Die Erlebnisse des Ausreißers.
Prescott hatte eben Percys Geld eingesteckt und die Photographien
zerrissen und wollte dessen Briefschaften das Gleiche widerfahren
lassen, als das unerwartete Eintreten Kennys seinem Rachewerke ein
plötzliches Ende bereitete.
Aus dem Studiersaal schlich er sich unbemerkt in den Garten, und es
gelang ihm schließlich, durch ein Loch der Hecke, welche das Gebiet des
Pensionates umfriedigte, zu entschlüpfen. Dann schlug er die Richtung
nach Sykesville ein, indem er sich stets in der Nähe des Bahndammes
hielt, der dorthin führte.
~P.~ Middleton hatte ganz recht geahnt. Prescott fiel es nicht
ein, den Zug zu nehmen oder sich vor Sykesville von irgend einem
Sterblichen erblicken zu lassen. Er wollte erst eine beträchtliche
Strecke zwischen sich und das Pensionat bringen und dann im Freien
einen wenn auch noch so mangelhaften Unterschlupf ausfindig machen.
Er eilte ganz in ähnlicher Weise dahin, wie einige Stunden früher
Percy. Eine Zeitlang lief er, ging langsam, bis er wieder bei Atem war,
um abermals aus Leibeskräften zu rennen. Doch wie verschieden waren
bei dieser äußeren Ähnlichkeit die inneren Beweggründe!
Alles war wohl überlegt. Allein an eines hatte der schlaue Dieb nicht
gedacht: er hatte vergessen, seinen Überrock mitzunehmen. Jetzt
merkte er, wie er durch das Laufen und schnelle Gehen sich immer mehr
erhitzte, und daß die kalte Nacht ihm infolgedessen recht gefährlich
werden könnte.
Noch eines hatte er außer acht gelassen: sein schlechtes Leben. Das
Kleid, das die Seele schützt und warm hält, das gute Gewissen, besaß er
nicht. Die schnell zunehmende Dunkelheit, die Stille der schwindenden
Landschaft, die nur von dem Brausen des kalten Nordwindes unterbrochen
wurde, erfüllten ihn mit trüben Ahnungen und weckten in seinem
schuldbeladenen Herzen das Vorgefühl eines nahen Unglücks.
Anderthalb Stunden waren vorüber. Da sah er in der Ferne ein paar
schwache Lichter schimmern. Dorthin durfte er noch nicht kommen. Er bog
von seiner Richtung ab und ging oder stolperte aufs Geratewohl über die
Prärie hin, um einen Ruheplatz zu erspähen.
Nachdem eine weitere halbe Stunde in fruchtlosem Umherirren vergangen,
gewahrte er einen dunklen Gegenstand. Bei dem spärlichen Lichte, das
vom Tage noch übrig war und das der Schein der Sterne matt verstärkte,
hob sich derselbe noch schwach von der Prärie ab. Mit ein paar
Schritten war Prescott ihm nahe genug und unterschied zu seiner höchst
angenehmen Überraschung ein paar Heuschober. Alle Gewissensbisse und
trüben Ahnungen verschwanden: ihm war geholfen. Wenn er sich in einen
solchen Haufen verkroch, brauchte er weder Kälte noch Entdeckung zu
fürchten.
Ohne Zögern tastete er unten am Boden den Rand des nächsten Schobers
entlang, um etwa eine passende Höhlung oder wenigstens den Ansatz zu
einer solchen zu finden. Wirklich traf er eine Öffnung, wie er sie
wünschte. Er streckte die Hand weiter hinein, zog sie aber mit einem
Rufe des Schreckens zurück.
„~Cospetto!~“ ertönte eine Stimme. „Wer sein das?“ Im nämlichen
Augenblicke tauchte ein wild aussehender Kopf aus dem Heu hervor.
Ohne Säumen gab Prescott Fersengeld. Allein der Edle, den er in seiner
Nachtruhe gestört, war einer von jenen, die an rasche Entschlüsse
und schnelles Handeln gewöhnt sind. Prescott war noch nicht hundert
Schritte weit, als ihn eine starke Faust im Nacken ergriff.
Er schrie um Hilfe. Aber da schloß sich die Hand für einige Sekunden
fester um seinen Hals, so daß dem unglücklichen Knaben fast die Zunge
aus dem Munde trat.
„Pst!“ zischelte der Italiener. „Wenn nock ein Wort sagen, ick
erwürgen.“
Dann schleppte er den Gefangenen wieder zu den Heuhaufen zurück.
„Jack, Jack!“ rief er leise, „werden wack!“
„Du ungeschlachter Ausländer,“ erwiderte ein gleich unheimlicher
Geselle, der hinter einem Heuhaufen hervortrat; „ich bin ja längst
wach. Was ist das für ein Vögelchen, das Du gefangen hast?“
Zugleich brachte er sein Gaunergesicht nahe vor Prescotts Antlitz und
stierte ihn forschend an.
„Ich bin ein Waisenknabe und habe weder Vater noch Mutter,“ sprach
Prescott, der sich von seinem Schrecken soweit erholt hatte, daß er
wieder lügen konnte. „Ich bin ganz arm und suche nach Arbeit, um etwas
zu verdienen. Es wurde mir so kalt; deshalb dachte ich, ich könnte hier
wohl schlafen. Aber ich will gern weiter gehen, wenn Sie es wünschen.“
„Jack, was heißen ein Waisenknabe? Heißen es ein Mann von die Polißei?“
So unverständig diese Frage auch war, sie ließ den Gefangenen am ganzen
Leibe erzittern. Er sah sich in der Gewalt von Leuten, die zu jeder
Missethat fähig waren, die im Himmel und auf Erden nichts kannten, was
ihrer Verbrecherlust Schranken setze, als die Polizei.
„Ein Waisenknabe, Du verbummelter Garibaldianer, ist ein Junge, dessen
Eltern tot sind. Er hat’s Dir ja selbst gesagt.“
„Nickt schimpfen, Jack! Dies Junge haben bestohlen mich letztes Sommer.
Ick sein Gesickt kenne.“
Prescott machte jetzt abermals eine verzweifelte Anstrengung, sich
den Händen des Italieners zu entwinden; denn derselbe fing schon ohne
Umstände an, seine Taschen zu untersuchen. Ein heftiger Schlag, den ihm
der Amerikaner ins Gesicht gab, zeigte ihm die Vergeblichkeit seiner
Mühe.
„Du kleiner Teufel! Wenn Du Dich noch einmal rührst oder den
geringsten Laut von Dir giebst, drehen wir Dir den Hals um.“
Dann wühlten beide in den Taschen des Wehrlosen herum, unbekümmert
um die Thränen der Angst und des Schmerzes, welche ihm die Wangen
herabflossen.
„Ha, ich hab’s!“ rief der Amerikaner. „Du Lügner! Ich glaubte schon
halb, Du hättest wirklich kein Geld. -- Wahrhaftig! Der Flegel ist
reicher als ein Lord.“
„Was viel?“ fragte der Diebsgesell, und seine schwarzen Augen blitzten.
„Dreizehn -- vierzehn -- fünfzehn Dollars! Nun, mein wertester Herr,
überlassen wir Ihnen sehr gern die Heustöcke, ich den meinen für
siebeneinhalb Dollar und mein Freund den seinen um den gleichen Preis.
Es ist ein ganz billiges Unterkommen.“
Prescott schluchzte in hilflosem Zorne.
„Ah, und sein Uhr! Ick habe es! O, es ist schön, es ist wert swansick
Dollars. -- O Sie lieblick armes Waisenknabe, wir binden Sie jetzt
Händkens und Füßkens zusammen, daß Sie können schlafen fester.“
„O binden Sie mich doch nicht! Ich will Sie ganz gewiß nicht verraten.
Darauf will ich Ihnen einen Eid schwören. Lassen Sie mich nur gleich
niederknieen.“
„Versprich nur, was Du willst, Du Lügner. Wir sorgen, daß Du Dein Wort
hältst,“ versetzte der Amerikaner und stopfte Prescott ein schmutziges
Tuch in den Mund. „Wir schieben Dich aber nicht unter das Heu; da fände
man Dich vor dem nächsten Frühjahr nicht. Hier draußen bemerkt Dich
schon eher eine Menschenseele. Es ist freilich ein wenig kalt; aber
was können wir dafür? Wir haben ja das Wetter nicht gemacht. Später
darfst Du dann alles erzählen, wozu Du Lust hast. -- Jetzt gute Nacht!
angenehme Ruhe!“
Mit diesem Spott entfernten sich die herzlosen Bösewichter und
überließen den gebundenen Prescott der schneidenden Kälte, der düstern
Nacht und -- seinen eigenen Gedanken.
Seinen eigenen Gedanken! Gedanken an ein mißbrauchtes Leben,
Erinnerungen an zahlreiche Sünden, Aussicht auf einen frühen,
schrecklichen, einsamen Tod und das strenge Gericht eines Gottes,
dessen Gnade er trotz seiner Jugend schon so oft geringgeschätzt hatte.
Er sah schon die Teufel in der Nähe erscheinen, um seine Seele in
den Abgrund zu zerren. Tropfen von Schweiß, von Todesschweiß traten
auf seine Stirne, als Sünde um Sünde in ihrer ganzen unverhüllten
Häßlichkeit sich dem Auge seines Geistes darstellte. Ja, manche seiner
Vergehen, die an sich nicht so schwer waren, malte ihm der Teufel,
dessen liebste Augenweide die Verzweiflung der Menschen ist, zu wahren
Greuelthaten aus. Was Wunder, daß er immer schwächer und schwächer sich
gegen die Einflüsterung wehrte, als ob für ihn keine Hoffnung mehr sei,
als ob alles vorüber und er schon jetzt lebendig zur Hölle verdammt sei.
Doch auch eine andere Erinnerung erhob sich auf dem sturmbewegten Meere
seiner Gedanken. Hatte nicht vor ein paar Tagen ~P.~ Middleton
so eindringlich und ergreifend von der unendlichen Güte Gottes
geredet? Damals hatten seine Worte Prescott freilich wenig gerührt;
allein jetzt, da er ihrer bedurfte, da herbe, herbe Not sein Herz
empfänglicher machte, kehrten sie so klar vor seine Seele zurück, als
durchlebte er jene Stunde noch einmal.
~P.~ Middleton hatte zuerst ein paar Worte der Wiederholung über
die vollkommene Reue gesprochen, daß sie nämlich stets, auch ohne die
Beichte, sofort die Sünden tilgt, daß man aber nachher die verziehenen
Sünden beichten muß, wenn man Gelegenheit hat.
„Es ist also,“ schloß er, „die vollkommene Reue ein Mittel, das jeder
Mensch zu jeder Stunde anwenden kann, um in den Stand der Gnade Gottes
zu kommen, ein Mittel, das uns durch keine Macht entrissen wird. Ich
möchte, daß Euch diese Wahrheit sehr klar würde und klar bliebe, damit
Ihr sie in der Not anwenden könnet.“
„Angenommen -- Riddel -- Du hättest, seit Du den Gebrauch der Vernunft
besitzest, stets in Sünden gelebt, keine wäre Dir vergeben, alle Deine
Beichten wären gottesräuberisch gewesen. Nun erführest Du plötzlich,
Du müßtest jetzt gleich hier in diesem Schulzimmer sterben. Würdest Du
verzweifeln?“
„O nein, Pater. Ich bäte die Mutter Gottes, mir zu einem recht guten
Akte der vollkommenen Reue zu helfen, und dann spräche ich von Herzen:
‚O mein Gott, alle meine Sünden bereue ich, weil ich Deine große Güte
und Liebe beleidigt habe.‘ Nach diesen Worten überließe ich mich mit
Vertrauen der Barmherzigkeit Gottes.“
„Aber -- Forps -- angenommen, Du hättest in Deinem ganzen Leben nie
das geringste gute Werk gethan, dagegen lasteten alle Sünden, die
von allen Knaben der Welt je begangen sind, auf Deinem Gewissen: was
thätest Du, wenn es hieße, Du müßtest jetzt sofort sterben?“
„Ich erweckte einen Akt der vollkommenen Reue und vertraute auf die
unendliche Kraft des Blutes Christi.“
„Whyte -- ich will den Fall noch schwieriger machen. Mit all jenen
Sünden auf Deiner Seele befindest Du Dich allein, verlassen, mitten auf
dem Meere. Kein Priester ist da, der Dich absolvieren, kein Freund,
der mit Dir beten könnte, und Du siehst voraus, daß Du in zwei Minuten
versinken wirst.“
Whyte antwortete mit großer Zuversicht, die unwillkürlich aus den
Worten des Lehrers in die seinigen übergegangen war:
„Ich würde doch mit Gottes Gnade einen Akt der vollkommenen Reue
erwecken, wenn auch noch so kurz. Dann wollte ich untersinken, als
sänke ich in die Arme Gottes; denn er ist überall.“
„Eine schöne Antwort, Whyte! -- Aber -- Quip -- nimm an, Gott ließe
Dich zur Strafe für so viele Sünden in eine abscheuliche Krankheit
fallen. Infolgedessen treiben Dich Deine Verwandten fort in eine
Wildnis. Da liegst Du hilflos am Sterben. Man sendet Dir noch einen
Priester, aber von Schauder ergriffen vergißt er, was seine Pflicht
gebietet, wendet sich ab von Dir und ruft laut, Gott habe Dich schon
unwiderruflich verdammt. Würdest Du dann verzweifeln?“
„Nein, mit Gottes Gnade würde ich nicht verzweifeln.“
„Es soll noch schlimmer werden. -- Holden! -- Während Du im Begriffe
bist, in jener gräßlichen Verlassenheit Deine arme Seele auszuhauchen,
erscheint Dir eine Bande von Teufeln, drängt sich um Dich und schreit
laut, Deine Seele sei ihr Eigentum, sie kämen, um abzuholen, was ihnen
gehöre. Würdest Du verzweifeln?“
Der Schüler zauderte.
„Ich -- ich hoffe nicht.“
„Ganz recht, Holden. Aber weiter -- Playfair! -- um diesen Teufeln
widerstehen zu können, rufst Du in Deiner schrecklichen Lage mit
Inbrunst die Engel und Heiligen an. Sie antworten einstimmig, es sei zu
spät, Du seiest verloren.“
„Ich würde es ihnen nicht glauben,“ erklärte Tom. „Gottes Wort steht
höher als das, was die Engel und Heiligen sagen.“
„Hodder -- wenn aber sogar Maria, die Mutter Gottes selbst Deine Bitten
abwiese und sagte, Du seiest verdammt?“
„Dann glaube ich, ich würde verzweifeln.“
„So? warum denn?“
„Weil Maria eine viel zu gute Mutter ist, als daß sie mich täuschen
könnte.“
„Kein übler Grund. Doch vielleicht hat jemand eine andere Antwort
bereit.“
Eine lange Pause trat ein. Endlich erhob sich Playfairs Finger.
„Ich glaube nicht, Pater, daß die Mutter Gottes so etwas sagen würde.
Sie ist ja die beste, liebreichste Patronin der Sünder. Sie wäre sicher
die letzte, einen Sünder aufzugeben.“
„Sehr gut, Playfair. Allein um die Sache ganz zu durchschauen, wollen
wir auch diesen unmöglichen Fall voraussetzen. Würdest Du verzweifeln?“
„Nein! Wahrhaftig nicht!“
„Warum nicht?“
Tom hatte keine Antwort.
„Glaubst Du etwa, Maria könnte und wollte Dich täuschen?“
Das mochte Tom weder bejahen noch verneinen.
„Wynn -- würdest Du verzweifeln, wenn Dir Maria erklärte, es sei zu
spät?“
„Nein. Sie könnte damit nur sagen wollen, es sei in dem Falle zu
spät, daß ich versäumte, einen Akt der vollkommenen Reue zu erwecken.
Wir wissen ja aus dem Glauben, daß jeder Mensch, so lange er lebt,
hinreichend Gnade erhält, um sich zu retten. Darum darf niemand
verzweifeln und braucht auch nicht zu verzweifeln.“
„Gut, Wynn. Das ist die letzte Antwort, die ich haben wollte. Übrigens
habt Ihr alle brav geantwortet. -- Ich will Euch jetzt noch zwei
Aussprüche eines gelehrten Mannes vorlesen, welche hierzu passen. Der
erste ist sehr kurz und lautet: ‚Am Tage des Gerichtes will ich lieber
von Gott gerichtet werden, als von meiner eigenen Mutter.‘ Der andere
ist über den Tod des Sünders: ‚Gott ist gegen jegliche Seele unendlich
barmherzig. Was aber diejenigen angeht, die nicht zum Heile gelangen,
so glaube ich, daß Gott zu Zeiten förmlich seine Vaterarme um diese
Seelen schlingt und ihnen durch die Dunkelheit des Sündenlebens mit dem
Strahlenauge seiner Liebe ins Antlitz schaut, so daß nur ihr überlegter
böser Wille sie aus seinen Armen loszureißen vermag.‘ In diesen Worten
habt Ihr ausgesprochen, wie unendlich, wie überaus zärtlich die Güte
und Barmherzigkeit Gottes ist.“
Die ganze Unterhaltung lebte jetzt in Prescotts Geiste wieder auf.
Erst jetzt dämmerte ihm das rechte Verständnis und er fing an, es
begreiflich zu finden, wie damals, da Lehrer und Schüler sich so
unmittelbar der tröstlichsten aller religiösen Wahrheiten gegenüber
sahen, eine geheimnisvolle Ruhe gleich dem Frieden des Himmels von dem
ganzen Raume Besitz nahm.
Noch an eine andere Unterhaltung erinnerte sich der Verlassene, während
seine Arme und Beine bereits zu erstarren anfingen: an das Gespräch,
das er am Morgen nach der Geistererscheinung mit Percy gehabt. War hier
wirklich ein Engel bei ihm, sein eigener Engel? -- Ein ganz unbekanntes
Empfinden durchströmte ihn. Zum erstenmale seit langer Zeit redete er
wieder zu seinem Gott und seinem Engel, und ein herzlicher Akt der
vollkommenen Reue führte den verlorenen Sohn zum Vater zurück. Während
er dann vor dem Allbarmherzigen sein Leid und seine Liebe aussprach,
ihm dankte, daß er ihn auf so hartem Wege zu besserer Erkenntnis
geführt, gewann die Kälte immer mehr Gewalt über seine Glieder, bis sie
seinen ganzen Körper wie mit eisigen Banden einschnürte und dem Reuigen
das Bewußtsein raubte.
Als er die Augen wieder aufschlug, sah er ~P.~ Middleton, der
sich sorgenvoll über ihn beugte. Er befand sich in einer kleinen
ländlichen Behausung. Neben dem Bette, in dem er lag, standen die
Hausfrau und ein Arzt.
„Gott sei Dank, Martin, daß Du noch lebst. Der Herr Doktor sagt, wenn
ich Dich eine Stunde später gefunden hätte, so wärest Du vielleicht
nicht mehr zu retten gewesen.“
Auf ein Zeichen des Arztes näherte sich jetzt die Frau und reichte dem
Kranken eine Schale mit kräftiger Fleischbrühe.
„Der arme Junge!“ flüsterte sie, als sie zurückgetreten. „Aber sein
Gesicht ist jetzt anders geworden. Er sah viel sanfter und friedlicher
aus, als ihn der Pater brachte.“
Auch ~P.~ Middleton hatte diesen Wechsel in Prescotts Zügen
wahrgenommen.
„Er muß gebetet haben, als er die Besinnung verlor,“ war seine
Erklärung, und sie entsprach der Wahrheit. Der Wandel, den die
vollkommene Reue in Prescotts Seele hervorgebracht, hatte sich auch
seinem Antlitz mitgeteilt. Sobald jedoch die Besinnung wiederkehrte,
trat die frühere Angewöhnung in ihr längst erobertes Recht, und der
edle Ausdruck eines Betenden wich den Mienen eines Knaben, der seit
Jahren kaum je eine bessere Regung in sich hatte aufkommen lassen.
Jahre edleren Denkens und Handelns mußten erst vergehen, bevor die
frühere Roheit aus diesen Zügen verschwand.
Seine Gesinnung freilich war schon jetzt eine andere geworden. Der
Knabe, der hier voll Verwunderung in ~P.~ Middletons gütige Augen
emporsah und sich bemühte, alles, was um ihn vorging, zu reimen, war
nicht mehr der Knabe von gestern. Der Prescott von gestern war wirklich
tot.
„Ja, junger Herr,“ sagte die Frau, „Sie können sich glücklich schätzen,
daß Sie einen solchen Lehrer besitzen. Hätte er Sie nicht in seinen
Mantel gehüllt, während er selbst halb tot fror, und hätte er Sie nicht
nachher ohne Unterlaß gewärmt und gerieben, bis der Herr Doktor kam --
wer weiß, ob Sie noch lebten!“
Prescott ergriff ~P.~ Middletons Hand und küßte sie.
„Die gute Frau übertreibt stark, Martin!“
„O nein, Herr Pater! Alles, was ich sage, ist wahr. Wenn Sie einen von
Ihren Zöglingen ganz besonders gern haben, so ist es sicher dieser.“
„Pater, kann ich Sie allein sprechen?“ flüsterte Prescott.
Als der Arzt und die Frau sich zurückgezogen hatten, gab er dann einen
umständlichen Bericht all seiner traurigen und schließlich doch so
gnadenreichen Erlebnisse.
„Deine Erzählung,“ sprach ~P.~ Middleton zuletzt, „reicht hin,
mir für mein ganzes Leben den Unterricht zur liebsten Beschäftigung zu
machen.“
Er suchte dann Prescott auf eine harte Eröffnung vorzubereiten. Der
Arme mußte wenigstens zwei Finger verlieren, einen an jeder Hand. Für
die übrige Zeit seines Lebens war er ein Krüppel.
„Ich will es gern leiden,“ sprach er bei dieser Mitteilung. „Ich habe
viel Böses gethan, und ich hoffe, Gott nimmt dies zur Buße für meine
Sünden an.“
„Noch eine andere peinliche Nachricht wartet Deiner, Martin. Du -- Du
darfst nicht ins Pensionat zurückkehren.“
„Das habe ich gar nicht gehofft, Pater. Es wäre ja Sünde, einen
offenkundigen Dieb unter den Zöglingen zu lassen.“
„Offenkundig ist es nicht, Martin. Percy Wynn und ich sind im ganzen
Hause die einzigen, die darum wissen. Du kannst Dich darauf verlassen,
daß nichts verlauten wird. Ich darf noch weiter gehen: Percy will das
Geld nicht von Dir zurückverlangen und verzeiht Dir alles. Und wenn ich
Deine Geschichte in der Klasse erzähle, so bin ich sicher, daß jeder
nur mit Liebe an Dich zurückdenken wird.“
„~P.~ Middleton, das habe ich nicht verdient!“
„Solltest Du an Percy schreiben, so erwähne nicht, daß Du ihm seine
Photographien zerrissen hast. Er weiß das nämlich nicht und wird
es auch, hoffe ich, nie erfahren. Ich sorge, daß ihm die gleichen
Photographien von Hause geschickt und heimlich zugestellt werden. --
Jetzt muß ich gehen. Es ist acht Uhr und um neun soll ich zurück sein.
Da nimm diese fünf Dollar, armes Kind. Diesen Abend bist Du so weit
hergestellt, daß Du auf den Zug gehen kannst. Ich telegraphiere Deinem
Vater, daß er Dich am Bahnhofe abholt. Die Auslagen für den Arzt und
Deine Wirtin sind schon beglichen. So, jetzt lebe wohl, Martin!“
Prescott ergriff die dargebotene Hand und bedeckte sie mit Küssen.
„O lieber Pater,“ schluchzte er, „ich kann nicht sagen, wie -- wie --
-- Gott sei mir gnädig!“
~P.~ Middleton war tief bewegt.
„Wir sehen uns wieder, Martin. Ich werde täglich für Dich beten und ich
will Dir auch schreiben, wenn Du es wünschest.“
„Danke, Pater!“ war das einzige Wort, das der Kranke hervorzupressen
vermochte.
„Adieu, Martin!“
Prescott wandte sein Gesicht ab und weinte, als ob ihm das Herz brechen
wollte.
[Illustration]
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