18. Kapitel.

Die Erlebnisse des Ausreißers.

Prescott hatte eben Percys Geld eingesteckt und die Photographien

zerrissen und wollte dessen Briefschaften das Gleiche widerfahren

lassen, als das unerwartete Eintreten Kennys seinem Rachewerke ein

plötzliches Ende bereitete.

Aus dem Studiersaal schlich er sich unbemerkt in den Garten, und es

gelang ihm schließlich, durch ein Loch der Hecke, welche das Gebiet des

Pensionates umfriedigte, zu entschlüpfen. Dann schlug er die Richtung

nach Sykesville ein, indem er sich stets in der Nähe des Bahndammes

hielt, der dorthin führte.

~P.~ Middleton hatte ganz recht geahnt. Prescott fiel es nicht

ein, den Zug zu nehmen oder sich vor Sykesville von irgend einem

Sterblichen erblicken zu lassen. Er wollte erst eine beträchtliche

Strecke zwischen sich und das Pensionat bringen und dann im Freien

einen wenn auch noch so mangelhaften Unterschlupf ausfindig machen.

Er eilte ganz in ähnlicher Weise dahin, wie einige Stunden früher

Percy. Eine Zeitlang lief er, ging langsam, bis er wieder bei Atem war,

um abermals aus Leibeskräften zu rennen. Doch wie verschieden waren

bei dieser äußeren Ähnlichkeit die inneren Beweggründe!

Alles war wohl überlegt. Allein an eines hatte der schlaue Dieb nicht

gedacht: er hatte vergessen, seinen Überrock mitzunehmen. Jetzt

merkte er, wie er durch das Laufen und schnelle Gehen sich immer mehr

erhitzte, und daß die kalte Nacht ihm infolgedessen recht gefährlich

werden könnte.

Noch eines hatte er außer acht gelassen: sein schlechtes Leben. Das

Kleid, das die Seele schützt und warm hält, das gute Gewissen, besaß er

nicht. Die schnell zunehmende Dunkelheit, die Stille der schwindenden

Landschaft, die nur von dem Brausen des kalten Nordwindes unterbrochen

wurde, erfüllten ihn mit trüben Ahnungen und weckten in seinem

schuldbeladenen Herzen das Vorgefühl eines nahen Unglücks.

Anderthalb Stunden waren vorüber. Da sah er in der Ferne ein paar

schwache Lichter schimmern. Dorthin durfte er noch nicht kommen. Er bog

von seiner Richtung ab und ging oder stolperte aufs Geratewohl über die

Prärie hin, um einen Ruheplatz zu erspähen.

Nachdem eine weitere halbe Stunde in fruchtlosem Umherirren vergangen,

gewahrte er einen dunklen Gegenstand. Bei dem spärlichen Lichte, das

vom Tage noch übrig war und das der Schein der Sterne matt verstärkte,

hob sich derselbe noch schwach von der Prärie ab. Mit ein paar

Schritten war Prescott ihm nahe genug und unterschied zu seiner höchst

angenehmen Überraschung ein paar Heuschober. Alle Gewissensbisse und

trüben Ahnungen verschwanden: ihm war geholfen. Wenn er sich in einen

solchen Haufen verkroch, brauchte er weder Kälte noch Entdeckung zu

fürchten.

Ohne Zögern tastete er unten am Boden den Rand des nächsten Schobers

entlang, um etwa eine passende Höhlung oder wenigstens den Ansatz zu

einer solchen zu finden. Wirklich traf er eine Öffnung, wie er sie

wünschte. Er streckte die Hand weiter hinein, zog sie aber mit einem

Rufe des Schreckens zurück.

„~Cospetto!~“ ertönte eine Stimme. „Wer sein das?“ Im nämlichen

Augenblicke tauchte ein wild aussehender Kopf aus dem Heu hervor.

Ohne Säumen gab Prescott Fersengeld. Allein der Edle, den er in seiner

Nachtruhe gestört, war einer von jenen, die an rasche Entschlüsse

und schnelles Handeln gewöhnt sind. Prescott war noch nicht hundert

Schritte weit, als ihn eine starke Faust im Nacken ergriff.

Er schrie um Hilfe. Aber da schloß sich die Hand für einige Sekunden

fester um seinen Hals, so daß dem unglücklichen Knaben fast die Zunge

aus dem Munde trat.

„Pst!“ zischelte der Italiener. „Wenn nock ein Wort sagen, ick

erwürgen.“

Dann schleppte er den Gefangenen wieder zu den Heuhaufen zurück.

„Jack, Jack!“ rief er leise, „werden wack!“

„Du ungeschlachter Ausländer,“ erwiderte ein gleich unheimlicher

Geselle, der hinter einem Heuhaufen hervortrat; „ich bin ja längst

wach. Was ist das für ein Vögelchen, das Du gefangen hast?“

Zugleich brachte er sein Gaunergesicht nahe vor Prescotts Antlitz und

stierte ihn forschend an.

„Ich bin ein Waisenknabe und habe weder Vater noch Mutter,“ sprach

Prescott, der sich von seinem Schrecken soweit erholt hatte, daß er

wieder lügen konnte. „Ich bin ganz arm und suche nach Arbeit, um etwas

zu verdienen. Es wurde mir so kalt; deshalb dachte ich, ich könnte hier

wohl schlafen. Aber ich will gern weiter gehen, wenn Sie es wünschen.“

„Jack, was heißen ein Waisenknabe? Heißen es ein Mann von die Polißei?“

So unverständig diese Frage auch war, sie ließ den Gefangenen am ganzen

Leibe erzittern. Er sah sich in der Gewalt von Leuten, die zu jeder

Missethat fähig waren, die im Himmel und auf Erden nichts kannten, was

ihrer Verbrecherlust Schranken setze, als die Polizei.

„Ein Waisenknabe, Du verbummelter Garibaldianer, ist ein Junge, dessen

Eltern tot sind. Er hat’s Dir ja selbst gesagt.“

„Nickt schimpfen, Jack! Dies Junge haben bestohlen mich letztes Sommer.

Ick sein Gesickt kenne.“

Prescott machte jetzt abermals eine verzweifelte Anstrengung, sich

den Händen des Italieners zu entwinden; denn derselbe fing schon ohne

Umstände an, seine Taschen zu untersuchen. Ein heftiger Schlag, den ihm

der Amerikaner ins Gesicht gab, zeigte ihm die Vergeblichkeit seiner

Mühe.

„Du kleiner Teufel! Wenn Du Dich noch einmal rührst oder den

geringsten Laut von Dir giebst, drehen wir Dir den Hals um.“

Dann wühlten beide in den Taschen des Wehrlosen herum, unbekümmert

um die Thränen der Angst und des Schmerzes, welche ihm die Wangen

herabflossen.

„Ha, ich hab’s!“ rief der Amerikaner. „Du Lügner! Ich glaubte schon

halb, Du hättest wirklich kein Geld. -- Wahrhaftig! Der Flegel ist

reicher als ein Lord.“

„Was viel?“ fragte der Diebsgesell, und seine schwarzen Augen blitzten.

„Dreizehn -- vierzehn -- fünfzehn Dollars! Nun, mein wertester Herr,

überlassen wir Ihnen sehr gern die Heustöcke, ich den meinen für

siebeneinhalb Dollar und mein Freund den seinen um den gleichen Preis.

Es ist ein ganz billiges Unterkommen.“

Prescott schluchzte in hilflosem Zorne.

„Ah, und sein Uhr! Ick habe es! O, es ist schön, es ist wert swansick

Dollars. -- O Sie lieblick armes Waisenknabe, wir binden Sie jetzt

Händkens und Füßkens zusammen, daß Sie können schlafen fester.“

„O binden Sie mich doch nicht! Ich will Sie ganz gewiß nicht verraten.

Darauf will ich Ihnen einen Eid schwören. Lassen Sie mich nur gleich

niederknieen.“

„Versprich nur, was Du willst, Du Lügner. Wir sorgen, daß Du Dein Wort

hältst,“ versetzte der Amerikaner und stopfte Prescott ein schmutziges

Tuch in den Mund. „Wir schieben Dich aber nicht unter das Heu; da fände

man Dich vor dem nächsten Frühjahr nicht. Hier draußen bemerkt Dich

schon eher eine Menschenseele. Es ist freilich ein wenig kalt; aber

was können wir dafür? Wir haben ja das Wetter nicht gemacht. Später

darfst Du dann alles erzählen, wozu Du Lust hast. -- Jetzt gute Nacht!

angenehme Ruhe!“

Mit diesem Spott entfernten sich die herzlosen Bösewichter und

überließen den gebundenen Prescott der schneidenden Kälte, der düstern

Nacht und -- seinen eigenen Gedanken.

Seinen eigenen Gedanken! Gedanken an ein mißbrauchtes Leben,

Erinnerungen an zahlreiche Sünden, Aussicht auf einen frühen,

schrecklichen, einsamen Tod und das strenge Gericht eines Gottes,

dessen Gnade er trotz seiner Jugend schon so oft geringgeschätzt hatte.

Er sah schon die Teufel in der Nähe erscheinen, um seine Seele in

den Abgrund zu zerren. Tropfen von Schweiß, von Todesschweiß traten

auf seine Stirne, als Sünde um Sünde in ihrer ganzen unverhüllten

Häßlichkeit sich dem Auge seines Geistes darstellte. Ja, manche seiner

Vergehen, die an sich nicht so schwer waren, malte ihm der Teufel,

dessen liebste Augenweide die Verzweiflung der Menschen ist, zu wahren

Greuelthaten aus. Was Wunder, daß er immer schwächer und schwächer sich

gegen die Einflüsterung wehrte, als ob für ihn keine Hoffnung mehr sei,

als ob alles vorüber und er schon jetzt lebendig zur Hölle verdammt sei.

Doch auch eine andere Erinnerung erhob sich auf dem sturmbewegten Meere

seiner Gedanken. Hatte nicht vor ein paar Tagen ~P.~ Middleton

so eindringlich und ergreifend von der unendlichen Güte Gottes

geredet? Damals hatten seine Worte Prescott freilich wenig gerührt;

allein jetzt, da er ihrer bedurfte, da herbe, herbe Not sein Herz

empfänglicher machte, kehrten sie so klar vor seine Seele zurück, als

durchlebte er jene Stunde noch einmal.

~P.~ Middleton hatte zuerst ein paar Worte der Wiederholung über

die vollkommene Reue gesprochen, daß sie nämlich stets, auch ohne die

Beichte, sofort die Sünden tilgt, daß man aber nachher die verziehenen

Sünden beichten muß, wenn man Gelegenheit hat.

„Es ist also,“ schloß er, „die vollkommene Reue ein Mittel, das jeder

Mensch zu jeder Stunde anwenden kann, um in den Stand der Gnade Gottes

zu kommen, ein Mittel, das uns durch keine Macht entrissen wird. Ich

möchte, daß Euch diese Wahrheit sehr klar würde und klar bliebe, damit

Ihr sie in der Not anwenden könnet.“

„Angenommen -- Riddel -- Du hättest, seit Du den Gebrauch der Vernunft

besitzest, stets in Sünden gelebt, keine wäre Dir vergeben, alle Deine

Beichten wären gottesräuberisch gewesen. Nun erführest Du plötzlich,

Du müßtest jetzt gleich hier in diesem Schulzimmer sterben. Würdest Du

verzweifeln?“

„O nein, Pater. Ich bäte die Mutter Gottes, mir zu einem recht guten

Akte der vollkommenen Reue zu helfen, und dann spräche ich von Herzen:

‚O mein Gott, alle meine Sünden bereue ich, weil ich Deine große Güte

und Liebe beleidigt habe.‘ Nach diesen Worten überließe ich mich mit

Vertrauen der Barmherzigkeit Gottes.“

„Aber -- Forps -- angenommen, Du hättest in Deinem ganzen Leben nie

das geringste gute Werk gethan, dagegen lasteten alle Sünden, die

von allen Knaben der Welt je begangen sind, auf Deinem Gewissen: was

thätest Du, wenn es hieße, Du müßtest jetzt sofort sterben?“

„Ich erweckte einen Akt der vollkommenen Reue und vertraute auf die

unendliche Kraft des Blutes Christi.“

„Whyte -- ich will den Fall noch schwieriger machen. Mit all jenen

Sünden auf Deiner Seele befindest Du Dich allein, verlassen, mitten auf

dem Meere. Kein Priester ist da, der Dich absolvieren, kein Freund,

der mit Dir beten könnte, und Du siehst voraus, daß Du in zwei Minuten

versinken wirst.“

Whyte antwortete mit großer Zuversicht, die unwillkürlich aus den

Worten des Lehrers in die seinigen übergegangen war:

„Ich würde doch mit Gottes Gnade einen Akt der vollkommenen Reue

erwecken, wenn auch noch so kurz. Dann wollte ich untersinken, als

sänke ich in die Arme Gottes; denn er ist überall.“

„Eine schöne Antwort, Whyte! -- Aber -- Quip -- nimm an, Gott ließe

Dich zur Strafe für so viele Sünden in eine abscheuliche Krankheit

fallen. Infolgedessen treiben Dich Deine Verwandten fort in eine

Wildnis. Da liegst Du hilflos am Sterben. Man sendet Dir noch einen

Priester, aber von Schauder ergriffen vergißt er, was seine Pflicht

gebietet, wendet sich ab von Dir und ruft laut, Gott habe Dich schon

unwiderruflich verdammt. Würdest Du dann verzweifeln?“

„Nein, mit Gottes Gnade würde ich nicht verzweifeln.“

„Es soll noch schlimmer werden. -- Holden! -- Während Du im Begriffe

bist, in jener gräßlichen Verlassenheit Deine arme Seele auszuhauchen,

erscheint Dir eine Bande von Teufeln, drängt sich um Dich und schreit

laut, Deine Seele sei ihr Eigentum, sie kämen, um abzuholen, was ihnen

gehöre. Würdest Du verzweifeln?“

Der Schüler zauderte.

„Ich -- ich hoffe nicht.“

„Ganz recht, Holden. Aber weiter -- Playfair! -- um diesen Teufeln

widerstehen zu können, rufst Du in Deiner schrecklichen Lage mit

Inbrunst die Engel und Heiligen an. Sie antworten einstimmig, es sei zu

spät, Du seiest verloren.“

„Ich würde es ihnen nicht glauben,“ erklärte Tom. „Gottes Wort steht

höher als das, was die Engel und Heiligen sagen.“

„Hodder -- wenn aber sogar Maria, die Mutter Gottes selbst Deine Bitten

abwiese und sagte, Du seiest verdammt?“

„Dann glaube ich, ich würde verzweifeln.“

„So? warum denn?“

„Weil Maria eine viel zu gute Mutter ist, als daß sie mich täuschen

könnte.“

„Kein übler Grund. Doch vielleicht hat jemand eine andere Antwort

bereit.“

Eine lange Pause trat ein. Endlich erhob sich Playfairs Finger.

„Ich glaube nicht, Pater, daß die Mutter Gottes so etwas sagen würde.

Sie ist ja die beste, liebreichste Patronin der Sünder. Sie wäre sicher

die letzte, einen Sünder aufzugeben.“

„Sehr gut, Playfair. Allein um die Sache ganz zu durchschauen, wollen

wir auch diesen unmöglichen Fall voraussetzen. Würdest Du verzweifeln?“

„Nein! Wahrhaftig nicht!“

„Warum nicht?“

Tom hatte keine Antwort.

„Glaubst Du etwa, Maria könnte und wollte Dich täuschen?“

Das mochte Tom weder bejahen noch verneinen.

„Wynn -- würdest Du verzweifeln, wenn Dir Maria erklärte, es sei zu

spät?“

„Nein. Sie könnte damit nur sagen wollen, es sei in dem Falle zu

spät, daß ich versäumte, einen Akt der vollkommenen Reue zu erwecken.

Wir wissen ja aus dem Glauben, daß jeder Mensch, so lange er lebt,

hinreichend Gnade erhält, um sich zu retten. Darum darf niemand

verzweifeln und braucht auch nicht zu verzweifeln.“

„Gut, Wynn. Das ist die letzte Antwort, die ich haben wollte. Übrigens

habt Ihr alle brav geantwortet. -- Ich will Euch jetzt noch zwei

Aussprüche eines gelehrten Mannes vorlesen, welche hierzu passen. Der

erste ist sehr kurz und lautet: ‚Am Tage des Gerichtes will ich lieber

von Gott gerichtet werden, als von meiner eigenen Mutter.‘ Der andere

ist über den Tod des Sünders: ‚Gott ist gegen jegliche Seele unendlich

barmherzig. Was aber diejenigen angeht, die nicht zum Heile gelangen,

so glaube ich, daß Gott zu Zeiten förmlich seine Vaterarme um diese

Seelen schlingt und ihnen durch die Dunkelheit des Sündenlebens mit dem

Strahlenauge seiner Liebe ins Antlitz schaut, so daß nur ihr überlegter

böser Wille sie aus seinen Armen loszureißen vermag.‘ In diesen Worten

habt Ihr ausgesprochen, wie unendlich, wie überaus zärtlich die Güte

und Barmherzigkeit Gottes ist.“

Die ganze Unterhaltung lebte jetzt in Prescotts Geiste wieder auf.

Erst jetzt dämmerte ihm das rechte Verständnis und er fing an, es

begreiflich zu finden, wie damals, da Lehrer und Schüler sich so

unmittelbar der tröstlichsten aller religiösen Wahrheiten gegenüber

sahen, eine geheimnisvolle Ruhe gleich dem Frieden des Himmels von dem

ganzen Raume Besitz nahm.

Noch an eine andere Unterhaltung erinnerte sich der Verlassene, während

seine Arme und Beine bereits zu erstarren anfingen: an das Gespräch,

das er am Morgen nach der Geistererscheinung mit Percy gehabt. War hier

wirklich ein Engel bei ihm, sein eigener Engel? -- Ein ganz unbekanntes

Empfinden durchströmte ihn. Zum erstenmale seit langer Zeit redete er

wieder zu seinem Gott und seinem Engel, und ein herzlicher Akt der

vollkommenen Reue führte den verlorenen Sohn zum Vater zurück. Während

er dann vor dem Allbarmherzigen sein Leid und seine Liebe aussprach,

ihm dankte, daß er ihn auf so hartem Wege zu besserer Erkenntnis

geführt, gewann die Kälte immer mehr Gewalt über seine Glieder, bis sie

seinen ganzen Körper wie mit eisigen Banden einschnürte und dem Reuigen

das Bewußtsein raubte.

Als er die Augen wieder aufschlug, sah er ~P.~ Middleton, der

sich sorgenvoll über ihn beugte. Er befand sich in einer kleinen

ländlichen Behausung. Neben dem Bette, in dem er lag, standen die

Hausfrau und ein Arzt.

„Gott sei Dank, Martin, daß Du noch lebst. Der Herr Doktor sagt, wenn

ich Dich eine Stunde später gefunden hätte, so wärest Du vielleicht

nicht mehr zu retten gewesen.“

Auf ein Zeichen des Arztes näherte sich jetzt die Frau und reichte dem

Kranken eine Schale mit kräftiger Fleischbrühe.

„Der arme Junge!“ flüsterte sie, als sie zurückgetreten. „Aber sein

Gesicht ist jetzt anders geworden. Er sah viel sanfter und friedlicher

aus, als ihn der Pater brachte.“

Auch ~P.~ Middleton hatte diesen Wechsel in Prescotts Zügen

wahrgenommen.

„Er muß gebetet haben, als er die Besinnung verlor,“ war seine

Erklärung, und sie entsprach der Wahrheit. Der Wandel, den die

vollkommene Reue in Prescotts Seele hervorgebracht, hatte sich auch

seinem Antlitz mitgeteilt. Sobald jedoch die Besinnung wiederkehrte,

trat die frühere Angewöhnung in ihr längst erobertes Recht, und der

edle Ausdruck eines Betenden wich den Mienen eines Knaben, der seit

Jahren kaum je eine bessere Regung in sich hatte aufkommen lassen.

Jahre edleren Denkens und Handelns mußten erst vergehen, bevor die

frühere Roheit aus diesen Zügen verschwand.

Seine Gesinnung freilich war schon jetzt eine andere geworden. Der

Knabe, der hier voll Verwunderung in ~P.~ Middletons gütige Augen

emporsah und sich bemühte, alles, was um ihn vorging, zu reimen, war

nicht mehr der Knabe von gestern. Der Prescott von gestern war wirklich

tot.

„Ja, junger Herr,“ sagte die Frau, „Sie können sich glücklich schätzen,

daß Sie einen solchen Lehrer besitzen. Hätte er Sie nicht in seinen

Mantel gehüllt, während er selbst halb tot fror, und hätte er Sie nicht

nachher ohne Unterlaß gewärmt und gerieben, bis der Herr Doktor kam --

wer weiß, ob Sie noch lebten!“

Prescott ergriff ~P.~ Middletons Hand und küßte sie.

„Die gute Frau übertreibt stark, Martin!“

„O nein, Herr Pater! Alles, was ich sage, ist wahr. Wenn Sie einen von

Ihren Zöglingen ganz besonders gern haben, so ist es sicher dieser.“

„Pater, kann ich Sie allein sprechen?“ flüsterte Prescott.

Als der Arzt und die Frau sich zurückgezogen hatten, gab er dann einen

umständlichen Bericht all seiner traurigen und schließlich doch so

gnadenreichen Erlebnisse.

„Deine Erzählung,“ sprach ~P.~ Middleton zuletzt, „reicht hin,

mir für mein ganzes Leben den Unterricht zur liebsten Beschäftigung zu

machen.“

Er suchte dann Prescott auf eine harte Eröffnung vorzubereiten. Der

Arme mußte wenigstens zwei Finger verlieren, einen an jeder Hand. Für

die übrige Zeit seines Lebens war er ein Krüppel.

„Ich will es gern leiden,“ sprach er bei dieser Mitteilung. „Ich habe

viel Böses gethan, und ich hoffe, Gott nimmt dies zur Buße für meine

Sünden an.“

„Noch eine andere peinliche Nachricht wartet Deiner, Martin. Du -- Du

darfst nicht ins Pensionat zurückkehren.“

„Das habe ich gar nicht gehofft, Pater. Es wäre ja Sünde, einen

offenkundigen Dieb unter den Zöglingen zu lassen.“

„Offenkundig ist es nicht, Martin. Percy Wynn und ich sind im ganzen

Hause die einzigen, die darum wissen. Du kannst Dich darauf verlassen,

daß nichts verlauten wird. Ich darf noch weiter gehen: Percy will das

Geld nicht von Dir zurückverlangen und verzeiht Dir alles. Und wenn ich

Deine Geschichte in der Klasse erzähle, so bin ich sicher, daß jeder

nur mit Liebe an Dich zurückdenken wird.“

„~P.~ Middleton, das habe ich nicht verdient!“

„Solltest Du an Percy schreiben, so erwähne nicht, daß Du ihm seine

Photographien zerrissen hast. Er weiß das nämlich nicht und wird

es auch, hoffe ich, nie erfahren. Ich sorge, daß ihm die gleichen

Photographien von Hause geschickt und heimlich zugestellt werden. --

Jetzt muß ich gehen. Es ist acht Uhr und um neun soll ich zurück sein.

Da nimm diese fünf Dollar, armes Kind. Diesen Abend bist Du so weit

hergestellt, daß Du auf den Zug gehen kannst. Ich telegraphiere Deinem

Vater, daß er Dich am Bahnhofe abholt. Die Auslagen für den Arzt und

Deine Wirtin sind schon beglichen. So, jetzt lebe wohl, Martin!“

Prescott ergriff die dargebotene Hand und bedeckte sie mit Küssen.

„O lieber Pater,“ schluchzte er, „ich kann nicht sagen, wie -- wie --

-- Gott sei mir gnädig!“

~P.~ Middleton war tief bewegt.

„Wir sehen uns wieder, Martin. Ich werde täglich für Dich beten und ich

will Dir auch schreiben, wenn Du es wünschest.“

„Danke, Pater!“ war das einzige Wort, das der Kranke hervorzupressen

vermochte.

„Adieu, Martin!“

Prescott wandte sein Gesicht ab und weinte, als ob ihm das Herz brechen

wollte.

[Illustration]

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Percy Wynn · 第 58 / 77 题