22. Kapitel.

Der schiefe Philipp.

Die Zeit, die uns behandelt wie wir sie, verging unsern jungen Freunden

schnell und angenehm. Ein ununterbrochener Wechsel von Arbeit und Spiel

entwickelte Geist und Körper. Nicht wenige Tage waren verstrichen ohne

jede, auch die geringste Störung des allgemeinen Wohlbehagens.

Kenny gehörte jetzt zu den eifrigsten Zöglingen. Mit seinen früheren

Genossen hatte er keine Gemeinschaft mehr. Er hielt sich dafür zu den

Besseren und genoß namentlich den Umgang von Playfair, Quip, Wynn und

andern im gleichen Rufe stehenden Zöglingen.

Kennys Entwickelung war eine sehr allseitige, und besonders hatte er

erstaunlich viel gelesen. Darin lag jedoch zugleich die Wurzel von

manchen seiner Untugenden. Unberaten und unbeaufsichtigt war er bloß

seiner Neigung gefolgt und hatte an die Bücher, die er kaufte, keine

andere Anforderung gestellt, als daß sie recht billig und dann entweder

recht schauerlich oder recht lustig seien.

Nun brachte er einmal zu ~P.~ Middleton ein solches billiges, kaum

eingebundenes Buch, das er noch heimlich ins Pensionat eingeschleppt

hatte, und fragte ihn, ob dasselbe eine geeignete Lesung sei.

„Ich habe es früher gelesen und finde nichts Arges darin,“ fügte er

ehrlich bei. „Allein seit den letzten Erlebnissen glaube ich auch in

diesem Punkte meinem Urteile nicht recht trauen zu dürfen.“

„Gut, Kenny. Ich bemerke mit Freuden, wie ernst Du jetzt Dinge nimmst,

die Du früher kaum beachtet hast. Dein Zweifel ist höchstwahrscheinlich

begründet. Dem Äußern nach zu schließen ist dieses Buch eines von

jenen, die bloß um des Geldes willen gedruckt werden, ohne Rücksicht

darauf, ob sie den guten Sitten schädlich sind oder nicht. Ich fürchte,

es ist viel gefährlicher, als Du glaubst. Aber ich will es lesen und

Dir dann sagen, ob ich mich täusche.“

Das Buch erzählte die Abenteuer eines Studierenden von sechzehn Jahren,

der wegen seiner Gestalt „der schiefe Philipp“ genannt wurde. Die

Sprache war keineswegs schlecht. Der schiefe Philipp stellte sich

dar als eine Art „Richard ohne Furcht,“ dabei witzig, erfinderisch,

unternehmend, trotz seiner Gestalt ein geschickter Spieler, kurz mit

allem ausgerüstet, was ihm die Begeisterung junger Leser erwerben

konnte.

Am folgenden Tage sprach ~P.~ Middleton in der Klasse um die Mitte

der letzten Stunde:

„Jetzt will ich Euch ein kurzes Geschichtchen vorlesen.“

Ein leises, unterdrücktes ‚Ah‘ der Freude war die Wirkung dieser

Worte. Die Gesichter leuchteten und wehe dem Unglücklichen, der sich

vergessen sollte, zu husten oder eine Feder fallen zu lassen.

~P.~ Middleton las dann ein Kapitel jenes Buches, das ihm Kenny

zur Prüfung übergeben hatte. Die Schule, welcher Philipp angehörte,

wollte ihren jährlichen Ausflug halten. Einer der Professoren, der

wegen seiner mangelhaften Aussprache der gesamten Bubenschar, besonders

aber dem schiefen Philipp, als Zielscheibe des Spottes dienen mußte,

hatte sich verlauten lassen, er wolle dieses Jahr auch einmal daran

teilnehmen; weil er aber zu alt sei, um zu Fuße zu gehen, wolle er

reiten. Nun hatte der schiefe Philipp in Erfahrung gebracht, daß der

Professor überhaupt gar nichts vom Reiten verstehe. Er ging deshalb zu

ihm hin und erbot sich, ihm ein sanftes, lenksames Tier zu verschaffen.

Der Professor ließ sich bethören und erhielt, wie sich erwarten läßt,

ein Pferd, das zwar dem Anscheine nach lammfromm war, sich aber bald

als die störrischste, widerhaarigste Mähre herausstellte. Dann fehlte

es natürlich nicht an ergötzlichen Vorfällen, und der arme Professor

mußte sich glücklich schätzen, daß er mit heiler Haut und gesunden

Gliedern davonkam.

~P.~ Middletons Schüler zeigten eine unverhohlene Freude. Einige

lachten laut und herzlich. Percy Wynn war der einzige, der unangenehm

berührt schien.

„Ihr lacht?“ sprach der Lehrer mit ernster Miene, indem er das Buch

niederlegte; „worüber lacht Ihr denn?“

Das Lächeln, jeder Ausdruck des Vergnügens erstarb auf den Gesichtern.

„Noch einmal, worüber habt Ihr gelacht? Ihr werdet doch einen Grund

gehabt haben. Ihr lacht nicht bei den unregelmäßigen Verben; Ihr lacht

nicht, wenn wir Brüche dividieren. Weshalb habt Ihr also jetzt gelacht?“

„Wir lachen, Pater,“ erwiderte Harry Quip, der selten lange um eine

Antwort verlegen war, „weil die Geschichte so lustig erzählt ist.“

„Gut. Du hast doch wenigstens einen Grund. Es scheint Dir also, daß die

Geschichte lustig erzählt ist. Jetzt aber weiter! Ist die Geschichte

denn an sich auch lustig?“

Gedankenvoll runzelte sich manche junge Stirn; das war eine schwere

Frage.

Da streckte Percy die Hand empor.

„Was meinst Du, Wynn?“

„Die Geschichte ist an sich gar nicht lustig, sie hat nur den Anschein

des Lustigen, und zwar weil sie so geschickt erzählt ist.“

„Ganz gut, Wynn. An sich ist die Geschichte eher eine traurige. Ich

will Euch sagen, worüber Ihr gelacht habt, aber mit den eigentlichen

Worten; ich will Euch, wie man sich auszudrücken pflegt, das Kind mit

dem rechten Namen nennen: Ihr habt gelacht über die Lümmelei eines

Erzlümmels.“

Bestürzt sahen die Schüler einander an.

„Ihr braucht aber nicht zu fürchten, ich wäre deshalb mit Euch

unzufrieden. Ihr seid noch zu jung, um den Unwert, ja die Bosheit

dieser Geschichte gleich beim ersten Hören zu durchschauen. Die

anziehende Darstellung mußte Euch irreführen.“

Kenny, der kein Wort des Paters verloren hatte, erhob jetzt seine Hand.

„Zeigen Sie uns doch im einzelnen, Pater, warum diese Erzählung so

schlecht ist. Ich sehe es dunkel ein, wäre aber nicht im stande, mir

darüber Rechenschaft zu geben.“

„Sehr gern, Kenny. -- Jedermann lacht, und lacht mit Grund, wenn einem

andern ein guter Streich gespielt wird. Ich sage ein +guter+

Streich; das setzt nämlich voraus, daß keine unrechten Mittel dabei zur

Verwendung kommen, und daß dem Angeführten um des Scherzes willen kein

eigentlicher Schaden an Ehre und Vermögen, an Leib und Seele erwächst.

Betrachten wir nun unsere Geschichte. Sie berichtet keineswegs einen

unschuldigen Scherz, der dem Professor gespielt wird. Der schiefe

Philipp bietet sich an, dem Professor ein sehr zahmes Pferd zu

verschaffen, obgleich er den Willen hat, das gerade Gegenteil zu thun:

er lügt. Das Mittel also, das den ganzen Streich ermöglicht, ist eine

Sünde. Und erst was für eine Sünde! Ihr wißt zwar, daß die Lüge, wie

häßlich sie auch ist, doch an sich keine schwere Sünde ausmacht. Sie

kann aber eine Todsünde werden. Und das geschieht hier. Skipper, was

hat jemand zu befürchten, der ohne die einfachsten Kenntnisse im Reiten

ein heimtückisches, wildes, unlenksames Roß besteigt?“

„Es ist nicht unmöglich, daß ihn der erste Ritt das Leben kostet.“

„Was meinst Du, Wynn?“

„O mein Gott, ich wage gar nicht, daran zu denken.“

„Und Du, Playfair?“

„Wenn er mit dem Leben davonkommt, darf er von Glück sagen; zum

mindesten wird er wohl Arm oder Bein oder ein paar Rippen brechen.“

„Sehr richtig -- oder sich eine schwere +innere+ Verletzung

zuziehen, was oft viel schlimmer ist als ein Beinbruch. Nun bleibt

zwar der Professor von ernsteren Unfällen verschont; allein das

ist nicht Philipps Verdienst. Seine Lüge ist einzig nach dem zu

beurteilen, was er, +der alt genug war+, voraussah. Wer einen

Streich spielen will, darf die Verhütung schweren Unglücks nicht dem

blinden Zufall überlassen. Philipps leichtfertige Lüge bringt also den

arglosen Mann in die höchste Gefahr. Darum ist sie hier eine Todsünde,

verdammenswerter, als mancher Diebstahl, der mit hartem Zuchthaus

gebüßt wird. -- Ich glaube, jetzt, da Ihr dieses einseht, wäret Ihr

nicht mehr im stande, über die Geschichte zu lachen. -- Der schiefe

Philipp soll ein Held sein. Gott urteilt ganz anders über ihn; nach

Gottes Urteil ist er ein Verbrecher, und seine Heldenthat hat ihm die

Hölle verdient. -- Nicht wahr?“ fügte ~P.~ Middleton lächelnd bei,

„Ihr habt nicht gewußt, was Ihr thatet.“

Erstaunt, fast entrüstet über sich selbst und doch wieder sichtlich

erfreut über die gewonnene Kenntnis sah die Klasse zu ihrem Lehrer auf.

„Wie war es nur möglich, Pater,“ fragte Quip, „daß wir so dumm sein

konnten?“

„Sehr einfach. Der Erzähler versteht es, die Aufmerksamkeit des Lesers

von der Bosheit abzulenken. Jedermann ist unwillkürlich geneigt, beim

Lesen alles so anzusehen wie der Schriftsteller selbst, und das um so

mehr, je mehr seine ganze Sprechart uns gefällt und uns fesselt. Unser

Erzähler thut nun gleich, als wäre Philipps Lüge nicht im mindesten

tadelnswert. Jeder Leser, der noch nicht gelernt hat, stets auf seiner

Hut zu sein, wird dadurch verleitet, in derselben nichts Schlimmes zu

erblicken. Besonders verführerisch ist auch der gute Ausgang. Euer

Lachen würde sicher gleich verstummt sein, wenn erzählt worden wäre,

der Getäuschte hätte wirklich den Tod gefunden. Da hätte sich die ganze

Roheit und Sündhaftigkeit sogleich geoffenbart. Anstatt den Helden zu

bewundern, würde jeder Edeldenkende den Verunglückten bemitleiden und

dem gewissenlosen Urheber zürnen. Jetzt dagegen sieht man beim ersten

flüchtigen Blick bloß eine Reihe Vorfälle, die man lächerlich findet.

Man vergißt aber die Lüge und den sündhaften Leichtsinn, welche der

ganzen Sache zugrunde liegen, ja ohne es zu merken lacht man auch über

sie -- über eine Sünde.

Ich habe aber noch eine andere Frage. Angenommen, der schiefe

Philipp brächte es fertig, den Professor in ganz ähnliche, aber

völlig ungefährliche Lagen zu bringen. Wäre er dann von aller Schuld

freizusprechen?“

Einige Antworten lauteten bejahend, andere zweifelnd. Percy Wynn

verneinte es.

„Aber warum nicht?“

Das wußte auch Percy nicht zu sagen.

„Gut, ich will Euch helfen. Ihr kennt das vierte Gebot. Whyte, wer hat

aber an der Ehre und Liebe, die wir den Eltern schulden, Anteil?“

„Die Lehrer und alle, welche die Stelle der Eltern vertreten, auch die

geistliche und die weltliche Obrigkeit.“

Jetzt blitzte es auf mehreren Gesichtern.

„Nun? -- Hodder!“

„Es war auch deshalb sündhaft, weil Philipp seinen Lehrer verspottete.

Denn der Professor hatte ein Recht auf die Ehre all seiner Schüler, den

schiefen Philipp nicht ausgenommen.“

„Aber Du hast doch wohl gehört, daß der Professor so schlecht sprach

und überhaupt manche Sonderbarkeiten an sich hatte.“

„Das ist kein Grund, ihm die Ehre zu versagen; denn er bleibt doch

immer noch der Stellvertreter der Eltern, den man ehren muß.“

„Sehr gut, Hodder. Man würde es ja nicht tadeln, wenn der schiefe

Philipp einen Gleichgestellten etwas hänselte. Allein dem Lehrer

gegenüber ist dies eine kränkende Beschimpfung, um so kränkender,

da Philipp auch seine Mitschüler zu der gleichen Roheit und Sünde

verleitet.

Jetzt seht Ihr die Doppelsünde, die hier unter den heiteren Blumen

von Fröhlichkeit und Scherz verborgen liegt. Wehe dem Leser, der ihr

geheimes Gift nicht erkennt. Langsam, unmerklich, aber ganz sicher wird

es wirken. Ohne sich bewußt zu werden wird der Leser nach und nach

Lüge, Verachtung der Vorgesetzten und bodenlosen Leichtsinn als gut, ja

als witzig und heldenhaft betrachten, wenn es ihn nur zum Lachen reizt.

Zwar kommt das Verderben nicht gerade immer mit einem einzigen Buche,

obgleich es nicht an solchen fehlt, deren einmaliges Lesen unschuldige

Herzen für immer verdorben hat. Manche töten nicht so schnell. Bei

Zeiten gewarnt, kann sich ein Knabe durch Folgsamkeit ihrer bösen

Wirkung entziehen. Allein einer fortgesetzten Lektüre solcher Bücher

wird auch die stärkste Tugend auf die Dauer nicht widerstehen.

Noch eines wird Euch jetzt klar geworden sein, daß es nämlich oft einer

bedeutenden Reife des Geistes, einer großen Selbständigkeit bedarf, um

das Verderbliche eines Buches mit Sicherheit zu entdecken.“

Pater Middletons Worte waren von durchschlagender Wirkung. Mehrere

seiner Schüler, die sich bis dahin heimlich der Lektüre von anrüchigen

Zehn-Cent-Geschichten hingegeben, wandten sich mit Abscheu von

denselben weg. In die ganze Klasse fuhr ein Eifer für gute Bücher

und für Verbreitung derselben unter den Mitzöglingen. Percy erwarb

sich hierbei eigentliche Verdienste. Wie Kenny besaß er eine weit

ausgedehnte Belesenheit, hatte jedoch das Glück gehabt, daß eine

umsichtige, fromme und gebildete Mutter seine Bücher aufs sorgfältigste

auswählte. Zugleich hatte ein vortrefflicher Privatlehrer durch

gediegene Unterweisung seinen Geschmack und sein Urteil zu einer frühen

Reife geführt, so daß er mit größerer Sicherheit das Gute und Edle vom

Minderwertigen und Verwerflichen unterschied.

Unterdessen verwandelt sich unser Freund immer mehr in einen rechten

Jungen. Fester und frischer blicken die blauen Augen aus dem

unschuldigen Antlitz, das, noch ebenso anmutig und edel wie beim

Beginne des Schuljahres, jetzt auch in der Rosenfarbe blühender

Gesundheit prangt. Seine ganze Erscheinung ist voller und stärker

geworden. Die viele Bewegung in frischer, freier Luft hat ihn

gekräftigt und kräftigt ihn noch. Und seine Hände! ah, Tom Playfair

wird sich wohl bedenken, ihn noch einmal auf seinen Arm schlagen zu

lassen.

Ruhig verflossen noch die Wochen bis Weihnachten. Allein dieses Fest

sollte nicht ohne besondere Ereignisse vorübergehen, Ereignisse, die

Percys Entwickelung wesentlich fördern halfen.

Wir haben gesehen, wie Percy das Allermädchenhafteste, das er nach

Maurach mitbrachte, schnell abstreifte. Er hat den Beweis geliefert,

daß er Großmut und Opfersinn in mehr als hinreichendem Maße besitzt,

um den Anforderungen, die das Leben an den Christen stellt, vollauf

zu entsprechen. Allein seine Nächstenliebe erscheint doch noch mehr

als eine rein persönliche: den Freunden, die ihm wohlgethan, gilt

in Dankbarkeit seine heldenmütige That. Sein Gesichtskreis muß sich

erweitern. Die Religion, in deren Schoße er erzogen ist, auf deren

geheiligtem Boden all seine Grundsätze und Anschauungen wurzeln,

hat ihn schon mit der geistigen Sehkraft begabt, welche genügt, um

eine Welt zu umspannen, und die sich entfalten wird, sobald sich die

Gelegenheit dafür bietet.

[Illustration]

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Percy Wynn · 第 62 / 77 题