Eine Verschwörung gegen Playfair und Quip.
Sobald Tom in den Hof kam, sah er sich nach seinen Widersachern
um. Sie standen in einer Ecke, wo sich all ihre Gesinnungsgenossen
zusammengefunden hatten. Tom ging geradenweges auf sie zu und trat ohne
weiteres mitten unter sie.
„Hört einmal, ich will Euch offen sagen, was ich von Euch denke! Ihr
seid alle Neue, und ich gebe Euch die Versicherung, daß eine solche
Mißhandlung der Kleinen hier nicht Mode ist.“
„Du willst wohl auch behaupten, wir seien Feiglinge!“ unterbrach ihn
Prescott mit drohender Gebärde.
„Warum nicht?“ erwiderte Tom unerschrocken. „Aber warte nur, bis ich
fertig bin. Auch Percy Wynn habt Ihr gequält, als er kam. Das wissen
bis jetzt nur sehr wenige. Hätte ich es erzählt, so würde man Euch
einen nach dem andern gehörig übergelegt haben. Und wenn erst Eure
neueste Flegelei bekannt wird, dann spricht überhaupt niemand mehr ein
Wort mit Euch. Ich will nun gar nichts davon erzählen, wenn Ihr Euch in
Zukunft anständig aufführt. Aber erwische ich Euch noch ein einziges
Mal so wie heute, dann posaune ich alles aus, und es ist mit Euch
vollständig vorbei. Schreibt Euch das hinter die Ohren!“
Nach diesen Worten wandte Tom den Rücken und entfernte sich ebenso
ruhig als er gekommen war.
„O Du verstellter Heiliger!“ kreischte ihm Prescott nach, konnte aber
nicht bewirken, daß Tom auch nur umschaute.
„Er ist doch kein übler Junge,“ sprach Kenny, dessen bessere Natur sich
emporzuringen begann. „Geht er nicht offen und ehrlich zu Werke?“
„Das ist wahr,“ stimmte Skipper bei. „Ich kann in dem, was er sagte,
nichts Unrechtes finden. Wir sind Flegel gewesen, das ist klar. In
meinem Leben habe ich mich nicht so geschämt, als da uns ~P.~
Scott die Leviten las. Sobald er vor uns stand, sah ich alles mit ganz
andern Augen an.“
„Papperlapapp, Du Milchtopf!“ spottete Prescott. „Du willst uns wohl im
Stiche lassen!“
„Nein -- das gerade nicht!“ erwiderte Skipper zögernd, und sein Mut
sank sogleich wieder. „Zusammen müssen wir bleiben. Aber wir sollten
uns doch mehr in acht nehmen.“
„Das meine ich auch,“ sagte Kenny. „Wir können Spaß genug machen, ohne
uns gerade in solche Lagen zu bringen. Vor allem dürfen wir es nicht
mit dem Playfair verderben; sonst verlören wir auf der Stelle alles
Ansehen. Er hätte den ganzen Hof sogleich auf seiner Seite.“
„Ah so! so! jetzt verstehe ich!“ sprach Prescott mit bitterem Hohne.
„Du willst Dich also auch vor Playfair beugen. Das ist recht! Was
Playfair sagt, das schwätzen wir nach. Nur immer erst fragen, was Herr
Playfair sagt! Herr Playfair sagt, wir seien Feiglinge -- hört Ihr?
Feiglinge! -- Wollt Ihr ihm das auch nachschwätzen?“
Vor einer Minute noch hätten mehrere sich zur Besserung entschließen
können. Aber sie waren Feiglinge, nicht im Sinne Prescotts, sondern
rechte, echte Feiglinge, die sich vor dem Spott eines Nichtswürdigen
fürchteten.
„Das hat niemand gesagt,“ lenkte Kenny wieder ein, „daß wir ihm alles
nachschwätzen wollen. Er soll sich nichts gegen uns herausnehmen.“
„Das lasse ich mir gefallen. Ich dachte, Du meintest, er solle uns um
den Finger wickeln dürfen.“
„Das ist mir nicht in den Sinn gekommen,“ versicherte Kenny, der schon
fürchtete, die Führung der edlen Bande zu verlieren. „Wir müssen ihm
einen Denkzettel anhängen, daß er sein Lebenlang nicht vergißt, wen er
verhöhnt hat.“
Der Strom war wieder in seinem alten Bette. Die letzten Dinge drohten
noch schlimmer zu werden als die ersten: Rache, gemeine Rache war das
Losungswort. Ein schadenfrohes Lächeln verzerrte Prescotts Gesicht;
einen Augenblick schwieg er wie lauernd.
„Hast Du noch nichts?“ fragte er dann. „Ich weiß längst den feinsten
Plan.“
„Welchen denn?“
Sie drückten sich nahe aneinander und Prescott entwickelte mit leiser
Stimme, was sein böses Herz ihm eingegeben. Kenny nickte beifällig
aber zögernd, andere schwiegen. Nur Skipper war offenbar nicht
einverstanden, sein Gesicht drückte lebhafte Mißbilligung des Vorhabens
aus, an dem er teilnehmen sollte. Plötzlich wandte er sich ab und
verließ die Gruppe: er hatte sich von seinen Kameraden losgesagt.
Ein paar Minuten vorher waren ~P.~ Middleton und ~P.~ Scott
in den Hof getreten, in lebhaftem Gespräche über den bedauerlichen
Vorfall, der sich vor kurzem ereignet hatte.
„Schauen Sie doch dort in die Ecke,“ sprach jetzt ~P.~ Middleton,
„da ist es ganz sicher nicht geheuer. Ich glaube, die Geschichte von
heute Morgen ist noch nicht zu Ende. Es ist heute Dienstag, der Tag
der heiligen Schutzengel. Vielleicht kommt noch etwas ans Licht. Dann
machen wir allerdings sehr kurzen Prozeß. -- Sie glauben nicht, wie
mich diese Sorge beunruhigt. In all meinen sechs Jahren habe ich nie so
widerhaarige und dabei so verschlagene Zöglinge gekannt.“
„Schlimme Gesellen sind es,“ sagte ~P.~ Scott. „Wenn sie ihr Wesen
noch ein paar Wochen weiter fortsetzen, bringen sie einen Geist unter
die Kleinen, der einen guten Teil unserer Arbeit vergebens macht. Der
Anführer scheint mir Kenny zu sein, obgleich ich ihn gar nicht für den
schlechtesten halte.“
„Auch ich habe diesen Eindruck von ihm. Er steht an der Spitze, ist
aber nur der Geschobene; doch bringe ich nicht heraus, wer ihn schiebt.
Vielleicht wissen wir das heute Abend. -- Holla, da geht ja Skipper
auf einmal von ihnen weg. Was mag das bedeuten?“
„Der wird mit ihnen gebrochen haben, Pater. Könnten wir seine guten
Vorsätze nur etwas warm halten, daß er nicht in Versuchung kommt,
umzukehren!“
„Sie haben recht. -- Skipper!“ rief ~P.~ Middleton, als der Knabe
mit einem Gesicht, das halb mürrisch, halb entrüstet war, an ihnen in
einiger Entfernung vorbeigehen wollte.
Skipper kam und zog verlegen den Hut ab.
„Willst Du wohl für mich in der Stadt eine Bestellung machen, Skipper?“
„Sehr gern, Pater!“ erwiderte der Angeredete freudig überrascht; ein
solches Zeichen des Vertrauens hatte er nicht im mindesten erwartet.
„Hier ist ein Brief an den Redakteur des ‚Sonntagsblattes‘. Wenn Du ihn
abgiebst, sage zugleich, Du kämest nach einer Stunde wieder, um die
Antwort in Empfang zu nehmen. Du kannst dann so lange spazieren gehen.
Einen Begleiter wirst Du schon finden.“
„Ich danke Ihnen, Pater.“
In der besten Stimmung entfernte sich Skipper. Der ehrenvolle Auftrag
hatte seine moralische Kraft gestärkt und ihn zugleich der bösen
Gelegenheit eines Rückfalles entzogen.
Doch war seine Umkehr noch nicht vollständig. Während er der Stadt
zuschritt, entbrannte in seinem Innern ein heftiger Kampf zwischen
dem erwachten Pflichtbewußtsein und der Furcht vor den bisherigen
Freunden. Skipper hatte bis jetzt als ein Feigling gelebt; es kam ihm
hart an, auf einmal als Held zu handeln. Er wußte, was Tom Playfair
bevorstand. Mit Aufbietung aller Mittel mußte er die Gefahr von dem
Bedrohten abwenden, das sagte ihm sein Gewissen. Und doch konnte er
sich nicht entschließen, das einzige Wort zu sprechen, das genügte, um
Tom Playfair zu retten. Die Vorwürfe seiner früheren Genossen, das Wort
‚Verräter‘ und ‚Feigling‘ im Munde dieser erklärten Feiglinge dünkte
ihm zu hart.
„Vielleicht,“ sprach er zu sich selbst, „wird auch ein glücklicher
Zufall ihren Plan vereiteln. Aber wenn das nicht geschähe -- der arme
Playfair! Und doch -- ich mag diejenigen nicht verraten, die meine
Freunde gewesen sind. -- Kann ich das? Muß ich das? -- Nein, es geht
nicht! Ich warte bis diesen Abend; sind Playfair und Quip nicht zur
rechten Zeit zu Hause, dann ist es ja noch immer früh genug, und ich
brauche die Vorwürfe von Prescott und Kenny nicht so zu fürchten.“
Skipper fühlte, daß sein Gewissen mit diesem Entschlusse nicht
zufrieden sei. Es war eine schwächliche Halbheit; die Ausführung
mußte Prescott und Kenny doch noch gegen ihn aufbringen, während
sein ungerechtfertigtes Zaudern zugleich bei den Vorgesetzten nur
Mißbilligung zu erwarten hatte. Skipper war eben trotz seiner Umkehr
noch ein Feigling, furchtsam und wankelmütig. Hoffen wir, daß sein
armseliger Wille nach und nach zu einer größeren Entschlossenheit
erstarkt.
[Illustration]
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