Das Meer

I

Wir hatten alles, was das Herz begehrt. Wir hatten Frauen die Fülle, wir

hatten zu trinken, wir hatten Stürme, die mit achtzig Seemeilen

Geschwindigkeit dahinfegten. Wir brauchten nichts, merci, hebe dich hinweg

--

Auf unserer Insel gab es weder Baum noch Strauch. Wie ein in Schutt

zerfallenes Gebirge sah sie aus, und ringsum keuchten die Klippen in der

Brandung. Tag und Nacht aber donnerte es, horch! Das war das Meer. Es

wehte, immerfort schrie der Wind, und wenn ein Mensch über die Heide ging,

so flatterte er wie eine zerfetzte Fahne. Zu jeder Stunde bei Tag und bei

Nacht schrillten die Möwen, denn ihnen gehörte Insel und Meer. Manchmal

versank die Insel buchstäblich unter ihrem markerschütternden, feilenden

Lärm. Wenn ich da draußen bei den Klippen schwamm, so reckten sie unruhig

die weißen Köpfe, es waren ihrer drei, fünf, zehn, aber sobald ich näher

kam, waren es Hunderte, Tausende. Sie umkreisten mich schrillend wie eine

wetternde Wolke und mich erfaßte eine mystische Furcht, denn es waren ihrer

so viele. Sie schreien noch oft in meinen Träumen.

En route! Das Großsegel donnert und wir jagen dahin. Unsere Muskeln sind

hart und unsere Herzen stählern und klingend -- -- --

Wann aber meine Augen zum erstenmal auf Rosseherre fielen, kann ich nicht

mehr sagen. Ich weiß nur, daß es an einem Posttag im Frühjahr war.

Rosseherre war das einzige blonde Mädchen auf der Insel, und es ist

möglich, daß sie gerade deshalb Eindruck auf mich machte. Sie war

eigentlich nicht blond, sondern gelb, wenn man so sagen kann. All die

andern dagegen waren schwarz und ich kannte sie alle.

Zuweilen unternahmen wir eine Expedition, Yann, der »kleine Kapitän«,

Poupoul, mein Hund, und ich, und auf diesen Entdeckungsreisen machte ich

ihre Bekanntschaft. Es gab auf der Insel dreimal mehr Frauen als Männer,

denn die Männer machten Dienst auf den Schiffen, Gott weiß, wo sie waren.

Solange sie jung waren, waren sie schön, und alten gingen wir aus dem Wege.

Braun gebacken von der Sonne waren sie und das Blut glühte in ihren Wangen

und Augen, als ob sie gerade aus einem heißen Ofen kämen. Sie hatten weiße,

starke Gebisse und pechschwarzes Haar, das sie offen trugen bis zu den

Schultern herab. Sie waren einfältigen Herzens, munter und laut und

zögerten nicht lange, denn es fehlte ihnen an Zeit und Auswahl.

Yann und ich setzten in irgendeiner kleinen Bar Dampf auf, dann sah mich

Yann mit feuchtglänzenden Augen an und puffte mich: »Hehe?«

»Schön!« sagte ich. Yann und ich verstanden einander auf eine nahezu

mysteriöse Art.

»Aber noch ein Glas! He, Patron, noch ein Glas, rasch!«

Wir brachen auf. Wir schlugen sofort ein derartig rasches Tempo an, als

gälte es Leben oder Tod. Nicht eine Minute Zeit hatten wir zu versäumen.

»Nur keine großen Umstände gemacht, hörst du?« sagte Yann. »Sie warten nur

darauf --«

»Tiens!« sagte ich, ärgerlich über Yanns ewige Bevormundung. »Habe ich je

Umstände gemacht? Sakrenomdedü« --

»Allons, allons!« Yann lachte.

Es war Nacht, alles schlief. Die Leuchtfeuer suchten nach uns wie riesige

Blendlaternen und wir schlichen wie Diebe zwischen den Hütten dahin. Oft

mußten wir uns hinter eine niedrige Mauer ducken um nicht gesehen zu

werden. »Nieder!« kommandierte Yann. Dann pochte Yann an ein Fenster:

»Mach' auf, mach' doch auf!« Er pochte geduldig eine Stunde lang und

raunte: »Mach' auf, ich bin es, Yann!« Endlich klirrte der Riegel und Yann

schlüpfte ins Haus. Ich wartete. Die schwarzen Wolken wälzten sich über den

Himmel, der Wind knallte in meinem Rock, ich fror. Endlich kam Yann wieder,

satt und erhitzt sah er aus.

»Es ist heute nichts mit ihr.«

»Nichts?«

»Nein, wir haben einen unglücklichen Tag gewählt.«

»O, Yann!« Und wir steuerten einen anderen Kurs. »Mach' auf, mach' doch

auf, ich bin es, Yann.« Wir lauschten, Poupoul knurrte. »Mach' auf, mach'

doch auf!« In den Fischerhütten roch es süß und kräftig wie in einem

Kuhstall.

»Umarme ihn, vorwärts!« befahl Yann. »Er ist mein Freund -- Napoleon --

hast du nie gehört von ihm?«

Dann hielten wir uns ein paar Striche westlich und klopften eine abseits

liegende Kneipe wach um uns zu stärken. Wir brachten den Wirt um seine

Nachtruhe, aber da wir die kapitale Zeche von einem Franken machten und bar

bezahlten, waren wir willkommene Gäste.

»Nun wollen wir nach Stiff gehen,« sagte Yann, »eine halbe Stunde, dort

wohnt Jeanne, aber wir müssen uns in acht nehmen, sie muß herauskommen« --

Unersättlich war Yann.

»Wird sie herauskommen, Yann?«

Das Meer · 第 2 / 79 题