sich in sein Schicksal zu finden. Bald hatte er jedoch seine letzten
Kupfergötter und den ganzen Inhalt seines Schnupftabakshornes
verschwendet, um sich des Morgens mitunter eine Stunde längeren
Schlafes zuzuschwindeln. Alsbald meinte er wieder, daß die Menschen
schlecht seien.
Als endlich das letzte Schiff mit seinem goldenen Siegesgott am
Vorderteil über Idefjord ins dunkle Meer hinausglitt, wurde er von
neuem zum Marsch befohlen. Viele fremde und inländische Offiziere
schlossen sich allmählich der Schar an, und von Hof zu Hof wanderte der
lange Zug der letzten ausgeschriebenen Söhne des Landes.
Da ereignete sich es eines Mittags bei einer Gastwirtstation, daß Tolle
Aarasson hinter einem Wagenschuppen saß und mit dem Hut auf den Knien
schlief. Als die Trommel wirbelte und er erwachte, lag im Hut ein
blanker Speziestaler auf einem zusammengefalteten Papier.
Dies war ein unverhoffter Anblick, und er rieb sich die Augen, um zu
wissen, ob er träumte. Er schlug mit dem Fingerknöchel auf die Münze
und wog sie in der Hand. Zuletzt wickelte er das Papier auf und las:
»Zu Tistedahl bei der Möllerhütte steht eine trauerbirke, Armleuchter
genannt, denn haben sie drei arme an einem stamm. Falls seine
königliche Majestät vor feindes kugeln fällt, du sollen die selbe nacht
das wunder bezeugen, daß ein beutel liegen mit fünfzig ducaten dicht
bei dem Armleuchter in dem erde.«
»Dies Schwedisch hat irgendein ausländischer Teufel geschrieben!«
stieß Tolle Aarasson beinahe jammernd und wimmernd hervor und zerriß
das Papier in kleine Fetzen, die er um sich herum streute. Er scharrte
mit dem Fuß Erde darüber und trat darauf. Sodann steckte er den
Speziestaler in die Hosentasche, um zu den anderen zu gehen, aber kaum
hatte er einige Schritte gemacht, als er das Geld wieder herausriß, als
hätte es seinen Körper und seine Kleider gebrannt. Er warf es weit von
sich in den Sumpf hinaus.
Als er sein Gepäck auf den Rücken geschnallt hatte, begann er wieder
zu marschieren mit seinem gewöhnlichen Kinderlächeln, als ob vieles in
der Welt sehr wunderbar und doch durchaus gleichgültig sei, aber die
nächste Nacht träumte er von der weißen Birke mit den drei hohen Armen.
Die waldigen Alpenrücken wurden immer umwölkter, die Wege immer
steiler, die Töpfe der Marketender immer leerer, aber keine
Mühseligkeiten konnten die Wohlgenährtheit von den runden Wangen und
Gliedern Tolle Aarassons nehmen. Die Stiefel fielen in Stücken von
seinen Füßen und die Hosen der Krone, die auf ein verhungerndes Heer
zugeschnitten worden, waren so unzulänglich, daß er sie über dem Magen
mit einer Schnur zusammenbinden mußte. Sein gutes Aussehen und seine
leuchtende Stirn ärgerten die abgemagerten Kameraden, so daß sie ihn zu
prügeln gelobten, aber darum, daß er einen Kopf höher als jeder andere
einherging, wagte zuletzt keiner, ihm zu nahe zu kommen.
Obgleich er nichts verriet, grübelte er vom Morgen bis zum späten Abend
über das absonderliche Schreiben. Warum wünschten böse Menschen gerade
ihn zu ihrem Werkzeug zu wählen? Er konnte an nichts anderes denken.
Als die bestaubte Schar schließlich im Hauptquartier zu Tistedahl
unter die Zelte und Reisighütten einzog, blieb er plötzlich stehen,
und ohne daß er mehr wußte, was er tat, deutete er auf eine entlaubte
Trauerbirke.
»Die Birke, die Birke dort! Das ist der Armleuchter! Ich weiß es ...
sie muß so heißen!«
»Hier hast du zu schweigen und zu gehorchen!« antwortete der Korporal
und stellte ihn gleich als Flügelmann ins Glied zur Musterung.
Als ihn der Korporal am Arm faßte, fühlte er, daß die Sehnen weich
waren, und daß der großgewachsene Rekrut bei seinem Anfassen ohne
Kraft wackelte.
»Den hätten wir besser weggelassen!« bezeugte der Korporal. »An dem
Kerl ist alles mürb und weich!«
* * * * *
An einem Novembertag machten einige Truppenabteilungen in einem Bergpaß
halt, und obgleich die Uhr erst drei zeigte, herrschte schon Dämmerung.
Braungebrannt von der Steppensonne und noch mit einem türkischen
Tabaksbeutel an der Brust, betrachtete mancher gealterte Offizier
sinnend das Winterreich, in dessen waldigen Wildnissen das Heer jetzt
neuen Abenteuern entgegenzog. Gefangene Buschjäger erzählten wilde
Sagen von Waldgöttinnen und Hexengeschrei, und männlich hochgewachsene
Frauen mit flachsgelben Haaren kamen des Nachts zum Lagerfeuer und
hieben mit ihren Äxten erschöpfte und schlafende Schweden nieder.
Es schneite, und tief unten aus der Kluft warf die Sonne einen goldenen
Schein über das Alpengehölz und die hängenden Felsstücke der Bergwand.
Es war ein Heer von bleichen Fünfzehnjährigen, von halbwüchsigen
Kindern, die in der Schneewehe bei ihren Waffen standen.
Die kleinen Westgoten mit den scharfen Nasen und den unsteten Augen
flüsterten miteinander:
»Der König soll sagen, wenn wir nicht verhungern wollen, so müßten wir
die Nahrung aus den norwegischen Bergen graben ...«
»So müssen wir denn wohl graben,« antworteten die Smaaländer gedehnt
und klagend.
Die Dalekarlier und Bohusläner stützten sich schwermütig auf ihre
Musketenläufe, aber die Bataillone von Södermanland begannen zu murren.
Da hielt der Oberst Rutger Fuchs sein Pferd an und blieb vor der Front
stehen. Sein einer Fuß saß schräg im Steigbügel, denn bei Gadebusch,
wo man ihn vom Schlachtfeld getragen, war ihm das Bein von einer Kugel
zerschmettert worden.
»Pfui, ihr Södermanländer!« rief er mit seinem Schonendialekt. »Bekommt
ihr nicht Zukost zum Brot der Krone, ihr Butterbuben, so fangt ihr
gleich an zu knurren. Ich höre, daß ihr alle verzagt seid. Aber nun
gilt es tapfer ertragen, denn das sage ich euch, daß zu keinen Zeiten
die schwedischen Männer mehr einem solchen Helden dienen werden wie
unserem königlichen Herrn, und willig lasse ich für ihn mein Blut. Seht
auf mich! Wie nennt man mich? Nun, heraus damit!«
»Den reichen Fuchs!« antworteten die Soldaten einmütig, und ihre Züge
leuchteten.
»Das stimmt. All mein Lebtag habe ich der reiche Fuchs geheißen ... Nun
ja, worin liegt denn Fuchsens Reichtum? Wer heraustreten und antworten
kann, bekommt zwei Rundstücke.«
Keiner wagte sich vor.
Da zog der reiche Fuchs seine Brieftasche aus der Brust und schlug nach
und blätterte in den Seiten und hielt folgende Rede:
»Was Teufel will das heißen, reich zu sein! Das ist eine
Buchführungssache, Kinder. Glaubt ihr vielleicht, daß alles Eigentum
zinsbringend sei? Ja, versucht! Jetzt hört zu, was ich lese! Schulden:
Null, Null. Das ist die erste Hälfte von Fuchsens Reichtum. Dann haben
wir des seligen Schlippenbach Schlafrock ... Habt ihr schon den seligen
Schlippenbach vergessen, euren früheren Oberst, der mir sowohl seinen
Schlafrock als auch sein Regiment im Testament vermachte, die zwei
liebsten Gegenstände, die er auf der Welt besaß? Der Schlafrock ist mir
so wertvoll, daß ich ihn nicht für weniger als fünftausend Reichstaler
verkaufen wollte. Da ist er denn auch für mich gerade die Summe wert.
Demnach, hört nun zu! Vermögen:
Des seligen Schlippenbach Schlafrock: fünftausend Reichstaler,
Sörmlands Regiment: zehntausend Reichstaler,
meine geliebte Frau Greta, daheim: siebzigtausend Reichstaler,
der Köter von Holstein: tausend Reichstaler,
meines königlichen Herrn Gnade: achtzigtausend Reichstaler,
das Wirtshaus zum Goldesel: zweitausend Reichstaler ...
Hol' mich der Teufel, ist das nicht alles niedrig gerechnet, aber es
ist auch das einzige, was ich in der Welt habe. Nun, was ist denn das
Wirtshaus zum Goldesel für ein Ding?«
»Es ist des gnädigen Herrn Oberst Leinwandzelt!« murmelten alle
Soldaten durcheinander.
»Ganz recht, ja! In dem Wirtshaus bekommt jedermann das Frühstück
umsonst, denn es ist nicht das geringste zu bekommen ... Laßt uns
nun rechnen! Summe des Vermögens: einhundertachtundsechzigtausend
Reichstaler. Aber war Null Null Schulden die Hälfte meines Reichtums,
so muß ja die Hälfte auch einhundertachtundsechzigtausend wert
sein. Folglich und beweislich habe ich somit, zusammengelegt,
dreihundertsechsunddreißigtausend Reichstaler. Seht ihr, Jungen, das
ist, was Görtz Finanzen nennt, und solches ist nützlich zu können,
begreift ihr. Lernt nur, Buch zu führen und den richtigen Wert auf
alles zu setzen, dann seid ihr schön reich und braucht nicht den Kopf
zu hängen, wenn der Magen auch knurrt.«
»Vivat! Vivat, der reiche Fuchs!« schallte es die Reihen entlang, aber
im gleichen Augenblick flogen alle Degen aus den Scheiden. Die Musketen
präsentierten, und die Trommeln donnerten. In dem Schein an der
Felswand bewegte sich der hohe, vergrößerte Schatten eines hinkenden
Mannes mit runder Pelzmütze auf dem Kopf und einem knotigen Stock in
der Hand.
Es war der König.
Er kam zwischen den Föhren, von Trabanten gefolgt, die, ihre Haudegen
gezogen, in langer Reihe ihre Pferde führten. Er selbst ging zuvorderst
und bahnte den Weg im Schnee. Sein narbiges und zusammengebissenes
Gesicht war mit den Jahren durch Sonne und Frost in der Farbe dunkel
geworden, und zwischen den Augenbrauen lag eine tiefe Falte. Als er die
Pelzmütze unter den Arm steckte und nach allen Seiten hin die Begrüßung
der Truppen erwiderte, fiel der Schnee über sein kahles Haupt. Die
Generale versammelten sich allmählich um ihn, und die Trabanten hieben
mit den Degen einige Föhrenzweige ab und breiteten sie auf den Boden.
Während der ganzen Zeit stand er barhäuptig im Schneewirbel, und die
ergrauten und an der Schläfe zurückgestrichenen Haarsträhnen glichen
zuletzt einem Kranz bereifter Blätter. Er befahl den Soldaten, die
Musketen zusammenzustellen und den Reisighaufen anzuzünden, aber
die Musikanten blieben an der Felswand stehen, mit der Order, bis
Sonnenuntergang zu spielen.
»Die Norweger sind ein lustiges Volk, um sich mit ihnen zu stoßen,«
sagte der König. »Solche Männer wie ihr, Kruse und Kolbjörnsen,
sollten, wenn sie fallen, in Goldsärgen begraben werden.«
Der Feldmarschall Mörner antwortete:
»Wir haben gerade neuerdings einige norwegische Schnapphähne
eingefangen, die hier in den Büschen versteckt lagen, um auf Eure
Majestät zu schießen. Sollen wir sie henken?«
»Nein. Gib einem jeden einen Dukaten für vergeudete Zeit, und bitte
sie, nicht weiter in das Soldatenhandwerk zu pfuschen.«
Mörner ließ die Stimme sinken.
»Es gibt auch andere, mit Höherem betraute Buschkriecher. Ich habe
vorhin von Pfarrer Brenner einen neuen Angebebrief erhalten über
heimliche Verschwörung gegen Krone und Leben. Sollte man ihm Glauben
schenken, so stünden in diesem Augenblick auf kaum fünf Armlängen
Abstand gefährliche Feinde hier herum.«
»So mögen sie stehen, wenn es ihnen nicht behagt, zu sitzen. In
Kriegstagen ist keine Zeit zum Untersuchen.«
Mörners Zwerg, Luxemburg, trat jetzt mit der Wasserflasche vor. Als
der König getrunken hatte, reichte er dem Zwerg seinen abgenutzten
Wacholderstock, wie um den Kleinen auszurüsten, und sagte zu ihm:
»Ein Türk hat mir geweissagt, ich solle mich vor Narren hüten. Du
kannst nun erproben ob ich recht habe.«
Luxemburg nahm den Stock und zupfte und spielte auf ihm wie auf einer
Gitarre und stimmte eine französische Liebesweise an.
Mörner trat dann dem König näher und flüsterte hinter dem Hut:
»Die Mannschaft verhungert.«
»Möge der Soldat treu seinen Dienst tun.«
»Aber ein ausgehungerter Soldat läßt die Muskete fallen.«
»Wenn man Schnee schmelzt, wird er zu Wasser. Wenn man auf einen
Tannenzweig beißt, kann der Hunger sehr wohl für lange Zeit betäubt
werden.«
»Das Volk hier haben wir wenigstens unter den Augen ... Aber die Leute
daheim ... Die Pfarrer lehren jetzt offen von der Kanzel, die Rache von
oben herabzurufen. Sie meinen, seitdem Gott die Schweden geschlagen und
das Zeichen gegeben hat, daß ihr Reich zerstückt werden muß, fechte
Eure Majestät für die eigne Ehre allein.«
»Sind denn ihre Ehre und die meine zwei getrennte Dinge geworden? Sie
trotzten, und ich antwortete. Ich will sie zwingen, bis zum äußersten
auszuhalten. Ist es nicht ebensowohl für ihre Schuld als für die meine?
Sie sagen, daß ich Gott versuche. Ich antworte, daß ich ihm folge. Das
ist mein Königswort! Im Namen der Gerechtigkeit, das ist mein Eid! Wer
ist Schiedsrichter?«
Mit diesen Worten setzte der König die Pelzmütze auf, schlug den
Mantelkragen in die Höhe und legte sich so ruhig zum Schlafen auf die
Tannenzweige, als wäre kein Feind auf Gottes Erdboden zu finden gewesen.
Düker rief mit Eifer den Offizieren seine Befehle zu. Mörner schlief,
stehend gegen eine Föhre gelehnt, ohne länger den Einfällen des
kleinen Cronstedt zuhören zu können, und der verschmitzte Stjernroos,
der ausgewesen war und spioniert hatte, kam, in eine Schafpelzjacke
verkleidet, mit Holzschuhen und mit einem Fäßchen auf dem Rücken.
Selbst der König schlief schon regungslos, ohne einen Gedanken an Brief
und Drohung. Er hatte sich seinen Soldaten anvertraut.
Aber es waren zwei Augen, die ihm folgten. Tolle Aarasson, der am
vorhergehenden Tage in das Regiment Södermanland gesteckt worden war
als Korporal und Führer für die Holzhauer, konnte sich nicht zwingen,
von dem Schlafenden wegzuschauen. Die Worte des reichen Fuchs lagen ihm
noch im Sinn.
»Ich könnte vielleicht auch ein Haushaltungsbuch führen,« dachte er.
»Fünfzig Dukaten in der Erde bei der Armleuchterbirke!«
Er stierte mit seinen klaren und freundlichen Augen so starr auf den
König, daß er nicht merkte, wie der reiche Fuchs ihm auf den Leib
rückte.
»Was ist's mit ihm?« sagte Fuchs und klopfte ihm seelengut auf die
Schulter. »Hier ist ein Rapport nach Tistedal, denn jetzt sollen wir
hinauf gegen die Festung Fredriksten und tüchtig einheizen. Nimm zwei
Mann und zwei Bündel Kienspäne zum Leuchten mit ... und lauf' rasch!
Wer einen so prächtigen Mundvorrat unter der Haut hat, braucht weder zu
biwakieren, noch öfter als jede dritte Nacht zu essen, wenn er nur mit
Gottes Gaben weiter hauszuhalten weiß.«
Tolle Aarasson begab sich mit seinen zwei Soldaten abseits in den Wald
hinein, aber noch in weitem Abstand wendete er sich zwischen den Tannen
um und sah nach dem König.
Als er bei Tagesanbruch zum Dorf Tistedal kam, blieb er unter der
Armleuchterbirke stehen und steckte den letzten Kienspan in den Boden,
mit dem brennenden Ende nach unten.
»Ich bin weit umhergestrichen, um zu studieren und zu lernen,« sagte
er zu den Soldaten. »Ich bin guten wie schlechten Menschen begegnet.
Ob wohl die Tiere und Bäume auch gut und böse sein können? Bei jeder
Mittagsrast, wenn ich mit den Holzhauern ausgewesen bin, habe ich mich
zum Schlafen hierher gelegt, aber nie kam mir ein Schlummer in die
Augen. Es lastet ein Fluch auf dem Baum! Seht ihr, da oben in den einen
Ast habe ich eine Axt fest eingehauen. Es wird ein Morgen kommen, da
setze ich die Axt an die Wurzel ...«
Er blieb noch zurück und betrachtete den erlöschenden Kienspan.
»Gute Menschen und böse, sagte ich ... Nie sah ich einen herrlicheren
Mann als unseren großen König, aber die Jahre machen ihn immer strenger
und härter. Er hat weder mit dem Wimmern der Tiere noch mit dem der
Menschen Mitleid. Ein Jammerschrei kann ihn nicht einmal verlocken,
den Kopf zu wenden. Sein Winter mit dem langsamen Tod ist gekommen.
Wie würden wir ihn beweint haben, wenn er in seinen jungen Jahren
hätte fallen dürfen! Keine Zeit würde einen größeren und reineren
Mann gegrüßt haben als die seine. Seht diesen Kienspan, wie langsam
er erlischt, wie er raucht und die Luft verpestet mit seinem feuchten
Brandgeruch! Warum nicht lieber mit einer einzigen kleinen Handbewegung
ihn tief hinunterdrücken, ohne Säumen ... daß er noch hell glühend in
die Erde kommt ...«
Die Soldaten verstanden ihn nicht, sondern antworteten schließlich:
»Möge unserem geliebten Herrn und König nie etwas Böses geschehen!«
Er tat ein paar Schritte, um ihnen zu folgen, aber die Armleuchterbirke
streckte beschwörend ihre Äste über ihn, und er blieb abermals stehen
und sprach mit sich selbst:
»Wer denkt an Böses? Tolle Aarasson faßt die Muskete, er, der
Verachtete, der Ausgestoßene, der von Hof zu Hof hat wandern müssen, um
das Gnadenbrot zu erbetteln. Er faßt die Muskete und legt den Finger
auf den Hahn. Der Schuß wird das ganze Volk zur Versöhnung rufen. Wenn
auch alle Kanonen von Fredriksten durch die Nacht donnern, niemand
wird sie hören. Die Soldaten werden finden, daß es so still ist wie
auf einem entlegenen, zugefrorenen Alpsee. Sie werden nur den einzigen
Schuß hören. Der wird Nacht um Nacht, Tag um Tag widerhallen, so
lange die Menschen auf der Erde leben. Wenn ich die fünfzig Dukaten
ausgegraben habe, werde ich zu den Generalen vortreten und alle
Geldstücke über ihre Hüte und Perücken werfen und sagen: Heraus mit
den Handschellen, gute Herren! Hier habt ihr das Trinkgeld für die
Bemühung. Trinkt meine Gesundheit mit echtem Wein! Ich bin es, der
Seine Königliche Majestät erschossen hat! Von euch wird niemand reden,
aber so lange _sein_ Name lebt, so lange lebt der meine. -- Und
dann werden die Handschellen zusammengeschraubt. Ich werde auf den
Henkerskarren gesetzt und fahre die Götegatan hinauf in Stockholm, aber
es wird kein Fenster, keinen Treppenabsatz, kein Dach geben, wo die
Menschen sich nicht drängen werden, um Tolle Aarasson zu sehen. Und
auf den Herrenhöfen, wo ich am Küchentisch zu essen bekam, und in den
Pfarrhäusern, wo ich mich für einen Teller Biersuppe verbeugen mußte,
da wird es heißen: In dem Stuhl saß Tolle Aarasson, aus der Pfeife
rauchte Tolle Aarasson, auf diesem Türgriff hielt er den Finger, der
den Schuß abdrückte. Die Studenten in Uppsala, die hochmütigen, die
falschen Freunde, die sich zuletzt für zu gut hielten, um mich eine
Regennacht über zu beherbergen ... sie werden altern, sie werden weiß
werden auf dem Schädel, aber nie werden sie ermüden, zu sagen: Wir
kannten Tolle Aarasson, wir nannten ihn du. -- So wird es gehen. Und
so oft ein Reisewagen in die Stadt Stockholm einfährt, wird der eine
Herr durch das Fenster zeigen und sagen: Hier ist der Galgenhügel! --
Es können hundert Hingerichtete in dem Acker liegen, aber er wird nur
sagen: Da liegt Tolle Aarasson, der elende Lump! -- Und dann antworten
die anderen Herren: Der Volksbefreier!«
Tolle Aarasson hob den Arm, um sich zu stützen, aber in dem Augenblick,
wo er die Hand gegen die glatte, kalte Rinde des Birkenstammes lehnte,
riß er sie mit einem unterdrückten Ruf des Entsetzens zurück.
Die Soldaten blieben stehen und wendeten sich um. Er winkte ihnen zu,
weiter zu gehen, und folgte ihnen nach, aber er war bleich geworden wie
ein toter Mann.
* * * * *
Der König hatte sich auf dem Bergrücken vor dem Laufgraben der Festung
eine Bretterhütte erbauen lassen, und ein Bett, ein Tisch und ein
Stuhl wurden dorthin gebracht. Keine Soldaten standen mit geladenen
Musketen Posten an der Tür, und der wachthabende Adjutant wurde oft in
verschiedenen Angelegenheiten fortgeschickt. Der König überwand sogar
seine frühere Scheu vor der Einsamkeit der Nacht und ließ nicht länger
mehr zu, daß ein Page neben seinem Bette schlief. Erschöpft von des
Tages Mühen, schlief er mitunter draußen auf dem Walle ein, mitten
vor den feindlichen Kanonen und den in dem Laufgraben arbeitenden
Soldaten. Jeder hätte in der Dunkelheit sich zu ihm schleichen und
sein Leben mit einem Degenstoß auslöschen können. Die schlaflosen und
angsterfüllten Nächte der Ukraine nach dem ersten zerschmetternden
Schlage des Schicksales waren nur noch als Narbe in der Falte zwischen
den Augenbrauen zurückgeblieben. Er hatte seine Seele in Mißgeschicken
so abgehärtet wie seinen Körper in Strapazen. Er grübelte keine
Minute mehr über die Gefahr, aber er wußte, daß sie näher als je ihre
schwarze Wolke über sein Haupt gehängt hatte, und dies erfüllte ihn
mit der getrosten Ruhe einer entschwundenen Jugend. Seine Stimme war
hart geworden, aber die befehlende Ruhe entzündete ihren verjüngenden
Glanz in seinen Augen. Alles, alles, was Elend und Untergang Finstres
verbergen, erhob sich rings um ihn, und er stützte sich auf seinen
Wacholderstock, und, oftmals ungeduldig scheltend, leitete er die
Arbeit der Soldaten.
Zeitweise betrachtete er den Himmel und suchte die Sternbilder heraus,
die er kannte, aber wenn der Nebel sich senkte und die Dunkelheit
tiefer wurde, schloß er mitunter die Augen und rechnete an den
Fingern: Dreihundert ... dreihundertfünfundachtzig ... neunzig ...
vierundneunzig ... vierhunderttausend Reichstaler! -- Ob Görtz
wirklich so viel bis Dezember würde auftreiben können? Wie sollte
wohl sonst das Heer instand gehalten werden? Und ob wohl Görtz schon
innerhalb zweier Tage ankommen würde? War es nicht die Erwartung
seiner Ankunft, die im Lager solche Aufregung verbreitete? Was war in
der Beziehung zu tun? Der König kannte keine Skrupel, denn er war ein
Wegelagerer geworden, der Geld und Eigentum verachtete. Hatten ihn
die Schweden nicht einen Verrückten genannt und die Hand nach seiner
Krone ausgestreckt? Nun wohl, das verzieh er ihnen, seitdem er ihnen
geantwortet hatte; aber bis zum äußersten wollte er sie zusammenhalten,
wenn auch Grund und Boden brennen sollte. War das nicht der Auftrag,
war das nicht das Gottesgebot, das er in seiner Seele beschworen hatte?
Es war jetzt keine Zeit für Faulenzer, die am liebsten daheim in ihren
Lukenbetten lagen. Und Görtzens Plakat, das auf jedem Gemeindehaus
seinen königlichen Namen unter Meineiden von Frieden und dem Wohl der
Untertanen hatte prahlen lassen? Wo hatte er während seines Feldzuges
die Fürsten in der Stunde der Not wohl anders handeln sehen? Und waren
sie nicht dennoch weise und gut genannt worden, wenn es ihnen geglückt
war? Wenn der Sturm vorüber war, wollte er Gericht halten und Recht
schaffen. Strenge hatte er befohlen, nie mit Wissen Ungerechtigkeit.
Nun galt es, die Festung Fredriksten zu erobern, die vor ihm auf dem
Felsrücken mit ihren grauen Mauern und den scharfen Ecken den Weg nach
Norwegen hinauf verschloß. War nicht das Außenwerk Gyldenlöw schon mit
dem Degen in der Hand genommen? -- Mit dem Degen in der Hand? -- Er
schloß die Augen, wie er oft zu tun pflegte, wenn er ungesehen war,
und wiederholte leise die Worte. -- Sie meinen, daß ich dich versuche,
ewiger, wunderlicher Gott, heiliger Geist, meine Freude, meine Wonne,
mein Labsal. Immerzu sagen sie: bleib' auf halbem Wege stehen, wo wir
stehen bleiben, sonst versuchest du Gott; setze dich nieder, wo wir
ermatten, sonst nennen wir dich nicht länger unseren Gideon. -- Du,
der du Schiedsrichter bist, vor dir demütige ich mich in meiner Not,
ich zerknirschter Sünder. Bin ich jetzt irre gegangen auf der Erde, so
schlage mich tot darnieder!«
»Der König ist auf seinem Posten eingeschlafen,« sagten die Soldaten,
als sie ihn mit gesenktem Haupt und dem heruntergezogenen Hute sahen.
Er hörte sie, sah auf und antwortete:
»Noch nicht!«
Am ersten Sonntag im Advent stieg der König zu Pferd und ritt durch
den Nebel nach dem Möllerhäuschen in Tistedal hinunter. Er war trüben
Sinnes, und um seine Schwermut zu übermannen, setzte er sich auf die
Bank am Kaminfeuer und sah seine Papiere durch. Es waren Bittschriften
und alte Briefe und durchkreuzte Rechnungen, noch von dem Aufenthalt
in Lund. Seine Augen blieben schließlich auf zwei Halbbogen haften,
die mit einer Messingnadel aneinander befestigt und mit seiner eigenen
schwerleserlichen Schrift beschrieben waren. Er las: