17. Kapitel.

Wie ~P.~ Middleton den Flüchtling findet.

Je weiter die Nacht voranschritt, um so kälter wurde es, und um

so weniger wollte es ~P.~ Middleton gelingen, den Gedanken an den

Entflohenen aus seinem Kopfe zu verbannen. Immer sicherer wurde es

ihm, daß Prescott die Eisenbahn nicht benutzt haben könne. Auf dieser

Voraussetzung arbeitete seine Phantasie weiter und malte ihm die

schauerliche Lage vor, in welcher sich der Unglückliche jetzt befinde.

Da er den gewöhnlichen Weg nach Sykesville jedenfalls vermied, so

konnte es leicht geschehen, daß er sich verirrte und alle Aussicht

verlor, in der Nacht den Ort noch zu erreichen. Wo sollte er dann aber

Unterkunft und Schutz gegen die schneidende Kälte finden? Ja würde er

überhaupt Unterkunft suchen? er, der in seiner Art schlau und gerieben

war und alles vermied, was bei einer Verfolgung auf seine Fährte

bringen konnte?

Um elf Uhr ging ~P.~ Middleton endlich zur Ruhe. Allein seine

Einbildungskraft scheuchte allen Schlaf von seinen Augenlidern weg.

Stunde um Stunde verging, ohne daß er einzuschlummern vermochte.

Beständig folgte sein Geist den Schritten des gewissenlosen,

unglücklichen Wanderers.

Um vier Uhr endlich stand er wieder auf, verließ den Schlafsaal und

ging in einem einsamen Teile des Hauses ein paarmal auf und ab.

„Ich halte es nicht mehr aus. Ich muß dem armen Jungen nachgehen.

Vielleicht kann ich ihm doch helfen. -- Aber soll ich wirklich den

~P.~ Rektor wecken?“

Er begab sich an einen Ort, wo er das Fenster des Rektors sehen konnte.

Es war erleuchtet.

„Gott sei Dank! -- Aber der hätte doch wenigstens schlafen sollen!“

Er ging und klopfte an.

„Herein!“

Der Rektor erhob sich von den Knieen und sah den Eintretenden erstaunt

an.

„~P.~ Middleton, was führt Sie denn zu dieser Stunde her? Nach dem

gestrigen Tage könnten Sie die Ruhe doch gebrauchen.“

„Hochwürden, ich habe die ganze Nacht noch kein Auge geschlossen vor

Sorge um den Prescott. Stets kommt mir die Idee und will mich nicht

verlassen, er sei bei dieser Kälte ohne Schutz draußen. Wollen Sie mir

nicht erlauben, ihm nachzureiten? Um neun Uhr kann ich zurück sein, um

meine Klasse zu halten.“

Einen Augenblick überlegte der Rektor, wobei er zugleich aufmerksam in

das bekümmerte Antlitz seines Untergebenen sah.

„Gut! Gehen Sie! Aber unter einer Bedingung!“

„Welcher, Hochwürden?“

„Daß Sie gleich nach Ihrer Rückkehr in ein Fremdenzimmer gehen und sich

schlafen legen. Ich will Ihre Klasse halten und will sorgen, daß Sie

auch auf dem Spielplatze Vertretung erhalten. Keine Entschuldigung,

mein Lieber! Sie haben für die Zöglinge zu sorgen, ich für die Patres.

Sie brauchen Ruhe, Pater. Wenn Sie mir um neun Uhr nicht schlafen,

schicke ich Sie für eine Woche zur Erholung aus dem Hause. In der

letzten Zeit haben Sie sich zu sehr angestrengt.“

„Jetzt bitte ich Ew. Hochwürden noch um Ihren Segen. Ich fürchte sehr,

ich schlafe um neun Uhr nicht, wenn ich den Jungen nicht auffinde.“

Er kniete nieder vor dem Manne, in dem er schon als Zögling einen

väterlichen Erzieher verehrt hatte, und der ihm jetzt Gottes Stelle

vertrat.

Andächtig erhob der Rektor seine Hände und sprach die Worte des

priesterlichen Segens:

„~Benedictio Dei omnipotentis Patris et Filii et Spiritus Sancti

descendat super te et maneat semper.~“

(Der Segen des allmächtigen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des

heiligen Geistes steige auf Dich herab und verbleibe über Dir immerdar.)

„Amen,“ sprach ~P.~ Middleton.

Als er sich erhob, begegneten sich die Augen beider in einem Blicke,

der weitere Worte zwecklos machte.

Ein paar Minuten später trabte ~P.~ Middleton auf der festgefrorenen

Straße nach Sykesville dahin und langte an, bevor es recht hell

geworden war. Einiges Nachforschen führte ihn bald zu der Überzeugung,

daß Prescott den Ort nicht betreten habe. Er mußte sich also wohl

irgendwo zwischen Maurach und Sykesville befinden.

~P.~ Middleton kehrte demgemäß um, ritt von der Landstraße weit nach

rechts und nach links ab und untersuchte vorsichtig jeden Busch und

Strauch.

Die Dämmerung war indessen in jenes sanfte und milde Licht

übergegangen, das ein unmittelbarer Vorbote des Sonnenaufganges ist.

Eine gute Strecke hatte ~P.~ Middleton zu beiden Seiten der Straße

bereits mit ängstlicher Genauigkeit durchforscht, als er in der Ferne

ein paar großer Heuschober ansichtig wurde. Sofort lenkte er sein Pferd

dorthin und ritt langsam um sie herum.

Da lag Prescott, das Gesicht nach unten gekehrt. Mit herzlichem Dank

gegen Gott sprang der Pater vom Pferde und hob den Bewußtlosen auf. Ein

Ruf des Schreckens entfuhr seinen Lippen: Prescott war an Händen und

Füßen gebunden und hatte einen Knebel im Munde. Das Schicksal, das er

Playfair und Quip zugedacht hatte, war ihm selbst widerfahren.

[Illustration]

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Percy Wynn · 第 57 / 77 题