Ist das ein Feigling?
Sobald Percy vom Hofe aus nicht mehr gesehen werden konnte, begann er
zu laufen. Von seiner Steifheit fühlte er in der Aufregung nichts mehr.
Niemand hätte bei seinem Anblick geglaubt, daß er zehn Minuten vorher
sich kaum durch den Hof zu schleppen vermochte.
Ein paar Minuten rannte er dahin. Allein dann traten auch schon die
ersten Zeichen der Ermattung ein. Sein Atem wurde kürzer, heftiger und
lauter, und sein Herz fing an rascher zu schlagen.
„O mein Gott, mein Gott! Was soll ich anfangen?“ murmelte er, während
sein Lauf sich in ein schnelles Gehen verwandelte. „Ich bin ja so
schwach und müde! Und Tom und Harry sind in Gefahr! Mein heiliger
Schutzengel, hilf mir!“
Doch während der ersten Viertelstunde schritt er immerhin noch rüstig
voran, obgleich ein Ruf zu seinem unsichtbaren Begleiter fast jeden
seiner Schritte begleitete.
„Ein gutes Viertel des Weges! Gott sei Dank! Jetzt mutig ans zweite!“
Mit einem neuen, innigen Gebete zu seinem Engel, den er mit dem Auge
eines lebendigen Glaubens sich gegenwärtig sah, setzte er sich wieder
in Trab.
Aber dieses Mal verließen ihn die Kräfte viel schneller. Um seine
Leiden und Befürchtungen zu erhöhen, machte sich auch die frühere
Lähmung wieder fühlbar. Jeder Schritt verursachte ihm Schmerzen.
Sein Gesicht glühte vor Anstrengung und war von Schweißtropfen ganz
bedeckt. Aber die krampfhaft zusammengepreßten Lippen und der feste,
entschlossene Blick zeigten deutlich, daß ein starker, männlicher Wille
in diesem schwachen Körper wohne. Jeder Schritt kostete Mühe und Pein,
aber jeder Schritt wurde auch aufgeschrieben an jenem Orte, zu dem Pein
und Müdigkeit keinen Zutritt haben, weil er der Wohnplatz ungestörten
Friedens und seliger Ruhe ist.
Percys Schmerzen nahmen mit jeder Minute zu. Bald quollen ihm die
Thränen aus den Augen und rollten die Wangen herab. Aber jetzt war
es zum Umkehren schon zu spät. Jetzt konnte nur noch er, er allein,
Tom und Harry retten. Und doch, wie heftig drängte es ihn, sich
niederzulegen! Wie einladend erschien seinen Augen das verdorrte,
herbstliche Gras!
„O, ich komme nicht weiter!“ dachte er. „Aber wenn ich nicht weiter
komme, werden Tom und Harry -- nein, ich halte aus! Vorwärts! So lange
ich nicht umfalle, gehe ich voran!“
Abermals begann er zu laufen, und merkwürdigerweise hielt er jetzt
länger aus, als das erste Mal, obgleich ihm der Schmerz einen Seufzer
um den andern entpreßte.
Ein heftiger Luftstoß von Norden traf ihn, ergriff seinen Hut und
führte ihn wirbelnd weg. Der Wind begann sein gefühlloses Spiel mit
Percys Lockenhaar zu treiben; bald schlug er es ihm vor die Augen, bald
ließ er es lang in der Lust flattern. Aber darauf konnte der Knabe
nicht achten. Es galt ja Tom und Harry zu retten.
Ist das noch Mamas Herzkäferchen von Anfang des Schuljahres? Derselbe,
der meinte sterben zu müssen, wenn er weiter als zwanzig Minuten gehe?
Er ist es und ist es nicht. Diesen Opfergeist brachte er schon aus dem
Elternhause mit; allein seine Körperkräfte hätten damals nicht ein
Dritteil dieser Anstrengungen zu leisten vermocht.
Eine starke halbe Stunde war er nun schon unterwegs. Da stieß er in
seinem peinvollen Laufe mit dem Fuße an einen Stein, daß er wankte
und hinstürzte. Schwindel überkam ihn, und zugleich stieg das blinde,
aber sehr mächtige Verlangen in ihm auf, liegen zu bleiben, wo er lag.
Der Kopf sank ihm zur Erde; die Augen schlossen sich; er war beinahe
bewußtlos. Tom und Harry schienen verloren. Da erschauerten plötzlich
seine Glieder -- vielleicht von der Kälte des nahenden Abends; er
schlug die Augen auf, das Bewußtsein kehrte zurück.
„O Maria, hilf!“ stöhnte er.
Mit Aufbietung aller Willenskraft erhob er sich und nahm den Weg wieder
unter seine Füße. Freilich schwindelte ihm noch, und sein Herz pochte
laut hörbar. Aber er zwang sich voran -- weiter, weiter!
Auf einmal entfuhr seinen Lippen ein Laut -- es war kein Schrei -- der
Freude. Die Brücke, die Panibrücke war in Sicht, noch weit weg, aber in
Sicht.
„O Gott sei Dank!“ sprach er oder versuchte er zu sprechen, denn die
zersprungenen Lippen versagten ihren Dienst.
Abwechselnd gehend und laufend eilte er mit erneuertem Mute der Brücke
zu. Je näher sie kam, um so mehr wuchs seine Hoffnung und ersetzte die
schwindenden Kräfte. Noch ein Lauf -- ein paar hundert Schritte --
jetzt ist die Brücke erreicht.
Zitternd, atemlos, den Ausdruck des Schmerzes in dem von Schweißtropfen
und Thränen überronnenen Antlitze langte er an; seine Kleider und
selbst sein Haar waren mit Staub bedeckt. Da lehnte er, todmüde, aber
innerlich frohlockend, an einen Pfosten und ließ sein Auge die Gegend
auf und ab durchmustern. Doch von Tom und Harry gewahrte er nichts.
Er zog die Pfeife hervor und setzte sie an die Lippen; sie gab einen
starken, durchdringenden Ton. Allein auch ihre Stimme blieb ohne
Antwort. Kein Laut unterbrach die Einsamkeit der Prärie; keine Bewegung
gewahrte er, als das träge, schleichende Wasser des Flusses.
Er wollte weiter gehen. Aber wohin? Den Fluß hinauf oder hinab? Noch
nie hatte ihn ein Spaziergang an diesen Fleck der Prärie geführt.
Er wußte auch nicht, welche Plätze für Tom und Harry eine besondere
Anziehungskraft besaßen, so daß er sie dort hätte aufsuchen können.
Da fiel ihm ein, daß die beiden Freunde ja vom Flusse aus über
die Prärie heimgehen wollten, und daß dieser Weg bei weitem der
kürzere sei. Das konnte aber nur der Fall sein, wenn sie sich weiter
stromaufwärts befanden. Ohne Zögern machte er sich also wieder auf.
In einer Entfernung von ungefähr tausend Schritten sah er eine leichte
Erhöhung, von deren Scheitel er sich einen Rundblick über die Ebene
und namentlich über das Flußufer versprach. Dorthin schleppte er sich
also mit Einsetzung aller Kräfte, welche Liebe und Hoffnung in den
erschöpften Gliedern noch rege machen konnten. Auf halbem Wege sah
er sich gezwungen, einen Augenblick zu rasten; es kam ihm vor, als
drehe sich um ihn herum alles im Kreise. Er war nahe daran, abermals
hinzusinken.
„Herz Jesu, gieb mir Kraft!“
Wieder konnte er sich voranschleppen. Noch ein paar Minuten voll
Schmerz und Anstrengung, und er stand oben.
Zum Teil war seine Erwartung erfüllt; denn die Höhe gewährte eine
ziemlich weite Aussicht. Allein die beiden Knaben vermochte er nicht zu
entdecken.
Percy brach nicht in Thränen aus; sein Kummer war für Thränen zu tief.
Sollten also trotz all seiner Anstrengung die lieben Freunde ihrem
Schicksal nicht entrinnen?
Noch einmal durchschweifte sein ermattetes Auge den Gesichtskreis.
Gegen Westen hin, nicht sehr nahe, hob sich eine langgestreckte
Hügelwelle scharf vom klaren Abendhimmel ab. Standen nicht zwei Figuren
auf ihrem Scheitel? Percys Sehkraft war zu sehr geschwächt, um das mit
Sicherheit sagen zu können. Aber wenn sie es wären, was half es ihm? So
weit reichte ja die Stimme eines Halbtoten nicht. Und womit könnte er
sich ihnen sonst bemerklich machen? -- Ach ja, die Pfeife. Wieder ließ
er sie schrill und laut ertönen.
Wurde sie gehört? Wandten sich die zwei Gestalten, in denen er seine
Freunde zu erblicken glaubte, bei ihrem Schalle um? Noch einmal pfiff
er und versuchte mit letzter Kraft ihre Namen zu rufen. Armes Kind!
Dein Rufen würde kaum ein Vögelchen aufscheuchen, wenn es auch gerade
vor Dir säße.
Das Gefühl des Schwindels nahm zu. Percy wußte kaum noch, was er that.
Er bückte sich nieder und suchte am Boden umher, wonach, das hätte
er selbst nicht sagen können. Ein langer Stock, der wohl einmal als
Angelrute gedient hatte, lag dort im dürren Grase. Percy ergriff ihn,
nahm sein Taschentuch, knüpfte es hastig an das eine Ende desselben und
schwenkte es dann hoch in der Luft hin und her, so lange, bis er wankte
und ohnmächtig zu Boden fiel.
[Illustration]
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