+Arnold Marschall+.
Der Name Marschall kam dem Rektor nicht ganz unerwartet. Dieser reiche
Geschäftsmann hatte nämlich zwei Söhne, welche allenfalls die ihm von
Percy beschriebenen Brüder sein konnten. Herr Marschall war als Feind
jeder Religion, vor allem der katholischen, bekannt.
Sein ältester Sohn hatte zwar nie den besten Leumund besessen und
war für seinen Vater, der trotz allen Religionshasses im Rufe eines
Ehrenmannes stand, eine fortwährende Quelle des Kummers. Allein ein
Laster, das die eigene Verworfenheit in solchem Grade vor den Augen der
Welt bloßstellt wie die Trunksucht, ließ sich in der vornehmen Familie
nicht gut vermuten.
„Der junge Herr Marschall muß sich gegen früher sehr zu seinem
Nachteile verändert haben,“ sprach der Rektor, als er den Brief zu Ende
gelesen. „Früher hat man nie dergleichen von ihm gehört.“
Was Percy anging, so erfuhr er nichts von der Ankündigung des Besuches,
der ihm bevorstand. Der Rektor beabsichtigte, ihm eine angenehme
Überraschung zu bereiten. Es wollte ihn übrigens bedünken, jener Besuch
werde auch für Herrn Marschall selbst wohl eine größere Bedeutung
haben, als im Briefe ausgedrückt war.
Ohne Zögern ging das verlangte Programm an Herrn Marschall ab. In
einem kurzen Begleitschreiben nannte ihm der Rektor die Namen der
drei Zöglinge und bemerkte, Herr Marschall habe mit vollem Rechte das
Benehmen derselben als eine Folge religiöser Erziehung aufgefaßt; alle
drei, vornehmlich der kleinste, Percy Wynn, hätten eine vortreffliche,
aber ausschließlich katholische Erziehung genossen, wobei jedoch dem
Kolleg kein anderes Verdienst zukomme, als gehütet und gepflegt zu
haben, was im Elternhause gepflanzt worden sei.
Mehrere Tage vergingen. Da langte ein zweiter Brief des Kaufmanns an.
Herr Marschall bat um die Erlaubnis, bei seinem spätern Besuche mehrere
Zweifel über Religionssachen vorlegen zu dürfen und gab zugleich
folgenden kurzen Bericht über die Umwandlung, welche das jüngste
Ereignis in seinen Anschauungen hervorgerufen hatte:
„Ew. Hochwürden kennen mich als einen ausgesprochenen Glaubensfeind.
Ich verlor meine Religion als heranwachsender junger Mann infolge
des Besuches glaubensloser Studienanstalten und des Verkehrs mit
ungläubigen Geschäftsgenossen. Schließlich kam ich dahin, daß ich
vor allem meine eigene, die katholische Religion aus dem Grunde
verabscheute.
Da meine verstorbene Gattin dachte wie ich, so wurden unsere Kinder
ganz in meinem Geiste erzogen. Im übrigen verwendeten wir jedoch
große Sorgfalt auf ihre allseitige Ausbildung, behandelten sie
mit einer vernünftigen Strenge und waren im Anfange mit unsern
Erfolgen sehr zufrieden. Der Älteste, Lincoln, versprach wirklich
das zu werden, was wir aus ihm zu machen wünschten: ein tüchtiges,
brauchbares Glied der menschlichen Gesellschaft. In den Jahren
seiner Kindheit, war er nicht minder als jetzt sein jüngster Bruder
Frank, mein Stolz und meine Freude. Dann besuchte er eine höhere
Schule, die natürlich religionslos war, und an der er von Jahr
zu Jahr sichtlich mehr verdorben wurde. Daheim unter der Obhut
seiner Eltern hatten die wenigen Grundsätze von Menschenwürde und
Ehre, die ich ihm beigebracht, sowie die Liebe zu seinen Eltern
noch Kraft genug besessen, um ihn vor schlimmeren Gewohnheiten
zu bewahren; den Maßstab allerdings, nach welchem meine eigenen
guten Eltern dereinst mich beurteilten, hätte ich an ihn nicht
anlegen dürfen. An ihm wurde mir immer klarer, daß der Mensch, um
in allen Punkten den Anforderungen der Sittlichkeit zu entsprechen,
eines allwissenden und allmächtigen Richters bedarf, dem auch die
geheimsten Gedanken nicht verborgen sind, und der nicht minder jene
Überschreitungen zur Rechenschaft zieht, welche von der irdischen
Strafgewalt nicht erreicht werden. Hielt ich ihm vor, wie sehr er
durch sein ausschweifendes Leben seine Menschenwürde schände, so
war stets sein letztes Wort: ‚Wer kann mir denn vorschreiben, meine
sogenannte Menschenwürde nicht zu schänden? Und was habe ich denn
von der Menschenwürde? Nichts, gar nichts. Was ich aber von meinen
Vergnügungen habe, wird mir sehr wohl bewußt, und ich ziehe es aller
Menschenwürde bei weitem vor.‘ Die einzige durchschlagende Erwiderung
hätte ich im Glauben meiner Kindheit gefunden. Nur ein Gott kann den
Menschen verpflichten, menschenwürdig zu leben. Allein diese Antwort
mochte ich weder ihm noch mir geben.
Erst als mir mehrere Kinder hingestorben waren, als Lincolns
Zügellosigkeit immer noch anwuchs, und schließlich der Tod auch meine
Gattin von mir nahm, wurde ich dem Gedanken einer Umkehr weniger
abhold. Trotzdem sträubte ich mich aus ganzer Kraft meiner Seele,
mich selbst eines jahrelangen Irrtums zu zeihen. Es hatte mir jemand
ein sehr gerühmtes apologetisches Werk in die Hände gespielt. Ich
las dasselbe nicht ohne Interesse, redete mir aber selbst ein, es
enthalte die Wahrheit nicht. Doch trug es nicht wenig dazu bei, meine
Unruhe zu vergrößern.
Endlich hat Percy Wynns That meine letzten Bedenken zerstreut. Ich
hielt mich noch beständig an der Einbildung festgeklammert, die
katholische Religion bilde nur engherzige, schwächliche und feige
Charaktere. -- Die Erinnerung an meine eigene Jugend hätte mich schon
eines bessern belehren können. -- Da erfahre ich nun, daß dieses
echt katholisch erzogene Kind eine Großmut und Unerschrockenheit an
den Tag legt, die, wenn ihr auch die Umsicht späterer Jahre noch
abgeht, doch schon jetzt einen Mann beschämen könnte, und die ihm
selbst teuer zu stehen gekommen wäre, hätten nicht zwei edle, auch
katholisch erzogene Gefährten sich mutig seiner angenommen. Weder
Lincoln noch irgend einer von seinen Schulkameraden würde gehandelt
haben wie Percy Wynn. Ja, als ich am Abende jenes Tages meine eigenen
Anschauungen genauer untersuchte, mußte ich bekennen, ich sei zu
jener Zeit, da ich noch Gott fürchtete, viel, viel selbstloser
gewesen, als nachher. Zum erstenmale wagte ich nur einzugestehen,
daß die Leugnung Gottes den Menschen überhaupt gar nicht selbstlos
zu machen vermag, da sie alle stichhaltigen Gründe für eine
uneigennützige, selbstlose Liebe zum Nebenmenschen in der Wurzel
vernichtet.
Mit ganz anderer Gesinnung nahm ich abermals jenes Buch hervor -- nur
die Nachtzeit konnte ich diesem folgenschweren Geschäfte widmen --
um es wieder und wieder zu lesen. Ein ganz neues Licht ergoß sich in
meine irrende, zagende Seele. Die letzten Zweifel hoffe ich morgen
von Ihnen, Hochwürdiger, Herr Rektor, gelöst zu sehen, um dann gleich
durch eine Generalbeichte, zu der ich allerdings nach so vielen
Jahren der gütigen Hilfe des Beichtvaters bedarf, mein Leben wieder
in Ordnung zu bringen.
Den armen Lincoln werde ich wohl seinem durch den eigenen Vater
verschuldeten Schicksale überlassen müssen. Der neunjährige Frank
dagegen ist noch zu retten. Seinen verkommenen Bruder kennt er fast
gar nicht, da Lincoln in den letzten Jahren nicht oft zu Hause war
und ich zudem die beiden mit Fleiß von einander fern zu halten
suchte. Frank kann und soll daher religiös erzogen werden. Da jedoch
ich selbst mich zur Erfüllung dieser Elternpflicht unfähig gemacht
habe, so wäre es mir sehr lieb, wenn er einen Platz in Ihrem Hause
fände. Nach dem Zeugnisse seiner Lehrer ist er ein gut talentiertes
Kind, namentlich bemerkt man an ihm eine ausgesprochene Anlage zu
verstandesmäßigem Denken, die ich selbst im Verkehre mit ihm nach
Möglichkeit gefördert habe.
Falls es Ew. Hochwürden genehm ist, werde ich mich morgen nach
der Schlußfeier, deren Stunde ich aus dem gütigst übersandten
Schulkalender ersehe, mit Frank einfinden, um noch über mehrere
Punkte mir den erfahrenen und umsichtigen Rat Ew. Hochwürden zu
erbitten.“
Mit einem herzlichen ‚Gott sei Dank‘ legte der Rektor das umfangreiche
Schreiben nieder.
[Illustration]
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