Der Weg führte hoch oben über die Felsen dahin, in denen das Meer ohne
Aufhören wusch und schaufelte.
Tag und Nacht war es an der Arbeit. Es fand eine Spalte und fing an, einen
Tunnel zu bohren. In tausend Jahren sollte er fertig sein und es ging mutig
ans Werk. Ein paar Schritte weiter hämmerte es in einer Höhle und meißelte
in einem Schacht. In tausend Jahren sollte der Schacht mit dem Tunnel
zusammenstoßen. Dann wollte es in den großen Stürmen Spitzhacken und Picken
nach oben schicken um eine Halle auszuhauen. In abermals tausend Jahren war
die Decke so dünn, daß sie nach den Regengüssen einstürzte, und dann stand
eine Klippe da, frei und scharf wie eine Sense, und das Meer suchte sich
eine neue Aufgabe. Es hatte Zeit.
Je näher man Sturmvilla kam, desto lauter wurde das Meer. Denn hier außen
war der offene Ozean und der große Strom brach sich an den Klippen.
Unaufhörlich stiegen die Gischtsäulen an den Riffen empor. Zuweilen dröhnte
es, als ob eine ungeheure Felsmasse ins Meer stürzte. Eine große Woge. Ich
hielt nicht mehr den Schritt an, nur manchmal erschrak ich noch tief innen
im Herzen.
Vereinzelte bleischwere Tropfen fielen vom Himmel. Das Gewölk schleppte
sich niedrig und schwer wie schwarzer Qualm übers düstre Meer und es wurde
rasch Nacht. Unsere beiden Leuchttürme begannen zu arbeiten. Im Norden
Stiff. Wie ein saugender, erschreckender Mond zuckte er hinter der
schwarzen Heide empor. Zweimal weiß und einmal rot. Im Süden aber begann
hoch oben eine geisterhafte Sonne mit vier bleichen Strahlenbündeln wie
irrsinnig zu kreisen. Das war Creach. Er schleuderte seine Lichtgarben
dreißig Meilen weit in die Nacht hinaus. Es waren sausende Hiebe von
Doppelblitzen. Sie flogen über die schwarze Heide, die bleichen Giebel der
Hütten, liefen wie eine leuchtende Schlange an den Klippen über der Bai
drüben entlang, betasteten ein Riff, eine Woge, einen Wolkensaum, ein Segel
-- fort, Nacht, Schwärze -- und schon blendeten sie wieder auf. Mit der
Nacht, da die Geräusche des Tages verstummen und das Ohr sich schärft,
donnerte das Meer um so lauter, und so kam es, daß man glaubte fortwährend
in einem Gewitter zu leben.
Creach leuchtete mir auf den Weg. All die Felsen, die glattgeschliffenen
Elefantenschädeln und Skeletten vorweltlicher Tiere ähnlich sahen, füllten
sich mit Gestalt und Leben, wenn der Lichthieb über sie hinfegte. Mitten
unter ihnen stand ein bleicher, abgezehrter Mönch, der den Arm erhob und
den Skeletten predigte: »Es ist noch nicht zu spät, ihr Saurier!« In jeder
Nacht stand er da und predigte, am Tage war er nichts als ein ordinärer
Felsklotz. Auch mir predigte er, wenn ich vorüberkam: »Was den Sauriern
gilt, gilt auch dir!« Und er drehte sich nach mir mit dem erhobenen Arm:
»Es ist noch nicht zu spät, Heide!« Sturmvilla selbst sah wie ein bleicher
Schädel aus, durch dessen zerfressene Nase ich hinein mußte.
Sie war früher ein Wächterhaus, aber nun gehörte sie Noel, dem Kaufmann,
der ein Sammler alter Baracken war, die er mit großartigen Namen
ausstattete: Villa de tempête, Sans-souci, Louis seize.
Ich nahm die Fische aus, schabte sie ab und briet sie in einem dick mit
Butter beschmierten Papier über einem kleinen Feuer. Aus der Leber machte
ich mit Butter, Salz und Essig die Sauce dazu. Dann hatten wir noch ein
paar kleine Kartoffeln, herrlich!
Sturmvillas Gemächer bestanden aus einem einzigen kleinen Raum und die
Hälfte davon nahm ein unförmiger pechschwarzer Kamin ein, der mich fast
verschlang. Ich liebte es, davor zu sitzen und dem Feuer zuzusehen.
Die Fische zischten und draußen rumorte das Meer. Mein Ohr war fein und
geschliffen und ich unterschied jede einzelne Woge. Der Strom stürzte sich
gierig und wild gegen die Klippen, in der Ferne dröhnte es in gleichmäßigen
Intervallen, als ob eherne Röhren ans Land rollten. Das war die Brandung in
der Bai. Dazwischen unterschied ich ein fernes knatterndes Schnellfeuer.
Das war das Meer bei Creach. Es hatte die Klippen in Trümmer zerschlagen
und jede Woge rollte die zentnerschweren Kugeln auf und ab. Das Splittern
und Krachen aber und die Schreie, was war das? Nein, ich öffnete nicht mehr
die Türe. Ich sah nicht mehr schwarze Schiffsrümpfe auf- und abstampfen,
ich hörte nicht mehr Ertrinkende schreien. Es waren die dunkeln Klippen,
die da draußen tanzten, und ich wußte auch, woher die Schreie kamen. Es war
das Wasser, das schrie, der Wind. Die Steine schrien.
Es pochte an die Türe. Ich wandte mich nicht um. Wer sollte kommen? Der
Wind weinte an meinem Guckloch, er weinte von einem Schmerz, der nicht
alltäglich ist, einem auserlesenen Schmerz, der das Herz eines Heiligen
brach. Dann lachte er ein kleines, irrsinniges Lachen und weg war er.
Ich saß vor meinem kleinen Feuer und rauchte die Pfeife. »He, Poupoul,
alter Kamerad!« sagte ich und kraute ihm den Kopf. Was war geschehen?
Nichts. Aber es lag ein Geruch wie von Abenteuern in der Luft.
Dieser gelbe Irrwisch, der heute aus dem Meer gestiegen war! Ich machte
mich bereit. Nimm dich in acht, Yann --