[_Danby's Sturz._] Der französische Hof, welcher Danby als seinen

bittersten Feind kannte, ersann den listigen Plan, ihn dadurch zu

stürzen, daß er ihn für seinen Freund gelten ließ. Ludwig bewies dem

Hause der Gemeinen mit Hilfe Ralphs von Montague, eines unredlichen,

schamlosen Menschen, der als Gesandter in Frankreich gewesen war, daß

der Schatzmeister bei einem Geldgesuche sich betheiligt, welches der Hof

von Whitehall an den von Versailles gerichtet. Diese Entdeckung hatte

ihre berechneten Folgen, indem der Schatzmeister, nicht seiner

Verbrechen sondern seiner Verdienste wegen, nicht als Theilhaber an

einer strafbaren Verhandlung, sondern als entschiedener Gegner

derselben, der Verfolgung des Parlaments anheim fiel. Seine Zeitgenossen

kannten die Umstände nicht, welche in den Augen der Nachwelt die ihm zur

Last gelegte Schuld so sehr verringert erscheinen lassen, sie sahen in

ihm einen Mäkler, welcher England an Frankreich verkauft hatte. Seine

Größe war offenbar vorüber, und sein Kopf in nicht geringer Gefahr.

[_Die papistische Verschwörung._] Die Aufregung, welche die erwähnte

Entdeckung verursachte, war jedoch unbedeutend im Vergleich zu der

heftigen Bewegung, die das Gerücht hervorrief, es sei ein großes

papistisches Complot entdeckt worden. Ein gewisser Titus Oates,

Geistlicher der englischen Kirche, war von seinen kirchlichen

Vorgesetzten gezwungen worden, wegen unordentlichen Lebenswandels und

heterodoxer Lehre seine Pfründe zu verlassen, und führte seitdem ein

lasterhaftes und unstätes Leben. Er hatte sich einmal als Katholiken

bekannt und auf dem Kontinent einige Zeit in englischen Kollegien des

Jesuitenordens zugebracht. In diesen Seminarien hatte er viel wirres

Geschrei vernommen über die geeignetsten Mittel, England wieder in den

Schooß der wahren Kirche zurückzuführen. Aus den Andeutungen, welche ihm

hier geworden, setzte er nun einen schauderhaften Roman zusammen, der

mehr den Phantasieen eines Fieberkranken als Ereignissen glich, die sich

jemals in der Wirklichkeit zugetragen. Der Papst, versicherte er, hätte

die Regierung Englands den Jesuiten in die Hände gegeben. Diese hätten

durch Bestallungen, ausgefertigt unter dem Siegel ihrer Gesellschaft,

katholische Priester sowie Personen des hohen und niederen Adels zu den

höchsten Posten in Kirche und Staat bestimmt. Schon einmal hätten die

Papisten London niedergebrannt, sie hätten bereits einen zweiten Versuch

dazu gemacht, und gingen jetzt mit dem Plane um, alle Schiffe auf der

Themse anzuzünden. Auf ein gegebenes Zeichen würden sie über die

Protestanten herfallen und sie niedermachen, zu gleicher Zeit würde eine

französische Armee an der Küste von Irland erscheinen. Alle leitenden

Staatsmänner und Geistlichen Englands sollten umgebracht werden, und zur

Ermordung des Königs habe man drei oder vier Pläne entworfen; er sollte

erdolcht, oder durch Medizin vergiftet oder mit silbernen Kugeln

erschossen werden. Die öffentliche Meinung war so empfindlich und

reizbar, daß diese Lügen bei dem gemeinen Manne leicht Eingang fanden,

und zwei einander rasch folgende Vorgänge erregten selbst bei besonnenen

Männern einen Argwohn, daß die Erzählung, wenn auch entstellt und

übertrieben, doch nicht ganz ohne Grund sein möge.

Eduard Coleman, ein sehr thätiger, aber nicht eben achtungswerther

katholischer Intriguant, befand sich unter den angeklagten Personen. Man

forschte nach seinen Papieren, und es zeigte sich, daß er so eben den

größten Theil derselben vernichtet hatte, einige aber, die gerettet

worden waren, enthielten Stellen, welche befangenen Gemüthern die

Anschuldigung Oates' zu rechtfertigen schien. Ruhig und vorurtheilsfrei

betrachtet, sprachen diese Stellen freilich blos die Hoffnung aus,

welche der Stand der Dinge, die Neigungen Karls, die noch stärkeren

Neigungen Jacobs und die, zwischen dem französischen und englischen Hofe

bestehenden Verbindungen sehr natürlich in der Brust eines Katholiken

erwecken mußten, der den Interessen seiner Kirche eifrig ergeben war.

Unser Vaterland aber hatte damals keine Lust, Schreiben von Papisten

unbefangen zu deuten, und es wurde nicht ganz ohne rechtlichen Anschein

geschlossen, daß, wenn die als unwichtig übersehenen Papiere so

bedenklichen Inhalts wären, diejenigen Documente, welche man in das

Feuer geworfen, vermuthlich das Geheimniß eines großen Verbrechens

enthalten haben müßten.

Nach einigen Tagen wurde bekannt, daß Sir Edmondsbury Godfrey, ein

vorzüglicher Friedensrichter, welcher die Aussagen des Oates gegen

Coleman niedergeschrieben, verschwunden sei. Durch die angestellten

Nachforschungen entdeckte man Godfrey's Leichnam auf einem Felde in der

Nähe Londons, und es unterlag keinem Zweifel, daß er zwar gewaltsam

getödtet, nicht aber von Räubern angegriffen worden sei. Sein Schicksal

ist bis auf diesen Tag ein Geheimniß geblieben. Manche glauben, er habe

sich selbst entleibt, Andere sagen, er sei durch einen Privatfeind

ermordet worden; am unwahrscheinlichsten aber ist die Annahme, die dem

Hofe feindliche Partei habe ihn getödtet, um der Verschwörungsgeschichte

einen Anhalt zu geben. Im Ganzen genommen scheint die Annahme am

richtigsten zu sein, daß einige erhitzte Katholiken durch die

lügenhaften Beschuldigungen Oates' und die Beleidigungen der Menge zur

höchsten Wuth gereizt, zwischen dem meineidigen Ankläger und der

schuldlosen Gerichtsperson nicht genau unterschieden, und eine Rache

ausübten, von der die Geschichte verfolgter Sekten nur zu viele

Beispiele darbietet. Ist es so gewesen, dann muß der Mörder in einer

späteren Zeit seine Schlechtigkeit und Thorheit bitter bereut haben. Die

Hauptstadt und die ganze Nation waren von Haß und Furcht erfüllt. Die

Strafgesetze, welche in ihrer Strenge etwas gemäßigt worden waren,

wurden von Neuem verschärft, überall waren Richter in Thätigkeit, Häuser

zu durchsuchen und Papiere in Beschlag zu nehmen; die Gefängnisse waren

mit Katholiken angefüllt. London gewährte das Bild einer Stadt im

Belagerungszustande. Die Miliz war jede Nacht unter den Waffen;

Vorkehrungen wurden getroffen, die großen Durchgänge zu verbarrikadiren,

Patrouillen durchzogen die Straßen nach allen Richtungen. Rings um

Whitehall waren Kanonen aufgefahren, und kein Bürger glaubte sich

sicher, wenn er nicht unter dem Mantel einen mit Blei gefüllten kleinen

Dreschflegel trug, um den katholischen Meuchelmördern den Kopf

einzuschlagen. Die Leiche des ermordeten Friedensrichters war mehrere

Tage der Neugierde der Masse ausgestellt, und wurde dann mit unsinnigen

und seltsamen Ceremonien, welche mehr Haß und Rachedurst, als Schmerz

und religiöse Hoffnung andeuteten, zu Grabe gebracht. Die Häuser

verlangten, daß man in den Gewölben, über denen sie saßen, eine Wache

legen sollte, damit sie keine zweite Pulververschwörung zu fürchten

hätten. Alle ihre Maßregeln stimmten mit diesem Verlangen überein. Seit

der Regierung Elisabeths hatten die Mitglieder des Hauses der Gemeinen

immer den Suprematseid leisten müssen, einige Katholiken aber hatten es

verstanden, diesem Eide eine solche Auslegung zu geben, daß sie ihn ohne

Bedenken leisten konnten. Es wurde jetzt ein noch strengerer Eid

hinzugefügt, und die katholischen Lords sahen sich zum ersten Male von

ihren Sitzen im Parlament ausgeschlossen. Strenge Maßregeln gegen die

Königin wurden beschlossen. Einen Staatssecretair ließen die Gemeinen

in's Gefängniß bringen, weil er Bestallungen für gewisse Personen,

welche keine guten Protestanten waren, contrasignirt hatte, den Lord

Schatzmeister beschuldigten sie des Hochverraths; ja sie vergaßen die

während und nach dem Bürgerkriege offen bekannte Lehre soweit, daß sie

einen Versuch machten, den Oberbefehl der Miliz den Händen des Königs zu

entreißen. In solchem Zustand hatte eine achtzehnjährige schlechte

Regierung das loyalste Parlament gebracht, das je in England bestanden

hatte.

Auffallend ist es, daß der König selbst in dieser höchsten Noth es

wagte, Berufung an sein Volk einzulegen, denn das Volk war noch

erhitzter als seine Repräsentanten. Das Unterhaus, so unzufrieden es

auch war, enthielt eine größere Zahl von Cavalieren, als nach aller

Wahrscheinlichkeit jemals wieder darin sitzen würden, aber man gedachte

durch eine Auflösung die Anklage gegen den Lord Schatzmeister zu

sistiren, durch welche alle strafwürdigen Geheimnisse der französischen

Allianz an's Licht kommen, und dem König persönliche Verlegenheit und

Widerwärtigkeit bereiten mußten. Das Parlament wurde daher im Januar des

Jahres 1679 aufgelöst. -- Es hatte seit Anfang des Jahres 1661

bestanden, -- und eine allgemeine Wahl wurde angeordnet.

[_Erste allgemeine Wahl von 1679._] Während mehrerer Wochen wurde der

Wahlkampf im ganzen Lande mit beispielloser Heftigkeit und

Hartnäckigkeit geführt, bedeutendere Summen als je zuvor wurden auf

denselben verwandt, und ganz neue Kunstgriffe in Anwendung gebracht. Die

Verfasser von Flugschriften aus damaliger Zeit erwähnen als etwas ganz

Außergewöhnliches, daß mit großen Kosten Pferde zur Beförderung der

Wähler gemiethet wurden. Der Kunstgriff, Freisassengüter zu zerstückeln,

um die Wahlstimmen zu vervielfältigen, verdankt jenem merkwürdigen

Kampfe seine Entstehung. Dissenterprediger, welche sich vor der

Verfolgung in stille, entlegene Winkel geflüchtet hatten, kamen jetzt

aus ihren Schlupfwinkeln hervor und wanderten auf den Dörfern umher,

um den Eifer des zerstreuten Volkes Gottes wieder anzufachen. Die Fluth

stieg hoch gegen die Regierung. Die meisten der neugewählten Mitglieder

kamen in einer Stimmung nach Westminster, welche nicht sehr von der

ihrer Vorgänger abwich, welche Strafford und Laud in den Tower gesperrt

hatten.

Mittlerweile wurden die Gerichtshöfe, welche auch während der

politischen Unruhen Zufluchtsstätten für die Schuldlosen aller Parteien

sein sollen, durch niedrigere Leidenschaften und gemeinere Bestechungen

entehrt, als selbst bei den Wahlumtrieben vorkamen. Die Erzählung des

Oates, hätte sie auch vermocht das ganze Lande in wilde Aufregung zu

bringen, würde ohne ein anderes Zeugniß nicht hingereicht haben, den

unbedeutendsten der Angeklagten zu verderben, indem nach dem alten

englischen Rechte zwei Zeugen erforderlich sind, um eine Anklage auf ein

schweres Verbrechen zu begründen. Indeß der günstige Erfolg des ersten

Schurken blieb nicht ohne seine natürlichen Folgen. Binnen wenigen

Wochen hatte sich derselbe aus Armuth und Dunkelheit zu Reichthum und

Macht emporgeschwungen, welche ihn Prinzen und Edelleuten gefährlich

machten, und eine Berühmtheit erlangt, die für gemeine Seelen den ganzen

Reiz des wahren Ruhmes hat. Er blieb nicht lange ohne Beihilfe und

Genossenschaft. Ein schlechter Mensch, mit Namen Carstairs, der in

Schottland sein Leben dadurch fristete, daß er verkleidet Conventikel

besuchte, und dann die Prediger denuncirte, ging voran. Bedloe, ein

bekannter Schwindler, folgte, und bald drangen aus allen Bordellen,

Spielhöllen und Bierhäusern Londons käufliche Zeugen hervor, um

Katholiken durch ihre erlogenen Aussagen um's Leben zu bringen. Einer

wußte eine Geschichte von einer Armee zu erzählen, die aus

dreißigtausend Mann als Pilger verkleideten Soldaten bestehend sich in

Corunna versammeln, und von da nach Wales segeln sollte; einem Anderen

hatte man die Heiligsprechung und fünfhundert Pfund geboten, wenn er den

König ermorden wollte; ein Dritter hatte beim Besuche eines Speisehauses

in Coventgarden gehört, wie ein angesehener, katholischer Banquier in

Gegenwart aller Gäste und Kellner gelobte, den ketzerischen Tyrannen

um's Leben zu bringen. Oates, um von seinen Nachfolgern nicht

übertroffen zu werden, fügte seiner ursprünglichen Geschichte einen

bedeutenden Nachtrag hinzu. Er besaß die beispiellose Unverschämtheit,

unter Anderem zu versichern, er habe einst, als er hinter einer offenen

Thür gestanden, die Königin sagen hören, sie sei entschlossen in die

Ermordung ihres Gemahls zu willigen. Selbst solche Erfindungen glaubte

das Volk, und der Richterstand des Landes that als glaube er sie auch.

Die höchsten Justizpersonen des Reichs waren bestochen, unmenschlich und

furchtsam, und die Leiter der Vaterlandspartei unterstützten nach

Kräften die herrschende Verblendung. Die achtbarsten Mitglieder

derselben waren in der That selbst so befangen, daß sie den größeren

Theil der Beweise für die Verschwörung nicht bezweifelten. Männer wie

Shaftesbury und Buckingham wußten natürlich, daß die ganze Sache ein

Roman sei, aber ein Roman, der ihnen zusagte, denn ihrem verhärteten

Gewissen war der Tod eines unschuldigen Menschen eben so gleichgültig,

als der Tod eines Feldhuhns. Die Geschwornen standen unter dem Einflusse

der Gefühle, welche damals die ganze Nation beherrschten, und wurden von

der Richterbank ermuthigt, diesen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Das

Volk überschüttete Oates und sein Gelichter mit Beifall, schrie und

lärmte gegen die Zeugen, welche zu Gunsten der Angeklagten auftraten und

jubelte vor Freude, wenn eine Verurtheilung ausgesprochen ward.

Vergeblich wiesen die Dulder auf die Unbescholtenheit ihres früheren

Lebens hin, denn die öffentliche Meinung war von dem Vorurtheile

befangen, daß ein Katholik, je gewissenhafter er sei, um so eher gegen

die protestantische Regierung complottiren werde. Vergebens behaupteten

sie noch in dem Augenblicke, wo der Karren unter ihren Füßen weggezogen

ward, ihre völlige Unschuld, denn es galt die Meinung, daß ein guter

Katholik alle Unwahrheiten, durch die er seiner Kirche diente, nicht nur

als verzeihlich sondern sogar als verdienstlich ansehe.

[_Heftigkeit des neuen Hauses der Gemeinen._] Während unter der Form der

Gerechtigkeit unschuldiges Blut in Strömen vergossen wurde, trat das

neue Parlament zusammen, und die Heftigkeit der überwiegenden Partei war

so groß, daß selbst Männer, deren Jugend unter Revolutionen verstrichen

war, Männer, die sich der Verurtheilung Straffords, des Attentats auf

die fünf Mitglieder, der Beseitigung des Hauses der Lords und der

Hinrichtung des Königs erinnerten, mit größter Besorgniß auf den Zustand

der Dinge blickten. Die Anklage Danby's wurde wieder aufgenommen. Er bat

um die königliche Gnade, aber die Gemeinen wiesen dieses Gesuch mit

Verachtung zurück und verlangten die Fortsetzung des Processes. Um Danby

war es ihnen übrigens eigentlich gar nicht zu thun; sie waren überzeugt,

daß das einzige wirksame Mittel, die Freiheit und Religion Englands zu

retten, darin bestehe, daß man den Herzog von York vom Throne

ausschließe.

Der König befand sich in großer Verlegenheit. Er hatte seinen Bruder,

dessen Anblick allein schon das Volk zu wahnsinniger Wuth entflammte,

veranlaßt, auf einige Zeit nach Brüssel zu gehen, aber dieses

Zugeständniß schien keinen besonders günstigen Eindruck gemacht zu

haben. Die Partei der Rundköpfe hatte offenbar das Übergewicht. Zu

dieser Partei gehörten Millionen, welche zur Zeit der Revolution auf

Seiten der Prärogative gestanden. Unter den alten Cavalieren fürchteten

Viele das Papstthum; und Andere, die sich noch immer mit Bitterkeit der

Undankbarkeit des Fürsten erinnerten, dem sie so viel geopfert, blickten

auf sein Unglück eben so gleichgültig hin, wie er einst auf das ihrige.

Selbst die anglikanische Geistlichkeit, durch den Abfall des Herzogs von

York gekränkt und beunruhigt, unterstützte die Opposition insoweit, daß

sie in das allgemeine Geschrei gegen die Römisch-Katholischen von Herzen

einstimmte.

[_Temple's Regierungssystem._] In dieser höchsten Bedrängniß nahm der

König seine Zuflucht zu Sir William Temple. Von allen Staatsmännern

jener Zeit hatte Temple sich den Ruf eines redlichen Mannes erhalten.

Die Tripleallianz war sein Werk, er hatte sich geweigert, an der Politik

der Cabale Theil zu nehmen, und so lange dieses Cabinet die

Angelegenheiten des Staates leitete, war er in stiller Zurückgezogenheit

geblieben. Auf den Ruf Danby's war er aus seiner Einsamkeit

hervorgetreten, hatte den Frieden zwischen Holland und England

vermittelt, und große Thätigkeit bei dem Zustandebringen der Vermählung

der Prinzessin Maria mit ihrem Vetter, dem Prinzen von Oranien,

entwickelt. So sah Jedermann in ihm den Schöpfer des wenigen Guten,

das die Regierung seit der Restauration vollbracht, und von den vielen

Verbrechen und Irrthümern der letzten achtzehn Jahre konnte ihm keines

zur Last gelegt werden. Sein Privatleben, wenngleich nicht streng, war

anständig, seine Manieren waren volksthümlich, und es war nicht möglich

ihn durch Titel oder Geld zu bestechen. Etwas fehlte allerdings an dem

Charakter dieses vortrefflichen Staatsmannes: seine Vaterlandsliebe

besaß keinen hohen Wärmegrad. Seine persönliche Ruhe und Würde ging ihm

über Alles, und er schrak mit kleinmüthiger Furcht vor jeder

Verantwortlichkeit zurück. Seine Gewohnheiten waren nicht geeignet,

ihn in den Parteikämpfen Englands eine Rolle spielen zu lassen. Er war

fünfzig Jahre alt geworden, ohne jemals im Parlamente gesessen zu haben,

und seine Geschäftserfahrungen hatte er fast ausschließlich fremden

Höfen gesammelt. Man hielt ihn mit Grund für einen der ersten Diplomaten

Europa's, aber die Talente und Fertigkeiten eines Diplomaten sind

himmelweit verschieden von denjenigen, welche einen Staatsmann

befähigen, in aufgeregter Zeit das Haus der Gemeinen zu leiten.

Der Plan, den er in Anregung brachte, verrieth viel Geist. Wenn auch

kein tiefer Denker, so hatte er doch mehr als die meisten

Geschäftsmänner über die allgemeinen Regierungsgrundsätze nachgedacht,

und sein geistiger Blick war durch Geschichtsstudien und Aufenthalt im

Auslande sehr umfassend geworden. Er scheint klarer als die meisten

seiner Zeitgenossen den Grund der Schwierigkeiten erkannt zu haben,

welche die Regierung bedrängten. Der Charakter der englischen

Staatsverfassung fing an, sich zu verändern, das Parlament erhob, wenn

auch langsam, doch unaufhörlich, seine Macht über die der Prärogative.

Die Grenze zwischen der gesetzgebenden und der executiven Gewalt war in

der Theorie so genau abgemessen wie jemals, aber in der Praxis schwand

sie mehr und mehr. Nach der Theorie der Verfassung hatte der König

selbst seine Minister zu wählen; das Haus der Gemeinen aber hatte nach

einander Clarendon, die Cabale und Danby von der Leitung der

Staatsgeschäfte entfernt. Nach der Theorie der Verfassung hatte der

König allein das Recht, über Krieg und Frieden zu entscheiden; er war

durch das Haus der Gemeinen gezwungen worden, Frieden mit Holland zu

schließen, und es hätte ihn fast dazu getrieben, Krieg mit Frankreich zu

beginnen. Nach der Theorie der Verfassung stand dem Könige allein die

Entscheidung in Fällen zu, wo es sich um Begnadigungen handelte; er

hatte aber eine solche Furcht vor dem Hause der Gemeinen, daß er es

nicht wagen durfte, Männer vom Galgen zu retten, von denen er gar wohl

wußte, daß sie als unschuldige Opfer des Meineids fielen. Es scheint,

daß Temple die Absicht hatte, der Gesetzgebung ihre unzweifelhaft

verfassungsmäßigen Gewalten zu belassen, und sie zugleich, wenn möglich,

zu verhindern, Übergriffe in das Gebiet der ausübenden Verwaltung zu

thun. Zu diesen Zwecke beschloß er, zwischen den Landesherrn und das

Parlament einen Körper zu stellen, welcher im Stande wäre, die

Heftigkeit ihres Zusammenstoßes zu mildern. Es existirte ein altes,

ehrenwerthes, von dem Gesetze sanctionirtes Institut, das nach seiner

Meinung zu diesem Zwecke umgestaltet werden konnte. Er beschloß, dem

Geheimen Rathe einen neuen Charakter und eine neue Bestimmung in der

Verfassung zu verleihen. Die Zahl der Räthe wurde auf dreißig bestimmt,

funfzehn davon sollten die ersten Beamten des Staates, der Rechtspflege

und der Kirche sein, die anderen funfzehn sollten aus Adeligen und

Herren bestehen, die sich in keinem Amte befanden, aber ein großes

Vermögen besaßen und eines hohen Ansehens genossen. Ein engeres

Kabinet sollte nicht bestehen. Diese dreißig sollten mit allen

Staatsgeheimnissen betraut und zu jeder Versammlung berufen werden, der

König aber sich verpflichten, bei allen Gelegenheiten ihrem Rathe Folge

zu leisten.

Temple scheint von der Ansicht ausgegangen zu sein, durch diese

Einrichtung sei die Nation gegen die Tyrannei der Krone, und diese gegen

die Übergriffe des Parlaments geschützt. Einmal war es nicht

wahrscheinlich, daß Pläne, wie sie die Cabale gefaßt hatte, in einer

Versammlung von dreißig Männern, die zur Hälfte durch keine Bande des

Interesses an den Hof geknüpft waren, auch nur in Vorschlag gebracht

werden könnten, und dann ließ sich hoffen, daß ein solcher Rath den

Gemeinen eine Bürgschaft gegen schlechte Regierung sein, und sie sich

mehr als bisher geschehen auf ihre streng gesetzgebenden Functionen

beschränken und es für weniger nöthig erachten würden, ihren Blick auf

alle Theile der executiven Verwaltung zu richten.

Dieser Plan, obschon in verschiedener Hinsicht der Fähigkeiten seines

Schöpfers nicht unwürdig, war im Princip mangelhaft. Die neue Behörde

war halb Kabinet, halb Parlament, und wie jede Entdeckung in der

Mechanik oder Politik, welche zu zwei von einander abweichenden Zwecken

benutzt werden soll, konnte sie keinen erreichen. Für eine gute Behörde

war sie zu groß und zu getheilt, sie war zu eng mit der Krone verknüpft,

um dieselbe überwachen zu können, und enthielt genug populäre Elemente,

sie zu einem nicht eben guten Staatsrathe zu machen, unfähig Geheimnisse

zu bewahren, difficile Verhandlungen zu leiten, und Krieg zu führen.

Und doch war das populäre Element nicht hinreichend, um das Volk gegen

fehlerhafte Verwaltung zu schützen. Der Plan konnte deshalb, selbst wenn

man die Absicht gehabt hätte, ihn die Probe bestehen zu lassen, sich

nicht vortheilhaft bewähren, ihn aber die Probe bestehen zu lassen, dazu

fehlte der gute Wille. Der König war unzuverlässig und treulos, das

Parlament ohne Besonnenheit und Billigkeit, und die Personen, aus denen

man den neuen Rath bilden wollte, obschon vielleicht die besten, welche

in jener Zeit zu haben waren, trotzdem noch immer unbrauchbar genug.

Der Beginn des neuen Systems erregte allgemeine Freude, denn das Volk

war der Meinung, jede Veränderung müsse auch eine Verbesserung sein;

auch war es mit einigen neuen Ernennungen zufrieden gestellt.

Shaftesbury, zur Zeit sein Liebling, wurde Lord Präsident, und Russel

nebst einigen anderen hervorragenden Mitgliedern der Vaterlandspartei

für den Geheimen Rath vereidet. Aber nach Verlauf von wenig Tagen war

Alles wieder in Verwirrung. Das Unpraktische des aus so vielen

Mitgliedern bestehenden Kabinets war so hervortretend, daß Temple selbst

einwilligte eine der von ihm festgestellten Grundregeln zu verletzen und

ein kleines Kollegium zu bilden, welches die wirkliche Leitung aller

Geschäfte besorgte. Dasselbe bestand neben ihm aus drei anderen

Ministern, Arthur Capel, Earl von Essex, Georg Savile, Viscount Halifax,

und Robert Spencer, Earl von Sunderland.

Über den Earl von Essex, damaligen ersten Schatzcommissar, genügt es zu

sagen, daß er ein Mann von soliden, wenn auch nicht hervorragenden

Gaben, und ernster, melancholischer Gemüthsart war. Er hatte der

Vaterlandspartei angehört und wünschte damals aufrichtig, eine

Versöhnung zwischen dieser Partei und dem Throne zu vermitteln, welche

auch für den Staat günstig wäre.

[_Charakter des Halifax._] Halifax war unter den Staatsmännern jener

Zeit an Genie der vorzüglichste. Er war fruchtbaren, hellen und

umfassenden Geistes. Seine feine, verständliche und lebendige

Beredtsamkeit, getragen von dem Silbertone seines Sprachorgans, war der

Stolz des Hauses der Lords. Seine Conversation war reich an Gedanken,

Phantasie und Witz, und seine politischen Abhandlungen sind es werth,

wegen ihres wissenschaftlichen Verdienstes studirt zu werden, und

berechtigen ihn in vollem Maße, unter den Klassikern Englands genannt zu

werden. Mit der Bedeutung, zu der so große und vielseitige Talente ihn

erhoben, vereinigte er den ganzen Einfluß, den Rang und Reichthum

verliehen. Doch hatte er in seinem politischen Wirken weniger glückliche

Erfolge als Andere, welche sich nicht so bedeutender Vorzüge rühmen

konnten. Und in der That hinderten ihn die genialen Eigenthümlichkeiten,

welche seinen Schriften so hohen Werth verleihen, sehr oft in den

Streitigkeiten des praktischen Lebens. Er betrachtete die Ereignisse des

Tages nicht immer aus dem Gesichtspunkte, wie sie sich Jemandem

darstellen, der an ihnen lebhaften Antheil nimmt, sondern aus dem, in

welchem sie nach Jahren dem philosophischen Schriftsteller erscheinen.

Bei dieser Richtung des Geistes konnte er unmöglich lange mit irgend

einem Vereine von Männern im Einverständniß bleiben. Alle Vorurtheile,

alle Übertreibungen der beiden großen Parteien erregten seinen Spott;

er verabscheute die elenden Kunstgriffe und das widerliche Geschrei der

Demagogen; aber er verachtete noch mehr die Lehre vom göttlichen Recht

und dem passiven Gehorsam. Ohne Rücksicht auf die Parteien spottete er

über die Bigotterie des Puritaners wie über die des Anhängers der

Hofkirche. Es war ihm unerklärlich, wie Jemand gegen Verehrung der

Heiligen und Chorhemden Bedenken tragen, oder einen Andern verfolgen

könne, weil er solche Bedenken trug. Seiner Gesinnung nach war er das,

was man in neuerer Zeit conservativ nennt, in der Theorie war er

Republikaner. Selbst wenn seine Furcht vor Anarchie und seine Verachtung

des verblendeten großen Haufens ihn veranlaßten, eine Zeitlang den

Vertheidigern der willkürlichen Gewalt beizustehen, so hielt doch sein

Verstand immer zu Locke und Milton. Freilich waren seine Witze über

erbliche Monarchie bisweilen der Art, daß sie sich besser für den

Theilnehmer eines Kalbskopf-Clubs als für ein Mitglied des Geheimen

Rathes der Stuarts geschickt hätten. In der Religion war er nichts

weniger als ein Eiferer, so daß er von lieblosen Leuten Atheist genannt

wurde; doch diesen Vorwurf wies er mit Abscheu zurück, und er scheint in

der That trotz des Ärgernisses, das er bisweilen durch Anwendung seiner

seltenen Gaben auf witzige Erörterungen ernster Gegenstände gab,

durchaus nicht ohne Empfänglichkeit für religiöse Eindrücke gewesen zu

sein.

Er war das Haupt derjenigen Staatsmänner, welche die beiden großen

Parteien verächtlich »Trimmer« nannten; anstatt aber über diesen

Spottnamen entrüstet zu sein, betrachtete er ihn als einen Ehrentitel,

und vertheidigte mit großem Eifer die Würde desselben. »Das Gute hält

zwischen den Extremen die Mitte«, pflegte er zu sagen. »Die gemäßigte

Zone befindet sich zwischen dem Klima, wo die Menschen geröstet werden,

und dem, in welchem sie erfrieren. Die englische Kirche hält die Mitte

zwischen der anabaptistischen Überspanntheit und der papistischen

Trägheit. Die englische Verfassung hält die Mitte zwischen türkischem

Despotismus und polnischer Anarchie. Tugend ist blos das rechte Maß

zwischen den Neigungen, von denen jede, wenn man ihr zu sehr nachhängt,

ein Laster wird; ja die Vollkommenheit des höchsten Wesens sogar besteht

in dem genauesten Gleichgewicht von Eigenschaften, deren keine

überwiegen dürfte, ohne die ganze moralische und physische Weltordnung

zu stören.«[4] So war Halifax ein Trimmer aus Grundsatz; er war es aber

auch nach der Verfassung von Kopf und Herzen. Sein Geist war scharf,

skeptisch, unerschöpflich fruchtbar an Unterscheidungen und

Einwendungen, sein Geschmack fein, sein Sinn für das Komische bedeutend,

sein Charakter friedlich und zur Versöhnung geneigt, aber dabei stolz

und ebensowenig zur Feindschaft als zur enthusiastischen Bewunderung

fähig. Ein solcher Mann konnte ebenfalls unmöglich auf die Dauer bei

irgend einem Vereine politischer Bundesgenossen ausharren; doch darf man

ihn nicht nach dem großen Haufen der Renegaten beurtheilen. Denn ob er

gleich, wie diese, von einer Seite auf die andere trat, so fand dieser

Übertritt doch stets nach entgegengesetzter Richtung wie die ihrige

statt. Er hatte nichts mit denen gemein, welche von einem Extrem zum

andern überspringen und die von ihnen verlassene Partei mit einem Hasse

betrachten, welcher den gegen beständige Feinde weit übertrifft, er

hielt die Mitte zwischen den feindlichen Parteien, und hütete sich, die

Grenze zu überschreiten, welche dieselben trennte. Die Partei, der er

sich eine Zeitlang anschloß, war diejenige, welche ihm eben am wenigsten

zusagte, weil es die Partei war, von der er die nächste Kenntniß hatte.

Er zeigte daher stets Strenge gegen seine heftigen Genossen, und stand

jederzeit in freundlichem Vernehmen mit seinen gemäßigten Gegnern. Jede

Partei konnte am Tage ihres übermüthigen und rachsüchtigen Triumphes

seines Tadels sich versichert halten, und jeder besiegten und verfolgten

Partei war er ein Beistand. Es darf zu seiner steten Ehre nicht

unerwähnt bleiben, daß er bemüht war, die Opfer zu retten, deren

Schicksal einen unverlöschlichen Flecken auf den Namen der Whigs sowohl

wie der Tories geworfen hat.

Er hatte sich durch seine Opposition so bemerkbar gemacht, und dadurch

das königliche Mißfallen in so hohem Grade auf sich gezogen, daß er

nicht ohne viele Umständlichkeiten und Streitigkeiten in den Rath der

Dreißig gelangte, kaum hatte er aber am Hofe Fuß gefaßt, so machten ihn

die Liebenswürdigkeit seines Auftretens und seiner Unterhaltung zum

Günstling. Die heftige Mißstimmung des Volkes beunruhigte ihn ernstlich,

er glaubte, daß wohl die Freiheit vorläufig gesichert sei, die

öffentliche Ordnung und gesetzliche Gewalt aber in Gefahr wären. Aus

diesem Grunde stellte er sich, nach seiner gewöhnlichen Art, auf die

Seite der Schwächeren. Möglicherweise war seine Bekehrung nicht ganz

frei von Eigennutz, denn obgleich Studium und Nachdenken ihn von manchen

gewöhnlichen Vorurtheilen zurückgebracht hatten, so war er doch ein

Sklave niederer Gelüste geblieben. An Geld litt er keinen Mangel,

und man kann ihn nicht beschuldigen, daß er es jemals auf Wegen sich

verschafft hätte, welche auch von dem strengsten Richter jener Zeit für

verwerflich erklärt worden wären, aber Rang und Macht hatten für ihn

viel Lockendes. Er versicherte zwar, daß Titel und hohe Ämter nur Köder

für Thoren seien, daß er Geschäfte, Pracht und Pomp verachte und es sein

innigster Wunsch sei, aus dem lauten Treiben und Glanze von Whitehall in

die stillen Wälder sich zurückzuziehen, welche seinen alten Sitz von

Rufford umgaben, aber sein Benehmen stand zu diesen Erklärungen in

vollem Widerspruch. In Wahrheit wünschte er von Hofleuten und

Philosophen bewundert zu werden, weil er zu hohen Würden sich

emporgeschwungen hatte und er dieselben doch zugleich verachtete.

[Anmerkung 4: Man wird erkennen, daß ich Halifax für den

Verfasser, oder wenigstens für einen der Verfasser der Schrift:

+»Character of a Trimmer«+ halte, welche eine Zeitlang seinem

Vetter Sir William Coventry zugeschrieben wurde.]

[_Charakter Sunderlands._] Sunderland war Staatssekretair. Dieser Mann

war ein verkörpertes Bild der politischen Sittenlosigkeit seiner Zeit.

Er besaß einen durchdringenden Verstand, ein geschäftiges, boshaftes

Temperament, ein fühlloses Herz und einen gemeinen Sinn. Sein Charakter

hatte eine Schule von Lastern durchgemacht, welche darin zur üppigsten

Reife gediehen waren. Bei seinem Eintritt in das öffentliche Leben hatte

er verschiedene Jahre auf auswärtigen diplomatischen Stationen

zugebracht, und einige Jahre als Gesandter in Frankreich gelebt. Jeder

Beruf ist seinen besonderen Versuchungen unterworfen, und es wird

Niemand in seinem Rechte verletzt, wenn man behauptet, daß die

Diplomaten, als Klasse betrachtet, sich von jeher durch ihre

Geschmeidigkeit, durch die Geschicklichkeit, mit der sie sich des

Vertrauens derjenigen bemächtigen, mit denen sie zu thun haben, und

durch die Leichtigkeit mit der sie den Ton jeder Gesellschaft, in der

sie sich bewegen, zu treffen wissen, mehr ausgezeichnet haben, als durch

edlen Enthusiasmus oder strenge Rechtschaffenheit, und die Beziehungen

zwischen Karl und Ludwig waren von der Art, daß kein englischer Cavalier

lange als Gesandter in Frankreich sein konnte, ohne alle patriotischen

und redlichen Gesinnungen zu verlieren. Sunderland ging aus dieser bösen

Schule, in der er gebildet worden, listig, geschmeidig, schamlos, frei

von jedem Vorurtheile und aller Grundsätze bar hervor. Seine erbliche

Verbindung machte ihn zum Cavalier, sonst aber hatte er nichts mit den

Cavalieren gemein. Sie waren mit vollem Herzen monarchisch gesinnt und

verdammten in der Theorie jeden Widerstand, aber in ihrer Brust schlugen

trotzige englische Herzen, welche wirklichen Despotismus nicht geduldet

hätten. Er hingegen fand ein schwaches, berechnetes Gefallen an

republikanischen Staatseinrichtungen, das sich mit der vollkommenen

Bereitwilligkeit vertrug, im praktischen Leben das ergebenste Werkzeug

willkürlicher Macht zu sein. Gleich anderen vollendeten Schmeichlern und

Unterhändlern war er weit geschickter in der Kunst, Charaktere zu

durchschauen und auf ihre Schwächen Pläne zu gründen, als er vermochte,

die Gefühle der Massen zu erkennen, und den Heranzug großer Umwälzungen

vorauszusehen. Äußerst gewandt in der Intrigue, war es selbst für kluge

und erfahrungsreiche Männer, welche seine Treulosigkeit im Voraus

kannten, keine leichte Aufgabe, dem Zauber seiner Manieren zu

widerstehen und seinen Versicherungen der Ergebenheit zu mißtrauen. Aber

bei seiner Anstrengung, Einzelne zu studiren und für sich einzunehmen,

vergaß er die Stimmung des Volkes zu beobachten, weshalb er sich in

Bezug auf die wichtigsten Ereignisse seiner Zeit sehr oft täuschte. Jede

wichtige Bewegung und jeder Umschlag der öffentlichen Meinung

überraschte ihn, und die Welt, der es unbegreiflich war, wie ein so

ausgezeichneter Mann oft Dinge nicht erkannte, die der Kaffeehauspolitik

klar waren, hielt seine Maßregeln bisweilen für tief durchdachte Pläne,

während es in der That nur gewaltige Fehler waren.

Seine vorzüglichsten Fähigkeiten zeigten sich bei Privatunterhandlungen.

Im königlichen Kabinet, sowie in kleineren Kreisen besaß er einen

außerordentlichen Einfluß, in der Rathsversammlung aber war er

schweigsam und im Hause der Lords kam kein Laut über seine Lippen.

Die vier vertrauten Räthe der Krone erkannten sehr bald, daß sie eine

verantwortliche und gehässige Stellung einnahmen. Die übrigen

Rathsmitglieder murrten über eine Bevorzugung, die sich mit den

Versprechungen des Königs nicht vereinigen ließ, und einige derselben,

mit Shaftesbury an der Spitze, machten im Parlamente wieder die

eifrigste Opposition. Die Aufregung, welche die letzten Veränderungen

beseitigt hatten, trat heftiger als jemals hervor. Der bestürzte Karl

versprach den Gemeinen umsonst jede Sicherstellung der protestantischen

Religion, die sie nur immer verlangten, unter der einzigen Bedingung,

daß sie sich nicht an der Thronfolgeordnung vergriffen; sie wollten von

keinem Vergleiche hören, Ausschließungsbill war ihr Ruf, nichts als

Ausschließungsbill! Der König verfügte sich daher, einige Wochen nach

seiner öffentlichen Versicherung, keinen Schritt ohne Wissen seines

Geheimen Raths zu thun, in das Haus der Lords, ohne dem Rathe das

Geringste davon mitgetheilt zu haben, und vertagte das Parlament.

[_Prorogation des Parlaments._] Der Tag dieser Prorogation, der 26. Mai

1679, bildet einen wichtigen Abschnitt in unserer Geschichte, indem an

demselben die Habeas-Corpus-Akte die königliche Zustimmung empfing. Seit

der Magna Charta war das Recht in Betreff der persönlichen Freiheit der

Engländer in seinen materiellen Bestandtheilen fast dasselbe, was es zu

unserer Zeit ist, aber in Ermangelung eines thatkräftigen Systems, und

einer geschickten Handhabung desselben hatte es sich bis jetzt ohne

Wirkung gezeigt. Man brauchte kein neues Recht, sondern nur ein gutes

gründliches Schutzmittel, und solches war die Habeas-Corpus-Akte.

[_Habeas-Corpus-Akte._] Der König würde ohne Zweifel die Genehmigung

dieses Gesetzes mit Freuden versagt haben, aber er beabsichtigte über

die Successionsfrage vom Parlamente an das Volk zu appelliren, und

durfte es in diesem äußerst wichtigen Moment nicht wagen, eine Bill

zurückzuweisen, welche so außerordentlich populär war.

An diesem Tage wurde die englische Presse auf eine kurze Zeit frei. In

früheren Zeiten standen die Drucker unter strenger Beaufsichtigung des

Gerichtshofes der Sternkammer. Das Lange Parlament hatte dieselbe zwar

aufgelöst, aber trotz der philosophischen und dringenden Einwürfe

Miltons die Censur eingeführt und aufrecht erhalten. Kurz nach der

Restauration ging eine Akte durch, welche den Druck nicht genehmigter

Bücher untersagte, und man hatte beschlossen, daß diese Akte bis zum

Schluß der ersten Session des nächsten Parlaments in Kraft bleiben

solle. Dieser Zeitpunkt war jetzt da, und die Presse wurde in dem

Augenblicke frei, als der König die Häuser vertagte.

[_Zweite Allgemeine Wahl von 1679._] Kurz nach der Prorogation fand die

Auflösung und eine allgemeine Neuwahl statt. Der Eifer und die Macht der

Opposition waren außerordentlich, und das Geschrei nach der

Ausschließungsbill ertönte lauter wie früher; auch vereinigte sich mit

diesem Geschrei ein anderes, welches das Blut der Menge in Aufregung

versetzte, aber von allen vernünftigen Freunden der Freiheit mit Schmerz

und Besorgniß vernommen wurde. Es wurden nicht blos die Rechte des

Herzogs von York, eines ausgemachten Katholiken, sondern auch die seiner

beiden Töchter, aufrichtiger und eifriger Protestantinnen, angegriffen,

und mit Bestimmtheit behauptet, der älteste natürliche Sohn des Königs

sei von ehelicher Geburt und der gesetzmäßige Erbe der Krone.

[_Popularetät Monmouths._] Als Karl noch auf dem Continent als Wanderer

lebte, lernte er im Haag Lucie Walters, ein wallisisches Mädchen kennen,

welche zwar außerordentlich schön, aber dabei beschränkten Geistes und

sittenlos war. Sie wurde seine Maitresse, und bald darauf Mutter eines

Sohnes, gegen dessen Echtheit ein eifersüchtiger Liebhaber wohl Bedenken

erhoben haben würde, denn die Dame hatte verschiedene Anbeter, und es

wurde behauptet, daß sie gegen keinen derselben unerbittlich sei. Karl

glaubte jedoch ihren Worten, und äußerte gegen den kleinen Jakob Crofts,

wie das Kind genannt wurde, eine ungemeine Zärtlichkeit, welche bei

diesem kalten, sorglosen Charakter höchst überraschend erscheint. Bald

nach der Restauration kam der junge Liebling, welcher in Frankreich die

Erziehung eines vollkommenen Gentleman genossen, nach Whitehall. Er

bezog eine Wohnung im Palaste, erhielt Pagen zur Bedienung, und genoß

verschiedene Bevorzugungen, welche bisher nur Prinzen von Geblüt zu

Theil geworden waren. Noch in zarter Jugend vermählte man ihn mit Anna

Scott, der Erbin des edlen Hauses der Buccleuch. Er nahm den Namen

seiner Gemahlin an, und trat durch diese Verbindung in den Besitz sehr

bedeutender Güter, so daß man das Vermögen, welches er besaß, auf nicht

weniger als zehntausend Pfund jährlicher Einkünfte schätzte. Er wurde

mit Titeln und Gunstbezeugungen, von einträglicherer Art als Titel,

förmlich überschüttet. Man ernannte ihn zum Herzog von Monmouth in

England, zum Herzog von Buccleuch in Schottland, zum Ritter des

Hosenbandordens, Stallmeister, Befehlshaber der ersten Abtheilung der

Leibgarde, Oberrichter von Eyre, südlich vom Trent, und Kanzler der

Universität Cambridge. Im Volke gönnte man ihm dieses Glück. Er besaß

ein höchst einnehmendes Äußeres, dabei war er von sanftem Gemüth und

liebenswürdigem leutseligen Wesen. Obgleich ein Wüstling, gewann er doch

die Herzen der Puritaner und wenn es auch allgemein bekannt war, daß er

um den abscheulichen Angriff auf Sir John Coventry gewußt, wurde es ihm

doch nicht schwer, die Vergebung der Vaterlandspartei zu erhalten.

Selbst strenge Sittenrichter räumten ein, daß an einem derartigen Hofe

von einem Kinde, das mit einem Kinde vermählt worden sei, strenge

eheliche Treue sich nicht erwarten lasse, und selbst Vaterlandsfreunde

entschuldigten den heftigen Knaben, der eine Beleidigung gegen seinen

Vater mit übertriebener Rache vergalt. Bald aber wurde der Schatten,

den Liebschaften und nächtliche Streiche auf seinen Charakter geworfen,

durch ehrenvolle Handlungen verwischt. Als Karl und Ludwig sich gegen

Holland waffneten, befehligte Monmouth die englischen Hilfstruppen,

welche nach dem Continent geschickt wurden, und zeigte sich als tapferer

Soldat und als tüchtiger Offizier. Bei seiner Zurückkunft war er der

populärste Mann im Königreiche. Man gewährte ihm Alles, mit Ausnahme der

Krone, und selbst diese schien für ihn nicht völlig unerreichbar zu

sein. Die Unterscheidung, welche man höchst unkluger Weise zwischen ihm

und Männern des höchsten Adels machte, war von üblen Folgen gewesen. Man

hatte ihn als Knaben aufgefordert, im Audienzzimmer bedeckt zu bleiben,

während Howards und Seymours mit entblößtem Haupte neben ihm standen.

Starb ein fremder Fürst, so trug Monmouth als Trauerkleid den langen

Purpurmantel, den kein anderer Unterthan als der Herzog von York und

Prinz Ruprecht anlegen durften. Natürlich mußten diese Dinge ihn

bestimmen, sich als einen legitimen Prinzen des Hauses Stuart zu

betrachten. Karl war noch in reiferem Alter seinen leichtsinnigen

Vergnügungen ergeben, ohne dabei auf seine Würde Rücksicht zu nehmen.

Es ließ sich wohl annehmen, daß er als Jüngling von zwanzig Jahren eine

förmliche Ehe mit einer Dame eingegangen, deren Schönheit ihn bezaubert

und die auf leichtere Bedingungen nicht zu gewinnen war. Als Monmouth

noch ein Kind war, und der Herzog von York noch für einen Protestanten

gehalten wurde, ging schon das Gerücht, nicht blos im Volke, sondern

auch in Kreisen, welche wohl unterrichtet sein konnten, daß der König

mit Lucie Walters vermählt, und wenn Jedem sein Recht würde, ihr Sohn

Prinz von Wales sei. Man sprach viel von einem schwarzen Kästchen, in

welchem nach dem Glauben des Volks der Ehevertrag enthalten sein sollte.

Als Monmouth aus den Niederlanden heimkehrte, von wo er einen hohen Ruf

rücksichtlich seiner Tapferkeit und Führung mitbrachte, und als es

bekannt wurde, daß der Herzog von York Mitglied einer von der Menge

gehaßten Kirche sei, gewann diese müßige Geschichte Bedeutung, obgleich

nicht der geringste Beweis dafür vorhanden war. Gegen sie sprach die

feierliche Erklärung des Königs, welche er vor seinem Rathe abgegeben

und die auf seinen Befehl zur Kenntniß des Volkes gebracht worden war.

Aber die Menge, stets eingenommen für romantische Abenteuer, lieh der

Geschichte von der heimlichen Ehe und dem schwarzen Kästchen ein

geneigtes Ohr. Einige Häupter der Oppositionspartei wiederholten ihr

Verfahren, welches sie bei der gehässigeren Fabel des Oates beobachtet:

sie unterstützten eine Geschichte, die sie im Herzen verachten mußten.

Den Antheil, den die niederen Volksklassen an dem Manne nahmen, in

welchem sie den Vertheidiger der wahren Religion und legitimen Erben des

englischen Thrones erblickten, wußte man durch alle möglichen

Kunstgriffe aufrecht zu erhalten. Als Monmouth um Mitternacht in London

ankam, erhielten die Wächter von den Behörden Befehl, das frohe Ereigniß

in den Straßen der City auszurufen. Das Volk verließ seine Lagerstätten,

Freudenfeuer flammten, die Fenster wurden erleuchtet, die Kirchen

geöffnet und festliches Glockengeläute ertönte von allen Thürmen. Wenn

er sich auf der Reise befand, kam man ihm mit nicht geringerer Pracht

und Begeisterung entgegen, als sie bei Umzügen der Herrscher durch ihr

Reich zur Schau getragen werden. Von einem Schlosse zum anderen gaben

ihm lange berittene Züge bewaffneter Gentlemen und Freisassen das

Ehrengeleite, und aus den Städten strömte die ganze Bevölkerung zu

seinem Empfange herbei. Die Wähler drängten sich an seine Seite, mit der

lauten Versicherung, daß er über ihre Stimmen zu verfügen habe. Sein

Stolz war zu einer solchen Höhe gestiegen, daß er nicht nur in seinem

Wappen die Löwen von England und die französischen Lilien, jedoch _ohne_

den linken Querbalken -- nach der Heraldik ein Zeichen illegitimer

Geburt -- führte, sondern es sogar wagte, des »Königs Krankheit«

(Scropheln, Kröpfe) durch Berührung zu heilen. Zu gleicher Zeit

verabsäumte er keinen Kunstgriff der Herablassung, der ihm die Liebe der

Massen erwerben konnte. Er stand bei den Kindern der Landleute Gevatter,

machte ländliche Lustbarkeiten mit, versuchte sich im Ringkampf oder mit

dem Kampfstock und erreichte beim Wettlauf das Ziel eher in seinen

Stiefeln, als flinke Läufer dasselbe in Schuhen.

Es ist eine seltsame Erscheinung, daß an zwei großen Wendepunkten

unserer Geschichte die Häupter der protestantischen Partei in gleichen

Irrthum verfielen und durch denselben ihr Vaterland und ihre Religion in

große Gefahr brachten. Als Eduard VI. gestorben war, erklärten sie sich

für die Lady Johanna, welche keinen Schein eines Geburtsrechts besaß,

und stellten sie nicht allein ihrer Feindin Maria entgegen, sondern auch

der Elisabeth, der wahren Hoffnung Englands und der protestantischen

Kirche. Hierdurch wurden die geachtetsten Protestanten mit Elisabeth an

der Spitze gezwungen, sich mit den Katholiken zu vereinigen. In

derselben Art griff hundertdreißig Jahre später ein Theil der

Opposition, indem er Monmouth als Thronfolger aufstellte, nicht nur die

Rechte Jakobs an, den sie als einen Feind ihres Glaubens und ihrer

Freiheiten kannten, sondern auch die des Prinzen und der Prinzessin von

Oranien, welche sowohl durch ihre Stellung, wie durch persönliche

Vorzüge zu Vertheidigern aller freien Verfassungen und reformirten

Kirchen ausersehen waren.

Nach wenigen Jahren zeigte sich die Thorheit dieses Verfahrens. Vor der

Hand beruhte auf der Popularetät Monmouths größtentheils die Stärke der

Opposition. Die Wahlen fielen gegen den Hof aus, der Tag, an welchem die

Häuser zusammentreten sollten, rückte heran, und es wurde nöthig, daß

sich der König über den einzuschlagenden Weg entschied. Seine Räthe

vermeinten die ersten, leisen Symptome eines Umschwungs der öffentlichen

Stimmung zu erkennen, und lebten der Hoffnung, daß eine bloße

Verzögerung des Anpralls den Sieg herbeiführen würde. Daher faßte er den

Entschluß, ohne die Dreißig um Rath zu fragen, das neue Parlament noch

vor Beginn seiner Thätigkeit zu prorogiren. Dem Herzog von York, der von

Brüssel zurückgekehrt war, wurde Befehl gegeben, nach Schottland zu

gehen, und die Verwaltung dieses Königreichs zu übernehmen.

Temple's Verfassungsplan war jetzt natürlich aufgegeben und bald

vergessen. Der Geheime Rath wurde wieder was er früher war, Shaftesbury

und seine politischen Glaubensgenossen verließen ihre Sitze. Temple

selbst kehrte, nach seiner Gewohnheit bei unruhigen Zeiten, zu seinem

Garten und seinen Büchern zurück. Essex verließ das Schatzamt und schloß

sich der Opposition an; Halifax aber, ärgerlich und voller Besorgniß

über die Voreiligkeit seiner alten Bundesgenossen, und Sunderland, der

niemals einen Posten aufgab so lange er ihn behalten konnte, verblieben

im königlichen Dienste.

In Folge der Entlassungen, welche in dieser Conjunctur stattfanden,

war wiederum einer Reihe von Bewerbern der Weg zur Größe gebahnt. Zwei

Staatsmänner, welche sich nachmals auf den höchsten Gipfel der Macht,

den ein britischer Unterthan erreichen kann, emporschwangen, zogen bald

die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Es waren dies Lawrence Hyde und

Sidney Godolphin.

[_Lawrence Hyde._] Lawrence Hyde war der zweite Sohn des Kanzlers

Clarendon und Bruder der verstorbenen Herzogin von York. Er besaß

vorzügliche Eigenschaften, welche durch parlamentarische und

diplomatische Erfahrungen ausgebildet waren, aber seine

Charakterlosigkeit verringerte die Kraft seiner Fähigkeiten. Obgleich

Diplomat und Höfling, hatte er nie seine Gemüthsbewegungen in der

Gewalt. Stolz und unverschämt im Glück, war er nicht im Stande, seine

tiefe Niedergeschlagenheit zu verbergen, wenn ihn ein Unfall traf,

wodurch seinen Feinden der Triumph verdoppelt wurde. Unbedeutende

Angriffe genügten, seinen Zorn rege zu machen, und dann ließ er sich zu

den bittersten Bemerkungen hinreißen, welche er allerdings mit der

Abkühlung auch wieder vergaß, die aber nicht so bald aus dem

Gedächtnisse Anderer entwichen. Sein scharfer, Alles schnell

durchschauender Verstand würde ihn zu einem vollendeten Staatsmann

gemacht haben, wäre er nicht so dünkelhaft und reizbar gewesen. Seine

Schriften verrathen eine tüchtige Rednergabe, aber seine Empfindlichkeit

machte es ihm unmöglich, seine Talente in der Debatte zur Geltung zu

bringen, denn nichts war leichter als ihn aufzubringen, und von dem

Augenblick an, wo die Leidenschaftlichkeit in ihm die Oberhand gewann,

war er der Gnade von Gegnern preisgegeben, deren Fähigkeiten tief unter

den seinigen standen.

Wie die meisten leitenden Staatsmänner jener Zeit, war er ein

consequenter heftiger und erbitterter Parteimann, ein Cavalier der alten

Schule, ein eifriger Vertheidiger des Thrones und der Kirche und dabei

von Feindschaft gegen Republikaner und Nichtconformisten erfüllt.

Er besaß deshalb einen bedeutenden Kreis von persönlichen Anhängern;

namentlich der Clerus erblickte in ihm einen Mann, auf den man fest

rechnen konnte, und gewährte seinen Schwächen eine Nachsicht, deren er

auch in der That bedurfte, denn er war ein starker Trinker, und wenn er

wüthend wurde, was sehr oft geschah, fluchte er wie ein Lastträger.

Er war Essex' Nachfolger im Schatzamte. Es darf nicht vergessen werden,

daß die Stelle eines ersten Lords der Schatzkammer damals noch nicht die

Bedeutung und das Ansehen hatte, wie in der Jetztzeit. Wenn es einen

Lord Schatzmeister gab, so war dieser hohe Beamte in der Regel

Premierminister; wurde aber der weiße Stab einer Commission verliehen,

so stand der erste Commissar noch unter dem Range eines

Staatssekretairs. Erst seit Walpole's Zeit betrachtete man den ersten

Lord des Schatzes als das Haupt der ausführenden Verwaltung.

[_Sidney Godolphin._] Godolphin war als Page in Whitehall erzogen

worden, und hatte schon zeitig die Gewandtheit und Selbstbeherrschung

eines alten Hofmanns sich zu eigen gemacht. Er war fleißig, besaß einen

hellen Verstand, und bedeutende Kenntniß des Finanzwesens, daher war er

für jede Regierung ein höchst brauchbarer Mann, in dessen Ansichten und

Charakter sich nichts befand, was ihn hätte hindern können, irgend einer

Regierung gute Dienste zu leisten. Karl pflegte von ihm zu sagen:

»Sidney Godolphin ist niemals im Wege und niemals vom Wege.« Diese

treffende Bemerkung erklärt die großen Erfolge in Godolphins Leben.

Er schloß sich zu verschiedenen Zeiten den beiden großen Parteien an,

ohne jedoch jemals die Leidenschaft einer derselben zu theilen. Gleich

den meisten Leuten, welche vorsichtigen Charakters und im Besitze

bedeutender Glücksgüter sind, hatte er eine entschiedene Neigung alles

Bestehende zu unterstützen. Er war kein Freund von Revolutionen, und aus

derselben Ursache, welche ihm die Revolutionen verhaßt machte, liebte er

auch die Contrerevolutionen nicht. Er besaß eine ernste und gemessene

Haltung, aber seine persönlichen Neigungen waren niedrig und

leichtfertig. Die meiste Zeit, die ihm die Staatsgeschäfte übrig ließen,

verbrachte er bei Wettrennen, Hahnkämpfen und Kartenspiel. Er saß jetzt

unter Rochester im Schatzamte, und machte sich durch Fleiß und

Kenntnisse sehr bemerkbar.

Ehe das neue Parlament zu neuer Thätigkeit zusammentreten konnte,

verging ein volles Jahr, ein ereignißvolles Jahr, welches in unserer

Sprache und unseren Sitten unverlöschliche Spuren zurückgelassen hat.

Niemals waren früher politische Streitigkeiten mit soviel Freimuth

geführt worden, nie hatten politische Klubs von so ausgebildeter

Organisation und so gewaltigem Einflusse existirt. Die eine Frage der

Ausschließung beschäftigte alle Gemüther, und sämmtliche Pressen und

Kanzeln des Reiches betheiligten sich an dem Streite. Von den Einen

wurde erklärt, daß die Verfassung und Religion des Staates unter einem

der katholischen Kirche ergebenen Herrscher gefährdet seien, die Anderen

behaupteten, daß wenn die Reihe an Jakob komme, die Krone zu tragen,

dieses Recht von Gott stamme, und selbst dann nicht vertilgt werden

könne, wenn alle Zweige der gesetzgebenden Gewalt sich dagegen

vereinigten.

[_Heftigkeit der Parteien bei der Frage der Ausschließungsbill._] Jede

Grafschaft wie jede Stadt und jede Familie war in gewaltiger Aufregung.

Nachbarliche Artigkeit und Gastfreundschaft wurden gestört, die engsten

Bande der Geselligkeit und Verwandtschaft lösten sich auf. Selbst

Schulknaben bildeten wüthende Parteien, und der Herzog von York wie der

Earl von Shaftesbury besaßen eifrige Anhänger in den Schulstuben von

Westminster und Eton. Die Theater dröhnten von dem Geschrei der

streitenden Parteien. Aufgeregte Protestanten brachten die Päpstin

Johanna auf die Bühne, und wohlbezahlte Poeten würzten ihre Prologe und

Epiloge mit Lobeserhebungen des Königs und des Herzogs. Die

Mißvergnügten bestürmten den Thron mit Bitten um sofortige Einberufung

des Parlaments. Die Loyalen sandten Addressen, voller Ausdrücke der

tiefsten Verachtung gegen diejenigen, welche es wagten dem Souverain

Vorschriften zu machen. Die Bürger Londons liefen zu Tausenden zusammen,

um den Papst im Bilde zu verbrennen. Die Regierung stellte Cavallerie

bei Templebar und schweres Geschütz um Whitehall auf. In diesem Jahre

vermehrte sich unsere Sprache um zwei Worten: +mob+ (Pöbel) und +sham+

(Lüge, Betrug), bemerkenswerthe Erinnerungszeichen einer Zeit des

Aufruhrs und Betrugs. Die Gegner des Hofes nannte man: Birminghams,

Petitionäre und Ausschließungsmänner (+exclusionists+) die auf des

Königs Seite standen: Anti-Birminghams, Verabscheuer (+abhorrers+) und

Rennthiere (+tantivies+).

[_Die Namen Whig und Tory._] Diese Bezeichnungen kamen bald aus der

Mode, aber zu jener Zeit entstanden zwei Spottnamen, welche zwar

anfänglich zur Verhöhnung benutzt, bald aber mit Stolz angenommen

wurden, noch jetzt täglich in Anwendung sind, soweit die englische Zunge

verbreitet ist, und die so lange unvertilgbar bleiben werden, als die

englische Literatur besteht. Es ist ein bemerkenswerther Umstand, daß

einer dieser Spottnamen schottischen, der andere irländischen Ursprungs

ist. In Schottland wie in Irland hatten sich in Folge der schlechten

Regierung Banden von verzweifelten Menschen gebildet, deren Wildheit

noch durch Fanatismus erhöht wurde. Einige der verfolgten Anhänger des

Covenants, durch den härtesten Druck zur Verzweiflung getrieben,

mordeten den Primas von Schottland, ergriffen gegen die Regierung die

Waffen und fochten mit einigem Erfolg gegen die Truppen des Königs.

Sie wurden erst besiegt, nachdem Monmouth mit einigen englischen

Streitkräften sie an der Bothwellbrücke auseinander gesprengt hatte.

Diese Zeloten bestanden zum größten Theile aus Landleuten des westlichen

Unterlands, welche gewöhnlich Whigs hießen. So verband sich die

Benennung Whig mit dem Begriffe eines presbyterianischen Eiferers in

Schottland, und wurde auf diejenigen englischen Politiker übertragen,

welche geneigt waren, dem Hofe zu opponiren, und protestantische

Nichtconformisten mit Rücksicht zu behandeln. Die Moorgegenden Irlands

boten zu gleicher Zeit papistischen Flüchtlingen, welche Ähnlichkeit mit

denen hatten, welche man später Weißburschen (+white-boys+) nannte,

einen Zufluchtsort. Diese Leute hießen damals Tories. Mit dem Namen Tory

bezeichnete man daher diejenigen Engländer, welche sich sträubten zur

Ausschließung eines katholischen Prinzen vom Throne beizutragen.

Die Wuth der feindlichen Parteien würde schon stark genug gewesen sein,

wenn man dieselbe sich selbst überlassen hätte, so aber wurde sie von

dem gemeinschaftlichen Feinde beider absichtlich noch mehr

aufgestachelt. Ludwig unterließ noch immer nicht, sowohl den Hof wie die

Opposition zu bestechen, und beiden zu schmeicheln. Er rieth Karl, fest

zu bleiben, Jakob, eine Revolution in Schottland zu erregen, und

ermuthigte die Whigs, nicht zu wanken, sondern mit Zuverlässigkeit auf

Frankreichs Schutz zu rechnen.

Bei allem diesen bewegten Treiben konnte es einem scharfblickenden Auge

nicht verborgen bleiben, daß die öffentliche Meinung allmälig sich einer

Umwandlung näherte. Die Verfolgung der Katholiken hatte noch nicht

aufgehört, aber die Verurtheilungen verstanden sich nicht mehr -- wie

früher -- von selbst. Eine neue Rotte falscher Zeugen, unter ihnen ein

Schuft Namens Dangerfield, der sich am meisten hervorthat, peinigte die

Gerichtshöfe; aber obgleich die Lügen dieser Menschen besseren Klang

hatten als die des Oates, so fanden sie doch weniger Glauben. Die

Geschwornen waren nicht mehr so befangen, wie zur Zeit des allgemeinen

Entsetzens, welches der Ermordung Godfrey's folgte, und die Richter,

während der Wahnsinnsperiode gefügige Werkzeuge des Volkes, hatten jetzt

den Muth, zum Theil das auszusprechen, was sie von Anfang für wahr

gehalten.

[_Zusammentritt des Parlaments, und Durchgang der Ausschließungsbill im

Hause der Gemeinen._] Endlich, im Oktober des Jahres 1680, trat das

Parlament zusammen. Die Whigs bildeten bei den Gemeinen eine so große

Majorität, daß die Ausschließungsbill alle ihre Stadien ohne Beschwerde

durchlief. Der König wußte kaum, auf welche Mitglieder seines eigenen

Kabinets er zählen dürfe; Hyde hatte seine Toryansichten treulich

festgehalten, und im Interesse der erblichen Monarchie eine beharrliche

Thätigkeit entwickelt; Godolphin jedoch, in dem ängstlichen Bestreben

nach Ruhe, und der Ansicht, daß diese nur durch Zugeständnisse

herbeizuführen sei, wünschte, daß die Bill durchgehen möchte.

Sunderland, stets falsch und verblendet, unfähig die Symptome der

nahenden Reaction zu erkennen und voller Eifer die Partei, welche nach

seiner Meinung unwiderstehlich war, zu versöhnen, beschloß gegen den Hof

zu stimmen. Die Herzogin von Portsmouth beschwor ihren königlichen

Geliebten, sich nicht mit Gewalt dem Verderben preiszugeben. Wenn es

wirklich einen Punkt gab, bei welchem derselbe Regungen des Gewissens

oder der Ehre in sich fühlte, so war es die Successionsfrage; es schien

jedoch einige Tage, als ob er nachgeben würde. Er schwankte, fragte nach

der Höhe der Summe, welche ihm die Gemeinen für seine Einwilligung

zahlen würden, und gestattete, daß eine Unterhandlung mit den leitenden

Whigs begann. Ein schweres gegenseitiges Mißtrauen aber, Jahre lang im

Wachsthum begriffen, und durch die Kunstgriffe Frankreichs sorgfältig

unterhalten, ließ keinen Vergleich zu Stande kommen, auf beiden Seiten

fehlte das gegenseitige Vertrauen. Das ganze Volk blickte jetzt voll

banger Erwartung auf das Haus der Lords. Die Pairs waren zahlreich

versammelt, der König selbst anwesend, die Debatte lang, ernsthaft und

bisweilen stürmisch. Mehrere erfaßten den Griff des Degens auf eine Art,

welche an die aufgeregten Parlamente Heinrichs III. und Richards II.

erinnerte.

[_Die Lords verwerfen die Ausschließungsbill._] Der falsche Sunderland

schloß sich an Shaftesbury und Essex an; der geistreiche Halifax aber

warf alle Opposition darnieder. Verlassen von seinen wichtigsten

Collegen und einer Menge gewandter Gegner preisgegeben, führte er die

Sache des Herzogs von York in einer Folge von Reden, welche noch nach

vielen Jahren als Meisterwerke der Logik, Genialität und Beredtsamkeit

galten. Es ist ein seltener Fall, daß die Macht der Rede einen Umschwung

in der Abstimmung hervorbringt, aber das Zeugniß der Zeitgenossen

beweist zur Evidenz, daß bei dieser Gelegenheit durch die

außerordentliche Redekunst des Halifax die Stimmen geändert wurden.

Die Bischöfe, treu ihrer Lehre, unterstützten das Prinzip des

Erblichkeitsrechts, und die Bill wurde mit großer Majorität

verworfen.[5]

[Anmerkung 5: Ein anwesender Pair hat den Erfolg von Halifax'

Redekunst in Worten beschrieben, welche ich mittheilen will, weil

sie, obgleich schon längst gedruckt, vermuthlich nur wenigen

selbst der aufmerksamsten und wißbegierigsten Leser der Geschichte

bekannt sind:

»Von außerordentlicher Beredtsamkeit und großen Mitteln waren die

Feinde des Herzogs, welche die Bill vertheidigten, aber ein edler

Lord trat auf, der an diesem Tage mit aller Macht der Rede in

Beweisführung, in Gründen aus dem öffentlichen wie aus dem

Privatinteresse der Menschen, in Ehre, Gewissen und Anstand sich

selbst und jeden Andern übertraf. Zuletzt siegte er durch sein

Verfahren und seine Talente, und wurden durch ihn Witz und Bosheit

der anderen Partei zu nichte gemacht.«

Diese Stelle ist einer Denkschrift Heinrichs, Earls von

Peterborough entlehnt, die sich in einem Buche unter dem Titel:

+»Succinct Genealogies, by Robert Halstead« Fol. 1685+, findet.

Der Name Halstead ist fingirt. Die wahren Verfasser sind der Earl

von Peterborough selbst und sein Kaplan. Das Buch ist höchst

selten, da bloß vierundzwanzig Exemplare davon gedruckt wurden,

von denen zwei das britische Museum besitzt. Von diesen beiden

gehörte eines Georg IV. und das andere Mr. Grenville.]

[_Hinrichtung Staffords._] Die im Hause der Gemeinen vorherrschende

Partei erlitt durch diese Niederlage eine bittere Kränkung, doch fand

sie darin einigen Trost, daß Blut von Katholiken fließen mußte. William

Howard, Viscount Stafford, einer der Unglücklichen, welche bei dem

Complot betheiligt sein sollten, wurde vor die Schranken seiner Pairs

gestellt, auf die Beschuldigung Oates' und zweier andern falschen Zeugen

Dugdale und Turberville wegen Hochverraths verurtheilt und hingerichtet.

Aber die näheren Umstände seines Prozesses und seiner Hinrichtung

konnten den Führern der Whigpartei zu einer warnenden Lehre dienen. Eine

große und ehrenwerthe Minorität des Hauses der Lords erklärte den

Gefangenen für unschuldig. Die Volksmasse, welche noch vor wenigen

Monaten die letzten, vor der Hinrichtung gegebenen Versicherungen der

Opfer des Oates mit Spott und Hohngeschrei aufgenommen hatte, sprach nun

laut seine Überzeugung aus, daß an Stafford ein Mord begangen worden

sei. Als er in den letzten Augenblicken seine Unschuld betheuerte, rief

man ihm zu: »Gott segne Euch, Mylord. Wir glauben Euch, Mylord!« Ein

scharfsichtiger Beobachter konnte leicht voraussehen, daß für das damals

vergossene Blut bald anderes nachfließen werde.

[_Allgemeine Wahlen von 1681._] Der König wollte das Mittel einer

Auflösung nochmals versuchen. Er berief ein Parlament für den März des

Jahres 1681 nach Oxford. Seit den Zeiten der Plantagenets waren die

Häuser stets zu Westminster versammelt gewesen, außer wenn Seuchen in

London herrschten, aber so ungewöhnliche Zeitumstände erheischten auch

außerordentliche Vorsichtsmaßregeln. Wurde das Parlament an seinem

gewöhnlichen Versammlungsorte gehalten, so konnte das Haus der Gemeinen

sich für permanent erklären und Londons Magistrat und Bürgerschaft zu

Hilfe rufen. Die Miliz konnte zum Schutze Shaftesbury's herbeieilen, wie

sie vor vierzig Jahren zur Vertheidigung Pyms und Hampdens aufgestanden

war, die Wachen konnten entwaffnet, der Palast erobert und der König von

den Rebellen zum Gefangenen gemacht werden; solche Gefahren waren in

Oxford nicht möglich. Die Universität hielt es mit der Krone und der

Adel der Umgegend gehörte fast durchgängig den Tories an, die Opposition

hatte demnach hier mehr zu fürchten, als der König.

Der Wahlkampf war heftig. Im Hause der Gemeinen bildeten die Whigs noch

immer eine Majorität, es war aber nicht zu verkennen, daß der Tory-Geist

allenthalben im Lande rasch um sich griff. Man sollte glauben, der

scharfblickende, gewandte Shaftesbury hätte den eintretenden Wechsel

bemerken und zu dem, vom Hofe gebotenen Vergleiche seine Einwilligung

geben müssen, aber er schien seine frühere Taktik nicht mehr verfolgen

zu wollen. Anstatt Vorsichtsmaßregeln zu treffen, um bei schlimmem

Erfolge sich den Rückzug zu sichern, nahm er eine Position, in welcher

er siegen oder seinen Untergang finden mußte. Vielleicht war ihm der

Kopf, so vortrefflich er auch war, durch die Gunst des Volkes, durch das

Glück und durch die Aufregung des Kampfes schwindelnd geworden,

vielleicht hatte er auch seine Partei so aufgestachelt, daß er sie nicht

mehr beherrschen konnte und in wildem Laufe von denen mit fortgerissen

wurde, die er zu leiten glaubte.

[_Das Parlament zu Oxford gehalten und aufgelöst._] So kam der

ereignißvolle Tag heran. Die Versammlung zu Oxford hatte mehr

Ähnlichkeit mit einem polnischen Reichstage als einem englischen

Parlament. Die Mitglieder der Whigpartei kamen in Begleitung einer

großen Anzahl wohl bewaffneter und berittener Pächter und Dienstleute,

welche trotzige Blicke mit den königlichen Garden wechselten. Die

kleinste Veranlagung konnte bei dieser Gährung eine Revolution

hervorrufen, nur wagte es keine Partei, den ersten Schlag zu führen.

Noch einmal versprach der König, mit Ausnahmen der Ausschließungsbill in

Alles zu willigen, die Gemeinen aber wollten nichts annehmen als eben

die Ausschließungsbill. Nach Verlauf von wenigen Tagen war das Parlament

wieder aufgelöst.

[_Toryreaction._] Der König hatte gesiegt, und die Reaction, welche

einige Monate vor dem Zusammentreten der Häuser zu Oxford ihren Anfang

nahm, machte rasche Fortschritte. Die Nation war dem Papstthum

allerdings noch immer feindlich gesinnt, aber wenn die Leute auf die

Complotgeschichte zurückblickten, so erkannten sie doch, daß ihr

protestantischer Eifer sie zu Thorheiten und Verbrechen veranlaßt hatte,

und es schien ihnen unbegreiflich, daß sie sich durch alberne Mährchen

verleiten ließen, das Blut ihrer Mitbürger und Mitchristen zu verlangen.

Freilich mußten die loyalsten Männer zugestehen, daß Karls Verwaltung

oft heilloser Art gewesen sei, aber Leute, die von seinem Verkehr mit

Frankreich nicht so genau unterrichtet waren, als wir es jetzt sind, und

auf welche die Heftigkeit der Whigs einen widerwärtigen Eindruck machte,

rechneten die großen Zugeständnisse her, welche in den letzten Jahren

das Parlament von ihm erlangt, und die noch bedeutenderen

Zugeständnisse, zu denen er sich bereit gezeigt. Er hatte die Gesetze

sanktionirt, welche die Katholischen von dem Hause der Lords, dem

Geheimen Rathe und jedem bürgerlichen und militairischen Amte

ausgeschlossen, und ebenso die Habeas-Corpus-Akte genehmigt. Waren keine

größeren Bürgschaften da gegen die Gefahren, welche der Verfassung und

der Kirche von einem katholischen Souverän drohten, so trug nicht Karl

die Schuld, denn er hatte das Parlament aufgefordert, dergleichen

Bürgschaften in Vorschlag zu bringen, sondern jene Whigs, welche von

keinem Ersatzmittel für die Ausschließungsbill hören wollten. -- Eins

nur hatte der König seinem Volke abgeschlagen: er hatte sich geweigert,

seinen Bruder des Geburtsrechtes zu berauben, aber ließ sich nicht

annehmen, daß diese Weigerung aus ehrenwerthen Gründen stattgefunden?

welche egoistischen Motive konnte selbst der Parteigeist dem Herzen des

Königs zu Grunde legen? die Ausschließungsbill beeinträchtigte durch

nichts die Hohheitsrechte des regierenden Königs und verminderte

ebensowenig seine Revenüen, ja, er hätte sogar durch ihre Genehmigung

eine bedeutende Vermehrung seines Einkommens erzielen können. Und konnte

es ihm nicht gleichgültig sein, wer nach ihm die Krone trug? Ja, wenn

bei ihm persönliche Vorliebe in's Spiel kam, so wußte man, daß dieselbe

mehr für den Herzog von Monmouth als für den Herzog von York vorhanden

war. Das Verfahren des Königs ließ sich daher auf das Natürlichste

dadurch erklären, daß trotz seines unstäten Charakters und seiner

leichtfertigen Moral, er doch in diesem Falle von Pflicht und Ehre sich

habe leiten lassen. Und war es so, konnte ihn die Nation dann zu einer

Handlung zwingen, die er für verbrecherisch und ehrlos hielt? Auf sein

Gewissen einen Zwang auszuüben, geschähe es auch durch streng

verfassungsmäßige Mittel, hielten eifrige Royalisten für unedel und

pflichtwidrig, aber _solche_ Mittel waren nicht die einzigen, welche die

Whigs anzuwenden gedachten. Bereits zeigten sich Vorboten eines

herannahenden Bürgerkriegs, und Männer, welche zu den Zeiten der

bürgerlichen Unruhen und der Republik sich allgemein verhaßt gemacht

hatten, traten jetzt aus der Verborgenheit hervor, in die sie sich nach

der Restauration vor dem allgemeinen Unwillen geflüchtet hatten, gingen

überall mit zuversichtlichen und geschäftigen Mienen herum und schienen

einen zweiten Sieg der Heiligen schon im Voraus zu feiern. Ein zweites

Naseby, ein zweiter hoher Gerichtshof, eine zweite Republik, ein

nochmaliger Usurpator auf dem Throne, ein abermaliges Hinauswerfen der

Lords aus ihrem Saale, eine zweite Säuberung der Universitäten, eine

wiederholte Beraubung und Verfolgung der Kirche, eine neue Herrschaft

der Puritaner -- auf solche Resultate schien die verzweifelte Politik

der Opposition hinzuarbeiten.

Solche Gefühle belebten die höheren und mittleren Klassen, welche sich

in großer Zahl um den Thron schaarten. Der König befand sich in

ähnlicher Lage wie sein Vater kurz nach dem Erlasse der großen

Remonstration. Die Reaction von 1641 hatte man in ihrem Fortschritte

gehemmt. Als sein ihm lange entfremdetes Volk mit versöhnlichen Herzen

im Begriff war, zu ihm zurückzukehren, hatte Karl I. durch treulose

Verletzung der Grundgesetze des Reiches das öffentliche Vertrauen auf

immer verscherzt. Hätte Karl II. ebenso gehandelt, hätte er die Führer

der Whigpartei gesetzwidrig verhaften und vor einem Tribunale, das keine

legale Gerichtsbarkeit über sie besaß, des Hochverraths beschuldigen

lassen, so würden sie ohne Zweifel das verlorne Übergewicht bald wieder

erlangt haben. Es war ein Glück für ihn, daß er bei dieser Krisis sich

rathen ließ, eine Politik zu verfolgen, die seinen Absichten ganz

entsprechend war. Er entschloß sich, dem Gesetze Folge zu leisten,

zugleich aber auch den kräftigsten und schonungslosesten Gebrauch von

demselben gegen seine Widersacher zu machen. Er war nicht verpflichtet,

vor Ablauf der nächsten drei Jahre ein Parlament einzuberufen, und

befand sich eben in keiner Geldverlegenheit, denn der Betrag der

Steuern, welche ihm auf Lebenszeit bewilligt waren, überstieg das

angenommene Bedürfniß. Er lebte mit aller Welt in Frieden, konnte seine

Ausgaben beschränken, indem er den kostspieligen und nutzlosen Posten zu

Tanger aufgab, und wußte, daß er auf Geldhilfe von Seiten Frankreichs

rechnen durfte. Es blieb ihm daher die nöthige Zeit, und fehlte ihm

nicht an Mitteln, die Opposition in aller gesetzlichen Form systematisch

zu bekämpfen. Die Richter konnte er willkürlich entlassen, die

Geschwornen wurden von den Sheriffs ernannt, und in fast allen

Districten Englands erwählte er die Sheriffs. Zeugen desselben

Gelichters, welchem diejenigen angehört hatten, auf deren Aussagen die

Katholiken das Schaffot besteigen mußten, waren bereit, auch die Whigs

auf die Richtstätte zu liefern.

[_Verfolgung der Whigs._] Als erstes Opfer fiel College, ein lauter,

wilder Demagog von niedrigem Herkommen und schlechter Erziehung. Er war

seines Handwerks ein Tischler, und hatte den Ruhm, der Erfinder des

protestantischen Dreschflegels zu sein.[6] Als das Parlament in Oxford

gewesen, sollte er dort den Plan gehabt haben, einen Angriff auf die

Garde des Königs zu machen. Gegen ihn zeugten Dugdale und Turberville,

dieselben Schurken, welche wenige Monate früher falsches Zeugniß gegen

Stafford abgelegt. Einer Jury von Landedelleuten gegenüber konnte kein

Exclusionist auf Gnade rechnen; er wurde für schuldig erklärt. Der

Ausspruch der Geschwornen wurde von den Massen, welche das Gerichtshaus

von Oxford füllten, mit enthusiastischem Gebrüll begrüßt, so

unmenschlich wie das, welches er mit seinen Genossen ausgestoßen, wenn

man unschuldige Katholiken zum Henkerstode verurtheilte. Seine

Hinrichtung gab das Zeichen zu einer neuen Justiz-Schlächterei, nicht

weniger schändlich als die, an der er früher selbst betheiligt gewesen

war.

Die Regierung war durch diesen ersten Triumph so kühn geworden, daß sie

jetzt ihr Absehen auf einen Feind von ganz anderer Art richtete. Man

beschloß Shaftesbury auf Leben und Tod anzuklagen, und es wurden Beweise

gesammelt, um gegen ihn einen Prozeß auf Hochverrath einzuleiten. Aber

die Thatsachen, welche es zu beweisen galt, mußten in London geschehen

sein. Die Sheriffs von London, von den Bürgern gewählt, waren eifrige

Whigs. Sie ernannten eine große, aus Whigs bestehende Jury, welche den

Antrag auf Anklage zurückwies; allein diese Niederlage entmuthigte die

Rathgeber des Königs keineswegs, sondern bestimmte sie vielmehr, auf

einen neuen, kühnen Plan zu sinnen.

[Anmerkung 6: Dies erwähnt das interessante Werk, unter dem Titel:

+»Ragguaglio della solenne Comparsa fatta in Roma gli otto di

Gennaio, 1687, dall' illustrissimo et excellentissimo signor Conte

di Castelmaine.«+]

[_Der Freibrief der City wird zurückgenommen._] Der Freibrief der

Hauptstadt stand ihnen im Wege, und dieser Freibrief mußte vernichtet

werden. Es wurde erklärt, daß die City von London durch einige

Ungesetzlichkeiten ihre munizipalen Privilegien verwirkt habe und die

ganze Corporation einer Untersuchung vor dem Gerichtshofe der

Kings-Bench zu übergeben sei. Zugleich handhabte man die Gesetze, welche

bald nach der Restauration gegen Nichtconformisten entstanden waren und

während der Herrschaft der Whigs geruht hatten, mit außerordentlicher

Strenge.

[_Verschwörungen der Whigs._] Die Whigs aber hatten den Muth noch nicht

verloren. Befanden sie sich auch in schlimmer Lage, so bildeten sie doch

noch immer eine zahlreiche und mächtige Partei, und da ihre Anhänger

größtentheils in bedeutenderen Städten, und namentlich in der Hauptstadt

lebten, so erregten sie mehr Lärm und Aufsehen, als ihre wirkliche

Stärke rechtfertigte. Aufgeregt durch das Andenken an vergangene

Triumphe und das Gefühl der jetzigen Unterdrückung, überschätzten sie

sowohl ihre Macht wie ihre Leiden. Sie vermochten nicht, die Existenz

jener klaren und Alles bewältigenden Nothwendigkeit nachzuweisen, welche

allein das gewaltsame Mittel der Auflehnung gegen eine gesetzmäßig

bestehende Regierung zu rechtfertigen vermag. Welchen Argwohn sie auch

immer in sich trugen, sie konnten keinen Beweis dafür liefern, daß ihr

Souverain mit Frankreich ein Bündniß gegen die Religion und die

Freiheiten Englands geschlossen habe. Was davon bekannt war, reichte

nicht aus, um die Anwendung des Schwertes zu rechtfertigen. Wurde die

Ausschließungsbill verworfen, so hatten es die Lords in der Ausübung

eines Rechts gethan, das so lange bestand wie die Verfassung; hatte der

König das Parlament von Oxford aufgelöst, so geschah es vermittelst

eines Hohheitsrechtes, das nicht in Abrede gestellt werden konnte. Wenn

der Hof nach der Auflösung zu einigen strengen Maßregeln griff, so

verstießen dieselben doch nicht gegen die Bestimmungen der Gesetze und

gegen die Praxis, welche von den Unzufriedenen noch kürzlich selbst

ausgeübt worden war. Verfolgte der König seine Widersacher, so geschah

es nach aller Form und vor den ordentlichen Gerichtshöfen. Die

Zeugnisse, welche für die Krone sprachen, waren wenigstens ebenso

geltend als diejenigen, auf welche hin die Opposition noch vor kurzem

Englands edelstes Blut vergossen hatte. Ein angeklagter Whig hatte jetzt

von Richtern, Advokaten, Sheriffs, Geschwornen und Zuschauern keine

üblere Behandlung zu erwarten, als diejenige war, welche die Whigs noch

jüngst als angemessen für einen angeklagten Papisten hielten. Man hatte

die Privilegien der City Londons angegriffen, doch war es nicht mit

bewaffneter Hand, oder durch Ausübung einer nicht zu rechtfertigenden

Prärogative geschehen, sondern in Übereinstimmung mit dem ordentlichen

Gerichtsgebrauch von Westminsterhall. Auf den Befehl des Königs waren

weder neue Steuern erhoben, noch ein Gesetz außer Kraft gesetzt worden;

die Habeas-Corpus-Akte wurde geachtet und selbst die Testakte in

Ausführung gebracht. Es war daher der Opposition unmöglich, den König

einer so schlechten Regierung zu beschuldigen, daß ein Aufstand sich

hätte rechtfertigen lassen. Und gesetzt seine Regierung wäre noch

mangelhafter gewesen, ein Aufstand würde immer verbrecherisch geblieben

sein, da keine Aussicht vorhanden war ihn mit Erfolg durchzuführen.

Die Lage der Whigs im Jahre 1682 war eine andere als die der Rundköpfe

vierzig Jahre früher. Diejenigen, welche gegen Karl I. zu den Waffen

griffen, thaten es unter der Autorität eines Parlaments, welches das

Gesetz versammelt hatte und ohne seine eigene Zustimmung nicht aufgelöst

werden konnte. Die Widersacher Karls II. bestanden aus Privatleuten.

Fast alle Hilfsmittel des Königreichs in Militair und Flotte befanden

sich in den Händen derjenigen, welche Karl I. entgegenstanden, jetzt

besaß Karl II. diese Hilfsmittel. Die Hälfte der Nation hatte das Haus

der Gemeinen gegen Karl I. unterstützt; die Zahl der Kriegslustigen

gegen Karl II. war in großer Minorität. Es unterlag daher keinem

Zweifel, daß sie nicht im Stande sein würden, eine Erhebung

durchzuführen, und ebenso wahrscheinlich mußte ein Scheitern derselben

die Übel, über welche sie klagten, nur vergrößern. Die wahre Politik der

Whigs wäre gewesen, sich mit Ergebung in das Mißgeschick zu fügen,

welches eine natürliche Folge und wohlverdiente Strafe ihrer Verirrungen

war, geduldig auf eine Änderung der Volksstimmung zu warten, die nicht

ausbleiben konnte, dem Gesetze sich zu fügen, und den, wenn auch

unvollkommenen doch keineswegs nichtigen Schutz zu beanspruchen, den das

Gesetz der Unschuld gewähren muß. Zu ihrem Unglück schlugen sie einen

anderen Weg ein. Gewissenlose heißblütige Führer der Partei bildeten und

verarbeiteten Widerstandspläne, und wurden zwar nicht mit Beifall, doch

mit dem Scheine des Einverständnisses von bessern Männern angehört, als

sie selbst waren. Man beschloß zu gleicher Zeit in London, in Cheshire,

zu Bristol und zu Newcastle Aufstände ausbrechen zu lassen, und hatte

mit den mißvergnügten schottischen Presbyterianern Verbindungen

angeknüpft, welche unter einer Tyrannei schmachteten, wie sie England in

den trübsten Zeiten nicht erduldet. Indem so die Führer der Opposition

Pläne wegen offener Rebellion besprachen, aber immer noch durch Furcht

und Gewissen sich von der entscheidenden That abhalten ließen, verfielen

einige ihrer Genossen auf einen ganz besonderen Plan. Für wilde,

charakterlose Menschen, welche der Fanatismus dem Wahnsinn nahe

gebracht, schien es der einfachste und sicherste Weg, die Freiheiten

Englands und den Protestantismus dadurch zu retten, daß man den König

und seinem Bruder einen Hinterhalt legte, und Beide ermordete. Bereits

waren Ort und Zeit bestimmt und die Einzelheiten der Ermordung häufig

besprochen worden, wenn auch noch nicht bis zur Ausführung geordnet. Nur

Wenige waren in diesen Plan eingeweiht, und namentlich wurde er vor dem

rechtschaffenen, menschenfreundlichen Russell und vor Monmouth geheim

gehalten, der zwar nicht eben ein zartes Gewissen hatte, aber doch mit

Entsetzen vor dem Verbrechen des Vatermords zurückgebebt sein würde. So

existirten zwei Verschwörungen, eine in der andern. Das größere Complot

der Whigs ging dahin, das Volk zum Aufruhr gegen die Regierung zu

verleiten, das kleinere Complot aber, das Ryehousecomplot

(Roggenhauscomplot) genannt, welches nur aus wenigen Personen bestand,

beabsichtigte den Meuchelmord des Königs und seines muthmaßlichen

Thronfolgers.

[_Entdeckung der Whigverschwörung._] Beide Complots wurden verrathen.

Feige Verräther eilten sich selbst zu retten, indem sie Alles und noch

mehr als das, anzeigten was in den Berathungen der Partei erwähnt worden

war. Es ist Thatsache, daß nur eine sehr kleine Zahl der Mißvergnügten

daran dachte, zum Mittel des Meuchelmordes zu schreiten, da aber zwei

Verschwörungen sich vereinigten, so war es der Regierung leicht, sie zu

vermischen.

[_Strenge der Regierung._] Die zu rechtfertigende Entrüstung, welche das

Ryehousecomplot hervorrief, traf längere Zeit die gesammte Whigpartei.

Der Konig hatte jetzt völlige Freiheit, für Jahre des Zwanges und der

Demüthigung sich zu rächen. Shaftesbury war allerdings dem, durch seine

vielfache Treulosigkeit wohlverdienten Schicksale entgangen. Er hatte

den Untergang seiner Partei herannahen sehen, hatte einen vergeblichen

Versuch gemacht, sich mit den königlichen Brüdern zu versöhnen, und war

nach Holland geflüchtet, wo er bald darauf unter dem großmüthigen

Schutze einer Regierung starb, der er manch bitteres Leid zugefügt.

Monmouth warf sich seinem Vater zu Füßen und erhielt Gnade,

compromittirte sich aber sehr bald wieder, und hielt es für klug, in ein

freiwilliges Exil zu gehen. Essex tödtete sich im Tower mit eigener

Hand. Russel, der keines hochverrätherischen Verbrechens schuldig

gewesen zu sein scheint, und Sidney, dessen Schuld gesetzlich nicht

bewiesen werden konnte, wurden trotz Recht und Gerechtigkeit enthauptet.

Russel starb mit christlicher Ergebung, Sidney mit stoischem Muthe.

Einige betheiligte Politiker von niederem Range wurden zum Galgen

verurtheilt. Viele flüchteten aus dem Lande. Eine Menge Prozesse

entstanden wegen unterlassener Anzeige von Verrath, wegen

Schmähschriften oder Verschwörungen. Verurtheilungen wurden ohne Mühe

von den torystischen Geschwornen erlangt und strenge Strafen von den

höfischen Richtern verhängt. Mit diesen Criminalprozessen vereinigten

sich nicht minder furchtbare Civilprozesse. Es wurden Personen verklagt,

die den Herzog von York beschimpft hatten, und Entschädigungen, welche

einer lebenslänglichen Kerkerhaft gleichkamen, wurden von dem Kläger

gefordert, und ohne Bedenken zuerkannt. Der Gerichtshof der Kings-Bench

erklärte, daß die Freiheiten der City Londons der Krone verfallen seien.

Dieser bedeutende Sieg machte die Regierung so übermüthig, daß sie die

Institutionen anderer Corporationen angriff, an deren Spitze Whigbeamten

standen, oder welche whigistische Mitglieder in das Parlament gewählt

hatten.

[_Entziehung von Privilegien._] Stadt für Stadt wurde gezwungen, ihre

Privilegien aufzugeben, und die neuen Freibriefe, welche an Stelle

derselben verliehen wurden, gaben den Tories überall die Herrschaft.

Wie wenig auch diese Maßregeln zu entschuldigen waren, so hatten sie

doch den Schein der Gesetzlichkeit, und wurden zugleich von einer

Handlung begleitet, welche die Befürchtungen zu nichte machen sollten,

mit denen viele loyale Leute der Thronbesteigung eines katholischen

Souverains entgegen sahen. Lady Anna, jüngere Tochter des Herzogs von

York aus erster Ehe, wurde mit Georg, einem Prinzen aus dem

rechtgläubigen Hause Dänemark, vermählt. Der torystische Adel sammt dem

Klerus hatten jetzt Ursache zu der Hoffnung, daß die englische Kirche,

ohne Verletzung der Thronfolgeordnung, vollständig gesichert sei. Der

König und sein Erbe standen in ziemlich gleichem Alter, beide näherten

sich dem Abend des Lebens. Der König erfreute sich einer vortrefflichen

Gesundheit, und aller Wahrscheinlichkeit nach konnte Jakob, wenn er

überhaupt auf den Thron gelangte, nur kurze Zeit regieren. Über diese

Zeit hinaus bot sich die zufriedenstellende Aussicht auf eine lange

Reihe protestantischer Souveraine.

Die Freiheit, ohne Censur zu drucken, gereichte der überwundenen Partei

zu wenig oder keinem Vortheil, denn die Stimmung der Richter und

Geschwornen war der Art, daß kein Schriftsteller, den die Regierung

wegen eines Libells verfolgte, die geringste Hoffnung hatte,

freigesprochen zu werden. Die Furcht vor Bestrafung brachte daher

dieselbe Wirkung hervor, welche die Censur selbst erzielt haben würde.

Indessen erdröhnten die Kanzeln von Reden gegen die Sünde der Rebellion.

Die Abhandlungen, in denen Filmer die Behauptung aufstellte, erbliche

Despotie sei die von Gott verordnete Regierungsform, beschränkte

Monarchie hingegen ein verderblicher Unsinn, waren kürzlich erschienen

und von der Mehrzahl der Tories wohl aufgenommen worden. An demselben

Tage, an welchem Russel auf dem Schaffot starb, erklärte sich die

Universität von Oxford für diese wunderlichen Lehren in einem

feierlichen öffentlichen Akte und ließ die politischen Schriften von

Buchanan, Milton und Baxter mitten auf dem Schulhofe verbrennen.

Hierdurch wurde der König ermuthigt die Grenzen zu überschreiten, welche

er einige Jahre lang respectirt hatte, und den klaren Buchstaben des

Gesetzes zu verletzen. Das Gesetz verordnete, daß zwischen der Auflösung

eines Parlaments und der Zusammenberufung eines anderen nicht mehr als

drei Jahre verstreichen dürften, aber drei Jahre waren nach Auflösung

des Parlaments von Oxford vorüber, und es erfolgten keine Neuwahlen.

Dieser Verfassungsbruch war um so weniger zu entschuldigen, da der König

keinen Grund hatte, sich vor einem neuen Hause der Gemeinen zu fürchten.

Die Grafschaften waren größtentheils auf seiner Seite, und die

Landstädte, welche früher unter der Herrschaft der Whigs standen, waren

so umgestaltet, daß man überzeugt sein konnte, sie würden nur dem Hofe

ergebene Leute wählen.

[_Einfluß des Herzogs von York._] Bald darauf kam abermals eine

Verletzung des Gesetzes vor, und zwar zu Gunsten des Herzogs von York.

Dieser Prinz war seiner Religion sowie seines harten, rauhen Charakters

wegen nichts weniger als populär, so daß man es als Nothwendigkeit

betrachtete ihn so lange aus den Augen des Volks zu bringen, als die

Ausschließungsbill im Parlamente verhandelt wurde, damit sein

öffentliches Erscheinen der Partei, die ihm sein Geburtsrecht entziehen

wollte, nicht zum Nutzen gereichen könne. Man hatte ihn deshalb

entsendet, Schottlands Regierung zu übernehmen, wo der alte, ungestüme

Tyrann Lauderdale im Begriff war zu sterben. Jetzt wurde selbst

Lauderdale übertroffen. Die Regierung Jakobs charakterisirte sich durch

gehässige Gesetze, unmenschliche Strafen und Urtheile, deren

Ungerechtigkeit selbst in jenem Zeitalter beispiellos war. Der

schottische Geheime Rath hatte die Macht, Staatsverbrecher der Folter zu

unterwerfen, dieser Anblick aber war so haarsträubend, daß wenn die

spanischen Stiefeln gebracht wurden, selbst die ergebensten und

herzlosesten Hofleute das Zimmer verließen. Der Sessionstisch war in

Folge dessen zuweilen ganz unbesetzt, und man erachtete es später für

nothwendig, besonders zu verordnen, daß die Räthe bei solchen

Gelegenheiten ihre Plätze nicht verlassen dürften. Was den Herzog von

York betraf, so schien ihm das entsetzliche Schauspiel, welche die

verworfensten Menschen jener Zeit nicht ohne Mitleid und Grausen ansehen

konnten, zu amüsiren. Er besuchte nicht nur die Rathssitzungen, wenn

gefoltert wurde, sondern betrachtete auch die Qualen der unglücklichen

Opfer mit einer Aufmerksamkeit und einem Behagen, mit denen man ein

interessantes, wissenschaftliches Experiment zu verfolgen pflegt.

So verlebte er seine Zeit in Edinburg, bis das Resultat des Kampfes

zwischen dem Hofe und den Whigs nicht mehr zu bezweifeln war; dann

kehrte er nach England zurück, obgleich noch immer durch die Testakte

von aller öffentlichen Thätigkeit ausgeschlossen. Anfänglich wagte der

König zwar nicht, gegen ein Gesetz zu handeln, in welchem die große

Mehrzahl seiner loyalsten Unterthanen eine hauptsächliche Bürgschaft für

ihre Religion und ihre bürgerlichen Rechte sah; als aber eine

Reihenfolge von Versuchen bewies, daß die Nation geduldig genug war,

fast Alles über sich ergehen zu lassen was der Regierung zu thun

beliebte, so erlaubte sich Karl im Interesse seines Bruders eine

Ausnahme vom Gesetz zu machen. Der Herzog kehrte auf seinen Sitz im

Rathe zurück, und übernahm die Leitung des Seewesens.

[_Halifax opponirt ihm._] Diese verfassungswidrige Handlung veranlaßte

freilich einige Unzufriedenheit unter den gemäßigten Tories, und fand

sogar bei den Ministern des Königs keinen einstimmigen Beifall. Halifax

besonders, zur Zeit Marquis und Lord des Geheimsiegels, zeigte von dem

Tage an, wo die Tories mit seiner Beihilfe das Übergewicht erlangten,

eine Hinneigung zur Partei der Whigs. Nachdem man die Ausschließungsbill

verworfen hatte, verlangte er von dem Hause der Lords vorbeugende

Schritte gegen die Gefahr, welche die Freiheiten sowie die Religion des

englischen Volkes unter der kommenden Regierung treffen könnte; mit

Besorgniß erkannte er erst jetzt die Heftigkeit einer Reaktion, welche

zum Theil von ihm selbst ausgegangen war. Er machte kein Hehl aus der

Verachtung, welche die erbärmlichen Lehren der Universität Oxford in ihm

hervorgerufen. Das Bündniß mit Frankreich war ihm ein Greuel, und er

mißbilligte ernstlich die lange Aussetzung des Parlaments, so wie er

auch den Barbarismus tadelte, mit dem man die gestürzte Partei

behandelte. Er, der unter der siegreichen Herrschaft der Whigs sich

nicht gescheut hatte, Stafford für unschuldig zu erklären, wagte es, als

diese Partei niedergeworfen und hilflos war, Russel in Schutz zu nehmen.

In einer der letzten Rathssitzungen, bei welchen Karl gegenwärtig war,

ereignete sich eine merkwürdige Scene. Der Freibrief für Massachusetts

war verwirkt, und es entstand die Frage, wie diese Colonie künftig

verwaltet werden sollte. Die übereinstimmende Meinung des Collegiums

war, daß die vollständige Gewalt, die gesetzgebende wie die executive,

von der Krone ausgeübt werden solle. Halifax war anderer Meinung, und

sprach mit großem Eifer gegen unumschränkte Monarchie und zu Gunsten

repräsentativer Verfassung. Es sei ein Irrthum, versicherte er, wenn man

sich dem Glauben hingäbe, daß eine dem englischen Volksstamme

entsprungene und von englischen Gefühlen durchdrungene Nation es längere

Zeit ertragen würde, englische Institutionen zu entbehren. Das Leben,

sagte er, würde werthlos sein in einem Lande, wo Freiheit und Eigenthum

der Willkür eines despotischen Herrschers preisgegeben wären. Der Herzog

von York war über diese Sprache höchst erbittert, und machte seinen

Bruder auf das Wagniß aufmerksam, einen Mann im Amte zu lassen, der die

gefährlichen Ansichten Marvells und Sidney's vollkommen zu theilen

scheine.

In neuerer Zeit ist Halifax von einigen Schriftstellern der Vorwurf

gemacht worden, daß er im Ministerium geblieben, während er das System,

nach welchem die inneren wie die äußeren Angelegenheiten behandelt

wurden, mißbilligte; doch ist dieser Tadel nicht gerechtfertigt. Man

darf nicht vergessen, daß der Begriff »Ministerium« in dem Sinne wie er

jetzt genommen wird, zu damaliger Zeit unbekannt war[7]. Die Sache

selbst existirte gar nicht, denn sie ist das Produkt eines Zeitalters,

in welchem sich die parlamentarische Regierung vollständig entwickelt

hatte. Jetzt bilden die ersten Diener der Krone einen geschlossenen

Körper und man nimmt an, daß unter ihnen ein freundschaftliches

Vertrauen besteht und sie über die Hauptgrundsätze einig sind, nach

denen die executive Verwaltung geleitet werden soll. Findet eine leichte

Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen statt, so wird sie bald

ausgeglichen; wenn aber Einer in einer Lebensfrage mit den Anderen nicht

übereinstimmt, so ist es seine Pflicht abzutreten. So lange er sein Amt

verwaltet, trifft auch ihn die Verantwortlichkeit für die Maßregeln, von

denen er seinen Collegen abzurathen sich bemüht hat. Im siebzehnten

Jahrhundert bestand unter den Leitern der verschiedenen

Verwaltungszweige, kein collegialisches Verhältniß dieser Art. Jeder

hätte für seine eigenen Handlungen einzustehen, für die Anwendung,

welche er von dem anvertrauten Amtssiegel gemacht, für Dokumente, die er

unterzeichnet, für die Rathschläge, welche er dem König ertheilt. Ein

Staatsmann hatte blos zu verantworten was er selbst gethan, oder wozu

Andere durch ihn veranlaßt worden waren. Wenn er sich bemühte, nicht den

Unterhändler bei unredlichen Angelegenheiten abzugeben, und als

Rathgeber immer nur das Rechte empfahl, so hatte er keinen Tadel zu

fürchten. Man würde es für eine unbegreifliche Bedenklichkeit erklärt

haben, wenn er sein Amt deshalb niedergelegt hätte, weil seine

Rathschläge in Dingen, die nicht in sein Departement gehörten, von

seinem Souverain unberücksichtigt geblieben wären, wenn er zum Beispiel

aus dem Admiralitätsrathe geschieden wäre, weil die Finanzen sich in

Unordnung, oder aus dem Schatzamte, weil die auswärtigen Angelegenheiten

sich in keinem befriedigenden Zustande befanden. Es war daher durchaus

nicht selten, zu gleicher Zeit Männer in hohen Ämtern zu sehen, welche

offenbar eben so weit von einander abwichen, wie Pulteney von Walpole,

oder Fox von Pitt.

[Anmerkung 7: +North's Examen+, 69.]

[_Lord Guildford._] Die besonnenen und verfassungsmäßigen Rathschläge

Halifax' wurden, -- aber ohne Kraft und Entschlossenheit, -- von Franz

North, Lord Guildford unterstützt, welchem kürzlich das Amt eines

Großsiegelbewahrers anvertraut worden war. Guildfords Charakter ist mit

großer Ausführlichkeit von seinem Bruder, Roger North, geschildert

worden, einem höchst intoleranten Lord und sehr gezierten und

pedantischen Schriftsteller, aber aufmerksamen Beobachter aller kleinen

Umstände, welche den Menschen bezeichnen. Auffallend ist es, daß der

Biograph, trotzdem daß er unter dem Einflusse der stärksten,

brüderlichen Parteilichkeit stand, und obgleich er sich offenbar

anstrengte, ein vortheilhaftes Bild zu liefern, doch nicht im Stande

war, den Lord Siegelbewahrer anders als einen unedlen Menschen

hinzustellen. Doch besaß Guildford einen klaren Verstand, sein Fleiß war

groß, und seine Kenntnisse in Literatur und Wissenschaft nicht

unerheblich, sowie seine rechtswissenschaftliche Bildung mehr als

gewöhnlich. Seine Fehler bestanden in Egoismus, Feigheit und Gemeinheit.

Er war nicht unempfänglich für weibliche Schönheit und liebte den

starken Genuß des Weines, aber weder Schönheit noch Wein konnten den

vorsichtigen und geizigen Wüstling jemals, selbst nicht in frühen

Jugendjahren, zu einer Anwandlung von Hochherzigkeit verlocken. Obgleich

von edler Abstammung erhob er sich aus seiner Stellung nur durch

niederträchtiges Kriechen vor Allen, die in den Gerichtshöfen einigen

Einfluß hatten. Er wurde Oberrichter im Gerichtshofe der Common Pleas,

und als solcher Theilnehmer an einigen der schändlichsten Justizmorde,

welche die Geschichte kennt. Er besaß Einsicht genug, um zu wissen, daß

Oates und Bedloe Lügner waren, aber das Parlament und das Land befanden

sich in Aufregung, die Regierung hatte sich dem Drange gefügt, und North

war nicht der Mann, der um der Gerechtigkeit und Menschlichkeit willen

einen guten Posten aufgab. Während er also heimlich eine Widerlegung des

ganzen Romans von dem papistischen Complot niederschrieb, behauptete er

öffentlich, daß die Wahrheit dieser Geschichte sonnenklar sei,

und schämte sich nicht, vom Richterstuhle herab den unglücklichen

Katholiken, die auf Leben und Tod angeklagt vor ihm standen, wüthende

Blicke zuzuschleudern. Er hatte zuletzt die höchste richterliche

Stellung erreicht, aber ein Jurist, der nach jahrelanger Ausübung seines

Berufs in vorgerücktem Alter zur Politik übergeht, wird selten als

Staatsmann zu hoher Auszeichnung gelangen, und Guildford bestätigte

diese allgemeine Regel. Er kannte seine Schwächen so genau, daß er

niemals anwesend war, wenn seine Collegen über auswärtige

Angelegenheiten beriethen. Selbst bei Fragen, welche seinem Berufe

galten, hatte seine Meinung im Geheimen Rathe weniger Bedeutung als die

irgend eines früheren Großsiegelbewahrers. Übrigens benutzte er den

geringen Einfluß, den er besaß, so weit er den Muth dazu hatte,

wenigstens im Interesse der Gesetze.

Der vorzüglichste Widersacher des Halifax war Lawrence Hyde, der vor

kurzem zum Earl von Rochester erhoben worden war. Von allen Tories besaß

Rochester die größte Intoleranz, und war nicht leicht zu einem

Vergleiche zu bringen. Die gemäßigten Mitglieder seiner Partei beklagten

sich, daß das Schatzamt, so lange er als erster Commissar darin

fungirte, alle Stellen an laute Schreier vergebe, deren alleiniger

Anspruch auf Beförderung darin bestand, daß sie unaufhörlich auf den

Untergang des Whiggismus tranken und Freudenfeuer anzündeten, um die

Ausschließungsbill zu verbrennen; der Herzog von York aber, welchem ein

Charakter gefiel, der soviel Ähnlichkeit mir dem seinigen hatte,

unterstützte seinen Schwager auf das leidenschaftlichste und

beharrlichste.

Die Anstrengungen der rivalisirenden Minister, einander zu schlagen und

zu verdrängen, erhielten den Hof in beständiger Unruhe. Halifax lag den

König an, ein Parlament zu berufen, eine vollständige Amnestie zu

bewilligen, den Herzog von York jeder Theilnahme an der Regierung zu

entheben, Monmouth aus dem Exil zurückzurufen, jede Verbindung mit

Ludwig abzubrechen und eine enge Allianz mit Holland -- nach Art der

Tripleallianz -- zu schließen. Der Herzog von York dagegen scheute das

Zusammenkommen eines Parlaments, sah auf die gestürzte Partei der Whigs

noch immer mit dem alten Hasse herab, bildete sich noch immer ein, daß

der vor beinahe funfzehn Jahren zu Dover entworfene Plan ausführbar sei,

warnte fast täglich seinen Bruder, einen Mann, der im Herzen

Republikaner war, in dem Besitze des Geheimsiegels zu lassen, und

empfahl mit allem Eifer Rochester zu der hohen Stelle eines Lord

Schatzmeisters.

Während die beiden Parteien in der Weise kämpften, behauptete Godolphin,

vorsichtig, schweigsam und fleißig, Neutralität zwischen ihnen.

Sunderland intriguirte mit seiner bekannten nie ruhenden Falschheit

gegen beide. Mit Ungnade seiner Stelle enthoben, weil er für die

Ausschließungsbill gestimmt, war er zu Kreuze gekrochen, indem er sich

der Fürsprache der Herzogin von Portsmouth bediente und dem Herzog von

York demüthigst sich näherte. Jetzt war er wieder Staatssecretair.

[_Politik Ludwigs._] Auch Ludwig war weder nachlässig noch müßig. Zu

dieser Zeit begünstigte Alles seine Pläne. Er war vor dem deutschen

Reiche sicher, welches damals an der Donau mit den Türken kämpfte,

und Holland konnte ohne Bundesgenossen nicht daran denken, ihm

entgegenzutreten; er hatte deshalb freien Willen, seinem Ehrgeiz und

seiner Anmaßung den Zügel schießen zu lassen. Er eroberte Dixmuyden und

Courtray, bombardirte Luxemburg und beanspruchte von der Republik Genua

die schmählichsten Demütigungen. Die französische Macht erhob sich zu

jener Zeit auf die bedeutendste Höhe, die sie in dem Jahrtausend

zwischen den Regierungen Karls des Großen und Napoleons jemals

erreichte. Es war nicht abzusehen, wo ihre Eroberungen aufhören würden,

wenn es England in einem Zustande von Abhängigkeit erhalten konnte, und

es war daher eine wichtige Angelegenheit für den Versailler Hof, die

Einberufung eines Parlaments sowie die Versöhnung der englischen

Parteien zu verhindern. Zu diesem Zwecke wurden Versprechungen,

Drohungen und Bestechungen nach Kräften angewendet. Karl wurde bisweilen

durch die Hoffnung auf Subsidien angelockt, und dann wieder durch die

Mittheilung erschreckt, daß, wenn er die Häuser versammle, man die

geheimen Artikel des Vertrags von Dover zur öffentlichen Kenntniß

bringen werde. Mehrere Geheime Räthe wurden durch Bestechung gewonnen,

und als ein ähnlicher Versuch bei Halifax mißglückte, wandte die

französische Gesandtschaft ihren ganzen Einfluß und alle Kräfte an,

um den unbestechlichen Mann von seinem Posten zu verdrängen; aber

geistreicher Witz und die vielseitigsten Talente hatten ihn seinem

Gebieter so unentbehrlich gemacht, daß dieser Versuch fruchtlos

vorüberging.[8]

Halifax war nicht zufrieden bei der Defensive stehen zu bleiben, sondern

beschuldigte Rochester öffentlich der untreuen Verwaltung. Es fand eine

Untersuchung statt, bei der es sich zeigte, daß dem öffentlichen Schatze

durch schlechte Verwaltung des ersten Lords des Schatzes vierzigtausend

Pfund verloren gegangen waren. Durch diesen Vorfall wurde er gezwungen,

nicht nur seine Hoffnungen auf den weißen Stab fahren zu lassen, sondern

auch von der Leitung des Finanzwesens auf den, allerdings im Range

höheren, aber weniger bedeutenden und einträglichen Posten des Lord

Präsidenten überzugehen. »Ich habe schon Leute die Treppe hinunterwerfen

sehen -- meinte Halifax -- aber Mylord Rochester ist der Erste, den ich

jemals die Treppe hinaufwerfen sah.« Godolphin, jetzt Pair, wurde erster

Schatzcommissair.

[Anmerkung 8: Lord Preston, damals Gesandter in Paris, schrieb von

dort an Halifax folgendes: »Ich finde, daß Ew. Herrlichkeit noch

immer so unglücklich sind, von diesem Hofe nicht mit günstigen

Augen angesehen zu werden, und Herr Barillon darf Ihnen nicht

freundlich zulächeln, da sein Hof die Stirn in Falten zieht. Sehr

wohl bekannt sind Ew. Herrlichkeit Eigenschaften, welche zu Furcht

und dadurch zu Haß gegen Sie Veranlassung geben und Sie können

glauben, Mylord, wenn alle ihre Gewalt im Stande ist Sie nach

Rufford zu bringen, so wird man dieselbe zu diesem Zweck in

Anwendung bringen. Zwei Punkte heben sie, wie ich vernehme,

besonders gegen Sie hervor: Ihre Verschwiegenheit nämlich, und den

Umstand, daß Sie der Bestechung nicht zugänglich sind. Es ist mir

bekannt, daß sie gegen diese zwei Dinge sich ausgesprochen haben.«

Das Datum des Briefes ist vom 5. October N. St. 1683.]

[_Stand der Parteien am Hofe Karls zur Zeit seines Todes._] Der Kampf

war noch immer nicht zu Ende, der Ausgang war von dem Willen Karls

abhängig, und Karl konnte zu keinem Entschlusse kommen. In seiner

Verlegenheit versprach er Jedem was ihm einfiel. Einmal wollte er mit

Frankreich zusammenhalten, dann wollte er wieder jede Verbindung mit

Ludwig auflösen; jetzt wollte er nichts wieder von einem Parlamente

hören und gleich darauf wollte er befehlen, daß ein Ausschreiben für ein

solches ergehen solle; dem Herzog von York versprach er Halifax zu

entlassen. Öffentlich zeigte er die heftigste Erbitterung gegen

Monmouth, und im Geheimen versicherte er ihn seiner unwandelbaren

Zuneigung. Wie lange, im Fall er länger gelebt, diese Unentschiedenheit

gewährt haben und zu welchem Entschluß er endlich gekommen sein würde,

darüber lassen sich nur Vermuthungen hegen. Früh im Jahre 1685, als die

feindlichen Parteien mit ängstlicher Sorge seiner Entschließung harrten,

starb er, und es öffnete sich eine neue Scene. In einigen Monaten

verwischten die Übergriffe der Regierung den Eindruck, den die

Übergriffe der Opposition auf die öffentliche Stimmung hervorgebracht

hatten. Der heftigen Reaktion, welche die Partei der Whigs niederwarf,

folgte eine noch stärkere Reaktion in umgekehrter Richtung, und

deutliche Symptome ließen erwarten, daß der große Kampf zwischen den

Prärogativen der Krone und den Gerechtsamen des Parlaments nahe daran

sei, zu einem definitiven Resultat zu gelangen. --

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Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Erster Band enthaltend Kapitel 1 und 2 · 第 9 / 12 题