15. Kapitel.

Wie ein Vierter allen zu Hilfe kam. -- In der Infirmerie.

~P.~ Middleton war es. Ein paar Worte mögen seine Ankunft erklären.

~P.~ Scott, der den Trupp Spaziergänger begleitet hatte, traf kurz

vor fünf Uhr wieder im Pensionate ein, machte aber die Mitteilung, daß

Kenny, Prescott und etliche andere fehlten. In ~P.~ Middleton

stieg sofort der Gedanke auf, es könne dieser Streich wohl mit den

Ereignissen des Tages in irgend welchem Zusammenhang stehen. Playfair

hatte ja Kenny und dessen Gesellen bei der Mißhandlung des kleinen

Granger gestört. Percy Wynn hatte unter den Zeichen größter Aufregung

nach Playfair gefragt. Richtig, der Arme war ja ganz gelähmt, sonst

wäre er sicher gar nicht mehr zu Hause gewesen; und doch lief er

so eilig hinaus! Wollte er etwa einen Anschlag gegen seinen Freund

verhindern?

„Warum habe ich ihn doch nicht weiter ausgefragt? Ich zweifle nicht,

daß sein ganzes rätselhaftes Treiben mit dem Ausbleiben dieser

Schlingel zusammenhängt.“ -- „~P.~ Scott,“ sprach er, „wollen Sie

die Güte haben, mich für die nächste Stunde zu vertreten? Ich will

sehen, ob ich der Sache nicht gleich auf den Grund kommen kann. Es muß

etwas Schlimmes im Werke sein. Beten Sie zu den heiligen Schutzengeln!“

Mit diesen Worten entfernte er sich, sattelte das beste Reitpferd,

stieg auf und jagte dem Paniflusse zu.

Als er sich dem oft genannten Steinwalle näherte, wurde er einiger

dunklen Gestalten ansichtig, die sich vor dem Reiter verbergen zu

wollen schienen. Er gab seinem Tiere die Sporen und hatte bald das

Häuflein der Wegelagerer erreicht. Es waren genau diejenigen, welche

vom Spaziergange nicht mit heimgekommen waren.

„Sofort nach Hause!“ donnerte er streng. „Wer in zwanzig Minuten nicht

da ist, kann sich auf eine gehörige Strafe gefaßt machen. Was Ihr bis

jetzt verdient habt, sage ich Euch heute Abend.“

Dann wandte er sein Pferd, ließ die verblüfften Attentäter mit ihrem

Schrecken allein und galoppierte dem Bahnkörper zu, wo er seiner

Anweisung an Percy zufolge auch noch etwas zu entdecken hoffte. Bald

hatte er den Bahndamm in Sicht. Was auf der hohen, scharf abgegrenzten

Linie desselben in Bewegung war, ließ sich leicht erkennen, da es sich

vom Firmamente deutlich abheben mußte. So brauchte ~P.~ Middleton

nur ein paar Minuten in der Nähe über die Prärie hinzureiten, um den

eilenden Harry zu gewahren. In einem Augenblick war er bei ihm.

„O ~P.~ Middleton!“ rief der hemdärmelige Läufer, „Gott sei Dank,

daß Sie kommen! Der arme Percy ist halbtot vor Müdigkeit. Ich bin

vorangelaufen, um Hilfe zu holen. Tom ist bei ihm, nur vielleicht zehn

Minuten von hier.“

„Warum habt Ihr denn nicht den kürzeren Weg über die Prärie genommen?“

„Weil -- ja, weil Percy das nicht wollte.“

„So, so, Percy wollte das nicht! -- Und wo ist Deine Jacke geblieben?“

„Meine Jacke? Die wird mir Tom wohl mitbringen. Percy hat noch darauf

geschlafen, als ich wegging.“

„Gut, Harry! Geh’ jetzt zurück, daß Du Deine Jacke wiederbekommst.“

Er verdoppelte seine Eile und war schnell bei Tom, der schon recht

unsicher unter seiner Bürde daherschritt.

„Bravo, Tom! Bravo! Du bist ja selbst schon müde zum Umfallen. Ist

Percy bewußtlos?“

„O, ich bin ganz wohl, Pater!“ rief Percy, so laut die kraftlose Stimme

noch rufen konnte. „Guten Abend, Pater!“

„Kannst Du ihn mir heraufreichen, Tom?“

„Gewiß,“ sprach der kleine Träger und keuchte heran. „Er ist gar nicht

besonders schwer.“

~P.~ Middleton nahm ihn vor sich und setzte ihn, so gut es ging,

zurecht.

„Armes Kind!“ sprach er mitleidig. „Und ich selbst trage noch die

Schuld daran. Es hätte mir doch einfallen müssen, daß Du schon so müde

warest. Ich hätte Dich nicht sollen gehen lassen.“

„O, Sie konnten mir nichts Lieberes thun, Pater, als mich gehen lassen.

Um keinen Preis möchte ich diesen Gang missen.“

„Tom,“ fuhr der Präfekt fort, „Du gehst jetzt zu Harry, der gerade so

müde ist wie Du. Ihr braucht nicht rasch zu gehen. Percy und ich sind

vor Euch zu Hause und wollen sorgen, daß noch ein gutes Abendessen für

Euch bereit steht. Nicht wahr, Percy?“

Percy lächelte schwach.

„Wenn Ihr anlangt, begebt Ihr Euch gleich zur Infirmerie. Der

Krankenbruder soll Euch heute zu Gast haben. Laßt es Euch nur

ordentlich schmecken! -- Ah, Harrys Jacke! Da, gieb sie ihm!“

Dann sprengte er in einem sanfteren Schritt, der seinem leidenden

Gefährten nicht unangenehm war, zum Kolleg zurück. Dort lenkte er

zur Thüre der Infirmerie, stieg ab und trug seinen Schützling in die

Abteilung, welche für die Kleinen bestimmt war.

„Bruder, hier ist ein Junge, der mal probieren wollte, wie weit er

laufen könnte, ohne sich umzubringen.“ Dabei legte ~P.~ Middleton

den Knaben sanft auf ein Bett nieder. „Sie sehen, er ist sehr schwach

und bedarf etwas, um wieder auf die Beine zu kommen.“

Der Bruder begab sich in seine Apotheke und kehrte mit einem Glase Wein

zurück.

„Nimm das, Kleiner, dann wird es gleich besser. -- Es freut mich

übrigens, daß Du kommst,“ fuhr er fort, während Percy langsam den

stärkenden Trank zu sich nahm. „Seit vierzehn Tagen ist niemand mehr

hier gewesen, und es wird mir beinahe langweilig.“

„Diesen Abend wird’s Ihnen nun jedenfalls nicht langweilig werden,

Bruder,“ sprach ~P.~ Middleton. „Ich habe noch zwei andere hierher

bestellt: Quip und Playfair. Sie haben Percy brav geholfen und sind

fast so müde wie er. Sie hoffen bei Ihnen bis morgen Kost und Obdach

zu finden. Für diese Gäste dürfen Sie heute auch etwas mehr aufwenden.“

„O, natürlich, Pater,“ erwiderte der Bruder herzlich und rieb sich die

Hände. „Ein Abendessen sollen sie haben, wie noch niemals, seit sie in

Maurach sind.“

„Gut also. Ich habe noch einige wichtige Sachen in Ordnung zu bringen,

Bruder. Deshalb will ich mich zurückziehen und Ihnen alles Weitere

überlassen. -- Gute Nacht, Percy!“

„Gute Nacht, ~P.~ Middleton. Meine Schwestern hätten nicht gütiger

sein können, als Sie gewesen sind, ja nicht einmal meine Mutter.“

Der Pater lächelte, als er sich ohne weitere Entgegnung rasch

entfernte. Ich vermute, er beeilte sich deshalb so sehr, weil er ein

Erröten sich nicht wollte anmerken lassen.

Die Zöglinge hatten den Speisesaal schon wieder verlassen und spielten

auf dem Hofe.

~P.~ Middleton ging jedoch nicht zu ihnen, sondern in sein Zimmer,

und ließ Kenny zu sich rufen.

Nachdenklich setzte er sich an seinen Tisch, stützte den Kopf auf beide

Hände und suchte nach dem Faden, der die Ereignisse dieses bewegten

Tages verknüpfte.

„Was weiß ich nun eigentlich?“ sprach er zu sich selbst. „Heute Morgen

platzt Tom mit diesen nämlichen Jungen zusammen -- dann sehe ich die

verdächtige Munkelei im Hofe -- es muß sich um etwas ungewöhnlich

Niedriges gehandelt haben, sonst hätte sich Skipper nicht von ihnen

losgesagt, und Skipper war auch am Nachmittag nicht mit dabei -- dann

Percy mit seinem rätselhaften Unterfangen, das ihn nahezu ruiniert, --

und zu welchem Zweck? damit die beiden nicht auf dem vorgehabten Wege

heimkehren -- ich treffe die Bande an einer Stelle, wo Playfair und

Quip vorbeigekommen wären, wenn Percy sie nicht gewarnt hätte -- man

hat auf sie gelauert -- aber was sollte ihnen wohl geschehen -- und wer

ist das eigentliche Haupt der Verschwörung -- doch vielleicht erfahre

ich das jetzt.“

Es klopfte.

„Herein!“

Kenny, totenblaß, betrat das Zimmer.

„Ah, da ist er! Das ist eine saubere Geschichte, Kenny. ~P.~ Scott

hat Euch diesen Morgen Euer Betragen schon vorgerückt. Ich glaube aber,

von der Wirklichkeit hatte er gar keine Ahnung. -- Was kannst Du zu

Deiner Verteidigung vorbringen?“

„Der Anschlag geht ganz gewiß nicht von mir aus, Pater,“ beteuerte

Kenny, der mit Recht fürchtete, man werde ohne weiteres ihn in erster

Linie verantwortlich machen. „Ich schäme mich fürchterlich, Pater,

daß ich nachgab. Aber ich hatte nicht vorausgesehen, daß eine so

schrecklich kalte Nacht folgen würde.“

„Oho, kalte Nacht!“ sprach der Präfekt zu sich selbst. „Playfair

sollte also draußen die Nacht zubringen. Gar nicht übel, das! Aber

wie?“ Mit lauter Stimme fuhr er fort: „Daran hättest Du aber denken

+müssen+. Die beiden hätten sich ja eine schwere Krankheit

zuziehen können!“

„Ich habe das auch immer entgegen gehalten und habe gesagt, man sollte

ihnen wenigstens den Mund nicht verstopfen. Aber Prescott wollte nichts

davon wissen. Er sagte, sie machten dann einen solchen Lärm, daß alles

in die Brüche ginge.“

„So?“ ~P.~ Middleton wußte genug. „Ich will mir den Fall weiter

überlegen. Du kannst gehen.“

„Aber, Pater, seien Sie überzeugt, daß ich mich bessern will. Haben Sie

noch einmal Geduld mit mir! Ich weiß, daß ich mich bessern kann, wenn

ich will. O, bitte, Pater, sorgen Sie doch, daß ich nicht weggejagt

werde! O, ich hätte nie gedacht, daß es so weit mit mir kommen würde.

Ich versichere Sie, es soll anders werden.“

„Nun ja,“ erwiderte ~P.~ Middleton, bewegt durch die Reue und die

Angst, welche aus des Knaben Zügen sprach. „Ich will versuchen, ob sich

etwas für Dich thun läßt; versprechen kann ich Dir freilich nichts,

denn alles hängt von jemand anders ab. Morgen gebe ich Dir Nachricht,

und ich hoffe, gute.“

„O, ich danke Ihnen, Pater! Ich will Ihnen in Zukunft folgsamer sein,

als bis jetzt.“

„Hab’ mir’s doch gedacht!“ fuhr ~P.~ Middleton bei sich

selber fort, als Kenny das Zimmer verlassen hatte. „Prescott ist

der Hauptschelm; Kenny war nur die Tatze, die er vorstreckte.

Wahrscheinlich hat er seinen Leuten eingeredet, es werde niemand

fortgeschickt, weil ihrer zu viele seien. Er muß einen großen Einfluß

auf sie besitzen, sonst hätten sie sich zu dieser Gemeinheit nicht

hergegeben. Sein Hiersein ist eine ständige Gefahr für den guten Geist

unserer Kinder. -- Mein Gott! so weit ich denke und gehört habe,

ist ein ähnlicher Fall doch noch nie in einem unserer Pensionate

vorgekommen.“

Unterdessen begingen die drei Freunde in der Infirmerie, wie Harry

sich auszudrücken beliebte, eine ‚hochfein altehrwürdige Zeit‘. Tom

und Harry hatten einen gar nicht zu verachtenden Appetit von ihrer

Exkursion mitgebracht, und was ihnen vorgesetzt wurde, war ebenfalls

nicht zu verachten. Wie der Toast verschwand! und die Eier und der

Schinken! Man darf nicht weiter davon reden, um die Braven nicht in

üblen Geruch zu bringen. Percy allerdings war zu sehr ermüdet, um

dem Mahle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Sein Geist jedoch war

ganz frisch und mit gewohnter Lebhaftigkeit nahm er, in einem großen

Lehnstuhle sitzend, an der Unterhaltung teil.

Der gute Krankenbruder hatte die Geschichte dieses Nachmittags bereits

von Percy vernommen, zwang aber nichtsdestoweniger Tom, sie noch

einmal zu erzählen. Endlich bewog er Harry, noch eine dritte Auflage

zu veranstalten. Das wurde freilich keine verbesserte -- die erste

war die beste gewesen -- aber eine ganz bedeutend vermehrte. Harrys

Phantasie offenbarte eine staunenswerte Fruchtbarkeit. Eine ganze Reihe

von Einzelheiten, von denen Tom und Percy nichts erlebt hatten, erfand

er fröhlich dazu und erzählte sie so haarklein, als ob er wirklich mit

dabei gewesen wäre. Tom und Percy wußten ihrem Staunen keinen Rat und

hatten alle Mühe, ihn bei den Thatsachen zu halten, wodurch natürlich

das Vergnügen des Bruders nur um so größer wurde.

„Die Geschichte ist so gut, als stände sie in einem Buche,“ sprach er

zuletzt. „Und hätte ich Zeit, ich würde sie aufschreiben, herausgeben

und viel Geld damit verdienen.“

Harry Quip war überhaupt heute so lustig wie noch nie. Eine Schnurre

nach der anderen fiel ihm ein, so daß der Saal von dem heitern Lachen

der kleinen Gesellschaft fortwährend widerhallte.

Endlich jedoch wurde die Unterhaltung stiller.

„Wißt Ihr auch,“ fragte Percy ernst, „daß ich dies als eine Strafe

meiner Eitelkeit ansehe?“

„Meinst Du Dein Essen?“ warf Quip mit schelmischem Blicke ein.

„Nein, Harry! Du scherzest; ich meine die Schmerzen in meinen Beinen!“

„Warum denn?“

„Weil ich früher, wenn ich mit meinen Schwestern tanzte, auf meine

Geschicklichkeit sehr eitel zu sein pflegte. Aber jetzt werde ich mir,“

fügte er schmerzlich bei, „nie wieder etwas auf meine Beine einbilden.“

„Nach dieser reuevollen Bemerkung,“ erklärte der Bruder, „dürft Ihr

ganz passend zu Bette gehen.“

Die übrigen Zöglinge saßen wieder im Studiersaal hinter ihren Büchern.

Allein ein rechter Eifer war offenbar nicht vorhanden. Eine gewisse

Unruhe herrschte im ganzen Saale, und war für jeden, der zu schließen

verstand, ein Zeichen, daß irgend ein peinlicher Vorfall sich ereignet

habe und noch seines Ausganges harre.

Mehrere Zöglinge, die wir sehr wohl kennen, fehlten. Der Aufsicht

führende Pater wollte vorschriftsmäßig eben ihre Namen notieren, als

die Thüre sich öffnete und ~P.~ Middleton eintrat. Leise ging er

zu dem Pater hin und fragte in flüsterndem Tone:

„Ist Martin Prescott hier?“

„Nein. Sehen Sie dort: sein Platz ist unbesetzt.“

Wo war Prescott geblieben?

Um das zu erforschen, müssen wir zurückkehren zu der Zeit, da Kenny von

~P.~ Middleton schied, während die Zöglinge noch im Hofe spielten.

[Illustration]

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Percy Wynn · 第 54 / 77 题