obgleich ich weiß, daß ich und Feifen dann allerschönstens in den
Schatten kriechen dürfen. Ade! Ade! So ein kleiner Finanzenpfuscher
wie ich taugt nicht länger in diesen schweren Tagen, da das ganze Reich
auf dem Spiele steht. Hier bedarf es eines großen Höllenministers
des Auswärtigen ... Görtz ist kühn und geistreich, ein Krieger in
den Staatskünsten, und er hat den Administratoren von Holstein Geld
wie Gras aufgetrieben. Er ist schlauer als zehn Grothusens und
fünfzig Müllerns oder Feifens. Aber was mir Kopfzerbrechen macht, ist
die Frage, wie man ein ~Billett d'amour~ aufsetzt an eine so
hochbejahrte Dame, wie meine Schöne am Knipertor.«
Wieder leuchtete der Schalk aus des Königs Auge, er reichte Grothusen
die Feder hin.
»Stell dich ans Tischende und schreibe, so werde ich diktieren.«
Der König überlegte eine Weile, danach begann er:
»Edelste Dame! Ein schmutziger, alter Kriegsmann, wie ich, darf gewiß
nicht um eine Audienz bei einer so edelen Dame wie Madame betteln,
aber die edle Dame könnte vielleicht günstiglichst ihm ihr Konterfei
schicken, aber bald, denn mein König sagt, daß hier bald alles mit
fallen endigen wird, so daß es gewaltig eilt mit dem Konterfei ...«
Grothusen lachte und schrieb und lachte, und von Zeit zu Zeit sprach
er von Rechnungen und Staatsgeschäften und von Görtz. Als das Billett
fertig war, faltete er es und küßte seines königlichen Freundes
Hand, und nicht viel später marschierte er den Weg hinunter nach dem
Knipertor.
Da geschah es schließlich eines Tages, daß Müllern, welcher endlich
auch in Stralsund angekommen war, mit Grothusen im Vorgemach des Königs
saß und arbeitete. Ein Lakai öffnete die Türe und meldete:
»Herr Baron Georg Heinrich von Görtz!«
Einäugig, ritterlich, mit perlmutterbesetztem Griff am Kammerdegen und
Orden auf dem kostbaren Sammetgewand, schritt Görtz über die Schwelle.
Er faßte Grothusens und des verwirrten Müllerns Hände und legte sie
auf seine Brust. Auf diese Weise blieben die drei einäugigen Herren
voreinander stehen.
»Sagen Sie mir aufrichtig,« sagte Görtz und deutete mit dem Kopf nach
des Königs geschlossener Tür, »wie lange ist es eigentlich her, seit
unser Held zuletzt badete?«
Grothusen antwortete:
»Laß mich sehen! Er badete das letztemal vergangenen Sommer zu Demotica
... Aber er ließ sich in der Zwischenzeit mit Eiswasser übergießen ...
Über so etwas kann die Exzellenz gut mit ihm spaßen ... Nur eines will
ich raten. Sprechen Sie nicht unnötigerweise von den Schweden!«
Görtz schloß die Augen und nickte und ging zum König hinein.
Ein leiser Schatten flog über Grothusens faltige Stirn, und er murmelte
Müllern zu:
»Während Seine Majestät sich dem Teufel verschreibt, gehe ich, glaube
ich, auf den Jahrmarkt hinunter und verjage die Gedanken.«
* * * * *
Als Görtz den König begrüßte, trat er mit einer manierlichen
Ungezwungenheit und ohne ein einziges schmeichlerisches Wort vor ihn
hin.
»Wunderlich!« sagte er, »lassen Sie in einem großen Saale eine Münze
fallen, so rollt sie über den ganzen Boden, bis daß sie sich unter dem
Schrank versteckt.«
Der König, der gegen den fremden Glücksfreier noch teilweise
mißtrauisch war, nahm einen Dukaten aus der Börse, die zufällig über
den Papieren auf dem Tische offen dalag, und warf die Münze auf den
Boden. Sie rollte im Kreis und blieb gerade vor ihm liegen.
»Sapristi!« sagte Görtz. »Sapristi! Will man, daß das Geldstück unter
den Schrank soll, so bleibt es mitten auf dem Boden liegen.«
Im gleichen Augenblick geschah es aus Versehen, daß der König mit dem
Degengriff gegen die Börse stieß, so daß alle Dukaten klingend auf den
Boden fielen. Wie eine Herde erschreckter Schafe jagten sie mit ihrem
runden Rücken nach allen Seiten und versteckten sich unter dem Schrank
und Tisch und schließlich sogar hinter dem Ofen.
Nun erst begann Görtz sich tief und tiefer zu bücken.
»Sehen Sie! Ich bin klein in Glaubenssachen, das bekenne ich ehrlich,
aber in einem Stück bin ich doch abergläubisch. Eine Bombe kann mitten
in ein dichtgedrängtes Bataillon fallen, ohne einen einzigen Mann
zu verwunden, aber noch nie ist es in der Welt vorgekommen, daß ein
Butterbrot auf den Boden fiel, ohne mit der Butterseite nach unten im
Staube liegen zu bleiben. Es gibt in der Luft eine Art von Kobolden,
die vom Teufel selbst eingedrillt sind. Wären sie nicht unsichtbar,
so würden sie kleinen bräunlichen, umherfliegenden Bienen gleichen.
Sie verursachen ihrerseits keine großen Übel, sondern nur kleine
Ärgernisse, aber da, wo der Ärgernisse zu viel werden, kann es zuletzt
mit einem großen Unglück endigen. Es sind diese kleinen unsichtbaren
Kobolde, die gereizt und gelockt werden von den gezogenen schwedischen
Waffen. Soll nun eine Flagge gehißt werden, so reißt der Strang. Soll
ein Soldat über ein gefrorenes Grab schreiten, so bricht das Eis.
Einfacher gesagt, Eure Majestät werden nun gleich eifrig vom Unglück
verfolgt wie ehedem vom Glück.«
Der König trällerte leise:
»Wie, wenn man wollte,
Mit Absätzen sollte
Man treten Kobolde?«
»~Quilibet fortunae suae faber!~ Man verscheuche sie. Um
anzufangen weise man aus seiner Nähe alle kleinlichen Menschen, denn
solches Volk hat eben so viel unsichtbare Kobolde im Hosengurt, wie ein
Troßknecht Flöhe. Dann ziehe man den Degen gegen die ganze Welt und
folge seines Willens Stern ...«
»Die schwedischen Herren versichern, daß zu Hause bald kein Rundstück
mehr aufzutreiben sei.«
»So lasse man neue Rundstücke schlagen! Was ist Geld? Schuldzettel auf
vorhandene Werte. Ob das Stück Königreich, das da oben liegt, nicht
ein Wert ist, auf den man beinahe so viel Schuldverbindlichkeiten
ausschreiben könnte, als man wollte?«
»Ich habe selbst längst an eine Notmünze gedacht. Aber wäre das
rechtschaffen? Ein Herrscher soll ehrlich sein. Es darf sich kein
Flecken an seiner Ehre finden lassen. Seien Sie des eingedenk!«
»Gewiß, gewiß! Die Notmünze ist zu borgen! Im Jahre des Segens gibt
man das Echte zurück und wirft die Notmünze in den Ofen. Wer hoch
zielen will, darf sich auch nicht fürchten, selbst Luzifern die Pfeile
schmieden zu lassen!«
Des Königs kühner Gedankenflug warf sich sogleich auf die Frage wie
in ein Handgemenge gegen einfältige Vorurteile. Selbst hatte er nicht
einmal in der Wüste die Hand in die Tasche gesteckt, ohne sie mit
Dukaten füllen zu können. Gleichgültiger gegen seine Kleidung und seine
Herberge als ein Bettler, hatte er doch nie einen Gegenstand gesehen,
den er wirklich Sehnsucht gehabt hätte zu kaufen. Seine Dukaten hatte
er nie zu etwas anderm verwandt, als um andere aufzumuntern und zu
belohnen. Das Geld war für ihn ein Staatsmittel. Hingegen sah er
täglich, daß, sobald er den anderen befahl, ihr Geld dem Heere zu
geben, sie anfingen zu murren und Ausflüchte zu suchen, und seine
Verachtung gegen solche Diener knäulte sich schlangengleich mit seiner
unbezwinglichen Sehnsucht nach Genugtuung, nach Rache an seinen
Feinden, die ihn angesichts der Welt in einen solchen Abgrund gestürzt
hatten. War er nicht ein König, Herr über Millionen Menschen! Warum
wurde er dann beständig gehindert und gebunden von solchen an sich
wertlosen, kleinen Metallplatten, die hier Reichstaler und dort Gulden
genannt wurden? Es war dies eine Erfindung, mit der der niedrige Sinn
den Menschenwert umdrehte und die Ehrlichkeit betrog, um selbst zu
schwelgen. Wäre es irgendein Verbrechen, an einer solchen Erfindung
einige Schrauben umzusetzen? Eigentlich müßte das Geld ganz und gar
abgeschafft werden.
Nach einigem Überlegen sagte der König:
»Und die Bedingungen?«
»Daß ich holsteinischer Untertan verbleibe, aber frei meinen Mithelfer
wählen darf und nur vor Eurer Majestät mich zu verantworten habe. Die
Ämter sollen umgeformt werden mit größerem Nutzen für die Königsmacht.
Das Heer ...«
Der König fiel ihm sofort in die Rede.
»Aber nicht ein Fußbreit Erde von dem väterlich ererbten Reich darf
an den Feind abgetreten werden durch Friedensschluß oder Kaufvertrag.
Lieber mögen wir alle sterben und mag ganz Schweden verbrennen. Ich
fing den Krieg nicht an. Die Nachbarn legten sich in den Hinterhalt,
als ich noch ein unerfahrenes Kind war.«
Jetzt erst kniete Görtz.
»Die Welt kann nie den Helden verstehen, der lieber bei seiner
beschworenen Abrede verbleibt, als den schlauen Politiker spielt; aber
feig ist, wer sich dem entzieht, einer solchen Standhaftigkeit zu
dienen. Es standen schwache Zeichendeuter an der Wiege Eurer Majestät.
Des Löwen Sternbild sahen sie wohl, aber sie lasen nicht in den
Gestirnen, daß die Feuersbrunst schwedischer Großmacht schon dahinter
angedeutet stand ... unwiderruflich ohne Abhilfe. Der Kämpe, der aus
dem Steinhaufen stieg, um die Schweden in dem großen Streit zu sammeln,
er braucht Männer. Ich bin ein Fremdling, aber so gewiß ich lebe, rede
ich von Herzen und in Wahrheit. So lange meine Kräfte reichen, will ich
von Ost und Westen das Holz zusammenschichten zu einem Bollwerk dieser
Art, das nur schlimm genug gezimmert werden kann mit Nägeln von gutem
Dukatengold.«
»Dies Spiel kann gefährlich werden.«
»Das Gefährliche ist das Lustige. Ein braver Diplomat muß jeden Tag für
das Schafott bereit sein, wie ein Krieger für die Kugeln. Mißglückt
alles, ja, dann soll auch das Bollwerk ein Scheiterhaufen werden, der
die Nacht ringsum zum lichten Tage macht, und die Feinde zu bloßen
Schatten und Schemen. Mir bleibt dann nur der Ehrentod, selbst auf
dem Scheiterhaufen verbrennen zu dürfen bei meinem Herkules. Unsres
guten Luthers »Wein, Weib und Gesang« hat mir immer zu sehr nach dem
Wirtshaus geschmeckt, und ich will lieber die Worte setzen:
»Wer nicht liebt Weib, Ruhm und Macht,
der bleibt ein Narr bis in die Todesnacht!«
Angefeuert durch die augenblickliche Aufrichtigkeit und seine eigene
Wärme, hatte Görtz vergessen, das Wort »Weib« zu streichen, aber der
König achtete nicht darauf, sondern ging ihm mit blitzenden Augen
entgegen.
»Mein Bild darf nicht auf die Notmünze gesetzt werden!«
»Wir können ja den ganzen Olymp nach abgedankten Göttern plündern.«
Der König stand lange schweigsam. Dann fügte er mit leiser und
unsicherer Stimme hinzu:
»Es darf auch nicht das Wappen des schwedischen Reiches darauf gesetzt
werden!«
Über seine gerunzelten Augenbrauen legte sich eine tiefe, finstere
Schwermut.
Betroffen, unschlüssig und eilig stand Görtz vom Boden auf und ging ans
Fenster und deutete auf den Platz hinunter.
»Wenn Eure Majestät nochmals bittere Gedanken überkommen, so gehe sie
nur ans Fenster und schaue auf den Platz hinunter. Da wird es nicht
schwer, herzlich zu lachen.«
»Es ist schon lange her, seit ich von Herzen lachte ...«
Unten auf dem Platz unter den Mädchen beim Brezelstand ging Grothusen
auf und ab, und hinter ihm stand ein kleiner Tambour mit der
versiegelten Trommel.
»Schlage nur einen kühnen Wirbel, und trommle die Mägde zusammen,«
befahl Grothusen.
Der Knabe rührte die Schlegel, und als alle Mädchen neugierig
herzugesprungen waren und rings herumstanden, brach Grothusen die
Versiegelung auf und spannte das Trommelfell ab. Danach hob er aus
der Trommel alle möglichen frauenhaften Spielereien, die er während
des letzten Abends in Demotica auf dem Basar eingehandelt hatte. Es
waren kleine Tücher und Schleier und Spiegel und Rosenölfläschchen und
Halsbänder mit Halbmonden und Münzen. Er schwenkte die Tücher hoch
in die Luft. Mit zurückgeworfenem Haupt und Schweißtropfen auf dem
pfefferbraunen Antlitz rief er seine Waren aus und hielt eine Auktion.
Für die eine Kleinigkeit verlangte er einen Kuß, für die andere eine
Umarmung, für die dritte einen Tanz auf offenem Platze.
»Schau, schau,« fuhr Görtz fort, »wie unser Oberst seine heidnischen
Tücher dem christlichen Frauensvolk zustopft! Er ist ein ~bon
garçon~ unser Freund da unten, aber Männer solchen Schlages sind
doch nicht gewachsen, einem Karl dem Zwölften zu dienen ...«
Der König begann nun sich zu verneigen, zum Zeichen, daß Görtz abtreten
könne.
»Der Verleumder hat auch behauptet, daß Sie, Baron, ein arger Schelm
seien. Eines will ich Ihnen sagen. Wenn wir in Zukunft zusammen
arbeiten, soll der Baron nie schlecht sprechen von irgendeinem
Abwesenden, denn dann nehme ich immer die Partei des Abwesenden.
Wieviel Schlimmes hat man nicht versucht, mir ins Ohr zu flüstern
wegen der Trommel dort unten ... Und was enthält sie? Ja, harmlose
Spielereien und Lappalien! Wenn Grothusen auch ein verschwenderischer
Diener war, so hat er wenigstens nie etwas in den eigenen Sack gesteckt
... Jetzt will ich ein paar Akte durchgehen.«
Görtz biß sich in die Lippen, aber als er herunter kam, winkte er mit
einer hochmütigen Gebärde seinen Freund Grothusen ans Wagenfenster.
»Der kranke und blutende Löwe von Ukraine und Poltava hat seine Tatzen
so lange ausgeruht, daß die Klauen länger und schärfer geworden sind
denn je. Drücket den Hut fest auf den Kopf und knöpfet den Rock, meine
Herren, und haltet euch bereit! Die Herbststürme beginnen!«
* * * * *
Die geringzählige Besetzung von Stralsund hörte bald das Kanonenspiel
des Feindes außerhalb der Mauern. Glockenschläge riefen die Mannschaft
zu den Wällen oder zu brennenden Häusern. Gegen Morgen legte sich
der König mit dem Hut über dem Gesicht zu einer Stunde Ruhe auf das
Steinpflaster im Frankentor. Wach stierte er in den dunkeln Hut,
aber die Knechte, die mit der Handlaterne auf ihn leuchteten, fanden
nur das Kinn und die Lippen, über denen noch ein Lächeln schwebte,
zusammengebissen und kalt, als hätte es nur zu seiner Gesichtsbildung
gehört. Dann flüsterten sie, daß sie nie einen freimütigeren Helden
gesehen hätten, aber abseits im Sternenlicht standen viele hohe
Offiziere und sprachen davon, daß nur sein Tod das schwedische Reich
retten könne.
Er wußte, wovon sie sprachen, obgleich er es nicht merken ließ. Das
Volk, von dem er seine größten Träume geträumt hatte, erblickte bereits
in seinem Tod die Erlösung. Wann erlitt ein König ein entsetzlicheres
Geschick? War er denn nur geboren worden, um die Schweden in ihrem
letzten großen Streit anzuführen und dann weggeworfen zu werden wie
ein verbrauchtes Werkzeug? Seiner Schwester Gemahl schielte schon nach
seiner Krone, und der Sohn seiner dahingeschiedenen Lieblingsschwester
hob schon gegen ihn die Kinderhand.
Bei der Abendmahlsfeier demütigte er sich und betete mit aufrichtigen
Tränen, aber nie weinte er über seine eigenen Mißgeschicke. Waren
sie nicht einfach Feinde, denen er mit des Rächers Zorn zu begegnen
hatte? Er wurde härter und kälter gegen die Offiziere und sprach
öfter mit geballter Faust, aber er befahl auch um so strenger über
sich selbst und seine eigenen Gedanken. Freilich vernachlässigte er
immer mehr seine Kleidung, so daß er vierzehn Tage dasselbe schmutzige
Hemde tragen konnte, aber er bezwang seinen hinkenden Gang. Sein Haar
schimmerte schon silbrig, obgleich er kaum dreiunddreißig Jahre alt
war, aber wenn er wachend in seinen Hut aufsah, wiederholte er für sich
selbst: Es muß der Wille Gottes sein, dem ich folge. -- Sodann richtete
er sich auf wie ein ausgeruhter Jüngling und reichte seinen Mantel
einem frierenden Graukopf, -- aber wenn die Heimat oder die Schweden
genannt wurden, dann zupfte er an seinen Rockknöpfen und schwieg.
Eines Tages exerzierte Grothusen mit größerem Eifer als gewöhnlich
seine Soldaten unten vor dem Fenster der Schönen am Knipertor.
Regungslos wie ein Bild saß die alte Dame hinter den Blumentöpfen, und
als Grothusen seinen Hut abzog, blinkten die neuen Galonen.
Er winkte seinem kleinen Tambour.
»Noch hat deine Trommel nicht ihre volle Sprache. Laß sie uns öffnen.
Hier liegt ein Paar der niedlichsten kleinen, goldgestickten Schuhe.
Geh hinauf zu der Dame, und sage ihr, daß dies eine Abschiedsgabe von
Grothusen sei. Nun ist die Trommel leer.«
»Herr General! Es liegt eine türkische Goldmünze auf dem Boden.«
»Meiner Treu! Die ist in der Eile da hineingeraten. Es ist Königsgeld!
Jetzt sollen wir hinaus nach Rügen, wo die Preußen und Dänen die
Absicht haben, ans Land zu steigen, um uns auch von der Seeseite
einzuschließen. Geh mit der Münze zum König und bitte ihn, sie als
Erinnerung an die Jahre entgegenzunehmen, in denen Grothusen das
Glück hatte, ihm in fernem Land dienen zu dürfen. Möge das Gold in
friedlichen Zeiten im Tiegel umgeformt werden zu ehrbarem Geld, auf
dem die Schweden wieder sowohl ihr Wappen wie ihren König betrachten
können. Sag all dieses in Demut vom Grothusen!«
Als alles zum Aufbruch geordnet wurde, salutierte Grothusen mit dem
Haudegen vor seiner siebzigjährigen Dame. Während er die Straßen
entlang ritt, winkte er den neugierigen Mädchen an Fenstern und in
zusammengeschossenen Verkaufsbuden, und zum erstenmal seit Demotica
donnerte seine Trommel mit voller Stimme. Es gab ein solches Echo von
den Kirchenmauern, daß es dem dumpfen Rollen feindlicher Feldstücke
glich. Unerschrocken, erregt ratschlagte Düker unten vor seiner
Treppe mit dem König. Auf Bassewitzens erbittertes Geflüster über
Görtz horchend, ritt Daldorff unter den Generalen, und der kleine
Cronstedt klopfte seinem Stückjunker auf die Schulter. Bald eilte er
nach der einen Seite, bald nach der anderen. Er untersuchte seine
schnellfeuernden Kanonen, wie ein guter Stallmeister seine Pferde, und
mitunter polierte er mit dem Zipfel seines Mantels die neuerfundenen
Polhemschen Richtschrauben.
»Es wird ein harter Kampf,« sagte er, »und erst wenn Seine Majestät auf
schwedischem Boden steht, will ich den Königsritt geglückt nennen.«
* * * * *
Die Herbststürme brausten in ihrem Dämmerlicht über Rügen, und es
ächzte und stöhnte in den Klüften und an der Küste. Kein Stern erzählte
von Gottes Güte, und als die Truppen zum Gottesdienst aufgestellt
waren, erscholl aus des Predigers Mund das alte Rächerwort des
Testamentes. Die Schweden hatten jetzt solchen Mangel an Leuten, daß
sie als Vorposten angebundene Hunde ausstellen ließen, deren klagendes
Geheul das Rauschen der Brandung unterbrach.
»Es bedeutet den Tod, wenn die Hunde winseln,« sagten die Soldaten.
Das Landvolk wurde mit Äxten und Sensen bewaffnet, aber durch den
Regennebel geschützt, näherten sich die Feinde dem Strande und setzten
schließlich draußen am nächsten unbewachten Dorfe, Stresow, mehr
als zehntausend Mann an Land. Der Wind riß die Nebel weg, und der
Mond stieg klar auf über der verödeten Gegend. Schon um die dritte
Stunde der Nacht krochen die von den Feinden ausgestellten Feldwachen
vorsichtig über den Sand zurück und meldeten, daß die Schweden sich
näherten.
Der König stand einen Augenblick, um seinen Mantel abzuhaken, und
wandte sich zu Daldorff und den Leibtrabanten:
»Die Jahre sind verflossen. Wir haben es gut zusammen gehabt! Wer weiß,
wann das Blei im Schmelzlöffel siedet, das unser Tod wird.«
Grothusen zog von seiner Brust einen gelben Handschuhstulpen zwischen
den Rockknöpfen hervor und antwortete:
»Ich nahm den Handschuh bei Bender von meinem gnädigen Herrn, und keine
Frostnacht ist so kalt gewesen, daß der Handschuh nicht mein Herz
erwärmt hätte.«
Da entblößte Daldorff sein Haupt:
»Wenn ich meine Kugel bekomme, -- könnte dann mein armer und
zerfleischter Staub noch lächeln und reden, in der Erde würde er sich
nach den abziehenden Truppen wenden und eines dankbaren Mannes Segen
über die rechtschaffenen Waffenbrüder herabflehen ... Ach, daß der
Segen nur noch einmal unserem Wege leuchtete! Gleich dem Landmann, der
es für nützlich erachtet, den alten Acker zuzuschütten und ihn neu zu
besäen, so zerstückt und verändert Gott Reich und Macht. Wenn er die
neuen Grenzzeichen gesetzt hat, erlaubt er niemandem, die Marksteine an
ihren früheren Platz zurückzutragen. Wir verstehen nicht seinen Willen,
wir erkennen bloß, daß er gegen uns ist.«
Der König antwortete:
»Gott ist _mit_ uns. Es kann nicht sein Wille sein, daß das
schwedische Reich zerstückt werde. Ist es so, so möge er uns das
Zeichen dadurch geben, daß er uns einen nach dem anderen sterben lasse.«
»Das sind einfache und wahre Worte!« antwortete Daldorff. Die
Offiziere, die außerhalb des Stadttors von Stralsund abseits im
Sternenlicht miteinander geflüstert hatten, erinnerten sich nicht mehr
ihrer düsteren Gedanken. Sie drängten sich statt dessen mitten unter
die Leibtrabanten, um dem König möglichst nahe zu kommen. Es schien
ihnen, als ob sie in seinem Wesen etwas von Gottes eigner, harter und
unbarmherziger Liebe für das Rechtschaffene und für die Erfüllung
seines Willens wiedererkennten.
Das Gespräch brach ab. Die Trompeten tönten nicht, die Trommeln wurden
nicht gerührt, die Fahnen wurden zusammengerollt und gesenkt getragen.
Mit gezogenem Degen schritt der König vor seiner Schar. Er hatte kaum
dreitausend Mann. Die sollten jetzt kämpfen drei gegen zehn und die
Feinde überrumpeln und ins Meer zurückjagen.
Er hielt inne:
»Was ist denn das? Hier stehen spanische Reiter, und im Mondlicht
sehe ich eine Redoute! Die Feinde haben die Zeit gut ausgenutzt ...
Vorwärts!«
Längs des Schanzdammes sprühten in demselben Augenblick eine Reihe von
Feuerstrahlen empor, und die erste Salve krachte durch die Nacht, aber
die Schweden stießen die spanischen Reiter beiseite und stürmten gegen
den Wall hinan.
Cronstedts Kanonenkugeln sausten über ihren Köpfen und warfen Steine
und Sand auf, wo sie die Verschanzung trafen. Der Boden bebte,
und von allen Seiten blitzte das Musketenfeuer. Es schwirrte und
schrie, als ob ein Heer hungriger Weihe über den Strand segele, die
Pulverwolken häuften sich so hoch, daß das Mondlicht nur an einzelnen
Stellen durchzudringen vermochte und daselbst auf dem Boden weiße
Flecken wie von Schnee hinmalte. Noch lange konnten die Kämpfenden,
wenn das Geräusch eine Zeitlang nachließ, aus der Ferne das Geheul
der angebundenen Hunde hören, aber bald wieder wurde das Getöse so
heftig, daß die Soldaten nicht einmal die Kommandorufe der Offiziere
aufzufangen vermochten. Die Fäuste um den Degengriff geballt, stürzten
die Schweden vorwärts wie Berserker beim Holmgang. Da blieb es nicht
mehr ein geordnetes Treffen mit Anführern und gehorsamen Bataillonen.
Es waren die letzten Kämpfer aus dem Heer, das durch Europa gezogen
war, die nun im Herbst ihrer Taten zum letzten Male im Süden des
schwedischen Meeres ihr Blut opferten. Es galt hier, Brust gegen Brust
in einem Handgemenge auf Tod und Leben, ewige Heldenehre oder Schande.
Der Oberst Jakob Torstenson lag schon gefallen, aber sein Bruder Karl
Ulrik brach sich Bahn über den Wall mit seinen Leibtrabanten und focht
mitten in der feindlichen Verschanzung. Langsam zurückgedrängt, rief
er, mit dem Rücken gegen die Erdmauer gedrückt und den sterbenden
Hauptmann Adlerfeldt zwischen den Füßen:
»Haltet tapfer stand, liebe Kameraden! Mein Großvater führte das ganze
Heer der Schweden und ich strecke den Degen nur vorm alten Dessauer
selbst!«
Barhaupt und mit der Flamme des Zornes und der Begeisterung auf
der Stirn, hieb der König sich seinen Weg zwischen den Klingen und
Kolben. Er ging den mordenden Degenspitzen mit Herbststürmen in seinem
Sinn entgegen, demütig, gleichgültig gegen Schmerz und Tod. Noch
einmal grinste des Fähnrichs Aaberg zahnloses und männlich häßliches
Gesicht an seiner Seite, und Seved Tolfslag brach Schädel und Waffen.
Das Musketenfeuer sprühte nach allen Seiten und sengte des Königs
zerrissenen Soldatenrock. Er durchbohrte und schoß. Von derben Händen
wurde er um den Leib gepackt, und er rang Arm in Arm mit gemeinen,
fluchenden Soldaten. Ein dänischer Offizier, der ihn erkannte, faßte
ihm mit der einen Hand in das dünne Haar und suchte ihm den Degen
abzuringen, aber der König riß die Pistole aus der Scheide und schoß
dem Dänen durch den Leib, so daß er tot niederfiel. Dann sprangen
neue Feinde hervor, und Dessauers Reiter und Feldstücke fielen die
Schweden von den Seiten an, so daß sie in dem Dunkel der stürmischen
Novembernacht von einem Ring von stechenden Degen und flackerndem
Donner umschlossen waren.
Der Generalmajor Strömfelt gab dem König sein Pferd, aber das Tier
stutzte im Dunkel vor einem spanischen Reiter, stürzte bei einer
Stückkugel zusammen und blieb auf dem Boden über dem König liegen.
Als er sich frei zu machen versuchte, wurde er vor der Brust von
einer verlaufenen Stückkugel getroffen, so daß das Blut ihm von den
Lippen floß. Es wurde ihm schwarz vor den Augen, und er sank zurück,
besinnungslos und halb im Sand begraben, aber die Hand noch um den
Degen geballt.