13. Kapitel.

Ist das ein Feigling?

Sobald Percy vom Hofe aus nicht mehr gesehen werden konnte, begann er

zu laufen. Von seiner Steifheit fühlte er in der Aufregung nichts mehr.

Niemand hätte bei seinem Anblick geglaubt, daß er zehn Minuten vorher

sich kaum durch den Hof zu schleppen vermochte.

Ein paar Minuten rannte er dahin. Allein dann traten auch schon die

ersten Zeichen der Ermattung ein. Sein Atem wurde kürzer, heftiger und

lauter, und sein Herz fing an rascher zu schlagen.

„O mein Gott, mein Gott! Was soll ich anfangen?“ murmelte er, während

sein Lauf sich in ein schnelles Gehen verwandelte. „Ich bin ja so

schwach und müde! Und Tom und Harry sind in Gefahr! Mein heiliger

Schutzengel, hilf mir!“

Doch während der ersten Viertelstunde schritt er immerhin noch rüstig

voran, obgleich ein Ruf zu seinem unsichtbaren Begleiter fast jeden

seiner Schritte begleitete.

„Ein gutes Viertel des Weges! Gott sei Dank! Jetzt mutig ans zweite!“

Mit einem neuen, innigen Gebete zu seinem Engel, den er mit dem Auge

eines lebendigen Glaubens sich gegenwärtig sah, setzte er sich wieder

in Trab.

Aber dieses Mal verließen ihn die Kräfte viel schneller. Um seine

Leiden und Befürchtungen zu erhöhen, machte sich auch die frühere

Lähmung wieder fühlbar. Jeder Schritt verursachte ihm Schmerzen.

Sein Gesicht glühte vor Anstrengung und war von Schweißtropfen ganz

bedeckt. Aber die krampfhaft zusammengepreßten Lippen und der feste,

entschlossene Blick zeigten deutlich, daß ein starker, männlicher Wille

in diesem schwachen Körper wohne. Jeder Schritt kostete Mühe und Pein,

aber jeder Schritt wurde auch aufgeschrieben an jenem Orte, zu dem Pein

und Müdigkeit keinen Zutritt haben, weil er der Wohnplatz ungestörten

Friedens und seliger Ruhe ist.

Percys Schmerzen nahmen mit jeder Minute zu. Bald quollen ihm die

Thränen aus den Augen und rollten die Wangen herab. Aber jetzt war

es zum Umkehren schon zu spät. Jetzt konnte nur noch er, er allein,

Tom und Harry retten. Und doch, wie heftig drängte es ihn, sich

niederzulegen! Wie einladend erschien seinen Augen das verdorrte,

herbstliche Gras!

„O, ich komme nicht weiter!“ dachte er. „Aber wenn ich nicht weiter

komme, werden Tom und Harry -- nein, ich halte aus! Vorwärts! So lange

ich nicht umfalle, gehe ich voran!“

Abermals begann er zu laufen, und merkwürdigerweise hielt er jetzt

länger aus, als das erste Mal, obgleich ihm der Schmerz einen Seufzer

um den andern entpreßte.

Ein heftiger Luftstoß von Norden traf ihn, ergriff seinen Hut und

führte ihn wirbelnd weg. Der Wind begann sein gefühlloses Spiel mit

Percys Lockenhaar zu treiben; bald schlug er es ihm vor die Augen, bald

ließ er es lang in der Lust flattern. Aber darauf konnte der Knabe

nicht achten. Es galt ja Tom und Harry zu retten.

Ist das noch Mamas Herzkäferchen von Anfang des Schuljahres? Derselbe,

der meinte sterben zu müssen, wenn er weiter als zwanzig Minuten gehe?

Er ist es und ist es nicht. Diesen Opfergeist brachte er schon aus dem

Elternhause mit; allein seine Körperkräfte hätten damals nicht ein

Dritteil dieser Anstrengungen zu leisten vermocht.

Eine starke halbe Stunde war er nun schon unterwegs. Da stieß er in

seinem peinvollen Laufe mit dem Fuße an einen Stein, daß er wankte

und hinstürzte. Schwindel überkam ihn, und zugleich stieg das blinde,

aber sehr mächtige Verlangen in ihm auf, liegen zu bleiben, wo er lag.

Der Kopf sank ihm zur Erde; die Augen schlossen sich; er war beinahe

bewußtlos. Tom und Harry schienen verloren. Da erschauerten plötzlich

seine Glieder -- vielleicht von der Kälte des nahenden Abends; er

schlug die Augen auf, das Bewußtsein kehrte zurück.

„O Maria, hilf!“ stöhnte er.

Mit Aufbietung aller Willenskraft erhob er sich und nahm den Weg wieder

unter seine Füße. Freilich schwindelte ihm noch, und sein Herz pochte

laut hörbar. Aber er zwang sich voran -- weiter, weiter!

Auf einmal entfuhr seinen Lippen ein Laut -- es war kein Schrei -- der

Freude. Die Brücke, die Panibrücke war in Sicht, noch weit weg, aber in

Sicht.

„O Gott sei Dank!“ sprach er oder versuchte er zu sprechen, denn die

zersprungenen Lippen versagten ihren Dienst.

Abwechselnd gehend und laufend eilte er mit erneuertem Mute der Brücke

zu. Je näher sie kam, um so mehr wuchs seine Hoffnung und ersetzte die

schwindenden Kräfte. Noch ein Lauf -- ein paar hundert Schritte --

jetzt ist die Brücke erreicht.

Zitternd, atemlos, den Ausdruck des Schmerzes in dem von Schweißtropfen

und Thränen überronnenen Antlitze langte er an; seine Kleider und

selbst sein Haar waren mit Staub bedeckt. Da lehnte er, todmüde, aber

innerlich frohlockend, an einen Pfosten und ließ sein Auge die Gegend

auf und ab durchmustern. Doch von Tom und Harry gewahrte er nichts.

Er zog die Pfeife hervor und setzte sie an die Lippen; sie gab einen

starken, durchdringenden Ton. Allein auch ihre Stimme blieb ohne

Antwort. Kein Laut unterbrach die Einsamkeit der Prärie; keine Bewegung

gewahrte er, als das träge, schleichende Wasser des Flusses.

Er wollte weiter gehen. Aber wohin? Den Fluß hinauf oder hinab? Noch

nie hatte ihn ein Spaziergang an diesen Fleck der Prärie geführt.

Er wußte auch nicht, welche Plätze für Tom und Harry eine besondere

Anziehungskraft besaßen, so daß er sie dort hätte aufsuchen können.

Da fiel ihm ein, daß die beiden Freunde ja vom Flusse aus über

die Prärie heimgehen wollten, und daß dieser Weg bei weitem der

kürzere sei. Das konnte aber nur der Fall sein, wenn sie sich weiter

stromaufwärts befanden. Ohne Zögern machte er sich also wieder auf.

In einer Entfernung von ungefähr tausend Schritten sah er eine leichte

Erhöhung, von deren Scheitel er sich einen Rundblick über die Ebene

und namentlich über das Flußufer versprach. Dorthin schleppte er sich

also mit Einsetzung aller Kräfte, welche Liebe und Hoffnung in den

erschöpften Gliedern noch rege machen konnten. Auf halbem Wege sah

er sich gezwungen, einen Augenblick zu rasten; es kam ihm vor, als

drehe sich um ihn herum alles im Kreise. Er war nahe daran, abermals

hinzusinken.

„Herz Jesu, gieb mir Kraft!“

Wieder konnte er sich voranschleppen. Noch ein paar Minuten voll

Schmerz und Anstrengung, und er stand oben.

Zum Teil war seine Erwartung erfüllt; denn die Höhe gewährte eine

ziemlich weite Aussicht. Allein die beiden Knaben vermochte er nicht zu

entdecken.

Percy brach nicht in Thränen aus; sein Kummer war für Thränen zu tief.

Sollten also trotz all seiner Anstrengung die lieben Freunde ihrem

Schicksal nicht entrinnen?

Noch einmal durchschweifte sein ermattetes Auge den Gesichtskreis.

Gegen Westen hin, nicht sehr nahe, hob sich eine langgestreckte

Hügelwelle scharf vom klaren Abendhimmel ab. Standen nicht zwei Figuren

auf ihrem Scheitel? Percys Sehkraft war zu sehr geschwächt, um das mit

Sicherheit sagen zu können. Aber wenn sie es wären, was half es ihm? So

weit reichte ja die Stimme eines Halbtoten nicht. Und womit könnte er

sich ihnen sonst bemerklich machen? -- Ach ja, die Pfeife. Wieder ließ

er sie schrill und laut ertönen.

Wurde sie gehört? Wandten sich die zwei Gestalten, in denen er seine

Freunde zu erblicken glaubte, bei ihrem Schalle um? Noch einmal pfiff

er und versuchte mit letzter Kraft ihre Namen zu rufen. Armes Kind!

Dein Rufen würde kaum ein Vögelchen aufscheuchen, wenn es auch gerade

vor Dir säße.

Das Gefühl des Schwindels nahm zu. Percy wußte kaum noch, was er that.

Er bückte sich nieder und suchte am Boden umher, wonach, das hätte

er selbst nicht sagen können. Ein langer Stock, der wohl einmal als

Angelrute gedient hatte, lag dort im dürren Grase. Percy ergriff ihn,

nahm sein Taschentuch, knüpfte es hastig an das eine Ende desselben und

schwenkte es dann hoch in der Luft hin und her, so lange, bis er wankte

und ohnmächtig zu Boden fiel.

[Illustration]

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Percy Wynn · 第 52 / 77 题