Jetzt ist dem Zachenhesselhans der Grünetz zum Fenster hinausgeflogen!
Droben auf dem Fichtenast sitzt er, spaziert wie ein Seiltänzer gegen
die Astspitze, an der das halbgrüne Zäpflein sitzt, und hängt sich
daran. Er pocht ein wenig mit dem Schnabel -- ist aber noch kein Samen
darinnen, von dem sich ein Kreuzschnabel ein Frühstück machen könnt.
Der Zachenhesselhans, da er den Käfig leer findet, weil er das Stäbchen
nicht herabgeschoben, wie er den Vogel ein neues Wasser in die Schale
geben wollte, steht vor der Tür vom Zechenhaus.
»Jetzt -- da sitzt der Ausreißer und guckt sich die Welt an!«
Der Zachenhesselhans ist dabei, den Flüchtling mit guten Wörtlein
herunterzulocken, wie der Fuchs im Märchen den Hahn.
Aber der Grünetz pfeift dem Zachenhesselhans eins. Weil der Alte alle
Sprachen versteht, die um ihn herum gesprochen werden: die vom Wald,
die von den Vögeln, vom Wind und von den Gräsern, so weiß er, das, was
jetzt der Grünetz ihm gepfiffen hat, das heißt: Freundl, wir zwei, wir
kennen uns! Wir sind zwei Philosophen, Du und ich, und unsere beste
Weisheit ist: Leutln wie uns, kann's im Waldland nimmer schlecht gehen.
Weil der Grünetz so redet, und der Zachenhesselhans so sorglich drauf
hingehorcht hat, ist ihm sein Morgenpfeiflein zwischen den Zähnen
ausgegangen; er muß fei so still in den Fichtenwipfel schauen, von dem
das klingende Gold der Frühsonne tropft.
Da sieht er, wie der Vogel hinanflattert auf die äußerste Baumspitze.
Die ist ein wenig gebogen, weil sie just zu dünn ist für den schweren
Goldschmuck der Sonne, den jeder neue Tag daranhängt. Dort sitzt der
Grünetz, schaukelt im Licht und guckt sich sein Röckl an, hierhin und
dorthin.
Der Zachenhesselhans denkt: oha, ist etwan nicht alles in Ordnung?
Jetzt hebt der Grünetz an, das Röcklein auszubürsten. 's ist fei gar so
viel Staub gewesen im Hüttlein; da muß einer eine gründliche Säuberung
vornehmen mit dem Flaus.
Der Grünetz hat's gar nicht eilig. Er hält, wie er mit dem Ausputzen
fertig ist, erst eine Umschau im Waldland -- da ist er auf und davon ...
»Ich hab Dir fei immer ein schönes Fichtenzapfl in das Häusl gehängt,«
ruft ihm der Zachenhesselhans nach, »und nun tust mir das an und gehst
davon!«
Warum nun auf einmal auch das Pfeifl nicht mehr mittun mag? denkt der
Alte, wie er über die Schwelle zur Hütte geht. Er ritzt ein Zündholz
an, und wie's wieder raucht und der Deckel zugeschlagen ist am
Pfeifenkopf, nimmt der Zachenhesselhans das verwaiste Vogelhäuslein
vom Fensterstein und schüttet, was noch daringeblieben ist, in den
Morgenwind. Frischgrüne Fichtenreiser stecken daran.
Der Zachenhesselhans schaut bei dieser Gelegenheit noch einmal den
Waldrand ab -- nur die Sonne geht lautlos hindurch. Dann stellt er das
stille Vogelhaus auf das Wandbrett.
Währenddem sind draußen Schritte hörbar. 's kommt einer bis ans Fenster
und steckt den Kopf herein.
»Grüß Gott, Zachenhesselhans!«
»Grüß Gott. Was will denn der Helari?«
»Nachschau'n, ob der Herr vom Zechenhäusl heut gar nicht auf den Bau
kommen mag.«
»Wird eh noch werden heut,« sagt der, »'s ist fei einer waldfahren
gegangen, Helari, der ein Stückl von meinem Herzen mitgenommen hat.
Jetzt -- wer so etwas nicht gewöhnt ist ...«
»Der Zachenhesselhans führt eine tiefsinnige Red',« meint der Helari.
»Will's der Helari nit verstehen, so werd ich's ihm nit brauchen
zu erklären,« murmelt der Alte und guckt noch einmal die sechs
Zeisighäuslein ab. »So, ihr bleibts hübsch daheim! Der Hans geht jetzt,
dem Hans-Tonl das Haus mit bauen helfen.«
Die beiden gehen miteinander. Auf der Halde, die in einer sanften
Wölbung von oben in den Fichtenwald sich hereinschiebt, bleibt der
Zachenhesselhans stehen und schaut den Helari an. Zwischen den beiden
Männern und dem Zechenhaus ist jetzt ein schmaler Keil Wald, der in der
Talmulde bis da heraufgestiegen ist.
»Weißt Du, wie's heißt, wo wir jetzt stehen mitsammen, Helari?«
»Einen Namen wird ihm der Hans-Tonl geben müssen,« antwortet der Helari.
»Einen Namen hat der Hans vom Zechenhäusl justament gefunden: das
›_Stachelschwein_‹.«
»Waas?« fragt der Mann von der Unruh, »jetzt -- auch ein Stachelschwein
hätten wir?«
»Weil fei so viel Borsten daraufstehen,« hebt der Zachenhesselhans an.
»Ich hab mich meintag geärgert über das Stückl Land -- liegt faul
da wie ein Zigeuner. Ein lumpig bißl borstig Gras macht's in jedem
Sommer, und es könnt einer seinen Kopf wetten: es ist noch keine Sense
darübergegangen, seit sich's dahingelegt hat. Wenn einer doch einen
recht hundsmiserabligen Namen erdenken könnt für das bißl faules Land!
hab ich immer gedacht, wenn ich darüber bin. Und justament heut, wo mir
gleich früh der Grünetz is flöten gegangen ins Waldland, heut muß mir
das noch einfallen.
Darauf tu ich mir eins zugut, Freundl! Seitdem ich weiß, daß Menschen
in der Welt herumlaufen -- hat einer sogar gemeint: die meisten --
denen das ganze Leben lang nit das geringste bißl einfallt, seitdem,
Mannl, tu ich mir etwas zugut darauf. Ja, so sag einmal, Helari, is Dir
denn schon Deitag auch was eingefallen?«
»Ich könnt mich fei nit besinnen.«
»Was lachst denn hernach über das ›Stachelschwein‹?«
»Weil der Name halt so viel g'spaßig ist.«
»Soll er auch, Mannl! Jetzt schau her, weil wir jetzt wieder lehnein
gehen, kanns einer sehen: erkennst die Stacheln, Helari, die's in die
Welt schiebt?«
So schaut sich der Helari das Stachelschwein an.
Drüben auf dem Bau -- sie haben schon die Grundmauer heraus, denkt der
Zachenhesselhans -- schauen sie auch; wissen aber nicht, was da zu
sehen ist.
»Es ist nit um den Namen, Helari, und doch ist es wieder darum. Ich
freu mich, daß es just der ist. Das ist einer, auf den der Hans-Tonl
nit vergißt. Und das ist die Hauptsach': es ist ein Spott darin,
Helari. Wenn einer Dein Grasland ein ›Stachelschwein‹ nennete -- na,
Helari?«
»Da dächt ich: der Kerl is mir ein Richtiger und ließ ihn schimpfen.«
»Jetzt, der Helari gehört auch zu den vielen, denen nicht jeden
Tag etwas einfällt. Wenn ich der Helari wär, da tät ich sagen zum
Zachenhesselhans: Mannl, mit dem Spott im Namen, da hast wieder das
Richtige getroffen. Unter dem stacheligen Gras ist totes Land -- das
werden wir gleich lebendig machen. Wenn einer da im Herbst die Borsten
abhaut und dann mit einem guten Dünger darübergeht und über den dünnen
Neuschnee mit einem Faßl Jauche, dann Helari, sollst sehen, wie das in
der Frühlingssonne die Augen auftut und sich reckt. Da is's lebendig
worden, Mannl, mit einem Mal.
So hätten wir wieder eine Probe gemacht!
Na, Dich geht's dasmal nichts an, und wenn Dir nichts über dem
Stachelschwein eingefallen ist, so kann Dir das der Zachenhesselhans
zugute halten, weil das Stachelschwein nicht das Deinige ist.
Aber: die _richtige_ Probe, Helari, die machen wir jetzt mit dem
Hans-Tonl, der das Stachelschwein im Stall hat.«
»Der Helari ist verärgert, weil der Zachenhesselhans die Probe an ihm
gemacht hat, daß ihm nix einfallt,« sagt der Alte zum Hans-Tonl, wie
sie auf den Bau kommen.
»Verärgert?« lacht der Helari. »Fei nit, fei nit. Lustig is er, weil er
was neues weiß.«
»Was weißt denn?« fragt der Hans-Tonl.
»Ein Stachelschwein hast im Stall. Der Zachenhesselhans hat's entdeckt
und nimmt Dich darum so aufs Korn, Hans-Tonl.«
»Ein Stachelschwein?« fragt der Hans-Tonl. »_Ein_ Stachelschwein? Eins,
zwei, drei -- ihrer vier werden's fei sein,« sagt der Hans-Tonl.
»Aber das fetteste ist das da,« meint der Zachenhesselhans und deutet
auf die Halde mit dem borstigen Gras.
»Schaust, Helari, schaust, was der Hans-Tonl für einer ist? Wir zwei
mitsammen, wir werden die Borsten fei schon herunterkriegen im neuen
Jahr.«
»Im neuen Jahr, sagst?« fragt der Hans-Tonl. »Nein, Mannl, damit wird
schon angefangen, wenn wir Dich nit mehr auf dem Bau brauchen.«
»Hui,« macht der Zachenhesselhans, »wieso denn das?«
»Jetzt gib acht: Wo dem Helari sein Grasland vom Sonnenwirbel
herunterschneidet, läuft ein Abflußgraben die Halde herein und läuft in
den Wald.«
»Weiß ich.«
»Links von der Schleuse ist dem Wurzltonl sein Grasland. Und auf
demselbigen wird der Zachenhesselhans ein Wasser suchen.«
»Etwan mit der Wünschelrute?« fragt der Helari.
»Dummes Zeug,« sagt der Zachenhesselhans, »ein Waldleutl wird auch ohne
die Rute fei noch ein Wasser finden da auf dem Berg. Ebensogut, wie
der Helari vor der Unruh, wie ein jeder sein Wasser vor dem Haus hat,
ebensogut wird dort oben eins warten, daß es aus dem Stein herauskann,
gelt, Mannl?«
Der Helari sagt mit den Augen: so selbstverständlich, wie das der
Zachenhesselhans meint, sei das nun doch nicht.
»So werden wir eins suchen, ein Wasser. Und dann?«
»Na, Zachenhesselhans, siehst denn noch nichts?«
»Fei noch das Stachelschwein seh ich.«
»So werden wir das Brünnlein lassen laufen in den Abfluß. Aber der
Zachenhesselhans wird da einen Schützen in das Bergbächlein stellen
und dort einen, daß wir's dämmen können.«
»Helari, merkst was? Der Hans-Tonl will die Halden wässern.«
Der Helari hat sich in das Gras gesetzt, stützt das Kinn in die Hand
und schaut gegen den Sonnenwirbel.
»Der Helari sucht schon das Brünnl,« sagt der Zachenhesselhans.
»Und im Winter gibt's ein Eiskrüstlein. Läuft darüber wieder ein
Wasser. Der Abflußgraben ist ausgefroren. So läuft das Eis auf die
Wiesen und vom Ausgang Oktober bis in den halben April oder bis in den
Maianfang haben wir was ganz neues im Waldland: einen großmächtigen
Gletscher, so groß, daß die Spitzen der Waldbäume nicht mehr
darüberschauen können.«
»Da hat nun wieder der Helari recht.«
»Jetzt -- dem Helari ist etwas eingefallen! Aber halt: so werden wir
einen Stamm bohren und das Brünnlein durch das Rohr in die Welt laufen
lassen. Und wenn die Sonne tot ist, da setzen wir dem Rohr einen Spund
auf, so ist's aus mit dem Wasser. Und kommt die Sonne, lassen wir das
Sonnenwirbelwasser wieder hineinlaufen in das warme Licht. So -- _die_
Sach' ist fertig, denk ich.« --
»Hans-Tonl,« sagt der Zachenhesselhans, wie er den Helari eine Weile
angeschaut hat, »ich glaub', dem Helari will fei noch eins einfallen.
Verzieh ein bißl! Na, Helari?«
»Und wenn das Wasser den Berg herunter breit über die Halden läuft,
werden auch bald die Wände anfangen zu laufen im Hans-Tonl seinem Haus,
das sie neben dem Stachelschwein aufstellen.«
»Helari, fei recht hast,« sagt der Hans-Tonl.
»'s sind alles Sachen, denen einer beikommen kann; aber recht hat
er schon, der Helari, dasmal. So muß das Wasser, das über die Halde
herabschwimmt, hinter dem Haus wieder in einem Quergraben gefangen
und einer links, einer rechts um das Haus geleitet werden. Und der
linke, von obenher gesehen, der bringt das Wasser zum Saufen für das
Stachelschwein.