Die Nebel standen noch still über den Tälern und hinter dem Keilberg
ging das Morgenfeuer der Sonne auf.
Da schritt der Zachenhesselhans zum Hackstock, um den Fichtenstamm zur
Stütze für die östliche Giebelwand zu glätten. Wie der Schlag der Axt
erklang und aus dem Walde zurückrief, lief ein Lächeln über des Alten
Gesicht:
»Fei recht wär's, wenn drüben noch so einer stünd', aber justament
einer wie der Zachenhesselhans. Wir täten ihn schon brauchen im
Waldland, und just um diese Zeit!«
Während er noch redete, schlürfte der Landfahrer über den Hausgang und
heraus zum Brunnentrog. Er schöpfte mit den hohlen Händen und goß sich
den Bergquell über Gesicht und Nacken. Dann tat er einen kalten Trunk.
»'s ist schon recht,« rief der Zachenhesselhans aus dem taunassen
Gras herüber, »solch ein Wasser vom Stein heraus macht lustig und mag
besser sein für zwei Augen als Bierdunst und Tabakrauch. Waldwasser und
Harzhauch haben noch keinem das Augenlicht trübe gemacht. Hast einen
Schlaf gefunden im Heimatland, Mannl?«
Darauf hatte der Seppl keine Antwort, dachte: dem bin ich fei zur
richtigen Zeit in die Hände gelaufen, und goß sich von neuem die
morgenkalte Flut über die Stirn.
»Ich versteh Dich schon, Landfahrer,« lachte der Zachenhesselhans, »und
eine rechtschaffene Freud' hab ich dran. Jetzt -- 's wär möglich, wir
zwei halten eine gute Freundschaft.«
Ueber den Wipfeln des Bergwalds stand wirbelndes Morgenlicht und mitten
drin die goldene Scheibe der Sonne. Wie silberne Ströme liefen die
Frühnebel in die Täler -- verliefen sich.
»Gelt, da schaust, Mannl? So eine Sonne hängt der Herrgott fei nur über
dem Waldland auf. Die Leutln da draußen, wo Du daheim gewesen bist die
Zeit her, sind da noch nit fertig mit dem Ausschlafen und ans Bett
trägt sie ihnen der Herrgott nit.
Hörst, 's geht einer den Hau herein drüben? Der kommt vom Sonnenwirbel
und möcht gradewegs nach St. Joachimsthal.«
Die Männer lauschten eine Weile auf die gedämpften Schritte. Da klang
ein Juchezer aus den Fichten.
»Der hätt' die Sonne wachgerufen, wenn sie nit eh schon guckete,«
lachte der Zachenhesselhans. »Mannl, so sonnenfreudig sind die Leute
daheroben. Draußen im Land meinen sie: die Sonn'? Wer wird die Sonn'
rufen? Die kommt von selber schon immer zu frühzeitig und bringt einen
um die Faulheit. Der den Juchezer getan hat, den kennt das Musikmannl
nit, denn der war noch nit auf der Welt, als der Seppl aus dem Waldland
geflohen ist. Da ist er schon: grüß Gott, Hans-Tonl!«
»Grüß Gott, Zachenhesselhans! Hui, da is ja einer bei dem Hans!«
»Na,« sagt der Zachenhesselhans, »und fei ein rar Mannl! Ist seine
vierzig Jahr nicht am Sonnenwirbel gewesen und kommt, ein wenig
auszurasten von der Wegfahrt und die Mali besuchen.«
»Dei Weiberl?« fragt der Hans-Tonl.
»Dieselbige,« meint der Zachenhesselhans.
So haben die beiden miteinander geredet. Ueberdem ist der Hans-Tonl den
Hau herübergeschritten und reicht dem Zachenhesselhans die Hand.
»Hast schon vom Schmied-Seff-Pepp sagen hören?«
»Von dem, der sich verlaufen hat?« fragt der Hans-Tonl.
»Da steht er. Er hat eine Sehnsucht gekriegt ins Waldland.«
»Willkommen in der Heimat, Seppl,« sagt der Hans-Tonl und nimmt des
Alten Hand.
»Der da, Mannl,« hebt der Zachenhesselhans von neuem an, »der da ist
der Taler Hans-Tonl. Was mein Bruder ist, der Hans Georg Günther in
Joachimsthal, den sie den Taler Hans heißen, das ist dem sein Vater. Er
selber _schreibt_ sich: Anton Günther von Gottesgab, _heißen_ tut er
aber: der Taler Hans-Tonl. Das ist sein Steckbriefl ... Wo willst denn
hin, Tonl?«
»Auf Joachimsthal.«
»Von Gottesgab übern Sonnenwirbel? Das ist fei ein närrischer Weg!«
Der Hans-Tonl lächelt und streicht sich sein blondes Schnurrbärtl.
»Gelt,« sagt er und: »'s muß einer nachschau'n, ob am Sonnenwirbel die
Leut schon munter sind.«
»Oha,« macht der Zachenhesselhans, »oha! Wie's die Resl von der Unruh
erzählt hat, hab ich gemeint, die Resl red't nixnutzig Zeug. So is
also doch an dem: der Taler Hans-Tonl geht um das Wawrl (Eva) vom
Sonnenwirbel. Is fei ein fesches Madl, das Wawrl! Und singen tut's, wie
a Zippen. Jetzt -- hat denn der Hans-Tonl den Grünetz im Zechenhäusl
schon pfeifen hören? Nimmer? Na, auf dem Heimweg kommst ein wenig
hutzen (plaudern), gelt?«
»Ja,« meint der Hans-Tonl. Und wie er im Wald verschwunden ist, läuft
ein Juchezer heraus, der fliegt in alle Winkel im Gebirg und läuft
den Hang hinan, und läuft auf die Unruh. Auf der Unruh ist das Wawrl
nicht. Also hinauf auf den Sonnenwirbel! So läuft der Juchezer auf den
Sonnenwirbel, und das Wawrl, das am Klöppelsack sitzt und sich vom
Morgenwind im goldenen Stirnhaar spielen läßt, wie der Juchezer zu ihm
kommt, schaut auf und lacht hell in den jungen Tag. --
Wie's gegen Mittag ging und die goldene Sommerluft über den Hängen
flirrte, und wie die Lerchen im blanken Himmel standen und ihre Lieder
in den Tag warfen, stieg der Hans-Tonl wieder den Waldsteig herauf.
»Grüß Gott,« sagt er, tut einen Schnaufer und setzt sich auf die Bank
an der Schattenseite des Zechenhäusls.
»Seppl,« hebt der Hans-Tonl nach einer Weile an, »im Tal sagen sie, Du
müßtest fei von den Toten aufgestanden sein. Im Märchen sind auch so
zweie, die sind nach hundert Jahren wieder aus dem Berge gekommen. Tot
ist er nit gewesen, hab ich gesagt, bloß verlaufen hat er sich gehabt.
Nur gut is, daß der Seppl den Weg noch gefunden hat, der ihn wieder in
den Bergwald führt. Hast woltern Sehnen gehabt, Seppl?«
Der Seppl tut einen Brummer, der heißt: ja und recht hast, Hans-Tonl.
»O, ihr Leutl, ihr Leutl,« fängt der Zachenhesselhans zu reden an, »daß
ihr Euer Heimatland für nix hinwerft, rein für nix! Wenn's nur eine
_Kunst_ wär, um die ihr treulos seid! Aber das wär mir auch eine Kunst!
So was bringen wir daheroben mit auf die Welt. Aber das langt fei zu
für's Häusl und für den Wald, aber nicht für's Reisl und für die Welt.
Und die feinen Stadtleut, die hören sich rasch satt daran und haben
andere, die ihnen für ihr Geld schon eine bessere Musik machen. Aber
so was könnt's Ihr nicht, Leutln, dazu braucht's ein Stu--di--um. So
heißt man das, Landfahrer. Wirst's eh wissen.«
Der Zachenhesselhans glomm sich sein Pfeiflein an. Das sagte dem
Hans-Tonl: wir sitzen beisammen solange die Mittagsstunde über die
Bergwiesen geht. Und der Hans-Tonl tat sein Jöpplein an, das er den
Berg herauf unter dem Arm getragen hatte, legte ein Bein über das
andere und kreuzte die Arme über der Brust.
»Daherauf auf den Sonnenwirbel hab ich fei immer ein Sehnen gehabt,«
meint der Tonl, »schon wie ich mit den Ziegen auf den ›kalten Winter‹
getrieben bin ...«
»Der ›kalte Winter‹ ist der Berghang jenseits vom Sonnenwirbel,« fügt
der Zachenhesselhans hinzu und schaut den Landfahrer dabei an, »der
liegt im Widerschein (an der Schattenseite), und dort kann einer fei um
Walpurgis probieren, ob er's Hörnerschlittl noch lenken kann oder die
Hitschen (kleiner Schlitten).«
Der Seppl stand von der Holzbank auf und setzte sich ins Gras, mit dem
Blick nach der schattigen Hauswand. Die Augen liefen ihm über. So blank
ging der Mittag durch die Welt. Der alte Mann schließt die geröteten
Lider. Hernach geht er zum Brunnentrog und netzt sie mit dem glasklaren
Quell.
Ueberdem steht der Hans-Tonl von seinem Sitz auf und geht einen
Steinwurf weit hinüber auf die Halde. Wo der Grenzstein ist, steht er
still und überschaut das Gelände. --
Es ist ein sanftes Wehen im kniehohen Gras: der Mittagswind hat sich
mit den Halmen zu bereden. Das ist ein heimlicher süßer Zwiespruch und
alle Hälmlein und Rispen erheben ein sanftes Singen. Und der Wind läßt
seine weiche Hand darübergehen. Darum ist ein Wiegen im Berggras und
ist ein warmer Duft darüber. Der ist herabgeschwommen von den Wiesen um
die Unruh und um den Sonnenwirbel. Dort sind sie heuen.
Warum ist denn noch kein Heu ums Zechenhäusl? Warum kann denn dort der
Wind noch mit dem hohen Gras reden?
»Jetzt,« sagt der Zachenhesselhans, der dem Tonl eine Weile zugeschaut
hat, -- »der Tonl sieht sich das Seinige an und denkt: da könnt
einer daheim sein! Ein Häusl für zwei und die noch kommen hat an der
Berghalde Platz. Und luftig und lustig ist's daheroben wie nirgend
sonst im Waldland. Und der Zachenhesselhans ist auch in der Nähe. Da
können die beiden mitunter ein kluges Wörtl reden.«
Aber der Tonl hört's nicht. Der legt den Finger an die Nase.
»Der Grund ist der seinige; den hat sein Vater selig gekauft,« sagt
der Zachenhesselhans zum Seppl, der sich die Hand schützend über die
schmerzenden Augen hält. Wie der Tonl die Haldenfläche so mit den Augen
mißt, ruft der Alte vom Zechenhaus hinüber:
»Tonl, meinst etwa, 's wär zu klein? Wenn Du eh willst, mir ist das
meine feil!«
Ueberdem kommt der Tonl herüber, damit er besser hören kann.
»Jetzt -- wenn ich seh, daß ich noch kein Heu gemacht hab im
Juliausgang,« sagt der Zachenhesselhans, »weil ich's fei nicht mehr
brauchen kann und weil niemand ein Geld dafür geben mag, jetzt ist mir
das Grasland feil. Aber ein anderer als der Tonl kriegt's nit. Und das
beding ich mir: ein Gärtlein ums Zechenhäusl bleibt auch für mich. Aber
das andere, wenn Du magst, kannst haben.«
»Dem Zachenhesselhans wär sein Grasland feil?«
»Hast's eh gehört.«
So kauft der Tonl dem Zachenhesselhans sein Grasland bis zur Unruh hin
ab, rechnet das seinige hinzu und sagt:
»Das trägt sechs Kühe. Meint der Zachenhesselhans dasselbe?«
Er meint's und der Kauf ist fertig.
Einen Schriftsatz braucht's nicht. Im Waldland gilt das Wort.
Wie sie noch reden, kommt der Helari den Steig von der Unruh herüber.
»Grüß Gott, Helari! Hast fei auch vom verlorenen Sohn gehört, der
wiedergefunden worden ist?«
Der Helari reicht dem Landfahrer die Hand.
»Auf Dich kann ich noch denken, Schmied-Seff-Pepp. Ich bin dazumal so
ein Bübl gewesen.«
Er macht mit der Hand ein Zeichen in die Luft und muß sich ein wenig
dabei bücken.
»Und noch eins, Helari: der Hans-Tonl hat sich ein Astl gesucht, worauf
er sein Nest bauen will.«
Im Umkehren wußte der Helari: der Hans-Tonl nimmt sich zum Herbst
das Wawrl vom Sonnenwirbel, der Wurzltonl wird dem Hans-Tonl sein
Schwiegervater und der Hans-Tonl baut sich sein Haus neben die Unruh
und das Zechenhäusl. Eh der Bergwind Flocken treibt, haust der Tonl mit
seinem jungen Weib darin.
Und das Wawrl, das auf dem Sonnenwirbel im Heu ist, weiß noch gar
nicht, was der Hans-Tonl zwei Steinwürfe weit an der Berghalde
zurechtmacht.
Wie der Tonl nach dem Bergstock greift, den er neben die braune
Bank an die Schattenwand der Hütte gelehnt hat, schlägt sich der
Zachenhesselhans vor Freude auf das Knie, daß ein Echo aus dem Wald
ruft.
»Leutl, das g'freut mich! Jetzt -- warum hat denn der Tonl das Meinige
noch gemocht? Vieh will er halten. Das ist der Richtige, der Tonl! Ihr
versteht's all nicht, Leutln, das Wirtschaften; auch der Helari nicht.«
»Hui,« sagt der Helari und: »so wird mich der Zachenhesselhans der
selber kein Stückl Vieh im Stall stehen hat, belehren müssen.«
»Wird er, wird er,« lacht der Zachenhesselhans. »Und jetzt trinken wir
einen. Setzt Euch fei noch auf eine Pfeif Tobak. Ich bring einen und
Ihr nehmt's einen, und der Zachenhesselhans sagt Euch, wie er über
das Viehhalten denkt und warum er meint, daß Ihr im Waldland mit der
Viehwirtschaft auf dem Holzwege seid.«
Der Zachenhesselhans springt wie ein Junger, bringt das Steinkrüglein
mit dem Trunkelbeerschnaps, den die Mali angesetzt hat, und schenkt ein.
Wie ein jeder getrunken, und wie der Beißer einen jeden herzhaft
abgeschüttelt hat, nimmt der Zachenhesselhans den seinen, stellt den
Steinkrug unter die Bank und stülpt das Glasl dem Krüglein auf den Kopf.
»Nimm eine Pfeif Tobak,« sagt der Hans zum Helari, reicht ihm die
Schweinsblase und raucht sich sein Pfeifl an. Der Helari tut's ihm nach.
Der Helari, wie sein Pfeifl brennt, hockt sich ins Gras und schlingt
die Arme um die Knie. Der Hans-Tonl setzt sich noch einmal auf die
Holzbank neben den Zechenhäuslmann.
»Ihr sollt's was ganz neues hören, Leut! Wenn einer so sechzig Jahr in
der Bergeinsamkeit gesessen, finden sich allerhand Gedanken zu ihm.
Wenn der Schnee auf den Wald fliegt und der Hans-Tonl hat unter dem
Schnabeln Zeit, zu reden, nachher will ich mit ihm fei auf manch guten
Plan denken. Jetzt -- von dem Vieh wollt' ich Euch ein Wörtl reden.