Wie's den Schnee zusammen mit dem Regen in den halbgrünen Hafer aufs
Gebirg geworfen, hat der Pfarrer den Hans-Tonl und das Wawrl vom
Sonnenwirbel zusammengegeben.
In beiden Stuben haben sie gesessen. An diesem Tage konnten auch der
Seppl und das Harfenweibl nicht im ›Neuen Haus‹ aufspielen. Sie wurden
gebraucht im Sonnenwirbelhaus beim Tanzen.
Wie sie am Nachmittag die Halde hinabgezogen sind, hat der Bergwind
einen nassen Schnee dem Wawrl in das Myrtenkränzl getan, und weit
drunten im Land, wo der Rauch der Städte steigt, ist ein Strom Sonne
aus den Wolken in die Welt geflossen.
Das Harfenweibl, wie sie das sieht, hat dem Seppl einen Augenblick die
Hand losgelassen.
»Da schaut hin,« hats gerufen, »das ist fei eine gute Vorbedeutung.
Wenn's in die Brautkrone regnet und der Sonnenschein fallt hinein, da
gibts immer ein volles Kästlein in der Höll. Das Mehl im Katt wird nit
alle und dem Krüglein mag's nicht an Oel gebrechen.«
»Nur daß derselbige Sonnenschein ein Eichtl weit weg ist von der
Brautkrone,« sagt der Zachenhesselhans.
»Jetzt -- das Waldmannl find't fei immer etwas, das nit stimmt,« ruft
das Harfenweibl und wirft dem Zachenhesselhans einen Blick zu, der ihm
noch mancherlei klar macht.
Und wie sie miteinander vor das weiße Haus am Waldsaum kommen, schau'n
unter der Türschwelle drei Zipflein Rasen hervor, sind an dem oberen
Türbalken mit Kreide drei Kreuze gezogen.
»Schau, schau!« Der Zachenhesselhans hat auch _das_ wahrgenommen. »Da
hat einer heimlich den Hexen das Handwerk gelegt. 's ist eh keine
Gefahr! In der selbigen Höll hat fei nur der Herrgott mit seinen Engeln
etwas zu schaffen.«
Vom Wawrl erhält der Zachenhesselhans einen frohen Blick, weil er
solches gemeint hat.
Aber auch die Resl von der Unruh, die die Kreide und das Gras unter der
Türschwelle hat weihen lassen in der St. Annakirche zu Gottesgab vom
Priester, damit beides recht kräftig sei, bekommt ihren Dank vom Wawrl.
Die Gabi, die still vor dem Ofenloch kauert und ein prasselndes
Reisigfeuer hineingelegt hat, zerdrückt sich eine Träne im Auge:
sind zwanzig Jahre darüber hingegangen seit sie selber das Kränzl
hat getragen. Und nun schläft der Ihrige schon und fei ein so viel
grausames End' mußt er nehmen, der Hachtl!
Sieht's aber niemand, daß eine wehmütige Trauer um die Frau schleicht,
die jetzt ein kienig Stockholz in das knatternde Reisigfeuer wirft. Und
einen Topf stellt die Gabi über das Feuer mit dem Wasser zum Kaffee.
Mittlerweile hat der Zachenhesselhans dem Hans-Tonl seine Gitarre vom
Nagel genommen, und wie er probiert hat und die Wirbel geschraubt,
stimmt er einen ›Dreher‹ an. Das Harfenweibl und der Seppl fallen ein.
Jetzt -- wer tanzt denn den Dreher?
Der Wurzltonl hat die Resl, und der Helari, der ganz auf das schwarze
Kleid vergessen hat, das die Gabi trägt, holt sich die hinterm Ofen vor
und fängt mit ihr zu drehen an.
Aber die Freude kann nicht aufkommen in der Gabi. Da sagt sie:
»Wenn eins über die Vierzig hinaus ist, nachher ist's vorbei mit einem
Dreher.«
Aber dem Helari fällt schon das Fanele in den Arm. Das geht wie ein
Windwirbel im Ring, und die Lampe, die am kurzen Draht vom Balken
herabhängt, dreht mit im Zweitakt.
»Nun schau mir einer den Peterl an!« ruft der Zachenhesselhans über die
Gitarre herüber.
Aber der Peterl riskiert keinen Dreher mit dem Fanele und -- die
Mahm traut sich keinen mehr mit ihm. Wenn solch ein Bündel Jahre mit
herumgewirbelt sein will, da ist das zu schwer.
Kommt dem Peterl aber doch ein Zucken in das Herz, schier deucht ihm:
auch in die Beine. Aber der Peterl glaubt's nur dem Herzen und rückt
dem Zachenhesselhans an die Seite.
»Gib her die Gitarr und Du geh tanzen! Hernach: wenn der
Zachenhesselhans einen Dreher riskiert, wird der Peterl auch einen
wagen.«
Der Alte, der so vergnügt in den Tag schaut, wartet noch ein Eichtl.
»Bis der Helari nimmer schnaufen kann, Peterl,« sagt er. -- Und wie der
Helari sich wirbelig gedreht, ruft er:
»Komm her, Fanele! Machen wir einen!«
Jetzt: wenn die Leutln nicht so laut sein wollten, tät man die Flammen
im Ofen lachen hören.
So fängt der Zachenhesselhans zu tanzen an. Wie das Fanele merkt:
es wirbelt herum wie in den Armen eines Jungen, und wie ihm das
rote Röckl fliegt gleich einem Kreisel aus loderndem Feuer, tut der
Zachenhesselhans einen Juchezer, wie der Hans-Tonl, wenn er das Wawrl
auf der Bergwiese weiß.
»Leutln,« ruft er, »jetzt -- um vierzig Jahr rückwärts hab ich mich
getanzt, mitten hinein in die Jugendzeit! Und jetzt: machts einen
Stampfer, einen richtigen, zu sehen, ob's Häusl hält!«
So machen die drei auf der Ofenbank einen Stampfer, einen richtigen,
und der Zachenhesselhans und das Fanele auch, -- so einen, den sie
justament tanzen können auf den neuen Dielen in denen der Staub der
Zeit sich nicht eingenistet.
Und der Zachenhesselhans schlägt die Nagelköpflein seiner Schuhsohlen
alle hinein in den neuen Fußboden. Macht nix. Der Hans-Tonl heiratet
das Wawrl nur dies eine Mal. Heut muß alles hin sein, hin wie
gestern nacht die irdenen Töpfe, die sie haben zu Scherben geworfen
an dem Türstein vom Sonnenwirbelhaus, alles hin und wenn's selber die
Steifheit in den Beinen wär, mit der sich die sechzig Jährlein fei gar
so viel Mühe gegeben haben, daß sie die endlich doch zuwege gebracht.
Wie der Zachenhesselhans neben dem Fanele auf der braunen Bank sitzt,
die an der Wand hinläuft und ihm die Hand streichelt, die ihn den
langen Weg durch die vierzig Jahre zurückgeführt hat, lehnt das
Harfenweibl sein Saitenspiel an die Ofenbank.
»Jetzt,« ruft der Zachenhesselhans, »jetzt, Weibl, komm mit dem Teller!«
»Sag ich's nit: wenn dem Zachenhesselhans einmal kein G'spaßl mehr
einfallt, nachher: hadje, Du mein liebes Waldland, mit dem Hans vom
Zechenhaus ist's auf die Neige!«
»Justament is's dem Zachenhesselhans ernst mit dem Teller, Weibl, --
so komm! Ich hab für keinen zu spielen, Schindeln zu machen, Holz zu
rucken -- das Weibl aber sieht und schafft für zwei. Geh her, Weibl!
Jetzt: einen halben Gülden sollst haben, weil Du dem Zachenhesselhans
noch einmal hast auf die Beine geholfen, auf denen er voreh hat
gestanden. Einen halben Gülden für ein Stückl wiedergefundene Jugend --
das kunnt einer mit einem Tagelohn wahrlich nit zu teuer bezahlen.
Jetzt, da fällt mir ein -- paß auf, Helari, eingefallen is mir
eins! -- etwan ist eine Verwechslung mit den Beinen geschehen:
der Zachenhesselhans hat die jungen vom Peterl, und der Peterl
hat die steifen vom Hans. Haben vorhin beim Musikmachen so dicht
beieinandergesessen, die beiden.«
Nun, weil aller Augen auf den Peterl schauen und das Fanele heimlicher
Weis' in sein Nastüchl kichert -- es hat heute das aus der Lade
genommen, um das es sich die feine Spitze selber geklöppelt und das sie
seit der Firmung nimmermehr angerührt -- da fliegt dem Peterl ein Feuer
auf die Stirn.
So geht der Peterl aus der Stube, nach dem Wetter schauen, ob's noch
so verdrossen hinter dem Plessen heraufzieht wie am Nachmittag. Die
Erdäpfeln müssen dasmal sonst aus dem Schnee heraus, wenn der Winter
fei gar so eilig auf das Gebirg läuft.
Ueberdem haben der Peter Einräumer und der Wurzltonl den
weißgescheuerten Tisch wieder aus dem Flur in die Fensterecke gestellt,
und die Gabi, die heut die Hausfrau auf der Höll ist, trägt den Kuchen
herein und die Tassen.
»Mußt nit,« sagt die Mahm vom Sonnenwirbel, »mußt nit dem Peterl den
Tag verleiden, Zachenhesselhans! Der Peterl is ein anderer, weißt's eh.«
»Hm,« macht der Alte und in seinen Augen ist ein Glanz, fei so blank
wie das Feuer, das dem Fanele unter der Stirne brennt, »so werden wir
auch einmal nach dem Wetter schauen, Fanele.«
Weil der Zachenhesselhans auch noch mit den Augen etwas redet, das nur
das Fanele angeht, so schreiten sie mitsammen hinaus.
»Fanele, den Wind lassen wir wehen und den Schnee lassen wir schneien.
Was soll sich einer um Dinge grämen, in die der Herrgott sich hat
nimmer hineinreden lassen? Aber, Fanele, hör zu: Aus dem Peterl mußt
ein Bürschl machen! Auf dem Sonnenwirbel meinen sie, wenn sie ihn nur
auf der Welt haben, nachher -- ein Mensch wird schon aus ihm werden.
Oha, ein Mensch wohl, aber ein richtiger? Bis dahin hats gute Weg mit
dem Peterl. Fanele -- noch ein bißl da bleib -- Fanele: dem Bübl haben
sie fei nur das _Herz_ richtig gemacht. Aber den _Kopf_ da, den haben
sie ihm scheint's verhungern lassen. Was hat denn der Peterl gesagt zu
Dir?«
»Keine drei Wörtl haben wir geredet mitsammen, solang ich denken mag.«
»Ich, wenn ihn in die Hand nehm', fürcht mich, er kommt mir nimmer
wieder. Aber einer muß her neben die Mahm, die das Bübl mit Zucker und
Milch füttert. Er muß ein schwarzes Brot beißen lernen, der Peterl.«
»Was soll _ich_ denn dabei tun? Und warum just ich?«
»Hui, das sind zwei Fragen auf einmal! Was Du dabei tun sollst? Das
wirst Du fei selber wissen. Und warum justament Du? Weil Du von den
dreien eine bist, die von dem neuen Schlag sind, Fanele. Es muß ein
neues Leben her, ein Leben, das eine andere Zeit von uns daheroben
verlangen wird. Daheroben tun sie alles, ›weil's die Mahm fei aach a
su getan hat‹.