Ich frag Euch: Warum ist denn noch kein Heu ums Zechenhäusl?«

»Weil der Zachenhesselhans kein Gras wird gemäht haben.«

»Und warum hat er nicht?«

»Weil er Erdäpfel und kein Heu frißt.«

»Warum hat er das Gras nicht an die Leute vom Sonnenwirbel oder von der

Unruh verkauft?«

»Weil's denen justament so geht, wie dem Zachenhesselhans.«

»So. Und nun, Landfahrer: hast eh im Niederland gesehen, daß die Bauern

das Gras auf den Wiesen stehen lassen? Die hau'n woltern nach dem

_Grummet_ noch einmal! Und im Waldland gibt's solche, die mögen das

_Heu_ nicht. Müssen fei reiche Leut sein, die im Waldland!«

»Wenn sie kein Vieh haben, dem sie's füttern können!«

»Jetzt -- warum haben sie denn kein Vieh? ... Pah,« macht der

Zachenhesselhans, »seht's, Leutln, seht's, das will ich Euch sagen:

weil Eure Mahm auch keins gehabt hat und keins Eure Väter. Jetzt --

meint ihr, so können _wir_ auch keins brauchen. Nun war das aber eine

andere Zeit, da die Mahm im Hüttlein saß. Da machten draußen in den

Städten die Maschinen keine Spitzen, die ganz feinen, was die Valanzen

(Valenciennes) sind, nun gar nicht. Die eisernen Hände der Maschinen

arbeiten billiger, als die flinksten Finger unsrer Frauen. Gegen die

Maschinen -- das ist ein ungleicher Kampf. So. Und was heut das Wawrl

ist und das Fanele und die Gabi, ja was Dein Resl is, Helari, Klöppeln

die etwan eine feine Spitze, so, wie's ihre Mütter gekonnt haben?«

»Fragt sie denn einer danach? Bezahlt sie denn einer dafür?«

»Keiner! Justament deswegen. Der Verdienst ist geringer. Das ist wie

ein Quell im Waldland: einmal, da ist er hell und stark gesprungen

und hat das ganze Gebirg gespeist, heut rinnt er trüb und müde, und

's lohnt fei nimmer, das Krügl drunter zu halten. Da muß man sich

nach einem andern umsehen. Schau'n wir einmal! Das haben wir nahe.

Bergwiesen, Grasland allenthalben auf dem Kamm des Gebirgs. Dann der

Wald, und mittendrin manch Streiflein, manche Au mit einem Graswuchs,

jetzt, daß einem das Herz weh tut, weil man zu diesem Waldgras nicht

das Oechslein worden ist.«

Weil der Zachenhesselhans grad mit der Linken den Beschlag vom

Pfeifenkopf aufgeklappt hat und mit dem Spitzfinger der Rechten ein

wenig nachdrückt und dabei an der Nase hinabschaut, wirft der Helari

dem Hans-Tonl einen Blick zu, der fragt: Glaubst das, Hans-Tonl?

Der Hans-Tonl macht wahrhaftig ein Gesicht, als wär die Weisheit

vom Zachenhesselhans auch die seine. Er ist justament dabei, sich

alles noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen, was der Hans von

Zechenhäusl zum besten gegeben hat.

Da merkt der Helari: er hat keinen zur Seite und -- will er in den

Kampf gehen, muß er sich fei auf sich selber verlassen. Er hustete ein

wenig und rückt ein Stückl weiter im Gras.

»Zachenhesselhans,« sagt er hernach, »weißt noch mehr? Sonst, wenn

das alles ist, möcht ich Dir schon sagen, daß ich von dem kein Wörtl

unterschreib.«

»Hab ich eh gewußt,« entgegnet der Zachenhesselhans, der sich

mittlerweil sein Rauchzeug in Schuß gebracht hat, »daß der Helari eine

andere Ansicht hat; denn wär er der meinigen, so hätt er der Unruh

längst ein Stückl angebaut und ein Stücker drei oder vier Kühe mehr

eingestellt. Aber, der Helari wird sei Gegenred machen müssen, sonst

laßt sich der Zachenhesselhans nicht überführen.«

»Na,« sagt der Helari, »zuerst: was da an Mahd stehen bleibt, ist

weiter nichts wie borstig Gras ...«

»Halt!« fällt ihm der Zachenhesselhans ins Wort, »und warum ist ein

Gras daheroben überhaupt borstig?«

»Weil kein Dünger da ist, der langete für das Grasland.«

»Und warum ist denn kein Dünger da?« fragt der Hans vom Zechenhäusl,

und in seinen Mundwinkeln geht ein listig Wirbeln und Zucken. »Schaust,

Helari, die Antwort magst nicht gern geben, weil sie heißt: es ist

nicht genug Vieh heroben, nicht so viel, daß es hinreicht, den Dünger

zu geben für den Wieswuchs, der da ist. Freilich: für das, was in

Euren Ställen steht, langt's eh, was wächst, langt fei reichlich.

Nun ist aber die Rechnung die: ist es gescheiter, wir schaffen uns

ein Vieh ins Gebirg und nützen den Graswuchs besser, oder ist es

gescheiter, wir lassen die Hälfte borstig und bescheiden uns mit der

ersten Mahd? Denn das muß ich Euch schon sagen: daß kein Grummet

daheroben wächst, daran ist wieder einmal nicht der Herrgott schuld,

der an dem Waldland vorbeiläuft und keins macht, weil er etwa müde

ist von der Arbeit anderswo oder weil er seine ganze Herrlichkeit im

Niederland gelassen hat und dem Waldland fei nur einen Reif gibt, wenn

sie drunten noch lustig ernten. Nein, Leutln, daran ist kein anderer

schuld, als die Männer um den Sonnenwirbel selber. Aber: fei allein,

wie im Paradiesgarten, laßt der Herrgott nichts mehr wachsen. Seit die

Sünd' in die Welt gekommen, heißt's: auch ein bißl mittun, Leutln! Und

schwitzen müßt ihr schon ein wenig dabei, sonst wachst nix. Hernach

könnt ihr auch Euer Brot essen.

Und weil ich einmal dabeibin,« fährt der Zachenhesselhans fort und

gießt seinen Pfeifenstiefel aus, »da muß ich Euch doch noch sagen:

's gibt höhere Berg, als am Sonnenwirbel, und 's gibt ärmeres Land,

als das Waldland, und 's gibt kältere Winde und längere Winter, als

daheroben, und doch treiben die Leute darinnen nichts weiter, als

Viehwirtschaft. Wir aber um den Sonnenwirbel haben eine abgegriffene

Weisheit, so abgegriffen, sag ich Euch, wie ein alt Geldstückl, daß

fei keiner mehr achten dürft, und doch ist sie noch immer im Umlauf

und fein in Ehren. Die heißt: das Waldland im Gebirg trägt seine

Leute nicht! Darum müssen die Männer fort auf den Handel und auf das

Musikmachen -- gelt, Landfahrer? -- und lassen ihre Heimat imstich,

wenn ihnen gleich das Herz dabei wehtut, so weh, daß sie dem Schneewind

vorauflaufen und mit ihm wieder in das Heimatland einziehen.

Aber während der Bergwind sich über den Wäldern sein Liedl singt und

die Wangen sich rotläuft, sitzen sie daheim und hungern sich bleich.

Das is fei nix, Leutln! Ich halt's mit dem Sprüchl: gibt der Herrgott

ein Hasl, so gibt er auch ein Grasl. -- Machts Euch das Waldland

zurecht und sehts: es ist stark genug, Euch alle zu tragen und noch

einen Haufen mehr obendrein.«

Der Zachenhesselhans langt unter die Bank, setzt dem Steinkrug sein

Käpplein ab und läßt noch einen Beißer herausrinnen -- aber nur den

einen. Der ist für den Zachenhesselhans; denn der meint: er hab ihn

sich redlich verdient.

Der Helari sagt:

»Zachenhesselhans, darüber müssen wir noch einmal reden. Manchmal denk

ich, Deine Rechnung ist richtig. Manchmal mein' ich: sie ist falsch.«

Wie der Helari so gesprochen hat, richtet er sich aus dem Gras auf.

Seit er die Pfeife in die Lederhose geborgen, kaut er an einem süßen

Halml.

»Warum denkst denn, 's wär' falsch?« fragt der Zachenhesselhans.

»Sonst,« meint der Helari, »warum hat sich denn _vor_ dem Hans keiner

auf derlei Dinge besonnen? Sind doch vor ihm auch kluge Leute im

Waldland gewesen.«

»Sind auch,« sagt der Alte. »Aber: einer _muß_ sich doch _zuerst_

darauf besinnen. Und justament: auf die einfachsten Dinge kommen die

Menschen immer am schwersten.«

[Illustration]

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Am Sonnenwirbel: Eine Dorfgeschichte · 第 30 / 57 题