Fußball.
Am folgenden Morgen ging also Percy, und zwar mit kurzgestutztem Haar,
zum erstenmale wieder in den Hof. Ein wahrer Sturm der Freude erhob
sich. Alles scharte sich um ihn und drängte sich in seine Nähe, um
ihm die Hand zu schütteln. Die Ehre, die ihm in solcher Fülle zu teil
wurde, und zugleich die Furcht, er möchte ohne sein langes Haar doch
vielleicht sonderbar aussehen, machten ihn so verlegen und verwirrt,
daß er gar nicht wußte, was anfangen. Johann Donnel bemerkte dieses
peinliche Gefühl, zwängte sich mit Anwendung seiner überlegenen
Körperkraft zu Percy durch, hob ihn auf und trug ihn hinaus mitten auf
den Spielplatz.
„Hurra, Jungens! anfangen!“ rief er. „Percy gehört zu meiner Partei.“
Zugleich begann er als Anführer seinen Leuten die Posten anzuweisen.
Auf den beiden Schmalseiten des Spielplatzes standen die zwei Ziele,
jedes in Gestalt eines geraden griechischen Π und etwa zwei Meter hoch.
Jede Partei hat nun zunächst ein solches Ziel zu verteidigen, das heißt
zu verhüten, daß der Ball durch dasselbe fliegt. Zugleich aber muß sie
womöglich den Ball durch das Ziel der Gegner treiben.
Wenn der Ball nach einem Schlage den Boden wieder berührt hat, darf er
nur noch mit dem Fuße geschlagen werden. Bevor er den Boden berührt
hat, ist es erlaubt, ihn zu schnappen, mit der Faust zu schlagen oder
auch mit ihm davonzulaufen, ihn zu ‚schleppen‘. Wollte man ihn jedoch
in diesem Falle mit dem Fuße schlagen, so müßte er erst auf den Boden
gelegt werden.
Dieser kurze Inbegriff der Spielregeln, wie sie in Maurach gültig
waren, wurde Percy von Tom auseinandergesetzt, während dieser ihn auf
seinen Posten, in der Mitte zwischen beiden Zielen, geleitete.
„Jetzt merk’ Dir das!“ schloß er. „Im Anfange triffst Du den Ball
überhaupt nie, Du magst es versuchen, so oft Du willst. Das schadet
unserer Partei aber nicht, weil Du so weit vom Ziele weg bist. Auch
näher beim feindlichen Ziele würde es nicht schaden; allein da könnte
es Deinen Schienbeinen im Gedränge schlimm ergehen.“
„Aber stände ich nicht besser recht nahe bei unserm Ziele?“
„Keineswegs. Wenn Du dort nur ein einziges Mal vorbeischlügest,
könntest Du uns das ganze Spiel verderben. -- So, jetzt weißt Du alles.
Nur immer gut aufgepaßt! -- Komm’ jetzt zurück, bis angeschlagen ist!
Donnel hat den ersten Schlag.“
Die Parteien nahmen ihre Anfangsstellung ein: zwanzig Schritte vor
ihrem Ziele in einer geraden Linie, die quer über den Spielplatz ging.
Donnel stand etwas vor seiner Partei, und vor ihm auf dem Boden lag der
Ball.
„Fertig?“ rief er.
„Fertig!“ war die Antwort Keenans, der die Gegenpartei kommandierte.
Donnel trat zurück, nahm einen Anlauf, und der Ball flog wirbelnd hoch
in die Luft.
Das Bild von Leben und Bewegung, das jetzt folgte, spottet jeder
Beschreibung. Percy war vor Staunen ganz außer sich. Einen Augenblick
zuvor sah er sich noch inmitten einer Knabenreihe, die fast lautlos und
regungslos einer zweiten gleich ruhigen Reihe gegenüberstand; nur die
Augen aller regten sich erwartungsvoll oder waren auf Donnel und den
Ball gerichtet.
Sobald aber der Ball emporstieg, brach ein lauter Ruf der Begeisterung
aus mehr als hundert lustigen Kehlen, und mehr als hundert Knaben
rannten in einem für Percy unentwirrbaren Durcheinander über den ganzen
Platz hin.
„Vorwärts, Percy!“ rief Tom, der sich dem verwunderten Neuling näherte.
„Nicht in die Sterne gucken! Auf Deinen Posten!“
Damit ergriff er ihn beim Ärmel und zog ihn ohne Umstände in die Mitte
des Platzes.
Alles dieses geschah, während der hochgeschleuderte Ball noch in der
Luft war. Er flog gerade auf das feindliche Ziel los, aber Kennedy,
einer der feindlichen Zielwächter, eine große, dünne Stange, erwischte
ihn noch zur rechten Zeit.
„Schleppen! Schleppen!“ riefen seine Kampfgenossen.
„Hinwerfen! Hinwerfen!“ schreien unsere Leute -- der Einfachheit
halber wollen wir Percys Partei „die unsrige“ nennen -- und laufen mit
geflügelter Eile auf ihn zu.
Kennedy war offenbar kein geübter Spieler, denn er zauderte; wer aber
beim Fußball zaudert, der ist verloren. Langsam entschloß er sich zum
‚Schleppen‘. Allein schon nach wenigen Schritten war Donnel bei ihm und
schlug ihm mit geschickter Hand den Ball zwischen den Armen weg, daß er
hoch empor flog.
Jetzt galt es, den Ball durch Keenans Ziel zu treiben. Als derselbe
wieder den Boden berührte, waren die Unsrigen schon in großer Zahl zur
Stelle, und, angefeuert von ihrem Hauptmann und seinen Offizieren,
machten sie die größten Anstrengungen, den Ball durch die Masse ihrer
Gegner hindurchzubringen.
Aber auch Keenans Leute setzten alle Kraft und Behendigkeit ein, den
Ball von ihrem bedrohten Ziele abzuhalten.
Währenddessen stand Percy an seinem Platz und wunderte sich baß, wohin
wohl der Ball gekommen sein möge. Man sah nichts als ein dichtes Gewühl
von Knaben, schiebend, springend, rufend, mit den Füßen schlagend,
alles mit großem Eifer, aber nicht aufgeregt, erst recht nicht zornig.
Der Ball dagegen war verschwunden.
Tom, dessen Posten sich nicht weit von demjenigen Percys befand, war
inzwischen nicht in Anspruch genommen und benützte die Muße, um
Purzelbäume zu schlagen. Da näherte sich Percy mit der Frage:
„Wo ist der Ball geblieben, Tom?“
„Das möchte eben ein jeder gern wissen.“
„Aber meiner Treu, Tom!“ fuhr Percy fort und schüttelte die Locken
zurück, die er nicht mehr hatte. „Ist es möglich, daß eine solche Menge
Knaben sich so zusammenpressen kann? Wie viele sind es wohl?“
„Alle, mit Ausnahme von Dir, mir und unsern sechs Zielwächtern, mehr
als neunzig. -- Jetzt Augen auf! Der Ball kann jeden Augenblick hierhin
fliegen.“
Das Drängen und Drücken währt fort.
„Hinaus damit!“ rufen die Feinde.
„Drin halten! Drin halten!“ erwidern die Unsern.
„Playfair, komm’ hierher!“ rief Donnel schließlich durch das
Kampfgetöse. „Bring’ die Zielwächter mit, nur zwei laß dort! Der Ball
+muß+ drin bleiben.“
„Bleib’ hier, Percy!“ sprach Tom in Eile und schrie dann zu seinem
Ziele gewandt: „Alle Zielwächter mit heran! Nur Hodder und Skipper da
bleiben!“
Allein bevor dieses Kommando aus Toms Munde war, stieg der Ball in
kühnem Fluge mitten aus dem Knäuel empor. Das Schicksal wollte, daß er
gerade auf Percy zuschwebte, der ihm mit zagender Scheu entgegensah.
Schrecken erfüllt die Unsrigen.
„Wieder zum Ziele! Rasch!“ schreit Donnel seinen Zielwächtern entgegen.
Die Feinde jubeln, aber ein Freudenschrei übertönt sogleich ihren
Triumph. Tom Playfair hat Percys Unfähigkeit nicht vergessen. Wie der
Blitz ist er vor ihm, erhascht den Ball noch einen Fuß über dem Boden
und fegt jetzt, den Ball in den Armen, bereits auf Keenans Ziel los.
So schnell waren diese Vorgänge einander gefolgt, daß diejenigen
Spieler, die sich in der Mitte des Gedränges befunden hatten, noch
nicht wieder kampfbereit waren. Tom hatte also nicht sehr viele Feinde
zu gewärtigen.
„Lauft ihm in den Weg! Haltet ihn auf! Schlagt ihm den Ball weg!“
erscholl es von allen Seiten.
Allein Tom war nicht nur ein flinker Läufer, er wußte namentlich glatt
und gelenkig allen, die ihm entgegentraten, zu entwischen. An dreien
war er vorbei. Einen vierten umlief er und rannte dabei -- gegen seine
Absicht -- einen fünften um, daß er sich kugelte. Jetzt war es die
höchste Zeit, denn die Hauptmasse der Feinde war nahe an ihm. Er warf
den Ball hin, um ihn schlagen zu dürfen -- bum -- der Ball flog zu
Keenans Ziele. Tiefbetrübtes „O“ begann zu klingen, wurde aber sogleich
zu einem hellen Freudenrufe -- der Ball flog über das Ziel.
Keenan lief und holte den Ball zurück. Nach den Regeln hatte er jetzt
von einem bestimmten Platze aus das Recht eines „freien Schlages“, das
heißt, niemand durfte ihn belästigen, so lange er den Ball noch in den
Händen hielt.
Als der Ball wieder im Spiele war, fing das Rennen und Jagen von neuem
an.
Doch diesmal scheint er sich nicht zwischen den unruhigen Beinen eines
Knabengewirres verlieren zu wollen. Man läßt ihn nicht einmal zu Boden
fallen. Von Hand zu Hand oder, besser gesagt, von Faust zu Faust
geschlagen, schwebt er beständig über den Köpfen der Spieler. Der eine
will ihn mit kräftigem Schlage dem feindlichen Ziele zusenden, da
springt ein anderer hoch empor, hält ihn auf und schlägt ihn ebenso
kräftig zurück. Minutenlang währt dieses Schauspiel.
Da endlich berührt der Ball den Grund. Aber ein starker Tritt Keenans
treibt ihn über die Köpfe der ‚Faustkämpfer‘ gerade auf Percy zu, der
ihn zur allgemeinen, vornehmlich aber seiner eigenen Verwunderung
schnappt.
„Hurra!“ schrie Tom. „Lauf’, Percy, und schlag’ ihn, sobald Dir einer
zu nahe kommt!“
Percys Augen leuchteten vor Eifer und Aufregung. Er blickte nach
Keenans Ziele, wohin er ja laufen mußte. Aber der Weg dorthin war noch
von atemlos durcheinanderrennenden Knaben erfüllt. Nach der andern
Seite war alles frei.
„Hurra!“ schrie er und rannte, was er rennen konnte -- auf sein eigenes
Ziel los.
„Halt, Percy! Halt! Zurück! Nach der andern Seite!“ rief Tom.
Allein seine Worte verschwanden in dem allgemeinen Lärm. Percy lief
dahin wie einer, der sich voll bewußt ist, daß ein edles Ziel die
Anspannung all seiner Kräfte verlangt.
Weil auf dieses Verfahren rein niemand gefaßt war, so traf Percy auf
seinem Wege nicht viele Hindernisse. Dreien seiner eigenen Leute
entwischte er glücklich und stand bald nur noch sechs Schritte vor
seinem Ziele. Dort begegnete er Harry Quip und blieb stehen.
„Was muß ich mit dem Balle thun, Harry?“
„Mir geben!“ war die hastige Antwort.
Harry nahm ihn, legte ihn nieder und ließ ihn dann in hohem Bogen
mitten auf den Spielplatz zurückfliegen.
„O! warum thust Du das?“
„Percy, es kommt hier nicht darauf an, den Ball auf irgend eine Weise
irgendwohin zu schlagen oder zu tragen. Man muß suchen, ihn durch das
Ziel der Feinde zu bringen. Du hast jetzt +gegen uns+ gespielt. Du
liefst so schnell mit Deinen lahmen Beinen, daß wir Deinetwegen beinahe
verloren hätten.“
„O! wirklich? das thut mir unendlich leid. Ihr müßt Geduld mit mir
haben. Ich will nie wieder so dumm spielen.“
Nachdem also seine Ideen in diesem Punkte sich etwas geklärt hatten,
begab er sich wieder auf seinen Posten.
Kaum stand er da, als sich abermals ein wirres, erregtes Geschrei erhob.
„Fangt ihn! Ihm voraus! Aufhalten! Den Ball wegschlagen! Hurra, Keenan
hat ihn!“
Diese Rufe tönten lärmend und bunt durcheinander, während Keenan, den
Ball fest in die Arme geschlossen, sich gewaltsam einen Weg bahnte,
keuchend und atemlos auf unser Ziel zueilend.
Keenan war eine kleine Gestalt, aber mit Muskeln von Eisen, und rennen
konnte er wie keiner. Mit der Unwiderstehlichkeit eines Mauerbrechers
stürzte er voran. Einige wagten einen schwachen Versuch, ihn
festzuhalten, aber man sah es ihnen an, daß sie wenig Mut und geringe
Aussicht hatten.
Jetzt naht er sich Tom, und dieser, dem nicht so leicht das Herz in die
Schuhe fällt, eilt ihm kühn entgegen. Keenan will ihn vermeiden, aber
Tom, nicht weniger behend, ergreift ihn am Arme und läßt nicht los.
Keenan setzt seinen Weg fort, Tom mit sich schleppend, ja fast tragend.
Die Aufregung hat jetzt den Höhepunkt erreicht und wird so ansteckend,
daß sie selbst Percy ergreift. Auch er rennt auf Keenan zu und
will ihn fassen. Allein Keenan entschlüpft ihm, und statt seiner
erwischt Percy Tom. Das doppelte Gewicht ist für Keenan zu schwer; er
strauchelt, fällt, und der Ball entrollt ihm. Rasch erhebt sich Tom,
ein wohlgezielter Schlag bringt den Ball zu Donnel, der ihn mit einem
gleichen Schlage, bevor die überraschten Feinde wieder zur Besinnung
gekommen sind, durch Keenans Ziel treibt.
So hat Percy, ohne auch nur den Ball treffen zu können -- erst nach
Wochen war er im Besitze dieser Kunst -- einen ganz wesentlichen Teil
zur Erringung des Sieges beigetragen.
[Illustration]
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