Das Fanele ballt die Fäuste: »So ein Schwätzer nixnutziger ...«

»Ein solcher, wie der, kehrt sich da nix dran. Ein anderer dürft' das

Fanele haben unterdessen -- _der_ schleicht ihm hinterdrein. Und eine

Rache sucht der Franzl obendrein, wenn Du ihn verachten willst. Laß

ihn laufen, Dirnl! Den bist noch einmal billig los worden, Höllsakra

den!«

»Mutter, der Kathlfranz ist mit den Zigeunern!« ruft das Fanele der

Resl zu, wie die vom Haferschütten wieder in die Stube kommt.

Die Resl muß sich gleich ein Eichtl auf die Ofenbank setzen und stemmt

die Arme in die Seiten.

»Was sagst, Madl?«

Nun hat der Zachenhesselhans zum reden angefangen.

»... und deswegen wollts eine Kirche machen aus der Unruh und wollts

Euch das Lachen abgewöhnen, fei wegen dem Windhund?

Und jetzt: auf den Sonnenwirbel will ich und reden will ich und will

ihnen sagen: der Franzl, der Sakra, dicktun hat er sich wollen! Das

Dirnl hat ihn doch nit etwa ans Fenster gelockt, ans winzig kleine? Ein

Dirnl, wie das Fanele, wird einem solchen nachlaufen müssen?« --

So stampft der Zachenhesselhans mit dem Brief vom Franzl auf den

Sonnenwirbel.

Wie er bald droben ist, saust ein Hörnerschlitten die Straße hinab und

saust quer über den Hang nach dem Neuen Haus. Das Harfenweibl hockt

darauf, und der Peterl sitzt vorn und lenkt den Schlitten. Aus dem

Fenster des Sonnenwirbelhauses hat einer den Kopf herausgeschoben und

schaut dem fliegenden Schlitten nach.

»Grüß Gott, Wurzltonl. Und wo ist denn der Schmied-Seff-Pepp?«

»Den hat der Peterl schon voraufgefahren aufs Neue Haus zum

Musikmachen. Die Winterfahrer sind im Anzug, Zachenhesselhans! Und wenn

die Singspielleutln die Städter wittern, behagt's ihnen fei nit mehr

auf dem Sonnenwirbel.«

»Kommst einen Sprung zum Einräumer hinüber, Wurzltonl?«

»Hui, was gibt's denn?«

»Ein ganz Rares, Tonl.«

»Ich komm.«

Wie die Männer dem Zachenhesselhans erzählt haben vom letzten Frühstück

auf dem Hau, bei dem sie mit dem Kathlfranz am Waldfeuer gehockt und

der Spätherbststurm in den Wipfeln sein schauerlich Lied gebraust

hatte, tritt sich einer im Vorhaus stampfend den Schnee von den

Stiefeln.

Dann kommt der Peterl in die Stube und wirft seine Joppe über das

Wäschestängl -- ein silberner Sprühtau liegt darauf vom feinen Schnee,

der bei der Fahrt den Hang hinab darübergestäubt ist.

Weil die Männer reden, setzt sich der Peterl schweigend auf die

Ofenbank und nimmt den Papierstreifen zur Hand, auf dessen Muster er

Gorl näht.

»Geh her, Peterl. Junge Arme wie Deine taugen auf dem Sonnenwirbel nit

für Nadel und Zwirn. Ein Briefl hab ich zu lesen.«

Da legt der Peterl die Näherei beiseite und fährt aus den Stiefeln.

Dann liest der Zachenhesselhans den Abschiedsgruß, den ihm der

Postbote diesen Vormittag gebracht hat.

»Na, Peterl, was meinst zu dem da?«

»Freuen kunnt sich einer, daß der Wildling zum Wald hinaus ist.«

Der Peterl springt auf und ein Glanz fliegt in seine Augen.

»Jetzt, den Berg hinein fahr ich den Zachenhesselhans mit dem

Hörnerschlitten und auf der Unruh wird gehalten.«

Wie der Zachenhesselhans sein Pfeiflein sich gefüllt hat, wartet der

Peterl schon mit dem Schlitten vor der Tür.

Jenseits der Straße beginnt die Fahrt; sturmschnell fliegt der

Schlitten über den Schnee; der stiebt wie Nebel unter den Kufen hervor,

ein Nebelstreif von weißem Schnee wirbelt hinter ihm drein. Aber kein

Halten ist vor der Unruh, weiter geht's und sausend zutale. Erst vor

der Höll ist ein Halt.

»Auch gut,« sagt der Zachenhesselhans, »die wissen's eh noch nit.«

Der Hans-Tonl ist gerade dabei, ein Häuslein aus Brettern über den

Brunnentrog zu bauen. Er schneidet im Hausflur mit der Säge das Holz

zurecht.

Und wie sie in der Höll wußten: der Franzl ist ein Zigeuner geworden,

so stellen die Männer zu dritt das neue Brunnenhaus über den Trog.

Während sie die letzten Bretter passen, zusammenfügen und hämmern, ist

die Dämmerung heraufgeflogen aus dem Wald.

»Eine Arbeit muß auch einen Lohn haben,« sagt der Hans-Tonl, heißt den

Alten und den Jungen in die Höll gehen und schenkt einen Schnaps ein.

»Und auf ein Nachtmahl bleiben wir auch zusammen. Den Hans brauch' ich

die Tage hin so wie so wieder, und es ist mir schon recht, daß Ihr

heute gekommen seid.«

Wie auch die dampfenden Erdäpfel, die das Wawrl auf den Tisch

geschüttet hat, und der Salzhering gegessen sind, schaut der Silbermond

über den Wald, schwimmt höher und strömt ein blankes Schimmerlicht zu

den zwei Fenstern herein.

»Eine Sünd und Schand is, wenn ein Vollmond in der Welt steht, beim

hutzen das teure Erdöl zu verbrennen,« sagt der Zachenhesselhans. »Die

Viehwirtschaft macht reiche Leut auf dem Sonnenwirbel, gelt? Na, bis

dahin tun wir's Lämplein noch einmal aus, mein' ich.«

Er dreht die Flamme zurück und bläst in den Zylinder.

Während die Lampe am Draht ein Rauchsäulchen herausschickt, ärgerlich

und mißduftig, hat der Hans-Tonl die Gitarre vom Nagel genommen und

stimmt.

»Rucken wir ein Eichtl aneinander, Wawrl! Der Hans-Tonl hat eine andere

im Arm, so darf das Wawrl auch nach einem sich umschauen.«

Hinterm Kachelofen sitzen sie.

»Jetzt -- der Peterl muß sehen, wo er die Seinige hernimmt.«

Aus dem Ofen geht ein sanftes Wärmeln und durch die Fenster ein stilles

weißes Licht.

»Hast etwan ein neues, weil Du so lang probierst, Hans-Tonl?«

»Ja,« sagt der, »Die Finken.«

Und schon spielt der Hans-Tonl und schon singt er:

Was sitzt denn oben auf dem Vogelbeerbaam?

Da sitzt halt a Fink un sei Weibl drnaam.

Die schniebeln und schnabeln und singen drbei,

Nun seht bloß die Finken -- die habens recht fei.

Fink, Fink, Fink, Fink, Fink, Fink bist a klaans winzigs Ding,

Bist du a winzig klaa, hast doch dei Fraa.

Nit weit von dem Baam steht dem Nachbar sei Hans,

Der schielt schon wie lange und is ächl ganz,

Weil die zwei klan Finken so lustig drobn sei,

Das macht'n ganz traurig, und er denkt sich drbei:

Hans, Hans, Hans, Hans, Hans, Hans bist gewachs'n wie ena Pflanz,

Bist a so groß und stark, hast doch en Quark.

»Das muß der Hans-Tonl noch einmal machen, daß wir mitsingen können den

Kehrreim.«

So fängt der Hans-Tonl das Lied von neuem an. Auch die letzte Strophe

mit dem Hans -- die ist dem Waldmann schon geläufig.

»Du, Peterl, merkst was?«

's hat keiner gesehen, wie dem Peterl das Blut in die Stirne geschossen

ist.

»Merken? Fei wohl: daß es Zeit is, auf den Sonnenwirbel zu kommen. Das

Harfenweibl und den Seppl will ich heimfahren vom Neuen Haus.«

»So kannst warten bis gegen die Mitternacht. Hans-Tonl, das ist ein

neues, ein feines für die beiden auf dem Neuen Haus. Das is fei so viel

lustig -- justament wie »Die Ofenbank«. Kommst an einem Haus vorbei

oder an einem Gasthaus: »Die Ofenbank« singen sie allenthalben im

Waldgebirg.

Darfst das nit so für nix halten, Hans-Tonl! Jetzt: wenn Du ihnen die

Liedln nicht machetest, so sängen sie nit, oder sie sängen, nachher

aber die Gespenstergeschichten vom Grafen und dem Tod und solche.

Du aber gibst ihnen eins, das sie brauchen: aus der Zeit, aus ihrem

Leben und aus ihrem Herzen heraus. Du hilfst ihnen, den Winter lustig

überstehen, Hans-Tonl, hilfst ihnen, den Gram verscheuchen von den

Schwellen; bleibt nur noch manchmal der _Hunger_ hocken. Den wollen wir

auch wegschaffen, den Sakra! Wenn sie nur erst auf den Einfall kommen:

was die am Sonnenwirbel können, das können _wir_ auch. Sie brauchen fei

einen, der's ihnen vormacht.

So wie's daherum ist, ist's manchenorts im Gebirg, und wenn wir etwas

schaffen mit dem Viehhalten, so werden sie's anderswo auch.

Die Hauptsache ist: eine Arbeit müssen sie haben und einen Verdienst

dabei -- muß aber mehr abwerfen als das Klöppeln, sonst sagen sie: das

Klöppeln ist leichter, warum sollen wir uns eine Plackerei machen mit

dem andern? Denn bloß um die roten Backen, das is ihnen fei nit genug;

und was die für einen Wert haben -- der Zachenhesselhans wird sie davon

nit überzeugen. Da muß schon ein anderer kommen. Sie müssen heraus aus

den Stuben und heraus auf die Bergwiesen und in den Wald, daß ihnen

eine neue Lust am Leben ins Herz kommt.

Singen -- freilich: wann haben wir einmal nit gesungen, wir daheroben

im Waldland? Wenn der Hunger einmal ist gar zu schlimm gewesen im Wald

und wenn sie die Leibriemen allzu fest zusammenziehen mußten.

Hans-Tonl, eine Hungersnot mag auch anderswo kommen -- aber: hier oben

ist sie gekommen, weil das Klöppeln fei gar nit halb zulangt, ein Volk

satt zu machen. Was ich immer gesagt hab: aus dem Land wollen wir's nit

haben, beileibe nit! Aber wer etwas anderes treiben kann, als sich am

Klöppelsack siech sitzen und helfen, das Waldvolk erbärmlich und elend

zu machen an Körper und Geist, der soll sich nit umschauen nach dem

Spitzenmachen.

Ein frommer kräftiger Schlag Menschen müßt' wieder wachsen daheroben,

jetzt ist's ein schwächlicher, jetzt ist's ein siecher.

Das ist er geworden, seit er über dem Fadendrehen vergessen hat, was er

seiner Scholle schuldig ist.

_Fromm_ kunnten sie sein, hab ich gesagt. Warum?

Im Wald ist immer ein Gottesdienst: eine Orgel tönt in den Wipfeln und

ein Prediger ist da, der Sonnenschein oder das Bergwasser, das aus dem

Stein springt.

Aber, wir sind abergläubisch geworden hinter dem Stüblfenster. Wenn

wir hinaus in den Wald lauschen, hören wir draußen ein wildes Heer

rauschen, sehen wir die Toten in Leichenhemden laufen in den Nebeln,

sehen wir weiße Geister stehen, wenn ein harmlos Birkenstamml in den

Fichten lehnt.

So. Der Zachenhesselhans wird's nimmer erleben und er möcht's doch

noch. So zwanzig Jährlein sollt' einer noch aufnehmen können, bis die

Kinder herausgewachsen sind vom Hans-Tonl und vom Sonnenwirbelpeterl.

Ui je, sind noch gar keine da!

Nachher -- _Ihr_ könnt's machen, Ihr junges Geschlecht! Von heut auf

morgen geht so was nit. Aber Euer Morgen- und Abendsprüchl müßt werden:

Wer seine Scholle fleißig bebaut, der wird immer des Brotes genug haben.

So wird's heißen und richtig is! Und was uns der Berg trägt, Gras und

Wald und ein paar Halmfrüchte, das wird überall hinlangen, wenn wir die

Scholle zwingen, alles herzugeben und wird weiterlangen, als der Ertrag

vom Klöppeln.

Wenn's einer doch hineinschreien könnt in die trägen zagen Herzen!« --

Knack!

»Ui je, jetzt zerbeiß ich mir das Pfeifenspitzl zum andern Mal, auch

noch dazu ein geborgtes, dem Helari seins.

Jetzt, wenn das Spitzl einmal einen Riß hat, kann einer auch noch ein

Eichtl schimpfen.

Ein Kreuz ist es, gar ein so schweres Kreuz mit dieser Handarbeit.

Weißt, was der Schmied-Seff-Pepp mitbringt von der Fahrt, Hans-Tonl?

Draußen, sagt er, als »ein unermeßlicher Segen« gilt die

Spitzenklöppelei für das arme Gebirgsland. So steht's in den Büchern

und so reden's die Leute denen nach.

Jetzt: wenn einer alles nimmt, den Segen und den Fluch: Herrgottsakra,

ob der Segen größer ist, als der Fluch, ich weiß nit. Das sagt

der Zachenhesselhans, nit weil er sich das an_gelesen_, sondern

an_geschaut_ hat. 's muß einer nur auf die Jahrhundert denken, auf

die vier Jahrhunderte, seit das Klöppelkissen ist hereingekommen ins

Waldland, wie in vierhundert Jahren ein Volk siech werden kann.

Hat's auf der einen Seit eine Wohltat gebracht, -- zeitweise sag ich --

so ist das auf der andern wettgemacht. Es sind -- ich sag's noch einmal

und will's noch manches Mal sagen, weil ich's für meine beste Weisheit

halte --: es sind andere Gebirge und andere Wälder auf noch höheren

Bergen und ist kein Eichtl anders, das Wachstum an Gras und Frucht,

als hier, aber ein stärkeres Geschlecht lebt auf jenen Bergen, weil's

nit stubenhockerisch is worden über einer solchen Heimarbeit. Müssen

_wir's_ denn justament allein sein?

Aber so weit hat die Gewöhnung das Volk im Waldgebirg gebracht: es kann

und will sich nit denken ohne den Klöppelsack.

Und sie sagen: was wollts denn? Sogar ein Dirnl von sieben Jahren hilft

mit verdienen. Ja, selber erhalten tut sich's am Klöppelkissen.

Wenn's aber Holz tragt und Beeren sucht oder eine Ziege hütet in Sonne

und Bergwelt, nachher siechts nit und wird besser leben. Aber: bei uns

ist's justament notwendig, daß das Kind sein Stückl Brot sich erkaufen

muß mit seiner werdenden Kraft, die gibt's hin dafür.

Richtig ist's, ein Dirnl verdient seinen Kreuzer mit sieben Jahren

-- fei an ein Eichtl Hunger ist es schon gewöhnt bis dahin und auf

mehr, als auf einen Zichorienkaffee und ein Stück schwarzes Brot, auf

Erdäpfel und einen Hering, wenn's gut geht, ist es nit gewöhnt zu

denken.

So ist's schon recht, wenn sie daheroben sagen: viel Kinder, viel

Segen; denn so ein Kleines erwirbt am Ende auch ein Kreuzerl mehr als

es selber braucht.

Aber: ein gesundes Volk is das nit und ist kein Zustand, wie wir ihn

haben im Waldland. Und wenn in den Vätern und Müttern eine Kraft ist,

denn ein gutes Wollen ist Gott sei Dank da, so haben sie gar nit nötig,

die Kleinen ans Kissen zu setzen, daß sie sich selber durchbringen.« --

Der Peterl ist während dieser Rede schon zweimal ans Fenster

geschritten, hat die Arme auf das Brett gestützt, auf dem die

Storchschnäbel und Fuchsien stehen, und hat hinausgeschaut auf den

blendenden Schnee.

»Wenn der Zachenhesselhans noch bleibt -- _ich_ möcht' an ein Auffahren

denken,« sagt der Peterl, »sie müssen sonst fei zu lange warten auf

mich im Neuen Haus.«

»Ich komm schon,« sagt der Zachenhesselhans und nimmt die Mütze vom

Nagel, »ich komm schon. Und auf ein Holzrucken möchten wir auch denken,

Hans-Tonl. Heut ist Dienstag, so sagen wir: auf den Freitag. Richt's

aus droben, Peterl. In der Hölle kommen wir zusammen.«

»Is recht. B'hüt Gott und schön Dank.«

»Habt's nit zu danken,« sagt das Wawrl. Sie gehen mit bis unter die

Haustür. Der Hans-Tonl tritt hinaus auf den harten Schnee vorm Haus;

der singt unter den Stiefeln der beiden Männer.

Der Zachenhesselhans geht über das Stachelschwein.

»Das Stückl wird einer nit versinken. He!« ruft er dem Peterl zu, als

er im Begriff ist, in den schlafenden Wald einzutreten, »he! was machst

denn einen so großen Bogen?«

»Es liegt nit so viel Schnee daherauf,« ruft der Peterl zurück, »als

wenn ich zwischen dem Zechenhaus und der Unruh emporwill.«

Der Zachenhesselhans murmelt etwas vor sich hin und stapft unter die

Fichten. Der Peterl schiebt den Schlitten vor sich durch den Schnee.

Der Himmel ist blank, es brennen nicht viel Sterne, weil der Mond so

hell ist. Der Schnee ist locker wie Flaum und ist ein Flimmern darin,

schöner wie im Tau einer Morgenwiese.

Wie der Peterl über die erste Berglehne hinauf ist, schaut er nach der

Unruh: die schläft; kein Fenster ist mehr hell.

Das Häusl hat den weißen Pelz umgetan und nur um den Schornstein liegt

ein sanfter Schatten, den der Ruß daraufgeworfen hat.

An der Rückseite des Hauses ist kein Fenster -- die Rückwand ist

niedrig und das Dach reicht dort beinahe bis hinab auf den Schnee der

Halde, die hinter der Unruh emporsteigt. Dort geht im Sommer der Pfad

lehnan.

Ein Eichtl lauscht der Peterl, als er am Häusl vorbeigegangen ist.

Alles schläft, nur der Mondschein flimmert im Schnee.

Die Leiter hängt rückwärtig am Haus unter dem vorspringenden,

verschneiten Schindeldach.

In der Giebelwand ist das Fenster, das winzigkleine, zu dem der Franzl

emporgestiegen ist.

Ein weißer Vorhang ist von drinnen davorgezogen; aber der Mond steht

jenseits vom Haus und die Giebelwand ist im Schatten.

Der Peterl geht durch den Schnee hinab und hebt die Leiter von der

Wand. Zwei Mannslängen mißt sie höchstens, aber über das Fensterl

reicht sie, noch ein Stück darüber. Wenn hier zwei sind und der eine

stellt sich dem andern auf die Schultern, so muß der droben sich schon

bücken, will er ein Eichtl durchs Fenster gucken.

Der Peterl hat die Leiter aufgestellt und steigt empor. Es ist

glitschig mit so viel Schnee an den Sohlen, leicht könnt einer ...

»Fanele ... Fanele ...«

»Jesses Maria, ich denk', Du bist mit den Zigeunern?« ruft das Fanele

von drinnen hinter dem Vorhang hervor.

»Wenn Du nit gleich siehst, daß Du heimkommst ...«

»Fanele, ich bin's, der Peterl.«

»Jesses Maria, jetzt kommt der auch noch! Seids denn verrückt alle

miteinander?«

»Fanele, so lausch doch nur und gib Dich!«

»Was willst denn eigentlich da bei der Nacht?«

»Fanele, tu ein Eichtl auf.«

»Von Sinnen bist!«

»Tu auf ein Eichtl, ich muß Dir etwas sagen.«

Das Fanele schiebt das Fenster zurück -- kaum einen Finger könnt einer

hineinstecken durch den Spalt.

»Tu weg die Hand, jetzt, ich klemm' Dir die Fingerspitzen ein!«

»Fanele, ich bin gar so viel zornig.«

»So siehst aus, wenn Du zornig bist?«

»Der Hans-Tonl hat ein neues Lied -- das hat er auf mich gemacht.«

»Bild Dir nix ein!«

»Jesses Maria, jetzt denk ich drauf,« schreit das Fanele und schiebt

das Fensterl vollends zurück. »Steh'n bleibst da und hörst, was ich

sag'! Jetzt -- was soll denn werden, wenn sie morgen früh im Schnee

sehen, daß einer die Leiter geholt hat und vor das Fenster gestiegen

ist? Sie streuen mir einen Haufen Häckerling vor die Tür und Du bist

schuld, Peterl, Du! Ins Gered' kommt einer mit Euch Buben und is fei

doch gar nix dran.

Jetzt -- nit von der Leiter gehst mir! Wart ein Eichtl. Ich sag' Dir

gleich was.«

Ueberdem springt das Fanele vom Strohsack, schlüpft in das rote

Wollröcklein, in die braune Jacke und in die Filzschuh auch.

»Fanele ...«

Das Dirnl steckt die Windlaterne an und schiebt den Vorhang hinter dem

Fenster zurück.

»Bist nit im Bett gewesen, Fanele?«

»Keine fünf Minuten. Jetzt -- hereingehst ins Haus und den Vatter will

ich holen und die Mutter. Was soll denn das sonst geben in der Früh?

Wenn wenigstens nicht ein so verräterischer Schnee wär, Du, nachher

könnt einer am End mit sich reden lassen. Hast denn gar nit darauf

denkt, Peterl, dummer?«

Das Fanele muß lachen, weils gar so zornig tut.

»'s is aber auch mit denen Mannerleut -- so dumm, naa, so dumm! Herein

gehst!«

Der Peterl kriecht von der Leiter.

Recht hat's, das Fanele. Der ganze weiche Schneeteppich ist zerrissen

und es könnt einer aus das I-Tüpfl sagen, was hier vorgegangen ist bei

der Nacht.

Während das Fanele den Helari und die Resl weckt, weil der Peterl da

sei und was erzählen wollt', schiebt der seinen Schlitten vom Hang

herein justament an der Giebelwand her, daß ein Weg getreten wird bis

zu dem vor dem Hause.

Ueberdem ist das Fanele mit der Laterne unter die Haustür gekommen.

»Habts denn gar kein bißl Verstand, ihr talketen Mannerleut, ihr?«

Hui, das Fanele schilt wie eine Alte. So hat's die Mahm auf dem

Sonnenwirbel ihr Lebtag nicht getrieben. »Die Wörtlein fliegen dem

Fanele von den Lippen wie schimmlig Brot,« sagt der Peterl.

»'s is Dir fei nit zum lachen,« sagt es, »mir auch nit.«

Aber ein Zucken wirbelt um ihren roten Mund.

»Ein Glück ist's, daß das Feuer noch nit aus is im Ofen. Ich tu immer

noch ein Reisl hinein vorm zubettgehen. 's is sonst gar so viel kalt in

der Früh.«

Mit einem Kienspan steckt das Dirnl die Petroleumlampe an, die am Draht

über dem Tisch hängt.

»Jetzt, was ist Dir bloß eingefallen auf die Nacht -- oder ist Dir der

Verstand eingefroren, Peterl? Und der Vater und die Mutter wollen auch

nit mehr herunterkommen. Was willst denn? Was hast denn zu reden?«

»Jetzt, wenn Du einmal so weit bist, daß einer ein Wörtl sagen kann,

so werd' ich eins reden. Die Eltern brauchen fei nit dabei zu sein. 's

gilt bloß Dir.«

»Wissen möcht' einer doch, was das ist!«

Das Fanele kreuzt die Arme vor der Brust und setzt sich neben den

Peterl auf die Ofenbank.

»Ein Lied hätt er gemacht auf Dich? Wie heißt's denn?«

»Ein Lied von den zwei Finken.«

»Jetzt, so gehts doch nit auf Dich!«

»Aber was drin vorkommt. Da heißt es zuletzt: Hans, bist gewachs'n wie

ena Pflanz, bist a so groß und stark, hast doch en Quark.«

»Jetzt, Du schreibst Dich aber doch Peter und nit Hans?«

»'s is auch _so_ deutlich genug.«

»Peterl, ich mein', der Hans-Tonl hat dabei nit ein Eichtl auf Dich

gedacht.«

Das Dirnl tut die Hand vor den Mund, um dem Peter das Lachen zu

verbergen. Aber der Schalk, der ihm dabei aus den Augen schaut, läßt

sich kein Mäntlein umhängen.

»Nu sag aber bloß: was kann denn ich dabei tun?«

Der Peterl schaut auf seinen Schuh und dreht die Kappe zwischen den

Händen.

»Fanele,« sagt er, »ein Eichtl Zeit lassen mußt mir schon zum

überlegen, wie ich Dir das richtig sag.

Fanele, wie sie geredet haben, daß der Franzl auf der Unruh zum

Fensterln is gewesen, damals ist ein Zorn über mich gekommen.«

»Warum ist der Peterl denn zornig geworden?«

»Weil Du just dem Franzl, dem Windhund, nit hast zugesperrt.«

»Weißt Du denn, daß ich ein guts Wörtl hab' gesagt zu dem?«

»Sie haben's erzählt. Ich hab's aber nit geglaubt. Selber hat er nur

fei so viel gewußt zu reden davon.«

»Weißt nun, was das für ein Fensterl is? Na, und?«

»Und erst wie der Franzl fort ist aus dem Land und seit ich weiß, er

kommt nimmer, da ist mir das Herz wieder froh worden, Fanele.«

»Was kunnt sich der Peterl denn giften, wenn das Fanele dem Franzl

schöngetan hätt?«

»Fanele, wie Du nur so reden magst.«

Der Peterl hat seine Mütze inzwischen auf die Ofenbank gelegt und die

Hand vom Dirnl erfaßt und ist ganz dicht neben das Fanele gerückt.

»Gelt,« sagt er, »Fanele, so viel wär ich am End' auch wert wie der

Franzl?«

Jetzt, auf einmal hat er seinen Arm um den Hals vom Mädl gelegt und

küßt es.

Der Mondschein läuft ganz leise durchs Stübl und in dem Ofen knacken

die Reiser.

»Peterl, wenn jetzt die Mutter kommt, nachzuschauen, warum wir zwei so

still sind?«

»So werd' ich sagen: dem Fanele hab' ich ans Fenster geklopft, es

sollt' auftun. Weils aber so gar gering ist, das Fensterl, just wie

ein Löchl am Starkasten, so sind wir mitsammen heruntergegangen. Frau

Mutter -- heiraten will ich das Fanele. Was ich zu wenig hab', hat's

zuviel -- da kommen wir wieder auf gleich.« -- --

Wie der Peterl mit dem Schlitten die Halde hinaufsteigt ins

silberblanke Mondlicht, ist noch ein Fenster hell auf der Unruh und ein

Dirnl schaut heraus und schaut dem Peterl nach bis er über den Berg ist.

»... über den Berg ist er. Aber leicht ist das nit gewesen,« lacht das

Fanele.

Und der Wind löscht ihm das Lämplein aus.

[Illustration]

[Illustration]

Am Sonnenwirbel: Eine Dorfgeschichte · 第 48 / 57 题