7. Kapitel.

Wie's den Schnee zusammen mit dem Regen in den halbgrünen Hafer aufs

Gebirg geworfen, hat der Pfarrer den Hans-Tonl und das Wawrl vom

Sonnenwirbel zusammengegeben.

In beiden Stuben haben sie gesessen. An diesem Tage konnten auch der

Seppl und das Harfenweibl nicht im ›Neuen Haus‹ aufspielen. Sie wurden

gebraucht im Sonnenwirbelhaus beim Tanzen.

Wie sie am Nachmittag die Halde hinabgezogen sind, hat der Bergwind

einen nassen Schnee dem Wawrl in das Myrtenkränzl getan, und weit

drunten im Land, wo der Rauch der Städte steigt, ist ein Strom Sonne

aus den Wolken in die Welt geflossen.

Das Harfenweibl, wie sie das sieht, hat dem Seppl einen Augenblick die

Hand losgelassen.

»Da schaut hin,« hats gerufen, »das ist fei eine gute Vorbedeutung.

Wenn's in die Brautkrone regnet und der Sonnenschein fallt hinein, da

gibts immer ein volles Kästlein in der Höll. Das Mehl im Katt wird nit

alle und dem Krüglein mag's nicht an Oel gebrechen.«

»Nur daß derselbige Sonnenschein ein Eichtl weit weg ist von der

Brautkrone,« sagt der Zachenhesselhans.

»Jetzt -- das Waldmannl find't fei immer etwas, das nit stimmt,« ruft

das Harfenweibl und wirft dem Zachenhesselhans einen Blick zu, der ihm

noch mancherlei klar macht.

Und wie sie miteinander vor das weiße Haus am Waldsaum kommen, schau'n

unter der Türschwelle drei Zipflein Rasen hervor, sind an dem oberen

Türbalken mit Kreide drei Kreuze gezogen.

»Schau, schau!« Der Zachenhesselhans hat auch _das_ wahrgenommen. »Da

hat einer heimlich den Hexen das Handwerk gelegt. 's ist eh keine

Gefahr! In der selbigen Höll hat fei nur der Herrgott mit seinen Engeln

etwas zu schaffen.«

Vom Wawrl erhält der Zachenhesselhans einen frohen Blick, weil er

solches gemeint hat.

Aber auch die Resl von der Unruh, die die Kreide und das Gras unter der

Türschwelle hat weihen lassen in der St. Annakirche zu Gottesgab vom

Priester, damit beides recht kräftig sei, bekommt ihren Dank vom Wawrl.

Die Gabi, die still vor dem Ofenloch kauert und ein prasselndes

Reisigfeuer hineingelegt hat, zerdrückt sich eine Träne im Auge:

sind zwanzig Jahre darüber hingegangen seit sie selber das Kränzl

hat getragen. Und nun schläft der Ihrige schon und fei ein so viel

grausames End' mußt er nehmen, der Hachtl!

Sieht's aber niemand, daß eine wehmütige Trauer um die Frau schleicht,

die jetzt ein kienig Stockholz in das knatternde Reisigfeuer wirft. Und

einen Topf stellt die Gabi über das Feuer mit dem Wasser zum Kaffee.

Mittlerweile hat der Zachenhesselhans dem Hans-Tonl seine Gitarre vom

Nagel genommen, und wie er probiert hat und die Wirbel geschraubt,

stimmt er einen ›Dreher‹ an. Das Harfenweibl und der Seppl fallen ein.

Jetzt -- wer tanzt denn den Dreher?

Der Wurzltonl hat die Resl, und der Helari, der ganz auf das schwarze

Kleid vergessen hat, das die Gabi trägt, holt sich die hinterm Ofen vor

und fängt mit ihr zu drehen an.

Aber die Freude kann nicht aufkommen in der Gabi. Da sagt sie:

»Wenn eins über die Vierzig hinaus ist, nachher ist's vorbei mit einem

Dreher.«

Aber dem Helari fällt schon das Fanele in den Arm. Das geht wie ein

Windwirbel im Ring, und die Lampe, die am kurzen Draht vom Balken

herabhängt, dreht mit im Zweitakt.

»Nun schau mir einer den Peterl an!« ruft der Zachenhesselhans über die

Gitarre herüber.

Aber der Peterl riskiert keinen Dreher mit dem Fanele und -- die

Mahm traut sich keinen mehr mit ihm. Wenn solch ein Bündel Jahre mit

herumgewirbelt sein will, da ist das zu schwer.

Kommt dem Peterl aber doch ein Zucken in das Herz, schier deucht ihm:

auch in die Beine. Aber der Peterl glaubt's nur dem Herzen und rückt

dem Zachenhesselhans an die Seite.

»Gib her die Gitarr und Du geh tanzen! Hernach: wenn der

Zachenhesselhans einen Dreher riskiert, wird der Peterl auch einen

wagen.«

Der Alte, der so vergnügt in den Tag schaut, wartet noch ein Eichtl.

»Bis der Helari nimmer schnaufen kann, Peterl,« sagt er. -- Und wie der

Helari sich wirbelig gedreht, ruft er:

»Komm her, Fanele! Machen wir einen!«

Jetzt: wenn die Leutln nicht so laut sein wollten, tät man die Flammen

im Ofen lachen hören.

So fängt der Zachenhesselhans zu tanzen an. Wie das Fanele merkt:

es wirbelt herum wie in den Armen eines Jungen, und wie ihm das

rote Röckl fliegt gleich einem Kreisel aus loderndem Feuer, tut der

Zachenhesselhans einen Juchezer, wie der Hans-Tonl, wenn er das Wawrl

auf der Bergwiese weiß.

»Leutln,« ruft er, »jetzt -- um vierzig Jahr rückwärts hab ich mich

getanzt, mitten hinein in die Jugendzeit! Und jetzt: machts einen

Stampfer, einen richtigen, zu sehen, ob's Häusl hält!«

So machen die drei auf der Ofenbank einen Stampfer, einen richtigen,

und der Zachenhesselhans und das Fanele auch, -- so einen, den sie

justament tanzen können auf den neuen Dielen in denen der Staub der

Zeit sich nicht eingenistet.

Und der Zachenhesselhans schlägt die Nagelköpflein seiner Schuhsohlen

alle hinein in den neuen Fußboden. Macht nix. Der Hans-Tonl heiratet

das Wawrl nur dies eine Mal. Heut muß alles hin sein, hin wie

gestern nacht die irdenen Töpfe, die sie haben zu Scherben geworfen

an dem Türstein vom Sonnenwirbelhaus, alles hin und wenn's selber die

Steifheit in den Beinen wär, mit der sich die sechzig Jährlein fei gar

so viel Mühe gegeben haben, daß sie die endlich doch zuwege gebracht.

Wie der Zachenhesselhans neben dem Fanele auf der braunen Bank sitzt,

die an der Wand hinläuft und ihm die Hand streichelt, die ihn den

langen Weg durch die vierzig Jahre zurückgeführt hat, lehnt das

Harfenweibl sein Saitenspiel an die Ofenbank.

»Jetzt,« ruft der Zachenhesselhans, »jetzt, Weibl, komm mit dem Teller!«

»Sag ich's nit: wenn dem Zachenhesselhans einmal kein G'spaßl mehr

einfallt, nachher: hadje, Du mein liebes Waldland, mit dem Hans vom

Zechenhaus ist's auf die Neige!«

»Justament is's dem Zachenhesselhans ernst mit dem Teller, Weibl, --

so komm! Ich hab für keinen zu spielen, Schindeln zu machen, Holz zu

rucken -- das Weibl aber sieht und schafft für zwei. Geh her, Weibl!

Jetzt: einen halben Gülden sollst haben, weil Du dem Zachenhesselhans

noch einmal hast auf die Beine geholfen, auf denen er voreh hat

gestanden. Einen halben Gülden für ein Stückl wiedergefundene Jugend --

das kunnt einer mit einem Tagelohn wahrlich nit zu teuer bezahlen.

Jetzt, da fällt mir ein -- paß auf, Helari, eingefallen is mir

eins! -- etwan ist eine Verwechslung mit den Beinen geschehen:

der Zachenhesselhans hat die jungen vom Peterl, und der Peterl

hat die steifen vom Hans. Haben vorhin beim Musikmachen so dicht

beieinandergesessen, die beiden.«

Nun, weil aller Augen auf den Peterl schauen und das Fanele heimlicher

Weis' in sein Nastüchl kichert -- es hat heute das aus der Lade

genommen, um das es sich die feine Spitze selber geklöppelt und das sie

seit der Firmung nimmermehr angerührt -- da fliegt dem Peterl ein Feuer

auf die Stirn.

So geht der Peterl aus der Stube, nach dem Wetter schauen, ob's noch

so verdrossen hinter dem Plessen heraufzieht wie am Nachmittag. Die

Erdäpfeln müssen dasmal sonst aus dem Schnee heraus, wenn der Winter

fei gar so eilig auf das Gebirg läuft.

Ueberdem haben der Peter Einräumer und der Wurzltonl den

weißgescheuerten Tisch wieder aus dem Flur in die Fensterecke gestellt,

und die Gabi, die heut die Hausfrau auf der Höll ist, trägt den Kuchen

herein und die Tassen.

»Mußt nit,« sagt die Mahm vom Sonnenwirbel, »mußt nit dem Peterl den

Tag verleiden, Zachenhesselhans! Der Peterl is ein anderer, weißt's eh.«

»Hm,« macht der Alte und in seinen Augen ist ein Glanz, fei so blank

wie das Feuer, das dem Fanele unter der Stirne brennt, »so werden wir

auch einmal nach dem Wetter schauen, Fanele.«

Weil der Zachenhesselhans auch noch mit den Augen etwas redet, das nur

das Fanele angeht, so schreiten sie mitsammen hinaus.

»Fanele, den Wind lassen wir wehen und den Schnee lassen wir schneien.

Was soll sich einer um Dinge grämen, in die der Herrgott sich hat

nimmer hineinreden lassen? Aber, Fanele, hör zu: Aus dem Peterl mußt

ein Bürschl machen! Auf dem Sonnenwirbel meinen sie, wenn sie ihn nur

auf der Welt haben, nachher -- ein Mensch wird schon aus ihm werden.

Oha, ein Mensch wohl, aber ein richtiger? Bis dahin hats gute Weg mit

dem Peterl. Fanele -- noch ein bißl da bleib -- Fanele: dem Bübl haben

sie fei nur das _Herz_ richtig gemacht. Aber den _Kopf_ da, den haben

sie ihm scheint's verhungern lassen. Was hat denn der Peterl gesagt zu

Dir?«

»Keine drei Wörtl haben wir geredet mitsammen, solang ich denken mag.«

»Ich, wenn ihn in die Hand nehm', fürcht mich, er kommt mir nimmer

wieder. Aber einer muß her neben die Mahm, die das Bübl mit Zucker und

Milch füttert. Er muß ein schwarzes Brot beißen lernen, der Peterl.«

»Was soll _ich_ denn dabei tun? Und warum just ich?«

»Hui, das sind zwei Fragen auf einmal! Was Du dabei tun sollst? Das

wirst Du fei selber wissen. Und warum justament Du? Weil Du von den

dreien eine bist, die von dem neuen Schlag sind, Fanele. Es muß ein

neues Leben her, ein Leben, das eine andere Zeit von uns daheroben

verlangen wird. Daheroben tun sie alles, ›weil's die Mahm fei aach a

su getan hat‹.

Am Sonnenwirbel: Eine Dorfgeschichte · 第 38 / 57 题