9. Kapitel.

Mit der Peitsche geht der Zachenhesselhans am andern Morgen, weil

diesmal kein Reif gefallen ist, frühzeitig hinter den drei roten Kühen

aus der Hölle gegen die heraufrollende Sonne.

»Schaust, Helari, jeder Mensch kommt wieder auf das zurück, wovon er

ausgegangen ist, wenn er's letzte Stück vom Wege durch's Leben trottet.

Das heißt: ganz stimmt's nicht bei dem Zachenhesselhans; denn zuerst

hat er die Ziegen gehütet. Zu einer Kuh konnten sie's fei nit bringen

damals daheim. -- Helari, weißt auch von dem Füchsl, das ums Hühnerhaus

schleicht?«

»Hast eine Fährte gespürt, Hans?« fragt der Helari und wird drei Zoll

länger.

»Wohl, wohl. 's tät nix schaden, der Helari paßt ein Eichtl, gelt?«

Jetzt tut der Zachenhesselhans einen Knall mit der Peitsche -- sie hat

einen armlangen Stiel und ist ein zweimal längerer Riemen daran und

unten ein ellenlanger Schmitz. Einen Patscher tut der Zachenhesselhans,

daß der Wald erschrickt und das Fanele mit dem Kopf aus dem offenen

Fenster fährt. Auf eins, da ist auch schon der Wind da und wirbelt ihm

die nußbraunen Ringeln um die Stirn.

»So macht der _Hans_ den Spektakel?«

»Er kommt bloß ein paar Stunden zu spät mit der Peitsche, Dirnl. Mit

der da könnt einer langen bis aufs Dach von der Unruh.«

»Jetzt -- was meinst denn damit, Zachenhesselhans?«

»Fei bloß für Kenner dieselbige Red,« sagt der Zachenhesselhans.

»Willst, Scheck -- das ist noch dem Helari sein Grasland, da kann sich

einer kein Maulvoll mitnehmen auf den Weg.«

Schmitzt der Hans noch einmal mit der Peitsche durch die Luft --

»diesmal ist's wegen der Roten gewesen, die erst hinüber soll über

den Grenzgraben,« denkt das Fanele. »Aber der Zachenhesselhans meint,

er hätt den Franzl unter der Peitsche. Warum tät er denn sonst so den

Morgen schrecken?«

»Die Sonne jagst wieder den Berg hinein, Hans,« sagt das Fanele.

»Die Sonne? 's is manch einem die Lampe des Mondes lieber. Brennt nit

so hell und den Weg find't einer doch dabei.«

Jetzt, ein Feuer leuchtet auf der Stirn vom Fanele. Wenn es aber auf

diese Red' hin das Fenster zuschiebt -- na, so dumm is doch ein Dirnl

nit, Zachenhesselhans! --

Wie der Tau von der Sonne fortgetrunken ist, steht der Helari am

Grenzgraben und macht ein Dächlein mit der Hand über den Augen.

Dem Hans-Tonl sein Grasland ist grün wie eine Maiwiese; dem Helari

seines sieht aus, als wär der Augustmonat in heißen Goldschuhen erst

letztlich darübergeschritten. »Warten müssen wir noch,« meint der

Helari, »zuschauen ein wenig.«

Der Helari sieht so scharf hinüber, weil der Zachenhesselhans auf

den Sonnenwirbel zuschreitet und im Gehen sich ein Pfeiflein Tabak

zurechtmacht -- da kann einer nicht umherlugen dabei, versäet sonst das

Rauchkraut, das teure.

»Was der Zachenhesselhans nur mit dem Fuchs gemeint hat? Er redet doch

sonst nit so deutsam, der Hans.«

Die Resl denkt ein Weilchen, wie's ihr der Helari erzählt. Aber sie

findet's auch nicht.

An der Sonnenwirbelstraße streuen die Vogelbeerbäume die roten Beeren

in den Staub. Staub? Da ist keiner daheroben. Einen Straßenkehrer haben

sie -- besser ist keiner als der Wind. Liegt ein Häuflein, so dreht er

sich einen Kreisel daraus und jagt ihn die Straße hinab oder herauf,

bis er damit in den Wald springt.

Wie er so denkt, wickelt der Hans die Peitsche und klemmt sie unter den

Arm.

Brr! Aus dem Vogelbeerbaum fliegt's auf und drüben auch.

»Jetzt -- der Krammetsvogel ist schon hergeflogen und tut sich gütlich

an den Korallenbeeren. Habt's Euch verrechnet, Freundln? 's is fei erst

im September. Der Kalender meint sogar: der _Herbst_ fängt an um Tag-

und Nachtgleiche. Auf das Waldland hat der Kalendermacher sich aber

fei nit besonnen: der _Winter_ geht los. Der Krammetsvogel bringt ihn

herein ins Land.«

Am Fenster des ersten Sonnenwirbelhauses bleibt der Hans stehen und

lehnt die Stirn gegen die Scheibe.

»Habt's die Erdäpfel herein?«

»Der Wurzltonl ist hinaus noch einmal.«

»Zeit wär's! Sind fei so allerhand Deutsamkeiten ringsum: das

Schneemannl, die Wachholderdrossel, das Füchsl, das den Eingang zum

Hühnerstall beizeiten sich merken will, damit nicht Not ist, wenn's

einen Schnee siebt.«

»Red'st fei bloß noch durchs Fenster, seitdem Du dem Hans-Tonl seine

rechte Hand bist?«

»Fei nit neidisch, Harfenweibl! So viel lasterhaft ist der Neid. Wart,

ich komm ein bißl.«

Das Wasser im Brunnentrog raucht noch immer in der Morgenkühle. Ein

Feuer knackt im Ofen.

»Die Decken hab ich dem Vieh aufgetan diesen Morgen. Grüß Gott

mitsammen!«

Der Zachenhesselhans hängt die Peitsche an den Türpfosten und tut einen

Schlag auf den Tisch -- »sel is der Handschlag für jeden.«

»Sind aber nur zwei da. Die Gabi ist mit in die Erdäpfel -- dafür hat

ihr der Wurzltonl bei den ihrigen geholfen.«

»Und die Musikleute hat einer seit der Hochzeit nit mehr zu sehen

gekriegt. Ordentlich steif geworden sind einem die Hände! Geh, ruck ein

Eichtl, Seppl. Nun -- und die Harfe, Weibl?«

Das Harfenweibl schaut nicht vom Klöppelsack auf:

»In Pennsiohn is sie bis die Schneefahrer kommen aus dem Niederland.«

»So schlägst anstatt die Saiten die Fäden und anstatt die Wirbel drehst

die Klöppel?«

»Fei eine grobe Bettspitze, Hans. Auf eine feinere mögen die Augen nit

mehr.«

»Lohnt sich auch nit. Sollst Dich nit entschuldigen desweg,

Harfenweibl. Wegen meiner -- der Teufel könnt' alle Klöppelsäcke holen

im Waldland in einer Nacht! Der Hans weinete keinem nach.«

»Mußt nit so gotteslästerlich reden, Mannl,« sagt das Harfenweibl

und legt sich eine feierliche Falte quer über die Stirn. Die Klöppel

klappern ihren Weg herüber und hinüber durch die alten Finger.

»Wenn wir im Waldland kein Klöppeln hätten, Zachenhesselhans, nachher

möcht' einer sehen, wie's um das Volk bestellt wär.«

»Harfenweibl, jetzt paß auf --: _besser wär's bestellt um das Volk, fei

gar so viel besser_!«

»Mannl, bist nit bei Trost? Mannl, jetzt, wo hast denn Deinen Verstand

aufgebraucht in den paar Tagen?«

Das Harfenweibl lehnt sich im Holzstuhl zurück und faltet die Hände im

Schoß.

»Jesses Maria,« denkt's, »jetzt is der Zachenhesselhans unweise worden!«

»Harfenweibl, noch einmal: _besser wär's_! Ein ganz andrer Schlag

Menschen wüchs auf im Waldland.«

»Mei Herrgott, jetzt verflucht der Zachenhesselhans den Klöppelsack!«

»So laß ihn reden darüber, Weibl,« legt sich der Seppl in das Mittel,

»vielleicht hat er nit unrecht und man muß ihn hören, den Hans.«

»Und er wird reden ein bißl,« sagt der Hans und mißt mit großen

Schritten das Stüblein.

»Wo fangt einer denn da gleich an?«

Die Frage richtet der Zachenhesselhans an sich.

»Das is fei nit so leicht. Wenn einer durch ein Dutzend Jahre sich das

zurechtgelegt und darüber nachgedacht hat als über eine Frage, die

bedeutsam genug ist, daß der Pfarr in der Kirche tät reden darüber, so

hat er Zeit genug gehabt dazu.

Wenn einer aber so im Umdrehen Euch das auseinanderdisputieren soll --

nachher ist das keine leichte Sach.

Am Sonnenwirbel: Eine Dorfgeschichte · 第 42 / 57 题