Wie ~P.~ Middleton den Flüchtling findet.
Je weiter die Nacht voranschritt, um so kälter wurde es, und um
so weniger wollte es ~P.~ Middleton gelingen, den Gedanken an den
Entflohenen aus seinem Kopfe zu verbannen. Immer sicherer wurde es
ihm, daß Prescott die Eisenbahn nicht benutzt haben könne. Auf dieser
Voraussetzung arbeitete seine Phantasie weiter und malte ihm die
schauerliche Lage vor, in welcher sich der Unglückliche jetzt befinde.
Da er den gewöhnlichen Weg nach Sykesville jedenfalls vermied, so
konnte es leicht geschehen, daß er sich verirrte und alle Aussicht
verlor, in der Nacht den Ort noch zu erreichen. Wo sollte er dann aber
Unterkunft und Schutz gegen die schneidende Kälte finden? Ja würde er
überhaupt Unterkunft suchen? er, der in seiner Art schlau und gerieben
war und alles vermied, was bei einer Verfolgung auf seine Fährte
bringen konnte?
Um elf Uhr ging ~P.~ Middleton endlich zur Ruhe. Allein seine
Einbildungskraft scheuchte allen Schlaf von seinen Augenlidern weg.
Stunde um Stunde verging, ohne daß er einzuschlummern vermochte.
Beständig folgte sein Geist den Schritten des gewissenlosen,
unglücklichen Wanderers.
Um vier Uhr endlich stand er wieder auf, verließ den Schlafsaal und
ging in einem einsamen Teile des Hauses ein paarmal auf und ab.
„Ich halte es nicht mehr aus. Ich muß dem armen Jungen nachgehen.
Vielleicht kann ich ihm doch helfen. -- Aber soll ich wirklich den
~P.~ Rektor wecken?“
Er begab sich an einen Ort, wo er das Fenster des Rektors sehen konnte.
Es war erleuchtet.
„Gott sei Dank! -- Aber der hätte doch wenigstens schlafen sollen!“
Er ging und klopfte an.
„Herein!“
Der Rektor erhob sich von den Knieen und sah den Eintretenden erstaunt
an.
„~P.~ Middleton, was führt Sie denn zu dieser Stunde her? Nach dem
gestrigen Tage könnten Sie die Ruhe doch gebrauchen.“
„Hochwürden, ich habe die ganze Nacht noch kein Auge geschlossen vor
Sorge um den Prescott. Stets kommt mir die Idee und will mich nicht
verlassen, er sei bei dieser Kälte ohne Schutz draußen. Wollen Sie mir
nicht erlauben, ihm nachzureiten? Um neun Uhr kann ich zurück sein, um
meine Klasse zu halten.“
Einen Augenblick überlegte der Rektor, wobei er zugleich aufmerksam in
das bekümmerte Antlitz seines Untergebenen sah.
„Gut! Gehen Sie! Aber unter einer Bedingung!“
„Welcher, Hochwürden?“
„Daß Sie gleich nach Ihrer Rückkehr in ein Fremdenzimmer gehen und sich
schlafen legen. Ich will Ihre Klasse halten und will sorgen, daß Sie
auch auf dem Spielplatze Vertretung erhalten. Keine Entschuldigung,
mein Lieber! Sie haben für die Zöglinge zu sorgen, ich für die Patres.
Sie brauchen Ruhe, Pater. Wenn Sie mir um neun Uhr nicht schlafen,
schicke ich Sie für eine Woche zur Erholung aus dem Hause. In der
letzten Zeit haben Sie sich zu sehr angestrengt.“
„Jetzt bitte ich Ew. Hochwürden noch um Ihren Segen. Ich fürchte sehr,
ich schlafe um neun Uhr nicht, wenn ich den Jungen nicht auffinde.“
Er kniete nieder vor dem Manne, in dem er schon als Zögling einen
väterlichen Erzieher verehrt hatte, und der ihm jetzt Gottes Stelle
vertrat.
Andächtig erhob der Rektor seine Hände und sprach die Worte des
priesterlichen Segens:
„~Benedictio Dei omnipotentis Patris et Filii et Spiritus Sancti
descendat super te et maneat semper.~“
(Der Segen des allmächtigen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des
heiligen Geistes steige auf Dich herab und verbleibe über Dir immerdar.)
„Amen,“ sprach ~P.~ Middleton.
Als er sich erhob, begegneten sich die Augen beider in einem Blicke,
der weitere Worte zwecklos machte.
Ein paar Minuten später trabte ~P.~ Middleton auf der festgefrorenen
Straße nach Sykesville dahin und langte an, bevor es recht hell
geworden war. Einiges Nachforschen führte ihn bald zu der Überzeugung,
daß Prescott den Ort nicht betreten habe. Er mußte sich also wohl
irgendwo zwischen Maurach und Sykesville befinden.
~P.~ Middleton kehrte demgemäß um, ritt von der Landstraße weit nach
rechts und nach links ab und untersuchte vorsichtig jeden Busch und
Strauch.
Die Dämmerung war indessen in jenes sanfte und milde Licht
übergegangen, das ein unmittelbarer Vorbote des Sonnenaufganges ist.
Eine gute Strecke hatte ~P.~ Middleton zu beiden Seiten der Straße
bereits mit ängstlicher Genauigkeit durchforscht, als er in der Ferne
ein paar großer Heuschober ansichtig wurde. Sofort lenkte er sein Pferd
dorthin und ritt langsam um sie herum.
Da lag Prescott, das Gesicht nach unten gekehrt. Mit herzlichem Dank
gegen Gott sprang der Pater vom Pferde und hob den Bewußtlosen auf. Ein
Ruf des Schreckens entfuhr seinen Lippen: Prescott war an Händen und
Füßen gebunden und hatte einen Knebel im Munde. Das Schicksal, das er
Playfair und Quip zugedacht hatte, war ihm selbst widerfahren.
[Illustration]
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