Der Zachenhesselhans hat sich ein fichtenes Stämmlein im Walde
geschlagen. Dazu muß einer ausgehen, wenn der Waldheger unlängst des
Weges gezogen. Hat eh seinen Zorn auf die Waldheger, der Hans! Vordem
sind so Leute weithin nicht gewesen im Gebirg, und der Forst ist
dennoch gewachsen wie heut auch, nur daß den Leuten, die daherum in
der grünen Bergeinsamkeit daheim sind, das Leben ein wenig lustiger
erschienen ist, als heutzutag. Aber --: verzürnen wir uns nicht
über die Heger, denkt der Hans. Es ist noch Raum genug für einen
rechtschaffenen Wäldler trotz derlei Leut, und ist auch Zeit genug, zu
treiben, was einer mag.
Freilich, vordem, da ist einer wie der Zachenhesselhans wohl auch
einmal auf das Rehböcklein gegangen und hat rechtschaffen genau
gewußt, wo und wann das Böckl auf den Hau heraustritt. Wenn der Hans
aus dem Zechenhäusl einmal den Stutzen hochgebracht, dann: gute Nacht
Du liebes fröhliches Waldleben! Ein Krach -- und noch ehe das Echo in
den Schründen sich verlaufen, hat der Bock auf dem Rasen den letzten
Schnaufer getan.
Wenn einer jung ist! denkt der Hans. Aber halt der Schnee, der einem
ins Haar schneit, und das Augenlicht! Ist nicht alles mehr wie vor
vierzig Jahren. Und just auch das Denken -- ein Bürschl von zwanzig
Jahren denkt anders als eins von sechzig.
Der Zachenhesselhans, der gerade dabei ist, mit der Axt die Aeste von
dem Fichtenstämmlein zu trennen, hält ein wenig inne.
Ist da nicht einer durchs Holz gegangen?
An solch einem Abend, wenn die letzte Sonne rot in den Wipfeln brennt
und der Heuduft von den Halden ganz leise hereinschwimmt in den
Harzhauch der Wälder, da hört einer die Gräser reden und die goldenen
Tropfen des Abendlichts aus den Fichten ins Moos fallen.
Der Zachenhesselhans lehnt die Axt an den Hackstock und schleift das
Fichtenstämmlein an die Hüttenwand, wo der Graben herniederläuft. Dann
schiebt er mit dem Fuße das Brett darauf, das auch sonst den Graben
deckt.
Er geht ein Stück über den Schlag bis in die Fichten und glimmt sich
sein Pfeifl an. Die Flamme am Zündholz drückt er sorgsam mit Daumen und
Zeigefinger aus.
»Der hätt's eh sagen können,« meint der Hans und schaut dem Mann eine
Weile zu, der durch Heidekraut und Schwarzbeeren den Waldhang herauf
sich einen Weg sucht.
»'s geht eh schwer, Mannl, mit so einem Hücklein Jahre auf dem Rücken.
Da hat sich einer gewöhnt, bergein zu laufen.«
»Wohl, wohl,« sagt der Mann und hält im Steigen inne, indem er sich auf
seinen Wanderstock stützt.
Der Zachenhesselhans sieht: der Alte kommt aus dem Niederland, denn
sein Stock hat die Tage daher noch als junge Erle an einem Wiesenbache
gestanden. Und Erlen wachsen im Waldgebirg nimmer.
»Grüß Gott,« sagt der aus dem Zechenhaus, »grüß Gott!« und reicht dem
Alten die Hand entgegen. »Kommst fei weit her und hast Dich zum ersten
Mal ins Waldland verlaufen?«
»Fei nit,« antwortet der andere, tut die Gitarre vom Rücken und setzt
sich ins Moos.
»Hui,« sagt der Zachenhesselhans, wie er so reden hört, »bist gar ein
Waldleutl und landfahrend gewesen die Jahre her?«
»'s mag wohl sein,« darauf der andere.
»Leicht auch so einer von denen, für die 's Waldland zu arm war und die
draußen ums Geld singen und Saiten schlagen? Mannl, die finden sich
alle wieder heim ins Gebirg! 's geht ihnen am besten da, wo sie daheim
sind. Wohin willst denn noch diesen Abend?«
»Je nun,« sagt der andere, »auf's Zechenhäusl und die Mali wiedersehn.«
»Wen willst sehn? Die Mali? Da bist ein wenig zu lang außen geblieben.
Die Mali ist mittlerweile davongegangen.«
Der Zachenhesselhans faßte sich an die Stirn.
»Davongegangen sagst?« fragte der andere.
»Freilich. Der Frühling hat sie mir umgebracht, wie er ins Waldland
fuhr. Im fünften Monat schläft sie nun. Aber Du -- ich besinn mich,
bist doch nicht der Mali ihr Bruder, von dem sie gesprochen hat, als
wär er tot?«
»Der dürft ich wohl sein. Jessesmaria, der Weg war weit! Und nun --
er ist doch nur gegangen worden, daß einer wieder drauf heimkommt ins
Stückl Welt, auf dem er jung geworden. Und so bist Du der Hans Günther,
der die Mali gefreit hat?«
»Der bin ich, der Zachenhesselhans. Wie sie drinnen in Gottesgab
das Häusl verkauft haben, aus dem die Mali heraus ist und das dem
Schmied-Seff gehört hat, haben wir uns das Zechenhäusl im Bergwald
gekauft. Wirst Dich fei wundern: allerhand andere Leut sind wohnhaft im
Waldland und nur hin und her ist noch einer, der von Dir, dem Josef,
redet. Sie heißen Dich, weil Du der Sohn vom Schmied-Seff bist, den
Schmied-Seff-Pepp. Sind ihrer aber nimmer viel, Alter, die von ihm
wissen. Wenn einer länger als vierzig Jahr mit dem Singspiel durch
die Welt gefahren, zählt er im Bergwald zu den Toten. Na, weil der
Schmied-Seff-Pepp sich nur wieder heimgefunden! Er wird woltern Hunger
haben, der Seff?«
»Wohl, wohl,« entgegnete der Alte, nachdem er eine Weile sinnend aufs
Waldmoos gestarrt, »Hunger, daß es einer haußen hört.«
»So komm, Mannl! Reichlich war's im Zechenhäusl nie, aber für zwei
hat's noch immer gelangt.«
Der Zachenhesselhans reichte dem müden Manne die Hand und zog ihn vom
Waldboden empor.
Die Nacht kroch hinter den Schreitenden drein, kroch aus den Tälern
über den Fichtennadelgrund und drückte die Sonnenflämmlein aus, die in
dem Heidelbeerkraut brannten oder goß silbernen Tau über das goldene
Licht, das da und dort aus dem Geäste geronnen. Sie hing ihre Schleier
in die Bergfichten. Sie blies die Sonnenfeuer aus, die noch auf den
Wipfeln wehten.
Aus dem Schornstein des Zechenhauses stieg ein Wirbel bläulichen
Herdrauchs. Stieg auch einer über dem Schindeldach der Unruhe. Die
kräuselnde Rauchsäule droben auf der Unruh stand kerzengrad gegen
den reinen Sommerhimmel. Aber das Schindeldach der Hütte hielten die
Fichten dem Zechenhäusl verborgen -- »'s möcht neidisch werden sonst,
das Zechenhäusl,« sagte der Zachenhesselhans, »denn von den Schindeln
sieht einer auf dem Zechenhaus fei nix mehr. Die hat ein grünes Moos
weich übersponnen, aus lauter Lieb zum Zachenhesselhans, damit im
Winter der Schnee nicht auf sein Strohbettlein stiebe.«
An jenem Abende tat der Alte vom Zechenhause das Schwammsäckl vom
Balken über dem Ofen und kochte dem wegmüden Landfahrer ein duftig
Pilzsüpplein.
»Die Schwämme hat die Mali im letzten Herbst noch eingebracht, Mannl,«
sagte der Zachenhesselhans. »Hat eh nicht geglaubt, daß sie dem
heimkehrenden Bruder ein Nachtmahl bereitet damit.«
Dann ging die Stille durch die Stube, weil sich Herzen mit einer Toten
beredeten.
Sie hatten ihr viel zu sagen; denn das Schweigen war lang und
tief. -- --
»So,« hub der Hans nach einer Weile wieder an, »die Gitarr will ich
derweil an den Nagel hängen. Nicht, weil ich ein Liedl nicht möcht,
sondern weil ich mein': ihr zwei versteht Euch wohl miteinander
aufs Fahren, aber nicht aufs Seßhaftsein. Und jetzt, wenn Du Dein
Schwammsüppl weghast, möcht sie wohl gar zu Dir ein Wörtl reden und
Dich gemahnen: Sepp, fahren wir heut nimmer? Einer, der heimatlos
worden, und sein Lebtag kein Stückl Land gebaut und liebgehabt hat,
der kann solch ein Reden nicht hören. Für den ist das ein Locken,
unwiderstehlich, mein' ich. Aber, ich denk, Mannl: wir zwei bleiben
eine Zeit mitsammen im Zechenhäusl. Und eh die Gitarr und Dein
landfahrend Herz auf Deine verlaufene Seel einreden, vergunnst mir
wohl ein Wörtl. Wenn's ein wenig poltert, na -- so laß Dir's nix
machen. 's ist nit bös gemeint, Mannl. Aber weißt Du, eine Lust mach
ich mir drauß. Jetzt -- auf so einen, wie Du einer bist, hab ich fei
lang gepaßt. Nu läuft er mir justament in die Quer. Und wenn ich nicht
gedacht hätt, Du wolltest Dich erst mit der Mali ein wenig bereden,
weil Du so vierzig Jährlein keine Zeit dazu gehabt hast, hätt's schon
begonnen -- ich mein': das, was wir zwei miteinander zu reden haben.
Ich hab mir nämlich da in meiner Bergeinsamkeit ein Exempel gemacht.
Wie ich zwanzig war, hab ich mit rechnen angefangen und hab damals
gedacht: Hansl, hab ich gedacht, Dein Exempel stimmt nicht. Und
hernach, so oft's mir schlecht gegangen ist im Wald -- 's laßt sich
zählen, Mannl! -- hab ich wieder gemeint, die Rechnung stimmt nicht.
Aber: die Rechnung stimmt doch, stimmt, und Du bist mir die Probe
darauf. Siehst Du, hast 's woltern weit gebracht: bist die Probe auf
das Exempel, über dem der Zachenhesselhans sein Leben lang gerechnet
hat. Und was dabei rausgekommen, Mannl? Viel is fei nit.«
So, die Gitarr hängt in der Ecke am Nagel. Der Landfahrer sagt: dort
könn' er sie sein Lebtag nimmer entdecken.
»Hui,« macht der Zachenhesselhans, »warum denn nicht?«
»Ja,« antwortet der Musikmann, »von dem allen, was ich dermaleinst mit
aus dem Wald genommen, hab ich nicht viel wieder mit heim gebracht.
Zwei frohe blanke Augen sind auch dabei gewesen -- sind aber draußen
geblieben. Und die, die ich wieder hereingetragen, die mögen fei nimmer
wert sein, daß einer sich noch lang damit schleppt.«
»Hui,« sagt der Zachenhesselhans noch einmal, »Mannl, Du hebst mir nit
fein zu singen an! Und deswillen bist landfahrend worden?«
»Wenn einer am End vom Wege steht, ist er alleweil klüger als am
Anfang,« entgegnet der Sepp und zuckt wehmütig mit den Achseln.
»Ich denk, heut ist eine Nacht, die man vorm Häusl verbringen kann.
Sind nicht viele daheroben, wo der Bergwind König ist. Und wenn der
Wind sich irgendwo verschläft, so ist's ein Nachttau, der fällt, daß
die Fichten triefen,« sagt der Alte vom Zechenhaus und schreitet mit
dem wandermüden Manne hinaus vor die Hütte.
Auf der braunen Holzbank ließen sich die beiden nieder. Der
Zachenhesselhans glomm sich die Pfeife an, guckte noch einmal nach dem
Dach, über dem noch immer die Rauchsäule stand und meinte:
»Zu dritt rauchen sie ihr Abendpfeiflein: der Zachenhesselhans, das
Zechenhäusl und die Unruh. Das Zechenhäusl aber möcht 's ausgehen
lassen vorm schlafenlegen. Plauschen wir ein bißl, mittlerweile raucht
's aus.
Und Du, Mannl, Du hast 's vor mehr denn vierzig Jahren gar nimmer
aushalten können im Waldland, in dem Du zuerst auf Deinen Beinen
gestanden? 's ist Dir damals schlecht gegangen, gelt, fei schlecht?«
Der Zachenhesselhans zwickt Dich, Schmied-Seff-Pepp! Jetzt -- wenn
Dir's weh tut, halt still; denn der Zachenhesselhans will Dir Einstand
geben. Der Mali ihr Platz ist noch leer, und ein Oertl, auf dem Du
daheim bist, tät Dir not und wär Dir schon recht. Jetzt -- Seppl, wenn
der Alte vom Zechenhäusl wieder zwickt, halt still!
»Dein Vater selig is der Schmied in Gottesgab gewesen und sein Jüngl,
das sie auch Josef nannten, das war der, dem an seinem Vater das
rußschwarze Gesicht nit gefiel. Ei, hat der gedacht, das Saitenschlagen
ist eine feinere Kunst als das Eisenschlagen und das Liedlsingen
leichter als das Hammerschwingen. Und dem Seppl ward's zu eng im
Waldland; denn er war klüger als seine Leut.
Da nahm er eines schönen Tags das Singspiel auf den Rücken: ade, Vater,
und: lebt's schön wohl, Mutter, tat sich sein neues grünes Hütl auf,
gab noch ein paar schöne Federn drauf und fort ging's. 's führen viel
Wege vom Gebirg.
Und wie der Seff-Pepp in die Stadt kommen ist -- beim Karlsbad wird's
angefangen haben, und dann hinein ins Deutschland; denn das Waldland
zwischen Fichtelberg und Keilberg, Plessen und Spitzberg ist ja so
gar eng -- jetzt, hat er gedacht: das grüne Hütl aus dem Bergwald
taugt nix, und die Joppen aus der Waldöde ist nicht fein. Da muß ein
neues Hütl sein und ein glattes Jäcklein; denn des Abends spielt der
Seppl auf in den Gasthäusern. Jetzt -- da hat er sich mit andern
zusammengefunden, die nirgend und überall daheim sind. Seine Sprache
hat ihn verraten. Und da haben die Leutlein aus dem Erzgebirg eine
»Wiener Damenkapell« zusammengestellt. Sowas klingt großartiger im
Deutschland. Wer weiß denn, daß so Leutlein, wie ihr, aus dem Waldland
kommen? Na, und jetzt -- da habt's gehockt bis nach Mitternacht und
habt's den feinen Leuten eins aufgespielt als die »Wiener Damenkapell«
oder »Die Veigerl vom Donaustrand«. Seht's, da habt ihr Euch Eurer
Heimat zum andern Mal geschämt.«
Seppl, halt still! Der Zachenhesselhans zwickt Dich. Weh tut's, aber
recht hat er. Halt still, Seppl, auf dem Zechenhäusl ist der Mali ihr
Platz leer!
Dem Zachenhesselhans ist die Pfeife ausgegangen. Er weiß es nicht,
saugt am kalten Rohr und meint: nicht einmal mehr vor einer Pfeif Tobak
hat das Mückenvolk Respekt.
Der Wald steht schwarz und still wie eine Mauer. Ein Käuzlein ruft aus
dem Grund herauf, und aus den Wipfeln im Tal spinnen sich die Nebel
hervor. Die legen sich in weißen langen Streifen über die Gründe. Das
Wässerlein klingt in gleichmäßigem Fall in den Brunnentrog. Der Himmel
ist blank. Stehen nur wenige Sterne darin. Die Engel haben heut im
Waldlande zu tun, so himmelstill ist's dort, und haben keine Zeit, die
Lichter droben herauszustecken.
Das Zechenhäusl hat sein Abendpfeiflein ausgeraucht, justament wie der
Hans auch, -- und merkt's keiner als die Mücken.
»Jetzt« -- der Zachenhesselhans saugt am Pfeiflein und meint: er
sitz' in einer dichten Wolke Tabakrauch -- »jetzt: da ist die »Wiener
Damenkapell« in die Brüche gegangen ... Willst etwas sagen, Weltfahrer?
Sie hat gehalten? Gut. Hat sie -- so ein Jahrer sechs oder zehn, i,
was red' ich! Also: der Seppl hat sich gewöhnt, um die Morgenfrüh in
die Federn zu kriechen und dem Herrgott seine Tage zu verschlafen. Des
Nachts hat er gewacht, hat gesungen und Bier getrunken -- hat eine
verkehrte Welt gemacht. Jetzt -- da hat sein schöne Singstimme einen
Riß gekriegt, und die Gitarr hat nichts mehr recht gemacht. Von da ab
ist der Seppl auf die Dörfer gezogen und hat auch wieder manchmal an's
Waldland gedacht.