Na, Helari, was denkst nun?«

Da geht ein Zucken um den Mund vom Helari und ein Glänzen in seine

Augen:

»Wenn Eure Sach gut is,« sagt er, »so wird der Helari im andern Jahr

von Eurem Wasser ein Bächl sich herüberleiten auf das Seinige.«

»Jetzt -- über den Wasserzins, Helari, wirst reden mit dem Hans-Tonl,

gelt?« --

Wie der Augustmonat den wenigen Kornbreiten des Gebirgs reife Aehren

brachte, war man daran, auf die meterdicken Umfassungsmauern den

Holzbau zu setzen.

Mit einer Kraxen trug der Mann aus dem Zechenhaus auf dem Rücken die

Schindeln herüber, die er die Sommerwochen hindurch fertiggestellt

hatte. Und wie der September die weißen Seidenfäden in die glasklare

Herbstluft warf und an den Fichtenwipfeln aufhißte -- Siegesfahnen,

die hinter dem scheidenden Sommer dreinwehten -- hing er sie auch an

den First des neuen Hauses auf der Halde.

Der Zachenhesselhans fügte die letzten Schindeln am First ein, -- wie

ein Reiter saß er droben -- und der Hans-Tonl höhlte die Traufe, die

den Regen am unteren Dachrande hinleiten sollte.

Das Brünnlein, das sie vor dem Hause gesucht, plätscherte in die

Fassung, die seit drei Tagen aufgestellt war; und die Sonne und der

Wind liefen gemeinsam durch die Höhlen der Türen und Fenster. Sie

hatten Arbeit im Haus.

»Hans-Tonl,« rief der Zachenhesselhans von der Höhe herunter,

»Hans-Tonl, hast fei schon auf einen Namen gedacht für das neue

Waldhäusl?«

Der Hans-Tonl hielt einen Augenblick in der Arbeit inne.

»Einen Namen?«

»Wir haben einen ›Sonnenwirbel‹; das ist fei der Anfang gewesen,

und darum heißt's nach ihm daherum, und darum zeichnen sie die zwei

Häusln sogar hinauf auf die Landkarten. Wir haben eine ›Unruh‹, ein

›Zechenhäusl‹ und ein ›Stachelschwein‹; wir haben auch einen ›Kalten

Winter‹. Jeder Name hat eine Bedeutung, Hans-Tonl. Die kennen wir. Sie

sagen: ›Am Sonnenwirbel‹ nenneten sie's droben, weil dort der Frühwind

wirbelnd das Sonnenfeuer anbläst. Is gut, Hans-Tonl. Ich mein' aber

auch, der Name könnt von dem Bergwasser kommen, das drüber an dem

Stein herniederkreiselt und in das den ganzen Tag ein Licht fällt,

daß ein funkelndes Gold dort aus dem Gestein wirbelt, blanker wie der

Sonnenschein.

Die ›Unruh‹ heißen sie das Häusl, weil jenesmal, wie ich noch ein Bübl

war, Bergleute darinnen gehaust haben, die jede Stunde der Nacht von

dort auf die Schicht gegangen sind und fei keine zwei Stunden Ruh ist

gewesen im Haldenhäusl.

Das ›Zechenhäusl‹ hat seinen Namen auch noch aus derselbigen Zeit: sie

haben darin die Gezähe (Werkzeuge) aufbewahrt. Na, und ›Stachelschwein‹

und ›Kalter Winter‹, -- die Namen haben auch ihren Sinn.

Nu aber das Deinige, Hans-Tonl.

Weil wir keine Zahlen haben an den Häusern, die so nüchtern sind und

die wir darum den Stadtleuten lassen, so müssen wir daheroben einen

Namen suchen fürs Häusl. Bei jedem Schindlein, das ich hab eingedeckt,

hab ich darauf gedacht: 's ist mir aber fei bei keinem etwas

eingefallen. Und ist mir doch das Pfeifl zehnmal darüber kalt geworden.

Da wird der Hans-Tonl helfen müssen. Und morgen will ich auch auf das

Brünnlein denken, Hans-Tonl.«

Der Zachenhesselhans fügte die letzte Schindel ein.

»Ein ›Walt's Gott‹ geb ich Dir mit auf den Weg,« sagt er. »Mit einem

›Walt's Gott‹ hab ich die erste über den Dachrand gehängt -- 's

mag heißen: sollt noch daheroben sein alle miteinander, wenn's dem

Herrgott gefällt, das Lebensbüchl vom Zachenhesselhans dermaleinst

zuzuschlagen.«

Dann steigt der Alte die Sprossen der Leiter, die quer über dem neuen

Dach liegt, herab, steigt herunter bis wo der Hans-Tonl auf der

Schnitzbank sitzt und sagt:

»Ein Pfeifl will ich mir noch antun, und dann, mein' ich, wir zwei

legen die Traufe hinauf auf die Zähne. Oder: ich will die Leiter erst

herabnehmen vom Dach.«

Der Zachenhesselhans bindet die Leiter, die zum First führt, los und

lehnt sie an die Ecke des Hauses. Dann heben die Männer die Holzrinne

hinauf unter den überstehenden Dachrand. Während der Hans-Tonl den

Dachkendel anzuschlagen beginnt und an den Schreiner denkt, der kommen

muß, die Fenster und Türen einzufügen, macht sich der Zachenhesselhans

auf den Weg gegen die Bergwiese.

Von Ferne sieht er schon: dem Wurzltonl seine Schwarze und die Rote

gehen weidend auf dem kurzen Gras. Aber der Roten hat das Wawrl das

Leitglöcklein um den Hals gehängt. Und der Klang der Kuhglocke schwankt

über den herbstsonnigen Berg, über den keine Schwalbe mehr fliegt,

schwankt dahin und dorthin, als ging er den Sommer suchen.

Wie der Zachenhesselhans so Schritt vor Schritt die Halde emporsteigt,

die Holzpantoffel in die Hand nimmt, weil er denkt: es ist wieder

so goldglatt im Gras, und wie er seine Gedanken dem halbverträumten

Glockenklange nachschickt, der auf der Weide umhergeht -- da fährt

ein blaues Päcklein mit einem schwarzen Schopf auf dem Grase talein

und dicht an ihm hernieder. Wie er herumspringt, um dem wilden Ding

nachzuschauen, tut das einen Fall und kugelt drei Mannslängen den Berg

hinein.

»Jetzt, wenn das ein Lebendiges ist -- hat das den Hals und die Glieder

gebrochen.«

Und ein Lebendiges ist es; denn im Bogen über das blaue Päcklein

hinweg fliegt ein Holzpantoffel und bleibt im Grase liegen. Da kommt

schon ein Lachen den Hang herauf, daß droben die Kühe die Köpfe heben

und schauen, was denn da vorgeht. Und im Bergwald wacht das Echo auf,

das seit dem letzten Wetter so fest geschlafen hat, und wirft das

schallende Lachen wieder heraus auf die Berghalde.

»Fei bloß bis dorthin hast gewollt, Fanele? Ich denk, Du bist auf der

Fahrt in die Höll?«

»Wenn's beim Hans-Tonl seinem neuen Haus ›Die Hölle‹ heißt, dann wollt

ich justament in die Hölle fahren. 's muß einer doch nachschauen, wie's

steht daherunten.«

Wie das Fanele also geredet hat, hebt der Zachenhesselhans ein Lachen

an, das in alle Talmulden hineinrennt. Die Holzschuh wirft er auf das

Gras und schlägt sich mit den flachen Händen auf die Lederhosen, hinten

und auf den Schenkeln. -- Das Fanele steht steckensteif in der Sonne

und schaut gegen den Zachenhesselhans.

»Jetzt, bei dem Alten ist ein Rädl locker oder er ist ›tiefsinnig‹

geworden.«

Wie dem Zachenhesselhans über dem Lachen der Atem ausgegangen ist und

er wieder Luft schöpft, lacht das Echo im Wald immer noch weiter.

»Zachenhesselhans, jetzt hast den Widerhall im Wald so munter gemacht,

daß er fei nimmer zur Ruhe kommt.«

»Macht nix, Madl, so mag er dasein und den Leuten vom Waldland

erzählen: das ist dem Zachenhesselhans sein Lachen, das er gelacht hat,

wie das Fanele von der Unruh die Höll' entdeckt hat.«

Darauf überlegt sich das Fanele, ob sich's wieder das Röckl

zusammennehmen, auf die Fersen setzen und auf den glasglatten

Pantoffeln aus der Nähe des wildgewordenen Waldmannes fliehen soll.

Weil der sich aber ganz fromm in das Gras setzt und ihm so viel

lachender lieber Frohmut aus dem Herzen in die Augen fliegt, bleibt das

Fanele noch ein wenig stehen, ist aber fei immer auf dem Sprung und

denkt:

»Es muß einer doch noch ein bißl gucken! Die Sonn' wird's doch nicht

etwa gemacht haben, die mit dem Zachenhesselhans die Tage her so

viel heiß auf den Dachsparren gehockt hat, weil sie dort unten nicht

hineinlaufen kann in den finstern Wald?«

Wie es so gegen die Halde schaut, sieht das Fanele: der

Zachenhesselhans sitzt dort wie ein Mensch mit seinen fünf gesunden

Sinnen. Er legt die Holzschuh neben sich ins Gras, rückt sich die Kappe

ein wenig herein in die Stirn, damit die Sonne an dem Schirm abprallen

muß, und tut sein Lederbeutlein mit dem Tabak aus der Tasche. Nur ein

bißl stark schnaufen hört das Dirnl den Zachenhesselhans, just wie

einen von den Stadtleuten, wenn er die Halde emporgestiegen ist. Einer

aus dem Waldland schiebt sich fein gemessen empor und denkt bei jedem

Schritt: wer langsam geht, ist schneller oben. Das Schnaufen wird von

dem Lachen sein, das gar so viel laut gewesen ist, überlegt sich das

Fanele.

»Hat denn der Zachenhesselhans gar nichts zu reden heut? Er ist doch

sonst nicht verlegen um ein Wörtl.«

»Wird gleich kommen, 's muß sich einer nur erst ein bißl verschnaufen

und sein Pfeifl antun. So -- hmp, hmp, hmp.«

Jetzt: der Zachenhesselhans drückt das Schwefelholz justament wie sonst

mit dem Daumen und Zeigefinger aus, eh er das Stümplein ins Gras wirft.

So wird sich das Fanele auch nicht vor ihm zu fürchten haben.

»Madl, da geh her -- das müssen wir feiern mitsammen! Jetzt haben wir

fei auch eine ›Höll‹ am Sonnenwirbel. Alle Schindeln hab ich gefragt,

die ich auf die Sparren aufgedeckt hab, in den Wind hab ich gelauscht,

in die Sonne und in den Wald, was sie miteinander reden, um den Namen

für den Hans-Tonl sein Haus. Keins hat eine Antwort gewußt und zuletzt

auch nicht der Hans-Tonl selber, der nie um einen guten Rat verlegen

ist. Und jetzt -- da fährt das wilde Fanele den Berg herein und meint:

wenn's bei dem Hans-Tonl die ›Höll‹ heißt, so fahr ich justament hinab.

Blitzmadl, komm her ein bißl, darüber müssen wir reden mitsammen,

weil's gar so viel klug ist!«

Da steigt das Fanele wieder die Halde empor.

»Geh schau, gleich ist auch der Wind da, wenn er das Fanele merkt,

und hilft ihm heraufsteigen. Er lehnt sich von rückwärts gegen das

Dirnlein.«

Das sagt der Zachenhesselhans, weil er sieht, wie der Wind dem Mädl

den blauen Rock so nach vorn weht. Und der Wind bringt auch den Schall

herauf vom Waldrand, wo der Hans-Tonl den Dachkendel festnagelt.

»Die ›Höll‹ heißt's von heut an beim Hans-Tonl, die ›Höll‹. Justament

nicht jene, Madl, von der sie sagen, daß der Teufel tät einheizen --

bewahre mich Gott! Dieselbig Höll kennen wir nicht im Waldland, von

der wollen wir nix wissen und die brauchen wir nicht daheroben; denn

wir sind fei so nah beim Himmel am Sonnenwirbel, daß wir, haben wir

eine Lust davonzugehen, den nahen Weg dahinauf nehmen, gelt, Madl? Aber

weil sie nun einmal sagen, es tät ein dämisches Feuer lodern in dieser

Höll, so -- weil wir woltern lustig sind auf das Stündl -- können wir

justament damit anfangen: ein Feuer brennt den Sommer hindurch dort

im Talgrund, in den kein Wind hinabsteigt, und die Luft flackert wie

leibhaftiger Höllenbrand. Stellen sich dort auch die Fichten der Sonne

entgegen und fassen sich an den Händen, um ihr den Eingang zu wehren in

die Harzkühle des Waldes. Darum könnt' man's heißen: die Höll'.

Aber das Richtige kommt erst, Madl! Einen Kachelofen hat der Hans-Tonl

in die Stube gesetzt -- so gewaltig, wie nur mein Großvater einen

gehabt hat und wie sie ihn fei gar nit mehr mögen im Waldland seit die

›Kultur‹ in der Welt ist. Und weil nun einmal der Kachelofen da ist,

hat der Hans-Tonl auch um eine Höll Sorge getragen -- Madl, das ist die

richtige: groß wie dem Zachenhesselhans sei Stübl! Der Hans-Tonl meint,

wenn er so auf das Denken aus ist und ihm ein neues Lied im Herzen

und eine neue Weis' in den Ohren klingt, dort hinter dem Ofen in der

Höll, dort werden derlei Sachen erst recht reif. Und weil er justament

auf eine feine Höll genau so viel bedacht ist gewesen beim Bau wie

auf einen feinen Kuhstall, so ist der Name, den das Fanele bei seiner

Talfahrt hat ausgedacht, justament so viel schön für das ganze Häusl.

Seit das Fanele auf der Welt ist, wissen sie im Waldland schier nimmer

was das is: eine richtige Höll. Das ist ein Platzl im Haus, wie's kein

besseres gibt. Alle Gemütlichkeit ist in einer richtigen Höll -- und

alle Freude, die der Herrgott für die Waldleute aufgespart hat, dort

packt er sie ihnen aus; und wenn sie in der Höll liegen oder sitzen,

die vom Wald -- der Herrgott und seine lieben Englein sind dann mitten

unter ihnen. Darum ist der Hans-Tonl fei auch bedacht gewesen auf die

Höll. Und »_Die Höll_« solls bei ihm heißen: es ist das allerschönste

Häusl im Waldland. Das Wawrl singt darin, der Hans-Tonl denkt auf seine

Waldlieder und der Zachenhesselhans tut auch sein Teil dabei. Madl,

nun laß bloß einen Winter hergehen übers Gebirg, so einen, in dem der

Schnee bis ans Dachrandl liegt und der die Fenster zusetzt von außen,

weil sie drinnen ja doch ein Tranlämplein haben zum anstecken -- Madl,

das gibt ein Zusammensein in dem Hans-Tonl seiner Höll, bei dem einer

sich fei nicht bloß die steifen Glieder, sondern auch das Herz wieder

richtig warm machen kann. Jetzt geh und fahr in die Höll, Madl!«

Das Fanele tut einen Lacher.

»So denkt der Zachenhesselhans, ich rutsch ihm was vor da den

Berg hinein? Nein, nein,« sagt das Mädl, »das gibt's nicht,

Zachenhesselhans; ich hab mich vorhin schon so viel geschämt, weil ich

dem Hans schier zwischen den Beinen durchgefluscht bin. So was macht

das Fanele halt bloß, wenn's ganz allein ist mit sich und dem Bergwind.

Die zwei, die verlustieren sich mitunter ein bißl, aber vor den Leuten

auf dem Seil tanzen -- so weit hat's das Fanele fei noch nit gebracht,

Zachenhesselhans.«

»Tschapperl, das Du bist,« lacht der Alte.

Aber das Mädl bückt sich, nimmt die Pantinen in die Hand -- hopp, hopp

springt's den Berg hinein und der Wind immer mit und zaust ihm das

nußbraune Haar und bläst ihm ins Röcklein.

»So sag auch dem Hans-Tonl, warum's bei ihm fortan ›die Höll‹ heißt,«

ruft der Zachenhesselhans dem Dirnlein nach.

Da springt sie mit ihren siebzehn Jahren die Halde hinein. -- »Der

Wind mag fei Müh haben, mit dem fixen Dirnl zu wettrennen,« sagt der

Zachenhesselhans und entdeckt gar nicht: der Wind läuft ja den Berg

herauf.

Auf der Unruh nimmt der Zachenhesselhans auf eine halbe Pfeif Tobak

Einstand.

»Jetzt -- mein Häcklein hab ich daheim bei der Tür lehnen lassen,« sagt

der Hans zum Fenster hinein.

»Willst auf das Wasser gehn, das sich der Helari will ausborgen aufs

Vörjahr vom Tonl?« fragt die Resl zum Fenster heraus.

Sie sitzt auf der Ofenbank und schlürft aus dem Töpflein den

Nachmittagskaffee, stippt auch ein Rindl schwarzes Brot hinein.

»Freilich freilich,« meint der Zachenhesselhans, »'s bläst uns sonst

noch einen Septemberschnee in die Arbeit. Der Helari ist nicht daheim?«

»Is Korn hauen ein Restl bei dem ›Kalten Winter‹.«

»Jetzt im Septemberanfang hauen sie ein Korn auf dem Waldgebirg.«

»Ist eh früh genung, wenn ein Herbst ist, wie dasmal.«

»Die Resl hat recht. Weißt auch, wie sie's beim Hans-Tonl nennen?«

»Fei nit.«

»So laß Dir's von dem Fanele sagen. Und ich hol mir das Häckl. B'hüt

Gott, Resl.«

Der Zachenhesselhans geht vor das Haus; da lehnt ja das Häcklein am

Gartenstaket! Die Resl hat die Erdäpfel gehackt und da ist die Zeit zum

Kaffee gekommen. Wenn aber die Zeit zum Kaffee ist, kann einer nicht

mehr häckeln in den Erdäpfeln.

»So leihen wir uns das müßige Häcklein ein wenig aus und gehen damit

auf die Grashalde über der Unruh und pochen mit dem Häcklein da und

dort einmal an die Steile, ob ein Wasser heraus will.«

Der Wind ist eh früh schlafen gegangen; es ist kein Lüftlein mehr

lebendig in diesem Tale. Solange sich der Zachenhesselhans besinnen

kann, so ein Sommer ist fei noch gar nit gewesen auf dem Gebirg. Wenns

Rosen hätt' im Waldland, die könnten in dem Jahre blühen daheroben,

und wenn's Fruchtbäume hätt', etwa Aepfel und Birnen, so könnten die

am End' einmal ein Obst zuweg bringen. Die Kirschen nit -- auch nit in

solchem Bergsonnenschein. Aber: einen Holzapfel -- wenn einer jung wär:

probieren müßt' man's schon einmal, denkt der Hans vom Zechenhaus.

Wie er über die Halde kommt, richten die bunten Kühe die Köpfe in die

Höhe, neigen sie aber gleich wieder -- »das ist der Zachenhesselhans,

den kennen wir,« sagt der Alte zu den Kühen.

Und nun schwanken wieder die weichen Glockenklänge durch die sonnige

Bergeinsamkeit -- ganz träumerisch und ganz langsam: sind wohl die

seidenen Septemberfäden, die so lautlos durch das Gold des Herbstes

schwimmen und die Glockenklänge ganz leise einspinnen.

Jetzt -- der Zachenhesselhans steht kerzengrad im Licht und stemmt sich

aufs Häcklein.

»Da läuft der Abflußgraben vom Sonnenwirbel herein, der das

Wetterwasser leitet. Das ist die Grenze vom Wurzltonl seinem und von

dem Helari seinem Gras. Und dort ist's, wo die Berglehne die Steinnase

hat. Ist ein wenig Strauchwerk darum und was denn noch?«

Der Zachenhesselhans geht mit Meterschritten hinüber zu dem Stein, der

aus dem Gras springt.

»Wenn hier ein Wasser wär' -- auf siebzehn Meter könnt einer

einen Graben hinüberziehen bis zum Abfluß. Wo der in die Schleuse

hineinrinnt, müßt ein Schützen stehen. Ist der herunter, so läuft das

Bergwasser breit und dünn über die ganze Lehne.

Aber: was steht denn da? Heide? Die blüht dasmal bis an die Spitzen

hinan, ganze Reihen roter Perlen hat sie angesetzt, die Heide. Das

gibt fei einen kalten Winter, sagen die Leute. Und da is ja auch die

Trunkelbeere heimisch worden.«

Der Zachenhesselhans legt den Finger an die Nase.

»Die nennen sie auch die Sumpfheidelbeere. Wenn der Name, den die

Gelehrten gefunden, diesmal nicht dumm ist, so müßt' hier ein Wasser

stecken im Stein.«

Der Zachenhesselhans räumt mit dem Häcklein das Trunkelbeergebüsch fort.

Ein Falke schießt quer über die Grashalde, tief, fluchteilig. Die Kühe

schreiten, die kurzen Halme rupfend, an der Lehne hin.

Rechts von der Steinnase hat der Zachenhesselhans ein Häuflein

aufgeworfen und links auch eins. Der Stein unter der flachen Grasnarbe

ist verwittert; deshalb vermag ihn das Häcklein zu spalten. Wie der

Alte wuchtet und einen kopfgroßen Block aus dem Grund hebt, drängt sich

drunten ein Tropfen aus dem Spalt -- und noch einer.

Der Zachenhesselhans wartet -- da ist schon ein ganzes Näpflein voll

zusammengeronnen. »Hans-Tonl, wir haben ein Wasser!

Jetzt -- da muß einer mit der Spitzhacke in den Stein und einen Schacht

schlagen für die Röhre, die hineinkommt.« -- Mittlerweile hat das

Wässerlein im Stein einen handtellergroßen Spiegel bekommen. »Das ist

genug für das erste Mal. Morgen fragen wir noch einmal an.«

Nicht lange nachher hat der Zachenhesselhans auf dem Stachelschwein

mit dem Tonl geredet. Und jetzt, wie der blaue Duft des Abends über

dem Walde steht und die Nebelschwaden aus den Hauen lautlos und weiß

sich herausspinnen, hat der Alte einen mannslangen Fichtenstamm

zwischen Eisenklammern gelegt, die sich darein verbissen haben, daß der

Stämmling sich gar nicht mehr rühren kann, und macht sich daran, die

Röhre zu bohren.

Wie er schon fußtief hinein ist in den Stamm, kommt der Hans-Tonl vor

das Zechenhaus, das Werk anschauen. Und der Abend setzt sich still

neben die beiden.

Weil das heimliche Flüstern im Bergwald ist, und alles leiser wird,

wenn die Sonne fort ist und der rote Schein nur noch hinter dem Plessen

brennt, so sprechen auch die Männer gedämpft.

Von der Unruh herab kommt noch ein verlorener Klang einer Kuhglocke und

sucht, wo er schlafen kann.

[Illustration]

[Illustration]

Am Sonnenwirbel: Eine Dorfgeschichte · 第 37 / 57 题