Percys Pult.
Kenny hatte das Zimmer seines Präfekten als ein ganz anderer Mensch
verlassen. Jetzt endlich war es ihm sonnenklar, daß der Weg, den er in
dieser Anstalt bis jetzt gewandelt, sehr schnell bergab führe. Bei dem
Lichte, das ihm die heutigen Ereignisse gebracht, erschrak er wieder
und wieder über die Tiefe, in die er bereits gesunken.
Da er keine Lust hatte, zu seinen spielenden Kameraden zu gehen, so
trat er in den leeren Studiersaal, um hier das Ende der Erholung
abzuwarten.
Als er eben die Schwelle überschritt, störte ihn das Klappen eines
Pultdeckels aus seinen Gedanken auf. Er erhob die Augen und gewahrte
Prescott, der neben Percy Wynns Pulte stand und sehr verwirrt aussah.
„Ich suche meine lateinische Grammatik,“ sprach Prescott. „Es muß sie
mir jemand gestohlen haben.“
„Prescott, ich fürchte, Dir geht es schlimm,“ erwiderte Kenny,
ohne auf diese Worte einzugehen. „Ich wollte Dich eigentlich nicht
anzeigen; aber ich war so voll Angst, daß ich glaube, ich habe alles
ausgeschwätzt. Du thust mir leid, aber was mir am meisten leid thut,
ist, daß ich mich überhaupt mit Dir abgegeben. Ich wollte, ich hätte
Dich nie gekannt.“
„So,“ versetzte Prescott mit einem befremdlichen, ja unnatürlichen
Tone. „Ich sehe mich dann während des Studiums nach meiner Grammatik
um.“
Und mit einem sonderbaren kalten Ausdruck im Gesicht, einem Ausdrucke,
den Kenny erst nach den Begebenheiten, die wir jetzt sehen werden, ganz
verstand, eilte Prescott aus dem Saale fort.
Kenny sah ihn während des Studiums nicht. Da fielen ihm seine Worte
bezüglich der lateinischen Grammatik wieder ein und ließen einen
schrecklichen Verdacht in seiner Seele aufsteigen.
Jetzt trat ~P.~ Middleton ein und sprach mit dem Pater jene Worte,
die den Schluß des letzten Kapitels bilden. Dann ging er auf Kennys
Platz zu.
„Weißt Du etwas von Prescott?“ flüsterte er.
„Nein. Aber als ich gerade aus Ihrem Zimmer kam, sah ich ihn hier. Er
behauptete, es müsse ihm jemand seine lateinische Grammatik gestohlen
haben; die suche er jetzt.“
„Suchte er in den Pulten anderer?“
„Ja. So schien es mir wenigstens. Er hatte gerade eines wieder
geschlossen.“
~P.~ Middleton begab sich ruhig zu Prescotts Pult, öffnete es und
übersah die Bücher: die lateinische Grammatik war da. Unverändert blieb
das Gesicht des Präfekten. Er wußte ja, das jegliches Auge im ganzen
Saale auf ihn gerichtet sei.
Er kehrte zu Kenny zurück.
„Wessen Pult schloß Prescott, als Du ihn sahest?“
„Das von Percy Wynn.“
„Gut. Jetzt, Karl, geh’ hinaus und erwarte mich auf dem Gange. Ich
komme bald und habe Dir dann höchstwahrscheinlich etwas zu sagen. --
Du brauchst keine Angst zu haben,“ fügte er bei, als er bemerkte, daß
Kenny böse Kunde befürchtete. „Ich habe Deinetwegen schon mit dem
hochwürdigen ~P.~ Rektor gesprochen. Es geht alles gut.“
Er ging jetzt zu Percys Pult. Percy besaß, wie die meisten Mauracher
Zöglinge, ein schönes, verschließbares Kästchen aus Metall zur
Aufbewahrung von Briefen, Geld und etwaigen kleineren Wertsachen.
Dieses Kästchen stand offen, es war aufgebrochen worden. Ein Blick
zeigte, daß die Briefe nicht berührt waren, aber eine Anzahl
Photographien lag da zerrissen -- die Photographien von Percys Eltern
und Schwestern.
„Das arme Kind!“ dachte ~P.~ Middleton. „Diese Gefühllosigkeit ist
ihm bitterer als der Verlust von noch so viel Geld. Gäbe es doch ein
Mittel, ihm diese traurige Entdeckung zu ersparen! -- Vielleicht ist
ihm aber auch Geld gestohlen! Richtig! heute Morgen sprach er ja von
dem Taschengeld, das er noch in seinem Pulte habe. Und hier ist nichts
mehr.“
Er schloß das Pult und verließ den Saal.
„Wir müssen den Verdacht hegen,“ sprach er zu dem draußen harrenden
Kenny, „daß Prescott zu einem ganz andern Zwecke hier im Saale war,
als er vorgab. Er ist weggelaufen, wie Du wahrscheinlich auch schon
vermutet hast. Erzähle das niemanden! Sage, er sei aus der Anstalt
ausgeschlossen, was vor einer Viertelstunde wirklich geschehen ist.
Auch daß Du ihn hier gesehen, darf nicht bekannt werden. Jetzt geh’ nur
zu Deinen Büchern zurück!“
Nach einem kurzen Besuche beim Rektor verfügte sich ~P.~ Middleton
wieder auf sein Zimmer, um nachzusinnen, wie er Percy Wynn vor einem
herben Schmerze bewahren könne. Endlich glaubte er einen Ausweg
gefunden zu haben. Er ergriff die Feder und schrieb folgenden Brief:
+Sehr geehrter Herr Wynn!+
Percy besaß, wie Ihnen ohne Zweifel bewußt ist, eine Anzahl
Photographien seiner Lieben. Diese Photographien sind ihm nun
zerrissen worden, und zwar von einem Knaben, der -- ich schäme
mich, es zu sagen -- bis vor einer Viertelstunde Zögling dieser
Anstalt war. Percy selbst weiß es noch nicht. Ich fürchte aber,
die Entdeckung dieser Roheit würde dem gefühlvollen Kinde sehr zu
Herzen gehen. Deshalb sende ich Ihnen die Stücke zu mit der Bitte,
die Photographien neu herstellen und +an mich+ abschicken zu
lassen. Auf diese Weise braucht Percy nie zu erfahren, daß dieses
teure Andenken an ein glückliches Familienleben so grausam mißhandelt
worden ist.