Am Freitag, wie der Morgen über den Keilbergwald heraufschaute, tat
sich der Zachenhesselhans den Schwanz von seiner Bettmütze aus der
Stirn und wies ihm bedächtig einen Platz über dem rechten Ohr an.
»Schwanzmützl, vertracktes,« hub er an zu reden, »willst noch nit, daß
der Zachenhesselhans eine Ausschau hält? Ein Holz rucken wollen wir
heut.«
Er feuchtet sich die Spitze des Zeigefingers an der Lippe und fährt
damit über die Augen.
»Das hat die Mali selig auch getan und gut is,« meint er; »aber besser
is schon, man putzt die Augen mit dem Bergquell blank. -- Behaglich
ist's auch daherunten im Stübl, das Schlafen. Auf das hätt' einer
früher denken müssen. Es ist eine so viel steife Kälte droben unter dem
Dach.
So werden wir hinfort das Stübl und das Schlafkammerl in eins legen und
des Abends immer noch ein Stockholz in den Ofen schieben. Dabei wird
einem das alte Herz nit kalt.
Und wem steht's denn eigentlich im Weg, das braune Bettstattl? Keinem.
Ein Eichtl zu breit is's für ein altes Waldmannl, wenn einer allein
drin sein muß ...
Schwanzmütz, da kommst schon wieder über die Augen gefallen?
Die Mali hätt ihre Lust daran, daß ich Dich zu Ehren gebracht hab in
Deinen alten Tagen. Die Mali hat Dich gestrickt -- fünfundzwanzig
Jahr? Die dürften fei darüber hingegangen sein. Aber meitag hab' ich
nichts davon wissen mögen. Jetzt -- die Haare hat der Wind weggeblasen
vom Scheitel und fei nur über den Ohren hat er hüben und drüben ein
Büschlein stehen lassen.
So muß die Schwanzmütze wärmen helfen im Winter, seit das weiße
Haardecklein die Motten fressen.«
Ueber diesem Morgengespräch richtet sich der Zachenhesselhans auf dem
Stroh in die Höh und blinzt durch die Scheiben wie der Tag zwischen den
Wolken hindurch über den Wald.
»Na,« sagt er, »was soll denn das sein? Auf die blanken Tage hin hat
sich's am Himmel über Nacht heimlich wieder zusammengesponnen und fängt
schon an, einen Schnee zu sieben. Und einen großflockigen noch dazu.
Wenn jetzt ein Wind -- -- aber nein: die Fichten haben noch die weißen
Röcke an und schlafen.«
Weil auch die Zeisige in den Käfigen den Tag kommen sehen, heben sie
an, die grünen Jöpplein zu putzen und den Zachenhesselhans zu rufen.
»Wart' ein Eichtl und gebts Ruh, 's ist eh noch zu früh!«
Ueberdem steigt der Alte aus der Bettstatt, an der unten das flammende
Herz gemalt ist und eine 1751. Wie er die Lederhose angezogen hat,
tritt er in Hemdsärmeln und die weiße Schwanzmütze auf dem Kopf vor
das Haus.
Er schaut fragend gegen den Wolkenhimmel, geht bis an die Hausecke, zu
sehen, was der Plessen und der Spitzberg zu dem Tage meinen, der über
sich selbst noch nicht ganz im klaren ist.
»Na, na, die Nachtmützen habts noch auf? Und alle beide? 's geht doch
schon auf die Acht.«
Der Zachenhesselhans hat die Hände tief in die Taschen der
Lederhose vergraben und deutet sich den stillen Spruch der fernen
halbverschleierten Berge.
»Na, Hans, ich mein', ein Holz wollen wir rucken?«
Das ist der Wurzltonl, der mit dem Einräumer Peter und dem Peterl von
der andern Seite gekommen ist. Sie sind den Hau hereingestapft, weil da
der breite Rotwildwechsel herabläuft.
»Und die Schwanzmütz hast auch noch auf dem Ohr?«
»Waas?« fragt der Zachenhesselhans. »Potz Käs! So ist's aber, Leutln:
den Plessen schilt einer und den Spitzberg, daß sie die Schlafmütz nit
heruntertun, und auf die seinige vergißt einer darüber. Leutln, das ist
die Geschichte von dem Balken im eignen Auge -- so will die verstanden
sein!
Verzieht ein Eichtl, gelt, und tut die Kraxen vom Rücken. Ich bin auch
gleich so weit.«
Lachend hat der Alte die Schwanzmütze vom Kopfe gezogen und in den
Hosensack geborgen. Am Brunnentrog gießt er sich ein Bergwasser über
Kopf und Arme.
»Die Kraxen laß ich daheim,« sagt er, wie er sich mit dem Handtuch im
Stübl trockenreibt, »der Peterl lädt sich mein Kaffeekrügl und mein
Schwarzbrot mit auf die seine, gelt? Ich trag meine sechzig Jahre -- so
haben wir jeder das unsre.«
»Gib her,« sagt der Peterl.
Der Zachenhesselhans fährt in die Stiefelrohre, tut sich die Kappe auf
und unter den Kragen der Joppe ein wollenes Knüpftüchl, nimmt den Stock
mit dem Eisenzahn, der sich in den Schnee einbeißt, und die drei Männer
schreiten hinaus in den grauen Morgen.
Zwischen den Fichtenstämmen ist ein heimliches Spinnen, ein sanftes
graues Weben: der Bergnebel wacht auf.
Wie sie über das Stachelschwein gegen die Hölle gehen, kriecht er schon
über die Halden herein und wirft ein Netz über das Haus vom Hans-Tonl.
Vom Waldrande her vernehmen sie das dumpfe Fallen des Schnees aus dem
Geäst: in Hücklein sinkt er herab. Er ist zu schwer geworden, weil die
feuchten lauen Nebel ihn anhauchen, da mögen ihn die Wipfel nicht mehr
tragen.
Von der Unruh ist der Helari schon herabgegangen; er harrt mit dem
Hans-Tonl auf die Männer.
Zu sechst gehen sie an die Arbeit im Winterwald. Die beiden Schlitten,
die nur aus je zwei verbundenen Kufen bestehen, lehnen schon an den
Klaftern im Holz.
Die Männer wandern quer durch den stillen träumenden Hag.
»Ein Grau ist zwischen den Stämmen,« sagt der Zachenhesselhans,
»Männer, jetzt, wenn einer nit im Wald aus- und einwüßt' wie im Stübl
daheim, suchen sollt' einer, daß er den Weg fände bis in die Höll.
Justament bis in die Höll, sag ich. Und der is doch nit schwer: die
meisten kommen hin, ohne daß sie darauf gedacht haben.«
Der Zachenhesselhans zwinkert lustig mit den Augen und hat Mühe, die
Beine mit den Stiefelrohren aus dem Schnee zu ziehen.
»Wenn einer so drei Stunden arbeitet mit seinen Beinen und dem
Bergstock, so hat er genug. 's kunnt einem einfallen darüber, einen
Schlaf zu tun -- kein Wind pfeift daherinnen und kein Vogel ruft, und
die Augen fallen justament von selber zu.«
Sie gehen wieder eine Weile.
»So, da wären wir!
Ein Eichtl den Schnee schaffen wir weg, und der Helari geht, ein Feuer
zünden. Wir andern rucken derweil einen Raummeter.«
Der Peterl schiebt mit der Holzschaufel den Schnee zur Seite, und der
Helari bläst in den Reisern, die mit Scheiten gedeckt gewesen sind, ein
Flämmlein lebendig, das den Kaffee in den Krügen zu wärmen hat.
Der Zachenhesselhans und der Wurzltonl -- der Hans-Tonl und der
Einräumer Peter -- der Helari und der Peterl: drei Paare sind auf
einmal aus den sechs Männern geworden.
Die einen Zwei steigen links den Waldhang empor, die andern Zwei
rechts und die dritten Zwei schaffen eine Heimstatt im Schnee und im
Fichtendickicht.
Das Kleinholz, das ganz in weißen Pelzen steckt, hat eine Mauer gebaut
ringsum und in der Mitte vom Schneehäusl ohne Dach flackert die Flamme.
Ein wenig mißlaunig ist sie -- wie der graue Tag; und der Rauch, der
sich daraus emporringelt, mag nicht kerzengrad hinauf in die Wipfel,
-- sieht aus, als hätte das Feuerlein ein Schwanzmützl auf. Er besinnt
sich aber und kriecht verdrossen über den Schnee.
Da kann einer nicht kreuz- und querstapfen und gemächlich den steilen
Hang hinan: schnurgerad müssen sie empor, immer das geschichtete Holz
und immer die Stämme an der Berglehne im Auge, die gefällten, und
gradewegs darauf zu; auch hübsch den Schnee zusammengetreten und da und
dort wo ein Abschlag ist oder der Stock von einem gefällten Stamm, der
das zutale fahrende Holz auf ein Eichtl zum Rasten einladen könnte,
müssen sie davor einen Schnee zusammenschieben, damit eine glatte Fahrt
entsteht.
Drüben ist schon ein Zischen und Gleiten und auf dem Hau drunten ein
Poltern und Uebereinanderstürzen. Der Einräumer Peter und der Hans-Tonl
haben ihre Fahrt im Zug.
Jetzt zischt auch das erste Scheit zutal, das der Wurzltonl auf das
Wandern schickt.
Eine Wegstunde ist's gewesen im kniehohen Schnee daherauf und in
zwei Minuten schießt so ein Holz zutal. Drunten fahren die Scheite
aufeinander wie wütende Schlangen, rennen die Köpfe gegeneinander,
bäumen sich, sinken kraftlos zusammen.
Auf dem Hau in der Mulde, in dem die drei Bergfahrten
aufeinandertreffen -- denn auch der Helari und der Peterl sind
mittlerweile an der Arbeit -- wächst der Haufen.
Spiegelblank schleifen sich die Fahrten den Berg herein.
Höher steigen die Männer, länger werden die Schleifbahnen gegen den
Gebirgskamm hin.
Und der Tag legt seine grauen Schleiertücher über das Waldland, und der
Tag wirft seine silbernen Netze aus Schneeflocken hinein. Aber der Wind
mag heut nicht wehen.
Ein sanftes Knistern ist in den Fichten und eine schweigsame atemlose
Waldandacht. Nur wenn drunten die Scheite durcheinanderstürzen, ist ein
dumpfes Dröhnen wie vom Schlage der Holzäxte; dann wieder das weiche
Klingen des silbernen Schnees.
Wo die Männer schaffen?
Immer nur zwei wissen von einander: zwischen ihnen schläft der Wald,
zwischen ihnen hängen die Nebel, zwischen ihnen fallen dichter und
dichter die Flocken.
»Wurzltonl,« sagt der Zachenhesselhans und bläst in die erstarrten
Finger, dann schlägt er die Arme kreuzweis ein dutzendmal um den Leib,
»hast Du ein Rufen gehört?«
»Noch nit.«
»Ein Mittagsglöckl is nit im Wald; aber der Magen hebt an zu läuten
und möcht einen Kaffee. Das Stückl lassen wir noch hinab, dann --«
»Is eh recht,« machte der Wurzltonl.
Und wie das letzte Stück Raumholz bis auf zwei Scheite zutal gefahren
ist, setzt sich der Hans auf das eine Holz, der Tonl auf das andere.
So fahren sie den hundert Scheiten nach und gleiten den Berg hinein.
Drunten eh sie an das übereinandergestürzte Holz gelangen, drücken
sie den Stiefelabsatz scharf gegen den Grund: ein Schnee wirbelt auf,
hüllt sie in eine Wolke silbernen Staubs und das Fahrzeug sitzt fest im
tiefen Schnee.
Im dichtverhängten Kleinholz raucht noch das Feuerlein und wirft einen
purpurroten Schimmer in die Nebel.
Der Zachenhesselhans tut einen Pfiff auf den Fingern. Da schrickt der
Wald aus dem Schlaf. Und der spitze Pfiff fliegt wie ein Pfeil den Berg
hinan und fliegt an den Männern vorüber. Denen ruft er zu: Zu Tale!
Ein Eichtl später -- und auch die andern sausen auf den Hölzern die
Holzschleifen herein.
»Auf steigen wir nimmer! Das siebt einen Schnee, daß einer in der
Finsternis, wenn sie einmal da ist, heut nit auf ein Heimkommen denken
kunnt. Einen halben Fuß hoch mag er gefallen sein den Vormittag über.«
»Ich mein', _setzen_ kunnten wir das Meterholz noch?« fragt der
Einräumer Peter.
»So machen wir nur einen halben Mittag.«
»Auch recht.«
Nach dem Kaffee glimmen sie sich die Pfeifen an. Nur der Peterl mag
nichts wissen von dem Rauchkraut. Der Helari schürt das Feuer, und
während sich die andern eins anrauchen, schleppt er einen Armvoll
Brennreisig herbei. Die Flamme wird die starren Hände wärmen müssen.
In Raummetern schichten sie die Scheite um das untere Ende der
Talfahrt. Von dort aus kann das Holz nach der Versteigerung weggefahren
werden -- nicht im Sommer: solange noch ein Schnee liegt und der
Schlitten gleiten kann. Ein Wagen mit einem Vieh hat hier oben nichts
zu schaffen.
Das nennen sie: ein Holz rucken.
Die Sonnenwirbelleute tuen sich die Kraxen auf den Rücken, sagen »B'hüt
Gott und kommts gut heim«, dann gehen sie den Hang hinan, um die Straße
zu erreichen.
Der Hans-Tonl, der Helari und der Zachenhesselhans schlagen sich quer
durch Schnee und Wald, nehmen bald einen Wildwechsel zuhilfe, treten
sich bald einen Weg in das weiche Silber des Schnees.
Immer mehr sinkt hernieder. Die Nacht kriecht aus den Tälern herauf,
und der Nebel wird noch dichter: kaum drei Stämme weit kann einer
schauen.
Auf dem Heimweg in solch einer Gesellschaft: späte Dämmerung, Nebel,
Schnee von unten und oben, da fällt kein Wörtlein. Hat einer nur immer
auf die drei unheimlichen Weggesellen zu schauen, ob die etwa vereint
etwas im Schilde führen.
So wandern die Männer.
Die drei andern, die dem Gebirgskamm zustreben und das Ende vom Weg auf
der Landstraße zurücklegen, werden ein wenig länger im schummerigen
Lichte gehen können.
Im Wald ist nur noch eine verlorene Helle, man weiß nicht: ist sie
schon Nacht oder ist sie noch Tag oder kommt sie vom Schnee.
Und nicht den Hall eines Schrittes gibt die kniehohe Decke des
Waldgrunds zurück. Düsternis und Nebel drücken auf Brust und Schultern
-- glaubt einer nicht, wie so zwei schwer wiegen, wenn in der
Unwegsamkeit alle Merkzeichen auslöschen, die dem Wanderer sagen:
dorthin liegt das Berghäusl, darin Du daheim bist; dort steht schon
Dein Weib und schaut immer einmal durch die Scheiben, tritt auch einmal
vor die Tür, zu sehen, ob noch ein Schimmer Tag zwischen den Stämmen
hängt, der dem Manne heimleuchtet. -- Justament als stemmeten sich
einem die drei entgegen: kein Vorwärtskommen ist. Und hinter einem, da
sinkt im Umdrehen wieder ein Schnee in die Spur, die einer getreten und
deckt sie zu.
Endlich -- ein Lichtband spannt sich herein in den Wald, ein goldenes.
Das reicht nicht weit, reicht aber weit genug, um wieder ein Wort
aufzuwecken in der tiefen Einsamkeit dieses Waldwinters.
Dieses Lichtband spannt sich aus dem Fenster der Hölle: das Wawrl hat
die Lampe am Draht angezündet.
Und nun stehen die drei auch schon auf der Bergwiese -- jetzt ein
weiter, weicher Schnee und darüber ein wirbelndes weißes Fallen, eine
endlose Fülle von spielenden federleisen Flocken. -- --
Der Zachenhesselhans fährt auf dem Flur aus den Kniestiefeln und wie er
das Feuer im Ofen des Zechenhäusls endlich lebendig hat -- das mag heut
nicht brennen, weil der Nebel über Tag in die Esse gekrochen ist und
dem Rauch und der Ofenwärme von drunten keinen Platz gönnt -- geht der
Alte hinaus und reibt ein goldenes Leinöl in das Leder der Stiefel.
»Auf die Hühner hat einer auch vergessen heut,« murmelt der
Zachenhesselhans, »ist zwar ein Tuch über dem Hafer, -- na, die werden
das ihrige gefunden haben. Lugen wir einmal!«
Die Hühner sitzen dicht gedrängt auf der Stange.
»So kunnt einer nun an _sich_ denken. Ein warmes Nachtmahl ist verdient.
Ui je, da steht ja noch ein halbes Töpfl Erdäpfel! Gut is, die
quetschen wir.«
Und der Zachenhesselhans langt die Kartoffelquetsche vom Topfbrett
herab, schält die Erdäpfel und legt einen nach dem andern in die
Quetsche. Den mehligen Inhalt der Schüssel, in die er die Kartoffeln
gedrückt, breitet er in ein Pfännlein, preßt ihn mit dem Blechlöffel
gegen den Boden und gießt aus dem Topf, daraus er sich vorhin zum
Stiefelschmieren in die hohle Hand geschüttet, ein duftiges Leinöl
darüber. Er schnalzt mit der Zunge, während er sich an dem Wohlgeruch
des goldenen Oels ergötzt, und stellt das Pfännlein über den Brand.
»Eine ›Rauche Mahd‹ werden wir uns backen.«
Wie vom Ofen her der Geruch des siedenden Oels die Stube füllt, geht
ein Knistern draußen, wie von einem verdächtigen Bersten.
»Hat etwan einer eine Heimstatt gesucht oder -- ich hab doch den Riegel
vorgeschoben?«
Der Zachenhesselhans geht an die Haustür -- der Riegel ist vor.
Er hält den Atem an und lauscht.
»So wird ein Mäuslein die Treppe herabgefahren sein,« meint er.
Weil auch im Stall kein Geräusch ist und die Hühner schlafen, geht er
wieder ins Stübl und horcht, wie die ›Rauche Mahd‹ über dem Feuer bäckt.
»Das Bettstroh kann sich einer derweil auch aufschütteln -- ein warmes
Nachtmahl, ein schwellendes Stroh unter dem Betttuch, eine sanfte
Wärme im Stübl und draußen ein lustiges Schneien, in das kein Bergwind
bläst -- da laßt sich leben dabei,« sagt der Hans und steckt mit einem
Kienspan die Lampe am Draht an.
Da ist draußen wieder das Knattern, das Schlürfen, das Bersten.
»Na na, ist denn ein Gast im Haus?«
Der Alte hebt die Lampe aus dem Gestell und leuchtet auf den Flur.
»Ist einer da? So gebts doch eine Antwort!«
Jetzt -- der Hahn hebt an zu rufen auf dem Stänglein!
»So hat's auch den Hahn aus dem Schlaf geweckt und es ist wahr und
wahrhaftig einer im Häusl, der sich nit melden mag.«
Unter die Holzstiege leuchtet der Zachenhesselhans und noch einmal in
den Stall. Er steigt die Treppe empor, er leuchtet in alle Ecken und
wagt kaum zu atmen, um das Geräusch, das schreckhafte, ganz in der Nähe
zu vernehmen.
Still ist's, still.
Der Hahn hat sich wieder zurechtgesetzt und die Hühner haben die
Köpfe unter die Flügel geborgen. Der Schein der Lampe fliegt auf
weitgespannten goldenen Flügeln durch die Enge des Berghauses. Der
Zachenhesselhans ist daran, noch einmal durch die Haustür in die Nacht
zu lauschen, ob etwan ein Tauwind sich aufgemacht habe, einen warmen
Nebel die Halden hereinwälzt und den Schnee von den Schindeln schiebt.
Aber in den Flur spinnt sich ein Rauchwölklein, das trägt einen Duft
von verbranntem Leinöl und angebrannten Kartoffeln. Da bleibt der
Riegel an der Pforte.
»Erst muß die ›Rauche Mahd‹ erlöst sein vom höllischen Feuer. Das wär'
fei sündhaft, wollt' einer das Nachtmahl, das reiche, vom Feuer fressen
lassen.«
Im Pfännlein ist ein Zischen und Brutzeln und ein Fauchen von
gelblichem Rauch. Der flattert über dem geretteten Kartoffelkuchen
durchs Stübl. Das Pfännlein schüttelt der Zachenhesselhans mit der
Linken und pustet hinein; in der Rechten hält er die Lampe. So hastet
er hilflos durchs Zimmer.
»Die Lampe kunnt einer doch wenigstens absetzen!« sagt er ärgerlich.
»So, da bleibst stehen, Lampl, und nun -- das Fenster auf und das
Pfännlein auf den Fensterstein! Da kannst Dich verdampfen!«
Während das Zischen des siedenden Oels leiser und der Rauch über der
Pfanne dünner wird, ist wieder das Knacken draußen.
»'s ist im Flur. Ob einer da is, frag ich? Könnts denn nit reden? Oder
wollts mich auf die alten Tage zum Gespensterglauben bekehren?«
Es fällt kein Schnee vom Dach. Es weht kein Wind wärmer die Halden
herein. Der Wald steht still, atemlos still, und läßt sich zudecken von
der weichen weißen Watte des Winters, immer dichter.
Der Zachenhesselhans nimmt einen Teller vom Topfbrett und stülpt das
Pfännlein mit dem Kartoffelkuchen darüber um. Goldbraun lacht der den
Alten an.
»Jetzt setzen wir uns zu einem feinen Nachtmahl und lassen den
heimlichen Gast schlürfen im Flur solang und so laut er mag. Aber das
Fenster schieben wir zu und eine Schnitte schwarzes Brot brauchen wir
-- das süße Oel will damit aufgetupft sein.«
Die Uhr tickt und ab und zu setzt sich eine Flocke wie ein lichtfroher
Nachtvogel an die Scheibe und schaut dem Alten zu. Der sticht mit der
Gabel ein Stück nach dem andern von dem duftigen Kartoffelkuchen und
bricht sich dazwischen auch einen Fieder Schwarzbrot. Das Knacken, das
draußen wieder ist --
»Ja: als stünd einer auf der Treppe mit einer riesigen Last, und die
Treppe ächzt unter ihm und meint: jetzt, wenn Du nicht fortgehst,
so brech' ich zusammen! Justament so klingt es. Erst essen wir aber
die ›Rauche Mahd‹ -- nachher: durchs Häusl gehen wir einmal mit der
Stalllaterne und mit dem Bergstock. Eine Ruhe muß werden. 's kunnt
einer fei kein Auge zutun die lange Nacht, ehbevor das Scheuchen nit
aus dem Haus is.«
Mit dem letzten Stück Brot wischt der Zachenhesselhans das Restlein
Oel vom Teller. Wie das geschehen, langt er sich die Pfeife aus der
Lederhose, klappt den Beschlag auf und fühlt mit dem Finger.
»Hui, da ist ein halbes Pfeifl Tobak, das noch geschmaucht sein will!
Kann gleich geschehen. Nur einen Span wollen wir uns suchen.«
Der Span hat gefangen -- hmp, hmp, hmp. Und wie das Pfeifl brennt,
drückt der Alte den Span aus, setzt sich mit dem Rücken gegen die
Kacheln und denkt: die Stalllampe will ich antun, wenn's noch einmal
anhebt, das Scheuchen.
Er öffnet die Tür einen Finger breit -- so kann's einer besser hören.
Wie er so schmaucht und hinauslauscht, da -- -- ein Poltern hebt an,
ein Zischen, ein Durcheinanderstürzen ...
Der Zachenhesselhans zieht den Rücken krumm -- -- daß es über ihn
wegfahren kann.
»Jetzt: der Berg fällt ein!«
Und im Stall beginnt ein Rumoren. Die Hühner schreien.
Krach -- klirr! Jetzt kommt das Fenster herein.
In hundert Stücken prasselt die Scheibe zu Boden.
Ein Ding fliegt hindurch und hebt ein mörderisch Klagen an.
Jetzt -- dem Zachenhesselhans steht das Herz still.
»Nu, Hahndl, liebes Hahndl, wie bist denn Du da hinaus und da
hereingekommen? Herein durchs Fenster, aber hinaus aus dem Stall?«
Gegen den Ofen fliegt der Hahn, als wär' ihm einer hinterdrein, und
gegen die Decke, und eine Wolke Staub wirbelt unter ihm empor.
Die Stalllampe hat der Zachenhesselhans gestern auf das Wandbrett
gestellt: er steckt das Licht an; der brennende Span in seiner Hand
schlägt gegen die Scheiben -- so zittert dem Alten das Herz.
»Ist der Berg eingefallen, Hahndl? Fliegt ein Feuer daraus hervor? Sei
still, Hahndl! Schauen müssen wir, wenns auch ein grugelig Handwerk
ist.«
Mit der Lampe geht der alte Mann hinaus in die Nacht. Dunkle Flecken
schieben sich oder hüpfen über den Schnee: die Hühner.
»Nu sag einer, wie seids nur heraus alle miteinander? So, kommts da
herein!«
Der Zachenhesselhans lockt sie mit sanften Worten in den Flur.
Alles ist still. Alles ist im Schlaf. Nur das sanfte Fallen der Flocken
ist in der Nacht, und kein Wind läuft über den Schnee. Nicht einmal das
Knarren einer träumenden Fichte kommt aus dem Walde.
Wie der Zachenhesselhans um die Hausecke geht, schier zaghaft, zu
lugen, ob einer von da aus etwa den Höllenschlund erspäht, der sich
die Erde gespalten, da hat sich auf dem Schnee an der Giebelwand etwas
herniedergewälzt -- --
»Jetzt, Häusl, das ist ein Streich! Just um den Winteranfang stürzest
einem über dem Kopfe zusammen? Wo soll denn einer Unterschlupf haben
die lange Zeit?«
Der Alte hebt die Laterne hoch. Der goldene Schein läuft über den
silbernen Schnee, läuft über die Trümmer.
»Die ganze Hausecke ist's, die halbe Giebelwand, ein Stück Rückwand --
justament der ganze Stall zusammengestürzt! So können Schnee und Sturm
ungehindert Einzug halten. Eine Sommerfrischen, hab' ich gedacht, tät
der Stall geben für ein Stadtfräulein oder so -- wenn doch einmal kein
Vieh mehr hineinkommt. Nun ist auch _die_ Rechnung falsch gewesen. Und
der Balken, den muß einer stützen an der Ecke -- das ganze Dach kunnt
zusammenbrechen in derselbigen Nacht.«
Der Alte stapft über die Trümmer, stapft um das zerrissene Gemäuer und
hält die Stalllaterne in der hochgehobenen Rechten.
»Ist auch noch ein verdächtiges Knacken in dem Fachwerk. Am Ende
-- das ganze Zechenhäusl fällt mir zusammen. Häusl, Häusl,« der
Zachenhesselhans schüttelt den Kopf und läßt die Hand mit dem Lichte
sinken, »hat denn das justament heut sein müssen, heut da der Winter
erst kaum in den Wald herein ist? Jetzt kann ja keiner an ein Bauen
denken, wenn der Mörtel auf der Kelle friert.
Und was denn nun? ...
Gleich hat's sein müssen? Dem Dächl, dem faulen, ist die Schneelast zu
schwer gewesen, gedruckt hat's und der Winkel ist ins Weichen gekommen.
So ist's geschehen.
Kann sich einer denn noch einmal hineinwagen, oder hast dir noch etwas
vorgenommen für dieselbig Nacht, Häusl, morsches?
Wenn eins wie du, aus Fels und Bergwald, nit einmal den
Zachenhesselhans überdauern mag, sel darf sich nix einbilden nachher.
Halten _mußt_ noch ein Eichtl, da kann dir nix helfen: die Kniestiefel
muß einer haben!«
Wie der Hans im Stübl ist, schwankt die Lampe, die am Draht von der
Decke hängt, noch ein wenig, das Feuer knistert im Ofen und die Uhr
schlägt ihren Schlag.
»Just als wär's nix, wenn einem das Dach über dem Kopf zusammenstürzt!
Die Lampe lassen wir brennen -- fällt's vollends, so wird es nit darauf
vergessen, das Flämmlein auszudrücken.«
Ueberdem hat der Zachenhesselhans die Kniestiefel herausgetragen,
setzt sich auf den Rand des Brunnentrogs und fährt in die Stiefel. Das
Windlicht, das er in den Schnee gesetzt hat, nimmt er auf.
»Jetzt,« sagt er, »einen Weg werden wir uns treten durch Nacht und
Schnee, Lampl!«