3. Kapitel.

Die Nebel standen noch still über den Tälern und hinter dem Keilberg

ging das Morgenfeuer der Sonne auf.

Da schritt der Zachenhesselhans zum Hackstock, um den Fichtenstamm zur

Stütze für die östliche Giebelwand zu glätten. Wie der Schlag der Axt

erklang und aus dem Walde zurückrief, lief ein Lächeln über des Alten

Gesicht:

»Fei recht wär's, wenn drüben noch so einer stünd', aber justament

einer wie der Zachenhesselhans. Wir täten ihn schon brauchen im

Waldland, und just um diese Zeit!«

Während er noch redete, schlürfte der Landfahrer über den Hausgang und

heraus zum Brunnentrog. Er schöpfte mit den hohlen Händen und goß sich

den Bergquell über Gesicht und Nacken. Dann tat er einen kalten Trunk.

»'s ist schon recht,« rief der Zachenhesselhans aus dem taunassen

Gras herüber, »solch ein Wasser vom Stein heraus macht lustig und mag

besser sein für zwei Augen als Bierdunst und Tabakrauch. Waldwasser und

Harzhauch haben noch keinem das Augenlicht trübe gemacht. Hast einen

Schlaf gefunden im Heimatland, Mannl?«

Darauf hatte der Seppl keine Antwort, dachte: dem bin ich fei zur

richtigen Zeit in die Hände gelaufen, und goß sich von neuem die

morgenkalte Flut über die Stirn.

»Ich versteh Dich schon, Landfahrer,« lachte der Zachenhesselhans, »und

eine rechtschaffene Freud' hab ich dran. Jetzt -- 's wär möglich, wir

zwei halten eine gute Freundschaft.«

Ueber den Wipfeln des Bergwalds stand wirbelndes Morgenlicht und mitten

drin die goldene Scheibe der Sonne. Wie silberne Ströme liefen die

Frühnebel in die Täler -- verliefen sich.

»Gelt, da schaust, Mannl? So eine Sonne hängt der Herrgott fei nur über

dem Waldland auf. Die Leutln da draußen, wo Du daheim gewesen bist die

Zeit her, sind da noch nit fertig mit dem Ausschlafen und ans Bett

trägt sie ihnen der Herrgott nit.

Hörst, 's geht einer den Hau herein drüben? Der kommt vom Sonnenwirbel

und möcht gradewegs nach St. Joachimsthal.«

Die Männer lauschten eine Weile auf die gedämpften Schritte. Da klang

ein Juchezer aus den Fichten.

»Der hätt' die Sonne wachgerufen, wenn sie nit eh schon guckete,«

lachte der Zachenhesselhans. »Mannl, so sonnenfreudig sind die Leute

daheroben. Draußen im Land meinen sie: die Sonn'? Wer wird die Sonn'

rufen? Die kommt von selber schon immer zu frühzeitig und bringt einen

um die Faulheit. Der den Juchezer getan hat, den kennt das Musikmannl

nit, denn der war noch nit auf der Welt, als der Seppl aus dem Waldland

geflohen ist. Da ist er schon: grüß Gott, Hans-Tonl!«

»Grüß Gott, Zachenhesselhans! Hui, da is ja einer bei dem Hans!«

»Na,« sagt der Zachenhesselhans, »und fei ein rar Mannl! Ist seine

vierzig Jahr nicht am Sonnenwirbel gewesen und kommt, ein wenig

auszurasten von der Wegfahrt und die Mali besuchen.«

»Dei Weiberl?« fragt der Hans-Tonl.

»Dieselbige,« meint der Zachenhesselhans.

So haben die beiden miteinander geredet. Ueberdem ist der Hans-Tonl den

Hau herübergeschritten und reicht dem Zachenhesselhans die Hand.

»Hast schon vom Schmied-Seff-Pepp sagen hören?«

»Von dem, der sich verlaufen hat?« fragt der Hans-Tonl.

»Da steht er. Er hat eine Sehnsucht gekriegt ins Waldland.«

»Willkommen in der Heimat, Seppl,« sagt der Hans-Tonl und nimmt des

Alten Hand.

»Der da, Mannl,« hebt der Zachenhesselhans von neuem an, »der da ist

der Taler Hans-Tonl. Was mein Bruder ist, der Hans Georg Günther in

Joachimsthal, den sie den Taler Hans heißen, das ist dem sein Vater. Er

selber _schreibt_ sich: Anton Günther von Gottesgab, _heißen_ tut er

aber: der Taler Hans-Tonl. Das ist sein Steckbriefl ... Wo willst denn

hin, Tonl?«

»Auf Joachimsthal.«

»Von Gottesgab übern Sonnenwirbel? Das ist fei ein närrischer Weg!«

Der Hans-Tonl lächelt und streicht sich sein blondes Schnurrbärtl.

»Gelt,« sagt er und: »'s muß einer nachschau'n, ob am Sonnenwirbel die

Leut schon munter sind.«

»Oha,« macht der Zachenhesselhans, »oha! Wie's die Resl von der Unruh

erzählt hat, hab ich gemeint, die Resl red't nixnutzig Zeug. So is

also doch an dem: der Taler Hans-Tonl geht um das Wawrl (Eva) vom

Sonnenwirbel. Is fei ein fesches Madl, das Wawrl! Und singen tut's, wie

a Zippen. Jetzt -- hat denn der Hans-Tonl den Grünetz im Zechenhäusl

schon pfeifen hören? Nimmer? Na, auf dem Heimweg kommst ein wenig

hutzen (plaudern), gelt?«

»Ja,« meint der Hans-Tonl. Und wie er im Wald verschwunden ist, läuft

ein Juchezer heraus, der fliegt in alle Winkel im Gebirg und läuft

den Hang hinan, und läuft auf die Unruh. Auf der Unruh ist das Wawrl

nicht. Also hinauf auf den Sonnenwirbel! So läuft der Juchezer auf den

Sonnenwirbel, und das Wawrl, das am Klöppelsack sitzt und sich vom

Morgenwind im goldenen Stirnhaar spielen läßt, wie der Juchezer zu ihm

kommt, schaut auf und lacht hell in den jungen Tag. --

Wie's gegen Mittag ging und die goldene Sommerluft über den Hängen

flirrte, und wie die Lerchen im blanken Himmel standen und ihre Lieder

in den Tag warfen, stieg der Hans-Tonl wieder den Waldsteig herauf.

»Grüß Gott,« sagt er, tut einen Schnaufer und setzt sich auf die Bank

an der Schattenseite des Zechenhäusls.

»Seppl,« hebt der Hans-Tonl nach einer Weile an, »im Tal sagen sie, Du

müßtest fei von den Toten aufgestanden sein. Im Märchen sind auch so

zweie, die sind nach hundert Jahren wieder aus dem Berge gekommen. Tot

ist er nit gewesen, hab ich gesagt, bloß verlaufen hat er sich gehabt.

Nur gut is, daß der Seppl den Weg noch gefunden hat, der ihn wieder in

den Bergwald führt. Hast woltern Sehnen gehabt, Seppl?«

Der Seppl tut einen Brummer, der heißt: ja und recht hast, Hans-Tonl.

»O, ihr Leutl, ihr Leutl,« fängt der Zachenhesselhans zu reden an, »daß

ihr Euer Heimatland für nix hinwerft, rein für nix! Wenn's nur eine

_Kunst_ wär, um die ihr treulos seid! Aber das wär mir auch eine Kunst!

So was bringen wir daheroben mit auf die Welt. Aber das langt fei zu

für's Häusl und für den Wald, aber nicht für's Reisl und für die Welt.

Und die feinen Stadtleut, die hören sich rasch satt daran und haben

andere, die ihnen für ihr Geld schon eine bessere Musik machen. Aber

so was könnt's Ihr nicht, Leutln, dazu braucht's ein Stu--di--um. So

heißt man das, Landfahrer. Wirst's eh wissen.«

Der Zachenhesselhans glomm sich sein Pfeiflein an. Das sagte dem

Hans-Tonl: wir sitzen beisammen solange die Mittagsstunde über die

Bergwiesen geht. Und der Hans-Tonl tat sein Jöpplein an, das er den

Berg herauf unter dem Arm getragen hatte, legte ein Bein über das

andere und kreuzte die Arme über der Brust.

»Daherauf auf den Sonnenwirbel hab ich fei immer ein Sehnen gehabt,«

meint der Tonl, »schon wie ich mit den Ziegen auf den ›kalten Winter‹

getrieben bin ...«

»Der ›kalte Winter‹ ist der Berghang jenseits vom Sonnenwirbel,« fügt

der Zachenhesselhans hinzu und schaut den Landfahrer dabei an, »der

liegt im Widerschein (an der Schattenseite), und dort kann einer fei um

Walpurgis probieren, ob er's Hörnerschlittl noch lenken kann oder die

Hitschen (kleiner Schlitten).«

Der Seppl stand von der Holzbank auf und setzte sich ins Gras, mit dem

Blick nach der schattigen Hauswand. Die Augen liefen ihm über. So blank

ging der Mittag durch die Welt. Der alte Mann schließt die geröteten

Lider. Hernach geht er zum Brunnentrog und netzt sie mit dem glasklaren

Quell.

Ueberdem steht der Hans-Tonl von seinem Sitz auf und geht einen

Steinwurf weit hinüber auf die Halde. Wo der Grenzstein ist, steht er

still und überschaut das Gelände. --

Es ist ein sanftes Wehen im kniehohen Gras: der Mittagswind hat sich

mit den Halmen zu bereden. Das ist ein heimlicher süßer Zwiespruch und

alle Hälmlein und Rispen erheben ein sanftes Singen. Und der Wind läßt

seine weiche Hand darübergehen. Darum ist ein Wiegen im Berggras und

ist ein warmer Duft darüber. Der ist herabgeschwommen von den Wiesen um

die Unruh und um den Sonnenwirbel. Dort sind sie heuen.

Warum ist denn noch kein Heu ums Zechenhäusl? Warum kann denn dort der

Wind noch mit dem hohen Gras reden?

»Jetzt,« sagt der Zachenhesselhans, der dem Tonl eine Weile zugeschaut

hat, -- »der Tonl sieht sich das Seinige an und denkt: da könnt

einer daheim sein! Ein Häusl für zwei und die noch kommen hat an der

Berghalde Platz. Und luftig und lustig ist's daheroben wie nirgend

sonst im Waldland. Und der Zachenhesselhans ist auch in der Nähe. Da

können die beiden mitunter ein kluges Wörtl reden.«

Aber der Tonl hört's nicht. Der legt den Finger an die Nase.

»Der Grund ist der seinige; den hat sein Vater selig gekauft,« sagt

der Zachenhesselhans zum Seppl, der sich die Hand schützend über die

schmerzenden Augen hält. Wie der Tonl die Haldenfläche so mit den Augen

mißt, ruft der Alte vom Zechenhaus hinüber:

»Tonl, meinst etwa, 's wär zu klein? Wenn Du eh willst, mir ist das

meine feil!«

Ueberdem kommt der Tonl herüber, damit er besser hören kann.

»Jetzt -- wenn ich seh, daß ich noch kein Heu gemacht hab im

Juliausgang,« sagt der Zachenhesselhans, »weil ich's fei nicht mehr

brauchen kann und weil niemand ein Geld dafür geben mag, jetzt ist mir

das Grasland feil. Aber ein anderer als der Tonl kriegt's nit. Und das

beding ich mir: ein Gärtlein ums Zechenhäusl bleibt auch für mich. Aber

das andere, wenn Du magst, kannst haben.«

»Dem Zachenhesselhans wär sein Grasland feil?«

»Hast's eh gehört.«

So kauft der Tonl dem Zachenhesselhans sein Grasland bis zur Unruh hin

ab, rechnet das seinige hinzu und sagt:

»Das trägt sechs Kühe. Meint der Zachenhesselhans dasselbe?«

Er meint's und der Kauf ist fertig.

Einen Schriftsatz braucht's nicht. Im Waldland gilt das Wort.

Wie sie noch reden, kommt der Helari den Steig von der Unruh herüber.

»Grüß Gott, Helari! Hast fei auch vom verlorenen Sohn gehört, der

wiedergefunden worden ist?«

Der Helari reicht dem Landfahrer die Hand.

»Auf Dich kann ich noch denken, Schmied-Seff-Pepp. Ich bin dazumal so

ein Bübl gewesen.«

Er macht mit der Hand ein Zeichen in die Luft und muß sich ein wenig

dabei bücken.

»Und noch eins, Helari: der Hans-Tonl hat sich ein Astl gesucht, worauf

er sein Nest bauen will.«

Im Umkehren wußte der Helari: der Hans-Tonl nimmt sich zum Herbst

das Wawrl vom Sonnenwirbel, der Wurzltonl wird dem Hans-Tonl sein

Schwiegervater und der Hans-Tonl baut sich sein Haus neben die Unruh

und das Zechenhäusl. Eh der Bergwind Flocken treibt, haust der Tonl mit

seinem jungen Weib darin.

Und das Wawrl, das auf dem Sonnenwirbel im Heu ist, weiß noch gar

nicht, was der Hans-Tonl zwei Steinwürfe weit an der Berghalde

zurechtmacht.

Wie der Tonl nach dem Bergstock greift, den er neben die braune

Bank an die Schattenwand der Hütte gelehnt hat, schlägt sich der

Zachenhesselhans vor Freude auf das Knie, daß ein Echo aus dem Wald

ruft.

»Leutl, das g'freut mich! Jetzt -- warum hat denn der Tonl das Meinige

noch gemocht? Vieh will er halten. Das ist der Richtige, der Tonl! Ihr

versteht's all nicht, Leutln, das Wirtschaften; auch der Helari nicht.«

»Hui,« sagt der Helari und: »so wird mich der Zachenhesselhans der

selber kein Stückl Vieh im Stall stehen hat, belehren müssen.«

»Wird er, wird er,« lacht der Zachenhesselhans. »Und jetzt trinken wir

einen. Setzt Euch fei noch auf eine Pfeif Tobak. Ich bring einen und

Ihr nehmt's einen, und der Zachenhesselhans sagt Euch, wie er über

das Viehhalten denkt und warum er meint, daß Ihr im Waldland mit der

Viehwirtschaft auf dem Holzwege seid.«

Der Zachenhesselhans springt wie ein Junger, bringt das Steinkrüglein

mit dem Trunkelbeerschnaps, den die Mali angesetzt hat, und schenkt ein.

Wie ein jeder getrunken, und wie der Beißer einen jeden herzhaft

abgeschüttelt hat, nimmt der Zachenhesselhans den seinen, stellt den

Steinkrug unter die Bank und stülpt das Glasl dem Krüglein auf den Kopf.

»Nimm eine Pfeif Tobak,« sagt der Hans zum Helari, reicht ihm die

Schweinsblase und raucht sich sein Pfeifl an. Der Helari tut's ihm nach.

Der Helari, wie sein Pfeifl brennt, hockt sich ins Gras und schlingt

die Arme um die Knie. Der Hans-Tonl setzt sich noch einmal auf die

Holzbank neben den Zechenhäuslmann.

»Ihr sollt's was ganz neues hören, Leut! Wenn einer so sechzig Jahr in

der Bergeinsamkeit gesessen, finden sich allerhand Gedanken zu ihm.

Wenn der Schnee auf den Wald fliegt und der Hans-Tonl hat unter dem

Schnabeln Zeit, zu reden, nachher will ich mit ihm fei auf manch guten

Plan denken. Jetzt -- von dem Vieh wollt' ich Euch ein Wörtl reden.

Am Sonnenwirbel: Eine Dorfgeschichte · 第 29 / 57 题