Noch im Krankenzimmer.
Percys Befinden hatte solche Fortschritte gemacht, daß man ihn im
Grunde als wiederhergestellt betrachten konnte. Nur der Vorsicht halber
wurde er noch ein paar Tage zurückbehalten.
Auch diese Zeit verstrich, und Tom Playfair trat ein, um seine letzte
Privatstunde zu geben. Er fand Percy beschäftigt mit dem Lesen eines
Briefes.
„Ah, Tom, Du kommst gerade recht. Ich habe einen schönen Gruß an Dich
auszurichten.“
„Du? an mich einen Gruß? Von wem denn?“
„Von meiner Schwester Maria. Hör’ nur, was sie schreibt: ‚Sage Deinem
herrlichen Freunde Tom Playfair, daß wir alle voll Dankbarkeit gegen
ihn sind, weil er unserm Bruder so viel Güte und Liebe erwiesen hat.
Wenn Gebete und Segenswünsche ihm nützen können, so soll es daran nicht
fehlen.‘ -- Und hier ist noch etwas für Dich, Tom.“
Er überreichte Tom ein feines, kostbares Bildchen, eine Darstellung der
Mutter Gottes.
„Das ist ein Geschenk von Minchen.“
„Minchen?“
„Ja, das ist die jüngste, erst sechs Jahre alt. Sie bittet Maria, mir
zu schreiben, daß niemand Tom Playfair lieber hat als sie, höchstens
etwa Maria; und selbst diese Ausnahme ist ihr noch zweifelhaft. Wenn
sie nächstens wieder zu wenig Zucker erhält, will sie weglaufen und
es Tom Playfair erzählen. Sie hat immer so drollige Einfälle, Tom!
Zuweilen hält sie förmliche Reden. Für sechs Jahre ist sie merkwürdig
gescheit.“
„Wenn schon das kleine Ding Reden hält,“ dachte Tom, „wie gescheit
müssen dann erst die übrigen sein! Sollte je eine sich hier blicken
lassen, dann mache ich mich schleunigst davon.“
„Ich habe noch einen andern schönen Brief,“ fuhr Percy fort.
„Von welcher Schwester?“
„Von keiner Schwester; von Prescott. Er entschuldigt sich, daß er
mir nicht eher schrieb. Allein er habe bis jetzt seine Hand nicht
gebrauchen können. Doch seien seine Füße gerettet und auch sonst habe
der Arzt keine Besorgnis mehr.“
„Eine sehr angenehme Nachricht, Percy. Aber der arme Kerl muß jetzt
sehen, wie er sein ganzes Leben lang mit zwei Fingern weniger auskommt.
Was schreibt er sonst?“
„Er bittet mich um Verzeihung und wünscht sehr, daß ich für ihn bete.“
„Das kommt ihm von Herzen. Mir hat er nämlich auch geschrieben. Ich
erhielt den Brief gestern beim Abendessen. Er richtet an mich dieselbe
Bitte, und durch mich an Quip, aber in einer solchen Weise, daß ich
beim Lesen rot wurde und den Brief nachher gleich zerriß.“
„So?“
„Jawohl. Es stand noch darin, er nehme jetzt Privatunterricht, um auf
Ostern wieder eine Schule besuchen zu können. Die gründliche Lektion,
die er erhalten, hat ihn doch zur Vernunft gebracht.“
„‚So hart war Gott, um gütig sein zu können,‘“ warf Percy ein.
„Woher mag er nur diese Sprüche haben?“ dachte Tom, und fuhr dann laut
fort:
„Percy, Du hast etwas an Dir, das mich oft wunder nimmt.“
„Wirklich? Das ist mir neu. In der letzten Zeit habe ich Dich nie
mehr erstaunt gesehen, ich mochte thun und sagen, was ich wollte. Ich
dachte, Du hättest Dich ganz an mich gewöhnt.“
„In manchen Punkten ist dem auch so. Aber eines kann ich mir noch
nicht erklären. Wenn sonst neue Zöglinge in diese Anstalt kommen, so
überfällt sie fast immer in den ersten Tagen Heimweh, das oft ganz
schrecklich ist und ihnen alle Heiterkeit nimmt. Bei Dir dagegen habe
ich so etwas fast gar nicht bemerkt.“
„Das ist auch wirklich merkwürdig, Tom. Als ich von meinen Verwandten
Abschied nahm, hatte ich vor dem Heimweh große Furcht; aber es ist
nicht gekommen. Einige Umstände machen das jedoch begreiflich. Zunächst
wurde ich gleich mit sehr braven, teilnahmsvollen Zöglingen bekannt,
die mich so brüderlich behandelten, daß ich mich oft vor mir selber
schämte; so etwas hatte ich nicht verdient. Dann kamen die vielen
Spiele, dann das Fischen und Schwimmen --“
„Und Klettern,“ warf Tom ein.
Percy lachte.
„Das war alles für mich eine ganz neue Welt. Es war so schön und gefiel
mir so, daß ich fürs Heimweh keine rechte Zeit hatte.“
„Jawohl,“ fuhr Tom fort. „Das konnte ausreichen, solange Du gesund
und wohl warest. Aber hier in der Infirmerie hörte die angenehme
Abwechselung auf. Ich dachte, Du bekämest sicher Heimweh, aber ich habe
Dich niemals betrübt gesehen.“
„O, ich habe ja immer studiert und gelesen. Während man lateinische
Grammatik treibt, kann man doch kein Heimweh haben!“
Tom erwiderte nichts, aber er schien zu fühlen, daß Percys stete
Heiterkeit hiermit nicht genügend erklärt sei. Percy bemerkte das und
sprach nach kurzer Überlegung:
„Nun ja, Tom, Dir will ich es ganz erzählen. Ich habe einen Freund,
der mich nie verläßt, und mit dem ich spreche, so oft mich Traurigkeit
anwandelt. Sieh’, hier ist sein Bild!“
Er zog eine kleine, reich verzierte Kapsel hervor und enthüllte vor
Toms Augen ein anmutiges Herz-Jesu-Bildchen.
Toms Antlitz drückte die unverkennbarste Freude aus.
„Das ist ein herrlicher Gedanke!“ rief er.
„Nicht wahr? Ich habe mehr als einmal erfahren, wie ein paar Worte mit
dem Herzen Jesu mir wieder Freude und Mut einflößten.“
„Ich selbst mache es übrigens ähnlich,“ entgegnete Tom und zog ein
ziemlich abgenutztes Skapulier des göttlichen Herzens aus der Tasche.
„Es ist nicht viel daran zu sehen. Aber wenn ich ärgerlich oder brummig
werden will, oder wenn beim Studieren die Ermüdung kommt, so greife
ich in die Tasche und erfasse es. Das bringt mich regelmäßig wieder in
Ordnung. -- Was nun unsere Stunden angeht,“ fuhr Tom fort, „so haben
wir jetzt das meiste durch, das Du wissen mußt, und werden heute gut
fertig. Den Rest kannst Du Schlauberger ganz gut neben der Klasse
nachstudieren.“
„Du scherzest, Tom. Aber ich bin wirklich ganz zufrieden, daß ich diese
Zeit fürs Latein frei bekommen habe. Seit ich etwas mehr davon weiß,
bekomme ich Lust daran. In den andern Fächern habe ich doch nichts
verloren.“
„Morgen kommst Du also wieder heraus. Wir spielen jetzt Fußball; das
ist das rechte Spiel für den Winter.“
„Ah, das ist wohl das Spiel, bei dem man einen so großen, dicken Ball
braucht, der dann so hoch durch die Luft fliegt, nicht wahr?“
„Freilich. Die Regeln lernst Du bald.“
„Das muß lustig sein!“
Acht Tage später langte für Tom ein kleines Packetchen an. Es enthielt
in einer zierlichen Kapsel ein Herz-Jesu-Bildchen, genau so, wie
dasjenige Percys. Ein beiliegender Zettel enthielt die Worte: Gruß von
Maria Wynn.
[Illustration]
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