In jeder Hand schwang er eine Waffe, und unter seinem aufgerissenen
Rock und Hemd sah man drei Wunden auf der bloßen Brust. Als er nicht
länger zu stehen vermochte, kämpfte er auf den Knieen, bis daß er fiel
und den Geist aufgab.
Cronstedt war, verwundet und blutend, auf eines seiner Feldstücke
emporgehoben worden.
»Das sind die Römer des Nordens,« sagte er, »die in der Nacht für ihre
letzten Provinzen fallen!«
Vor ihm lag ein gestürzter Stückjunker mit der noch brennenden Lunte,
und mitten durch das Getöse der Schlacht und des Sturmes klang ganz
nahe eine betende Stimme. Es war ein Feldprediger, der hinter den
Fechtenden sich über die Verwundeten und Sterbenden beugte.
»Du König aller Könige! Rufe uns nicht zu wie den Kindern aus Jerobeams
Haus: der, welcher stirbt in der Stadt, den sollen die Hunde fressen,
wer aber auf dem Felde stirbt, den sollen die Vögel des Himmels
fressen, denn der Herr hat es geredet! Warum versagst du uns das
Zeichen, daß du noch mit uns seiest? Warum vergönnst du uns nicht, den
Frieden des Sieges den Unseren zu verkünden, welche bluten, auf daß das
harte Bett ihnen weich werde ...«
Bassewitz wurde schon auf zwei Musketen sterbend aus dem Handgemenge
getragen, und Daldorff, der Veteran, der schon in so manchem Streite
mitten unter den gefallenen Trabanten blutend das Leben des Königs
gerettet und unter seinen Augen die Smaaländer Reiter bei Holofzin
dem Tod entgegengeführt hatte, lag auf seinem ausgebreiteten Mantel,
leichenblaß. Die Schüsse warfen ihr plötzliches Licht über die hauenden
und gekreuzten Degen und über die Schatten gleichenden kämpfenden
Soldaten. Beim Schein eines Feldstückes erkannte der Trabantenkorporal
Baumgarten schließlich den König und hob ihn auf sein Pferd und umgab
ihn mit den zurückgeschlagenen Schweden.
Da drang ein anhaltendes und heftiges Trommeln an des Königs Ohr, und
als er sich forschend zur Seite wandte, unterschied er beim Grauen des
Tages in einigem Abstand einen kleinen Tambour, der, mit den Schlegeln
in der Hand, noch gegen den Feind gewendet da stand. Neben ihm lag ein
Offizier auf dem Rücken, beide Arme gerade ausgestreckt. Der große,
galonierte Hut saß noch stattlich und vornehm auf seinem Kopf. Das
Halstuch aus französischen Blonden wehte rot befleckt im Winde, und
rings um die abgetragenen Rockschöße schimmerten durcheinander in dem
tauigen Heidekraut Konfektbissen und Silbermünzen.
»Wer ist der Gefallene?« fragte der König.
Rittmeister Ridderstadt antwortete:
»Es ist ein tapferer Kriegsmann vor Gott, von vielen Menschen aber
geschmäht ... Es ist ein bevorzugter Freund Eurer Majestät ... Es ist
Grothusen!«
Als Ridderstadt dies geantwortet hatte, ging er selbst in das
Handgemenge zurück und erlitt den Tod.
* * * * *
Es war finstere Winternacht, als der König endlich in seiner
Sechsruderschaluppe das unter Stückkugeln und Bomben rauchende
Stralsund verließ. Düring, der so unermüdlich die Mühsale des
Königsrittes geteilt hatte, war außerhalb der Stadtmauern in seinem
Blute gefallen, aber sein Bruder saß am Steuer auf dem Rücksitz.
Eine Menge Arbeiter gingen mit Keulen und Haken zu beiden Seiten der
aufgebrochenen Eisrinnen, und Rosen, der zuvorderst stand, war dem
König so lebendig ähnlich, daß sie ihm den Abschied winkten.
Von feindlichen Kugeln verfolgt, erreichte die Schaluppe das offene
Meer. Vergebens spähte jedoch Rosen nach den beiden schwedischen
Schiffen »Snapp-opp« und »Snare-Sven«, die zur Begegnung hierher
befohlen, aber vom Sturm zurückgeworfen worden waren. Da stieg der
König mit seinen beiden Begleitern und einem Lakaien an Bord einer
schweren Lastgaleote, die, mit roten Lappen auf ihrem dunkeln, elenden
Segel, den Anker lichtete. Wo schwamm wohl jetzt die stolze Flotte,
auf deren Deck er vor fünfzehn Jahren, jung und siegesgewiß, des
alten Piper frohes Händeklatschen vernommen hatte! Die drohende Reihe
von Masten, die Rosen am Horizonte auskundschaftete, war die von
Tordenskiold. Erst weit draußen im Meer begegnete ihnen die Brigantine
»Snapp-opp«, und mit zornigen Befehlen und düsteren Augen betrat der
König das verspätete Schiff. War das der gnädige Herr, von dem die
Seeleute hatten erzählen hören, daß er mit zierlichen Verbeugungen den
Hut unter den Arm zu stecken pflegte? Er hob die Hand, um die Besatzung
zu begrüßen, aber er beugte sich langsam und steif, und strafend fielen
seine ersten Worte unter schwedischer Kriegsflagge:
»Der Schiffer von ›Snapp-opp‹ wird gestäupt werden! Aber der von
›Snare-Sven‹, der ganz ausgeblieben ist, er soll füsiliert werden!«
Der Sturm hob eine Eisscholle empor. Sie streckte ihren weißen Hals
über den Plattbord wie die Geister Ertrunkener, aber als die Dunkelheit
sich wieder ausbreitete, stand der König noch schweigend beim Mast
... Wäre er nicht ein Fürst gewesen, so hätte er sich noch wenden
und eine versteckte Freistatt suchen können, aber jetzt würden ihm
die Menschen bald nachlaufen und ihn mit sich ziehen. Er hätte eine
Kaperflotte wehrhaft machen und auf dieser seine Jahre zwischen Degen
und Schüssen verbringen können, nun aber befahlen ihm seine Untertanen,
sich heimzuwenden, um ihrer Düngerhaufen und Sennhütten zu warten. Je
mehr er sich dem Schonenwall näherte, desto deutlicher deuchte es ihn,
daß es gelte, unter Feinden ans Land zu steigen. Er erinnerte sich des
frühen Morgens an Karlbergs Königshof, als er, ehe die Großmutter und
Schwestern erwacht, sich mit Hultman die Treppe hinunter stahl und in
den Krieg ritt. Er wollte die bekannten Gesichter nicht wiedersehen.
Er wollte nicht durch Stockholms Straßen reiten und das Volk mit
Pechfackeln einen verschlagenen und schiffbrüchigen König begrüßen
sehen. Wohl sah er, daß diese Schweden stets ihr Leben für ihn und
das Stückchen Land ließen, das noch ihr Eigentum war, aber er wußte
auch, daß viele unter ihnen in ihren stillen Gebeten Gott anriefen,
er möge ihm einen schnellen Tod geben. Er sah das alles ebenso klar,
als er es ehedem undeutlich gesehen hatte. Er dachte nicht an Frieden
und Versöhnung. Er konnte nicht vergessen, daß die Tausende, die ihm
gefolgt waren, ihre Kugel bekommen hatten, und daß seines Volkes
Wehklagen und Segnungen sie in ihren überwachsenen Gräbern weich
gebettet hatten, daß sie heilige Männer geworden waren, deren Sünden
vergessen, aber deren Taten gepriesen wurden. Für einen Krieger gab es
nur zwei Wege zur Versöhnung mit Gott und den Menschen, das war der
Sieg oder die Todeswunde.
Als er in strömendem Nachtregen an dem Schonenwall ans Land
stieg, kniete er nicht und zeigte keinen Seufzer der Wehmut oder
Erleichterung. Eilig und ohne ein einziges Wort ging er zu einem
großen Stein, der Stafstein genannt wurde. Er, der Reiter von Demotica,
der Soldat, der unbekümmert sich auf Schneewehen zur Ruhe gelegt hatte,
vergaß sich so ganz in dieser Stunde, daß er an der Leeseite hinter
einem Stein Schutz suchte gegen einige harmlose Wassertropfen. Hier
blieb er stehen.
Es läutete nicht in den Kirchen. Es wurde nicht geputzt und gefeuert in
den Königshöfen. Während der Nachtregen in den Dachrinnen platschte,
schliefen die Schweden in ihrem Heim und ahnten nicht, daß ihr König
nach fünfzehn Jahren märchenhafter Siege und namenlosen Elendes und mit
dem Zorne des Verunglückten in seiner Seele den Boden seines Reiches
betrat, von niemand empfangen und begrüßt. Er sah nicht länger zurück,
nur vorwärts. Rache! Dies Wort arbeitete wie ein Hammer in seinem
Gehirn, Rache an den Wortbrüchigen, Rache an der Welt, die ihn zu
einem armseligen Flüchtling stempelte, ohne Geld, ohne Macht ... aber
eine große königliche Rache! Er wußte, daß am nächsten Tage viele von
seinen Untertanen jubeln würden, aber daß auch viele zitternd Galgen
und Schafott voraussahen. Er lächelte dazu. Seine Erbitterung war die
des Schamgefühles und der verwundeten Liebe. Aus diesem Grund hatte
er in den letzten Jahren es vermieden, von Schweden zu sprechen. Er
wollte diese letzten Feinde bestrafen und besiegen, aber nicht auf dem
Richtplatz. Ruhig und befehlend beabsichtigte er den Boden zu betreten,
den sie nahe gewesen waren ihm zu entreißen. Er wollte sich mitten
unter die düsteren Angesichter stellen. Gleich sorglos wie ein Hirte
unter dem Gebüsch des Waldes, wollte er mitten unter den Verschworenen
schlafen, falls sich welche fänden, und sie noch einmal zwingen, die
Fahnen zu senken und ihm zu folgen, wohin er ginge. Er wollte die
schwedischen Feinde besiegen, dadurch daß er ihnen zeigte, daß sie noch
getreu waren.
Der Tag begann zu grauen, und einige Erdarbeiter kamen vom Feld, aber
alle Farben leuchteten so hart und stark. Alles schien ihm so kalt und
fremd.
»Ist das nun Schweden,« murmelte Rosen hinter seinem aufgeschlagenen
Kragen. »Ich erkenne es kaum wieder.«
»Eure Augen sind vom Winde gerötet,« antwortete der König. Danach fügte
er hinzu: »Wenn wir nicht alles hier zu Hause wieder erkennen, so
werden andere uns wiedererkennen!«
Er ließ sich von einem der Feldarbeiter den Weg nach Trelleborg
zeigen. Mit dem ruhigsten Gesicht sprach er von seiner Sehnsucht, die
gelehrten Professoren in Lund und den großen Polhem zu treffen, die
ihm helfen sollten, einen Kanal quer durch Schweden zu bauen. In des
Reiches unterster Ecke gingen die drei Herren zwischen den Planken und
Schlafhütten der Kleinstadt gleich schiffbrüchigen Abenteurern, die im
eigenen Lande fremd geworden sind, und unter dem tief herabgezogenen
Hut weinte Rosen wie ein Kind.
Als der König dem Wegweiser seinen Lohn geben wollte, merkte er,
daß alle Dukaten während der Fahrt weggeschenkt worden waren. Er
fand nur die türkische Münze, die Grothusen in der Trommel mit sich
geführt und ihm mit dem Wunsche geschenkt hatte, daß das Gold einmal
in Friedenszeiten möge umgeschmolzen werden zu einem ehrlichen
schwedischen Geldstück. Es war des Königs letzte Münze, und sie war
nicht sein, denn sie war von einem türkischen Juden geborgt. --
Ohne ein Wort legte er die fremde Münze in die Hand des schwedischen
Bauernsohnes.
Fredrikshall
Die Landeshauptleute riefen jetzt die Bevölkerung zusammen und
rechneten einem jeden fünfzig Taler auf den Tisch, der gutwillig
Reiter, und hundert einem jeden, der Fußsoldat wurde. Viele
Widerspenstige hieben ihre Finger ab oder schnitten sich mit dem
Messer, um zum Kriegsdienst untauglich zu werden, aber sie wurden zu
fünfzig Rutenstreichen verurteilt oder zu lebenslänglicher Strafarbeit
auf Marstrand gesetzt. Wilde Soldatenhorden zogen Gewalt ausübend
durch die Gegenden. Wenn der Bauer ihre Stimmen am Weidenzaun hörte,
ließ er die Schlüssel im Schloß stecken und verbarg sich unter
Heuhaufen oder floh mit Gesinde und Vieh nach der Wildung hinauf. Zu
Stockholm schlossen sich die Ratsherren in ihre Stuben ein, um nicht
gesehen und befragt zu werden. Von Gardisten begleitet, streiften die
Untersuchungsleute von Tür zu Tür und brachen Keller und Vorratskammern
auf, und die Wölfe kamen bis auf die Straßen. Es gab keine Waren in den
Kaufläden, kein Getreide in den Mühlen, keine Hände, die den Hammer
schwangen, kein frohes Lachen, keine gemütlichen Winterabende um das
Feuer des Heimes.
Das ganze Volk war von einer prophetischen Ahnung durchschauert. An
der Kirchentür oder in der verschlossenen Stube sprach man davon,
daß Gott, der Schweden die Krone des Martyriums aufgesetzt hatte,
bald die Dornen abfallen und das Laub in schönem, neuem Frühjahrsgrün
ausschlagen lassen werde und daß der König bald stürbe. Tag für Tag
wurde die Botschaft erwartet, daß er gefallen sei, und man wunderte
sich nur, daß es so lange dauerte. Alle wußten, daß er an Hecken und
Zäunen kämpfte wie ein gemeiner Soldat. Die meisten stellten ihre
tägliche Arbeit ein und gingen in Furcht und düsterer Erwartung umher.
Ein Ratsherr zu Stockholm klagte schon, daß er nicht wisse, wo man
Trauerstoff und Geld für die Beerdigung herbekommen solle. Selbst Görtz
lag jeden Morgen schlaflos, wenn sein Diener mit dem Holz für den Ofen
kam. Schweden glich dem zusammenstürzenden Königshaus bei Bender, aber
über dieser brennenden Ruinenstadt, wo der Jammer in einem wartenden
Schweigen dahinstarb, schossen gleich Sternschnuppen geistreich
leuchtende Zukunftspläne und Vereinfachungen, von denen fernsichtige
Wahrsager prophezeiten, daß sie erst nach Jahrhunderten eintreten und
sich verwirklichen würden.
Zu der Zeit lebte in Uppsala ein bettelnder Studiosus, der Pfarrer
werden wollte, aber nie etwas anderes zu tun vermochte, als zu würfeln
oder zu raufen oder zu Hochzeiten und Begräbnissen Verse auf Schwedisch
wie Lateinisch zu verfertigen. Er hieß Tolle Aarasson. Hände und Füße
waren viel zu schlank und fein für seinen großen Körperbau, aber auch
wenn er hungerte, blühte sein bartloses Kindergesicht immer gleich
voll und rosig. Keinem Menschen wollte er etwas anhaben, wenn er nur
frei wie die Vögel leben, seine eigenen Wege gehen und in Ruhe des
Morgens schlafen durfte, aber die Kameraden meinten, daß er zwischen
gut und böse nicht unterscheiden könne. Als die Werber eines schönen
Sonntags mit ihrem Lärmen in der Stadt begannen, wurde er ganz fromm
und verbarg sich mit den leeren Einbanddecken seiner lateinischen
Grammatik in den Kirchenbänken. Es war in der Dreifaltigkeitskirche.
Mitten während des Gottesdienstes drangen die Werber mit einem Bündel
Handschellen auf den Achseln lärmend und dröhnend ein, aber Tolle
Aarasson beugte sich über seine leeren Bucheinbände. Er wiegte seinen
Leib vor und zurück und sang mit einer Innerlichkeit und Andacht, daß
keiner daran dachte, ihn zu nehmen, obgleich er zu dem untauglichen
Gelehrtenvolk gehörte, das dem königlichen Plakat gemäß für das Heer
ausgewählt werden sollte. Danach fand er es doch für ratsam, sein
Bündel über den Rücken zu hängen und auf Abenteuer zu ziehen. Entsetzt
sah er sich in dem lieben Vaterlande um, das Pest und Krieg so sehr
verödet und verwandelt hatten. War das Schweden, das Land, das seine
Väter erbaut und gehütet hatten wie ihren Augapfel, die geliebte, die
gefürchtete Großmacht des Nordens? Auf den Wegen traf er jammernde
Bauern, die in langen Zwangsfuhren ihre Getreide nach dem Hauptquartier
in Norwegen oder bis hinauf nach der Schanze Hjerpe im Jämtland
befördern mußten. Umgestürzte Ladungen und tote Pferde lagen auf jeder
Anhöhe. Oben auf den verödeten Gehöften der Wälder guckten zerlumpte
Herumstreicher aus den Stubenfenstern, und er trug beständig sein Geld
im Stiefelschaft versteckt. In der Nähe der Bauerngehöfte standen
Schlafbänke, Schlitten und Haustiere auf dem Rasen aufgereiht, und
unter Weinen und Wehklagen tönte der Schlag des Auktionshammers an das
Türholz. In den Herrschaftsküchen erzählten sich die Diener, wie die
Familie des Hausherrn ihr Silber vergrub, denn Görtz hatte befohlen,
daß nicht nur alles wirkliche Geld, sondern auch das Hausgeräte von
Edelmetall ausgeliefert werden sollten gegen Notmünzen, auf daß der
König das ganze Eigentum der Untertanen bekäme. Tolle Aarasson erfuhr,
daß nicht einmal mehr die Prinzessin in Stockholm genug Silberzeug
für ihre Tafel habe, und daß der König selbst von Eisenblech esse.
In den verlassenen Schmieden, außerhalb deren der Fluß ungehemmt dem
Meere zuströmte, an stillstehenden Rädern und geöffneten Dammluken
vorbei, plauderte er mit dem einzigen zurückgelassenen Schmied der zu
alt und gebrechlich für das Feldleben war. Er erfuhr, daß, sobald etwas
Eisen geschmiedet wurde, es gleich gegen ein Säckchen Notmünzen im
Vorratshaus des Reiches aufgelegt werden solle. Am liebsten aber saß er
doch und wärmte sich in den Pfarrhäusern, wo seine Bibelkundigkeit und
sein Latein ihn gern gesehen machten, und mitunter konnte es geschehen,
daß der Pfarrer sich mit ihm bis in die Dämmerung unterhielt. Dabei
flüsterte man, es würde erwogen, die Schul- und Armenkasse, ja selbst
das Geld der Bank zu nehmen; nicht einmal Schreibfedern und Papier gäbe
es noch, und die Ämter müßten geschlossen werden, wenn die Herren nicht
die Finger in das Tintenfaß tauchen und auf dem bloßen Tische schreiben
wollten. Ein ergrauter Kaplan sagte ihm, daß die Landeshauptleute
abgesetzt oder unter Aufseher gestellt würden, wenn sie nicht mehr
wüßten, wem sie gehorchen oder befehlen sollten; und der Alte
beschrieb, wie er selbst die Bibel und den Predigermantel versetzen und
Dünnbier in die Abendmahlskanne habe einschenken müssen.
Auf diese Weise wanderte Tolle Aarasson von Gegend zu Gegend und
verdiente mitunter einen Pfennig durch das Mitnehmen von Briefen und
Amtsnachrichten. Die Postburschen waren nämlich zum Heer befohlen
worden, und die ungestümen Gastwirte wurden Postmeister, aber sie
verstanden ihr neues Geschäft nicht, sondern die Mütter und Vaterlosen
umdrängten sie täglich vergebens und riefen umsonst nach Briefen ihrer
Angehörigen in Sibiriens Urwäldern und Bergwerken. Mitten unter den
murrenden Bauersleuten durfte er in der Kirche zu Slätthög mit den
Fingern den goldgestickten Ehrenpelz eines Sultans streicheln, der als
Altardecke dahing. In der Stadt Kalmar wurde er mit dem Artilleristen
Edstedt, der gerade ein Dienstmädchen geheiratet hatte, aber selbst
gar kein Mann, sondern ein verkleidetes Fräulein Stalhammer war,
Duzbruder. Auf Visingsö spielte er Würfel mit den zerfetzten russischen
Kriegsgefangenen, und in Karlshamn bummelte er mit Polacken, Armeniern
und Juden und zupfte die feierlichen, türkischen Gläubiger an den
Turbantroddeln. Er überredete sie sogar, Wein zu versuchen, schlug aber
dann das verunreinigte Glas entzwei, so daß es auf dem Pflaster tönte.
Zu Lund hörte er unter den bewaffneten Studenten der aufwiegelnden
Rede des Professors Ihre zu und schoß nach dem Professor Rydelius, der
den Sturm beschwören wollte. Nachdem er das halbe Land durchstreift
hatte, stand er schließlich eines Abends in Göteborg, wo der König auf
der Durchreise als Gast bei dem Seeräuber Gatenhjelm abgestiegen war im
Haus am Stigbergplatz. Staubig und durstig setzte sich Tolle Aarasson
in die Kaffeestube der Dorothea Ek, wo die Bürger laut lachend und
weinend sich umarmten und erzählten, daß die entsetzlichen Seeräuber
von Madagaskar nun die Erlaubnis erhalten sollten, mit sechzig
reichbeladenen Kaperschiffen zu kommen und sich in der Stadt häuslich
niederzulassen, um den Gewerben aufzuhelfen.
Da konnte er nicht länger an sich halten und ließ sein Licht leuchten
und erzählte auf schwedisch wie auf lateinisch seine Erfahrungen und
Abenteuer der Wanderschaft. Bald bemerkte er, daß zwei Männer, die mit
aufgeschlagenen Mantelkragen ihm zunächst saßen, zu sprechen aufhörten,
um ihm zuzuhören, und das machte ihn nur noch mitteilsamer.
»Jetzt müssen die Schweden die Eisenhandschuhe fühlen wie nie zuvor
seit der Heidenzeit,« sagte er und betrachtete seine glänzenden Nägel.
»Der König hat sein Schwert gegen die Völker nacheinander geführt,
und nun wendet er es gegen sein eigenes. Konnte das wohl anders
enden? Aber unheimliche Ahnungen werden rings im Volke geflüstert.
Er hinterläßt keinen Sohn. Was sollte auch ein solcher Mann mit
einem Sohn? Im Pult der Ratsherren liegt schon der Entwurf zu einer
englischen Verfassung. Nie sollten wir von einem anderen erdulden,
was wir jetzt willig ertragen. Vielleicht morgen ... vielleicht heute
abend, während wir uns hier unterhalten, sitzt ein munterer Knecht vor
einem Gluthaufen an der Felswand und schmilzt Blei in einem Tiegel
... Vielleicht hält er gerade jetzt in der Kugelschere den schwarzen
Tropfen, der für ewig den größten unter den Helden einschläfern soll.«
Ein schon hochbetagter Kaufmann mit dem weißesten Haar und den
sorgenschwersten Augen klopfte ihm auf die Hand.
»Wir Menschen urteilen alle nach dem Schmerz in unserer eigenen Wunde,
aber laß nun einen alten Mann reden. Wenn unser harter Eisenkönig
gleich nie geboren worden wäre, so hätten die stets mächtigeren
Nachbarn doch begonnen, dies Reich zu zerstückeln ... Langsam, Jahr für
Jahr, Tag für Tag würden unsere Kinder und Kindeskinder unterhandelt
haben, gedemütigt und einer Provinz nach der anderen beraubt worden
sein. Es wäre nie zur Ruhe, aber auch nie zur Ehre gekommen. Es ist
ein lumpiges Schauspiel, einen angebundenen Löwen zu sehen, dem das
Blut langsam nach kleinen Fingerhüten ausgesogen wird! So will ich denn
lieber mit einem Mal die Flamme in den Wolken und einen Mann vor uns
sehen! Wann befahl er uns mehr zu opfern, als er selbst opferte? Hat er
nicht gehungert, hat er nicht gefroren, und jetzt breitet sich über uns
die Ahnung, daß er auch mit uns fallen wird.«
Tolle Aarasson änderte die Stimme. Er wollte sich nicht verstellen,
aber es schien ihm beständig, der, welcher zuletzt sprach, hätte recht.
»Schätzte ich nicht Freiheit und ein gemachtes Bett, so würde ich mich
hinter dem König einherschmiegen, um den Mund auf seine Fußspuren in
dem norwegischen Schnee drücken zu dürfen. Bald kann es zu spät und die
Kugel gegossen sein ...«
Wie er diese Worte aussprach, erhoben sich auf ein heimliches,
gegenseitiges Zeichen die beiden Männer, die ihm zunächst saßen; und
seine Furcht vor dem Soldatenrock war so groß, daß er erblich, als er
blanke Messingknöpfe unter ihren Mänteln bemerkte.
»Mein gewogener Junker!« riefen sie ihm ins Ohr und führten ihn wie
einen Gefangenen an beiden Armen. »Wenn Er so schmuck reden kann, so
ist es auch nicht zu viel Ehre, daß Er in der Nähe stehen darf, wo
die Kugel pfeift ... Jetzt haben wir einen aufgeblasenen Vogel auf der
Leimrute gefangen! Wir sind Werber, wir mein Herrchen ... Versteht Er?
Und jetzt marsch nach Norwegen!«
»Ich habe all mein Lebtag nach nichts anderem verlangt, als Soldat
zu werden!« antwortete er sogleich mit so weicher und freundlicher
Bestimmtheit, daß sogar er selbst seinen Worten glaubte. »Jetzt legt
nur schön das Werbegeld in meinen Hut!«
So mußte er denn endlich den blauen Rock anziehen, vor dem er eine
solche Furcht hegte; und einen Tag nach dem anderen erlebte er neue
und unerwartete Begebenheiten mitten in dem Land, wo ehemals der
Pflug ruhig seine Furchen in die Erde gegraben hatte. Kaum war er ein
Stück oberhalb von Strömstad angekommen, als er große Galeeren auf
trockenem Boden zu sehen bekam. Er selbst wurde mit Bauern, Pferden
und Ochsen zusammen vor den Steven gespannt, um die Fahrzeuge über die
Landzungen zwei und eine halbe Meile bis Idefjord zu schleppen. Zoll
für Zoll wurden die Schiffe über Knüppeldämme und Reisighaufen gezogen,
des Nachts bei Pechfackeln und des Tags in der Hitze der Julisonne.
Ein kleiner Mann in violettem Samtrock und buschiger Perücke und mit
breiten Goldspangen an den Schuhen ging aufmunternd zwischen dem
Volke hin und her. Es war Emanuel Svedenborg, und Polhem hatte ihm
aufgetragen, diese seltsame Tat auszuführen. Als er Tolle Aarassons
ansichtig ward, beschattete er seine Augen mit der Hand und sagte:
»Das ist eine der fettesten und blühendsten Gesundheiten, die ich seit
vielen Jahren gesehen habe. Verfahrt dennoch nicht zu hart mit diesem
Mann, meine lieben Korporale, denn ich erkenne wohl, daß er keine
rechte Kraft in den Gliedern besitzt!«
Das war das erste mitleidige Wort, das Tolle Aarasson gehört hatte,
seitdem er mit seinen Kameraden in Uppsala angestoßen hatte, und
alsbald mußte er mit tränenden Augen die runde Hand vorstrecken und
betteln.
»Ich bin ein verunglückter, armer Kerl,« flüsterte er in einem Gemisch
von Schwedisch und gelehrtestem Latein, »und ich würde für eine einzige
Prise Schnupftabak segnen und danken.«
»Schnupfen und der Krone dienen ist zweierlei!« antwortete Svedenborg
ernst und ging weg, aber noch am gleichen Abend, als es zum Ablösen
blies, kam er mit seinem Schnupftabakshorn.
»Nimm das ganze Horn und behalt es und sprich nicht weiter davon!«
flüsterte er und war wieder verschwunden, wie ein Wanderer, der
plötzlich auf dem Wege auftaucht.