27. Kapitel.

Der unerwartete Besuch.

Voll Spannung klopfte Percy an der Thüre des Sprechzimmers und trat

zögernd ein. Wir wissen bereits, daß seine Besorgnis unbegründet

war. Denn es war niemand anders als Herr Marschall, der ihn, eben im

Gespräch mit ~P.~ Rektor begriffen, erwartete. Auch den kleinen

Frank hatte Herr Marschall mitgebracht, und dieser kam sogleich dem

Eintretenden freudestrahlend entgegen.

„Kennst Du den?“ fragte der Rektor Percy.

„O gewiß kenne ich ihn, und freue mich sehr, ihn wiederzusehen.“

Da ergriff der Kleine Percys Hand und drückte sie. Es schmeichelte ihn

sichtlich, daß er Percys Zuneigung besaß.

Unterdessen hatte sich auch der Vater erhoben.

„Percy, das ist Herr Marschall,“ sprach der Rektor vorstellend.

Percy machte seine unnachahmliche Verbeugung.

„Herr Marschall, es ist mir äußerst angenehm, Ihre Bekanntschaft machen

zu können.“

„Percy, ich bin der Vater dieses Deines kleinen Bekannten und möchte

Dir jetzt persönlich danken für die Hilfe, die Du ihm und seinem

unglücklichen älteren Bruder auf der Straße hast angedeihen lassen. --

Armes Kind,“ fügte er bewegt bei, als er bemerkte, daß Percy die Folgen

seiner That noch an sich trug, „erst jetzt wird mir klar, wie mutig

und selbstlos Du gehandelt hast. -- Leider, Percy, muß ich jetzt schon

gleich wieder Abschied von Dir nehmen, da ich noch mit dem hochwürdigen

Herrn Rektor zu sprechen habe und morgen in aller Frühe eine kurze

Reise antreten werde. -- Könnte ich nicht auch die beiden andern

Zöglinge noch sprechen, hochwürdiger Herr Rektor?“

„Ich habe bereits nach ihnen geschickt. Allein man scheint sie nicht

finden zu können; sie sind wohl ausgegangen.“

„Schade. Aber Percy hat dann jedenfalls die Güte, ihnen meine Grüße und

meinen Dank zu überbringen. Da ich später mehr Grund haben werde, ins

Pensionat zu kommen, so werde ich sie, denk’ ich, auch einmal zu Hause

treffen.“

„Es thut mir leid, Herr Marschall,“ sagte Percy, „daß Sie so schnell

sich wieder entfernen wollen; ich hoffte, Frank noch etwas länger zu

sehen.“

Frank ergriff abermals Percys Hand und drückte sie voll inniger Freude.

„Dieses Vergnügen will ich Euch beiden lassen,“ erwiderte der Vater

lächelnd. „Seit Frank Dich auf der Straße kennen gelernt, plagte er

mich Tag und Nacht mit der Bitte, ihn ins Pensionat zu schicken, bis

ich es ihm zusagte.“

„O wie schön!“ rief Percy erfreut.

„Die Trennung von ihm fällt mir schwer; allein ich darf hoffen, daß sie

zu seinem Besten gereichen wird. -- Ich lege ihn,“ wandte er sich an

den Rektor, „ganz in Ihre Hände. Religion hat er natürlich ebensowenig,

wie ich; auch getauft ist er nicht.“

Hier war es Percy unmöglich, einen Ruf des Mitleides zu unterdrücken.

Also dieser Knabe mit dem intelligenten Gesichtchen, ein Kind desselben

Vaterlandes, war ein eigentliches Heidenkind, war fern vom Glücke des

Christentums.

„Mein sehnlichster Wunsch ist nun, daß er katholisch wird, und zwar

recht bald. Doch möchte ich ihm anderseits auch keinerlei Zwang anthun.

Er hat sein Alter, ist ziemlich entwickelt und einigermaßen zu einer

selbständigen Wahl befähigt.“

„Bist Du auch katholisch, Percy?“ fragte Frank mit altkluger Miene.

„O gewiß!“

„Gut. Papa, dann werde ich ganz gewiß katholisch.“

„Gleichviel, wie die katholische Religion aussieht?“ sprach der Vater

lächelnd.

Frank stutzte einen Augenblick.

„O,“ rief er dann voll Zuversicht, „sie ist sicher eine sehr schöne.

Percy ist ja so gut und liebevoll. Meinst Du nicht auch, Papa?“

„Es freut mich, Frank, daß Du so von ihr denkst. Du hast jetzt

Gelegenheit, sie gut kennen zu lernen. Thu’ das auch. Suche alles zu

verstehen, soweit Du kannst. Ich glaube, auch Percy wird Dir gern dazu

behilflich sein.“

„Mit Freuden!“ versicherte Percy.

„Mein liebster Gedanke ist,“ wandte sich Herr Marschall an den Rektor,

„aus Frank einen wohlunterrichteten Katholiken zu machen, der weiß, was

er glaubt und warum er glaubt.“

„Seien Sie überzeugt, Herr Marschall,“ sprach der Rektor, „daß ich ihn

zum Übertritt nicht zulassen werde, bevor er sich, soweit seine Jugend

es ermöglicht, über den ganzen Inhalt unseres Glaubens hinreichend

Rechenschaft geben kann. Auch mit Bekehrungsversuchen soll ihn niemand

behelligen.“

Die letzte Versicherung sollte Herrn Marschall ein Vorurteil nehmen,

das bei Nichtkatholiken nicht selten ist, und welches auch dieser

Herr in den vielen Jahren seines Unglaubens jedenfalls gehegt hatte:

daß nämlich an einer katholischen Anstalt jeder Lehrer oder gar jeder

Schüler beim Anblicke eines Andersgläubigen in einen zudringlichen

Bekehrungseifer verfalle.

„Sie haben mein volles Vertrauen, hochwürdiger Herr Rektor. -- Frank,

wir müssen scheiden; ich muß mit dem hochwürdigen Herrn Rektor allein

noch einiges besprechen. Deshalb überlasse ich Dich der Sorge Percys.“

„Komm’, Frank,“ sprach Percy freudig. „Es macht mir ein großes

Vergnügen, Dich ins Pensionatsleben einführen zu können. -- Adieu, Herr

Marschall!“

„Adieu, Percy! Ich habe Dir für eine große Wohlthat zu danken. Auf

baldiges Wiedersehen! -- Frank, mein liebes Kind, lebe wohl!“

Er hob den Kleinen auf und küßte ihn heftig bewegt.

„Lebe wohl, Frank, und -- und behüt’ Dich Gott!“

Das letzte Wort sprach der starke Mann nur mit Anstrengung aus, und

seine Stimme zitterte dabei.

„Er ist mein Trost,“ sprach er, indem er sich abwandte und das Haupt

senkte, „mein letzter Trost; seine Mutter lebt nicht mehr.“

Jedes seiner Worte erzählte von jahrelanger Liebe, Sorge und

Bekümmernis.

„Armes Kind!“ rief Percy, dessen Augen vor Mitleid feucht wurden.

„Komm, Frank! Dein Vater wird nur noch trauriger, wenn Du länger

bleibst.“

Als die Thüre des Sprechzimmers sich hinter ihnen geschlossen hatte,

brach Frank in Schluchzen aus.

„Das ist recht, Frank! Weine Dich erst recht aus. Ich kann mir leicht

vorstellen, wie hart es ist, sich von einem so guten Vater trennen zu

müssen.“

„O ja, er war immer so gut und liebevoll! Nie hat er ein hartes Wort zu

mir gesprochen. O Papa, Papa!“

Percy ging ganz in Mitgefühl und Besorgnis auf. Es stand bei ihm fest,

seinem neuen Mitzögling nach Kräften den Übergang aus dem Vaterhause in

eine ganz veränderte Umgebung zu erleichtern. Das konnte ja nur dazu

beitragen, daß Frank um so eher aus einem Heidenkinde ein glücklicher

Christ werde.

„Du hast wirklich einen sehr gütigen Vater, Frank. Es ging ihm ja so

nahe, Dich verlassen zu müssen, daß ich selber ihn lieb gewann.“

„Hast Du auch gehört, was er zuletzt sagte?“ war Franks Frage, nachdem

sein Weinen etwas gestillt war.

„Was denn?“

„Er sagte: Behüt’ Dich Gott!“

„Warum sollte er das denn nicht sagen?“ erwiderte Percy, erstaunt,

daß dieser in den religiösen Kreisen Amerikas nicht ungebräuchliche

Abschiedsgruß für Frank etwas Neues war.

„Früher hat er es nie gesagt.“

Jetzt erinnerte sich Percy, daß ja der Vater ungläubig gelebt hatte. Er

entgegnete nichts mehr. Da sie eben im Begriffe waren, aus dem Hause

auf den Hof zu treten, trocknete er mit fast mütterlicher Zärtlichkeit

die Thränen von Franks Wangen, und dieser stand bald zum erstenmale auf

dem Tummelplatze der Mauracher Pensionatsjugend.

[Illustration]

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Percy Wynn · 第 69 / 77 题