4. Kapitel.

Der Wurzltonl vom Sonnenwirbel ist zu Wald gegangen. Er sucht allerhand

Kräuter und gräbt mancherlei Würzlein, die trocknet er am Wäschestängel

über dem Kachelofen und bringt sie dürr oder auch grün in die Apotheke

-- nach Oberwiesenthal, nach Joachimsthal oder sonst in ein ›Thal‹.

Werden noch einige ›Thal‹ daherum sein. Vom Sonnenwirbel aus ist alles

ein Tal.

Der Peterl aus dem andern Haus am Sonnenwirbel ist mit der Mahm auf

dem ›kalten Winter‹ im Heu. Und der Peter, sein Vater, hat die Mütze

auf, an der der k. k. Reichsadler sich befindet, und räumt, kratzt

oder hackt die Abschläge an der Staatsstraße nach dem Keilberg aus.

's möcht' ein Wetter kommen übers Waldland! Ist alles knüppeldürr im

Gebirg. Und wenn's dann die Wasser mit einem Mal herunterschüttet --

hui, hui, das ist ein Strömen und Brausen, und wehe, wenn das Strömen

und Brausen die Rinnsale nicht findet, die der Peter instand zu halten

hat! Das reißt fei dort ein Stückl Straße ein und da noch eins, und

der Peter muß alles wieder aufbauen, und seinen Rüffel kriegt er noch

obendrein. Darum hat er den k. k. Adler an der Einräumermütze; und

den Rüffel kriegt er »von _amts_wegen«, -- »von _rechts_wegen« nicht

immer. Das heißt: das meint der _Peter_.

Das alles erzählt sich der Hans-Tonl wie er die Halde heraufsteigt und

sieht alles mit einem Blick, wie er über die Unruh hinauf ist, dem

Helari die Hand geschüttelt und gesagt hat: behüt Gott, Helari, und auf

ein Wiedersehen.

Das erschaut der Hans-Tonl alles mit einem Blick; denn es ist auf dem

Sonnenwirbel nur das Wawrl im Heu. Und wie das Wawrl immer so wendet

mit dem Rechen und wie ihm der weiche Bergwind das blaue Kattunröcklein

so sanft um die Hüften drückt, wie er das goldene Ringelhaar über der

Stirn vom Wawrl sich um die Finger wickelt und ihm ein leises Lied

singt, hört das Dirnlein den Hans-Tonl gar nicht über das wolleweiche

Gras heraufkommen.

Der Tonl, wie er ganz nahe ist, bleibt ein wenig stehen und denkt: dem

Wind, der es so gut mit dem Wawrl meint, und ihm das Röcklein so glatt

über die Hüften streicht, daß man erschauen kann, wie weich und rund

die sind, dem Wind schau ich ein Weilchen zu.

Wawrl, sagt der Wind zum Mädl, Wawrl, da steht einer stocksteif im Gras

und in der Sonne, lacht so in sich hinein und läßt kein Aug von Dir

schmuckem Ding. Hast dem fei gar etwas gestohlen?

Das Wawrl denkt grad an etwas und hört nicht auf den Wind. Der weiß

den ganzen Tag etwas zu erzählen! Hat einer, wenn er im Heu ist, nicht

immer Zeit, hinzuhören.

Wawrl, sagt der Wind wieder, die Sach' ist mir nicht richtig. Am End

hast Du dem doch etwas gestohlen und nun hat er Dich ertappt?

Das Wawrl hört nicht hin.

Wawrl, singen wir zwei uns eins, sagt der Wind, zupft das Dirnlein am

Kopftüchl und hebt dem Mädl die weiße Jacke unter dem Gürtelband. Er

möcht' ein bißl gucken, der Wind.

Ach wo, sagt das Wawrl, beim Heuwenden singt ein Dirnl nicht und gleich

gar nicht, wenn der Hans-Tonl nicht dabei ist.

Darüber ärgert sich der Wind, springt um das Wawrl herum und wirbelt

ihr das blaue Kattunröcklein überm Knie in die Höhe.

Pst, macht das Wawrl, was das für Dummheiten sind!

Und wie sie dem Wind den Saum vom flatternden Röcklein aus der

Hand nimmt, und sich dabei dreht: -- -- meiner Seel, da ist ja der

Hans-Tonl! 's war nur gut, daß das Wawrl dem neugierigen Wind fei fest

auf die Finger geschlagen. Das hätt' eine Sach werden können! Der

Hans-Tonl hätt' ja einen Juchezer gemacht, daß das ganze Waldlandl aus

dem Mittagsschlaf aufgewacht wär, wenn der Wind dem Wawrl unters Röckl

guckete.

Jetzt -- wie der Hans-Tonl auf das Dirnlein zugeht, es in die Arme

nimmt und sich mit ihm und dem Rechen dreimal herumwirbelt wie ein

Kreisel, jetzt ist das Zuschauen an dem Wind. Das Wawrl ist ganz außer

Atem gekommen, wie es der Hans-Tonl endlich wieder auf seine Beine

gestellt hat.

»Na, Tonl, da hast mich fei tüchtig geschreckt,« sagt es und läßt sich

auf das knisternde Heu fallen, damit der süße Duft, der auf dem Grund

ist, ihm ganz sacht die Stirn und die Wangen streicheln kann.

Der Hans-Tonl sagt:

»Du, Wawrl, wir plauschen ein bißl -- 's ist so niemand, mit dem man

ein Wörtl reden könnt'. Bei der Hitzen dörrt das Heu auch ungewendet,

daß es der Wurzl-Tonl bieren[1] (in Haufen auf dem Rücken eintragen)

kann; und ich helf Dir hernach, das Versäumte nachholen, gelt, Wawrl?«

[1] Wohl von dem englischen ~to bear~ = tragen.

Das Wawrl, weil's den Tonl so lang nit gesehen hat, nickt ein kleines

bißl mit dem Kopf, um den die goldnen Haarringlein klingen. Aber der

Tonl versteht's schon.

»Wawrl,« sagt er, »es is fei so viel sonnig hier. Ich denk, wir machen

uns ein Berglein aus Heu, das einen Schatten gibt.«

»Tonl,« meint da das Wawrl, »wenn mein Vatter aus dem Wald die Halde

herauskommt und sieht uns fei ausrasten von der Arbeit, die nicht getan

ist, nachher --«

»Da werd ich zu ihm sagen: jetzt, Vatter, setzt Euch auf ein

Viertelstündlein daher und schaut zu, ob sich's hinter dem Heuberg

uneben rastet.«

Das Wawrl muß hell auflachen.

»Halt ein, Wawrl,« sagt der Tonl und schleppt einen Haufen Heu heran

und noch einen darauf. Er steckt einen Rechen hüben daran und einen

drüben: »so, ihr zwei, ihr haltet das Mäuerlein und habt's fein acht,

daß es uns nicht zudeckt!«

Dann setzt sich der Tonl auf die Schattenseite hinter das Heu und

rückt so dicht an das Wawrl heran, daß nicht ein einziges dünnes Halml

neugierig zwischen den beiden heraufschauen kann, um zu sehen, was sich

denn da am helllichten Tag auf der Bergwiese zuträgt.

Der Wind schlendert überdem auf dem dörrenden Grase herum. Er bückt

sich da einmal und dort einmal, hebt ein Bündlein Heu auf und wirft's

wieder fort. Um das Wawrl und den Tonl kümmert er sich gar nicht, der

Wind. I, der tut bloß so! Wie die beiden im Schatten sitzen, geht er

auf den Zehen hinter den Heuhaufen und lugt heimlich um die Ecke. Seht

doch einer, was der Tonl mit dem Wawrl anfängt! Er nimmt dem Wawrl

seine roten Wänglein in die Hände und zieht das Köpferl zu sich herüber

-- »ein Zwickbusserl,« sagt der Tonl und lacht hellauf, -- natürlich

wie das Busserl vorbei ist.

»Gut war's,« sagt der Tonl. Dem Wawrl fliegt ein Feuer in die Stirn. Es

guckt hinunter auf das Kattunröcklein, auf dem seine Hände mit einem

trocknen Bergblümlein spielen.

»Du, Wawrl,« hebt der Tonl wieder zu reden an.

»Was meinst?« fragt das Wawrl und schaut immer noch nicht auf.

»Auf den Herbst heiraten wir zusammen.«

»Bist fei zum spaßen aufgelegt heut?«

»Wahr und wahrhaftig!« sagt der Tonl.

Der Wind, der wieder um den Heuhaufen guckt, denkt: jetzt nimmt der

Tonl dem Wawrl seine Hand in die Linke und legt ihr den rechten Arm um

den Hals. Der Wind wirft von dem lockeren Heu eine Handvoll herab. Aber

das Wawrl kann's gar nicht sehen, denn der Tonl küßt ihr mit seinen

roten Lippen die Augen zu. Jetzt -- wenn ein solcher kommt, tut das

Madl keinen Mux. Wenn es dagegen der Wind zaust, wird es nicht fertig

mit schelten den ganzen Tag.

Mit einem Kuß ist es justament wie mit einem Grenzstein, denkt der Wind

-- immer, wenn der Tonl eine Weile erzählt hat: wie das Häusl unterm

Sonnenwirbel ausschauen soll, wie die Halde, wie das Dächl, wie das

Kammerl, dann drückt er immer einen Kuß hin: hernach redet der Tonl

wieder kurz, dann busselt er wieder lang. Immer hübsch das Grenzsteinl

nit vergessen, damit's keine Verwechslung gibt und nicht eins in das

andere geplauscht wird ...

Der Wurzltonl, wie er mit seinem Hücklein den steilen Berghang herauf

gekraxelt ist und die Straße hereinkommt, läßt seinen Blick über das

Grasland gehen und denkt: es hat fei gut gedörrt heute, und das Wawrl

ist fleißig gewesen; denn es hat schon zu schobern angefangen. Das

denkt der Wurzltonl, weil er drunten an der Halde den mächtig großen

Heuhaufen sieht.

»Jetzt,« sagt derweil der Tonl zum Wawrl, »Dirnl, wir sitzen da im

Schatten, bis die Sonne das Heu fertig hat. Um Vesper schau ich einmal;

dann bieren wir, und eh das erste Tröpfl Abendtau auf den Berg fällt,

ist die ganze Mahd unterm Dach auf dem Sonnenwirbel. Du aber tust fei

langsam dabei, Dirnl, und läßt _mich_ dreimal laufen, während _Du_

einmal gehst.«

Nun schau' einer, denkt der Wind, der justament wieder um den Heuhaufen

lugt, nun schau' einer, jetzt -- auf so eine Red hin kriegt der Tonl

vom Wawrl ein Bußl und ein Zwickbußl. So was läßt sich der Tonl

gefallen!

Weil im Gras droben auf der Halde ein sanftes Schlürfen ist und der

Wind den Tag über doch ganz still war, springt das Wawrl auf einmal auf

seine Beine, streicht sich die Goldlöcklein unter die weiße Kopfhülle

und schreit nach dem Rechen. Sie dreht sich wie ein Hexlein im Wind,

aber der Rechen ist nicht da.

Der Tonl tut gerad, als hätt' er auf den Vater gewartet, lacht hell

auf und sagt: »Wawrl, geh suchen den Rechen! Wie kann denn einer beim

Heuwenden sein und den Rechen nicht wissen?«

Dem Dirnlein brennt ein heißes Feuer auf der Stirn; so heiß hat es sein

Lebtag noch keins gespürt. Wo der Tonl jetzt bloß sein Lachen hernimmt?

Ueberdem ist der Wurzltonl herangekommen und gucket hinter das Heu.

»Gebaut habts Euch das Dingl nit schlecht,« sagt der Wurzl-Tonl und

geht zweimal im Kreis um den Berg. Da schaut das Wawrl auch einmal hin

und denkt: was an dem Heu wohl so wunderlich ist? -- Ei, da sind ja die

Rechen!

Weil aber der Wurzltonl ein Gesicht macht wie der Himmel, wenn sich ein

Gewitter daran heraufschiebt, denkt der Hans-Tonl: »Jetzt ist's Zeit«

und sagen tut er: »Grüß Gott, Vatter, und ich hätt gern ein Wörtl mit

Euch geredet.«

»Mit _mir_ auch?« fragt der Wurzltonl. Es ist spitzig gefragt, dieses:

mit mir auch.

»Ja,« sagt der Tonl wieder, »denn mit dem Wawrl hab ich fei nit zuviel

geplauscht, 's hat so allerhand Arbeit gegeben.«

»So red ein Wörtl,« sagt der Wurzltonl.

Was nun kommt, kann der Hans-Tonl schon auswendig: zuerst hat er's dem

Zachenhesselhans erzählt, dann hat er's dem Wawrl erzählt -- dabei hat

er auch gleich die Grenzsteine aufgestellt, und nun sagt er's auch noch

dem Wurzltonl.

Der hat's eh schon gewußt, was ihm der Tonl heut sagen will, denn der

hat ihm, wie er vorhin über das Grasland hergegangen ist, zugerufen:

Grüß Gott, _Vatter_.

»So,« sagt der Tonl und schließt seine Rede, »und jetzt tragen wir

mitsammen das Heu ein. Der Vater braucht nicht mit zu helfen, das Wawrl

nur so viel, damit es dabei ist, und den Rest nimmt der Hans-Tonl

auf sich. Eh' der Abend taut, mag sich der Wind ein Halml auf der

Sonnenwirbelwiese suchen, mit dem er spielen kann. Er wird fei gut

zuschauen müssen, will er eins finden.«

Da hat der Wurzltonl nicht mehr viel zu schaffen auf der unteren Wiese.

Mit dem Hans-Tonl kann er nicht um die Wette, und wenn der seine jungen

Arme und Kräfte herleihen will und nicht einmal etwas dafür mag,

wenigstens nicht vom Wurzltonl -- denn ganz umsonst tut er's doch am

End' nicht -- da kann der Wurzltonl gehen und das Wawrl mag den Jungen

fei abfinden.

Der Wurzltonl hat noch einen Hang Gras stehen nach der Schlauderwiese

zu -- ist schon gut: so wird der Wurzltonl sich jetzt auf den

Sonnenwirbel in den Schatten setzen, wird das Dengelzeug hervorholen

und die Sense schlagen. Morgen früh, wenn's dämmerig wird, kann er

dann den Grashang mähen. Liegt der Tau noch, schneidet's eh besser,

insonderheit bei der Dürre.

Während der Wurzltonl beim Aufwärtsschreiten noch da und dort eine

Hand voll Heu aufgenommen und zwischen den Fingern gerieben hat, ob's

trocken genug sei, meint er: auf solch einen Sommer, in dem kein

Tröpfl Regen auf die Mahd gegangen ist, könn' er gar nicht denken am

Sonnenwirbel.

Und der Wurzltonl ist vor dreiundfünfzig Jahren auf dem Sonnenwirbel

jung geworden und ist diese Zeit her nur einmal auf einen Tag im

Karlsbad gewesen. Damals hat er das Sterbekleid für die Mutter vom

Wawrl gekauft.

Sind fei zehn Jahre darüber ins Land gegangen.

Und jetzt -- jetzt will ihm der Hans-Tonl auch sein einzig Kind nehmen.

Wie er so denkt, hat er die Sense vom Balken genommen und setzt sich

auf das Gras vor dem Vorhaus. Er stößt den Dengelstock in das Erdreich

und hebt an zu schlagen.

Sein Herz schlägt mit, und der Wurzltonl setzt den Hammer so fest auf,

damit der Hachtl nicht hört, wie sein Herz geht.

Was soll einer nun tun in der Bergeinsamkeit?

Das wüßte der Wurzltonl schon: fei das, was er immer getan hat. Aber:

daß er nun auch die zwei Stück Vieh aus dem Stall geben soll, das

ist's, was ihn so hart angeht.

Die rote Kuh hat er dem Wawrl als Heiratsgut versprochen; denn die

Rote hat er angekauft von dem Geld, was die Wawrl von der Mutter selig

geerbt und auf der Sparkasse gehabt hat. Aber die Schwarze?

Wie der Wurzltonl so sinnt und das Herz doch nicht in Ordnung bringt,

so daß ihm ein verräterisch Zucken um Lider und Mund läuft, kommt ein

Weiberl die Straße herauf.

Der Wurzltonl hält einen Augenblick inne und denkt: das ist ja das

Harfenweiberl vom ›Neuen Haus‹. Wird sich ein Maßl Schwarzbeeren suchen

wollen im Wald.

Der Mann hebt schon wieder den Hammer, um mit dem Dengeln zu Ende zu

kommen.

Hui, denkt er, da kriecht etwas zusammen hinter dem Spitzberg! Und weil

der Tonl grad mit einer Biere Heu die Halde heraufschnauft, ruft er ihm

hinüber: »Tonl, es kommt ein Wetter!«

Der Tonl hat aber nicht Zeit zum reden. Erst will er das Heu vom Rücken

haben.

Während er um das Haus geht und sich in der Panzel die Biere losbindet,

ist das Harfenweibl vollends herangekommen. Wie die Alte vorm

Sonnenwirbelhaus ist und ihr der Wurzltonl sein »Grüß Gott, Weiberl«

hinübergerufen hat, sagt er noch:

»Da schau Dich um, Harfenfraule. Siehst Du etwan auch, daß hinter

dem Spitzberg ein Wetter sich zusammenbraut? Wo hast denn das Krügl

gelassen, wenn Du in die Schwarzbeeren willst?«

Das Harfenweibl schaut sich um. Wie es das Wetter brauen sieht, sagt

es: »Wenn der Herrgott auf das Mal nur gnädig kommt.«

Es geht über die Straße her, bis dorthin wo der Wurzltonl im Grase

sitzt und stellt sich vor ihm auf. Der Tonl schaut schon wieder hinab

auf das Sensenblatt, das über dem Dengelstock liegt, und greift mit den

Spitzen der Finger die Schneide ab, ob ein Stein etwa noch eine Scharte

geschlagen hat.

»Grüß Gott, Wurzltonl,« sagt das Harfenweibl, weil es sich besinnt, daß

es ja dem Mann vom Sonnenwirbel den Gruß noch schuldig ist. »Wollts

das Heu noch einbringen vor dem Wetter?«

»Fei wohl,« entgegnet der Tonl, »und 's wird nicht nothaben, wenn solch

einer die Sach in die Hand nimmt.«

Der Wurzltonl deutet mit dem Daumen nach rückwärts über die Achsel.

An der Giebelwand entlang kommt der Hans-Tonl gerade zurück, hat die

Stricke zur neuen Biere in der Hand und trocknet sich mit dem blauen

Sacktüchl die Stirn.

»Da treff ich's gut und schlecht,« sagt das Harfenweibl und lächelt.

Aber dem Lächeln ist ein wenig Mißmut beigemengt. Warum denn?

»Gut und schlecht?« fragt der Wurzltonl zurück.

»Weil ich den Hans-Tonl auf dem Sonnenwirbel treff, das is fei gut.

Weil er aber auch nicht ein Minütl Zeit hat, mit mir zu reden, das ist

schlecht.«

»Wenn sich das Harfenweibl ein Stündl verhalten will, dann kann es

schon reden mit dem Hans-Tonl,« sagt der. »Aber das Heu muß erst unters

Dach -- ja, wenn einer wüßt, ob das Wetter hinter dem Spitzberg bleibt.«

Wie der Hans-Tonl das sagt, geht er schon wieder über die Straße,

springt die Böschung hinab und die Halde -- das Wawrl wird die neue

Bier' schon gebunden haben, denkt er, und die Halde mit dem kurzen Gras

ist fei glatt wie ein Tanzboden. Da käm' einer schier im Sitzen rascher

hinab, als im Laufen.

Da ruft der Hans-Tonl schon wieder dem Wawrl zu, legt sich mit dem

Rücken auf das große Bund Heu, fährt mit den Armen unter die Stricke,

mit denen das Wawrl die Biere geschnürt, fängt an zu wippen und -- da

steht der Hans-Tonl auch schon auf seinen Beinen.

Das Wawrl zupft an den Seiten der Biere das Heu noch ein bißl zurecht

und: »Noch zweimal, dann ist's getan!« lacht das Dirnlein. Es ist schon

wieder an der Arbeit. Der Hans-Tonl geht kreuz und quer die steile

goldene Halde hinan -- bei der trockenen Glätte kommt einer da nicht

anders aufwärts, und der grade Weg ist in diesem Falle nicht der beste.

Der Schweiß rollt in silbernen Kugeln von seiner Stirn.

»Was willst denn von dem Hans-Tonl?« fragt der Mann vom Sonnenwirbel,

der überdem noch eine Scharte dem Sensenblatt ausgeschlagen und bindet

den Hammer wieder an den Dengelstock.

»I nun,« meint das Harfenweibl, »dazu muß der Hans-Tonl fei selber her.«

Dabei dreht sich das Weibl um und schaut nach dem Wetter.

»Hui,« macht der Wurzltonl, »Harfenweibl, der Tonl hat die Seinige.«

Dann lachen die beiden. Aber die Luft ist so schwer, daß sie wie eine

Last auf der Brust liegt. Der Mann richtet sich mit einem Schnaufer an

dem Dengelzeug empor.

Da kommt ein Wind über den Kamm geflogen und weckt die Vogelbeerbäume

längs der Straße aus dem Schlaf. Jetzt ist er schon unten an der Halde

-- wie das Fanele (Franziska) von der Unruh noch ein kleines Dirnl

war, hat es sich mit dem Wind so die Halden hinabgekugelt. Na, na,

denkt der Sonnenwirbelmann, fei bloß damals? Das Fanele ist heut noch

toll genug, und es könnt einer wetten: wenn kein Mensch in der Nähe ist

und das nußbraune Mädl ganz allein mit dem Wind und dem Wald an der

Graslehne steht, da klemmt es noch heute das Röcklein zwischen die Knie

und kugelt sich kopfüber den Hang hinunter. Da muß der Wind rasch sein,

daß er mitkommt. Und drunten im Heuhaufen, in den sie hineinrollen,

bleiben sie mitsammen eine Weile liegen und kichern, der Wind und das

Fanele. Dann bläst ihm der Wind die Halme aus dem nußbraunen Haar, das

dem Dirnl so wild um die Stirne weht, und putzt ihm die Augen wieder

blank.

Der Hans-Tonl ist mittlerweile wieder die glühende Halde

heraufgeschnauft. Der Vater und das Harfenweibl stehen vorm Haus und

gucken gegen den Spitzberg. Zwischen dem und dem Plessen geht von unten

her eine Wand empor. Die steigt über den Wald herauf und ist scharf

abgeschnitten gegen den Himmel -- der Wald darunter: eine Wand aus

schwarz und grün, die Wolkenmauer, die totstill hervorkriecht, eine aus

schwarz und blau. Und oben ist ein schmales Rändlein daran, ganz glatt

und blank wie eitel Gold.

Der Wind, der über den Kamm gelaufen ist und die Halde hinunter, ist

fort, aber man sieht ihn noch. Da schau hin, Harfenweibl, da schau hin!

Wo die Wipfel quirlen, über den Bergwald -- da läuft er, läuft immer

weiter, und es wogt unter ihm wie dunkelgrüner Bergsee. Und immer,

wenn er weg ist, schwankt sich der Wald wieder grollend in die vorige

Ruhe. Dann fängt die Sonnenluft über den Wipfeln wieder zu zittern an.

Jetzt ist ein Rumoren drüben in der schwarzblauen Wolkenwand. Das

klingt herauf auf den Sonnenwirbel, als lief's unter der Erde, oder:

als wär' der Plessen eingefallen und der Spitzberg dazu und wären beide

hineingesunken in das blauschwarze drohende Meer.

Der Himmel, der vorhin wie ein blauer Vorhang still hinter den

umgoldeten Bergen stand, ist schon ganz silbern und das schwarze Meer,

auf dem er ruht, steigt -- steigt. Und ab und zu ist das Rollen darin.

Nun paßt auf!

Aber der Hans-Tonl hat noch keine Zeit zum Hinschauen. Das Wawrl hat

die letzte Biere so groß geschnürt, wie noch keine zuvor. Da muß der

Tonl, wie er sich mit dem Rücken daraufgelegt hat, einmal mehr wippen

-- schau, er kommt aber doch auf die Beine!

Jetzt hebt er an, zu Berg zu schreiten. Das Wawrl zieht das weiße

Kopftüchl durchs Gürtelband, nimmt die beiden Rechen über die

Schulter und guckt sich noch einmal um auf dem Grasland, ob's auch

nichts vergessen hat. Wahrhaftig schaut ein blankes Käpplein aus dem

Heidelbeerbusch hervor, der auf der Wiese um den Grenzstein gewachsen

ist. »Da ist ja noch mein Kaffeekrügl,« ruft das Wawrl und läuft

hinüber zum Rainstein. Es bindet sich das Gürtelband auf und streift

das Krüglein daran. Das Band bindet es vorn. Das Krügl hängt ihm

hinten. Es ist so besser, als wenn einer mit vollen Händen die glatte

Halde hinanschreitet; leicht gehen einem darauf die Beine aus. Das

Wawrl tut ein paar Sprünge, damit es dem Hans-Tonl wieder nachkommt.

Wenn's auch nicht gut plauschen ist, den steilen Hang hinauf --

Liebesleute gehören zusammen.

Während die beiden so mit der letzten Last duftigen Heus dem

Sonnenwirbel zusteuern, hat sich das Harfenweibl auf die Schwelle zum

Vorhaus gesetzt und guckt in das schwarze Meer, das vor dem Westhimmel

wogt.

Der Wurzltonl hat das Dengelzeug an den Nagel und die Sense über den

Balken gehängt. Jetzt geht er durchs Häusl, um fei gemächlich die

Lucken zu schließen, oder zu sehen, ob nicht etwa eine Schindel in

der Dürre der Tage herausgesprungen oder sonst ein Türlein geschaffen

ist, durch welches das Wetter hereinfahren kann. Der Wurzltonl tut

die Schiebfensterlein vor und rüttelt da ein wenig und schüttelt dort

einmal. Alles ist klapperdürr. Der Regen wird durchlaufen. Die Rähmlein

müssen erst wieder ein wenig anziehen.

Aus dem Dachfenster sieht der Wurzltonl: auf dem ›kalten Winter‹ eilen

sich der Peterl und die Mahm, daß sie das Heu in Schober kriegen. Dort

kann die Sonne nicht den ganzen Tag über im Grase liegen. Da müssen sie

halt versuchen, das bißl Wieswuchs vor dem Wetter zu bergen so gut sie

können.

Jetzt, während das Wawrl und der Hans-Tonl das Heu in die Panzel

drücken und der Hans-Tonl aus Versehen mit der Biere auch das Wawrl

packt, ist wiederum ein Kollern und Rollen im schwarzen Meer, daß dem

Harfenweibl das Herz stillsteht, weil es hineinhorchen muß in die

Drohungen, die da tief zwischen den Bergen branden. Das Harfenweibl

faltet die Hände im Schoß und bewegt leise die Lippen. Bewegt auch

das Herz. Es hat sich auf ein frommes Sprüchlein besonnen und sagt's

leise vor sich hin. Wie's aber noch nicht damit fertig ist, kommt der

Wurzltonl wieder um die Hausecke, geht an dem Holzvorbau, auf dessen

Schwelle die alte Harfnerin sitzt, vorbei und guckt durch das Fenster,

das links zunächst vom Vorhaus ist. Er hebt die Hände zu beiden Seiten

des Gesichts, weil er das Licht abdämmen muß; denn er will den Hachtl

drinnen sehen. Der Hachtl war doch vorhin noch daheim.

»Wo ist er denn geblieben?« fragt der Wurzltonl von draußen die Gabi

(Gabriele), dem Hachtl sein Weib. Die Frau sitzt am Klöppelsack und hat

sich die Kattunjacke ausgetan.

»Es ist so viel warm heut,« sagt die Gabi, »und fei gewitterig.«

»Der Hachtl, na, wo wird er denn sein?« -- Die Gabi schaut sich um: im

Fenstereck ist die Pfeife fort und am Nagel die Mütze vom Hachtl. »So

wird er fei ein Stückl nach dem ›kalten Winter‹ hinüber sein.«

Am Sonnenwirbel: Eine Dorfgeschichte · 第 31 / 57 题