26. Kapitel.

In der Aula.

Für den Nachmittag des 23. Dezember ist also der Leser zu der großen

Schlußfeier in der Aula des Kollegs eingeladen.

Zuerst tritt die Blechmusik des Pensionates auf und leitet durch

einen kräftig vorgetragenen Marsch die Feier ein. Dann folgt der

Hauptteil: die Überreichung der Schulzeugnisse, an welche sich

unmittelbar eine Art Preisverteilung anschließt. Die Preisgekrönten

werden in alphabetischer Ordnung aufgerufen und treten vor, um auf

einer reichgeschmückten Tribüne aus der Hand des ~P.~ Rektor ihre

Auszeichnung in Empfang zu nehmen.

Mancher uns wohlbekannte Zögling hört seinen Namen erklingen und

begiebt sich mit freudig klopfendem Herzen zur Tribüne.

Auch Donnels Name ertönte. Als er sich erhob und mit seinem entstellten

Gesichte -- „es ist ja ganz windschief,“ flüsterte Tom Playfair seinem

Nachbar zu -- durch die Mitte der Knabenschar hinschritt, entstand

ein allgemeines Beifallklatschen, so daß Donnel, dem diese Kundgebung

vollständig unerwartet kam, über und über errötete.

Den Schluß der Bevorzugten bildete Percy Wynn. Die Geschwulst in

seinem Gesichte war allerdings ziemlich verschwunden und wurde

bedeutend weniger bemerkt, als es zuvor bei Donnel der Fall gewesen.

Als er jedoch, noch immer einige Pflaster auf Stirne und Wangen, mit

unsicherem Schritte die Stufen der Tribüne hinaufstieg, um mit der

verbundenen Rechten die Auszeichnung in Empfang zu nehmen, da blieb

es nicht beim Klatschen: ein förmliches Hurrageschrei erfüllte den

weiten Saal. Eigentlich war diese Art von Beifallsbezeugung verboten.

Allein der ~P.~ Rektor, vor dessen Augen es geschah, konnte

es ja gestatten. Es ging sogar das Gerede, er sei, wie er selbst

später erzählt habe, versucht gewesen, mit einzustimmen. In bezug auf

~P.~ Middleton wurde das als Thatsache behauptet. Es mochte wahr

sein oder nicht, die Knabenschaft des kleinen Hofes war fest davon

überzeugt, und ihr erster Präfekt stieg nur um so mehr in ihrer Achtung

und Liebe.

Percy hatte allerdings diese Ehre vollauf verdient. Bei seinen

Talenten, seiner guten Vorbildung und seinem unverdrossenen

gewissenhaften Fleiße war es ihm in der kurzen Zeit wirklich gelungen,

an die Spitze seiner Klasse zu kommen. Im englischen Aufsatz war Percy

der erste, Keenan der zweite; in der englischen Grammatik waren Quip,

Playfair, Wynn gleich; in der Mathematik Playfair der erste, Wynn der

zweite; im Griechischen standen beide gleich; die größte Verwunderung

aber erregte es, daß im Latein Wynn der erste, Playfair der zweite war.

In sinniger Weise schloß die Feier mit einem Weihnachtsgesange. Percy

hatte in demselben ein Solo vorzutragen. Gehoben durch die Herzlichkeit

und Ehre, die ihm zu teil geworden war, übertraf er dieses Mal beinahe

sich selbst. In einem solchen Grade gelang es ihm, die Gefühle des

Liedes wiederzugeben, daß die Kundigen gerade seinem Auftreten

einen großen Teil an der Wirkung des Stückes zuschrieben. Die junge

Zuhörerschaft schien allerdings sehr ergriffen zu sein. Denn nachdem

der Gesang verklungen, war nur eine schwache Spur von Beifallklatschen

zu bemerken, ja gegen alle Gewohnheit währte es einige Augenblicke,

bevor die Sprechorgane, die sonst bei Knaben so leicht zu erregen sind,

sich wieder in Bewegung setzten.

Kaum war die Feier zu Ende, als Tom in erheucheltem Zorne zu Percy

hineilte und mit drohend erhobener Faust ihm zurief:

„Warte, Du zusammengestückter Raufbold! Bevor ich Dir wieder Unterricht

im Latein erteile, mußt Du erst wieder an einem kalten Tage draußen

sein und dann pfeifen ohne ~P.~ Middletons Pfeife.“

„Das mußt Du mich erst lehren.“

„Ich werde mich hüten! Sonst übertrumpfst Du mich darin auch noch.“

Man wußte, daß Tom auf die Erfolge seines Schülers überaus stolz war.

Er soll sogar vor Freude im Geheimen etliche Purzelbäume geschlagen

haben. Im übrigen jedoch sprach er den Rest des Tages hindurch von

„einem gewissen halblahmen Jungen, der sich unterstanden habe, seinen

Professor zu überholen“.

Da Percys Zustand diesem nicht gestattete, im Hofe an den Spielen

teilzunehmen, so zog er sich in den Spielsaal zurück und gab Tom

Unterricht im Schach.

Plötzlich öffnete sich die Thüre und ein Zögling kam hereingelaufen mit

dem Rufe:

„Percy Wynn, ins Sprechzimmer!“

„O mein Gott! Vielleicht ist es gar meine Mama. Das ist mir

außerordentlich peinlich.“

„Du bist mir ein netter, liebevoller Sohn!“ sprach Tom mit ernster

Miene. „Bei der Nachricht, daß die Mutter gekommen ist, fängt man doch

nicht an zu jammern!“

„Du kannst Dir denken, weshalb ich mich jetzt fürchte, zu ihr zu gehen.

Sie muß ja erschrecken, wenn sie mich in diesen Pflastern erblickt.“

„Mich würde das wenig grämen. Du siehst ja ganz köstlich darin aus.

Wäre ich an Deiner Stelle, ich trüge sie zum Schmucke. Du könntest

sie wirklich in Mode bringen. Sie stehen Dir gerade so gut wie

Simpelfransen.“

„Ich habe wenig Lust, eine neue Mode zuerst bei Mama zu versuchen. --

Vielleicht ist es aber jemand anders. Sie bemerkte einmal in einem

Briefe, vor Januar könne sie die weite Reise nicht gut antreten.“

„Geh’ hin und sieh zu! Das ist das einfachste Mittel. Sag’ ihr

dann auch, ich würde mir nächstens erlauben, eine Rechnung für die

Privatstunden einzureichen.“

Percy zupfte sorgfältig seine Kleidung zurecht, wischte hie und da ein

Stäubchen weg und machte sich dann pochenden Herzens auf den Weg ins

Sprechzimmer.

[Illustration]

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Percy Wynn · 第 68 / 77 题