Der Frühling hat dem Zachenhesselhans sein Weib umgebracht.
Der Zachenhesselhans hat das kommen sehen und hat's den Waldleuten
schon im Winter gesagt: die Märzstürme werden das müde Lebenslämplein
der kranken Frau ausblasen. Und die Märzenstürme brausten über das
Gebirg und brachen die Forsten.
In der einen Nacht, in der die Bäche in die Täler stürzten und das
Donnern in den Wäldern war, weil die große Schlacht auf dem Kamm des
Gebirgs geschlagen wurde, in welcher der Frühling Sieger blieb, da
ist's geschehen. Alle Ritzen hat der Sturm gefunden -- waren ihrer
viele im morschen Haldenhause -- und hat darauf geblasen. Wilde
schauerliche Lieder hat er gewußt, und droben, zwischen Schindeldach
und Giebelwand, hat er mit einem Arm hereingelangt und das wehende arme
Flämmlein ausgedrückt.
Droben unter dem Schindeldach auf dem Stroh ist der Zachenhesselhans
mit seinem Weibe gelegen.
Weil der alte Mann in den Sturm lauschte, um zu hören, ob der wilde
Waldläufer das Dächlein des Zechenhäusls eintreten oder mit seinen
Armen packen und in den rauschenden Bergwald werfen wolle, vernahm er
gar nicht, wie das müde Leben an seiner Seite leise verwehte.
So ist es gekommen, daß der Zachenhesselhans mit seiner toten Frau
redete bis das Grau der Morgenfrühe durch das Schiebfensterlein des
Giebels rann. Und der Tag, der sich durch die verstaubten Scheiben
tastete, hinter denen im Spinngeweb ein vorjähriger Sommervogel hing,
sagte dem Zachenhesselhans ins Ohr:
»Alter, schau Dich nach Deinem Weib um. 's hat all die Zeit her kein
Wörtl für Dich gehabt. Geh, schau fei nach -- ich mach Licht!«
Da hat sich der Zachenhesselhans, der auf dem Stroh lag, auf den
rechten Arm gestützt und sich über die Frau gebeugt.
»Du,« sagt' er, »'s möcht Zeit sein zum aufstehen.«
Und wie er sich tiefer über das welke Gesicht neigte, wehte darüber
nicht mehr der warme Hauch des Lebens.
»Du,« wiederholte der Alte sanfter. Er hatte sein Weib durch vierzig
Jahre nicht zweimal rufen müssen. Und wie er ihr seine harte Hand
auf die Stirne legte und hernach auf die Brust, da wußte der
Zachenhesselhans, daß er fortan seinen Weg allein zu gehen habe.
»Na,« sagt' er, »'s ist so nimmer weit. Ins Grab werd' ich mich allein
finden. Aber Du, Du hast all Dein Leid und Freud mit mir geteilt und
nun zum End bist mir so heimlich davongegangen, gar um die Mitternacht
und bei dem Mordssturm ... Ich hab's eh gewußt: wir beide werden fei
nimmer Seit' an Seite mit der Kraxen den Berg heraufsteigen.«
Dann erhob sich der Zachenhesselhans vom Stroh, nahm die Mütze vom
Nagel und ging barfuß in die graue Frühe. Vor dem Haldenhäuslein hatte
der Wind eine Fichte über den Pfad gelegt und da noch eine. Der alte
Mann hielt ein wenig Umschau. Da herein war die Schlacht geschlagen
worden. Wer weiß, wie weit in den Forst, wer weiß, wie tief in das Tal.
Er stieg über die gefällten Fichten; die Kronen der Waldbäume warfen
einen Schauer von Eiskörnlein und silbernen Regenkugeln über ihn.
Er ging über den Holzschlag, er ging lehnan bis an die Hütte, die an
der Berghalde über dem Zechenhäusl liegt. Die nennen die Leute die
›Unruhe‹.
Als der Helari, der drinnen mit dem Span das Stalllämplein gähnend
antat, die Haustür in den Angeln kreischen hörte, wendete er lauschend
den Kopf:
»In der ›Unruhe‹ liegen sie noch auf dem Stroh. Hätt'st fei gern was,
Zachenhesselhans?« fragte der Helari. Er blies den Span aus und schloß
das Türlein der Windlaterne.
»Die Mali ist mir diese Nacht davongegangen -- ganz heimlich. Ich hab's
eh gewußt: der Frühling bringt mir mein Weib um.«
Der Alte setzte sich auf die Ofenbank, zog die Pfeife aus der Tasche
der Lederhose und tat schweigend das Schnürlein vom Beutel. Während er
stopfte und den Span, den der Helari immer noch in der Hand gehalten,
am Stalllämplein in Brand steckte, und während er den grauen, süßlich
riechenden Tabakrauch zwischen den Lippen hervorstieß, fuhr er fort:
»'s ist fei eine schlimme Nacht gewesen, Helari. Ich hab gemeint, es
wollt mir das Zechenhäusl gar forttragen.«
Darauf forschte der Helari, wann's gewesen sei, daß der Mali das Herz
gebrochen. Der Alte schlug den Deckel der Pfeife auf und drückte mit
der Spitze des Mittelfingers auf die Glut. »Klapp« machte der Beschlag
des Pfeifenkopfes und »hm« sagte der Zachenhesselhans, »denkst etwa,
die Mali hat ein Wörtl gered't? Ganz leis hat sie sich von dannen
gestohlen und hat mir fei nimmer den Abschiedsgruß vergunnt. Solch ein
Einschlafen -- wenn einer haben könnt' ...«
Die Holzstiege herab, die auf den Hausflur führte, stieg dem Helari
sein Weib. Die Resl hatte droben die Männerstimmen vernommen; nun wußte
sie schon: die Mali ist in der Nacht gestorben und der Zachenhesselhans
ist da und will zum Leichetragen bitten.
Die beiden Kühe im Stalle klirrten mit den Ketten, und die Schweine
meinten, es wär eh Zeit zum füttern. Draußen lehnte der Morgen grau und
mißmutig an den Scheiben.
»Nun haben wir wahrhaftig auf eine Pfeif Tobak beisammengestanden,«
sagte der Alte vom Zechenhaus und klopfte den Pfeifenkopf am Rohr
aus. Dann stopfte er von neuem, glomm an und schritt barfüßig in die
Frühdämmerung. Hinter der ›Unruh‹ stieg er den Wiesenpfad empor; ein
schmaler Steig war's, über den sich da und dort noch ein Streifen
schmutziger Schnee spannte. Der Märzwind schlug klirrend Eis und Regen
in die Bergnebel. Droben aus den Sonnenwirbelhäusern rann müdes Licht
in das träge Grau der Frühe. Manchmal warfen die Nebel ihre Netze
auf das Bächlein Licht, das von dort in die Graudämmerung floß. Da
versiecht' es. Dann war's wieder da. Und der Märzenwind heulte über die
Halden und die Nebel flatterten wie zerfetztes Linnen in den triefenden
Tag.
Auf dem Sonnenwirbel erzählte der Zachenhesselhans, was ihm die Mali
angetan, und bat zum Leichetragen. Der Peter, den sie den Einräumer
nannten, weil ihm die Pflege und Räumung der Straße nach dem Keilberg
oblag, kraute sich hinter den Ohren als er's hörte.
»So möcht' kein Frieren werden die Tage her,« hub er an, »daß wir mit
dem Sarg fei heil die Halden hinabkommen.«
Und die Mahm, was die Mutter vom Peter ist und die Großmutter vom
Peterl, setzt ihr Tranlämplein auf die Ofenbank und sich daneben,
faltet die Hände im Schoß und spricht ein leises Gebet.
Nur die Schatten liefen lautlos über die Wände, und nur die Uhr im
Kasten konnt' ein Wörtl reden: tot -- tot -- tot, sagte sie.
Wie die dreie eine Weile geschwiegen, gingen der Zachenhesselhans und
der Peter zum Hachtl und zum Wurzltonl. Die hausten mit ihren Frauen
und ihren Kindern in der andern Hütte am Sonnenwirbel. Nun wußten die
Waldleute miteinander: wir haben eine Leiche und am Freitag ist der
Grabgang.
Darauf glomm sich der Zachenhesselhans die Pfeife an und schritt
kreuz und quer den Waldhang hinab. Der Wiesensteig durch das borstige
Gras ist glitschig; da kann einer im Rauhnebel nicht zu Tale. Auf dem
Nadelgrund des Bergwalds ist leichter schreiten.
Wie der Alte ins Zechenhäusl trat, lief der Tag hinter ihm drein und
der Wind warf einen Haufen moderduftigen Nebel nach. Der kroch in den
Flur, der kroch in die Stube.
Der Zachenhesselhans ritzt ein Zündholz an der Lederhose an und legt
Feuer in den Kachelofen. Das Reisig knackt. Eine Weile kniet der Alte
vor dem Ofenloch; dann wirft er eine Wurzel in den Brand und noch eine.
Er geht vor die Tür, wo der Wind den Wasserstrahl vom Röhrbronnen
reißt, und schöpft. Er setzt den Topf in den Ofen und geht in den
Stall, die Kuh zu besorgen. Die brummt, als sie den Hans erschaut.
»Du, heut kommt ein andrer zum melken, Scheck, die Mali ist uns
verstorben. Und wir zweibeide werden nimmer lang mitsammen hausen.«
Wie der Zachenhesselhans so redet und der rotweißen Kuh das Heu in die
Raufe wirft, zittert ihm die Stimme.
»'s ist fei anders worden übernacht. Vielleicht, daß sie Dich beim
Hachtl auf dem Sonnenwirbel brauchen können.«
Dann schwenkt der alte Mann am Röhrtrog den Melkkübel aus, der draußen
auf ein Zaunlättlein gestülpt ist, setzt sich unter die Kuh auf den
Schemel und die weißen Milchbrünnlein zischen in die Gelte.
»Wenn die Mali erschaut, daß sie Dich aus dem Zechenhäusl treiben, tut
ihr meiner Seel noch einmal das Herz weh. Aber dies Leid müssen wir ihr
fei antun, der Mali, Scheck! Wir zwei -- das tät eh kein gut.«
Der Zachenhesselhans schob das Türlein empor, durch das die Hühner
schreiten. Die lauerten schon lange vor dem verschlossenen Pförtlein;
denn durch das Fenster über der Stalltüre schaute der lichte Tag.
Im Hausgang spann der Nebel, spann um die unteren Stiegen, kroch aber
nicht die Treppe hinan -- weil ein Toter droben ist?
Der Zachenhesselhans schloß die Stubentür hinter sich und brach Brot
in die Milch, zum Frühsüpplein. Während er den Löffel am Schüsselrand
abstrich, gingen seine Augen hinaus in den Nebel. Die Bergfichten
schwankten, und die Wipfel quirlten in dem triefenden Grau. Alle Gipfel
waren verhängt. Der alte Mann fand keinen Weg in die Weite.
»Daheimbleiben, Zachenhesselhans,« sagte er, »daheimbleiben! Was Du
zu sorgen hast, ist im Zechenhäusl. Wird eh wieder ein Sonnenstrahl
kommen? Wohl, wohl. Aber bis in die Tage der Sonne ist ein langer
stiller Weg.«
Dann wischte der Alte den Blechlöffel am Joppenzipfel sauber und hing
ihn in den Einschnitt am Zinnbrett. Er schwenkte das braune Schüßlein
am Brunnentrog und stürzt' es auf den Ofen, damit's ablaufe. Dann stieg
er die Holztreppe empor.
Da liegt die Mali auf dem Stroh wie vorhin, und der Tag streichelt ihr
mit der kalten Hand die bleiche Stirn.
An der anderen Giebelwand, an der auch die alte Harfe lehnt, die die
Mali in ihren jungen Jahren gezupft hat, weil sie mit den Ihrigen
landfahrend war, steht der Sarg. Es ist allerhand Holz und sind
mancherlei Abfälle darum- und darübergestapelt.
Der Zachenhesselhans trägt alles beiseit -- leise, leise; denn die
Mali schläft. Mit dem Gansflügel streicht er den Staub zusammen und
die Spinnweben, die das Leben um den Sargdeckel gewoben. Dann trägt er
den Deckel und hernach das Sargbette die Holzstiege hinab, richtet den
Sägebock und den andern, auf dem er des Winters den Hafer ausschlägt,
und stellt den Sarg darauf. Hier soll die Mali liegen die drei Tage.
Und er tut ihr das schwarze Feierkleid an und nimmt die tote Frau in
die Arme. Er trägt sie die Stiege hinab und bettet sie.
»Nun ist Ruh',« sagt' er, wie er sie hingelegt hat, »nun will ich Dir
den Schlaf nimmer stören, Mali.«
Und er faltet ihr die Hände über den Schoß und geht hinaus, bricht
grünes Fichtenreis einen Armvoll und breitet's um die Tote.
»'s ist die letzte Lieb', die ich Dir tun kann, Weiberl, fei die
letzte,« sagt er und drückt der Toten die stillen kalten Hände. Und
wie der Zachenhesselhans die harzduftigen Reiser um sie legt, fallen
seine Tränen in das frische Grün. --
Am Freitag klang von St. Joachimsthal herauf das Sterbeglöcklein.
Das gab dem stillen Zuge das Geleite durch den Wald. Wie sie über
die Pfarrwiese schritten, setzten sie den Sarg ab und hinter dem
Forsthäuslein noch einmal. In den Wipfeln rauschte der Frühlingssturm;
der Frühlingssturm sang um das Grab, und der Frühlingsregen sprühte
hinein.
So haben sie die Mali aus dem Zechenhäusl begraben.
Nun war der Zachenhesselhans allein mit sich und seiner Einsamkeit.
Die rotweiße Kuh trieb der Hachtl am selben Abend in das
Sonnenwirbelhaus.
»'s wird Dir eh schwer werden, Dich von dem Vieh zu trennen,« sagte
die Resl, die mit dem Helari von der ›Unruh‹ herabkam, als der Tag
in den Wipfeln auslöschte. Die beiden waren dem Hachtl beim Auftrieb
zum Sonnenwirbel begegnet. Die Resl tat eine Handvoll Reiser in den
Brand und der Zachenhesselhans nahm aus dem Wandschränklein einen
Trunkelbeerschnaps.
»Mögt's einen?« fragte er.
»Gib her einen!« sagte der Helari und tat einen Zug. Der Alte steckte
das Tranlämplein an. Aus den Kacheln spann wohlige Wärme.
»Seid alle Weil mitsammen im Zechenhäusl gewesen,« meinte die Resl.
»An vierzig Jahr.«
»So geht die Zeit! Da ist mein Vater selig noch angefahren.«
»Wohl, wohl. Und dann war's mit dem Bergbau zu End'. Aus den
vierhundert Bergleuten wurden vierzig, aus den vierzig vier, -- und
dann hat das Klöppeln angefangen und das Landfahren der Männer. Sind
alle heimatlos worden! Damals ist der Zachenhesselhans gekommen und
hat die Mali gefunden. Das ist fei nix, hab ich gesagt, Mali, wir
bleiben daheim und schaffen im Wald; ich geh pechen oder meilern,
und Schwämme und Beeren und Holz hat der Wald für uns zwei genug. Da
haben wir uns das Zechenhäusl erstanden, weil's ja doch verfallen
wär so mitten im Wald, wenn kein Schichtglöckl mehr ruft, und sind
mitsammengangen vierzig Jahr. Aus dem Hans Günther vom Zechenhäusl ist
der Zachenhesselhans worden und aus der Zachenhesselmali ein totes
Weib. Gott geb Dir ruhsamen Schlaf, Weiberl! Am Ende find't einer
Deinen Weg auch bald.«
Der Zachenhesselhans goß einen neuen ›Beißer‹ ins Kelchlein, und der
Helari trank ihn. Dann schüttelte er sich bis ins Herz hinein.
»So einer hält warm,« meint' er. --
Als der Alte vom Zechenhaus am andern Morgen aus der Türe trat, rann
vom Bornständer ein silberner Strahl gleichmäßig in den Trog. Wenn das
Wasser so im Gleichmaß fällt, ist der Bergwind in den Wald gelaufen und
verschläft sich. Die Fichtenwipfel schwangen ganz leise und die Nebel
hingen träge darin. War auch ein sanftes Zirpen im Geäst.
Der Zachenhesselhans, wie er das vernahm, spitzte die Ohren und ging
ein Stück hinüber in die Fichten. Da war das Zirpen wieder, in allen
Bäumen war's. Der Hans tat die Hand vom Ohr und sagte:
»Nun hat einer keinen Leim im Haus! Wart ein bißl -- den werden wir
gleich haben.«
Er ging eilig zurück in die Hütte.
»Ein Flug Märzenzeisige ist am Sonnenwirbel ein rar Ding; aber gut sind
sie und dauerhaft; denn sie haben den Bergwinter überstanden. So ein
Sommerzeisig, der keinen ordentlichen Rauhreif aufs Röckl gekriegt hat,
der ist für die andern.«
Während das Leinöl und das Fichtenharz im Tiegel über den Flammen
kochte, trennte der Alte einen Ast vom Vogelbeerbaum hinter dem
Zechenhaus, säuberte den von den Zweigen und tauchte diese in den
verkühlenden Leim aus Harz und Oel. Dann steckte er sie sorgsam von
neuem in den Ast.
»So, damit wären wir fertig. Und nun Hansl, jetzt hilf Du,« sagte der
Alte und nahm den spannenlangen Käfig vom Fensterstein. Er spitzte den
Mund -- ›piep‹ machte der Vogel.
»Schön, schön,« sagte der Zachenhesselhans, »sehr gut. Dich setzen wir
im Käfig oben ans Aestlein. Siehst Du, soo -- und wie lockst Du?«
Der Vogel antwortete.
Auf den Zehen schlich der Alte über den Schlag und steckte den Ast in
den Waldgrund. Hinter der niederen Fichte, hinter welcher der Wind vor
Tagen den Stamm umgelegt hatte, hockte und lockte der Hans. Der Vogel
im Käfig antwortete.
»Gut so,« und »brav«, lächelt der Mann auf der Lauer und tut sich sein
Pfeifl an. Am Ende könnt einer sein Morgensüpplein dabei kochen, denkt
er.
Und weil der Wald still und nur der Lockruf des Gefangenen hörbar
ist, eilt der Vogelsteller in die Hütte. Milch -- ja so, eine Milch
ist nicht mehr im Zechenhaus; denn die Rotscheck steht auf dem
Sonnenwirbel. Jetzt -- einen Kaffee haben wir im Waldhaus und auch
eine Zichorie. Tut der Hans die Kaffeemühle vom Wandbrett und hebt
an zu mahlen, ein Viertel Kaffee und drei Vierteile Zichorie hinzu.
Wie das Wasser im Topf brodelt und ungebärdig gegen das Stürzlein
schlägt, denkt der Mann: jetzt ist der ganze Strich Zeisig auf den Leim
gegangen! Nun meiner Seel, wo sind denn alleweil so viel Käfige?
So, noch ein Schub siedend Wasser über das Seihtüchlein, aus dem der
braune Trank rinnt, und dann hinauf unter das Dach. Da hängen sie --
eins, zwei, drei -- neun Stück. Wird ohnehin nicht nothaben.
Der Zachenhesselhans tut die Gebauer von der Wand und vom Gebälk und
bläst einmal herzhaft durch jeden hindurch.
Da kommt die Sonne wahrhaftig über den Berg! Dort, wo der Nebel über
dem Walde brennt und das goldene Wirbeln und Wogen in der Frühluft ist,
dort kommt sie. Die Zeisige haben das früher gewußt als der Hans und
sind darum durch den Bergwald gestrichen der Sonne entgegen. Sieh da,
schon einen Haufen Gold wirft sie an das Giebelfenster!
Und so oft der Zachenhesselhans durch die Stäblein eines Käfigs bläst,
geht eine Wolke Staub heraus: die Mali hat ihr Tag einen Zorn gehabt
auf das Vogelstellen, darum hat die Zeit die Käfige eingestaubt.
Unten in der Stube hat der Hans die neun Gebauer auf den braunen Tisch
gestellt, probiert die Türlein und gießt Wasser in die Schalen und gibt
Körner daneben. Ueberdem nimmt er einen Schluck Kaffee und tut auch
einen Zug am Pfeiflein. Und jetzt -- die Wohnhäuslein sind bereit, wenn
wir nur erst die Vögel hätten!
Schon auf dem Flur und über die Schwelle der Haustür geht der
Zachenhesselhans auf den Zehen -- als ob uns einer das Vogelstellen
lernen müßte!
»Kruzitürken!«
Der Zachenhesselhans hält den Atem an und tut die Hand um das Ohr. Da
ist besser lauschen. Die Fichten haben doch immer ein Wörtl mit dem
Wind zu reden oder eins untereinander und vor allem jetzt, wenn der
Bergwind der Sonne voraufläuft und die Nebel in das Gras und die Gräben
drückt.
»Jetzt -- da!«
So schnell ist der Zachenhesselhans seintag nicht über den Hau in die
Fichten gelaufen. Der Locker schreit, und auf dem Leim sind sie --
eins, zwei, drei, sechs muntere Zeisighähne! Und da unten im Gras
kreischt noch einer; der ist mit dem Rütl zu Boden gefallen. Und da --
ja was ist denn das? Auf dem Rücken liegt einer, mit beiden Flügeln
am Leim -- das ist ja ein Grünetz, das ist ja ein Kreuzschnabel! »Ei,
Freundl, wie bist denn Du da auf den Leim gekommen? Auf Dich hab ich
lang genug gepaßt.«
Der Zachenhesselhans hält einen Augenblick inne -- »März? Ach was, Du
hast jetzt keine Arbeit mehr in der Familie. Die Kleinen sind schon
im Februar flügge geworden, gelt, Bürschl, und jetzt hast Zeit, ein
Gelehrter zu werden. Frei kommst mir nimmer.«
Mit dem Kreuzschnabel eilt der Hans zuerst in die Hütte.
»So, da hinein, das ist Dein Häusl fortan.«
Dann nimmt der Hans unter jeden Arm drei Käfige und ist schon wieder
drüben beim Fang. Einer nach dem andern wandert hinters Gitter.
»Wart, Du kommst eh dran.«
Und einen nach dem andern tut der Hans in der Hütte aus dem Käfig und
säubert ihn.
Ein Schreien und Flattern gibt's und der Zachenhesselhans sucht die
schönsten Wörtlein hervor. Weil die Vögel aber nicht Ruhe geben wollen,
rückt er die Käfige voneinander und deckt jeden mit einem dunklen
Tüchlein zu. Dann sinnt er auf das beste Flecklein in der Stube -- das
soll der Grünetz haben. Und der Grünetz soll brav Kunststücke lernen.
[Illustration]
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