24. Kapitel.

Wie zwei Tapfere mit Percy Fersengeld geben müssen.

Donnels und Keenans unerwartete Ankunft und energische Thätigkeit hatte

diese Änderung hervorgebracht. Sie halfen Percy wieder auf die Füße und

sahen sich auf dem Kampfplatze um.

Die drei gefallenen Buben waren indessen schnell aufgesprungen

und liefen jetzt ebenfalls, was sie laufen konnten. Doch stand zu

befürchten, daß die ganze Schar, mit Kracher an der Spitze, nicht

gesonnen sei, vor Zweien das Feld zu räumen. In der That hatte Kracher

auch nur deshalb die Flucht ergriffen, weil er glaubte, es sei ein

größerer Trupp Zöglinge im Anzuge, ein Irrtum, der unsern drei Freunden

nicht lange zu gute kommen konnte.

„Johann,“ sprach Keenan, „das Gescheiteste ist wegzulaufen. Sie sind

im Nu wieder da, und ihre Wut ist dann um so größer. Was sind wir zwei

gegen ihrer zwanzig? Wer weiß, welche Gemeinheiten wir dann zu erwarten

haben.“

„Was? ausreißen? niemals!“ erklärte Donnel. „Mit einem Dutzend nehme

+ich+ es auf, und wenn Du mit den übrigen nicht fertig wirst,

so kannst Du mir in Zukunft gestohlen werden. -- Hör’, da rufen sie

einander zu. -- Kommt nur! Wir können auch liebenswürdig sein, wenn Ihr

es wünscht.“

„Denk’ an Percy, Johann! Für uns beide wäre es ja eine ganz gesunde

Bewegung. Aber Percy ist an diese Sorte Spaß nicht gewöhnt.“

„Er kann ja allein nach Hause laufen. Dann halten wir die Jungen auf,

damit sie ihn nicht verfolgen. Lauf, Percy! Du hast nichts zu fürchten.“

Allein Percy -- der während des ganzen aufgeregten Vorganges, wie er

ja zu thun gewohnt war, fast beständig gebetet hatte -- machte keine

Miene, der Aufforderung zu folgen.

„Nein, ich bleibe bei Euch!“

„Was fällt Dir ein!“ drängte Keenan. „Siehst Du nicht, daß sie schon

Steine aufheben? -- Ah, jetzt merke ich’s. Seine Beine haben wieder

etwas abgekriegt. O diese Beine!“

Percy vermochte es in der That nicht, den Schmerz, den er am Gelenk des

rechten Fußes empfand, ganz zu verbergen.

„Wir müssen laufen!“ sprach Donnel ergeben. „Einer muß ihn wegtragen,

und der andere kann doch nicht allein zurückbleiben.“

Während der letzten Worte hatte er Percy ergriffen und aufgehoben, und

jetzt rannten sie davon, so schnell die Füße sie tragen wollten.

Der Feind hatte diese Wendung der Dinge nicht erwartet, sammelte

sich dann aber um so schneller und lärmender, um den Entweichenden

nachzusetzen. Eine wilde Jagd begann.

Donnel trug seine Bürde mit Leichtigkeit. Allein es war nicht zu

verwundern, daß er trotzdem nicht laufen konnte, als wäre er gar nicht

belastet. Keenan, der sich von Zeit zu Zeit umsah, meldete ihm, der

Haufe ihrer Verfolger komme mit jeder Minute näher.

„Setz’ mich nieder, Donnel!“ bat Percy. „Ich kann ganz gut etwas

laufen. Ich fürchte mich nicht; auch vor einem Steinwurf bin ich nicht

bange. Wenn ich schließlich auch eingeholt würde, so wäre das lange

nicht so schlimm, als wenn Ihr mit in ihre Hände fielet.“

„Ruhig sein, Kleiner!“ sprach Donnel. „Unsere Knochen würden schon

etwas aushalten, aber die Deinen nicht. Meinst Du, um unsertwillen

liefen wir davon?“

„Würdest Du uns denn verlassen,“ fuhr Keenan fort, „wenn wir in Not

wären und Du noch Aussicht hättest uns zu retten? -- Holla, sie sind

uns doch verzweifelt nahe. -- Ah, da hab’ ich einen Gedanken, Johann!

Du kannst mir Percys Beine geben, dann hast Du nur seine obere Hälfte

zu tragen.“

„Herrlich! Percy, wir halbieren Dich. Sorge nur, daß wir Dich nicht

zerreißen, sonst bringen wir Dich in zwei Stücken nach Hause.“

Mit erneuter Eile setzten sie ihre Flucht fort.

Übrigens war es nicht nur für sie das beste gewesen, daß sie sich

zum Rückzuge entschlossen: auch der Betrunkene, der mittlerweile aus

seinem Zustande erwachte, konnte sich unter fremder Hilfe mit dem Kinde

unbehelligt entfernen.

Donnel und Keenan waren indessen auch jetzt, nachdem sie Percy halbiert

hatten, in ihrem Laufe nicht wenig behindert. Deutlich merkten sie, wie

ihnen die Stimmen der Verfolger stetig näher kamen, wenn auch langsamer

als früher. Bald traf ein Stein Keenan unterhalb des Kniees.

„Gut gezielt! Das ist gerade die Stelle, wo mein Bein am zähesten ist.

-- Hallo, Percy, wir sind bald da. In zwei Minuten haben wir schon die

Brücke erreicht. Nicht bange sein! Du bleibst am Leben, um auch später

noch einmal ausreißen zu können.“

„O, ich habe keine Angst,“ versicherte Percy mit seinem gewinnenden

Lächeln, das Auge voll Vertrauen und Dankbarkeit auf seine braven

Retter heftend. „Ich weiß mich in guter Gesellschaft.“

„Georg,“ rief Donnel plötzlich, „sind das nicht zwei Zöglinge dort

vorne jenseits der Brücke?“

Keenans scharfes Auge bestätigte die Vermutung.

„Hurra, Ryan und Zieler!“ rief er.

Ryan und Zieler sind den Lesern der früheren Erzählung schon bekannt.

Gehörten sie doch zu jenen neun Helden, deren sich vor zwei Jahren Tom

Playfair so meisterhaft zu erwehren wußte.

Auch Donnel rief ihnen jetzt aus Leibeskräften zu; allein vergebens,

sie waren noch zu weit.

Da ertönte ein lauter, schriller Pfiff. Percy hatte nämlich ~P.~

Middletons Pfeife als Andenken an sein Prärie-Abenteuer zurückbehalten,

so daß sie jetzt abermals ihm und zweien seiner Freunde zu statten

kommen konnte.

Ryan und Zieler wandten sich um. Mit einem Blick hatten sie die Lage

überschaut und stürmten mit beflügelter Eile heran.

Ihr bloßes Erscheinen war genug. Man sah ihnen schon von ferne an, daß

sie wohl im stande waren, Lektionen zu erteilen, die in keinem Buche

der Welt geschrieben standen. Sobald sie deshalb erkennbar wurden,

ergriff die nachjagende Bubenschaft sofort das Hasenpanier, ohne den

geringsten Versuch der Gegenwehr zu machen.

Besonders Ryan war Ursache ihrer Furcht. Die mächtige, vierschrötige

Gestalt, die erst im Rohbau fertig zu sein schien, und sein bärbeißiges

Gesicht waren allerdings wohl geeignet, auch einem Beherzten Angst

einzuflößen. Ryan hatte, zehn Jahre alt, als ein lebendiges, nicht

gerade lenksames Bürschlein, seinen Einzug in Maurach gehalten und

während der ersten Jahre in beständigem Krieg mit Professoren und

Präfekten gelebt. Nur langsam war es ihm gelungen, die unbändige Kraft

seiner Natur ins rechte Geleise zu bringen. Am schnellsten hatte er

noch die Professoren befriedigt, wenigstens nachdem er das Stillsitzen

in der Klasse in etwa begriffen; Ryan war nämlich bei weitem nicht so

dumm, als er aussah. Seit mehreren Jahren jedoch stand es mit ihm ganz

anders. Ryan galt mit vollem Recht als tadelloser, vertrauenswürdiger

Zögling und wurde von allen Kameraden wegen seiner Gefälligkeit, die

sich hie und da sogar als Gutherzigkeit äußerte, hochgeschätzt und

geliebt. Sein Äußeres ließ allerdings gerade diese Eigenschaften am

wenigsten vermuten. Im Gegenteil, die Rolle von Räuberhauptmännern,

Christenverfolgern und andern Wüterichen war bei den theatralischen

Darstellungen sein gewöhnlicher Anteil, und stets lohnte der beste

Erfolg die geringe, von ihm aufgewandte Mühe.

Auf der Brücke angelangt, machten die Flüchtlinge Halt.

„Am Ende sind doch sie noch davongelaufen, nicht wir,“ sprach Keenan

mit Befriedigung.

Percy hatte gleich eine Dichterstelle zur Hand:

„‚Der bess’re Teil der Tapferkeit ist Vorsicht‘, sagte Falstaff, als er

sich tot gestellt hatte.“

Percy stand zwar, an das Geländer der Brücke gelehnt -- auf dieser

nämlichen Brücke hatte einst Tom Playfair zu mitternächtiger Stunde

sein Heldenstück geliefert -- wieder auf seinen eigenen Beinen. Doch

brauchte es kein scharfes Auge, um zu gewahren, daß er große Schmerzen

empfand.

„Ich habe nun stets gemeint,“ sagte Ryan, als auch er, ein gutes Stück

vor Zieler, auf der Brücke war, „Ihr wäret die friedfertigsten Menschen

von der Welt. Aber jetzt sehe ich Euch im Kriege mit ganz Jung-Maurach!

Was ist denn los gewesen?“

„Percy Wynn hier,“ erklärte Donnel, „hat in seiner Wildheit den Einfall

gehabt, sich auf ihrer zwanzig oder dreißig zu stürzen, um einmal zu

erfahren, was man dabei alles erleben könnte.“

„Ich wollte sie nur bewegen,“ sprach Percy, „einen Knaben, dessen

Bruder ohnmächtig auf der Straße lag, doch nicht zu verspotten. Es ging

mir so zu Herzen, daß ich meinen Unwillen gar nicht mehr zurückhalten

konnte.“

„Jawohl! Wäre Keenan und ich nicht gekommen, um ihn aus der Patsche

zu ziehen, dann hätten sie ihm dafür die Weihnachtstage gründlich

verdorben. Sie wollten ihn gerade Spießruten laufen lassen.“

„Diese Bengel!“ sprach Ryan voll Abscheu. „Percy, Du bist ein Ritter

sonder Furcht und Tadel. -- Aber sieh’ Deine Hand! sie blutet ja.“

„Ich bin einmal niedergefallen; da muß ich diese Wunde erhalten haben.“

„Es ist höchste Zeit, daß Du es merkst.“ Mit diesen Worten zog Ryan

sein Taschentuch hervor, um die blutende rechte Hand zu verbinden.

„Auch Dein Fuß muß verwundet sein. Armer Schelm! Du vermagst Dich ja

kaum aufrecht zu halten. Und Dein Gesicht! Deine Lippen sind dick

aufgeschwollen, als wärest Du ein Negerknabe. Wirklich! Du siehst

noch abscheulicher aus als ich, was viel heißen will. -- Ihr müßt ihn

weitertragen und dem Krankenbruder abliefern. Wenn er nicht gleich mit

Pflastern ordentlich geflickt wird, geht er ganz in Stücke. Donnel,

Dein Gesicht hat übrigens auch einen gehörigen Puff mitbekommen,

wahrhaftig!“

„Den gab mir einer in der ersten Hitze, ehe er noch recht wußte, wen er

vor sich hatte. Dann lief er so schnell als möglich davon.“

Donnels Gesicht war in der That stark aufgeschwollen, und die

Geschwulst schien noch immer zuzunehmen.

„Ryan,“ bemerkte jetzt Percy, „ich bin noch immer wegen des Betrunkenen

und des hilflosen Kindes besorgt. Ich fürchte, die Jungen thun ihnen

noch ein Leid an.“

„Das glaube ich kaum,“ beruhigte ihn Donnel. „Es war ja so nahe bei den

Häusern. Was mich wunderte, war nur, daß nicht schon eher Hilfe kam. Es

muß alles sehr schnell hergegangen sein.“

„Doch um Dich zu trösten,“ nahm jetzt Zieler das Wort, der dem letzten

Teile des Gespräches zugehört hatte, „so wollen Ryan und ich noch

schnell hingehen und uns überzeugen, obgleich unsere Gegenwart kaum

mehr nötig sein wird.“

In der Infirmerie gab der Krankenbruder die tröstliche Versicherung,

Percys Verletzungen seien nicht bedenklich und würden ihn in den

Freuden und Festlichkeiten der Weihnachtstage nicht erheblich stören.

[Illustration]

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Percy Wynn · 第 64 / 77 题