anker aus. Eine kleine Rostwolke stieg auf und ich roch sie
bis herauf. Sofort kam aus dem Hafen wie stets jenes kleine Boot heraus,
das sich wie eine Kaulquappe bewegte, denn es wurde mit einem einzigen
Ruder am Stern gerudert. Ein halbes Dutzend flatternde Bündel (Menschen),
Ballen, ein Rudel kleiner Schweine, all das wurde mit einer Hast
hineingeworfen, die Seeleute an sich haben, wenn sie schon einmal arbeiten.
Im Nu war der Nachen zum Sinken voll.
Die Schweine schrien mörderisch, und die Weiber in den Felsennischen
kreischten vor Lachen. Plötzlich aber begannen sie zu rufen. Sie schwenkten
die Arme und schrien: »Rosseherre! Rosseherre!«
Im Schnabel des kleinen schlingernden Bootes stand ein Mädchen mit
flatternden messinggelben Haaren.
Ich hatte sie noch nie gesehen. Gelbes Haar hatte sie! Und sie stand so
ruhig.
Die quiekenden Schweine wurden herausgeworfen, die Ballen, der Postsack und
ein ganzes Gebirge von großen Brotlaiben mit schmutziggrauer Kruste. Die
Schweine liefen darüber, die gelbe Welle leckte nach ihnen und färbte
einzelne dunkel, ehe Noel sie wegräumen konnte.
»Pack an, pack an!« schrie er, und der Dorflump in seinen klaffenden Hosen,
Noels Schützling, sprang mitten in das Gebirge von Brot hinein.
Rosseherre stieg geschickt zwischen zwei Wellen aus dem Nachen und
klapperte rasch in ihren Holzschuhen den Steig hinauf. Je näher sie kam,
desto gelber wurde ihr Haar. Sie war klein und schmal, ein Mädchen von
sechzehn Jahren; sie trug eine weiße Haube, ein Tuch um die Schultern, und
war schwarz gekleidet wie alle Frauen der Insel.
Wir wandten uns ihr zu. Die Fischer taten es, ohne die Füße zu regen, ihre
Holzpantinen waren festgenagelt am Boden. Kedril nahm den Tabakklumpen aus
dem Mund und legte ihn unter die Mütze auf den Kopf. »Da ist ja Rosseherre
wieder!« sagte er. Die andern sagten nichts. Sie spritzten den Tabaksaft
mit kindlicher Freundlichkeit durch die Zähne und nickten. Man sah ja, daß
sie da war.
In diesem Augenblick sah Rosseherre zu uns her. Das gelbe Haar wehte um ihr
kleines kindliches Gesicht und sie strich es mit der Hand zurück. Die
Weiber schrien ihr lachend etwas zu, und sie sah mich von oben bis unten
neugierig an. Ich nahm die Pfeife aus dem Mund, bewegte aber keine Miene.
Da kehrte Rosseherres Blick nochmals zu mir zurück und haftete an meiner
Hand, an der ich einen unscheinbaren Ring trug. Dann sah sie mir rasch in
die Augen. Was für ein Blick war es doch?
Die Weiber lachten breit, plapperten und gingen mit Rosseherre davon. Im Nu
hatte sie der Wind um die Ecke geweht. Aber bevor Rosseherre verschwand,
blickte sie nochmals zurück.
Drunten in der Bai schaukelte verlassen der »Kommissionär«; ein Matrose in
rotem Hemd kletterte auf dem Deck. Der Briefträger und Chef der Post ging
an die Arbeit. Bis an die Zähne bewaffnet stürzte er sich ins Feuer. Er
hatte hohe Reiterstiefel an und schwang einen lächerlich kleinen Korb mit
den Briefen in der Hand. Sein Dienst war mörderisch. Wohin er kam, mußte er
ein Gläschen trinken. Am Abend kehrte er aber stets als Sieger zurück,
schnaubend wie ein Nilpferd, in Schweiß gebadet, um in Chikels Bar
zusammenzubrechen unter der ungeheuren Last von Verantwortung, Wichtigkeit
und eines höllischen Dienstes, für den er acht Tage lang Kräfte gesammelt
hatte.
Der Karren mit dem Schimmel kam, um die Säcke und Ballen fortzuschaffen.
Dieser Schimmel stand und ging, in einer Art Kniebeuge, er hatte rote
Ränder um Augen und Nüstern und war fast gänzlich haarlos. Er schlief
augenblicklich ein, und der Dorflump kitzelte ihn mit einem Strohhalm
aussichtslos in den Nasenlöchern.
Der Karren fuhr ab -- und nun war wieder Ruhe auf der Insel für eine ganze
Woche.
Ich kaufte im Dorf für zwei Sou Fische und wanderte nach »Sturmvilla«
zurück.
»Hast du gesehen, daß sie auf deinen Ring blickte?« sagte ich zu mir. »Sie
sind doch auf der ganzen Welt die gleichen. Was für gelbes Haar sie hat,
oho, das ist schon fast nicht mehr erlaubt, wie, Poupoul!«
Plötzlich fiel mir ihr Blick wieder ein. Merkwürdig. Es war ein -- wie soll
ich sagen? -- es war ein Blick wie ihn Wahnsinnige haben.