8. Kapitel.

An der Unruh lenkte der Hans-Tonl ein wenig ein und tat einen scharfen

Schmitzer mit der Peitsche in der Luft.

Weil er über das weiche Gras herabgekommen war, über dem letzte Sonne

lag, hatte keiner den Hans-Tonl nahen hören. Jetzt ward's hinter

den Fenstern lebendig. Das Fanele war am flinksten heraußen auf der

Wiese vor der Giebelmauer, dann die Resl. Zuletzt kam der Helari, die

Rotschecken anzuschauen, die der Hans-Tonl erhandelt hatte.

Auf der Bank vor der Höll wartete der Zachenhesselhans schon seit einer

Stunde. »Jetzt -- der Hans-Tonl kommt den Steig herein!«

»Und auf das Jahr ein Simmenthaler Oechsl, Hans-Tonl! Es muß ein

frisches Blut hinein in das Vieh, und wir müssen ein Bergrind

aufziehen; das ist ein anderes als die Bauern im Niederland eins

brauchen.«

»_Müssen?_ -- 's is fei recht, wenn nur einer das Geld hätt dazu.«

»Wenn auch das Wawrl gemeint hat: der Hans-Tonl hätt heute den letzten

Gülden fortgetragen und ein Häuflein Schulden auch schon gemacht, um

die beiden scheckigen Hundsfötter doch in den Stall zu binden --

Hans-Tonl, das Simmenthaler Oechsl müssen wir aber doch kriegen an den

Sonnenwirbel! Der Zachenhesselhans hilft Dir sparen den Winter über.«

»Nachher -- wovon will denn der Zachenhesselhans leben im Schnee?«

»Ein bißl saure Milch wirds eh abwerfen in der Höll. Und Erdäpfel

sind daheim; und Geld zu einem Kaffee und Schwarzbrot und zu einem

feinen Tobak, in den wir ein Eichtl Erdäpfelkraut mischen, ... jetzt

vorhanden is das fei nit, aber ein Weg wird sich finden, auf dem sich's

hereintragen laßt ins Zechenhaus.«

Während der Hans-Tonl die beiden Kühe in den Stall stellt, die das

Wawrl so vergnügt anlacht, und während der Hans-Tonl dem Vieh Futter in

die Raufen wirft, ruft der Alte ihm zu:

»Jetzt -- das Haldenbörnlein werd' ich verspunden; so geht heut noch

eine Sonne darüber und morgen, wenn der Frühtau fort ist, müssen die

Roten mitsammen auf die Bergweide und die Neuen müssen sich in der

Gegend umschauen.

Auch um den Winterkathlfranz muß einer einmal nachsehn. Gestern, wie

die Hirsche haben zu brüllen angefangen gegen die Schlauderwiesen hin,

da ist mir der Kathlfranz im Stübl umgegangen -- ordentlich Angst kunnt

einem werden dabei.

»Hast ein Leibweh, Franzl?« hab ich gefragt.

Hats nit gehört, der Franzl. Aber das Fenster hat er zur Seite

geschoben und die Tür sperrangelweit aufgestoßen.

»Eine Hitzn hast im Zechenhaus, Hans, fei nit zum abhalten,« sagt' der

Franzl. Dabei ist das Reisigfeuer im Ofen verloschen gewesen -- kein

Fünkl hätt der Sturm rausblasen können aus der Schwärze.

Aber das Lichtlein, in das der Wind bläst, das is wiederum angegangen

im Kathlfranz seinen Augen.

Und in den Wäldern ist das Röhren der Hirsche. Je wilder es

herauffliegt, desto fester setzt der Franzl seine Nagelschuh auf die

Dielen. Der Wind stand über den Keilberg her und ein Silberschein war

in den Wipfeln -- vom Mondlicht. Jetzt -- der Mond ist bald voll --

steigt er vollends über den Kamm herauf.

»So macht den Franzl das Stockroden nit müd?« frag ich und schau von

der Seite über mein Kaffeetöpfl hinüber zu ihm.

»Müd?« fragt er und lacht auf. »Jetzt -- wenn ein so lichter Mondschein

im Land ist, werd ich noch ein Pfeifl rauchen gehen in die Fichten.«

»Franzl,« sag ich, »Franzl, laßt's Dir keine Ruh?«

»Bei Gott nit, Hans,« sagt er, »sei nit furchtsam und mach' Dir keine

Gedanken, aber hinaus muß ich!«

Er nimmt sein Jägerhütl vom Nagel am Türpfosten und hinaus ist er und

hinein in den Wald.

Hans-Tonl, der Zachenhesselhans weiß, was das heißt: der Hirsch brüllt

im Wald! Still ist's, nur der Mondschein ist da und ein Knacken im Holz

und ein Stampfen der Hirschkuh, die der Platzhirsch treibt ...

Hans-Tonl, jetzt hätt ich bald darauf vergessen: das Röhrl wollt' ich

stopfen gehn auf der Halde ...«

Und dem Alten vom Zechenhaus ist ein Feuer in die Augen geflogen und

ein Feuer ins Herz.

Jetzt geht er, den Spund einschlagen vor den Bergquell.

Wie er hinter der Unruh noch einmal zurückschaut, ob der Himmel ringsum

so blank ist, da schiebt sich schon die bleiche Scheibe des Mondes über

die stummen Wipfel der Fichten empor, die so scharf in die klare Luft

hineinstehen. Ein Reifsilber wird fallen in das Mondsilber, denkt der

Zachenhesselhans.

Auf einmal tritt das Fanele mit einem Körblein am Arm aus den Fichten

und wandert noch ein Stück, um sich schauend, den Waldsaum entlang. Das

Fanele ist nach Pilzen gewesen.

»Fanele, zeig her das Körbl,« ruft der Hans hinunter. »Wart, ich komm'

ein Stück!«

So gehen sich die beiden entgegen.

»'s is fei nit möglich, gefüllt bis zum Deckel und Herrenpilze eine

Menge?«

Das Fanele tut vergnügt -- das ist kein Wunder. Wer hätt' das Dirnl

einmal mit dem grauen Elend gesehen?

»Wenn vier Augen auf die Schwammeln schauen, nachher find't einer auch

bei der Dürr etwelche, wenns nur die Zeit is.«

»Vier Augen?« fragt der Hans. »Ich mein': die zwei brenneten schon so

viel heiß, daß sie ein Unheil anrichten könnten. Seit wann hat denn das

Fanele vier? Hast etwa dem Peterl seine zuhilfe genommen?«

Der Zachenhesselhans nimmt das Fanele fest aufs Korn, und wie sich's

die Hand vor den kirschroten Mund hält und vor die Augen, weil die

Spätnachmittagssonne so über die Halden herglüht --: das Wörtl von den

vier Augen bleibt gesagt und der Zachenhesselhans hat's gehört.

Jetzt -- er läßt Dich nit los, Dirnl, wie gern Du ihm auch entwischen

möchtest!

»Heim muß ich, Zachenhesselhans, laß mich aus.«

Aber der Alte hält den Henkel vom Körblein, das dem Fanele am rechten

Arm hängt.

»Jetzt -- erst wirst ein Wörtl reden!«

»Der Winterkathlfranz ist bei mir gewesen die zwei Stunden.«

»Der Franzl?«

»Ist auf dem Weg nach Joachimsthal gewesen.«

»Wo wär' er denn die vorige Nacht geblieben, hat er gesagt?«

»Hat eh nix gesprochen davon.«

»Ist er etwan gar nicht auf dem Hau Stöcke roden?«

Dem Fanele läuft alles Blut zum Herzen. So weiß ist seine Stirne --

etwa weil das rote Licht der Sonne auf der Halde auszulöschen beginnt?

»Stöcke roden?«

Jesses Maria, danach hat der Franzl in seinem Lodenjöpplein und dem

grünen Hut auf dem linken Ohr wahrlich nit ausgeschaut!

»Wir haben fei garnit viel plauschen können mitsammen,« meint das

Fanele.

»Na, wenn das is,« sagt der Zachenhesselhans. Und das Fanele springt am

Waldrand hin und fort wie ein geschrecktes Reh.

»Jetzt,« sagt der Alte zu sich, »jetzt, Zachenhesselhans, tu die Augen

auf! Das ist ein Ungemach. Und wenn hier zwei Feuer brennen, -- der

soll noch kommen, der so zwei ausgießt. Jetzt -- um das Dirnl wär mir's

leid.« --

Nicht lange danach schweigt das Rieseln auf der Grashalde. Und anstatt

des schwätzenden Bergwassers geht der Tag in Schuhen aus purpurrotem

Sammt über die Hänge, die nach Abend liegen. Ein Grünen ist darauf, als

ob der Frühling noch einmal heimlich darin lebendig geworden wäre.

Den Hang hinab geht der Zachenhesselhans. Er zieht mit dem Häcklein

dort eine Rinne oder säubert den Abfluß von einem Gras, das darin sich

breit gemacht hat.

Am Waldrand schlendert er hin, unter der Unruh vorbei und schaut, ob da

ein Schwamm seinen Schirm aufspannt, einen braunen oder einen gelben.

Von den korallenroten leuchtet über den Nadelgrund manchmal einer

herüber.

»Die Sonne liegt zu lange auf dem Wald in diesem Jahr; wenn der Hans

das Schwammsäckl neu füllen will für den Winter und noch etlichen

Vorrat mehr zusammentragen möchte, so muß er in dieser Zeit fei darauf

bedacht sein. Durch den Bau ist dasmal alles aus der Ordnung geraten,

die einer sich im Waldland zurechtgemacht hat.«

Da, wie der Alte den Hau hereinkommt, kreuz und quer, weil er manchmal

mit der Hacke einen Pilzling umwendet, läuft ihm ein Schnaufen entgegen.

Er sieht den Hahn und die Hennen gemächlich aus den Fichten her

heimziehen, und den Schnaufer tut der Kathlfranz, der heimgekommen ist,

und sich den Staub und den Sonnenschein mit dem Wasser vom Gesicht

spült.

Ist ihm darauf geflogen beim Roden, weil der Hau so viel sonnig ist,

denkt der Zachenhesselhans, aber er sagt:

»Fei frühzeitig Feierabend ist gewesen heut, Franzl, daß Du schon

daheim bist.«

»Auf einen Samstag geht's nit so lang,« antwortet der Franzl und deckt

sein Gesicht und die Ohren wieder mit den hohlen Händen zu, aus denen

das Wasser läuft. Und noch einmal! Darum kann der Franzl nichts weiter

antworten; und er hört auch nicht, was der Zachenhesselhans zu ihm sagt.

Wie der Franzl das Tuch zum Trocknen herabnimmt, das er über den

Bornständer gelegt gehabt hat, ist nur noch in den Fichtenwipfeln das

Glühen der letzten Sonne und die Schatten kriechen kalt und scharf aus

dem Wald.

»Die Vogelbeerbäume werfen die Blätter fort und die Birken auch,« hebt

der Zachenhesselhans wieder an.

»'s hat auch fei so viel Schneekönige (Meisen) ums Zechenhaus, die den

Haufen Stöcke absuchen,« setzt der Franzl hinzu. »Die sehen eine Kälte

kommen von ferne.«

An den Spitzen der Fichten, die wie Kerzen brannten, gehen die

Flämmlein aus.

Vor dem Ofenloch in der Stube ist es ganz finster. Der Franzl hat sich

davorgekniet und krückt und bricht trockenes Reisig. Das schiebt er in

den Ofen. So vergeht die Zeit, und der Zachenhesselhans kann nit so

viel fragen.

Hui, denkt der, der Franzl hat sich um die Heimarbeit voreh nit so

verdient gemacht. Er geht aus dem Wege, der Franzl; wenn ihm einer

jetzt in die Augen schauen könnte -- das wehende Licht ständ sicherlich

wieder darin.

Der Zachenhesselhans, wie er sich die Pfeife mit einem Reis aus

dem Ofenloch angezündet hat -- warum soll einer ein Schwefelholz

verschwenden, wenn schon ein Feuer ist? -- nimmt den irdenen Topf und

läßt am Brunnen Wasser hineinlaufen zum gemeinsamen Abendsüpplein.

Der Mond ist inzwischen heraufgeschwommen über die Fichten, spinnt

Feinsilber durch die kleinen Fenster und legt blanke Tafeln davon auf

die altersgrauen Dielen. Die Haustüre steht offen und die Stubentür

auch einen Fuß breit. Sie hören den Strahl in den Trog klingen, die

beiden im Zechenhaus, wie sie am Tische sitzen und die Blechlöffel in

die gemeinsame Schüssel tauchen. Es ist gar kein Rauschen im Bergwald

und die Nebel, die die Nacht webt, sind auch noch nicht über den

Tälern. Das schwerfällige Schwingen des Uhrpendels im Kasten hört man

und das sanfte Zusammensinken der glühenden Reiser im Ofen. Von draußen

klingt immer der silberne Fall des Quells auf den blanken Spiegel.

Da legt der Franzl den Löffel zur Seite, nimmt ihn wieder auf und geht

hinaus zum Trog, den Löffel waschen. Dabei lauscht er in den Wald, tief

hinein. Da -- ein Brechen ist im Unterholz. Ein Rehbock tritt heraus

auf den Hau. Mit einem Stein könnt einer hinüberwerfen, so nah ist er.

Der Franzl steht wie festgewurzelt am Brunnentrog und der Bock drüben

scharf äugend wie ein Bild aus Stein.

Weil der Franzl sich garnicht mehr regt vor der Haustür, wendet sich

der Alte und schaut durch die Scheibe.

»Da haben zweie Witterung,« sagt er zu sich, streift die Schuh ab und

schleicht ans Fenster.

»Jetzt: da ist wahrhaftig ein Böckl herausgetreten auf den Hau!«

Der Zachenhesselhans schiebt das Fenster hart auf. Der Franz stampft

heftig mit dem Nagelschuh auf die Steinfliesen.

»'s hätt Dir nix nutz werden können, Franzl! 's is dem Grafen, das

Böckl. Und 's is fei gut getan, wenn einer wie Du nit zu lang nach

einem solchen schaut. 's macht begehrlich, Franzl, und fei in der Nacht

-- in den Traum tät Dir's kommen.«

Nun kann auch der Franzl seine kurze Pfeife anstecken. Der vergrämte

Bock läßt sich eine Woche lang nicht mehr sehen auf dem Hau. Der Alte

nimmt Schüssel und Löffel vom Tisch und geht damit auch an den Trog.

Er hat allerlei zu erzählen heut, der Zachenhesselhans, und so laut

redet er dabei, als müßt er's dem Franzl hinüberrufen zu dem Wechsel,

auf dem der Bock vor zwei Minuten verschwunden ist. Da macht der Franzl

Kehrt und geht in die Hütte.

»Franzl, ich mein, Du müßtest des Abends, wenn einer so den Tag über

mit der Rodehacke und der Axt am sonnigen Berghang gestanden hat,

weidlich viel Schlaf haben?«

Der Kathlfranz lacht und pafft sich ärgerlich eine Wolke Tabakrauch

zurecht, die selbst das dünne Mondlicht Mühe hat, auseinander zu tun.

»Schweigsam bist halt soviel. 's könnt einer meinen: der _Mund_ vom

Kathlfranz ist schon eingeschlafen. Aber, Franzl, die _Augen_ sind noch

so viel munter und ich seh, Du hättest noch ein Lüstl auf einen Gang

durch den Mondschein.«

»Recht hast,« sagt der Franzl.

Während der Alte wieder eine Zeit vergeblich wartet auf eine Rede vom

Jungen, steht er von der Ofenbank auf und hebt ein Wandern an durch das

Stübl.

»Kathlfranz,« sagt er nach einer Weile, »gemerkt wirst's eh haben: es

ist eine Unrast in mir Deinetwegen.«

»Meinetwegen? Was kann denn ich dafür, wenn der Zachenhesselhans nit

mit sich selber fertig wird?«

»Red' nit so, Franzl, und denk: so einer, wie Du einer bist, war der

Zachenhesselhans schon vierzig Jahr früher. Und seit derselbigen Zeit

ist er noch um ein Stück klüger geworden, der Hans.

Ich bin keiner, der zu Dir sagt: Franzl, ich hab Dir daheroben Einstand

vergunnt -- jetzt: ich bin der Herr im Haus, und wenn Du ein Stübl

und fei auch beinah ein Lagerstroh mit mir teilen willst, so tu Dich

kümmern, wie's der Brauch ist im Waldhaus. So einer bin ich nit,

Franzl. Aber auch wieder nit ein solcher, der den Franzl in ein Unglück

laufen sieht, ohne sich nach ihm umzuschauen.

Deine Mutter, Franzl, Kathi Winter hat sie sich geschrieben -- 's is

fei nachher ein fleißiges reumütiges Frauenzimmer geworden. Aber so um

die Zeit des ersten Saftes, Franzl, da hat sie ein so viel hitzig Blut

gehabt. Und in den Jahren, justament in die Du heut gekommen bist, oder

noch um einige früher, da hat sich die Winterkathl das Leben verleidet.

Der Mann, den sie Deinen Vater geheißen, ist am Straßenstein gestorben,

Franzl; es hat ihm die Spätnacht hineingefroren ins Herz.

Ein braves Weib is sie gewesen nachher, die Winterkathl, und fei so

viel Reue hat sie gehabt, und die Reue, Franzl, hat ihr das Rote von

den Wangen heruntergefressen, und die Tränen haben ihr den Glanz in den

Augen ausgelöscht. Gestorben ist sie.

Und dem Kathlfranz sind sie aufsässig gewesen schon wie der ein so

ganz kleines Bübl war. Du darfst mir's nit für übel halten, Franzl:

ich bin keiner, der etwas nachträgt und auch nit einer von denen, die

meinen: weil Dein Vater -- Du hast ihn nit kennen lernen, Franzl -- nit

viel hat getaugt, müßt das Bübl auch so einer geworden sein. Fei nit,

Franzl, fei nit!

Aber wie ich hab' gesehen, daß sie Dir hinterdrein sind wie das

höllische Feuer, und, wenn etwas verübt is worden daherum, wie sie

geschrieen haben: der Winterkathlfranz wird's angestellt haben, --

nachher hab ich doch manchmal gedacht, das ist das, von dem 's heißt:

die Sünden der Väter heimsuchen an den Kindern ...«

»Zachenhesselhans, es mag sein, daß Du's nit schlecht meinst mit mir;

aber warum erzählst mir denn das alles und warum just heut?«

»Weil ich dasselbige rebellische Blut in Dir hab' gespürt, das Deiner

Mutter das Leben verleidet hat.

Franzl, Dir ist eine Unrast im Herzen und ein so viel heißes Blut.

Du kannst den Hirsch nit hören schreien im Bergwald, ohne zu denken:

jetzt, den Stutzen heraus aus dem Baum. Denn nit von der Wand herunter

kannst Du ihn holen und nit herab vom Nagel, Franzl. Leute wie Du, die

bergen den Stutzen im hohlen Baum.

Franzl, ich bin nie ein Simpel gewesen, mein Lebtag nit, und ich

weiß, welch ein Aufpassen sein muß auf ein solch siedig Herzblut.

Aber Du bist dabei von einer Heimlichkeit, hinter der mir nix Gutes

herausschaut.

Und so wollt' ich Dir's denn auf den heutigen Abend sagen: Du selber

magst aus- und eingehen im Zechenhaus so oft und wann Du willst.

Schleppst Du mir aber ein Stück Wild herein aus den Fichten -- hernach,

Franzl: geschiedene Leut sind wir! So. Und wenn Du Dich damit trägst

-- um einen andern Einstand schau Dich um! Der Bergwind hat Dir im

Zechenhäusl die Tür zugeschnappt und ist kein Drücker dran von außen,

daß einer aufsperren könnte. Und der Zachenhesselhans ist taub worden

und hört das Pochen nit an der Tür.«

»Jetzt -- wenn der Hans das Herz sich ledig geredet hat, so kann einer

wohl noch auf ein halbes Stündl in den Mondschein schauen?«

»Tu was Du magst, Franzl, 's geht mich nix an und ich hab nix zu fragen.

Frag ich etwa: wo der Franzl ist Stöcke roden gewesen den ganzen Tag?

Frag ich: wo der Franzl hat geschlafen die letzte Nacht, weil er nun

einmal doch nit auf dem Stroh hat gelegen im Zechenhaus? Der Hans fragt

nit. Aber das eine hat er sich ausgebeten und danach wird getan: ein

Wilbert kommt mir nit über die Schwelle, solang ich im Zechenhäusl

etwas hab' zu befehlen.«

»Das hat der Hans schon einmal gesagt.«

»Doppelt genäht hält besser.«

Der Zachenhesselhans steckt sein Pfeiflein in die Tasche der Lederhose

und steigt die Holztreppe empor. Ueberdem geht der Franzl vor die Tür.

Der Mond hat mit seinen silbernen Händen ein Gespinn über den Wald

gebreitet, daß man aufhorchen muß, ob nicht ein sanftes Klingen ist in

dem glänzenden Lichte.

Gegen die Schlauderwiese hin schreit der Platzhirsch -- der

Sechzehnender. Da hält der Franzl den Atem an und vergräbt die

weißen Zähne in die Unterlippe. Den weiß er stehen. Und auch den

»Abgeschlagenen« kennt er, der aus der Waldschlucht heraus grollend

antwortet. Der Sechzehnender ist für dies Jahr der König vom Keilberg,

und das Waldrevier und die Hirschkühe, die droben wechseln, haben zu

lauschen, wenn er gebietet. Auch ein »Schneider« (geringer Hirsch) ist

dem Franzl über den Weg gelaufen, und er weiß genau die Stelle, an

welcher der herüberwechselt unter der Pfarrwiese. Auf den Schneider

wird der Franzl einmal passen.

Der Zachenhesselhans hat eine Weile offenen Auges auf dem Stroh gelegen.

Weil er das Fenster noch nicht zugeschoben hat, vernimmt er drunten im

Gras ein Streichen, aber keinen Tritt.

Ist etwa der Rehbock doch wieder herausgetreten? Das kann nit sein;

denn der Franzl ist vor einer kleinen Frist über die Steinfliesen

gegangen. Und wenn er auch nicht einen Schritt vor der Tür getan hätte

-- die kurze Pfeife hat der Franzl zwischen den Zähnen gehalten und:

ein Rehbock hat das Feuer auf der Stelle in der Nase.

Der Zachenhesselhans richtet sich ein wenig empor, weil er nachschauen

will, was das ist.

Ein helllichter Mondschein ist wach in der Welt und in dem helllichten

Mondschein -- -- jetzt: ist das ein Reif, der auf dem kurzen Grase

glänzt, oder ist das der Mondschein?

's ist das Himmelslicht; denn sonst streifte der Kathlfranz mit den

Nagelschuhen das Feinsilber von den Gräsern und lief eine Fährte quer

über die Halde.

So taghell ist's draußen, daß einer das Rauchwölklein sieht, das aus

dem Tabak dem Franzl um den grünen Hut mit dem Spielhahnstoß wirbelt.

Der Wildschütz -- ja wohin wird er denn nun wollen, der Franzl?

Schräg empor steigt er in der Richtung gegen die Sonnenwirbelhäuser.

Aber nach links schaut er -- in der Richtung auf die Unruh. Jetzt

wendet er sich auch hinüber nach dem Hause.

»Oha,« denkt der Zachenhesselhans, »kein Licht wird mehr scheinen aus

den Fenstern, und auf der Morgenseite von der der Wildschütz herangeht,

ist das Schlafkammerl vom Fanele.

Jetzt -- so einer wie der Kathlfranz, vor dem kann sich ein Dirnl

inachtnehmen!

Meintag ist so etwas nicht geschehen am Sonnenwirbel, daß einer ums

Kammerl schleicht bei der Nacht. Freilich, der Helari, wenn er's wüßt,

der tät schon das Türlein wohl verwahren vor dem Fuchs! So soll der

Zachenhesselhans hinlaufen und den Verräter spielen?

Sie haben ja doch selber Augen, die Leut auf der Unruh; und daß der

Kathlfranz wieder im Land ist und Schlingen legt auf allerlei Wild,

weil ihm das im Blut liegt, dasselbig wissen's fei auch. Was hat denn

der Hans vom Zechenhaus um andrer Leute Kinder zu sorgen?«

So schiebt der Hans das Fenster mit einem harten Druck zu und legt sich

aufs Ohr.

»Wissen möcht' einer aber doch, wenn der Franzl darauf denkt, sein

Stroh zu suchen.« -- --

Am Morgen hat der Wildschütz den Strohsack wahrhaftig zusammengelegen.

Draußen an dem Röhrtrog steht er schon und taucht den Kopf und die Arme

in das rauchende Wasser.

Und der Nebel wälzt sich den Berg herein und reißt sich an den Spitzen

des Waldes in Fetzen.

Wie der Zachenhesselhans aus der Haustür tritt, um das Hühnerpförtlein

über der Stiege am verwaisten Kuhstall zu öffnen, sieht er: nun ist

doch ein Reif herniedergegangen. Der Nebel hat ihn hingelegt, wie er

so heimlich in der Morgendämmerung darübergeschritten ist. Bald darauf

schreitet der Kathlfranz talein, und der Zachenhesselhans bergauf. Ob's

ein Eis gegeben hat auf der berieselten Halde? Ob ein Frost unters

Weidegras gefahren ist, möcht er wissen. Wenn einer neumodische Dinge

einführt ins Waldland, so muß er auch zuschauen, wie sich dieselbigen

Dinge stellen zu den Verhältnissen auf dem Gebirgskamm.

Ein steifer Reif ist auch hier niedergegangen, aber ein Frost ist's

nicht -- so hat das Erdreich alles Wasser getrunken eh der Nebel kam,

und die Sonne hat auch ein Restlein mit fortgenommen, wie sie so

blutrot und sommerwarm auf der Halde gelegen hat, ehe der Tag ging.

»Jetzt -- die Wässerung des Graslandes ist so einfach, daß ein Kind

hätte darauf verfallen müssen. Und so lang das Gebirg steht, hat noch

keiner ein Bergwasser herausgelockt aus dem Stein. Das Gras haben sie

von der Augustsonne verbrennen lassen.«

Wie der Zachenhesselhans so denkt, schüttelt er mit dem Kopfe.

»Es ist halt nicht zu glauben, daß sel ein Neues sein soll im Gebirg.

Wenn einer darauf aus ist, kann einer noch mancherlei finden, was nötig

und gut ist, meint der Hans und geht wieder bergein, um dem Hans-Tonl

zu sagen, wie's auf der Wässerung ausschaut.

Da ist schon einer durch das Reifsilber hinabgegangen: der Hans-Tonl

selber hat geprüft, wie's um die bewässerte Halde steht.

Das ist fei gut. Warum soll der Hans-Tonl auf das Mannl von Zechenhaus

warten? Und mit dem Melken ist das Wawrl auch schon fertig?«

Auf der Bank vor der Höll stehen die Schalen mit der Morgenmilch.

»In die Streu werden wir müssen mitsammen,« sagt der Hans-Tonl.

»So gehen wir in die Streu. Eine Trage können wir zusammenkratzen, bis

die Sonne den Zucker hat aufgeschleckt auf dem Hang,« sagt der Alte

und schleift die Trage, die an der Stallwand lehnt, hinaus in den

Frühnebel.

»Der Kaffee ist noch nit getrunken, Zachenhesselhans. Magst einen?«

»Wenn einer übrig ist, so ein rechter heißer, so nehm ich einen,« gibt

der Zachenhesselhans dem Wawrl zur Antwort.

»So geh her,« lädt das Wawrl den Mann ein, und die Goldringlein um die

Stirne der jungen Frau helfen mit winken.

»Wenn einer ein reichlich Stroh tät erbauen, so möcht' die Nadelstreu

aus dem Wald übrig werden. Fault auch nit, und leicht, daß sie einer

mit dem Rechen abziehen muß vom ›Stachelschwein‹ im Frühjahr. Oder

eine Laubstreu müßten wir haben daheroben! Jetzt -- aber nein: der

Wind reißt den Vogelbeerbäumen die Blätter von den Aesten und nimmt

sie mit. So wird einer unter die Birken schauen und ein halb Dutzend

Kraxen birkenes Laub heraufschleppen müssen in die Höll,« sagt der

Zachenhesselhans, während er den dampfenden Morgenkaffee schlürft.

»Wenn aus den Kacheln eine Wärme geht, merkt einer erst richtig die

Herbstkälte, die sich aufs Waldland gelegt hat über Nacht. -- Wawrl,

weißt eh schon vom Fensterln auf der Unruh?«

»Hui, seit wann ist denn das notwendig am Sonnenwirbel?«

»Gelt? Na, so will ich nix gesagt haben.«

»Etwan der Peterl? Was stellt der sich denn in die Frostnacht, wo er's

könnt gemütlich haben hinterm Ofen? Ach,« macht das Wawrl -- »_daher_

weht der Wind! Ist etwan einer aus dem Zechenhaus das Stückl bergauf

gestiegen?«

[Illustration]

[Illustration]

Am Sonnenwirbel: Eine Dorfgeschichte · 第 41 / 57 题