Da muß das Harfenweibl sein Saitenspiel wieder stimmen, und der Seppl
tastet sich an der Wand zur Ofenbank hinüber; das Harfenweibl hat ganz
vergessen auf ihn.
Da fängt's schon zu schlürfen an: drüben das Wawrl mit der Brautkrone,
daneben das flinke Fanele mit dem Flammenröcklein und dem Feuerherzen,
und wieder daneben die Resl, die auch noch einen feinen ›Vogelsteller‹
mag.
Auf die Resl fahndet der Wurzltonl. Das Wawrl hat für heut
den Seinigen. Und, daß die Jugend wieder zueinanderkommt: der
Zachenhesselhans stellt sein Rütlein für das Fanele. -- Links herum,
rechts herum, hin und her, und immer geht die lustige Vogelfängerweis
von der Ofenbank herüber in süßem Locken.
Das Wawrl ist zuerst gefangen, und weil der Resl der Atem ausgeht,
gibt's Vögerl klein bei und geht in den Käfig: dem Wurzltonl seine Arme.
Wie auch das Fanele dem Zachenhesselhans nicht mehr entwischen kann,
wirft der dem Wurzltonl und dem Helari ein Wort hinter der Hand vorm
Mund hinüber. Da wissen die beiden: jetzt wollen sie die Braut fangen.
Weil da einmal kein Entkommen ist, hat der Hans-Tonl den Peterl schon
in den Keller geschickt. Jetzt rollt der Peterl einen süßen ›Ungarn‹
im Zehnliterfäßlein zur Tür herein. Und für einen ›Ungarn‹ kann der
Hans-Tonl das Wawrl wiederhaben -- das is fei nit zu billig.
Wie sie dem Fäßlein den Spund einschlagen, hat sich ein Nebel den Berg
hereingewälzt, ganz dick, lehnt sich gegen die Fenster und drückt mit
den nassen Händen das letzte Licht aus in der Welt.
»'s möcht das Feuer ausgehen im Ofen von der Höll,« sagt der
Zachenhesselhans und zwinkert lustig mit den Augen. »Seht's Euch den
Helari an, der meint: auf der Unruh im Stübl ist auch ein Kachelofen
und auf der Unruh im Stübl ist seintag die Gemütlichkeit daheim
gewesen.«
Jetzt: der Helari meint, wenn einer den süßen Ungarn tät hinauftragen
auf die Unruh und nicht dabei ausglitscht auf dem heimtückischen Gras,
daß das Fäßl hinab in den Waldgrund läuft, so wär's ihm schon recht,
wenn die Hochzeitsleut auf die halbe Nacht mit hinaufkämen.
»Das Häusl vom Hans-Tonl hält,« sagt der Zachenhesselhans, »darauf
haben wir mit dem Stampfer die Probe gemacht. Und weil das Wawrl
und der Hans-Tonl auf die Hochzeitsreis' wollen ...« Was der
Zachenhesselhans noch geredet hat, hat keiner hören können. Sie haben
gar so viel gelacht, weil dem Zachenhesselhans das eingefallen ist.
So haben sie keine Lampe angetan denselbigen Abend in der Höll. Und das
Feuer -- das im Ofen -- ist langsam herniedergebrannt.
Aus der Unruh aber ist ein Lichtschimmer in den Nebel gegangen und
hat der Mitternacht, als ob die ein Licht brauchete den Berg hinauf,
geleuchtet -- schier bis auf den Sonnenwirbel.
Der Zachenhesselhans hat ohne Stalllämplein den Weg nach Hause
gefunden. Ein Licht hätt' nicht geschienen aus der Höll, wie er am
Stachelschwein vorbeigegangen ist, hat er gesagt. --
Als der junge Tag über den Wald herübergeht, hört der Zachenhesselhans
auf dem Strohsack ein sanftes Klingen am Dach. So klopft der triefende
Frühlingsnebel, der ein gelindes Rieseln über die Schindeln schickt und
dem bald die weckende Sonne folgt.
Der Zachenhesselhans reibt sich nicht lange die Augen: so ein Klopfen
kennt einer, der im Waldland grau geworden ist. An dem Fenster herab
geht's kling -- klang -- kling. Aber alle Wolken wälzen sich noch über
das Grasland und drängen hinein in den Wald.
Da kann einer noch eine Eichtl an den gestrigen Tag denken und daran,
wie das Fanele daheim angefangen hat, den Peterl instand zu setzen.
Daheim ist eins kecker als im fremden Haus und namentlich in der Hölle,
in der's dem Fanele noch zu neu gewesen ist.
»Tun wir das Fenster auf ein wenig! Wenn der Wind über das Gebirg
heult und er erspäht eine handbreite Lucke, so wie jetzt im Fenster
eine ist, nachher bläst er hindurch, und mit eins, so hat er einen
Haufen Nebel im Zimmer, daß einer auf dem Wolkenmantel könnt gen Himmel
fahren. Aber heute haben die Frühnebel keinen weiten Weg, drum gehen
sie langsam. Steht auch kein Wind dahinter, der einen Regen hineinjagt
oder sie mit Eisnadeln sticht: heute früh sind sie an Ort und Stelle
und brauchen fei nur niederzusitzen ins Herbstgras oder in das Grün des
Bergwalds. Dort wird ein Tau daraus, Millionen Spiegel, in deren jeden
hernach die Frau Sonne schauen wird.«
Ueberdem steigt der Zachenhesselhans vom Strohsack in die Lederhosen,
zieht sich den Gürtel über den Hüften zusammen und bindet die Riemlein
über den Knöcheln.
Die Holzstiege in den Flur hinab knarrt unter seinen Tritten und das
Brunnenwasser raucht in den grauen Herbstmorgen hinein als hätt's über
einem Feuer gestanden im Berg.
Wie der Zachenhesselhans die Augen sich blank geputzt hat am Brunnen
und mit den hohlen Händen die Flut über das Gesicht sich gegossen,
richtet er sich das Pfeiflein zurecht -- weil die ganze Welt raucht in
dieser Frühe, so will auch der Zachenhesselhans rauchen. Und dann: in
fünf Minuten raucht der Schornstein vom Zechenhäusl, raucht auch bald
das Morgensüpplein auf dem Tische.
Die Uhr ruft sechs Uhr. Da muß der Tag den Sonnenschild heraushängen
über dem Keilberg.
So wird der Zachenhesselhans nachschauen, ob nicht schon ein Feuer
glimmt hinter dem Wolkenvorhang. Auch das Häcklein nimmt er mit, falls
unter dem Rohr, das sein Wasser über die Halden taut, etwa wieder ein
fürwitzig Brünnlein in den Tag rinnt, das seinen eignen Weg in die Welt
laufen will.
So stapft er hin.
Keine zwei Rehsprünge weit kann einer schauen.
Da kommt ein Poltern die Halde herein -- ist aber nicht die wilde Jagd,
die sich versäumt hat. Das ist der Sechzehnender, der in der Dämmerung
immer auf den Hau beim Zechenhaus heraustritt. Sind drei Kühe heut
hinter ihm drein, und weil sie den Zachenhesselhans haben an einen
Stein schlagen hören, sind sie flüchtig. --
Auf der Unruh sagt die Resl: der Helari ist auf den Erdäpfelacker.
So geht der Zachenhesselhans auf den Acker. Wie ein Schatten steht
der Helari gebückt im halbgrünen Kartoffelkraut und wühlt die kalte
morgenfeuchte Erde.
»Nun, wie steht's mit den Erdäpfeln, Helari?«
»Na, so-so.«
»Fei gut ist's dasmal!«
»Na, ja. Aber wieder auch nit.«
»Hui,« macht der Hans, »warum meinst denn?«
»Werden halt nit viel sein für die Schweine.«
»Welche meint denn der Helari damit?«
»Die kleinen.«
»Jetzt -- die Säue vom Helari werden auch fertig werden mit den großen.«
»Was die großen sind, die essen sie auf der Unruh selber.«
Der Zachenhesselhans hebt wieder sein Lachen an -- jetzt: wenn die
Sonne _darüber_ nicht aufwacht!
»Schau, schau, Helari! Auf so was hab ich gedenkt, darum hab ich
fei so viel dumm gefragt. Und der Helari ist justament auch auf dem
Zachenhesselhans seinen Leim gekrochen. Weil Du's ihm nun aber einmal
verraten hast: Helari, zum verwundern ist's nit, daß nun auch die
Bauern nichts mehr wissen mögen vom Herrgott, wenn er ihnen solche
Sachen zurecht macht. Laßt der Herrgott dasmal rein nur große Erdäpfel
wachsen und keine kleinen dabei für die Schweine! 's ist doch nicht
zum glauben! Und dabei soll einer nicht meinen: jetzt -- auch der
Herrgott hat rein den Verstand verloren! Helari, 's hörts niemand auf
den Augenblick und auch die Sonne guckt noch nit: wenn Dir der Herrgott
einmal ein silbernes Kraut auf die Felder stellete und goldene Erdäpfel
unten daranhing, und just _Dir_ allein -- weißt Du, was Dir darüber
einfiel, Helari? 's ist rein nit mehr zum aushalten, dächtst Du, jetzt
haben weder die Menschen, noch die Schweine auf der Unruh Erdäpfel für
den Winter. Wenn's dem Herrgott einmal glückt, daß ers einem Bauern
rechtmacht, nachher, Helari, -- ein ganzes Faßl süßen Ungar geb ich zum
besten.«
Die letzten Worte laufen so aus dem Nebel herüber und können sich durch
die Dickte kaum finden bis dorthin, wo der Mann von der Unruh die
großen Erdäpfel kummervoll aus dem Erdreich kratzt.
Auf den Halden ist ein Glucksen und Klingen vom Bergwasser, daß --
wenn's jetzt der Sonne einfällt, über den Wald zu schauen -- ein
rinnendes Gold im Grase wär. Der Hans-Tonl müßt' seine Freude haben
daran!
Aber der Hans-Tonl guckt noch nicht heraus diesen Morgen -- ist ein
Vorhang rings um die Höll, so dicht, daß man meint: kein Rufen fände
sich hindurch.
Wie der Zachenhesselhans wieder dorthin schaut, wo er die Sonne auf dem
Wege vermutet, da ist das Feuer aufgegangen über dem Berg. Ein Wind
läuft vor dem Glühen über den Wald herein, bläst dem Alten das Jöpplein
mit den Harzflecken über der Brust auseinander -- aber: es ist noch
ein Knopf daran in der Mitte. Da muß der Wind, der so lustig mit den
Joppenzipfeln wehen wollte, sein Spiel lassen und muß die Frühnebel
durcheinander jagen oder das klingende Wasser den Hang hinunterblasen.
Dem Sonnenfeuer steigt der Hans entgegen.
Die Sonnenwirbelstraße ist schon ganz blank, und die Vogelbeerbäume
sind golden und geben einen Klang im Frühlicht. Und die
Sonnenwirbelhäuser schauen mit goldenen Fensteraugen in die Welt. Aber
unten in den Tälern spinnen die Nebel, weiß, dicht, und rinnen goldene
und purpurrote Ströme hinein. Und immer schwerer wird ihnen das blanke
Leuchten, das darauffällt. Die Spinnennetze am Schwarzbeerkraut sind
aus silbernen Fäden gezogen und hängen zitternde Perlen und glänzende
Demanten darin.
Aus den Wäldern rufen die Häher. Unter dem blauen Himmel kreisen die
Falken. Und ein Dampfen ist aus den Tälern herauf.
Aber der Helari von der Unruh steckt noch im Grau, das die Nacht auf
das Land gelegt. Und auch um die Höll hat die Sonne das Vorhänglein
noch gelassen. Es kann kein Wind dahinein, der's wegbläst, denkt der
Zachenhesselhans, und seine Augen sind blank wie die Tropfen im Gras.
»Auch auf dem Sonnenwirbel sind sie schon hinaus in die Erdäpfel.
Was so ein verflogener Schnee die Leute lebendig macht!« sagt der
Zachenhesselhans; denn die Türen an den Sonnenwirbelhäusern sind
geschlossen.
»Jetzt -- so werden wir heute noch einen Feiertag machen,« fährt der
Alte fort, »das Vorhängl drunten ist fei immer noch zugezogen.«
Ueberdem schlendert der Hans die Halde hinab, lauscht im Gehen auf das
schwätzende klingende Rillern des Quells, dem er den Weg ins Licht
gebahnt hat und biegt auf den Hau ein, welcher bis hinab zum Zechenhaus
führt. Die Hühner ziehen die Beine hoch im morgentauigen Gras. Zwischen
drei Halmen und zwischen allen Stauden am Pfad sind die funkelnden
Spinnennetze gespannt, und Sonnenstrahlen hängen darin und lassen sich
in den schimmernden Schaukeln vom Morgenwinde wiegen.
Der Hahn steht mit hochgehobenem Kopf abseits und schaut nach dem
Zechenhaus. Er hat auch etwas zu _sagen_, und der Alte hört ihn
grollen. Ist auch eine Spur von Tritten quer durch den Tau gezogen; die
kommt aus den Fichten herüber. Was? und aus dem Schornstein geht noch
der Rauch von dem Feuer, das dem Hans seine Morgensuppe gekocht hat?
Wie der Zachenhesselhans auf den Steinfliesen vor dem Röhrtrog geht
-- eine goldene Tafel ist der Wasserspiegel, auf den der Quell in
silbernem Bogen fällt -- und wie er vor der Tür zum Hause steht, so
schreitet drinnen einer auf Nagelschuhen und tritt heraus in den Flur
und auf die Steinfließen.
»Grüß Gott, Zachenhesselhans,« sagt der Mann mit dem grünen Hut, an dem
hinten ein Birkhahnstoß sitzt.
»So bist früh durch den bleigrauen Morgen gestapft, Winterkathlfranz.«
»Daherauf findt einer schon,« sagt der andere. »Wenn so alle Türen
sperrangelweit aufstehen am Zechenhäusl und der Frühwind und die Nebel
hindurchlaufen, muß einer vermeinen: der Zachenhesselmann ist daheim.«
»Es ist meitag noch nit zugesperrt worden im Waldhäusl.«
»So bist halt nit ungehalten, daß ich mir hab einen Kaffee gemacht im
Ofen?«
»Nit im geringsten. Was bringst denn, Franzl?«
»Bringen tät ich fei nix. Mich selber, wenn Du willst.«
»Waas?« fragt der Alte und tritt näher an die Türschwelle.
»Einen Schuh länger bist, als der Hans und sagst: das is nix? Jetzt,
wie soll einer denn das verstehen: mich selber?«
»Weil ich roden geh' in den Wald und auch bald ein Holz rucken, so hab'
ich gemeint: aus dem Zechenhaus ist der Schmied-Seff-Pepp hinaus, so
wird der _Franz_ einen Platz haben. Ich tät Dir gern ein paar Kreuzer
zahlen die Zeit fürs Schlafen, Hans.«
»Wegen meiner, solang Du magst. Aber: wie kommt denn der Kathlfranz
dazu, Stöcke zu roden und ein Holz zu rucken? Ich mein', er hat zu
einer Kapelle »Tiroler Sänger« gezählt und ist weit fortgewesen von
hier?«
»Fei so viel Sehnen hat er gekriegt und heimgekommen ist er. -- Was
schaust einem denn da so fest in die Augen, Zachenhesselhans?«
»Du, Franzl, ein Sehnen ist Dir gekommen? Wonach denn, wenn einer
fragen darf?«
Der Zachenhesselhans schaut empor an dem braunen Gesellen, dem sich
das Bärtlein so keck über der Lippe kräuselt und dem die Augen so heiß
unter der Stirne hervorblitzen.
Aber der sucht etwas am Grund oder er hat halt eine Freud' an dem
zitternden Tau, der an dem Gras hängt, das zwischen den Fliesen
heraufschaut.
»Franzl, warum bist denn auf einmal fortgewesen vor zwei Jahren? Weil
die Winterkathl, was Deine Mutter is gewesen, gestorben ist? Sind Dir
nit die Förster auf den Fersen gewesen, Franzl?«
»Wer? Die Förster?«
»Freilich. 's is so geredet worden, besinn ich mich.«
»Is mir nit bekannt worden.«
»Weißt: wie _ich_ einmal bin jung gewesen,« -- der Zachenhesselhans
schaut sich um und spricht halblaut -- »da is das Wildern fei nit halb
so gefährlich gewesen. Jetzt -- seitdem so viel Heger und Grünröcke
im Wald sind, wie Bäume, da is das ein höllisch Spiel, Franzl! Und
gescheit wär's, Du tätest auf eine Ordnung in der Arbeit denken und auf
ein festes Taglohn.«
»Ging einer sonst roden und ein Holz rucken, Zachenhesselhans?«
Der Franzl hat etwas im Blick, wie wenn der Wind in ein Licht bläst,
denkt der Zachenhesselhans, geht in die Stube und schaut, während er
das Kästlein mit den Sämereien für die Zeisige vom Wandbrett nimmt und
den Vögeln das Futter einschüttet, in alle Winkel.
Es ist aber nichts da, was von dem Franzl herrührt, als ein Hücklein in
blauem Linnen.
Währenddem lehnt der Franz draußen am Türstein. Sein Jägerhut mit dem
Spielhahnstoß streift schier am oberen Querstein.
»Wie ein Tannenbaum ist der Franzl gewachsen,« sagt der
Zachenhesselhans und geht, Wasser im Röhrtrog zu schöpfen. »So kann er
auch eine Arbeit tun für zwei.«
[Illustration]
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