Wie zwei Tapfere mit Percy Fersengeld geben müssen.
Donnels und Keenans unerwartete Ankunft und energische Thätigkeit hatte
diese Änderung hervorgebracht. Sie halfen Percy wieder auf die Füße und
sahen sich auf dem Kampfplatze um.
Die drei gefallenen Buben waren indessen schnell aufgesprungen
und liefen jetzt ebenfalls, was sie laufen konnten. Doch stand zu
befürchten, daß die ganze Schar, mit Kracher an der Spitze, nicht
gesonnen sei, vor Zweien das Feld zu räumen. In der That hatte Kracher
auch nur deshalb die Flucht ergriffen, weil er glaubte, es sei ein
größerer Trupp Zöglinge im Anzuge, ein Irrtum, der unsern drei Freunden
nicht lange zu gute kommen konnte.
„Johann,“ sprach Keenan, „das Gescheiteste ist wegzulaufen. Sie sind
im Nu wieder da, und ihre Wut ist dann um so größer. Was sind wir zwei
gegen ihrer zwanzig? Wer weiß, welche Gemeinheiten wir dann zu erwarten
haben.“
„Was? ausreißen? niemals!“ erklärte Donnel. „Mit einem Dutzend nehme
+ich+ es auf, und wenn Du mit den übrigen nicht fertig wirst,
so kannst Du mir in Zukunft gestohlen werden. -- Hör’, da rufen sie
einander zu. -- Kommt nur! Wir können auch liebenswürdig sein, wenn Ihr
es wünscht.“
„Denk’ an Percy, Johann! Für uns beide wäre es ja eine ganz gesunde
Bewegung. Aber Percy ist an diese Sorte Spaß nicht gewöhnt.“
„Er kann ja allein nach Hause laufen. Dann halten wir die Jungen auf,
damit sie ihn nicht verfolgen. Lauf, Percy! Du hast nichts zu fürchten.“
Allein Percy -- der während des ganzen aufgeregten Vorganges, wie er
ja zu thun gewohnt war, fast beständig gebetet hatte -- machte keine
Miene, der Aufforderung zu folgen.
„Nein, ich bleibe bei Euch!“
„Was fällt Dir ein!“ drängte Keenan. „Siehst Du nicht, daß sie schon
Steine aufheben? -- Ah, jetzt merke ich’s. Seine Beine haben wieder
etwas abgekriegt. O diese Beine!“
Percy vermochte es in der That nicht, den Schmerz, den er am Gelenk des
rechten Fußes empfand, ganz zu verbergen.
„Wir müssen laufen!“ sprach Donnel ergeben. „Einer muß ihn wegtragen,
und der andere kann doch nicht allein zurückbleiben.“
Während der letzten Worte hatte er Percy ergriffen und aufgehoben, und
jetzt rannten sie davon, so schnell die Füße sie tragen wollten.
Der Feind hatte diese Wendung der Dinge nicht erwartet, sammelte
sich dann aber um so schneller und lärmender, um den Entweichenden
nachzusetzen. Eine wilde Jagd begann.
Donnel trug seine Bürde mit Leichtigkeit. Allein es war nicht zu
verwundern, daß er trotzdem nicht laufen konnte, als wäre er gar nicht
belastet. Keenan, der sich von Zeit zu Zeit umsah, meldete ihm, der
Haufe ihrer Verfolger komme mit jeder Minute näher.
„Setz’ mich nieder, Donnel!“ bat Percy. „Ich kann ganz gut etwas
laufen. Ich fürchte mich nicht; auch vor einem Steinwurf bin ich nicht
bange. Wenn ich schließlich auch eingeholt würde, so wäre das lange
nicht so schlimm, als wenn Ihr mit in ihre Hände fielet.“
„Ruhig sein, Kleiner!“ sprach Donnel. „Unsere Knochen würden schon
etwas aushalten, aber die Deinen nicht. Meinst Du, um unsertwillen
liefen wir davon?“
„Würdest Du uns denn verlassen,“ fuhr Keenan fort, „wenn wir in Not
wären und Du noch Aussicht hättest uns zu retten? -- Holla, sie sind
uns doch verzweifelt nahe. -- Ah, da hab’ ich einen Gedanken, Johann!
Du kannst mir Percys Beine geben, dann hast Du nur seine obere Hälfte
zu tragen.“
„Herrlich! Percy, wir halbieren Dich. Sorge nur, daß wir Dich nicht
zerreißen, sonst bringen wir Dich in zwei Stücken nach Hause.“
Mit erneuter Eile setzten sie ihre Flucht fort.
Übrigens war es nicht nur für sie das beste gewesen, daß sie sich
zum Rückzuge entschlossen: auch der Betrunkene, der mittlerweile aus
seinem Zustande erwachte, konnte sich unter fremder Hilfe mit dem Kinde
unbehelligt entfernen.
Donnel und Keenan waren indessen auch jetzt, nachdem sie Percy halbiert
hatten, in ihrem Laufe nicht wenig behindert. Deutlich merkten sie, wie
ihnen die Stimmen der Verfolger stetig näher kamen, wenn auch langsamer
als früher. Bald traf ein Stein Keenan unterhalb des Kniees.
„Gut gezielt! Das ist gerade die Stelle, wo mein Bein am zähesten ist.
-- Hallo, Percy, wir sind bald da. In zwei Minuten haben wir schon die
Brücke erreicht. Nicht bange sein! Du bleibst am Leben, um auch später
noch einmal ausreißen zu können.“
„O, ich habe keine Angst,“ versicherte Percy mit seinem gewinnenden
Lächeln, das Auge voll Vertrauen und Dankbarkeit auf seine braven
Retter heftend. „Ich weiß mich in guter Gesellschaft.“
„Georg,“ rief Donnel plötzlich, „sind das nicht zwei Zöglinge dort
vorne jenseits der Brücke?“
Keenans scharfes Auge bestätigte die Vermutung.
„Hurra, Ryan und Zieler!“ rief er.
Ryan und Zieler sind den Lesern der früheren Erzählung schon bekannt.
Gehörten sie doch zu jenen neun Helden, deren sich vor zwei Jahren Tom
Playfair so meisterhaft zu erwehren wußte.
Auch Donnel rief ihnen jetzt aus Leibeskräften zu; allein vergebens,
sie waren noch zu weit.
Da ertönte ein lauter, schriller Pfiff. Percy hatte nämlich ~P.~
Middletons Pfeife als Andenken an sein Prärie-Abenteuer zurückbehalten,
so daß sie jetzt abermals ihm und zweien seiner Freunde zu statten
kommen konnte.
Ryan und Zieler wandten sich um. Mit einem Blick hatten sie die Lage
überschaut und stürmten mit beflügelter Eile heran.
Ihr bloßes Erscheinen war genug. Man sah ihnen schon von ferne an, daß
sie wohl im stande waren, Lektionen zu erteilen, die in keinem Buche
der Welt geschrieben standen. Sobald sie deshalb erkennbar wurden,
ergriff die nachjagende Bubenschaft sofort das Hasenpanier, ohne den
geringsten Versuch der Gegenwehr zu machen.
Besonders Ryan war Ursache ihrer Furcht. Die mächtige, vierschrötige
Gestalt, die erst im Rohbau fertig zu sein schien, und sein bärbeißiges
Gesicht waren allerdings wohl geeignet, auch einem Beherzten Angst
einzuflößen. Ryan hatte, zehn Jahre alt, als ein lebendiges, nicht
gerade lenksames Bürschlein, seinen Einzug in Maurach gehalten und
während der ersten Jahre in beständigem Krieg mit Professoren und
Präfekten gelebt. Nur langsam war es ihm gelungen, die unbändige Kraft
seiner Natur ins rechte Geleise zu bringen. Am schnellsten hatte er
noch die Professoren befriedigt, wenigstens nachdem er das Stillsitzen
in der Klasse in etwa begriffen; Ryan war nämlich bei weitem nicht so
dumm, als er aussah. Seit mehreren Jahren jedoch stand es mit ihm ganz
anders. Ryan galt mit vollem Recht als tadelloser, vertrauenswürdiger
Zögling und wurde von allen Kameraden wegen seiner Gefälligkeit, die
sich hie und da sogar als Gutherzigkeit äußerte, hochgeschätzt und
geliebt. Sein Äußeres ließ allerdings gerade diese Eigenschaften am
wenigsten vermuten. Im Gegenteil, die Rolle von Räuberhauptmännern,
Christenverfolgern und andern Wüterichen war bei den theatralischen
Darstellungen sein gewöhnlicher Anteil, und stets lohnte der beste
Erfolg die geringe, von ihm aufgewandte Mühe.
Auf der Brücke angelangt, machten die Flüchtlinge Halt.
„Am Ende sind doch sie noch davongelaufen, nicht wir,“ sprach Keenan
mit Befriedigung.
Percy hatte gleich eine Dichterstelle zur Hand:
„‚Der bess’re Teil der Tapferkeit ist Vorsicht‘, sagte Falstaff, als er
sich tot gestellt hatte.“
Percy stand zwar, an das Geländer der Brücke gelehnt -- auf dieser
nämlichen Brücke hatte einst Tom Playfair zu mitternächtiger Stunde
sein Heldenstück geliefert -- wieder auf seinen eigenen Beinen. Doch
brauchte es kein scharfes Auge, um zu gewahren, daß er große Schmerzen
empfand.
„Ich habe nun stets gemeint,“ sagte Ryan, als auch er, ein gutes Stück
vor Zieler, auf der Brücke war, „Ihr wäret die friedfertigsten Menschen
von der Welt. Aber jetzt sehe ich Euch im Kriege mit ganz Jung-Maurach!
Was ist denn los gewesen?“
„Percy Wynn hier,“ erklärte Donnel, „hat in seiner Wildheit den Einfall
gehabt, sich auf ihrer zwanzig oder dreißig zu stürzen, um einmal zu
erfahren, was man dabei alles erleben könnte.“
„Ich wollte sie nur bewegen,“ sprach Percy, „einen Knaben, dessen
Bruder ohnmächtig auf der Straße lag, doch nicht zu verspotten. Es ging
mir so zu Herzen, daß ich meinen Unwillen gar nicht mehr zurückhalten
konnte.“
„Jawohl! Wäre Keenan und ich nicht gekommen, um ihn aus der Patsche
zu ziehen, dann hätten sie ihm dafür die Weihnachtstage gründlich
verdorben. Sie wollten ihn gerade Spießruten laufen lassen.“
„Diese Bengel!“ sprach Ryan voll Abscheu. „Percy, Du bist ein Ritter
sonder Furcht und Tadel. -- Aber sieh’ Deine Hand! sie blutet ja.“
„Ich bin einmal niedergefallen; da muß ich diese Wunde erhalten haben.“
„Es ist höchste Zeit, daß Du es merkst.“ Mit diesen Worten zog Ryan
sein Taschentuch hervor, um die blutende rechte Hand zu verbinden.
„Auch Dein Fuß muß verwundet sein. Armer Schelm! Du vermagst Dich ja
kaum aufrecht zu halten. Und Dein Gesicht! Deine Lippen sind dick
aufgeschwollen, als wärest Du ein Negerknabe. Wirklich! Du siehst
noch abscheulicher aus als ich, was viel heißen will. -- Ihr müßt ihn
weitertragen und dem Krankenbruder abliefern. Wenn er nicht gleich mit
Pflastern ordentlich geflickt wird, geht er ganz in Stücke. Donnel,
Dein Gesicht hat übrigens auch einen gehörigen Puff mitbekommen,
wahrhaftig!“
„Den gab mir einer in der ersten Hitze, ehe er noch recht wußte, wen er
vor sich hatte. Dann lief er so schnell als möglich davon.“
Donnels Gesicht war in der That stark aufgeschwollen, und die
Geschwulst schien noch immer zuzunehmen.
„Ryan,“ bemerkte jetzt Percy, „ich bin noch immer wegen des Betrunkenen
und des hilflosen Kindes besorgt. Ich fürchte, die Jungen thun ihnen
noch ein Leid an.“
„Das glaube ich kaum,“ beruhigte ihn Donnel. „Es war ja so nahe bei den
Häusern. Was mich wunderte, war nur, daß nicht schon eher Hilfe kam. Es
muß alles sehr schnell hergegangen sein.“
„Doch um Dich zu trösten,“ nahm jetzt Zieler das Wort, der dem letzten
Teile des Gespräches zugehört hatte, „so wollen Ryan und ich noch
schnell hingehen und uns überzeugen, obgleich unsere Gegenwart kaum
mehr nötig sein wird.“
In der Infirmerie gab der Krankenbruder die tröstliche Versicherung,
Percys Verletzungen seien nicht bedenklich und würden ihn in den
Freuden und Festlichkeiten der Weihnachtstage nicht erheblich stören.
[Illustration]
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