Wie die geretteten Freunde ihrem Retter helfen.
Tom kniet auf dem Boden und sieht besorgten Blickes in das Antlitz des
Bewußtlosen. Endlich öffnen sich die Augen.
„Geht es besser, Percy?“
„Wasser!“ haucht der kaum Erwachte.
„Lauf schnell, Harry!“
Der tummelte sich nicht schlecht und kehrte bald mit einer Feldflasche
voll Wasser zurück.
Der Trunk erfrischte Percy sichtlich; das erblaßte Antlitz zeigte
wieder mehr Farbe und Leben.
„Trink noch einmal, Percy! Es thut Dir wohl. -- So -- in zwei Minuten
bist Du wieder wie neugeboren!“
„O Tom!“ flüsterte Percy mit schwacher Stimme. „Ich war so nahe daran,
Euch nicht mehr zu treffen.“
„Das warst Du allerdings. Hättest Du nicht einen so höllischen Lärm mit
Deinem Pfeifen gemacht, Harry und ich wären schon halbwegs bis Maurach.
-- Aber jetzt laß hören, was Dich auf die Prärie herausgetrieben hat!
Jeder vernünftige Junge mit Beinen, wie Du sie hast, wäre eher zu Bett
gegangen. Du bist ja kaum imstande wieder heimzukommen. Und erst wenn
Du uns nicht getroffen hättest!“
Percy erwiderte nichts.
„Es muß etwas los sein,“ fuhr Tom fort. „Hat Dich wieder jemand
gequält?“
„O nein, Tom. Die meisten sind ja sehr freundlich gegen mich. Und
selbst wenn sie mich einmal necken, weil ich noch so mädchenhaft bin,
dann geschieht es immer mit so großer Gutmütigkeit.“
„O das kennen wir!“ warf Harry dazwischen.
„Ich wollte Euch nur bitten, nicht über die Prärie, sondern den
Bahnkörper entlang nach Hause zu gehen.“
Tom pfiff.
„Und wir sollen glauben, Du hättest Deine armen Beine so mißhandelt und
Dich in eine tödliche Ermüdung gerannt, nur um uns einen andern Heimweg
anzuraten?“
„Doch, Tom. Prescott und -- ich weiß nicht wer sonst, es sind ihrer
aber mehrere -- liegen auf der Prärie im Hinterhalt und lauern Euch
auf. Sie wollten Euch binden und Euch dann auf der Prärie liegen
lassen. Ich war so in Angst, ich möchte Euch verfehlen, und das wäre
beinahe auch geschehen. Jetzt bin ich so froh, daß es gelungen ist.
Gott sei Dank!“
Sprachlos starrten ihn die beiden Freunde an. Zum erstenmale seit
langer Zeit füllten sich Toms Augen mit Thränen. Harry Quip aber brach
in lautes Schluchzen aus.
„Percy,“ sprach endlich Tom mit einer Stimme, die zugleich Rührung und
Nachdruck wiedergab, „wenn ich je gesagt habe, Du seiest kein rechter
Junge, so war ich verrückt. Als wir Dich diesen Mittag sahen, konntest
Du kaum einen Schritt thun, und jetzt läufst Du eine ganze Stunde um
zweier armen Tröpfe willen!“
Er wischte sich verstohlen die Augen.
„O bitte, Tom! Macht nicht so viel Aufhebens davon. Es war gar nicht
so schrecklich. Mir ist ja gar nichts Schlimmes passiert. Ich bin nur
deshalb ohnmächtig geworden, weil ich eben die viele Bewegung noch
nicht ertragen kann. Ich wollte von Herzen gern für jeden von Euch noch
viel mehr thun.“
„Ich bildete mir immer ein,“ fuhr Tom unbekümmert um Percys Worte fort,
„ich wüßte, was ein rechter Junge ist. Unsinn! Nichts wußte ich. Jetzt
geht mir erst ein Licht auf. O Percy, Percy, wie konntest Du --“
Schnell erhob sich Percy.
„Kommt! vorwärts! Es ist die höchste Zeit! Mir fehlt ja nichts! Ich bin
wirklich noch nie so froh gewesen wie jetzt. Ich hätte nie geglaubt,
Euch noch irgendwie nützlich sein zu können.“
„Das bist Du aber,“ erklärte Tom bewegt, „und bist es gewesen. Von Dir
habe ich mehr gelernt als aus vielen, vielen Büchern.“
„Und ich,“ fügte Harry bei, dessen Erregung soweit nachgelassen hatte,
daß er seine Dankbarkeit in Worte kleiden konnte, „ich hätte nie
gedacht, ich könnte von Dir auch nur halb so viel lernen, als Du mir in
diesen paar Minuten beigebracht hast.“
Eine Pause trat ein. Für beide Knaben, die, selber edelmütig und
großherzig, Percys Opfermut voll und ganz zu würdigen verstanden,
bedurfte es einiger Ruhe, bis sie ihre Aufmerksamkeit wieder den
Forderungen des Augenblicks zuwenden konnten.
„Wie sollen wir heimkommen, Tom?“ fragte endlich Harry. „Er hat sich
kaum hierhin zu schleppen vermocht und kann unmöglich denselben Weg
noch einmal zurücklegen.“
„O, ich bin ja noch ganz gut auf den Beinen!“ versetzte Percy
entschlossen. „Nur wegen des Laufens bin ich so müde geworden. Gehen
kann ich ohne Mühe.“
Schweigend schritten sie nun dem Bahnkörper zu.
„Wären nur Donnel und Keenan hier!“ knirschte Tom nach einer Weile und
ballte die Faust. „Dann gingen wir sicher den andern Weg!“
„Es wird schon merklich kälter,“ sprach Harry. „Es giebt eine frostige
Nacht. Und wie schneidend kalt der Wind ist! Huuu -- -- denk’ nur, was
wir zittern und beben würden, wenn wir in diesem linden Lüftchen fein
ruhig zu liegen hätten. Und eine ganze Nacht durch! Da verginge es uns
schon, am andern Tage auch nur ‚Guten Morgen‘ zu sagen!“
„Auch wenn sie uns kein Schnupftuch in den Mund gestopft hätten,“
ergänzte Tom.
Percy erzählte dann mit schwacher Stimme, wie es ihm gelungen, hinter
den abscheulichen Plan zu kommen. Allein unterdessen wurden seine
Schritte immer unsicherer, während zugleich hin und wieder ein Ausdruck
des verhaltenen Schmerzes über sein Gesicht glitt.
Mittlerweile war es fast halbfünf geworden, und die Strecke, die sie
zurückgelegt, betrug noch nicht ein Viertel des Heimweges.
„Percy,“ sprach Tom, als die Erzählung zu Ende war, „Du bist ja fast
außer stande, weiter zu gehen. Wenn ich Dir doch meine Beine wenigstens
für einige Zeit abtreten könnte! Die würden sich freuen, endlich einmal
in anständige Gesellschaft zu kommen.“
„Sorge nicht um mich, Tom! Ich bin ja ganz wohl. Allerdings fühle ich
mich etwas gelähmt, das ist wahr. Es kommt aber nur davon, daß ich im
Laufen gar keine Übung habe.“
„Gut, Percy, deshalb wollen Harry und ich Dir von unsern Beinen soviel
leihen, als sich machen läßt. -- Harry, nimm Du seinen rechten Arm; ich
fasse ihn beim linken. Wir können ja denken, wir wären Polizisten und
sollten diesen Burschen auf die Wache bringen.“
„O, ich wollte nur, ich wäre ein Polizist!“ versicherte Harry. „Dann
hätte ich bald Hilfe herbeigepfiffen. -- Nein, doch nicht! Ich ließe
niemand helfen, so lange ich selber noch einige Kräfte hätte.“
Von den Freunden unterstützt, ja fast getragen, ging Percy wieder ein
Weilchen voran. Doch es entging ihren wachsamen Augen nicht, wie trotz
ihrer Hilfe immer häufiger ein heftiger Schmerz seinen ganzen Körper
erschütterte.
„Und alles das für mich und Harry!“ dachte Tom, während sich abermals
seine Augen heimlich mit Thränen füllten. „Wenn wir nicht mehr für
ihn thun, zieht sich der arme Junge noch einen ernsten Schaden zu. --
Hätte er nur von der ganzen Verschwörung nichts gehört! Wir hätten
uns vielleicht doch noch durchgeschlagen. Und wenn nicht -- ich
wollte lieber die ganze Nacht da liegen, als den guten Percy in diesem
Zustande sehen!“
„Wir wollen einmal einen Augenblick ausruhen!“ fügte er laut bei.
Sogleich zog er dann seinen Rock aus; Harry verstand ihn und folgte
seinem Beispiele. So bereiteten sie für Percy auf einem grasbedeckten
Plätzchen ein Lager. Tom setzte sich an dem einen Ende desselben, den
Rücken gegen einen Stein gelehnt flach auf den Boden und zwar so, daß
er das Lager an seiner rechten Seite hatte.
„Jetzt, Percy,“ sprach er, „leg’ Dich hier nieder! Du bist von Deiner
Anstrengung noch zu heiß und würdest Dich auf dem bloßen Boden
erkälten. Ein Kissen haben wir leider nicht; deshalb mußt Du es Dir auf
meinem Knie bequem machen.“
Ohne Widerrede that Percy nach Toms Anweisung, indem er beiden dankbar
zulächelte. Kaum hatte er sich ausgestreckt, als seine Augen auch
sofort zufielen, gerade als sänke er in eine plötzliche Ohnmacht.
Beide Knaben sahen mit lebhaftester Besorgnis in das ruhige,
abgemattete Antlitz, das ihnen in ihrer Angst vorkam wie das Antlitz
eines Toten.
„Harry,“ sprach endlich Tom im leisesten Flüstertone, „meinst Du
wirklich, Percy könnte schneller gehen, wenn er etwas geschlafen hat?“
„Sicher nicht; wir müssen ihn so ganz langsam heimbringen, wenn wir
auch eine Stunde zu spät kommen.“
„Ich will Dir was sagen, Harry. Zu Fuß kommt er nie nach Haus. Ich
bleibe hier und warte, bis er erwacht; dann trage ich ihn, soweit ich
komme. -- Ach wäre ich doch nur für eine Stunde ein Mann! -- Du aber
rennst jetzt gleich, was Du rennen kannst, und holst Hilfe, am besten
einen Wagen. -- Wir wollen beten, daß alles gut abläuft.“
Ungesäumt eilte Harry davon, während Tom geduldig Percys Erwachen
abwartete. Ängstlich lauschte er auf die schwachen Atemzüge des
Schlafenden. Da schlug dieser die Augen auf.
„O, Gott sei Dank!“ rief Tom. „Wie fühlst Du Dich, Percy? Besser?“
Percy gewahrte die übergroße Bekümmernis seines Freundes.
„O gewiß!“ sprach er leise, indem er sich bemühte, frisch und wohlgemut
dreinzusehen. „Ich glaube, ich komme jetzt bis nach Hause.“
„Sehr gut, Percy! Also voran!“
Tom half ihm aufstehen und zog dann seine Jacke an.
„Und Du kannst wohl Harrys Jacke tragen, Percy.“
„Sehr gern, Tom!“
„Gut, ich hänge sie Dir um wie ein Kriegsmäntelchen; das sieht ganz
schön aus.“
Percy war zu sehr geschwächt, um seiner Überraschung noch Ausdruck zu
verleihen, als ihn Tom jetzt ohne Umstände ergriff, aufhob und mit ihm
weiter ging, als verstände sich das von selbst.
Zum Glücke für Tom war der Leidende, obgleich ein volles Jahr älter,
sehr zart gebaut. Doch blieb er immerhin eine ansehnliche Last für den
Zwölfjährigen. Aber Dankbarkeit und ein gewisser edler Stolz, sich an
Großmut nicht übertreffen zu lassen, schienen Toms Kräfte zu erhöhen.
So schritt er dahin, schnellen und sichern Fußes. In seinen Mienen trug
er eine möglichst große Gleichgültigkeit zur Schau, obwohl er bald
anfing hastiger zu atmen.
„Keine Angst, Percy!“ sagte er, als dieser ihn einmal sehr besorgt
anschaute. „Ich werde nicht müde. Du weißt ja, ich war immer darauf
aus, meine Kräfte zu üben. Ich habe schon Schwereres gehoben. Ich
könnte sogar mit Dir laufen, nur fürchte ich, anzustoßen und Dich
unsanft auf den Boden zu setzen.“
Bald gewahrte er durch die schon tief herabgesunkene Dämmerung einen
Reiter im Galopp heransprengen. Sollte das schon die Hilfe sein, die
Harry schickte? Sein Herz schlug freudiger, je näher Roß und Reiter
kamen.
„Hurra!“ rief er, als die Gestalt des Helfers einigermaßen kenntlich
geworden. „Percy, hättest Du das gedacht? ich glaube, es ist ~P.~
Middleton.“
[Illustration]
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