23. Kapitel.

Auf der Gasse.

An einem hellen Dezembernachmittag sehen wir drei Zöglinge des

Pensionates den Weg zur Stadt antreten. Munter schreiten sie dem kalten

Winde entgegen, der bald ihre Wangen mit einer dunklen Röte bedeckt.

„Nur noch acht Tage!“ sagt Donnel.

„Jawohl,“ erwidert Keenan, „und dann eine ganze Woche Spaß! -- Diese

Nacht wird es wohl gehörig frieren; es ist jetzt schon so kalt, wie

noch nie im ganzen Winter.“

„O, ich hoffe, daß es tüchtig friert!“ sprach Percy, der dritte in dem

fröhlichen Bunde. „Meine Schlittschuhe sind gestern angekommen, und ich

möchte so gern probieren, wie eigentlich das Schlittschuhlaufen geht.“

„Was?“ fragten beide erstaunt, „Du kannst nicht Schlittschuh laufen?“

„Nein,“ antwortete Percy lächelnd; „ich durfte noch nicht mitgehen aufs

Eis.“

„Unbegreiflich!“ sprach Keenan. „Ich sehe nicht ein, was ein Junge im

Winter anfangen soll, wenn er nicht Schlittschuh laufen kann. Aber

tröste Dich, wir wollen Dir nachhelfen.“

„Ich muß gestehen, daß der Winter bis jetzt in der That meine Vorliebe

nicht besessen hat.“

„Kein Wunder!“ lachte Donnel. „Wer nicht einmal Schneebälle drehen,

geschweige denn damit werfen kann, wer weder Schlittschuh läuft noch

Schlitten fährt, wer sich vor jeder Schneeflocke fürchtet, was kann der

vom Winter zu erwarten haben? Ich für meinen Teil ziehe den Winter dem

Sommer bei weitem vor.“

„Wirklich? das hätte ich nicht für möglich gehalten.“

„Und ich thu’ das auch,“ versicherte Keenan.

„Gieb mir den Winter, laß schneien knietief!

Wecke den Nordwind, den kalten, der schlief!

Es decke der See sich mit blankem Kristall!

Und dann ein noch blankeres Paar Schlittschuhe! Hurra! Dann fliegen

wir, daß der Wind in den Haaren zischt, über die tönende Bahn! Das

nenne ich Spaß!“

„Und ich,“ nahm Donnel das Wort, „ich wünsche mir eine Schlittenbahn,

glatt wie aus Diamant und hoch wie ein Berg, mit einem Handschlitten

vom besten Stahl. Dann sollte es hinuntergehen, daß jedem, der es

sieht, das Blut erstarren möchte, und daß ich wie der Blitz noch

dahinschieße, soweit man sehen kann. -- Ich vergesse auch nie, wie ich

einmal mit meinem Vater eine längere Schlittenpartie machte. Besonders

zur Nachtzeit war es unbeschreiblich schön. Die Sterne flimmerten und

funkelten so hell wie nie im Sommer, der Mond goß ein feenhaftes Licht

über die schneeschimmernde Landschaft, jeder Strauch starrte einen

ganz geisterhaft unter seiner Schneekapuze an. Wenn dann der leichte

Schlitten, von flinken Rossen gezogen, unter Schellengeklingel über die

Straße flog -- o, ich sage Euch, das war entzückend.“

Dieses Gespräch zeigte, daß Donnel so gut wie Keenan der Klasse, der

sie angehörten und die nach altem Brauch noch den Namen ‚Poesieklasse‘

trug, alle Ehre machten. Percy war freilich noch kein ‚Poet‘; allein

seine Ideenwelt war nicht minder reich als die seiner älteren Freunde.

„Die Schönheit einer solchen Nacht,“ sprach er, „ist mir auch oft

zum Bewußtsein gekommen. Freilich ist es ein Gedanke anderer Art,

welcher der Winternacht für mich einen besonderen, aber lieblichen

Reiz verleiht, nämlich die Erinnerung an die erste Weihnachtsnacht zu

Bethlehem. Die Sterne erinnern mich dann immer an den Stern, der die

heiligen drei Könige führte.“

„Nicht übel, Percy,“ lobte Donnel. „Das ist auch mir ein sehr lieber

Gedanke; nur kann ich ihn nicht gerade so schön aussprechen wie Du. --

Ich glaube übrigens wirklich, daß unter allen Menschen wir Knaben den

meisten Grund haben, uns auf den Winter zu freuen und den bärbeißigen

Alten mit den Eiszapfen im Bart und dem Nebelatem willkommen zu heißen.

Er bringt uns ja Weihnachten mit all der Liebe und Freude, die wir von

Gott und von unsern guten Eltern nur immer erwarten können.“

„Da fällt mir gerade,“ nahm Keenan das Wort, „die Ode von Horaz ein,

die wir letzte Woche gelesen: ‚~Vides, ut alta stet nive candidum

Soracte.~‘ Das ist gewiß ein schönes Gedicht; ich habe es mit

großem Vergnügen gelesen. Allein von einer Freude am Winter, wie

+wir+ sie uns zu besitzen rühmen, ist doch darin keine Rede.

Hätte Horaz etwas von Christus gewußt, welch herrliche Werke hätte er

schaffen können! Gerade das Winterfest Weihnachten ist ja der schönste

Gegenstand für die Dichtkunst.“

„O,“ rief Percy begeistert, „das sieht man so deutlich an Miltons Hymne

auf Christi Geburt, die ich, obgleich ich sie nicht ganz verstehe, so

gern habe.“

„Nimm Dich in acht, Percy,“ sprach Donnel lachend. „Wenn Du einmal in

unsere Klasse kommst, dann gerätst Du so hoch in die höchste Höhe der

Poesie, daß selbst Dein Professor Dir nicht mehr beikommen kann. Wo

hast Du das alles denn gelernt?“

„Von meinen Schwestern, besonders von Julie, der ältesten. Wenn wir in

der Familie zusammen etwas gelesen hatten, bezeichnete sie mir immer

die Stellen, welche am schönsten wären, und ich lernte sie auswendig.“

„Ich wünschte mir auch etliche Schwestern von der Art,“ meinte Keenan,

„dann wüßte ich mehr.“

„Ich habe zwei Schwestern,“ versetzte Donnel, „aber wenn sechs

erforderlich waren, um aus Dir, Percy, einen solchen Dichterknaben zu

machen, dann wollte ich, ich hätte deren siebenundzwanzig.“

Percy lachte.

„Sechs sind nicht zu verachten, Johann; aber ich fürchte,

siebenundzwanzig wären doch des Guten zu viel.“

Unter ähnlichen muntern Gesprächen hatten sie bald den Ort erreicht und

schritten auf der Hauptstraße voran.

„Jetzt bitte ich, mich zu entschuldigen,“ sprach dann Percy, der

Erlaubnis hatte, ein Paar Handschuhe und einige andere Kleinigkeiten zu

kaufen. „Ich bin schnell fertig und treffe Euch hier wieder.“

„Gut, also bis nachher!“

Percy betrat einen Laden -- in demselben waren außer Handschuhen und

andern Tuchwaren auch Uhren, Mehl, Eier und Pflüge feil, was einen

Schluß auf die Natur des Städtchens erlaubt -- und erstand, was er

wünschte. Allein lange wartete er vergebens auf seine Gefährten. Er

machte sich deshalb schließlich allein auf den Heimweg, immer um sich

schauend, ob sie sich nicht einstellten.

Außerhalb der Stadt, wo die Gebäudereihen der Hauptstraße sich in

vereinzelten Häusern fortsetzten, erblickte er eine Gruppe Knaben,

die alle in der fröhlichsten Stimmung zu sein schienen. Sie umstanden

irgend etwas, das Percy nicht unterscheiden konnte, da es in ihrer

Mitte auf der Erde lag, und das offenbar der Grund ihres Gelächters und

ihrer Freudenrufe war.

Als jedoch Percy näher kam, erkannte er mit Schmerz, daß diese Freude

nichts war als die niedrigste Schadenfreude. Von ihnen umringt lag auf

dem Boden ein feingekleideter junger Mann in bewußtlosem Zustande, mit

einer noch leicht blutenden Wunde am Kopfe. Der Mann war betrunken.

Sein Gesicht zeigte jene geistlosen, stumpfsinnigen Züge, welche die

Folge eines übermäßigen Genusses von geistigen Getränken sind. Sein Hut

lag schmutzig und zerdrückt neben ihm.

Was aber Percys Mitleid noch viel mehr rege machte, war ein weiterer

Umstand. Neben dem Betrunkenen kniete ein wohlgekleideter, hübscher

Knabe von acht oder neun Jahren, in vornehmem Anzuge, die Wangen

entfärbt vor Furcht und Scheu, die thränengefüllten Augen mit dem

Ausdrucke tiefsten Leides auf den Bruder gerichtet. Seine Schulbücher

waren ihm entfallen und lagen zerstreut auf dem Boden umher, ein

Zeichen, daß er eben auf dem Wege von der Schule gewesen. Die

herzlosen, kleinen Zuschauer aber waren seine Mitschüler, vermehrt

durch ein paar junge Stadtbummler.

„Lincoln!“ rief das Kind unter Schluchzen, „steh’ doch auf und geh’ mit

nach Hause!“

„Rüttle ihn mal!“ sprach eine rohe Stimme.

„Er hat ganz gut getrunken,“ höhnte ein anderer.

„Warte ein wenig!“ rief ein Dritter von hinten, „ich komme gleich und

zeige Dir, wie man ihn auftreiben kann.“

Percys Herz brannte vor Entrüstung über diese Gefühllosigkeit. Nicht

mehr wie bisher zu neckendem Scherz, sondern in ernstgemeintem Zorne

ballte sich seine Hand.

Der arme Kleine aber schien von diesem Spotte soviel wie nichts zu

merken. Der Bruder allein nahm sein Denken in Anspruch.

„O Lincoln!“ jammerte er mit zitternder Stimme, „komm’, geh’ doch nach

Hause! Papa würde ja sehr traurig, wenn er Dich wieder so daliegen

sähe.“

„Sprich doch lauter!“ riet einer. „Vielleicht ist er taub.“

„Das ist ein guter Rat,“ sprach ein anderer. „Aber da hinten sehe ich

Kracher kommen; der weiß sicher noch einen bessern.“

Kracher war ein etwas größerer, nicht gerade friedfertig und bescheiden

aussehender Junge, der, wie es gleich den Anschein gewann, unter der

gesamten Bubenschaft dieses Schlages ein bedeutendes Ansehen genoß. Man

ließ ihn sofort wie einen Sachverständigen bis zu dem Betrunkenen und

dem weinenden Knaben durch.

„O, der soll bald nüchtern und wach werden!“ versicherte er

selbstbewußt, bückte sich nieder und wollte die Schultern des Mannes

ergreifen.

Allein da sprang das Kind auf, schaute den ungerufenen Helfer mit

flammendem Blicke an, so daß dieser unwillkürlich in seiner Bewegung

innehielt, und rief halb zornig, halb flehend:

„Laß ihn in Ruhe! Rühre ihn nicht an! Er ist mein Bruder!“

Zugleich gab er ihm einen energischen Stoß.

„Das ist mir egal, wessen Bruder er ist,“ erwiderte Kracher, faßte den

Mann bei den Schultern und rüttelte ihn.

Percy aber vermochte jetzt seinen Unwillen nicht länger zu bemeistern.

Er drang bis zu Kracher durch und herrschte ihn mit erregter Stimme an:

„Schäme Dich, Du gefühlloser Mensch! Wenn Du vor dem Manne keine

Achtung hast, solltest Du doch einem armen, hilflosen Kinde diesen

Schmerz nicht bereiten.“

Kracher, der wie ein Gebieter gewohnt war, jede seiner Handlungen

bewundert und gelobt zu sehen, war bei diesem gänzlich unerwarteten

Widerspruch so überrascht, daß er nicht gleich eine Entgegnung finden

konnte und in den Haufen zurückwich. Auch seine Gesellen, die es

nicht begreifen konnten, wie ein unbekannter, magerer, fast wie ein

Mädchen dreinblickender Knabe gegen Kracher, den Unbezwinglichen,

aufzutreten wagte, bedurften einiger Besinnung, bis sie sich wieder zu

den Scherzen, wie sie in ihrer Art lagen, erschwangen. So kam es, daß

das befreite Kind für kurze Zeit sich unbelästigt seinem Verteidiger

gegenübersah, den es mit stummer Verwunderung und Dankbarkeit anblickte.

Allein diese Frist währte nicht lange; dann begann wieder der Spott,

der sich jetzt, wie zu erwarten stand, mit gesteigerter Heftigkeit

gegen Percy wandte.

„Was für eine zarte Puppe!“ hieß es.

„Geh’ doch nach Hause zu Mama, armes Kindchen!“

„O, ich weiß es. Er ist ein Pensionatsjüngelchen.“

„Hast Du auch Erlaubnis auszugehen?“

Dann trat Held Kracher wieder in die Aktion ein und näherte sich Percy,

der ihn unerschrocken, mit einem Blicke voll edler Entrüstung wie

verurteilend ansah.

„Bist Du noch bei Troste, Du Geck?“

Mit diesen verächtlichen Worten wollte sich Kracher an ihm vorbei

wieder dem Manne und dem Kinde zuwenden, um seine Geringschätzung

gegen Percy um so deutlicher kundzugeben.

Allein Percy vertrat ihm den Weg.

„Ihr handelt gemein!“ rief er. „Es könnte einen Stein erweichen, ein

armes Kind in solcher Lage zu sehen. Und Ihr wollt es noch verhöhnen

und quälen!“

„Gemein?“ wiederholte Kracher. „Sag’ uns das nicht noch einmal!“

„Ja, gemein ist es, gemein!“

„Hört Ihr’s?“ redete jetzt Kracher die Gesellschaft an. „Hört Ihr’s?

Sollen wir uns das gefallen lassen?“

„Er muß Spießruten laufen!“ klang eine Stimme.

„Ja, Spießruten laufen!“ schrie die Bande mit schadenfrohem Vergnügen.

Kracher ergriff Percy und hielt ihn fest, bis die andern sich in zwei

Reihen, die einander das Gesicht zukehrten, aufgestellt hatten.

Von dem Betrunkenen, welcher der ursprüngliche Grund ihrer Ansammlung

gewesen, war die Aufmerksamkeit jetzt völlig abgelenkt.

Der kleine Bruder jedoch beobachtete alles, was vorging, mit großen

Augen. Er wußte sich zwar nicht recht zu erklären, was die Bubenschar

eigentlich vorhabe, erkannte aber so viel, daß es gelte, seinem Retter

Percy ein Leid anzuthun. Er eilte herbei, schlang beide Arme um Percy

und rief, so laut er konnte, um Hilfe. Doch einige der nächsten

Gesellen rissen ihn weg und stießen ihn zurück.

Unterdessen war die Aufstellung vollendet. Kracher brachte also den

wehrlosen Percy an den Anfang dieser Gasse und stieß ihn hinein.

Sofort regnete es Faustschläge und noch viel Schlimmeres auf ihn, so

daß der zarte Knabe, der solche Mißhandlungen kaum dem Namen nach

kannte, schon nach den ersten zwei Schritten niederfiel. Unsanfte Hände

griffen zu, um ihn emporzuziehen. Allein das widerwärtige Schauspiel

fand ein jähes Ende. Denn plötzlich, Percy wußte nicht warum, stob die

ganze Meute auseinander, und drei der sauberen Brüder stürzten, so lang

sie waren, neben Percy zu Boden.

[Illustration]

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Percy Wynn · 第 63 / 77 题