Der Wurzltonl meint: »Ich frag nur, weil das Wetter kommt.«

»Na, so wird er es wohl aufziehen sehen und wird sich heimfinden zur

rechten Zeit.«

»'s scheint, die Gabi hat's auch noch nicht rollen hören?«

»Fei nit,« sagt die Frau und fährt in die Jacke; denn sie hat vorhin

ein bißl durchs Fenster geschaut, um zu sehen, mit wem der Wurzltonl

eigentlich so eifrig zu reden hat. Jetzt tritt die Gabi heraus vor's

Häusl. Sie geht aber gleich wieder zurück in den Flur und tut die

Tür auf, die der ihren gegenüberliegt. Die führt in die Stube vom

Wurzltonl. »Franz!« ruft sie. Aber der Mann ist nicht drin.

»Franz?« fragt das Harfenweibl den Wurzltonl verwundert. »Schreibt sich

der Hachtl denn Franz?«

Der Wurzltonl nickt und lacht; dann sagt er halblaut: »Hachtl (Hecht)

heißen sie ihn doch nur wegen seiner scharfen Nasen, Weiberl.«

»Soo!« macht das Harfenweibl und schaut sich nach der Gabi um.

»Jetzt,« sagt die, »der Hachtl wird mir doch nicht zu einem Abendmahl

Blaubeeren in den Wald gelaufen sein? Wenn das Wetter kommt, läßt

sich's von denen im Wald nicht sehen und hören, bis es da ist.«

Weil die drei bei der Schwelle auf den Hachtl denken, und weil der

Peterl mit der Mahm vom ›kalten Winter‹ herauf über das Gras kommt,

vergessen sie ganz auf den Tonl und das Wawrl. Den beiden ist das fei

recht: ein bißl warm ist's schon im Heu, aber auch dämmerig und weich,

und ist ein süßer Duft darin. Und ist immer ein heimlich Flüstern,

jetzt -- man weiß nicht, ob der Tonl und das Wawrl sich etwas zu

sagen haben oder ob's justament nur die trockenen Hälmlein sind, die

miteinander reden und in denen noch der klingende Sonnenschein aus der

Sommerwelt rinnt.

Wie sie sich miteinander freuen über ein goldenes Band aus

Sonnenstrahlen gewebt, das durch ein Astloch in der Holzwand

hereinfällt und justament dem Wawrl auf die Schürze, rennt ein Wind

draußen ums Haus, so ein Vorreiter vom Wetter, legt die Spitzen seiner

Finger in die Ritzen der Tür und reißt die Tür auf. Der helle Tag läuft

herein in die Heukammer, und das Wawrl, das gerade seine Arme dem

Hans-Tonl um den Hals gelegt hat, schlägt die Arme herunter und die

Hände vors Gesicht, damit der Tag nicht sehen kann, wie's rot wird.

Der Hans-Tonl geht heraus in die Sonne, das Wawrl durch die andere Tür

aus der Heukammer in den Hausgang. Der Tonl läßt sich den Quell vom

Stein heraus über die heißen Arme laufen und taucht den Kopf in das

blanke Bergwasser. Das Wawrl geht und trägt ihm ein Leintuch hinaus.

Während der Tonl die Arme und das Gesicht sich trocken reibt, schaut

er auf und sieht, wie der Peter Einräumer die Straße herabkommt gegen

den Sonnenwirbel zu. Nicht wie ein anderer Mensch kommt er, nicht

wie einer, der die Mütze mit dem k. k. Adler nicht auf dem Kopf hat,

nämlich: indem er ein Bein vor das andere setzt und auf sein Ziel

zugeht, was nötig wär', weil das schwarze Meer zwischen Plessen und

Spitzberg schon gar so hochgeht.

Ein k. k. Einräumer, wie der Peter einer ist, geht auf einmal nur immer

von einem Vogelbeerbaum zum andern, läuft bald einmal hüben an der

Straße, bückt sich bald einmal drüben. Ueberall setzt er sein Häcklein

an, hackt die Baumscheiben locker, zieht die Abschläge aus. Und ist

noch irgendwo ein Loch am Straßenrand, wo ein Maulwurf heraus oder ein

Mäuslein hineingefahren: ein richtiger Einräumer zieht das Löchlein zu;

denn wenn das Wetter auf dem Sonnenwirbel darübergegangen, ist an der

Stelle, an der das Mauslöchlein im Straßenrand war, ein Brunnenloch

gerissen. So --, wenn einer meint, der Peter ist ja gleich daheim, zwei

Steinwürfe weit auf der Straße sieht man ihn ja schon hereingehen, da

ist er noch lange nicht auf dem Sonnenwirbel, sondern braucht fei noch

sein Stündlein.

Jetzt: wenn sie ihn nur sehen, -- 's ist bloß, weil das schwarze Meer

gar so gefährlich tut!

»Will denn das Harfenweibl das Gewitter auf dem Sonnenwirbel erleben?«

fragt der Wurzltonl. »Ich mein', das ›Neue Haus‹ läg ein wenig mehr im

Geschützten?«

»Is fei schon recht,« sagt darauf das Harfenweibl, »wenn einer nicht

so wackelig wär', ich lief noch hinüber. Aber -- man weiß nicht, wie's

Wetter heranfliegt, mit einem -- und es ist da. Wenn es mich auf dem

Weg überfiele -- 's wär' mein Tod.«

»'s is eh recht,« darauf der Wurzltonl, »hat auch noch nicht mit dem

Hans-Tonl reden können, das Harfenweibl! So mag das Wawrl heut Nacht

am Heu schlafen, weil der Tonl auch noch da ist, der ein Bett braucht;

denn leicht: der kann auch nicht auf ein Heimgehen denken heut und wir

alle nicht an ein Schlafen.«

Wie sie noch reden, ist der Hans-Tonl ein Stück über das Grasland

hingegangen bis an die Fichten, wo der Peter den Abschlag räumt. Der

Hans-Tonl hat ein Häcklein mitgenommen und denkt: wenn zwei sind,

dauert die Arbeit halb so lang.

Das schwarze Meer steigt, steigt.

Es schaut nur noch ein Spitzlein vom Spitzberg heraus. Und der Plessen

ist schon ganz drin ertrunken; nur seinen Turm streckt er noch wie

einen Finger in die Höhe.

Darauf hat das Wetter gewartet.

Schwarze Schlangen kriechen aus dem schwarzen Meer in die Täler,

kriechen über den Wald. Der Himmel darüber ist ganz aus Silber und

die Luft ist wie Bleiglanz. Die Sonne will auslöschen. Nachtschwarze

Arme langen aus dem Meere herauf; die wollen sie packen und vollends

hineinziehen. Ganz bleich hängt sie in dem silbernen Himmel.

Und die Schlangen kriechen weiter in den Tälern, kriechen die Hänge

herauf.

Der Wind hebt an zu laufen. Die Wälder wachen auf.

Ein Baum stößt den andern. Ein Knarren, ein Schlagen ist in den

Wäldern. Staubwirbel rasen auf allen Straßen über das Gebirg, rasen

beim Sonnenwirbel vorbei, gehen auf den Keilberg tanzen. All die weißen

Wege, die durch die Wälder laufen, rauchen, rauchen vom Staub, den

der Wind hochwirbelt. Wie schmutzige Säulen stehen die Staubwirbel im

Waldland.

Die Schlangen, die aus dem schwarzen Meer in die Täler kriechen,

ringeln sich heran.

Der Wind braust.

Die Wälder brüllen.

Es heult um die Berggipfel.

Der Sturm fährt unter das Heu, das noch auf den Wiesen ist, und

wirbelt's empor -- jetzt: wo ist Staub, wo ist Heu?

Alles ist grau.

Alles ist lebendig.

Die Vogelbeerbäume an den Straßen biegen sich und schlagen den Sturm.

Der heult. Und alle Täler sind schwarz.

Ueber das Zechenhäusl und die Unruh ist das schwarze Meer geronnen und

peitscht den Wald. Der ›kalte Winter‹, das ›Neue Haus‹ -- alles im

Dunkel des Wetters ertrunken.

Und der Sturm heult und die Wälder brüllen und alle Täler sind ein

Brausen, ein Brausen, das die Berge stürzen möchte.

Auf dem Sonnenwirbel ist noch Sonne, bleiche, müde, letzte Sonne.

Und das schwarze Meer kriecht heran und reckt seine Arme und drückt

die Sonne aus. Und die bleiche Scheibe drüben zwischen Plessen und

Spitzberg ist in das gährende schwarze Meer gefallen.

Nun ist es Nacht. Und noch ist kein Abendläuten aus den Tälern

heraufgeklungen.

Der Peter und der Hans-Tonl sind daheim. Sie sitzen um den Kachelofen

und lauschen, wie das Rollen an den Bergwänden heraufläuft.

Der Wurzltonl, der den Pflock noch einmal fest vor die Stalltüre

gestoßen, weil der so leicht herausspringt, denkt: ich will noch einmal

nach der Gabi schauen.

Wie er die braune Tür öffnet, liegt die Gabi auf den Knien vor dem

Kruzifix in der Ecke und betet ein Gebet.

Das ist für den Hachtl, denkt der Wurzltonl und schließt die Tür ganz

leise. -- --

Keine drei Rehsprünge weit kann einer sehen ins schwarze Meer hinein.

Da -- der Herrgott schlägt mit einem Flammenschwert die Wolkennacht

mittendurch, und in die Kluft, die er gehauen, stürzen die wallenden

Täler und Berge der Luft krachend hinein. An den Sonnenwirbelhäusern

zittern die Fenster und der Kachelofen erbebt, daß der Rost darinnen

klappert und das eiserne Türlein aufspringt. Das Vieh brüllt in den

Ställen.

Und es geht einer mit einer goldenen Peitsche über die Berge und

schlägt damit knallend um sich. Kreuz und quer und durcheinander --

überall fliegendes Feuer. Darüber und darunter das Rollen und Knattern.

Es ist, als will der mit der Feuergeißel in der Hand Schleusen in

die Erde schlagen, damit der rauschende Regen hinein- und nicht

darüberhinwegströme. Denn die Erde ist am Verdursten. Und immer

der Sturm, der um den Sonnenwirbel rennt und mit wilden brausenden

Schwingen die Erde schlägt. Wirbelnd kreisen die Wolken.

Da kommt einer aus dem Walde von der Schlauderwiese herüber. Der

Hans-Tonl ist aufgesprungen. In den Sonnenwirbelhäusern stehen sie und

schauen durch die Fenster.

Und die Wolken wehen um ihn, und die Blitze flattern um den tollen

Läufer.

»Da, hast Du's gesehen, Wurzltonl?«

»Hast Du's gesehen, Wawrl?«

»Jetzt hat ihn der Blitz erschlagen, den Hachtl!«

»Ein Flämmlein sprang ihm auf die Mütze, stand einen Augenblick, ganz

blau. Hast Du's gesehen, Hans-Tonl?«

»Jetzt -- wo ist denn der Hachtl?«

Das schwarze Meer braust über ihn hinweg, und wie ein Strom stürzen die

Wasser dröhnend die Straße herein und die Halden hinab. --

Nun wird die Nacht dämmerig. Der Tag guckt, ob er noch einmal kommen

darf. Die Wolken haben sich ausgeschüttet. Und der mit der Feuergeißel

ist fort. Nur fern in den Wald fährt noch ein Strahl. Aber das Krachen

verzieht eine Zeit -- jetzt erst dröhnt's dem Strahl hinterdrein.

Auf dem Sonnenwirbel wird's Tag.

Der Hans-Tonl stülpt sich die Kappe auf den Kopf und knöpft sich die

Joppe über der Brust fest zusammen. Der Wurzltonl geht mit ihm hinauf

nach der Höhe. Ein Regen rauscht in die Welt, aber kein Sturm heult

hinein. Die Männer lassen den Regen durch ihre Kleider sinken und gehen

der Stelle zu, an welcher dem Hachtl die blaue Flamme auf die Mütze

sprang.

Da liegt er still und tot. Und das Blaubeerkrüglein ist ein Stück

weiter im Gras vom Blitz zerrissen.

[Illustration]

[Illustration]

Am Sonnenwirbel: Eine Dorfgeschichte · 第 32 / 57 题