Der schiefe Philipp.
Die Zeit, die uns behandelt wie wir sie, verging unsern jungen Freunden
schnell und angenehm. Ein ununterbrochener Wechsel von Arbeit und Spiel
entwickelte Geist und Körper. Nicht wenige Tage waren verstrichen ohne
jede, auch die geringste Störung des allgemeinen Wohlbehagens.
Kenny gehörte jetzt zu den eifrigsten Zöglingen. Mit seinen früheren
Genossen hatte er keine Gemeinschaft mehr. Er hielt sich dafür zu den
Besseren und genoß namentlich den Umgang von Playfair, Quip, Wynn und
andern im gleichen Rufe stehenden Zöglingen.
Kennys Entwickelung war eine sehr allseitige, und besonders hatte er
erstaunlich viel gelesen. Darin lag jedoch zugleich die Wurzel von
manchen seiner Untugenden. Unberaten und unbeaufsichtigt war er bloß
seiner Neigung gefolgt und hatte an die Bücher, die er kaufte, keine
andere Anforderung gestellt, als daß sie recht billig und dann entweder
recht schauerlich oder recht lustig seien.
Nun brachte er einmal zu ~P.~ Middleton ein solches billiges, kaum
eingebundenes Buch, das er noch heimlich ins Pensionat eingeschleppt
hatte, und fragte ihn, ob dasselbe eine geeignete Lesung sei.
„Ich habe es früher gelesen und finde nichts Arges darin,“ fügte er
ehrlich bei. „Allein seit den letzten Erlebnissen glaube ich auch in
diesem Punkte meinem Urteile nicht recht trauen zu dürfen.“
„Gut, Kenny. Ich bemerke mit Freuden, wie ernst Du jetzt Dinge nimmst,
die Du früher kaum beachtet hast. Dein Zweifel ist höchstwahrscheinlich
begründet. Dem Äußern nach zu schließen ist dieses Buch eines von
jenen, die bloß um des Geldes willen gedruckt werden, ohne Rücksicht
darauf, ob sie den guten Sitten schädlich sind oder nicht. Ich fürchte,
es ist viel gefährlicher, als Du glaubst. Aber ich will es lesen und
Dir dann sagen, ob ich mich täusche.“
Das Buch erzählte die Abenteuer eines Studierenden von sechzehn Jahren,
der wegen seiner Gestalt „der schiefe Philipp“ genannt wurde. Die
Sprache war keineswegs schlecht. Der schiefe Philipp stellte sich
dar als eine Art „Richard ohne Furcht,“ dabei witzig, erfinderisch,
unternehmend, trotz seiner Gestalt ein geschickter Spieler, kurz mit
allem ausgerüstet, was ihm die Begeisterung junger Leser erwerben
konnte.
Am folgenden Tage sprach ~P.~ Middleton in der Klasse um die Mitte
der letzten Stunde:
„Jetzt will ich Euch ein kurzes Geschichtchen vorlesen.“
Ein leises, unterdrücktes ‚Ah‘ der Freude war die Wirkung dieser
Worte. Die Gesichter leuchteten und wehe dem Unglücklichen, der sich
vergessen sollte, zu husten oder eine Feder fallen zu lassen.
~P.~ Middleton las dann ein Kapitel jenes Buches, das ihm Kenny
zur Prüfung übergeben hatte. Die Schule, welcher Philipp angehörte,
wollte ihren jährlichen Ausflug halten. Einer der Professoren, der
wegen seiner mangelhaften Aussprache der gesamten Bubenschar, besonders
aber dem schiefen Philipp, als Zielscheibe des Spottes dienen mußte,
hatte sich verlauten lassen, er wolle dieses Jahr auch einmal daran
teilnehmen; weil er aber zu alt sei, um zu Fuße zu gehen, wolle er
reiten. Nun hatte der schiefe Philipp in Erfahrung gebracht, daß der
Professor überhaupt gar nichts vom Reiten verstehe. Er ging deshalb zu
ihm hin und erbot sich, ihm ein sanftes, lenksames Tier zu verschaffen.
Der Professor ließ sich bethören und erhielt, wie sich erwarten läßt,
ein Pferd, das zwar dem Anscheine nach lammfromm war, sich aber bald
als die störrischste, widerhaarigste Mähre herausstellte. Dann fehlte
es natürlich nicht an ergötzlichen Vorfällen, und der arme Professor
mußte sich glücklich schätzen, daß er mit heiler Haut und gesunden
Gliedern davonkam.
~P.~ Middletons Schüler zeigten eine unverhohlene Freude. Einige
lachten laut und herzlich. Percy Wynn war der einzige, der unangenehm
berührt schien.
„Ihr lacht?“ sprach der Lehrer mit ernster Miene, indem er das Buch
niederlegte; „worüber lacht Ihr denn?“
Das Lächeln, jeder Ausdruck des Vergnügens erstarb auf den Gesichtern.
„Noch einmal, worüber habt Ihr gelacht? Ihr werdet doch einen Grund
gehabt haben. Ihr lacht nicht bei den unregelmäßigen Verben; Ihr lacht
nicht, wenn wir Brüche dividieren. Weshalb habt Ihr also jetzt gelacht?“
„Wir lachen, Pater,“ erwiderte Harry Quip, der selten lange um eine
Antwort verlegen war, „weil die Geschichte so lustig erzählt ist.“
„Gut. Du hast doch wenigstens einen Grund. Es scheint Dir also, daß die
Geschichte lustig erzählt ist. Jetzt aber weiter! Ist die Geschichte
denn an sich auch lustig?“
Gedankenvoll runzelte sich manche junge Stirn; das war eine schwere
Frage.
Da streckte Percy die Hand empor.
„Was meinst Du, Wynn?“
„Die Geschichte ist an sich gar nicht lustig, sie hat nur den Anschein
des Lustigen, und zwar weil sie so geschickt erzählt ist.“
„Ganz gut, Wynn. An sich ist die Geschichte eher eine traurige. Ich
will Euch sagen, worüber Ihr gelacht habt, aber mit den eigentlichen
Worten; ich will Euch, wie man sich auszudrücken pflegt, das Kind mit
dem rechten Namen nennen: Ihr habt gelacht über die Lümmelei eines
Erzlümmels.“
Bestürzt sahen die Schüler einander an.
„Ihr braucht aber nicht zu fürchten, ich wäre deshalb mit Euch
unzufrieden. Ihr seid noch zu jung, um den Unwert, ja die Bosheit
dieser Geschichte gleich beim ersten Hören zu durchschauen. Die
anziehende Darstellung mußte Euch irreführen.“
Kenny, der kein Wort des Paters verloren hatte, erhob jetzt seine Hand.
„Zeigen Sie uns doch im einzelnen, Pater, warum diese Erzählung so
schlecht ist. Ich sehe es dunkel ein, wäre aber nicht im stande, mir
darüber Rechenschaft zu geben.“
„Sehr gern, Kenny. -- Jedermann lacht, und lacht mit Grund, wenn einem
andern ein guter Streich gespielt wird. Ich sage ein +guter+
Streich; das setzt nämlich voraus, daß keine unrechten Mittel dabei zur
Verwendung kommen, und daß dem Angeführten um des Scherzes willen kein
eigentlicher Schaden an Ehre und Vermögen, an Leib und Seele erwächst.
Betrachten wir nun unsere Geschichte. Sie berichtet keineswegs einen
unschuldigen Scherz, der dem Professor gespielt wird. Der schiefe
Philipp bietet sich an, dem Professor ein sehr zahmes Pferd zu
verschaffen, obgleich er den Willen hat, das gerade Gegenteil zu thun:
er lügt. Das Mittel also, das den ganzen Streich ermöglicht, ist eine
Sünde. Und erst was für eine Sünde! Ihr wißt zwar, daß die Lüge, wie
häßlich sie auch ist, doch an sich keine schwere Sünde ausmacht. Sie
kann aber eine Todsünde werden. Und das geschieht hier. Skipper, was
hat jemand zu befürchten, der ohne die einfachsten Kenntnisse im Reiten
ein heimtückisches, wildes, unlenksames Roß besteigt?“
„Es ist nicht unmöglich, daß ihn der erste Ritt das Leben kostet.“
„Was meinst Du, Wynn?“
„O mein Gott, ich wage gar nicht, daran zu denken.“
„Und Du, Playfair?“
„Wenn er mit dem Leben davonkommt, darf er von Glück sagen; zum
mindesten wird er wohl Arm oder Bein oder ein paar Rippen brechen.“
„Sehr richtig -- oder sich eine schwere +innere+ Verletzung
zuziehen, was oft viel schlimmer ist als ein Beinbruch. Nun bleibt
zwar der Professor von ernsteren Unfällen verschont; allein das
ist nicht Philipps Verdienst. Seine Lüge ist einzig nach dem zu
beurteilen, was er, +der alt genug war+, voraussah. Wer einen
Streich spielen will, darf die Verhütung schweren Unglücks nicht dem
blinden Zufall überlassen. Philipps leichtfertige Lüge bringt also den
arglosen Mann in die höchste Gefahr. Darum ist sie hier eine Todsünde,
verdammenswerter, als mancher Diebstahl, der mit hartem Zuchthaus
gebüßt wird. -- Ich glaube, jetzt, da Ihr dieses einseht, wäret Ihr
nicht mehr im stande, über die Geschichte zu lachen. -- Der schiefe
Philipp soll ein Held sein. Gott urteilt ganz anders über ihn; nach
Gottes Urteil ist er ein Verbrecher, und seine Heldenthat hat ihm die
Hölle verdient. -- Nicht wahr?“ fügte ~P.~ Middleton lächelnd bei,
„Ihr habt nicht gewußt, was Ihr thatet.“
Erstaunt, fast entrüstet über sich selbst und doch wieder sichtlich
erfreut über die gewonnene Kenntnis sah die Klasse zu ihrem Lehrer auf.
„Wie war es nur möglich, Pater,“ fragte Quip, „daß wir so dumm sein
konnten?“
„Sehr einfach. Der Erzähler versteht es, die Aufmerksamkeit des Lesers
von der Bosheit abzulenken. Jedermann ist unwillkürlich geneigt, beim
Lesen alles so anzusehen wie der Schriftsteller selbst, und das um so
mehr, je mehr seine ganze Sprechart uns gefällt und uns fesselt. Unser
Erzähler thut nun gleich, als wäre Philipps Lüge nicht im mindesten
tadelnswert. Jeder Leser, der noch nicht gelernt hat, stets auf seiner
Hut zu sein, wird dadurch verleitet, in derselben nichts Schlimmes zu
erblicken. Besonders verführerisch ist auch der gute Ausgang. Euer
Lachen würde sicher gleich verstummt sein, wenn erzählt worden wäre,
der Getäuschte hätte wirklich den Tod gefunden. Da hätte sich die ganze
Roheit und Sündhaftigkeit sogleich geoffenbart. Anstatt den Helden zu
bewundern, würde jeder Edeldenkende den Verunglückten bemitleiden und
dem gewissenlosen Urheber zürnen. Jetzt dagegen sieht man beim ersten
flüchtigen Blick bloß eine Reihe Vorfälle, die man lächerlich findet.
Man vergißt aber die Lüge und den sündhaften Leichtsinn, welche der
ganzen Sache zugrunde liegen, ja ohne es zu merken lacht man auch über
sie -- über eine Sünde.
Ich habe aber noch eine andere Frage. Angenommen, der schiefe
Philipp brächte es fertig, den Professor in ganz ähnliche, aber
völlig ungefährliche Lagen zu bringen. Wäre er dann von aller Schuld
freizusprechen?“
Einige Antworten lauteten bejahend, andere zweifelnd. Percy Wynn
verneinte es.
„Aber warum nicht?“
Das wußte auch Percy nicht zu sagen.
„Gut, ich will Euch helfen. Ihr kennt das vierte Gebot. Whyte, wer hat
aber an der Ehre und Liebe, die wir den Eltern schulden, Anteil?“
„Die Lehrer und alle, welche die Stelle der Eltern vertreten, auch die
geistliche und die weltliche Obrigkeit.“
Jetzt blitzte es auf mehreren Gesichtern.
„Nun? -- Hodder!“
„Es war auch deshalb sündhaft, weil Philipp seinen Lehrer verspottete.
Denn der Professor hatte ein Recht auf die Ehre all seiner Schüler, den
schiefen Philipp nicht ausgenommen.“
„Aber Du hast doch wohl gehört, daß der Professor so schlecht sprach
und überhaupt manche Sonderbarkeiten an sich hatte.“
„Das ist kein Grund, ihm die Ehre zu versagen; denn er bleibt doch
immer noch der Stellvertreter der Eltern, den man ehren muß.“
„Sehr gut, Hodder. Man würde es ja nicht tadeln, wenn der schiefe
Philipp einen Gleichgestellten etwas hänselte. Allein dem Lehrer
gegenüber ist dies eine kränkende Beschimpfung, um so kränkender,
da Philipp auch seine Mitschüler zu der gleichen Roheit und Sünde
verleitet.
Jetzt seht Ihr die Doppelsünde, die hier unter den heiteren Blumen
von Fröhlichkeit und Scherz verborgen liegt. Wehe dem Leser, der ihr
geheimes Gift nicht erkennt. Langsam, unmerklich, aber ganz sicher wird
es wirken. Ohne sich bewußt zu werden wird der Leser nach und nach
Lüge, Verachtung der Vorgesetzten und bodenlosen Leichtsinn als gut, ja
als witzig und heldenhaft betrachten, wenn es ihn nur zum Lachen reizt.
Zwar kommt das Verderben nicht gerade immer mit einem einzigen Buche,
obgleich es nicht an solchen fehlt, deren einmaliges Lesen unschuldige
Herzen für immer verdorben hat. Manche töten nicht so schnell. Bei
Zeiten gewarnt, kann sich ein Knabe durch Folgsamkeit ihrer bösen
Wirkung entziehen. Allein einer fortgesetzten Lektüre solcher Bücher
wird auch die stärkste Tugend auf die Dauer nicht widerstehen.
Noch eines wird Euch jetzt klar geworden sein, daß es nämlich oft einer
bedeutenden Reife des Geistes, einer großen Selbständigkeit bedarf, um
das Verderbliche eines Buches mit Sicherheit zu entdecken.“
Pater Middletons Worte waren von durchschlagender Wirkung. Mehrere
seiner Schüler, die sich bis dahin heimlich der Lektüre von anrüchigen
Zehn-Cent-Geschichten hingegeben, wandten sich mit Abscheu von
denselben weg. In die ganze Klasse fuhr ein Eifer für gute Bücher
und für Verbreitung derselben unter den Mitzöglingen. Percy erwarb
sich hierbei eigentliche Verdienste. Wie Kenny besaß er eine weit
ausgedehnte Belesenheit, hatte jedoch das Glück gehabt, daß eine
umsichtige, fromme und gebildete Mutter seine Bücher aufs sorgfältigste
auswählte. Zugleich hatte ein vortrefflicher Privatlehrer durch
gediegene Unterweisung seinen Geschmack und sein Urteil zu einer frühen
Reife geführt, so daß er mit größerer Sicherheit das Gute und Edle vom
Minderwertigen und Verwerflichen unterschied.
Unterdessen verwandelt sich unser Freund immer mehr in einen rechten
Jungen. Fester und frischer blicken die blauen Augen aus dem
unschuldigen Antlitz, das, noch ebenso anmutig und edel wie beim
Beginne des Schuljahres, jetzt auch in der Rosenfarbe blühender
Gesundheit prangt. Seine ganze Erscheinung ist voller und stärker
geworden. Die viele Bewegung in frischer, freier Luft hat ihn
gekräftigt und kräftigt ihn noch. Und seine Hände! ah, Tom Playfair
wird sich wohl bedenken, ihn noch einmal auf seinen Arm schlagen zu
lassen.
Ruhig verflossen noch die Wochen bis Weihnachten. Allein dieses Fest
sollte nicht ohne besondere Ereignisse vorübergehen, Ereignisse, die
Percys Entwickelung wesentlich fördern halfen.
Wir haben gesehen, wie Percy das Allermädchenhafteste, das er nach
Maurach mitbrachte, schnell abstreifte. Er hat den Beweis geliefert,
daß er Großmut und Opfersinn in mehr als hinreichendem Maße besitzt,
um den Anforderungen, die das Leben an den Christen stellt, vollauf
zu entsprechen. Allein seine Nächstenliebe erscheint doch noch mehr
als eine rein persönliche: den Freunden, die ihm wohlgethan, gilt
in Dankbarkeit seine heldenmütige That. Sein Gesichtskreis muß sich
erweitern. Die Religion, in deren Schoße er erzogen ist, auf deren
geheiligtem Boden all seine Grundsätze und Anschauungen wurzeln,
hat ihn schon mit der geistigen Sehkraft begabt, welche genügt, um
eine Welt zu umspannen, und die sich entfalten wird, sobald sich die
Gelegenheit dafür bietet.
[Illustration]
[Illustration]