11. Kapitel.

Eine Verschwörung gegen Playfair und Quip.

Sobald Tom in den Hof kam, sah er sich nach seinen Widersachern

um. Sie standen in einer Ecke, wo sich all ihre Gesinnungsgenossen

zusammengefunden hatten. Tom ging geradenweges auf sie zu und trat ohne

weiteres mitten unter sie.

„Hört einmal, ich will Euch offen sagen, was ich von Euch denke! Ihr

seid alle Neue, und ich gebe Euch die Versicherung, daß eine solche

Mißhandlung der Kleinen hier nicht Mode ist.“

„Du willst wohl auch behaupten, wir seien Feiglinge!“ unterbrach ihn

Prescott mit drohender Gebärde.

„Warum nicht?“ erwiderte Tom unerschrocken. „Aber warte nur, bis ich

fertig bin. Auch Percy Wynn habt Ihr gequält, als er kam. Das wissen

bis jetzt nur sehr wenige. Hätte ich es erzählt, so würde man Euch

einen nach dem andern gehörig übergelegt haben. Und wenn erst Eure

neueste Flegelei bekannt wird, dann spricht überhaupt niemand mehr ein

Wort mit Euch. Ich will nun gar nichts davon erzählen, wenn Ihr Euch in

Zukunft anständig aufführt. Aber erwische ich Euch noch ein einziges

Mal so wie heute, dann posaune ich alles aus, und es ist mit Euch

vollständig vorbei. Schreibt Euch das hinter die Ohren!“

Nach diesen Worten wandte Tom den Rücken und entfernte sich ebenso

ruhig als er gekommen war.

„O Du verstellter Heiliger!“ kreischte ihm Prescott nach, konnte aber

nicht bewirken, daß Tom auch nur umschaute.

„Er ist doch kein übler Junge,“ sprach Kenny, dessen bessere Natur sich

emporzuringen begann. „Geht er nicht offen und ehrlich zu Werke?“

„Das ist wahr,“ stimmte Skipper bei. „Ich kann in dem, was er sagte,

nichts Unrechtes finden. Wir sind Flegel gewesen, das ist klar. In

meinem Leben habe ich mich nicht so geschämt, als da uns ~P.~

Scott die Leviten las. Sobald er vor uns stand, sah ich alles mit ganz

andern Augen an.“

„Papperlapapp, Du Milchtopf!“ spottete Prescott. „Du willst uns wohl im

Stiche lassen!“

„Nein -- das gerade nicht!“ erwiderte Skipper zögernd, und sein Mut

sank sogleich wieder. „Zusammen müssen wir bleiben. Aber wir sollten

uns doch mehr in acht nehmen.“

„Das meine ich auch,“ sagte Kenny. „Wir können Spaß genug machen, ohne

uns gerade in solche Lagen zu bringen. Vor allem dürfen wir es nicht

mit dem Playfair verderben; sonst verlören wir auf der Stelle alles

Ansehen. Er hätte den ganzen Hof sogleich auf seiner Seite.“

„Ah so! so! jetzt verstehe ich!“ sprach Prescott mit bitterem Hohne.

„Du willst Dich also auch vor Playfair beugen. Das ist recht! Was

Playfair sagt, das schwätzen wir nach. Nur immer erst fragen, was Herr

Playfair sagt! Herr Playfair sagt, wir seien Feiglinge -- hört Ihr?

Feiglinge! -- Wollt Ihr ihm das auch nachschwätzen?“

Vor einer Minute noch hätten mehrere sich zur Besserung entschließen

können. Aber sie waren Feiglinge, nicht im Sinne Prescotts, sondern

rechte, echte Feiglinge, die sich vor dem Spott eines Nichtswürdigen

fürchteten.

„Das hat niemand gesagt,“ lenkte Kenny wieder ein, „daß wir ihm alles

nachschwätzen wollen. Er soll sich nichts gegen uns herausnehmen.“

„Das lasse ich mir gefallen. Ich dachte, Du meintest, er solle uns um

den Finger wickeln dürfen.“

„Das ist mir nicht in den Sinn gekommen,“ versicherte Kenny, der schon

fürchtete, die Führung der edlen Bande zu verlieren. „Wir müssen ihm

einen Denkzettel anhängen, daß er sein Lebenlang nicht vergißt, wen er

verhöhnt hat.“

Der Strom war wieder in seinem alten Bette. Die letzten Dinge drohten

noch schlimmer zu werden als die ersten: Rache, gemeine Rache war das

Losungswort. Ein schadenfrohes Lächeln verzerrte Prescotts Gesicht;

einen Augenblick schwieg er wie lauernd.

„Hast Du noch nichts?“ fragte er dann. „Ich weiß längst den feinsten

Plan.“

„Welchen denn?“

Sie drückten sich nahe aneinander und Prescott entwickelte mit leiser

Stimme, was sein böses Herz ihm eingegeben. Kenny nickte beifällig

aber zögernd, andere schwiegen. Nur Skipper war offenbar nicht

einverstanden, sein Gesicht drückte lebhafte Mißbilligung des Vorhabens

aus, an dem er teilnehmen sollte. Plötzlich wandte er sich ab und

verließ die Gruppe: er hatte sich von seinen Kameraden losgesagt.

Ein paar Minuten vorher waren ~P.~ Middleton und ~P.~ Scott

in den Hof getreten, in lebhaftem Gespräche über den bedauerlichen

Vorfall, der sich vor kurzem ereignet hatte.

„Schauen Sie doch dort in die Ecke,“ sprach jetzt ~P.~ Middleton,

„da ist es ganz sicher nicht geheuer. Ich glaube, die Geschichte von

heute Morgen ist noch nicht zu Ende. Es ist heute Dienstag, der Tag

der heiligen Schutzengel. Vielleicht kommt noch etwas ans Licht. Dann

machen wir allerdings sehr kurzen Prozeß. -- Sie glauben nicht, wie

mich diese Sorge beunruhigt. In all meinen sechs Jahren habe ich nie so

widerhaarige und dabei so verschlagene Zöglinge gekannt.“

„Schlimme Gesellen sind es,“ sagte ~P.~ Scott. „Wenn sie ihr Wesen

noch ein paar Wochen weiter fortsetzen, bringen sie einen Geist unter

die Kleinen, der einen guten Teil unserer Arbeit vergebens macht. Der

Anführer scheint mir Kenny zu sein, obgleich ich ihn gar nicht für den

schlechtesten halte.“

„Auch ich habe diesen Eindruck von ihm. Er steht an der Spitze, ist

aber nur der Geschobene; doch bringe ich nicht heraus, wer ihn schiebt.

Vielleicht wissen wir das heute Abend. -- Holla, da geht ja Skipper

auf einmal von ihnen weg. Was mag das bedeuten?“

„Der wird mit ihnen gebrochen haben, Pater. Könnten wir seine guten

Vorsätze nur etwas warm halten, daß er nicht in Versuchung kommt,

umzukehren!“

„Sie haben recht. -- Skipper!“ rief ~P.~ Middleton, als der Knabe

mit einem Gesicht, das halb mürrisch, halb entrüstet war, an ihnen in

einiger Entfernung vorbeigehen wollte.

Skipper kam und zog verlegen den Hut ab.

„Willst Du wohl für mich in der Stadt eine Bestellung machen, Skipper?“

„Sehr gern, Pater!“ erwiderte der Angeredete freudig überrascht; ein

solches Zeichen des Vertrauens hatte er nicht im mindesten erwartet.

„Hier ist ein Brief an den Redakteur des ‚Sonntagsblattes‘. Wenn Du ihn

abgiebst, sage zugleich, Du kämest nach einer Stunde wieder, um die

Antwort in Empfang zu nehmen. Du kannst dann so lange spazieren gehen.

Einen Begleiter wirst Du schon finden.“

„Ich danke Ihnen, Pater.“

In der besten Stimmung entfernte sich Skipper. Der ehrenvolle Auftrag

hatte seine moralische Kraft gestärkt und ihn zugleich der bösen

Gelegenheit eines Rückfalles entzogen.

Doch war seine Umkehr noch nicht vollständig. Während er der Stadt

zuschritt, entbrannte in seinem Innern ein heftiger Kampf zwischen

dem erwachten Pflichtbewußtsein und der Furcht vor den bisherigen

Freunden. Skipper hatte bis jetzt als ein Feigling gelebt; es kam ihm

hart an, auf einmal als Held zu handeln. Er wußte, was Tom Playfair

bevorstand. Mit Aufbietung aller Mittel mußte er die Gefahr von dem

Bedrohten abwenden, das sagte ihm sein Gewissen. Und doch konnte er

sich nicht entschließen, das einzige Wort zu sprechen, das genügte, um

Tom Playfair zu retten. Die Vorwürfe seiner früheren Genossen, das Wort

‚Verräter‘ und ‚Feigling‘ im Munde dieser erklärten Feiglinge dünkte

ihm zu hart.

„Vielleicht,“ sprach er zu sich selbst, „wird auch ein glücklicher

Zufall ihren Plan vereiteln. Aber wenn das nicht geschähe -- der arme

Playfair! Und doch -- ich mag diejenigen nicht verraten, die meine

Freunde gewesen sind. -- Kann ich das? Muß ich das? -- Nein, es geht

nicht! Ich warte bis diesen Abend; sind Playfair und Quip nicht zur

rechten Zeit zu Hause, dann ist es ja noch immer früh genug, und ich

brauche die Vorwürfe von Prescott und Kenny nicht so zu fürchten.“

Skipper fühlte, daß sein Gewissen mit diesem Entschlusse nicht

zufrieden sei. Es war eine schwächliche Halbheit; die Ausführung

mußte Prescott und Kenny doch noch gegen ihn aufbringen, während

sein ungerechtfertigtes Zaudern zugleich bei den Vorgesetzten nur

Mißbilligung zu erwarten hatte. Skipper war eben trotz seiner Umkehr

noch ein Feigling, furchtsam und wankelmütig. Hoffen wir, daß sein

armseliger Wille nach und nach zu einer größeren Entschlossenheit

erstarkt.

[Illustration]

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Percy Wynn · 第 50 / 77 题