16. Kapitel.

Percys Pult.

Kenny hatte das Zimmer seines Präfekten als ein ganz anderer Mensch

verlassen. Jetzt endlich war es ihm sonnenklar, daß der Weg, den er in

dieser Anstalt bis jetzt gewandelt, sehr schnell bergab führe. Bei dem

Lichte, das ihm die heutigen Ereignisse gebracht, erschrak er wieder

und wieder über die Tiefe, in die er bereits gesunken.

Da er keine Lust hatte, zu seinen spielenden Kameraden zu gehen, so

trat er in den leeren Studiersaal, um hier das Ende der Erholung

abzuwarten.

Als er eben die Schwelle überschritt, störte ihn das Klappen eines

Pultdeckels aus seinen Gedanken auf. Er erhob die Augen und gewahrte

Prescott, der neben Percy Wynns Pulte stand und sehr verwirrt aussah.

„Ich suche meine lateinische Grammatik,“ sprach Prescott. „Es muß sie

mir jemand gestohlen haben.“

„Prescott, ich fürchte, Dir geht es schlimm,“ erwiderte Kenny,

ohne auf diese Worte einzugehen. „Ich wollte Dich eigentlich nicht

anzeigen; aber ich war so voll Angst, daß ich glaube, ich habe alles

ausgeschwätzt. Du thust mir leid, aber was mir am meisten leid thut,

ist, daß ich mich überhaupt mit Dir abgegeben. Ich wollte, ich hätte

Dich nie gekannt.“

„So,“ versetzte Prescott mit einem befremdlichen, ja unnatürlichen

Tone. „Ich sehe mich dann während des Studiums nach meiner Grammatik

um.“

Und mit einem sonderbaren kalten Ausdruck im Gesicht, einem Ausdrucke,

den Kenny erst nach den Begebenheiten, die wir jetzt sehen werden, ganz

verstand, eilte Prescott aus dem Saale fort.

Kenny sah ihn während des Studiums nicht. Da fielen ihm seine Worte

bezüglich der lateinischen Grammatik wieder ein und ließen einen

schrecklichen Verdacht in seiner Seele aufsteigen.

Jetzt trat ~P.~ Middleton ein und sprach mit dem Pater jene Worte,

die den Schluß des letzten Kapitels bilden. Dann ging er auf Kennys

Platz zu.

„Weißt Du etwas von Prescott?“ flüsterte er.

„Nein. Aber als ich gerade aus Ihrem Zimmer kam, sah ich ihn hier. Er

behauptete, es müsse ihm jemand seine lateinische Grammatik gestohlen

haben; die suche er jetzt.“

„Suchte er in den Pulten anderer?“

„Ja. So schien es mir wenigstens. Er hatte gerade eines wieder

geschlossen.“

~P.~ Middleton begab sich ruhig zu Prescotts Pult, öffnete es und

übersah die Bücher: die lateinische Grammatik war da. Unverändert blieb

das Gesicht des Präfekten. Er wußte ja, das jegliches Auge im ganzen

Saale auf ihn gerichtet sei.

Er kehrte zu Kenny zurück.

„Wessen Pult schloß Prescott, als Du ihn sahest?“

„Das von Percy Wynn.“

„Gut. Jetzt, Karl, geh’ hinaus und erwarte mich auf dem Gange. Ich

komme bald und habe Dir dann höchstwahrscheinlich etwas zu sagen. --

Du brauchst keine Angst zu haben,“ fügte er bei, als er bemerkte, daß

Kenny böse Kunde befürchtete. „Ich habe Deinetwegen schon mit dem

hochwürdigen ~P.~ Rektor gesprochen. Es geht alles gut.“

Er ging jetzt zu Percys Pult. Percy besaß, wie die meisten Mauracher

Zöglinge, ein schönes, verschließbares Kästchen aus Metall zur

Aufbewahrung von Briefen, Geld und etwaigen kleineren Wertsachen.

Dieses Kästchen stand offen, es war aufgebrochen worden. Ein Blick

zeigte, daß die Briefe nicht berührt waren, aber eine Anzahl

Photographien lag da zerrissen -- die Photographien von Percys Eltern

und Schwestern.

„Das arme Kind!“ dachte ~P.~ Middleton. „Diese Gefühllosigkeit ist

ihm bitterer als der Verlust von noch so viel Geld. Gäbe es doch ein

Mittel, ihm diese traurige Entdeckung zu ersparen! -- Vielleicht ist

ihm aber auch Geld gestohlen! Richtig! heute Morgen sprach er ja von

dem Taschengeld, das er noch in seinem Pulte habe. Und hier ist nichts

mehr.“

Er schloß das Pult und verließ den Saal.

„Wir müssen den Verdacht hegen,“ sprach er zu dem draußen harrenden

Kenny, „daß Prescott zu einem ganz andern Zwecke hier im Saale war,

als er vorgab. Er ist weggelaufen, wie Du wahrscheinlich auch schon

vermutet hast. Erzähle das niemanden! Sage, er sei aus der Anstalt

ausgeschlossen, was vor einer Viertelstunde wirklich geschehen ist.

Auch daß Du ihn hier gesehen, darf nicht bekannt werden. Jetzt geh’ nur

zu Deinen Büchern zurück!“

Nach einem kurzen Besuche beim Rektor verfügte sich ~P.~ Middleton

wieder auf sein Zimmer, um nachzusinnen, wie er Percy Wynn vor einem

herben Schmerze bewahren könne. Endlich glaubte er einen Ausweg

gefunden zu haben. Er ergriff die Feder und schrieb folgenden Brief:

+Sehr geehrter Herr Wynn!+

Percy besaß, wie Ihnen ohne Zweifel bewußt ist, eine Anzahl

Photographien seiner Lieben. Diese Photographien sind ihm nun

zerrissen worden, und zwar von einem Knaben, der -- ich schäme

mich, es zu sagen -- bis vor einer Viertelstunde Zögling dieser

Anstalt war. Percy selbst weiß es noch nicht. Ich fürchte aber,

die Entdeckung dieser Roheit würde dem gefühlvollen Kinde sehr zu

Herzen gehen. Deshalb sende ich Ihnen die Stücke zu mit der Bitte,

die Photographien neu herstellen und +an mich+ abschicken zu

lassen. Auf diese Weise braucht Percy nie zu erfahren, daß dieses

teure Andenken an ein glückliches Familienleben so grausam mißhandelt

worden ist.

Percy Wynn · 第 55 / 77 题