12. Kapitel.

Percy entdeckt das Komplott und beschließt zu helfen.

Was trieb Percy an diesem Vormittag?

Still vergnügt saß er im Studiersaale an seinem Pulte. Gestern hatte er

wieder stark gespielt und war so steif und lahm geworden, daß er ohne

Schmerzgefühl nicht die geringste Bewegung machen konnte. Von allem,

was im vorigen Kapitel erzählt ist, hatte er keine Ahnung. Seite um

Seite las er ungestört ‚Dion und die Sybillen‘, und erst als die Glocke

zum Mittagessen rief, schleppte er sich mühsam in den Speisesaal.

Der Nachmittag war einladend. Der helle Sonnenschein hatte die klare,

reine Luft angenehm erwärmt. Daher beschloß Percy, nicht in den

Studiersaal zurückzukehren, sondern seine Lesung im Hofe fortzusetzen.

Von ~P.~ Middleton erbat und erlangte er die Vergünstigung, daß

er sich mit Dion und den Sybillen vom eigentlichen Spielplatz in einen

einsamen Winkel zurückziehen durfte.

Percy besaß die Fähigkeit, sich in eine Lektüre so zu vertiefen, daß

seine Sinne für die Außenwelt gleichsam abgestorben waren. Tom Playfair

hatte sich davon oft überzeugt, indem er sich von hinten an den

Lesenden heranschlich, ihm die Taschen leerte oder auch mit Steinen

füllte, oder indem er ihm die Krawatte in Unordnung brachte, was Percy

regelmäßig erst nachher mit großer Überraschung bemerkte.

Auch jetzt war Percy wieder weit vom Lande der Wirklichkeit entfernt.

Das Rufen auf dem Spielplatze, das Getöse eines vorbeifahrenden Zuges,

das Geschrei der verspäteten Herbstvögel, und was sonst um ihn herum

laut werden mochte, fiel nicht mehr in den Bereich seines Bewußtseins.

Percy weilte unter einem fremden Himmel bei fremden Menschen. Daß

der Lärm auf dem Spielplatze abnahm, weil die Zöglinge nach und nach

spazieren gingen, und daß zuletzt ein Trupp, aus weniger Zuverlässigen

bestehend, in Begleitung von ~P.~ Scott geräuschvoll das Pensionat

verließ, störte ihn so wenig, als geschähe es am andern Ende der Welt.

Allein nicht alle Zöglinge waren ausgegangen. Zweien der

Zurückgebliebenen müssen wir unsere besondere Aufmerksamkeit zuwenden.

Sie haben sich gleich Percy vom Spielplatze entfernt. Eben jetzt sind

sie von ihm kaum drei Schritte entfernt, seinen Augen aber durch einen

Mauervorsprung verdeckt. Offenbar wollen sie nicht bemerkt werden

und sind des Glaubens, ihr eifriges, sehr erregtes Gespräch, das sie

halblaut flüsternd miteinander führten, werde von niemanden vernommen.

In Percy erwachte aber doch ein unbestimmtes Gefühl, er sei nicht mehr

allein. Ihm war, wie jemanden, der im Traume ein wirkliches Geräusch

hört, das in ihm nur ein dunkles Bewußtsein weckt, während er ganz in

den Gebilden des Traumes weiter lebt. Auch hier gelangten die Worte der

Sprechenden lange Zeit zu Ohren, welche ihrer Bedeutung nicht achteten.

Noch immer hätte Percy mit Wahrheit sagen können, er habe von der

ganzen Unterhaltung auch nicht eine Silbe gehört.

Mit einem Schlage kehrte er aus den Tagen Dions in seine eigene Zeit

zurück; das Buch wäre beinahe seinen Händen entfallen.

„Sicherlich“ -- das waren die Worte, die ihn aus dem Traume

aufschreckten -- „wenn Playfair eine ganze Nacht in Frost und Nebel

daliegen muß, holt er sich eine schwere Krankheit. Sieh’ nur, wie klar

der Himmel ist; es wird kalt. Nein, das Ding geht zu weit, es ist ein

Verbrechen!“

Percy unterschied Skippers Stimme.

„Es ist zu spät,“ versetzte der andere, den Percy nicht erkannte.

„Prescott hat herausgebracht, daß Playfair und Quip diesen Nachmittag

einen Ausflug zum Paniflusse vorhatten. Kenny, Prescott und die meisten

von den andern, die nicht allein ausgehen dürfen, sind jetzt mit

~P.~ Scott fortgegangen. Unterwegs wollen sie den Pater bitten,

ein wenig vorangehen zu dürfen. So wollen sie sich von den übrigen

ganz trennen, sich bei dem Steinwall, weißt Du, mitten auf der Prärie,

verstecken und dort Quip und Playfair auflauern. Nachher wollen sie

dann vorgeben, sie hätten sich verirrt und hätten den Hauptzug nicht

wieder finden können.“

„O, ich will mit diesen Kerlen nie wieder etwas zu thun haben!“

versicherte Skipper. „Warum habe ich nicht eine kleine Andeutung

gemacht, als es noch Zeit war? Aber wenn ich noch einmal in der Lage

wäre, ich würde es gewiß abermals unterlassen. O, was für ein Feigling

ich bin! -- Doch warum soll denn Quip auch daran?“

„Kenny beabsichtigte es nicht, aber Prescott bestand darauf. Quip würde

sonst alles gleich verraten. Prescott will auch, daß man ihnen den Mund

verstopft. Sie sollen nicht einmal um Hilfe rufen können.“

„Ach, wenn sie sie nur nicht fänden! Vielleicht nimmt Tom für den

Heimweg den Pfad am Bahndamm entlang.“

„Nein, das thut er nicht. Prescott hat das alles ausspioniert. Die

beiden wollen bis vier Uhr am Paniflusse bleiben und dann auf dem

kürzeren Wege mitten über die Prärie heimkehren. In der Nähe des

Steinwalles haben sie ein paar Kaninchenfallen, nach denen sie noch

sehen wollen. Diese weiß Prescott auch, und so kann er sich mit seinen

Genossen leicht an einem Platze in den Hinterhalt legen, wo sie

notwendig vorbei müssen.“

„Ich fürchte, es geht den beiden sehr schlecht,“ sprach Skipper

traurig. „Jetzt sehe ich ein, daß ich mich mehr als einmal von ihm

zu ähnlichen Grausamkeiten habe verleiten lassen, obgleich es +so

weit nie+ gekommen ist. Sie binden die armen Jungen jetzt sicher so

fest, daß sie kein Glied rühren können. Dabei dürfen sie noch von Glück

sagen, wenn man sie nicht erst halb tot schlägt.“

Mehr verstand Percy nicht; denn die Redenden, die sich keineswegs

belauscht glaubten, entfernten sich jetzt in der Richtung zum

Spielplatze hin.

Man denke sich nun Percys Entsetzen und Aufregung! Seine besten Freunde

in Gefahr! Er selbst vermochte kaum einen Schritt ohne Schmerzen zu

machen, und Tom und Harry waren stundenweit von ihm entfernt!

Allein er war gewohnt, in jeglicher Not seine Zuflucht zum Gebete zu

nehmen.

„O mein Gott,“ flüsterte er auch jetzt mit beklommenem Herzen, „sende

mir Deine Hilfe! Gieb mir Licht! Gieb mir Kraft! Heiliger Schutzengel,

steh’ mir bei!“

Ein paar Augenblicke betete und überlegte er. Dann stand er auf, ließ

Dion und die Sybillen allein auf der Bank zurück und schritt mühsam zum

Spielplatze.

„Wenn ich nur Donnel und Keenan treffe,“ dachte er, „dann ist alles in

Ordnung. Die werden schon Mittel und Wege ausfindig machen.“

Aber von Donnel und Keenan war keine Spur, und unter den Zöglingen, die

er dort gewahrte, glaubte er keinen ins Vertrauen ziehen zu dürfen.

„~P.~ Middleton,“ wandte er sich endlich an diesen, „können Sie

mir nicht sagen, wo Donnel und Keenan sich jetzt wohl aufhalten mögen?“

„Irgendwo auf der Prärie,“ erwiderte der Angeredete lächelnd. „Bei

solchem Wetter bleiben die nicht zu Hause.“

„Wann kommen sie denn wohl zurück?“ fragte Percy ängstlich.

„Schwerlich vor halb fünf. Und jetzt ist’s kaum drei. -- Aber was

fehlt Dir denn, Percy? Du siehst so verwirrt aus.“

Percy zauderte mit seiner Antwort. An Tom, Harry und all seinen andern

Freunden hatte er nie bemerkt, daß sie etwas bei den Vorgesetzten

anzeigten, wenn sie es selbst, allein oder mit gleichgesinnten

Kameraden vereint, in Ordnung bringen konnten. War das vielleicht auch

hier der Fall? Ja, wären Donnel und Keenan zur Stelle, wie einfach

würde sich alles abwickeln lassen! Aber jetzt! Blieb ihm denn ein

anderes Mittel, als die Hilfe des Präfekten? --

Und doch, Percy entschloß sich zu schweigen. Er konnte ja schließlich

selbst, wenn auch mit großer Mühe, die Bedrohten warnen. Zudem hatte er

nur einen Teil der Unterredung gehört; es war also immerhin möglich,

daß der Anschlag ihm entsetzlicher vorkam, als er in Wirklichkeit war.

So schien es ihm wenigstens.

„Ja gewiß,“ dachte er, „ich kann ja nicht einmal mit voller Sicherheit

sagen, +was+ eigentlich im Werke ist.“

Thatsächlich wäre Percy zu einem rückhaltlosen Bericht des Gehörten

verpflichtet gewesen, schon deshalb, weil ein Zögling wie Prescott

ein wahres Unglück für das gesamte Pensionat war. Allein Percy wußte

es damals nicht besser. Er wollte selber den Plan vereiteln, um seine

Mitzöglinge keiner Strafe auszusetzen, eine Rücksicht, die wahrhaftig

niemand von ihnen, am allerwenigsten Prescott, verdient hätte.

Einen Augenblick nur hatte es gebraucht, bis dieser Entschluß feststand.

„~P.~ Middleton, ich bitte um die Erlaubnis, an den Panifluß zu

gehen. Ich muß Tom und Harry etwas Wichtiges sagen.“

Der Präfekt ahnte, daß der Knabe wohl besondere Gründe zu diesem

Ersuchen habe. Allein er glaubte nicht weiter in ihn dringen zu sollen;

jedenfalls beabsichtigte Percy nichts Schlimmes. Daß er aber vom

vorigen Tage her noch so gelähmt sei, entging ~P~. Middletons

Auge. Percy hatte sich ja eingewöhnt, ließ sich behandeln und wollte

behandelt werden wie jeder andere Zögling.

„Gut, Percy! thu’ das nur!“

„O, ich danke Ihnen sehr, Pater. Sie sind immer so gut. Darf ich Sie

noch bitten, mir, wenn es Ihnen nicht zu viele Mühe macht, den nächsten

Weg zu zeigen?“

„So, Du bist noch nicht da gewesen? Dann gebe ich Dir die Erlaubnis

nur unter der Bedingung, daß Du mir versprichst, hin und zurück den

Bahndamm entlang zu gehen. Da kannst Du Dich nicht verirren, und wenn

Du Tom und Harry nicht treffen solltest, findest Du Dich auch allein

wieder heim. Auf diesem Wege brauchst Du ungefähr eine Stunde.“

„Und jetzt ist es drei,“ sprach Percy und sah auf seine Uhr.

„Nein, schon fünf Minuten nach drei, Deine Uhr ist etwas zurück.“

„O weh, o weh!“ seufzte Percy leise, als er sich mit einer steifen

Verbeugung entfernte.

Hastigen Schrittes eilte er der Pforte zu. Sein gefühlvolles Herz

schlug heftig bei dem Gedanken, er komme vielleicht zu spät; seine

Freunde könnten ja den Rückweg früher angetreten haben, als sie

ursprünglich festgesetzt.

Schon hatte er das Thor erreicht, als er seinen Namen rufen hörte. Er

wandte sich um und sah ~P.~ Middleton auf sich zukommen.

„Warte einen Augenblick, Percy! -- Möglicherweise findest Du die beiden

nicht gleich. Hier, nimm diese Pfeife mit; sie hat einen sehr hellen

Ton, der weithin hörbar ist. Vielleicht ist sie Dir von Nutzen.“

„Aber Sie sind doch zu gütig,“ rief Percy, seine großen,

ausdrucksvollen Augen voll inniger Dankbarkeit auf den Pater gerichtet.

„O, ~P.~ Middleton, ich will für Sie beten, daß Ihnen Gott Ihre

Freundlichkeit vergilt.“

Sinnend schaute ~P.~ Middleton dem Wegeilenden nach, bis er um

eine Ecke seinen Augen entschwand. Was mochte der Knabe vorhaben?

[Illustration]

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Percy Wynn · 第 51 / 77 题