Religion und Sittlichkeit in England stattfanden, war die königliche
Autorität ohne Schwierigkeit in allen übrigen Theilen der britischen
Inseln wieder hergestellt worden. Schottland hatte die Restauration der
Stuarts mit Freuden begrüßt, da man durch sie die Wiederherstellung der
nationalen Unabhängigkeit erwartete. Und wirklich wurde das von Cromwell
aufgelegte Joch dem Anscheine nach beseitigt; die Stände versammelten
sich wiederum in dem alten Saale zu Edinburg, und die Senatoren des
Justizkollegiums verwalteten wieder das schottische Recht in der
früheren Form; aber die Unabhängigkeit des kleinen Königreichs bestand
mehr dem Namen nach, als in der Wirklichkeit, indem der König, so lange
er England auf seiner Seite hatte, eine Unzufriedenheit in den anderen
Gebietstheilen nicht zu fürchten brauchte. Er befand sich jetzt in
solcher Lage, daß er den Versuch, der seinen Vater in's Verderben
stürzte, wiederholen konnte, ohne dessen Schicksal fürchten zu müssen.
Karl I. hatte es versucht, seine eigene Religion durch königliche Gewalt
den Schotten zu einem Zeitpunkte aufzudringen, da sowohl diese Religion,
als auch die königliche Macht in England unpopulär waren, und nicht
genug, daß ihm diese Absicht völlig mißglückte, kosteten die Unruhen,
welche daraus entstanden, ihm zuletzt sogar noch Krone und Leben.
Die Zeiten hatten sich geändert; England schwärmte für Monarchie und
Prälatenthum, und deshalb konnte der Plan, dessen Anwendung vor einem
Menschenalter höchst unklug gewesen sein würde, ohne erhebliche Gefahr
für den Thron wieder aufgenommen werden. Die Regierung beschloß, in
Schottland eine bischöfliche Kirche zu errichten; dieser Plan wurde aber
von jedem vernünftigen Schotten gemißbilligt. Einige, mit Eifer für die
Prärogative des Königs eingenommene schottische Staatsmänner waren als
Presbyterianer erzogen, und wenn sie auch nicht durch Gewissensfragen
beunruhigt wurden, so hatten sie doch eine Vorliebe für die Religion
ihrer Kindheit, und wußten wohl, wie tief dieselbe in den Herzen ihrer
Landsleute wurzelte. Mit Entschiedenheit erklärten sie sich gegen den
Plan, als sie aber einsahen, daß es nichts fruchtete, fehlte es ihnen an
der nöthigen Energie, um bei einer Opposition zu verharren, die ihren
Landesherrn beleidigen mußte, und Mehre waren sogar ruchlos und
niederträchtig genug, das Christenthum in einer Form zu _verfolgen_,
welche sie in ihrem Gewissen für die reinste hielten. Die Einrichtung
des schottischen Parlaments war der Art, daß es schwerlich selbst
schwächeren Königen, als dem damals ziemlich machtlosen Karl, einen
ernstlichen Widerstand entgegen gestellt haben würde. Das Episkopat ward
daher durch Gesetze eingeführt, und was die Form des Gottesdienstes
anlangte, so wurde dem Gutdünken des Klerus ein weiter Spielraum
bewilligt. In einigen Kirchen wendete man die englische Liturgie an; in
anderen wählten die Geistlichen aus dieser Liturgie diejenigen Gebete
und Danksagungen aus, die aller Wahrscheinlichkeit nach dem Volke am
wenigsten anstößig sein würden. Im Allgemeinen aber wurde am Schlusse
des öffentlichen Gottesdienstes der Lobgesang angestimmt und bei der
Taufe das apostolische Glaubensbekenntniß gesprochen. Der größte Theil
des schottischen Volkes haßte die neue Kirche als eine abergläubische
und ausländische, besudelt mit den Verderbnissen Roms, und als ein
Zeichen der englischen Oberherrschaft. Trotzdem kam es zu keinem
allgemeinen Aufstande; es war das Land nicht mehr, das es vor
zweiundzwanzig Jahren gewesen. Unglücklicher Krieg und Fremdherrschaft
hatten den Muth des Volkes gebrochen. Die Aristokratie, welche bei den
mittleren und niederen Schichten des Volkes in hohem Ansehen stand,
hatte die Bewegung gegen Karl I. geleitet, gegen Karl II. zeigte sie
sich unterwürfig. Auf die Hilfe der englischen Puritaner konnte man
nicht rechnen, sie waren eine schwache Partei, geächtet durch Gesetz und
öffentliche Meinung. Nur mit Unmuth fügte sich daher die Masse des
schottischen Volkes; bestürmt von bösen Ahnungen des Gewissens, wohnten
sie dem Gottesdienste des bischöflichen Klerus oder derjenigen
presbyterianischen Geistlichen bei, die sich hatten bereit finden
lassen, von der Regierung eine halbe Duldung anzunehmen, die man
Indulgenz nannte. Es gab aber besonders in dem westlichen Unterlande
entschlossene und kühne Männer, welche der Meinung waren, die Pflicht,
den Covenant zu halten, stehe höher, als die Pflicht, der Obrigkeit zu
gehorchen. Dem Gesetz trotzend, ließen diese Leute sich nicht abhalten,
Versammlungen zu veranstalten, um Gott nach ihrer Weise zu verehren. In
der Indulgenz erblickten sie keineswegs eine Art Entschädigung für die
Unbilden, welche die Kirche von der Obrigkeit erlitten, sondern ein
neues und um so hassenswürdiges Unrecht, da man ihm das Ansehen einer
Wohlthat geben wollte. Verfolgung, meinten sie, könne nur den Körper
tödten, die schmachvolle Indulgenz aber vernichte die Seele. Als man sie
aus den Städten vertrieb, sammelten sie sich in den Wäldern und
Gebirgen; wurden sie von der bürgerlichen Macht angegriffen, so setzten
sie der Gewalt unbedenklich Gewalt entgegen. Bei jedem Konventikel
erschienen sie bewaffnet, und mehrmals erregten sie offenen Aufruhr. Sie
wurden zwar ohne große Mühe besiegt, aber durch Niederlagen und Strafen
stählte sich nur ihr Muth. Gehetzt wie wilde Thiere, gefoltert bis ihre
Gebeine zermalmt waren, hundertweise in den Kerker geworfen, zu
Zwanzigen aufgeknüpft, heute der Rohheit englischer Soldaten
preisgegeben, morgen der Willkür hochländischer Räuberbanden überlassen,
vertheidigten sie sich immer noch mit so entsetzlicher Wuth, daß der
kühnste und mächtigste Unterdrücker Ursache hatte, ihren durch die
Verzweiflung angefachten Muth zu fürchten.
[_Zustand von Irland._] So war unter der Regierung Karls II. der Zustand
von Schottland; aber Irland war nicht minder zerrüttet. Auf dieser Insel
bestanden Fehden, welche sich mit den heftigsten Feindschaften der
englischen Politiker nicht vergleichen ließen. Die Feindseligkeiten
zwischen den irischen Cavalieren und den irischen Rundköpfen waren fast
vergessen über der grimmigeren Feindschaft, welche zwischen der
englischen und der celtischen Race wüthete. Die Kluft zwischen den
Episkopalen und Presbyterianern verschwand, wenn man sie mit der
verglich, welche Beide von den Papisten trennte. In den letzten
bürgerlichen Unruhen war ein großer Theil des irischen Grundeigenthums
von dem unterjochten Volke auf die Sieger übergegangen. Auf die Gunst
der Krone konnten sowohl von den alten wie von den neuen Besitzern nur
wenige Anspruch machen, denn die Plünderer wie die Geplünderten waren in
der Mehrzahl Rebellen. Die Regierung wurde des Streites der beiden
ergrimmten Parteien über entgegengesetzte Ansprüche und gegenseitige
Beschuldigungen bald müde und überdrüssig. Diejenigen Kolonisten, unter
welche Cromwell das eroberte Land vertheilt hatte, und deren Abkömmlinge
man noch immer Cromwellianer nannte, gaben zu bedenken, daß die
englische Nation unter jeder Dynastie, und die protestantische Religion
in jeder Form, von den Ureinwohnern auf das Heftigste angefeindet würde.
Sie schilderten mit Übertreibung die Gräuel, welche den Aufstand von
Ulster geschändet hatten, sie beschworen den König, die Politik des
Protektors mit Entschiedenheit zu verfolgen, und schämten sich nicht es
auszusprechen, daß der Frieden in Irland nur dann bestehen könne, wenn
der alte Volksstamm der Iren völlig vertilgt sein werde. Die Katholiken
stellten ihr Vergehen möglichst gering dar und jammerten kläglich über
die Härte ihrer Strafe, die auch in der That eben nicht gelind gewesen
war. Sie baten Karl, die Unschuldigen nicht mit den Schuldigen zu
verwechseln und erinnerten ihn, daß ein großer Theil der Schuldigen
ihren Fehler dadurch gut gemacht, daß sie zu ihrer Pflicht zurückgekehrt
waren und seine Rechte gegen die Henker seines Vaters in Schutz nahmen.
Um die zwei zudringlichen Parteien, von denen keine auf seine Liebe
Anspruch hatte, los zu werden, diktirte der Hof einen Vergleich,
und befreite sich dadurch von der Plage. Das grausame, aber höchst
praktische und energische System, durch welches Cromwell Irland durchweg
englisch machen wollte, wurde aufgegeben, und die Cromwellianer
veranlaßt, ein Drittel ihrer Erwerbungen herauszugeben. Das übergebene
Land wurde willkürlich unter diejenigen Bewerber vertheilt, welche die
Regierung begünstigen wollte. Eine Masse von Leuten aber, welche
versicherten, daß sie sich keiner Illoyalität schuldig gemacht, und
einzelne Personen, die sich rühmten, ihre Loyalität auf das Glänzendste
bewiesen zu haben, erhielten weder Zurückerstattung noch Entschädigung,
und erfüllten Frankreich und Spanien mit lauten Klagen über die
Ungerechtigkeit und Undankbarkeit der Stuarts.
[_Die Regierung in England wird unpopulär._] Selbst in England hatte um
diese Zeit die Regierung aufgehört populär zu sein. Unter den
Royalisten, und zwischen ihnen und dem Hofe, waren Zwistigkeiten
entstanden; die besiegte und niedergetretene Partei aber, von der man
glaubte, daß sie vernichtet sei, die jedoch eine zähe Lebenskraft besaß,
erhob von Neuem das Haupt, und trat wiederum gerüstet hervor. Wenn auch
die Verwaltung ohne Tadel gewesen wäre, so konnte doch die Begeisterung,
mit der die Rückkehr des Königs und das Ende der Militärherrschaft
begrüßt wurde, nicht von Dauer sein, denn es ist in der menschlichen
Natur begründet, daß auf übermäßige Erregung immer Abspannung folgt.
Die Art aber wie der Hof seinen Sieg mißbrauchte, führte eine rasche und
vollständige Abkühlung herbei. Jeder Gemäßigte erschrak vor der
Anmaßung, Hartherzigkeit und Treulosigkeit, mit der man die
Nichtconformisten behandelte. Durch die Strafgesetze war die
unterdrückte Partei vollständig von den heuchlerischen Mitgliedern
gereinigt worden, welche sie in Mißcredit gebracht hatten; jetzt stand
sie wieder als würdige und fromme Gemeinschaft da. Der Puritaner als
Sieger, Gebieter, Verfolger und Sequestrator war ein Gegenstand des
Hasses gewesen, aber der verrathene und gemißhandelte Puritaner,
verlassen von allen falschen Freunden, die im Glücke ihn umgaben,
vertrieben von seinem Hause, mit schweren Strafen bedroht, wenn er es
wagte, seinem Gewissen gemäß zu beten und das Abendmahl zu empfangen,
aber immer noch unerschütterlich in seinem Entschlusse, nur Gott,
und nicht den Menschen zu gehorchen, war, trotz einiger unangenehmen
Erinnerungen, jedem redlichen Gemüth ein Gegenstand des Mitgefühls und
der Hochachtung. Diese Gefühle steigerten sich, als das Gerücht umlief,
daß der Hof nicht gesonnen sei, die Katholiken ebenso streng zu
behandeln, wie es den Presbyterianern widerfahren war. Es tauchte ein
unbestimmter Verdacht auf, daß der König und der Herzog nicht aufrichtig
protestantisch gesinnt seien. Viele, denen die Verschlossenheit und
Heuchelei der Pharisäer der Republik widerlich gewesen war, empfanden
jetzt noch größeren Abscheu vor der schamlosen Üppigkeit des Hofes und
der Cavaliere, und neigten sich zu dem Zweifel hin, ob nicht die
finstere Grübelei von »Preise Gott, Barebone« der abscheulichen
Gottlosigkeit und den Ausschweifungen der Buckinghams und Sedley's
vorzuziehen sei. Selbst sittenlose Menschen, denen es nicht gänzlich an
Einsicht und Sinn für das Gemeinwohl fehlte, beklagten, daß die
Regierung Dinge von höchster Wichtigkeit als Kleinigkeiten betrachte,
dagegen Angelegenheiten ohne Bedeutung zu ernsten Geschäften mache. Man
könne es einem Könige vergeben, wenn er seine Mußestunden durch Wein,
Witz und Schönheit erheitere; aber unerträglich sei es, wenn er zu einem
bloßen Tagediebe und Wollüstlinge sich erniedrige, wodurch das Interesse
des Staates vernachlässigt sowie der Staatsdienst und die Finanzen in
Noth und Unordnung gebracht würden, während liederliche Weiber und
Schmarotzer sich bereicherten.
Eine große Menge von Royalisten stimmten in diese Klagen ein, und
setzten manche heftige Bemerkung über die Undankbarkeit des Königs
hinzu. Freilich würde das ganze Einkommen desselben nicht hingereicht
haben, sie alle nach Maaßgabe ihres Verdientes, wie sie es
veranschlagten, zu belohnen, denn jedem Gentleman mit zerrüttetem
Vermögen, der unter Ruprecht oder Derby gefochten hatte, erschienen
seine Dienste ungemein wichtig und seine ertragenen Leiden
außerordentlich hart. Ein Jeder hatte sich geschmeichelt, daß, wie es
auch immer den Übrigen ergehen möchte -- wenigstens _er_ für Alles,
was die bürgerlichen Unruhen ihm geraubt, eine reichliche Entschädigung
erhalten, und der Herstellung der Monarchie die Verbesserung seiner
eigenen zerrütteten Glücksumstände folgen würde. Keiner von diesen
Erwartungsvollen vermochte seinen Unmuth zurückzuhalten, als er sah,
daß er unter der Herrschaft des Königs eben so arm war, wie zur Zeit des
Rumpfs, oder unter dem Protektor. Die Rücksichtslosigkeit und Üppigkeit
des Hofes erregte den heftigsten Unwillen dieser loyalen Veteranen. Sie
behaupteten nicht mit Unrecht, daß die Hälfte der Summen, welche der
König an Concubinen und Hofnarren verschwende, die Herzen von vielen
hundert alten Cavalieren erfreuen würde, welche, nachdem sie ihre Wälder
gelichtet, und ihr Silbergeschirr eingeschmolzen, um seinem Vater zu
unterstützen, jetzt in ärmlichen Kleidern herumgingen, und nicht wüßten,
wie sie ihren Hunger stillen sollten.
Um dieselbe Zeit fielen plötzlich die Renten. Das Einkommen jedes
Grundeigenthümers verminderte sich um fünf Schillinge auf das Pfund.
Der Nothruf der Landleute ließ sich aus jeder Grafschaft des Königreichs
vernehmen, und, wie immer, ward die Regierung für diese Noth
verantwortlich gemacht. Der niedere Adel, gezwungen seine Ausgaben auf
einige Zeit zu beschränken, blickte mit Entrüstung auf den Glanz und die
zunehmende Verschwendung in Whitehall, und war fest überzeugt, das Geld,
welches zur Aufrechthaltung seines Wohlstandes bestimmt gewesen, sei
durch einen unbegreiflichen Proceß in die Taschen der königlichen
Günstlinge gewandert.
Die Menschen waren jetzt in einer Stimmung, in der jeder öffentliche Akt
Unzufriedenheit erregte. Karl hatte sich mit der Prinzessin Katharina
von Portugal vermählt; diese Verbindung mißfiel aber allgemein, und das
Murren ward noch hörbarer, als es sich herausstellte, daß der König
muthmaßlich keine legitimen Nachkommen erhalten werde. Dünkirchen, das
Cromwell Spanien entrissen, wurde an Ludwig XIV., Frankreichs König,
verkauft, was allgemeinen Unwillen erregte. Die Engländer beobachteten
bereits nicht ohne Besorgniß die Zunahme der französischen Macht, und
betrachteten das Haus der Bourbons mit denselben Empfindungen, welche
ihre Großväter gegen das Haus Österreich gehegt hatten. War es
wohlgethan, fragte man, der Macht einer schon so gewaltigen Monarchie
einen Zuwachs zu geben? -- Außerdem ward Dünkirchen von dem Volke nicht
nur als Waffenplatz und als ein Schlüssel zu den Niederlanden, sondern
auch als eine Trophäe englischer Tapferkeit geschätzt. Dünkirchen war
für die Zeiten Karls, was Calais einer früheren Generation gewesen,
und was der Felsen von Gibraltar, -- so ritterlich unheilvolle Jahre
hindurch gegen die Flotten und Heere einer mächtigen Allianz
vertheidigt, -- für uns ist. Die Rücksicht auf finanzielle Ursachen wäre
ein Entschuldigungsgrund gewesen, wenn ihn eine sparsame Regierung
geltend gemacht hätte; es war aber kein Geheimniß, daß die Kosten,
welche Dünkirchen veranlaßte, ohne Bedeutung erschienen gegenüber den
Summen, welche am Hofe in Ausschweifungen und Thorheiten vergeudet
wurden. Es schien unerhört, daß ein Souverain, der in allen seinen
Vergnügungen einer beispiellosen Verschwendung huldigte, den Knauser
spielen wollte, wenn es die Wohlfahrt und Ehre des Vaterlandes galt.
Die allgemeine Unzufriedenheit nahm zu, als es sich zeigte daß, während
man Dünkirchen unter dem Vorwande der Sparsamkeit aufgab, die Festung
Tanger, welche zur Mitgift der Königin Katharina gehörte, mit ungeheuren
Kosten hergestellt und unterhalten wurde. An diesen Platz knüpften sich
keine Erinnerungen des Nationalstolzes, und derselbe konnte in keiner
Art das National-Interesse fördern. Durch ihn wurde England in einen
ruhmlosen, nachtheiligen und unabsehbaren Krieg mit halbwilden
arabischen Stämmen verwickelt, und er lag in einem für die Gesundheit
und Kraft des englischen Volks höchst nachtheiligen Klima.
[_Krieg mit den Holländern._] Das Murren aber, welches diese Fehlgriffe
hervorriefen, war nicht zu vergleichen mit dem lauten Geschrei, das bald
darauf sich erhob. Die Regierung begann einen Krieg mit den Vereinigten
Provinzen. Das Haus der Gemeinen bewilligte mit größter Bereitwilligkeit
unerhörte Summen, größer als die, welche die Flotten und Heere Cromwells
zu einer Zeit kosteten, da seine Macht in aller Welt gefürchtet war. Die
Verschwendung, Unredlichkeit und Unfähigkeit seiner Nachfolger waren so
groß, daß diese Freigebigkeit sich schlimmer als nutzlos erwies. Die
feigen Höflinge, ohne alle Befähigung den großen Männern
entgegenzutreten, welche damals die holländischen Waffen befehligten,
-- einem Staatsmann, wie de Witte, und einem General wie de Ruyter --
suchten sich schnell zu bereichern, während die halbverhungerten
Matrosen in Empörung ausbrachen, die Werfte unbeschützt, und die Schiffe
leck und ohne Takelwerk waren. Jetzt beschloß man, die Offensive
aufzugeben; aber sehr bald kam die Überzeugung, daß bei einer solchen
Verwaltung selbst ein Vertheidigungskrieg nicht durchzuführen sei. Die
holländische Flotte lief in die Themse ein, und vernichtete bei Chatham
sämmtliche Kriegsschiffe. Es wurde erzählt, daß gerade an dem Tage
dieser harten Demüthigung der König mit den Damen seines Serails bei
Tafel gesessen, und sich damit amüsirt habe, eine Motte im Speisesaale
herumzujagen. Das Andenken an Cromwell fand jetzt seine gerechte
Anerkennung. Überall rühmte man seine Tapferkeit, seine Umsicht und
seinen Patriotismus. Man erinnerte sich, wie unter seiner Herrschaft
alle auswärtigen Mächte vor Englands Namen gezittert hatten, wie die
jetzt so kecken Generalstaaten sein Haupt vor ihm gebeugt, wie bei der
Nachricht von seinem Tode Amsterdam illuminirt worden, wie bei einer
Errettung aus großer Gefahr, und daß die Kinder an den Kanälen
umherliefen, vor Freude jauchzend, daß der Teufel gestorben sei. Selbst
Royalisten erklärten unverholen, die Rettung des Staates sei nur dadurch
zu bewerkstelligen, daß man die alten Krieger der Republik zu den Waffen
rufe. Bald fühlte die Hauptstadt alle Drangsale einer Blokade.
Feuerungsmaterial war kaum zu erlangen. Tilbury Fort, wo einst Elisabeth
mit männlichem Muthe gegen Spanien und Parma schnöden Spott
geschleudert, wurde von den Holländern insultirt. Es war das erste, aber
auch das letzte Mal, wo Londons Bürger den Donner fremder Geschütze
vernahmen. Im Staatsrathe wurde der ernstliche Vorschlag gemacht, beim
Anrücken des Feindes den Tower preiszugeben. Das Volk durchzog in Masse
die Straßen, und rief, daß England verrathen und verkauft sei. Die
Paläste und Equipagen der Minister wurden vom Pöbel angegriffen, und es
erhielt ganz den Anschein, daß die Regierung zugleich mit der Invasion
auch einen Volksaufstand zu fürchten haben werde. Die größte Gefahr zog
allerdings bald vorüber; es wurde ein Vertrag abgeschlossen, ganz
abweichend von denen, welche Cromwell zu unterzeichnen pflegte, und noch
einmal kehrte der Frieden einer Nation zurück, die sich in einer ebenso
gereizten und niedergedrückten Stimmung befand, wie in den Tagen des
Schiffsgeldes.
Die Unzufriedenheit, welche die schlechte Verwaltung hervorrief, ward
noch durch Unfälle vermehrt, die auch die beste Verwaltung nicht hätte
beseitigen können. Während der schimpfliche Krieg mit Holland geführt
wurde, erfuhr London zwei Unglücksfälle, von denen in so kurzem
Zeitraume noch nie eine Stadt betroffen worden war. Eine Seuche, an
Furchtbarkeit alle überbietend, welche im Laufe von drei Jahrhunderten
die Insel heimgesucht hatten, kostete binnen sechs Monaten mehr als
hunderttausend Menschen das Leben, und kaum hatte der Leichenwagen seine
Thätigkeit beendet, als eine Feuersbrunst, wie sie seit dem Brande Roms
unter Nero Europa nicht erlebt, die ganze City, vom Tower bis zum
Tempel, und von dem Flusse bis zu den Bezirken von Smithfield in einen
Aschenhaufen verwandelte.
[_Opposition in dem Hause der Gemeinen._] Hätte man, während die Nation
unter so viel Schande und Drangsal fast erlag, eine allgemeine Wahl
vorgenommen, so würden nach aller Wahrscheinlichkeit die Rundköpfe
wieder zur Herrschaft im Staate gelangt sein; das Parlament war aber
noch immer das Cavalierparlament, welches in dem ersten Loyalitätstaumel
gewählt worden, der auf die Restauration folgte. Es ward jedoch bald
offenbar, daß keine gesetzgebende Versammlung in England, wäre sie auch
noch so loyal, sich begnügen würde, blos das zu sein, was dergleichen
Versammlungen zur Zeit der Tudors gewesen waren. Vom Tode Elisabeths bis
zum Beginn des Bürgerkrieges hatten die Puritaner, welche in dem
volksvertretenden Körper überwiegend waren, durch eine geschickte
Anwendung der Macht des Geldes Übergriffe in das Gebiet der exekutiven
Regierung gethan. Die Herren, welche nach Ausführung der Restauration
das Unterhaus einnahmen, haßten zwar die Puritaner, waren aber gar nicht
böse, die Früchte der puritanischen Staatskunst zu erben. Allerdings
hatten sie den besten Willen, die Gewalt, welche ihnen im Staate
geworden, zu dem Zwecke zu verwenden, ihrem König sowohl daheim, wie im
Auslande, Macht und Ansehen zu verschaffen; sie waren aber auch
entschlossen, ihre eigene Macht nicht aufzugeben. Die große englische
Revolution des siebzehnten Jahrhunderts, nämlich die Übertragung der
Oberleitung der ausführenden Verwaltung von der Krone auf das Haus der
Gemeinen, war während des ganzen langen Bestehens dieses Parlaments in
ruhigem, aber schnellem und entschlossenem Fortschreiten. Karl gerieth
durch seine Thorheiten und Laster beständig in Geldverlegenheit. Nur
durch die Gemeinen konnte er auf gesetzlichem Wege Geld erlangen, und es
ließ sich nicht verhindern, daß sie selbst einen Preis für ihre
Bewilligung festsetzten. Dieser bestand darin, daß es ihnen erlaubt sei,
sich in alle Prärogativen des Königs zu mischen, ihm die Zustimmung zu
Gesetzen, welche er mißbilligte, abzuzwingen, Cabinete aufzulösen, den
Gang der auswärtigen Politik vorzuschreiben und selbst die Kriegsführung
zu leiten. Der königlichen Würde und der Person des Souverains
versprachen sie laut und offenherzig die treueste Anhänglichkeit.
Clarendon aber waren sie keine Unterthanentreue schuldig, und so griffen
sie ihn mit einer so heftigen Entrüstung an, wie ihre Vorgänger einst
Strafford.
[_Sturz Clarendons._] Die guten Eigenschaften, wie die Fehler dieses
Staatsmannes beförderten gleichmäßig seinen Sturz. Er war das Haupt der
Verwaltung, und wurde deshalb selbst für solche Handlungen
verantwortlich gemacht, denen er in der Rathsversammlung lebhaften, wenn
auch nutzlosen Widerstand entgegengestellt hatte. Die Puritaner und
Alle, welche diese bemitleideten, hielten ihn für einen
unverbesserlichen Zeloten, für einen zweiten Laud, nur mit mehr Verstand
begabt als dieser. Er hatte stets behauptet, daß man die Amnestieakte
streng handhaben müsse, und obgleich dieser Theil seines Verhaltens
höchst ehrenwerth für ihn erschien, so verfeindete derselbe ihn doch mit
allen Royalisten, welche ihren zerrütteten Verhältnissen durch Klagen
gegen die Rundköpfe wegen erlittener Verluste und entzogener Nutzungen
wieder aufzuhelfen wünschten. Die Presbyterianer Schottlands
beschuldigten ihn des Sturzes ihrer Kirche, die irländischen Papisten
warfen ihm den Verlust ihrer Güter vor. Als Vater der Herzogin von York
hatte er gegründete Ursachen, eine unfruchtbare Königin zu wünschen, und
kam daher in den Verdacht, absichtlich eine solche empfohlen zu haben.
Den Verkauf Dünkirchens machte man ihm mit Recht zum Vorwurf; die Schuld
an dem holländischen Kriege aber ward ihm mit weniger Grund zur Last
gelegt. Sein reizbares Temperament, sein stolzes Benehmen, die maßlose
Sucht, Reichthümer zu erwerben, die prahlerische Art mit der er
dieselben wieder verschwendete, seine mit den Meisterstücken van Dyks
gefüllte Gemäldegallerie -- dem früheren Eigenthume verarmter Cavaliere,
-- sein Palast, dessen lange stattliche Fronte sich der bescheidenen
Wohnung des Königs gegenüber erhob, unterwarfen ihn vielem
wohlverdienten, jedoch auch manchem ungerechten Tadel. Als die
holländische Flotte in der Themse ankerte, richtete sich die Wuth des
Pöbels hauptsächlich gegen den Kanzler. Man warf ihm die Fenster ein,
vernichtete die Bäume seines Gartens, und errichtete vor dem Eingange
seines Palastes einen Galgen. Am verhaßtesten war er dem Hause der
Gemeinen. Er war nicht fähig, zu erkennen, daß die Zeit schnell
heranrückte, wo dieses Haus, wenn es überhaupt fortbestand, die
Oberherrschaft im Staate erlangen, daß die Leitung desselben ein
wichtiger Zweig der Staatsgeschäfte werden, und daß es unmöglich sein
würde, ohne den Beistand von Männern, welche das Vertrauen des Hauses
besaßen, das Ruder des Staatsschiffs zu führen. Er ließ sich nicht davon
abbringen, das Parlament als eine Corporation zu betrachten, die in
keiner Hinsicht von jenem Parlamente abweiche, welches vor vierzig
Jahren existirte, als er im Temple dem Studium der Rechtswissenschaft
oblag. Zwar beabsichtigte er nicht, die gesetzgebende Versammlung der
Vorrechte zu berauben, welche die alte Verfassung Englands ihr
bewilligt; aber die neue Ausdehnung derselben, wenn auch natürlich und
unvermeidlich, und nur durch ihre völlige Vernichtung abzuwenden,
erfüllte ihn mit Widerwillen und Unruhe. Nie würde er sich entschlossen
haben, das große Siegel unter eine Verordnung zur Erhebung von
Schiffsgeld zu drücken, oder im Rathe seine Zustimmung dazu zu geben,
daß ein Mitglied des Parlaments auf Grund von Äußerungen während der
Debatte in den Tower geschickt werden könne; als aber die Gemeinen zu
wissen verlangten, wozu das Geld, welches sie für den Krieg bewilligt,
verwendet worden sei, als sie anfingen die schlechte Verwaltung der
Flotte zu untersuchen, da gerieth er vor Unwillen außer sich. Er war der
Ansicht, daß dergleichen Nachforschungen außerhalb ihrer Berechtigung
lägen und gab zwar zu, daß das Haus eine sehr loyale Versammlung sei,
die der Krone recht ersprießliche Dienste geleistet, und daß seine
Absichten ganz vortrefflich sein könnten, aber in weiteren und engeren
Kreisen sprach er unverholen sein Bedauern aus, daß der Monarchie
aufrichtig ergebene Gentlemen mit solcher Unbedachtsamkeit die Vorrechte
des Souverains antasteten. Wenn auch anderer Gesinnung als die
Mitglieder des Langen Parlaments, handelten sie doch -- sagte er -- wie
dieses Parlament, indem sie Angelegenheiten zu den ihrigen machten,
welche, außerhalb des Wirkungskreises der Reichsstände, nur lediglich
der Autorität der Krone unterlägen. Er versicherte, der Staat werde sich
nie einer guten Regierung erfreuen, bis die Abgeordneten der
Grafschaften sich damit begnügten, nicht mehr zu sein, als ihre
Vorgänger zur Zeit Elisabeths. Alle Vorschläge, welche von Männern, die
ihre Zeit besser erkannt hatten als er, zu dem Zwecke gemacht wurden,
ein Einverständniß zwischen dem Hofe und den Gemeinen herbeizuführen,
wies er als unreife Projecte, die mit den alten englischen
Staatsverhältnissen nicht harmonirten, verächtlich zurück. Junge
Sprecher, welche im Unterhause zu Ansehen und Auszeichnung gelangten,
behandelte er abstoßend, und machte sich dieselben fast ohne Ausnahme
dadurch zu unversöhnlichen Feinden. Ohne Zweifel war einer seiner
größten Fehler die maßlose Verachtung der Jugend, und es war dieselbe um
so weniger zu rechtfertigen, da seine eigene diplomatische Erfahrung in
englischen Regierungsangelegenheiten, durchaus in keinem Verhältnisse zu
seinen Jahren stand, indem er einen großen Theil seines Lebens im
Auslande zugebracht und von der Welt, in der er sich nach seiner
Rückkehr bewegte, nicht so viel wußte, als Leute, welche dem Alter nach
seine Söhne sein konnten.
Aus diesen Gründen war er den Gemeinen verhaßt, und aus anderen Gründen
auch bei Hofe nicht beliebt. Seine Moral wie seine Politik erinnerten an
eine frühere Generation. Selbst als junger Student der Rechte, wo er mit
so vielen witzigen und vergnügungslustigen Menschen umging, hatten ihn
sein natürlicher Ernst und seine frommen Grundsätze fast ganz vor der
Ansteckung der Modethorheiten bewahrt; um so weniger war er geeignet,
im höheren Alter und bei schwankender Gesundheit noch ein Wüstling zu
werden. Mit bitterem und verächtlichem Widerwillen betrachtete er die
Lasterhaftigkeit der ausgelassenen Jugend, sowie er nicht minder die
tiefste Abneigung gegen die theologischen Irrthümer der Sectirer hegte.
Er benutzte jede Gelegenheit, um seinen Haß gegen Possenreißer,
Schwelger und Buhlerinnen auszusprechen, welche den Palast erfüllten,
und die Warnungen, die er gegen den König aussprach, waren nicht nur
sehr scharf, sondern auch, was Karl noch ärgerlicher war, sehr lang. Es
fand sich Niemand, der einem Minister beistand, dem man den doppelten
Vorwurf machte, Fehler zu besitzen, welche die Wuth des Volkes
erweckten, und Tugenden, welche dem Monarchen beschwerlich und
unangenehm waren. Southampton war gestorben; Ormond stand dem Freunde
mannhaft und treu, aber fruchtlos zur Seite. Der Kanzler fiel in die
tiefste Ungnade. Der König nahm ihm das Siegel ab, die Gemeinen
versetzten ihn in Anklagestand, sein Kopf war nicht mehr sicher, er
entfloh aus England und wurde durch eine Akte zu ewiger Verbannung
verurtheilt; die aber, welche seinen Fall herbeigeführt, begannen sich
um die Trümmer seiner Gewalt zu streiten.
Durch Clarendon's Hinopferung war der öffentliche Rachedurst etwas
abgekühlt; doch war die Entrüstung über die Verschwendung und
Nachlässigkeit der Regierung, so wie über den schlechten Ausgang des
letzten Krieges noch keineswegs beschwichtigt. Die Räthe des Königs,
denen das Schicksal des Kanzlers vorschwebte, fürchteten für ihre eigene
Sicherheit. Sie beschworen deshalb den Herrscher, die Aufregung, welche
im Parlamente wie im ganzen Lande herrschte, zu besänftigen und einen
Schritt zu thun, der in der Geschichte des Hauses Stuart ohne Beispiel
ist und der Klugheit und Hochherzigkeit eines Cromwell würdig gewesen
wäre.
[_Zustand der europäischen Staatsangelegenheiten und Überlegenheit
Frankreichs._] Wir sind jetzt bei dem Punkte angekommen, wo die
Geschichte der großen, englischen Revolution anfängt, sich mit der
Geschichte der auswärtigen Staatsangelegenheiten zu verflechten. Die
spanische Macht war seit vielen Jahren im Abnehmen begriffen. Spanien
besaß zwar in Europa noch Mailand, die beiden Sicilien, Belgien und die
Franche Comté, und in Amerika lagen seine Besitzungen zu beiden Seiten
des Äquators noch weit über die beiden Grenzen der heißen Zone hinaus;
allein dieser große Körper war gelähmt, und nicht nur ohne Macht, andere
Staaten zu belästigen, sondern auch außer Stande, ohne Unterstützung
einen Angriff auszuhalten. Frankreich war jetzt ohne Zweifel die
bedeutendste Macht Europa's. Seit jener Zeit haben seine Hilfsquellen
unbedingt zugenommen, aber nicht so schnell wie die Hilfsquellen
Englands. Auch darf man nicht vergessen, daß vor einhundertachtzig
Jahren das russische Kaiserreich -- jetzt eine Monarchie ersten Ranges
-- ebensoweit außer dem Bereich der europäischen Politik lag, wie
Abyssinien oder Siam, daß das brandenburgische Haus damals kaum
bedeutender war, als jetzt das Haus Sachsen, und daß die Republik der
Vereinigten Staaten von Amerika zu jener Zeit noch nicht existirte. Die
Bedeutung Frankreichs hat sich demnach, obgleich sie noch immer sehr
groß ist, relativ vermindert. Zu den Zeiten Ludwigs XIV. war Frankreichs
Gebiet noch nicht ganz so ausgebreitet wie gegenwärtig, aber es war ein
großes, abgeschlossenes, fruchtbares Land, zum Angriff wie zur
Vertheidigung trefflich geeignet, in einem glücklichen Klima gelegen,
und bewohnt von einem tapferen, gewerbfleißigen und geistreichen Volke.
Der Staat gehorchte völlig der Leitung eines einzigen Geistes. Die
großen Lehen, welche in Allem -- den Namen ausgenommen -- souveraine
Fürstenthümer gewesen, waren Eigenthum der Krone geworden. Nur wenige
hochbetagte Leute erinnerten sich noch der letzten Versammlung der
Generalstaaten. Den Widerstand, den die Hugenotten, der Adel und die
Parlamente der königlichen Macht entgegengestellt, war durch die beiden
großen Cardinäle vernichtet, welche vierzig Jahre lang die Nation
beherrscht hatten. Die Regierung war jetzt despotisch, aber wenigstens
im Verkehr mit den höheren Ständen war dieser Despotismus ebenso mild
als großmüthig, und gemäßigt durch ritterliche Gesinnungen und feine
Sitte. Die Mittel, über welche der Souverain gebieten konnte, waren für
jene Zeit von ungeheurer Bedeutung. Sein Einkommen, erhöht durch eine
allerdings etwas harte und ungeregelte Besteuerung, welche drückend auf
dem Landmann lastete, überstieg bei weitem das jedes anderen Herrschers;
seine vorzüglich disciplinirte und von den größten damals lebenden
Generälen befehligte Armee zählte bereits mehr als hundertzwanzigtausend
Mann. Eine solche regulaire Truppenmacht war seit dem Untergange des
römischen Kaiserreiches in Europa nicht gesehen worden. Unter den
Seemächten nahm Frankreich zwar nicht den ersten Rang ein; aber wenn es
auch Rivalen auf dem Meere hatte, so wurde es doch von keinem
übertroffen. Seine Macht während der letzten vierzig Jahre des
siebzehnten Jahrhunderts war so bedeutend, daß ein einzelner Feind ihm
unmöglich widerstehen konnte und daß zwei mächtige Coalitionen, zu denen
sich die halbe christliche Welt gegen Frankreich verbunden hatte, nichts
auszurichten vermochten.
[_Charakter Ludwigs XIV._] Die Achtung, welche Frankreichs Macht und
Bedeutung einflößten, wurden noch durch die persönlichen Eigenschaften
seines Königs erhöht. Kein Souverain hat jemals die Majestät eines
großen Staates mit mehr Würde und Anstand vertreten, als er. Er war sein
eigener Premierminister, und besorgte die Obliegenheiten dieser
schwierigen Stellung mit einer Gewandtheit und einem Fleiße, die man in
der That kaum von einem Manne hätte erwarten sollen, der schon in den
Jahren der Kindheit Frankreichs Krone trug und von Schmeichlern umgeben
war, ehe er noch sprechen konnte. Er besaß in ausgezeichnetem Grade zwei
für einen Fürsten unschätzbare Talente, nämlich seine Diener passend zu
wählen, und sich selbst den größeren Theil des Ruhmes ihrer Thätigkeit
anzueignen. In seinem Verkehr mit auswärtigen Mächten zeigte er einigen
Großmuth, aber keine Gerechtigkeit. Unglückliche Bundesgenossen, welche
mit der einzigen Hoffnung auf sein Mitleid sich ihm zu Füßen warfen,
beschützte er mit einer chevaleresken Uneigennützigkeit, die sich besser
für einen irrenden Ritter schickte, als für einen Staatsmann; die
heiligsten Bande der Treue aber galten ihm nichts, und er zerriß sie
ohne Scham und Scheu, sobald sie seinem Interesse, oder dem was er Ruhm
nannte, widerstritten. Doch diese Treulosigkeit und Gewaltthätigkeit
waren weniger verletzend als der Übermuth, mit dem er seine Nachbarn
unaufhörlich an seine eigene Erhabenheit und ihre Bedeutungslosigkeit
erinnerte. Damals zeigte er noch nicht die finstre Frömmigkeit, welche
in späterer Zeit dem französischen Hofe das Aussehen eines Klosters gab;
er war im Gegentheil ebenso ausschweifend, wenn auch nicht so kindisch
und träge wie sein Bruder von England. Doch war er ein aufrichtiger
Katholik, und nicht nur sein Gewissen, sondern auch seine Eitelkeit
veranlaßten ihn, seine Gewalt nach Art seiner berühmten Vorgänger,
Chlodwig, Karl der Große und Ludwig der Heilige, zur Verherrlichung und
Ausbreitung des wahren Glaubens zu verwenden.
Unsere Väter blickten freilich mit ernster Besorgniß auf Frankreichs
wachsende Macht. Aber diese an sich völlig gerechtfertigte Empfindung
war nicht frei von anderen, weniger lobenswerthen Gefühlen. Frankreich
war unser Erbfeind. Gegen Frankreich hatten wir die ruhmvollsten
Schlachten geschlagen, von denen unsere Geschichte erzählte. Zweimal war
Frankreich von den Plantagenets erobert worden, und den Verlust
Frankreichs hatte man lange als ein großes Nationalunglück betrachtet.
Noch trugen unsere Souveraine den Titel eines Königs von Frankreich,
noch prangten die französischen Lilien, verbunden mit unseren eigenen
Löwen, im Wappenschilde des Hauses Stuart. Die Furcht vor Spanien hatte
im sechzehnten Jahrhundert das feindselige Verhältniß unterbrochen, das
von Alters her zwischen uns und Frankreich bestand. Die Furcht aber,
welche Spanien einflößte, machte bald einem verächtlichen Mitleide
Platz, und Frankreich trat wieder als alter Nationalfeind hervor. Der
Verkauf Dünkirchens war die am allgemeinsten verschrieene Maßregel des
wieder eingesetzten Königs gewesen, und Anhänglichkeit an Frankreich
stand an der Spitze aller Verbrechen, deren die Gemeinen Clarendon
beschuldigten. Selbst in Geringfügigkeiten zeigte sich die allgemeine
Stimmung. Wenn in den Straßen von Westminster eine Rauferei zwischen den
Dienern der französischen und spanischen Gesandtschaften stattfand,
so gab das Volk, obgleich an jeder thätlichen Theilnahme kräftigst
gehindert, doch die unzweideutigsten Zeichen, daß der alte Haß noch
nicht erloschen war.
Frankreich und Spanien lagen eben in ernstem Streite mit einander. Eine
der Hauptabsichten der Politik Ludwigs war sein ganzes Leben hindurch
die Ausdehnung seiner Besitzungen bis an den Rhein. Aus diesem Grunde
hatte er Spanien den Krieg erklärt und befand sich jetzt auf dem Wege
der Eroberung. Die Vereinigten Provinzen gewahrten mit Besorgniß die
Fortschritte seiner Waffen. Diese berühmte Föderation hatte den Gipfel
der Macht, der Wohlfahrt und des Glückes erreicht. Das batavische
Gebiet, den Wogen entrissen und durch menschliche Kunst gegen sie
vertheidigt, war an Ausdehnung dem Fürstenthum Wales ziemlich gleich;
aber dieser enge Raum glich einem geschäftigen und dicht bevölkerten
Bienenstock, in welchem unaufhörlich neuer Reichthum geschaffen wurde
und eine Masse alter Schätze aufgehäuft waren. Der Anblick von Holland,
die vortreffliche Bodenkultur, die zahllosen Kanäle, die immer thätigen
Mühlen, die endlosen Flotten von Barken, das rasche Aufblühen großer
Städte, die beständig mit zahllosen Masten bespickten Häfen, die
geräumigen stattlichen Häuser, die prachtvollen Villas, die
reichgeschmückten Zimmer, die Gemäldesammlungen, die Landhäuser, die
Tulpenbeete: dies Alles übte auf die englischen Reisenden einen Zauber
aus, wie ihn der erste Anblick Englands auf einen Norweger oder Canadier
hervorbringen mag. Cromwell hatte die Generalstaaten gezwungen sich vor
ihm zu beugen; nach der Restauration aber hatten sie sich gerächt, mit
Erfolg gegen Karl Krieg geführt, und einen ehrenvollen Frieden
geschlossen. In so hohem Ansehen jedoch die reiche Republik in Europa
stand, Ludwigs Macht war ihr überlegen. Nicht ohne guten Grund fürchtete
sie, daß er sein Gebiet bald bis an ihre Grenzen ausdehnen werde, und
sie hatte wohl Ursache, die unmittelbare Nachbarschaft eines ebenso
mächtigen und ehrgeizigen, als gewissenlosen Monarchen zu scheuen. Es
war jedoch schwer ein Mittel aufzufinden, welches die Gefahr beseitigen
konnte. Die Holländer allein konnten Frankreich nicht die Wage halten,
und von der Rheinseite her war keine Hilfe zu erwarten. Ludwig hatte
verschiedene deutsche Fürsten für sich gewonnen, und der Kaiser selbst
war durch die Unzufriedenheit der Ungarn beschäftigt. England hatte sich
durch die Erinnerung an neuerdings erfahrene und erduldete schwere
Beleidigungen von den Vereinigten Provinzen getrennt, und seine Politik
war seit der Restauration so arm an Weisheit und Muth gewesen, daß man
kaum auf eine wirksame Unterstützung von seiner Seite hoffen konnte.
Das Schicksal Clarendons und die überhandnehmende üble Stimmung des
Parlaments bestimmten die Räthe Karls, plötzlich eine Politik zu
ergreifen, welche die Nation in das freudigste Erstaunen versetzte.
[_Die Tripleallianz._] Der englische Resident zu Brüssel, Sir William
Temple, einer der erfahrensten Diplomaten und beliebtesten
Schriftsteller jener Zeit, hatte seinem Hofe bereits vorgeschlagen, daß
es eben so vortheilhaft als erwünscht sei, mit den Generalstaaten in
Vernehmen zu treten, um der anwachsenden Macht Frankreichs einen Damm
entgegen zu setzen. Längere Zeit hatte man seine Winke unberücksichtigt
gelassen, jetzt aber hielt man es für angemessen, ihnen Folge zu
leisten, und er bekam den Auftrag, mit den Generalstaaten deshalb zu
unterhandeln. Er begab sich nach dem Haag, und kam bald zu einem
Verständniß mit Johann de Witt, dem damaligen Premierminister Hollands.
Schweden war, trotz seiner unbedeutenden Hilfsquellen, vierzig Jahre
vorher durch das Genie Gustav Adolfs zu einem hohen Ansehen unter den
europäischen Mächten gelangt, und hatte diese Stellung bis jetzt
behauptet. Es wurde veranlaßt, sich bei dieser Gelegenheit mit England
und den Niederlanden zu verbinden. So ward jene Koalition gebildet, die
unter dem Namen der Tripleallianz bekannt ist. Ludwig ließ wohl Verdruß
und Gereiztheit merken, wagte es aber nicht, sich neben der Feindschaft
Spaniens auch noch die der Verbündeten zuzuziehen. Er gab daher willig
einen bedeutenden Theil des Gebietes auf, das seine Heere bereits
erobert hatten, der Friede ward in Europa hergestellt, und die englische
Regierung, noch kürzlich ein Gegenstand allgemeiner Verachtung, wurde
einige Monate lang von den auswärtigen Mächten mit fast eben so hoher
Achtung angesehen, als man früher dem Protektor gezollt hatte.
In England war die Tripleallianz höchst populär. Sie befriedigte sowohl
den Nationalhaß wie den Nationalstolz, setzte dem Übermuthe eines
mächtigen und ehrgeizigen Nachbars ein Ziel, und verband auf das
Innigste die wichtigsten protestantischen Staaten. Cavaliere und
Rundköpfe waren vollkommen zufrieden, aber die Freude der Rundköpfe war
noch größer als die der Cavaliere, denn England hatte sich jetzt mit
einem Lande von republikanischer Verfassung und presbyterianischer
Religion gegen einen Staat verbündet, der von einem absoluten Fürsten
regiert ward, welcher der römisch-katholischen Kirche ergeben war.
Das Haus der Gemeinen zollte dem Vertrage lauten Beifall, und einige
rücksichtslose Unzufriedene nannten ihn die einzige gute Maßregel,
welche seit der Rückkehr des Königs ausgeführt worden sei.
[_Die Vaterlandspartei._] Dem Könige aber war diese Billigung des
Parlaments und Volks höchst gleichgültig. In der Tripleallianz sah er
blos ein vorübergehendes Mittel zur Beschwichtigung der herrschenden
Unzufriedenheit, welche einen ernsten Charakter anzunehmen schien. Er
bekümmerte sich weder um die Selbstständigkeit und Sicherheit, noch um
die Würde der Nation, über die er herrschte, und hatte angefangen, die
verfassungsmäßigen Beschränkungen lästig zu finden. Schon hatte sich im
Parlamente eine fest zusammenhaltende Partei gebildet, welche man die
Vaterlandspartei nannte. Diese bestand aus allen öffentlichen Männern,
welche sich zum Puritanismus und Republikanismus hinneigten, und von
denen Viele zwar der englischen Kirche und erblichen Monarchie zugethan,
aber aus Furcht vor dem Papstthum und Entrüstung über die Verschwendung,
Üppigkeit und Treulosigkeit des Hofes zur Opposition genöthigt waren.
Die Macht dieses Vereins von Staatsmännern war in stetem Wachsthum;
alljährlich kamen einige von den Mitgliedern, welche durch die loyale
Aufregung des Jahres 1661 in das Parlament gekommen waren, in Wegfall,
und die erledigten Plätze wurden durch weniger fügsame Personen besetzt.
Karl betrachtete sich nicht als König, so lange noch eine Versammlung
von Unterthanen, ehe sie seine Schulden bezahlte, seine Rechnungen
verlangen und darauf bestehen konnte, daß er erklärte, wer von seinen
Maitressen oder lustigen Gesellschaftern das Geld weggefischt habe,
welches zur Ausrüstung und Bemannung der Flotte bestimmt gewesen war.
Wenn er auch nicht gerade nach Ruhm geizte, so verdrossen ihn doch die
Spöttereien, welche bisweilen in den Verhandlungen der Gemeinen
vorkamen, und bei einer Gelegenheit versuchte er durch ein sehr schlecht
gewähltes Mittel diese Redefreiheit zu beschränken. Sir John Coventry,
ein Landedelmann, hatte in der Debatte auf die Liederlichkeit des Hofes
angespielt. Jede frühere Regierung würde ihn vor den Geheimen Rath
gefordert und in den Tower geschickt haben; jetzt aber wählte man einen
anderen Weg. Man sandte heimlich eine Rotte von Raufbolden ab, welche
dem Beleidiger die Nase aufschlitzen mußten. Diese gemeine Rache
verursachte, anstatt dem Geiste der Opposition zu schaden, eine solche
Aufregung, daß der König sich zu der harten Demüthigung genöthigt sah,
die Werkzeuge seiner Rache durch eine Akte zu verurtheilen, welche ihm
das Begnadigungsrecht entzog.
Wie sehr er aber auch gegen die verfassungsmäßigen Schranken eingenommen
war, was sollte er thun, um sich von ihnen zu befreien? Er konnte sich
nur vermittelst einer großen stehenden Armee zum Despoten machen, aber
eine solche existirte nicht. Seine Einkünfte erlaubten ihm zwar einige
reguläre Truppen zu halten, aber diese, wenn auch stark genug,
um Mißtrauen und Besorgniß im Hause der Gemeinen wie im Volke
hervorzurufen, waren kaum hinreichend, um Whitehall und den Tower gegen
einen Aufstand des Londoner Pöbels zu vertheidigen. Solche Aufstände
waren allerdings bedenklicher Art, denn es wurde berechnet, daß in der
Hauptstadt und ihren Vorstädten nicht weniger als zwanzigtausend alte
Cromwellsche Soldaten lebten.
[_Verbindung zwischen Karl II. und Frankreich._] Da der König die
Absicht hatte, sich von der Aufsicht des Parlaments zu befreien, und er
zu diesem Unternehmen keine angemessene Hilfe im Innern zu finden hoffen
konnte, so war es natürlich, daß er den Blick zu diesem Behufe nach dem
Auslande richtete. Die Macht und der Reichthum des französischen Königs
konnten der schwierigen Aufgabe gewachsen sein, die unbeschränkte
Monarchie in England einzuführen. Ein solcher Bundesgenosse verlangte
aber jedenfalls starke Beweise der Dankbarkeit für einen derartigen
Dienst, Karl hätte zu der Bedeutung eines großen Vasallen herabsteigen,
und Krieg und Frieden nach Vorschrift der Regierung beschließen müssen,
welche ihm ihren Schutz gewährte. Seine Stellung zu Ludwig würde große
Ähnlichkeit mit der gehabt haben, in der sich jetzt der Rajah von
Nagpore und der König von Oude zur britischen Regierung befinden. Diese
Fürsten sind verpflichtet, die Ostindische Kompagnie in allen Angriffs-
und Vertheidigungskriegen zu unterstützen, und nur solche diplomatische
Verbindungen zu unterhalten, welche die Ostindische Kompagnie erlaubt.
Dafür sichert sie die Kompagnie gegen Empörung. So lange sie ihren
Verpflichtungen gegen die überlegene Macht treulich nachkommen, läßt man
sie über große Einkünfte verfügen, erlaubt ihnen, ihre Paläste mit
schönen Frauen anzufüllen, sich in der Gesellschaft ihrer Lieblinge dumm
zu schwelgen, und jeden Unterthanen, der ihnen mißfällt, ungestraft zu
unterdrücken. Ein solches Leben mußte einem Manne von Hochherzigkeit und
gewaltigem Geiste unerträglich sein; aber für den üppigen, trägen,
abgespannten, jeder Vaterlandsliebe und alles Bewußtseins persönlicher
Würde ermangelnden Karl hatte eine solche Aussicht durchaus nichts
Mißfälliges. Daß der Herzog von York zu dem Plane, die Würde der Krone,
welche er vermutlich einst selbst tragen würde, zu erniedrigen, die Hand
geboten haben sollte, mag auffallend erscheinen, denn seine Gemüthsart
war hochfahrend und herrschsüchtig, und er zeigte in der That ohne
Unterbrechung durch Aufwallungen und gelegentliche Weigerungen seinen
Haß gegen das französische Joch; er war jedoch durch Aberglauben fast
ebenso verdorben, wie sein Bruder durch Nichtsthun und Üppigkeit. Jacob
war damals schon Katholik. Frömmelei war die vorherrschende Richtung
seines beschränkten halsstarrigen Geistes geworden und so mit seiner
Herrschsucht verwachsen, daß diese beiden Leidenschaften kaum mehr zu
unterscheiden waren. Es war sehr unwahrscheinlich, daß er ohne fremde
Hilfe im Stande sein würde, das Übergewicht, oder auch nur Duldung für
seinen Glauben zu erlangen, und bei seiner Gemüthsverfassung sah er in
keinem Schritte etwas Erniedrigendes, wenn dadurch das Wohl der wahren
Kirche befördert werden konnte.
Die Unterhandlung, welche eröffnet wurde, dauerte mehrere Monate. Die
Hauptagentin zwischen den Höfen von England und Frankreich war die
schöne, anmuthige und geistreiche Henriette, Herzogin von Orleans, Karls
Schwester, Ludwigs Schwägerin, und der Liebling Beider. Der König von
England erbot sich, den katholischen Glauben anzunehmen, die
Tripleallianz aufzulösen und sich mit Frankreich gegen Holland zu
verbinden, wenn Frankreich sich verpflichten wolle, ihm die nöthige
militärische und pekuniäre Hilfe zu leisten, welche nöthig sei, um sich
vom Parlamente unabhängig zu machen. Ludwig bemühte sich anfangs, diese
Vorschläge mit scheinbarer Kälte anzuhören, und ging endlich in einer
Weise darauf ein, als ob er eine große Gunst gewährte; der Weg aber, den
er einzuschlagen gesonnen war, konnte ihm nur Gewinn bringen.
[_Pläne Ludwigs in Bezug auf England._] Es scheint gewiß, daß es nie
seine ernstliche Absicht war, mit bewaffneter Hand in England
Despotismus und Papstthum einzuführen. Er mußte leicht einsehen, daß ein
derartiges Unternehmen höchst schwierig und gewagt war, indem es auf
Jahre hinaus alle Kräfte Frankreichs in Anspruch nehmen, und den
vortheilhafteren Vergrößerungsplänen, die er im Sinne hatte, hinderlich
sein würde. Zwar hätte er gern das Verdienst und den Ruhm erwerben
mögen, gegen angemessene Bedingungen seiner Kirche einen bedeutenden
Dienst zu leisten, er hatte aber keine Lust, seinen Vorfahren
nachzuahmen, welche im zwölften und dreizehnten Jahrhundert den Kern des
französischen Adels in Syrien und Egypten dem Tode entgegengeführt, und
es war ihm wohlbekannt, daß ein Kreuzzug gegen den Protestantismus in
England mit denselben Gefahren verbunden sein würde, wie die
Unternehmungen, welche die Heere Ludwigs VII. und Ludwigs IX.
verschlungen hatten. Es war für ihn keine Ursache vorhanden, den Stuarts
Absolutismus zu wünschen, und die englische Verfassung betrachtete er
durchaus nicht mit ähnlichen Gefühlen, durch welche späterhin Fürsten
veranlaßt wurden, gegen die freien Institutionen benachbarter Völker
Krieg zu führen. Dermalen hat jede große Partei, welche volksthümliche
Regierung wünscht, ihre Verbindungen in jedem civilisirten Staate. Jeder
wichtige Vortheil, den diese Partei erringt, giebt das Signal zu einer
allgemeinen Bewegung. Es ist nicht auffällig, wenn Regierungen, denen
eine gemeinschaftliche Gefahr droht, sich zu gegenseitiger Sicherung
verbinden; aber im siebzehnten Jahrhundert gab es keine derartige
Gefahr. Zwischen der öffentlichen Meinung in England und der von
Frankreich lag eine große Kluft. Unsere Einrichtungen wie unsere
Parteien verstand man in Paris ebenso wenig wie in Konstantinopel. Es
ist zu bezweifeln, ob eins von den vierzig Mitgliedern der französischen
Akademie ein englisches Werk in seiner Bibliothek hatte und Shakespeare,
Johnson oder Butler auch nur dem Namen nach kannte. Einige Hugenotten,
auf welche der Empörungsgeist ihrer Vorfahren übergegangen war, mochten
vielleicht Sympathien für ihre Glaubensbrüder, die englischen Rundköpfe,
hegen, aber die Hugenotten waren nicht mehr gefürchtet. Die Franzosen,
der Mehrzahl nach Katholiken, und stolz auf die Erhabenheit ihres
Monarchen wie auf ihre eigene Loyalität, betrachteten unsere
Anstrengungen gegen Papstthum und Willkürherrschaft nicht blos ohne
Bewunderung und Theilnahme, sondern mit entschiedener Mißbilligung und
Abneigung. Man würde sich deshalb irren, wollte man das Verfahren
Ludwigs Befürchtungen beimessen, welche nur entfernt denjenigen
ähnelten, die in unserem Jahrhundert die heilige Allianz bestimmten,
sich in die inneren Unruhen Spaniens und Neapels zu mischen.
Nichtsdestoweniger waren ihm die Vorschläge des Hofes von Whitehall
äußerst willkommen. Er sann bereits auf großartige Pläne, welche Europa
über vierzig Jahre lang in Gährung erhalten sollten. Es war sein Wunsch,
die Vereinigten Provinzen zu demüthigen, und Belgien, die Franche Comté
und Lothringen an Frankreich zu bringen. Dies war aber noch nicht Alles.
Der König von Spanien, ein schwacher, kränklicher Knabe, starb aller
Wahrscheinlichkeit nach ohne Leibeserben. Seine älteste Schwester war
die Königin von Frankreich. Somit lag die Vermuthung sehr nahe, daß die
Zeit nicht mehr fern sei, wo das Haus der Bourbons seine Rechte an das
große Reich erheben werde, in welchem die Sonne nie unterging. Der
Vereinigung zweier so mächtigen Kronen auf einem Haupte würde sich ohne
Zweifel eine kontinentale Koalition widersetzt haben; aber jeder solchen
Koalition war Frankreich allein hinreichend gewachsen. England konnte
den Stand der Dinge ändern, von der Stellung, welche es in einer solchen
Krisis einnahm, hing das Schicksal der Welt ab, und es war zur Genüge
bekannt, daß Parlament und Volk von England eifrig der Politik anhingen,
deren Werk die Tripleallianz war. Es konnte daher für Ludwig nichts
erfreulicher sein, als in Erfahrung zu bringen, daß die Fürsten des
Hauses Stuart seine Hilfe wünschten und dieselbe durch unbegrenzte
Ergebenheit zu erkaufen geneigt wären. Er entschloß sich, die günstige
Gelegenheit nicht vorübergehen zu lassen, und bildete sich selbst einen
Plan, den er ohne Abweichung verfolgt hat, bis die Revolution von 1688
alle seine politischen Pläne über den Haufen warf. Er erklärte sich
bereit, die Absichten des englischen Hofes zu befördern, und versprach
kräftigen Beistand, spendete auch bisweilen so viel Unterstützung, als
zur Aufrechterhaltung der Hoffnung nothwendig war, und er ohne Gefahr
und Unbequemlichkeit missen konnte. Auf diese Art wurde es ihm möglich,
mit viel geringeren Kosten als der Bau und die Einrichtung von
Versailles oder Marly erforderten, England fast zwanzig Jahre hindurch
zu einem eben so unbedeutenden Gliede des europäischen Staatenkörpers zu
machen, wie die Republik San Marino. --
Seine Absicht war nicht etwa, unsere Verfassung umzustürzen, sondern nur
die verschiedenen Elemente, aus denen sie bestand, in einem bleibenden
Zustande von Aufregung zu erhalten, und zwischen den Börsenmännern und
den Männern des Schwertes eine tödtliche Feindschaft hervorzurufen.
Zu diesem Zwecke bestach und stachelte er beide Parteien abwechselnd,
verlieh gleichzeitig den Ministern der Krone und den Häuptern der
Opposition Pensionen, ermuthigte den Hof, den rebellischen Übergriffen
des Parlaments entgegen zu treten, und verrieth dem Parlament die
Willkürpläne des Hofes.
Einer von den Kunstgriffen, welche er anwandte, um sich Einfluß auf die
englischen Rathbeschlüsse zu verschaffen, verdient besonders erwähnt zu
werden. Obgleich Karl der Liebe, im höheren Sinne dieses Wortes, unfähig
war, so beherrschte ihn doch jedes Weib, dessen Reize seine Begierden
erregten, und dessen Manieren und Beredtsamkeit ihm die Zeit verkürzten.
Man würde mit Recht einen Ehemann verspotten, der sich von einer Frau
von Stand und gutem Rufe halb soviel gefallen ließe, als Englands König
von den lockeren Dirnen ertrug, die, während sie seiner Freigebigkeit
Alles verdankten, mit den Höflingen fast unter seinen Augen buhlten.
Geduldig ließ er sich die Zanksüchtigkeit Barbara Palmers, und die
naseweise Lustigkeit der Eleonore Gwynn gefallen. Ludwig war der höchst
richtigen Meinung, der beste Gesandte, den er nach London schicken
könne, sei eine schöne, lebenslustige und listige Französin, und eine
solche war Louise von Querouaille, von unsern derben Vorfahren Madame
Carwell genannt. Sie verdrängte bald alle Nebenbuhlerinnen, ward zur
Herzogin von Portsmouth erhoben, mit Reichthümern überschüttet, und
behauptete eine Herrschaft, die erst mit dem Tode Karls zu Ende ging.
[_Vertrag von Dover._] Die wichtigsten Bedingungen des Bündnisses
zwischen den beiden Kronen waren in einem geheimen Vertrage enthalten,
welcher im Mai 1670 zu Dover ratificirt wurde, zehn Jahre nach dem Tage,
an welchem Karl in demselben Hafen unter dem Jubel und den
Freudenthränen seines zu vertrauensvollen Volkes gelandet war.
In diesem Vertrage erklärte Karl, sich öffentlich zur katholischen
Religion zu bekennen, seine Waffen mit denen Ludwigs zur Unterdrückung
der Vereinigten Provinzen zu verbinden und die ganze Land- und Seemacht
Englands aufbieten zu wollen, um die Rechte der Bourbons auf die große
spanische Monarchie zu unterstützen. Ludwig dagegen verpflichtete sich,
bedeutende Subsidien zu zahlen, und gab das Versprechen, bei etwaigem
Ausbruch einer Empörung in England auf eigene Kosten eine Armee zum
Beistande seines Bundesgenossen zu stellen.
Dieser Vertrag ward unter düsteren Auspicien abgeschlossen. Sechs Wochen
nach seiner Unterzeichnung und Besiegelung war die liebenswürdige
Prinzessin nicht mehr, deren Einfluß auf Bruder und Schwager so
verderblich für ihr Vaterland gewesen. Durch ihren Tod entstand ein
entsetzlicher Argwohn, welcher die neugestiftete Freundschaft zwischen
den Stuarts und den Bourbons zu lösen drohte; nach kurzer Zeit aber
wiederholten die Verbündeten ihre Versicherungen unverminderter
Willfährigkeit.
Der Herzog von York, zu bornirt, um die Gefahr zu erkennen, oder zu
fanatisch, sich deshalb Sorgen zu machen, verlangte mit Ungestüm, daß
der Artikel, welcher die katholische Religion betraf, unverzüglich in
Ausführung gebracht werde, aber Ludwig war scharfsinnig genug,
einzusehen, daß diese Handlung eine Explosion in England verursachen
werde, stark genug, um diejenigen Theile seines Planes zu zerstören,
welche ihn am meisten interessirten. Es wurde daher der Beschluß gefaßt,
daß Karl noch ferner für einen Protestanten gelten, und an hohen Festen
das Abendmahl nach dem Ritual der englischen Kirche empfangen solle;
sein gewissenhafterer Bruder besuchte seitdem die königliche Kapelle
nicht mehr.
Um diese Zeit verschied die Herzogin von York, die Tochter des
verbannten Earl von Clarendon. Sie war vor einigen Jahren im Geheimen
zur katholischen Kirche übergetreten, und hinterließ zwei Töchter, Maria
und Anna, welche später nach einander Königinnen von England geworden
sind. Dieselben wurden auf besonderen Befehl des Königs protestantisch
erzogen, denn der König erkannte sehr wohl, daß es eine vergebliche Mühe
sein würde, sich für ein Mitglied der anglikanischen Kirche auszugeben,
wenn Kinder, die aller Wahrscheinlichkeit nach Erben des Thrones werden
mußten, mit seiner Bewilligung eine katholische Erziehung genossen.
Die vornehmsten Beamten der Krone waren damals Männer, deren Namen mit
Recht eine nicht beneidenswerthe Berühmtheit erlangt haben; jedoch
müssen wir auch vorsichtig sein, und ihr Andenken nicht mit einer
Schmach beladen, die mit Recht ihrem Gebieter gebührt. Der Vertrag von
Dover war hauptsächlich ein Werk des Königs. Er conferirte darüber mit
französischen Geschäftsträgern, schrieb in Betreff desselben viele
eigenhändige Briefe, brachte selbst die entehrendsten Punkte, welche er
enthielt, in Vorschlag, und verheimlichte sorgfältig mehrere dieser
Artikel der Mehrzahl seiner Cabinetsräthe.
[_Natur des englischen Cabinets._] Wenige Vorfälle in der Geschichte
Englands sind merkwürdiger, als der Ursprung und das Wachsthum der
Macht, welche das Cabinet jetzt besitzt. Seit frühester Zeit
unterstützte die Beherrscher Englands ein Geheimer Rath, welchem das
Gesetz viele bedeutende Befugnisse und Pflichten übertrug. Jahrhunderte
hindurch berathschlagte dieses Collegium über die bedeutungsvollsten und
kitzlichsten Staatsangelegenheiten; doch änderte sich allmälig sein
Charakter. Es wurde zu ausgedehnt für rasche That und Geheimhaltung. Die
Stellung eines Geheimen Rathes wurde oft als ehrende Auszeichnung an
Leute vergeben, denen man nichts anvertraute, und um deren Meinung man
sich nicht kümmerte. Der Souverain beschränkte sich bei wichtigen
Angelegenheiten auf den Rath eines kleinen Kreises leitender Minister.
Die Vortheile und Nachtheile dieses Verfahrens sind von Bacon schon
frühzeitig mit seiner bekannten, treffenden und scharfsinnigen
Urtheilsgabe geschildert worden, aber erst nach Beendigung der
Restauration zog der innere Rath die öffentliche Aufmerksamkeit auf
sich. Die Politiker der alten Schule betrachteten das Cabinet als eine
nicht verfassungsmäßige und gefährliche Behörde. Gleichwohl gewann es an
Bedeutung, zog endlich die höchste ausübende Gewalt an sich, und wird
jetzt seit mehreren Menschenaltern für einen wesentlichen Bestandtheil
unserer Staatsverfassung angesehen. Seltsamer Weise ist das Cabinet dem
Gesetze aber noch immer unbekannt, die Namen der Personen des hohen und
niedern Adels, aus denen es besteht, werden dem Publikum nie amtlich
bekannt gemacht, es führt keine Protokolle über seine Versammlungen und
Beschlüsse, und keine Parlamentsakte hat seine Existenz anerkannt.
[_Die Cabale._] Einige Jahre hindurch gebrauchte man im Volke das Wort
Cabal gleichbedeutend mit Cabinet. Durch ein sonderbares Zusammentreffen
bestand nämlich das Cabinet im Jahre 1671 aus fünf Personen, von deren
Namen die Anfangsbuchstaben das Wort Cabal bildeten, es waren Clifford,
Arlington, Buckingham, Ashley und Lauderdale. Durch diese Anwendung
erhielt das Wort eine so üble Bedeutung, daß es seitdem nur als ein
Vorwurf gebraucht wird.
Sir Thomas Clifford war Schatzkommissarius, und hatte sich im Hause der
Gemeinen sehr bemerkbar gemacht. Er war von den Mitgliedern der Cabale
das Ehrenwertheste, denn bei einem lebhaften und herrschsüchtigen
Charakter besaß er ein starkes, wenngleich auf beklagenswerthe Weise
irregeleitetes Gefühl für Ehre und Pflicht.
Heinrich Bennet, Lord Arlington, zu jener Zeit Staatssekretair, hatte
seit angetretenem Mannesalter auf dem Continent gelebt, und sich jene
kosmopolitische Gleichgültigkeit gegen Verfassungen und Religionen zu
eigen gemacht, welche man oft bei Leuten findet, deren Leben in
unregelmäßiger diplomatischer Thätigkeit verflossen ist. Die
Verfassungsform, welche ihm am meisten zusagte, war die französische;
gab es eine Kirche, für welche er einige Vorliebe hegte, so war es die
katholische. Bei einigem Unterhaltungstalente, sowie ziemlicher
Befähigung zu den gewöhnlichen Geschäften seines Amtes, hatte Arlington
im Laufe seines an Reisen und Unterhandlungen reichen Lebens die Kunst
erlernt, seine Rede und sein Benehmen der Gesellschaft anzupassen, in
der er sich eben bewegte. Seine Lebhaftigkeit im Unterhaltungszimmer
amüsirte den König, seine Würde bei Verhandlungen und Zusammenkünften
imponirte dem Publikum, und es war ihm geglückt, sowohl durch geleistete
Dienste, wie auch durch erregte Hoffnungen, sich einen bedeutenden
Anhang zu verschaffen.
Buckingham, Ashley und Lauderdale waren Männer, welche die
Unsittlichkeit, die unter den Staatsmännern jener Zeit epidemisch war,
in der schlimmsten Form, und durch große Verschiedenheit des
Temperaments und der geistigen Anlagen modifizirt, besaßen. Buckingham
war vom Vergnügen übersättigt, und hatte sich zum Zeitvertreib
den Ehrgeiz erwählt. Wie er mit Architektur und Musik, mit
Lustspielschreiben und mit Forschen nach dem Steine der Weisen sich zu
unterhalten versucht hatte, so wollte er sich jetzt durch geheime
Unterhandlungen und durch einen holländischen Krieg amüsiren. Er war
bereits, mehr aus Unbeständigkeit und Lust zur Veränderung, als aus
einem ernsteren Grunde, allen Parteien treulos geworden. Einmal stand er
auf der Seite der Cavaliere, ein andermal war ein Verhaftsbefehl gegen
ihn erlassen, weil er einen verrätherischen Verkehr mit dem Überreste
der republikanischen Armee in der City unterhielt. Jetzt war er wieder
Höfling, und bemüht, die Gnade des Königs durch Dienstleistungen zu
erwerben, vor denen die Ausgezeichnetsten unter denen, welche für das
königliche Haus gekämpft und gelitten hatten, sich mit tiefem Abscheu
abgewandt haben würden.
Ashley, mit einem entschiedeneren Charakter und ungestümeren Ehrgeize,
hatte gleiche Unzuverlässigkeit gezeigt, aber es war dieselbe nicht
Folge des Leichtsinns, sondern der berechneten Selbstsucht. Er hatte
einer Reihe von Regierungen gedient, und sie verrathen, aber für seine
Verräthereien immer den glücklichen Zeitpunkt so gut gewählt, daß alle
Revolutionen sein Glück beförderten. Das Volk, voller Bewunderung über
ein Glück, welches, sonst in fortwährendem Wechsel begriffen, hier so
dauernd anhielt, schrieb ihm eine fast wunderbare Sehergabe zu, und
verglich ihn mit dem israelitischen Staatsmanne von dem wir lesen, daß
sein Rath gewesen sei, als wenn ein Mann das Orakel Gottes befragt
hätte.
Lauderdale, laut und plump, in der Freude wie im Zorn, war unter dem
Scheine von polternder Freimüthigkeit vielleicht der unehrlichste in der
ganzen Cabal. In dem schottischen Aufruhr von 1638 war er ein
hervorragender, eifriger Anhänger des Covenants gewesen. Man
beschuldigte ihn, bei dem Verkaufe Karls I. an das englische Parlament
schwer betheiligt gewesen zu sein, und er wurde daher von den guten
Cavalieren für einen noch verächtlicheren Verräther gehalten als
diejenigen, welche im hohen Gerichtshofe gesessen hatten. Oft sprach er
mit lauter Heiterkeit von den Tagen, da er ein Sectirer und Rebell
gewesen war. Der Hof benutzte ihn jetzt als Hauptwerkzeug bei dem
Vorhaben, dem widerstrebenden Volke das Episkopat aufzudringen, und er
schämte sich nicht, in dieser Angelegenheit Schwert, Strick und Folter
mit schonungslosem Eifer anzuwenden. Wer ihn aber genauer kannte, wußte
auch, daß die letzten dreißig Jahre seine Gesinnungen unverändert
gelassen hatten, daß er noch jetzt das Andenken Karls I. verachtete und
noch immer die presbyterianische Kirchenform jeder andern vorzog.
Bei aller Gewissenlosigkeit Buckinghams, Ashley's und Lauderdale's wagte
man es doch nicht, ihnen das Vorhaben des Königs, zur katholischen
Kirche überzutreten, anzuvertrauen. Man zeigte ihnen einen falschen
Vertrag, in welchem der die Religion betreffende Artikel fehlte; im
echten Vertrage befinden sich blos die Namen und Siegel von Clifford und
Arlington. Diese beiden Staatsmänner nahmen Partei für die alte Kirche,
welche Parteilichkeit der brave, heftige Clifford auch bald darauf
ehrlich aussprach, die aber der überlegendere, weniger edle Arlington
verhehlte, bis die Furcht vor dem nahen Tode ihm Offenheit abzwang.
Die drei andern Cabinetsminister waren jedoch nicht leicht zu täuschen,
und vermutheten wahrscheinlich mehr, als man ihnen mitgetheilt hatte.
Übrigens waren sie bei allen politischen Übereinkünften mit Frankreich
in's Geheimniß gezogen, und schämten sich nicht, kostbare
Gnadengeschenke von Ludwig anzunehmen.
Karls nächste Absicht war jetzt von den Gemeinen Zugeständnisse zu
erhalten, die zur Realisirung des geheimen Vertrags dienen sollten. Die
Cabale, welche sich im Besitze der Gewalt befand, als die Regierung in
einem Zustande des Übergangs war, vereinigte in sich zwei verschiedene
Gattungen von Lastern, welche zwei verschiedenen Zeitaltern und zwei
verschiedenen Systemen angehörten. Wie diese fünf bösen Räthe zu den
letzten englischen Staatsmännern gehörten, welche die ernstliche Absicht
hatten, das Parlament zu vernichten, so waren sie auch die ersten
englischen Staatsmänner, welche dasselbe zu bestechen versuchten, und
ihre Politik zeigt zugleich die letzte Spur von Straffords »Durch« und
die erste Spur von jener systematischen Bestechung, welche nach der Zeit
Walpole's ausgeübt wurde. Sehr bald erkannten sie aber, daß, obgleich
das Haus der Gemeinen fast durchgängig aus Cavalieren bestand, und
französisches Gold und Stellen an die Mitglieder verschwendet wurden,
doch keine Aussicht war, auch nur die am wenigsten gehässigen Punkte des
Vertrags von Dover durch die Majorität unterstützt zu sehen; man mußte
also nothwendig zum Betrug greifen. Der König heuchelte daher großen
Eifer für die Grundsätze der Tripleallianz und erklärte, daß um den
französischen Ehrgeiz zu zügeln, eine Vermehrung der Flotte nöthig sei.
Die Gemeinen ließen sich fangen, und bewilligten achthunderttausend
Pfund. Sofort wurde das Parlament vertagt, und der jeder Controle
entledigte Hof begann unverzüglich mit der Ausführung seines großen
Planes.
[_Zahlungseinstellung der Schatzkammer._] Die finanziellen
Verlegenheiten waren sehr ernster Natur. Ein Krieg mit Holland mußte
ungeheure Kosten erfordern, und die gewöhnlichen Einkünfte reichten eben
nur hin, um die Bedürfnisse der Regierung im Frieden zu bestreiten. Die
achthunderttausend Pfund, welche man den Gemeinen abgeschwindelt hatte,
waren nicht genügend, die Kosten der Flotte und des Heeres auch nur auf
ein einziges Kriegsjahr zu decken, und nach der traurigen Lehre, die das
Lange Parlament gegeben, wagte es selbst die Cabale nicht, wieder ein
Boden- oder Schiffsgeld einzuführen. In dieser Verlegenheit empfahlen
Ashley und Clifford einen niederträchtigen Verrath an dem öffentlichen
Vertrauen. Die Goldschmiede Londons trieben damals nicht blos Handel mit
edlen Metallen, sondern auch Geldwechsel, und waren daran gewöhnt,
der Staatskasse große Summen vorzustrecken, für welche Darlehen sie
Anweisungen auf das Einkommen erhielten, welche nach der Steuererhebung
mit den Zinsen bezahlt wurden. In dieser Art waren eine Million und
dreihunderttausend Pfund der Ehre des Staates anvertraut worden. Da
erschien plötzlich die Bekanntmachung, daß es nicht möglich sei, das
Capital zu zahlen, und daß die Creditoren sich mit den Zinsen begnügen
müßten. In Folge dessen konnten dieselben ihren eigenen Verpflichtungen
nicht nachkommen, die Börse gerieth in Aufruhr, mehrere große
Handelshäuser machten Bankerott, Schreck und Jammer kamen über die ganze
Gesellschaft. Inzwischen ging man rasch dem Despotismus entgegen.
Proklamationen, welche von Parlamentsakten dispensirten oder
Vorschriften machten, die nur dem Parlamente zustanden, erschienen in
rascher Aufeinanderfolge. Das bedeutendste dieser Edicte war die
Indulgenzerklärung. In diesem Aktenstücke wurden die Strafgesetze gegen
die Katholiken durch königlichen Machtspruch noch einmal beseitigt, und
um die wahre Absicht der Maßregel zu verschleiern, hob man gleichzeitig
auch die Gesetze gegen die protestantischen Nichtconformisten auf.
[_Krieg mit den Vereinigten Provinzen und große Gefahr derselben._]
Wenige Tage nach dem Bekanntwerden der Indulgenzerklärung wurde den
Vereinigten Provinzen der Krieg erklärt. Zur See fochten die Holländer
mit Ehren, zu Lande aber wurden sie anfänglich durch unwiderstehliche
Gewalt bezwungen. Ein großes französisches Heer ging über den Rhein,
eine Festung nach der andern ergab sich. Die Sieger besetzten drei von
den sieben Provinzen des Bundes. Man sah die Lagerfeuer des Feindes von
dem Dache des Rathhauses zu Amsterdam. Zu gleicher Zeit wurde die von
außen so hart bedrängte Republick auch von inneren Zwistigkeiten
heimgesucht. Die Regierung befand sich in den Händen einer geschlossenen
Oligarchie mächtiger Bürger. Es gab eine große Menge selbstgewählter
Stadträthe, welche innerhalb ihrer Bezirke viele Souverainetätsrechte
ausübten; diese Räthe schickten Abgeordnete an die Provinzialstaaten,
und die Provinzialstaaten wieder Beauftragte an die Generalstaaten. Eine
erbliche, höchste Obrigkeit war kein wesentlicher Theil dieser
Staatseinrichtung. Doch hatte eine, an berühmten Männern auffallend
fruchtbare Familie allmälig eine bedeutende und zugleich ziemlich
unbestimmte Gewalt erlangt. Wilhelm, dieses Namens der Erste, Prinz von
Nassau-Oranien und Statthalter von Holland, hatte an der Spitze des
denkwürdigen Aufstandes gegen Spanien gestanden, sein Sohn Moritz war
Generalkapitain und oberster Minister der Staaten gewesen, hatte sich
durch ausgezeichnete Befähigung und vortreffliche Dienste, sowie durch
einige verrätherische und unmenschliche Handlungen zu königlicher Macht
emporgeschwungen, und diese Macht zum Theil seiner Familie hinterlassen.
Der Einfluß der Statthalter war ein Gegenstand höchster Eifersucht für
die städtische Oligarchie, aber die Armee, sowie die große Menge von
Bürgern, denen jede Theilnahme an der Regierung entzogen war,
betrachteten die Bürgermeister und Deputirten mit einer Abneigung,
ähnlich der, welche die Legionen und der große Haufe in Rom gegen den
Senat fühlten, und zollten dem Hause Oranien eine so treue Ergebenheit
wie die Legionen und die Massen dem Hause Cäsars. Der Statthalter stand
an der Spitze des Heeres der Republik, verfügte über alle militärischen
Commandos, hatte bedeutenden Einfluß auf die Civilgewalt, und umgab sich
mit einem fast königlichen Glanze.
Prinz Wilhelm II. hatte bei der oligarchischen Partei auf heftigen
Widerstand gestoßen, er starb 1650, während großer bürgerlicher Unruhen,
ohne Kinder zu hinterlassen. Die Mitglieder seiner Familie befanden sich
einige Zeit ohne Haupt, und die von ihm ausgeübte Gewalt wurde unter die
Stadträthe, Provinzialstaaten und Generalstaaten vertheilt.
Wenige Tage nach Wilhelms Tode gebar seine Witwe, Marie, Tochter
Karls I. von England, einen Sohn, welcher bestimmt war, den Ruhm und die
Macht des Hauses Nassau auf den höchsten Gipfel zu treiben, die
Vereinigten Provinzen vor Unterdrückung zu bewahren, die Macht
Frankreichs zu brechen und der englischen Verfassung eine solide
Grundlage zu geben.
[_Wilhelm Prinz von Oranien._] Dieser Prinz mit dem Namen Wilhelm
Heinrich, war von seiner Geburt an ein Gegenstand ernster Sorge für die
zur Zeit in Holland herrschende Partei, und loyaler Ergebenheit für die
Anhänger seines Hauses. Als der Besitzer eines großen Vermögens, als das
Haupt eines der erlauchtesten Häuser Europa's, als ein souverainer Fürst
des deutschen Reiches, als ein Prinz von königlichem Geblüte Englands,
vor Allem aber als ein Sprößling der Schöpfer der batavischen Freiheit,
genoß er der höchsten Achtung. Aber das mächtige Amt, welches seine
Familie einst als erblich betrachtete, wurde nicht wieder besetzt,
und nach dem Willen der aristokratischen Partei sollte nie wieder ein
Statthalter gewählt werden. Die Stelle der ersten Magistratsperson
vertrat zum großen Theile der Großpensionair der Provinz Holland, Johann
de Witt, dessen Klugheit, Festigkeit und Redlichkeit ihn zu einem hohen
Ansehen im Rathe der municipalen Oligarchie erhoben hatten.
Die französische Invasion brachte eine vollständige Umwandlung hervor.
Das leidende, und von Schrecken erfüllte Volk wüthete furchtbar gegen
die Regierung, und fiel in seiner Tollheit über die tapfersten
Heerführer und die geschicktesten Staatsmänner der Regierung her. De
Ruyter wurde von dem Pöbel insultirt, und de Witt vor dem Thore des
Palastes der Generalstaaten im Haag in Stücke zerrissen. Der Prinz von
Oranien war an dem Morde unschuldig, aber bei dieser Gelegenheit, sowie
zwanzig Jahre später bei einer anderen beklagenswerthen Veranlassung,
beurtheilte er die Verbrechen, welche in seinem Interesse verübt wurden,
so nachsichtig, daß dadurch sein Ruhm befleckt wurde. Er trat ohne
Nebenbuhler an die Spitze der Regierung. Wenn auch noch jung, hob sein
feuriger unbeugsamer Geist, obgleich unter einer kalten, düsteren
Außenseite verborgen, gar bald den Muth seiner zagenden Landsleute.
Jeder Versuch seines Oheims, sowie des französischen Königs, ihn durch
die glänzendsten Versprechungen der Sache der Republik abwendig zu
machen, war vergeblich. Gegen die Generalstaaten führte er eine
schwungreiche, begeisternde Sprache. Er wagte sogar ihnen einen
Vorschlag zu machen, der einen Anstrich von antikem Heroismus hatte,
und der, wenn er zur Ausführung gekommen wäre, der edelste Stoff für ein
Epos sein würde, der im Bereiche der neueren Geschichte existirte. Er
erklärte den Abgeordneten, daß, selbst wenn ihr Heimathsland und die
Wunder, mit denen menschlicher Kunstfleiß es bedeckt, von dem Ocean
verschlungen wären, noch nicht Alles verloren sei. Die Holländer könnten
Holland überleben; Freiheit und reine Gottesverehrung, würden sie auch
von Tyrannen und Fanatikern aus Europa verbannt, könnten in Asiens
entferntesten Inseln eine Freistätte finden. Die Schiffe, welche in den
Häfen der Republik ankerten, würden ausreichen, um zweihunderttausend
Auswanderer nach dem indischen Archipel zu bringen, dort könne die
holländische Republik ein neues, glorreiches Dasein beginnen, und unter
dem Kreuze des Südens, umgeben von Zuckerrohr und Muscatbäumen, die
Börse eines reicheren Amsterdam und den Lehrstuhl eines gelehrteren
Leyden errichten. Der Nationalgeist erhob sich gewaltig. Die
Bedingungen, welche die Verbündeten anboten, wurden kurz zurückgewiesen,
die Dämme wurden durchstochen, und das ganze Land in einen ungeheuren
See verwandelt, aus dem die Städte mit ihren Mauern und Thürmen wie
Inseln hervorragten. Die Feinde retteten sich nur durch den eiligsten
Rückzug vor Vernichtung; Ludwig aber, welcher es zuweilen für
vortheilhaft hielt, sich an der Spitze des Heeres zu zeigen, jedoch
einen Palast bequemer fand als ein Kriegslager, war bereits heimgekehrt,
um in den neuangelegten Alleen von Versailles sich der Schmeicheleien
der Dichter und des Lächelns seiner Damen zu erfreuen.
Bald folgte der Ebbe die Fluth. Der Erfolg des Seekrieges war
zweifelhaft geblieben; zu Lande hatten die Vereinigten Provinzen
Aufschub erlangt, und ein Aufschub, wenn auch noch so kurz, war von
unübersehbarer Wichtigkeit. Beunruhigt durch die weitaussehenden Pläne
Ludwigs, griffen beide Linien des mächtigen österreichischen Hauses zu
den Waffen. Spanien und Holland vergaßen die alten gegenseitigen
Beschwerden und Demüthigungen, und söhnten sich angesichts der
gemeinschaftlichen Gefahr wieder aus. Aus allen Gegenden Deutschlands
marschirten Truppen nach dem Rheine. Die Fonds der englischen Regierung,
welche man durch Beraubung der Staatsgläubiger zusammen gebracht, waren
erschöpft, von der City ließ sich kein Darlehn erwarten, und der Versuch
durch königlichen Machtspruch Steuern zu erheben, würde unverzüglich
eine Revolution hervorgerufen haben. Ludwig aber, der jetzt mit dem
halben Europa in Krieg verwickelt war, befand sich nicht in der
Verfassung, die Mittel zur Bezwingung des englischen Volkes
herbeizuschaffen. So war es nothwendig, das Parlament einzuberufen.
[_Versammlung des Parlaments._] Im Frühlinge des Jahres 1673
versammelten sich also die Häuser nach einer Unterbrechung von beinahe
zwei Jahren. Clifford, jetzt Pair und Lord Schatzmeister, und Ashley,
jetzt Lord Kanzler und Earl von Shaftesbury, waren die Männer, auf
welche der König hinsichtlich der Leitung des Parlaments sich verließ.
Die Vaterlandspartei zögerte nicht, sofort die Politik der Cabale
anzugreifen, dieser Angriff geschah aber nicht stürmisch, sondern durch
langsames und wohlberechnetes Vorrücken. Die Gemeinen gaben zuerst
Hoffnung, daß sie die auswärtige Politik des Königs unterstützen
wollten, verlangten aber, daß er diese Hilfe dadurch erkaufen sollte,
daß er das ganze System seiner innern Politik fallen lasse. Vor Allem
verlangten sie die Zurücknahme der Indulgenzerklärung.
[_Indulgenzerklärung._] Der unpopulärste Schritt, den die Regierung
jemals gethan hatte, war unbedingt die Bekanntmachung dieser Erklärung.
Die verschiedenartigsten Gefühle waren verletzt durch eine an sich zwar
freisinnige, aber in höchst despotischer Weise ausgeführte Maßregel.
Die Feinde religiöser, und die Freunde bürgerlicher Freiheit waren eng
verbunden, und aus diesen beiden Klassen bestanden neunzehn
Zwanzigtheile der Nation. Der eifrige Anhänger der Staatskirche
beschwerte sich über die Bevorzugung, welche dem Papisten wie dem
Puritaner zu Theil geworden sei. Der Puritaner freute sich zwar über das
Aufhören der Verfolgung, die ihn gedrückt hatte, war aber eben nicht
besonders dankbar für eine Duldung, welche er mit dem Antichrist theilen
sollte. Alle Engländer jedoch, welche Freiheit und Gerechtigkeit
achteten, erkannten mit Besorgniß den tiefen Eingriff, den die
Prärogative in das Gebiet der Gesetzgebung gethan hatte.
Der Wahrheit die Ehre zu geben, darf nicht geleugnet werden, daß die
constitutionelle Frage nicht ganz frei von Dunkelheit war. Unsere alten
Könige besaßen das unbestrittene Recht, die Wirkung von Strafgesetzen zu
suspendiren, die Gerichtshöfe hatten dieses Recht anerkannt und die
Parlamente es nicht angefochten. Daß ein derartiges Recht der Krone
zustehe, wagten, selbst von der Landpartei, in Betracht der Ereignisse
und Autoritäten nur Wenige in Abrede zu stellen. Gleichwohl war es klar
daß, wenn diese Prärogative keine Grenze hatte, die englische Regierung
von reinem Despotismus fast gar nicht unterschieden werden konnte.
Daß es eine Grenze gebe, gestand der König sammt seinen Ministern ein,
die Frage war nur, ob die Indulgenzerklärung innerhalb oder außerhalb
derselben liege, und keine Partei vermochte eine Grenzlinie zu
bestimmen, welche die Prüfung bestand. Einige Gegner der Regierung
beschwerten sich, daß durch die Erklärung nicht weniger als vierzig
Gesetze suspendirt würden; warum aber nicht vierzig sogut wie eins? Ein
Redner sprach unverhohlen aus, daß der König verfassungsmäßig zwar von
schlechten Gesetzen dispensiren könne, nicht aber von guten. Das
Ungereimte einer solchen Unterscheidung liegt auf der Hand. Die Ansicht,
welche im Hause der Gemeinen angenommen schien, war wohl im Allgemeinen
die, daß das Dispensationsrecht sich blos auf weltliche Punkte
erstrecke, und nicht auf Gesetze, die man zur Sicherheit der
Landeskirche erlassen. Da aber der König das Oberhaupt der Kirche war,
so schien es, daß wenn er überhaupt die dispensirende Gewalt besitze,
er sie wohl auch da haben konnte, wo die Kirche in's Spiel kam. Die
Versuche der Hofleute, die Grenzen dieser Prärogative zu bezeichnen,
mißlangen eben so vollständig wie früher die der Opposition.[3]
Die Wahrheit ist, daß die Dispensationsbefugniß eine große Anomalie in
Staatssachen war. In der Theorie war sie mit den Grundsätzen gemischter
Verfassung nicht zu vereinigen, aber sie war in einer Zeit entstanden,
wo das Volk sich wenig um Theorien kümmerte. In der Praxis hatte man
diese Befugniß niemals auf gröbliche Art gemißbraucht, sie war deshalb
geduldet worden, und endlich allmälig zu einer Art Verjährung gekommen.
Nach einem langen Zwischenraume wurde sie endlich in einem
fortgeschrittenen Zeitalter bei einer wichtigen Veranlassung und zwar in
früher nicht gekannter Ausdehnung, zu einem allgemein verabscheuten
Zwecke in Anwendung gebracht. Sie wurde einer strengen Untersuchung
unterworfen, und wenn man auch nicht gleich wagte sie geradezu für
verfassungswidrig zu erklären, so kam man doch zu der Erkenntniß, daß
sie in directem Widerspruche mit der Verfassung stehe, und wenn sie
willkürlich blieb, die englische Regierung aus einer beschränkten
Regierung in eine absolute verwandeln würde.
[Anmerkung 3: Das Vernünftigste was über diesen Gegenstand im
Hause der Gemeinen gesprochen wurde, rührte von Sir William
Coventry her. »Unsere Voreltern haben niemals eine Linie gezogen,
um die Souverainetätsrechte und die Freiheit zu begrenzen.«]
[_Cassirung der Indulgenzakte. Annahme der Testakte._] Durch solche
Befürchtungen veranlaßt, stellten die Gemeinen in Abrede, daß es ein
Dispensationsrecht des Königs gebe, zwar nicht rücksichtlich aller
Strafgesetze, sondern blos soweit diese die kirchlichen Angelegenheiten
beträfen, und sie gaben dem König nicht undeutlich zu verstehen, daß sie
nur bei Aufgabe dieses Rechtes ihm Bewilligungen für den holländischen
Krieg machen würden. Für den Augenblick schien er geneigt, Alles zu
wagen, bis ihm Ludwig dringend rieth, sich der Nothwendigkeit zu fügen
und einen günstigeren Zeitpunkt abzuwarten, wo die französischen Heere,
jetzt zu schwerem Kriege auf dem Festlande verwendet, benutzt werden
könnten, um die Unzufriedenheit in England zu unterdrücken. In der
Cabale selbst wurden Zeichen von Uneinigkeit und Verrätherei sichtbar.
Shaftesbury erkannte mit seinem zum Sprichwort gewordenen Scharfblick,
daß eine heftige Reaction bevorstehe, und Alles einer Krisis gleich der
von 1640 zuschreite. Er beschloß, daß diese ihn nicht in Straffords Lage
finden sollte, machte deshalb eine plötzliche Wendung und erkannte im
Hause der Lords an, daß die Erklärung gesetzwidrig sei. Der König, von
seinen Verbündeten sowie von seinem Kanzler verlassen, fügte sich, nahm
die Indulgenzerklärung zurück und versprach feierlich, daß sie niemals
in Anwendung gebracht werden solle.
Selbst diese Concession war ungenügend. Die Gemeinen waren noch nicht
damit zufrieden, ihren Souverain zur Vernichtung der Indulgenz gezwungen
zu haben, sie nöthigten ihm auch seine ungern ertheilte Zustimmung ab zu
einem wichtigen Gesetze, welches bis zur Regierung Georgs IV. geltend
geblieben ist. Dieses Gesetz unter der Benennung »Testakte« bekannt,
bestimmte, daß alle mit militairischen oder bürgerlichen Ämtern
bekleideten Personen den Suprematseid leisten, eine Erklärung gegen die
Transsubstantiation unterschreiben und öffentlich das Abendmahl nach den
Gesetzen der englischen Kirche empfangen sollten. Die Einleitung des
Gesetzes spricht nur in feindseligen Ausdrücken gegen die Papisten, die
folgenden Paragraphen aber waren den Papisten kaum weniger ungünstig als
der strengsten Klasse von Puritanern. Diese jedoch, durch die offenbare
Hinneigung des Hofes zum Papstthum erschreckt, und von einigen Anhängern
der Hochkirche zu der Hoffnung beredet, daß nach der wirksamen
Entwaffnung der Katholischen den protestantischen Nichtconformisten
Hilfe werden solle, erhoben nur geringen Widerspruch, und auch der
König, der sich in größter Geldverlegenheit befand, konnte nicht wagen
seine Genehmigung vorzuenthalten. Die Akte wurde vollzogen und in Folge
davon der Herzog von York genöthigt, den hohen Posten eines Lord
Großadmirals aufzugeben.
[_Auflösung der Cabale._] Noch hatten die Gemeinen sich nicht gegen den
holländischen Krieg erklärt. Nachdem aber der König aus Dankbarkeit für
die ihn sehr vorsichtig gespendeten Summen den ganzen Plan seiner
inneren Politik fallen gelassen, traten sie heftig gegen seine
auswärtige Politik auf. Sie verlangten, daß Buckingham und Lauderdale
für immer aus dem Rathe entfernt würden, und bildeten einen Ausschuß,
welcher ermitteln sollte, ob es angemessen sei, Arlington unter Anklage
zu stellen. Nach kurzer Zeit existirte die Cabale nicht mehr. Clifford,
der Einzige von den Fünfen, der mit einigem Grund für einen rechtlichen
Mann gelten konnte, verweigerte den neuen Religionseid, legte seinen
weißen Stab nieder und zog sich auf seine Güter zurück. Arlington
vertauschte den Posten eines Staatssecretairs mit einer ruhigen,
ehrenvollen Anstellung im königlichen Hause. Shaftesbury und Buckingham
versöhnten sich mit der Opposition und erschienen an der Spitze der
stürmischen Demokratie der City. Lauderdale hingegen blieb Minister der
schottischen Angelegenheiten, mit denen das englische Parlament nichts
zu schaffen hatte.
Jetzt drängten die Gemeinen den König, mit Holland Frieden zu schließen
und erklärten ohne Hehl, daß sie durchaus keine Mittel zu diesem Kriege
bewilligen würden, wenn der Feind sich nicht hartnäckig weigere, auf
annehmbare Bedingungen einzugehen. Karl begriff, daß er nun jeden
Gedanken an die Ausführung des Vertrags von Dover bis auf einen
geeigneteren Zeitpunkt fallen lassen müsse, und schmeichelte der Nation
durch den Anschein, als wolle er zur Politik der Tripleallianz
zurückkehren. Temple, welcher seit der Macht der Cabale in
Zurückgezogenheit unter seinen Büchern und Blumen lebte, wurde aus der
Einsamkeit hervorgeholt, und durch seine Vermittlung ein Separatfrieden
mit den Vereinigten Provinzen geschlossen. Er wurde darauf Gesandter im
Haag, und seine Anwesenheit galt dort als ein sicheres Pfand der
Aufrichtigkeit seines Hofes.
Die oberste Leitung der Geschäfte war jetzt in den Händen Sir Thomas
Osborns, eines Baronets aus Yorkshire, der im Hause der Gemeinen ein
seltenes Talent für Geschäft und Debatte gezeigt hatte. Osborn wurde
Lord Schatzmeister und bald darauf Earl von Danby. Er war kein Mann von
achtungswerthem Charakter, insofern man ihn nach dem Maßstabe der
Sittlichkeit beurtheilen wollte. Begierig nach Reichthümern und
Auszeichnungen, war er, selbst verdorben, auch noch ein Verführer
Anderer. Die Cabale hatte ihm die Kunst hinterlassen, Parlamente zu
bestechen, eine damals noch unausgebildete Kunst, der man die hohe
Vollendung noch nicht ansah, zu der sie sich in dem folgenden
Jahrhundert emporschwang. Er verbesserte den Entwurf der ersten Erfinder
bedeutend. Dieselben hatten blos Sprecher erkauft, Danby aber bezahlte
Jeden, der eine Stimme hatte. Doch darf dieser neue Minister nicht mit
den Unterhändlern von Dover in eine Reihe gestellt werden. Er besaß die
Empfindungen eines Engländers und Protestanten, und niemals vergaß er
über die eigenen Interessen ganz die seines Vaterlandes und seiner
Religion. Er war allerdings eifrig bemüht, die königliche Prärogative zu
erhöhen, doch benutzte er dazu Mittel, welche von denen sehr verschieden
waren, die Arlington und Clifford im Sinne gehabt hatten. Nie dachte er
daran, durch Hilfe fremder Truppen und Erniedrigung des Königreichs
dasselbe zu dem Range eines abhängigen Fürstenthums herabsinken zu
lassen. Sein Plan war, um die Monarchie wieder diejenigen Klassen zu
schaaren, welche während der Unruhen des letzten Menschenalters ihre
treuen Bundesgenossen gewesen, durch die neuerlichen Laster und
Irrthümer des Hofes aber mit Unwillen zurückgetreten waren. Mit Hilfe
des alten Cavalier-Interesses, des hohen und niedern Adels, des Klerus
und der Universitäten konnte es nach seiner Meinung möglich sein, Karl
zwar nicht zu einem unbeschränkten, aber doch zu einem kaum weniger
mächtigen Souverain als Elisabeth war, zu machen.
Von diesen Ansichten durchdrungen beschloß Danby der Partei der
Cavaliere den ausschließlichen Besitz aller politischen Macht sowohl der
executiven wie der gesetzgebenden, zu sichern. Es wurde daher im Jahre
1675 im Hause der Lords eine Bill vorgelegt, welche bestimmte, daß
Niemand ein Amt versehen oder in einem Hause des Parlaments sitzen
solle, der nicht vorher die eidliche Erklärung gegeben, daß er
Widerstand gegen die königliche Macht unbedingt für strafbar halte, und
nie den Versuch machen werde, sich an der Verfassung des Staates oder
der Kirche zu vergreifen. Mehrere Wochen hindurch erhielten die durch
diesen Antrag hervorgerufenen Verhandlungen, Abstimmungen und Proteste
das Land in großer Aufregung. Die Opposition im Hause der Lords, an
deren Spitze zwei Mitglieder der Cabale standen, welche Frieden mit dem
Volke zu machten wünschten, Buckingham und Shaftesbury, war
außerordentlich heftig und hartnäckig, und hatte guten Erfolg. Die Bill
wurde nicht verworfen, aber verzögert, verstümmelt und endlich bei Seite
gelegt.
Auf solche Willkür und Abgeschlossenheit gründete sich Danby's innere
Politik; seine Ansichten über äußere Politik machten ihm mehr Ehre, sie
waren das Gegentheil von denen der Cabale, und glichen fast ganz denen
der Vaterlandspartei. Er klagte bitter über die Erniedrigung, in welche
man England versetzt, und erklärte in größter Aufregung, daß es sein
sehnlichster Wunsch sei, den Franzosen durch Prügel die nöthige Achtung
einzuflößen. Er war so wenig Herr seiner Gefühle, daß er bei einem
großen Gastmahle, wo die höchsten Würdenträger des Staats und der Kirche
anwesend waren, sein Glas auf das Verderben Aller leerte, die nicht für
einen Krieg gegen Frankreich gestimmt wären. Es wäre ihm sehr erwünscht
gewesen, hätte sich sein Vaterland mit den Mächten vereinigt, welche
sich damals gegen Ludwig verbunden hatten, und zu dem Zwecke war er
geneigt, Temple, den Stifter der Tripleallianz, an die Spitze des
Departements der auswärtigen Angelegenheiten zu stellen. Aber die Macht
des Premierministers hatte ihre Grenzen. In seinen vertraulichsten
Briefen beklagt er sich, daß die Verblendung seines Herrn England
hindere den ihm gebührenden Platz unter den Nationen Europa's
einzunehmen. Karl besaß eine unersättliche Gier nach französischem
Golde, und hatte noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben eines Tages
mit Hilfe der französischen Waffen eine absolute Monarchie zu errichten
-- diese beiden Gründe waren für ihn hinreichend, um ein gutes Vernehmen
mit dem Hofe von Versailles zu unterhalten.
So verfolgte der Souverain ein System auswärtiger Politik, dem des
Ministers diametral entgegen. Allerdings besaßen weder der Souverain
noch der Minister den Charakter danach, irgend einen Plan stätig zu
verfolgen, jeder gab bei Gelegenheit dem Drängen des Andern nach, und
ihre abweichenden Neigungen und gegenseitigen Zugeständnisse verliehen
der ganzen Verwaltung einen sonderbaren Anstrich. Aus Leichtsinn und
Indolenz erlaubte der König zuweilen, daß Danby Maßregeln traf, welche
Ludwig bitter beleidigen mußten; ebenso fügte sich Danby ehe er seinen
hohen Posten aufgegeben hätte, bisweilen lieber in Gefälligkeiten, die
ihm schwere Sorge und Schande verursachten. Der König wurde dahin
gebracht, seine Erlaubniß zu einer Vermählung zwischen Maria, der
ältesten Tochter und muthmaßlichen Erbin des Herzogs von York, und
Wilhelm von Oranien, dem Todfeinde Frankreichs und erblichen Kämpfer der
Reformation, zu geben; ja der tapfre Earl von Ossory, Ormonds Sohn,
eilte den Holländern zum Beistande mit einigen britischen Truppen
herbei, welche an dem blutigsten Tage des ganzen Krieges den Ruf des
kühnsten Muthes trefflich bewährten. Auf der anderen Seite mußte der
Schatzmeister bei einigen schimpflichen Geldgeschäften, die zwischen
seinem Gebieter und dem Hofe von Versailles abgemacht wurden, nicht nur
die Augen zudrücken, sondern auch -- obgleich mit Verdruß und
Widerstreben -- dabei mitwirken.
[_Verwickelte Lage der Vaterlandspartei._] Mittlerweile wurde die
Vaterlandspartei durch zwei gewaltige Gefühle nach zwei verschiedenen
Richtungen hin getrieben. Die Leiter des Volks hatten Furcht vor der
Größe Ludwigs, der nicht nur der ganzen Stärke der continentalen Allianz
Widerstand leistete, sondern sogar Boden gewann; ebenso wagten sie es
aber auch nicht, ihrem eigenen Könige die Mittel zur Demüthigung
Frankreichs anzuvertrauen, damit dieselben nicht zur Vernichtung der
Freiheit Englands verwendet würden. Der Widerstreit zwischen diesen
beiden Befürchtungen, welche vollkommen gerechtfertigt waren, ließ die
Opposition eben so haltlos und wankelmüthig erscheinen, wie die des
Hofes. Die Gemeinen forderten Krieg mit Frankreich, bis der König, von
Danby zur Nachgiebigkeit vermocht, sich zu fügen schien, und eine Armee
auszuheben begann. Als sie aber sahen, daß man mit den Werbungen
fortschritt, wurde ihre Furcht vor Ludwig durch eine noch näher liegende
Furcht verdrängt. Sie glaubten nämlich, daß diese neuen Truppen in einem
Dienste verwendet werden möchten, für den Karl größere Theilnahme hegte
als für die Vertheidigung Flanderns, verweigerten deshalb alle
Geldbewilligungen, und verlangten jetzt ebenso laut die Entlassung der
Truppen, als sie kurz vorher die Bildung einer Armee gefordert hatten.
Diejenigen Geschichtschreiber, welche sich über diese Unbeständigkeit
mit strengem Tadel ausgesprochen, scheinen nicht die gehörige Rücksicht
auf die verzweifelte Lage von Leuten genommen zu haben, welche von dem
Glauben durchdrungen waren, ihr Fürst vereinige sich mit einer
auswärtigen feindlichen Macht zur Unterdrückung ihrer Freiheiten. Ihm
militairische Hilfsmittel verweigern hieß den Staat wehrlos machen; gab
man ihm dieselben, so benutzte er sie vielleicht gegen den Staat. Bei
solcher Bewandtniß kann die Unentschlossenheit nicht als Beweis von
Mangel an Ehrgefühl oder gar von Schwäche betrachtet werden.
[_Verkehr dieser Partei mit der französischen Gesandtschaft._] Dieser
Argwohn wurde von dem französischen König eifrig genährt. Er hatte
England geraume Zeit in Unthätigkeit erhalten, indem er den Thron gegen
das Parlament zu unterstützen versprach, aber jetzt gewann er die
beunruhigende Überzeugung, daß die patriotischen Rathschläge Danby's im
Cabinet Anklang fanden, und nun begann er das Parlament gegen den Thron
zu hetzen. Ludwig und die Vaterlandspartei trafen in einem, aber auch
nur in diesem einen Punkte zusammen, nämlich in dem tiefen Mißtrauen
gegen Karl. Hätte die Vaterlandspartei die Überzeugung erhalten können,
daß ihr Souverain wirklich einen Krieg gegen Frankreich im Sinne hatte,
so würde sie ihn auf's Eifrigste unterstützt haben. Hätte Ludwig die
Gewißheit gehabt, daß die neuen Rüstungen nur der Verfassung von England
galten, so würde er sie nicht zu verhindern gesucht haben. Die
Charakterlosigkeit Karls aber und seine Treulosigkeit waren so groß,
daß die französische Regierung und die englische Opposition -- sonst in
allen Ansichten von einander abweichend -- wenigstens darin
übereinstimmten, daß seinen Worten nicht zu trauen sei, und beide den
Wunsch theilten, ihn ohne Geld und Heer zu lassen. Es fanden
Verhandlungen statt zwischen Barillon, dem französischen Gesandten, und
solchen englischen Staatsmännern, welche stets Abneigung und Furcht vor
dem französischen Übergewicht gezeigt und in der That auch aufrichtig
empfunden hatten. Das redlichste Mitglied der Vaterlandspartei, Lord
Wilhelm Russel, Sohn des Earl von Bedford, besprach sich unbedenklich
mit einem fremden Gesandten zu dem Zweck, seinem eigenen Souveraine
Verlegenheiten zu bereiten. Soweit ging Russels Fehltritt. Seine
Grundsätze sowohl wie sein großes Vermögen erheben ihn über den Verdacht
schmutziger Absichten; allein man hat nur zu viel Grund anzunehmen, daß
mehrere seiner Verbündeten weniger Bedenklichkeit zeigten. Man würde
ihnen Unrecht thun, wollte man sie der Niederträchtigkeit beschuldigen,
Geld angenommen zu haben, um ihrem Vaterlande zu schaden, sie meinten
ihm im Gegentheil nützlich zu sein; es ist aber nicht in Abrede zu
stellen, daß sie unehrenhaft und unzart genug waren, von einem fremden
Fürsten dafür Bezahlung anzunehmen, daß sie dem eigenen Lande dienten.
Einer von denen, welche diese erniedrigende Anklage mit Recht trifft,
war ein Mann, der nach der Meinung des Volkes der personifizirte
Gemeinsinn war, und welcher trotz einiger großen moralischen und
geistigen Schwächen mit Recht ein Held, ein Philosoph und ein Patriot
genannt zu werden verdient. Es erregt schmerzliche Empfindungen, einen
derartigen Namen auf der Liste der Pensionaire Frankreichs zu finden,
und doch liegt einiger Trost in dem Gedanken, daß in unserer Zeit ein
öffentlicher Charakter der nicht einer Versuchung widerstände, welcher
die Tugend und der Stolz Algernon Sidney's unterlagen, als alles
Pflicht- und Schamgefühls bar betrachtet werden würde.
[_Frieden von Nimwegen._] Die Folge dieser Intriguen war, daß England,
wenn es gleich bei Gelegenheit eine drohende Haltung zeigte, unthätig
blieb, bis der continentale Krieg nach fast siebenjähriger Dauer 1678
durch den Frieden von Nimwegen sein Ende fand. Die Vereinigten
Provinzen, 1672 am äußersten Rande des Verderbens stehend, erlangten
ehrenvolle und vortheilhafte Bedingungen. Daß sie mit genauer Noth dem
Untergange entrannen, wurde allgemein der Geschicklichkeit und
Tapferkeit des jungen Statthalters zugeschrieben. Er besaß in Europa
einen bedeutenden Ruf, und insbesondere bei den Engländern, welche ihn
als einen ihrer eigenen Prinzen betrachteten, und denen es Freude
machte, in ihm den Gemahl ihrer zukünftigen Königin zu sehen. Frankreich
erwarb mehrere wichtige Städte in Belgien und die bedeutende Provinz
Franche Comté; die sinkende spanische Monarchie aber hatte fast den
ganzen Verlust zu tragen.
[_Große Unzufriedenheit in England._] Kaum waren die Feindseligkeiten
auf dem Festlande einige Monate vorüber, so trat eine große Krisis in
der englischen Politik ein, welche durch den Gang der Verhältnisse seit
bereits achtzehn Jahren vorbereitet worden war. Das ganze Capital von
Popularität, welches der König beim Antritt seiner Regierung besaß, war
verschwendet, und dem loyalen Enthusiasmus tiefe Abneigung gefolgt. Die
öffentliche Meinung war die Strecke zurückgegangen, die sie zwischen
1640 und 1660 durchlaufen hatte, und befand sich noch einmal auf
demselben Standpunkte, den sie einnahm, als das Lange Parlament
zusammentrat.
Die herrschende Unzufriedenheit bestand aus einem Gemisch der
verschiedenartigsten Empfindungen. Eins dieser Gefühle war verletzter
Nationalstolz. Die damalige Generation kannte England, wie es, auf
gleiche Bedingungen mit Frankreich verbündet, Siegerin über Holland und
Spanien, Beherrscherin des Meeres, der Schrecken Roms, der Schutzgeist
des protestantischen Europa's war. Seine Hilfsquellen waren nicht
schwächer geworden, und es stand zu erwarten, daß unter dem Scepter
eines legitimen Königs, der die Liebe und den völligen Gehorsam seiner
Unterthanen besaß, es in Europa zum Wenigsten eben so hervorragend
dastehen müsse, wie unter der Herrschaft eines Usurpators, der mit
größter Wachsamkeit und Energie ein rebellisches Volk niederzuhalten
hatte. Und doch war es durch die Schwäche und Erbärmlichkeit seines
Oberhauptes so tief gesunken, daß jedes deutsche oder italienische
Ländchen, welches fünftausend Soldaten in's Feld schicken konnte,
ein wichtigeres Glied unter den Nationen Europa's bildete.
Mit der bitteren Empfindung nationaler Demüthigung verband sich die
Besorgniß um die bürgerliche Freiheit. Unbestimmte Gerüchte, um so
beunruhigender weil sie unbestimmt waren, schrieben dem Hofe einen
überdachten Plan gegen alle constitutionellen Rechte der Engländer zu;
man raunte sich sogar in's Ohr, daß die Ausführung dieses Planes mit
Hilfe fremder Waffen geschehen solle. Selbst den Cavalieren kochte bei
dem Gedanken an solche Einmischung das Blut in den Adern, und einige,
die stets die Lehre von der Unzulässigkeit des Widerstandes im Munde
hatten, murrten jetzt, daß diese Lehre auch eine Grenze habe! Wollte man
eine fremde Macht herüberführen, um der Nation Zwang anzuthun, so
möchten sie nicht für die eigene Geduld einstehen!
Weder Nationalstolz noch Besorgniß um die öffentliche Freiheit aber
hatten auf die Stimmung des Volkes einen solchen Einfluß, wie der Haß
gegen die römisch-katholische Kirche. Dieser Haß war eine herrschende
Leidenschaft des Volkes geworden und bei Unwissenden und Profanen eben
so gewaltig wie bei den Protestanten von Überzeugung. Die
Unmenschlichkeiten während der Regierung Maria's, Unmenschlichkeiten,
die selbst bei der unbefangensten, klarsten Darstellung Grauen erregen
und in den volksthümlichen Erzählungen von Märtyrern weder genau, noch
vorurtheilslos berichtet wurden, die Verschwörung gegen Elisabeth, und
namentlich die Pulververschwörung hatten in der Erinnerung des Volkes
ein nicht zu löschendes, bitteres Gefühl hinterlassen, das durch
jährliche Erinnerungsfeste, Gebete, Freudenfeuer und Prozessionen immer
wieder neue Nahrung erhielt.
Es ist hierbei nicht zu vergessen, daß diejenigen Klassen, welche dem
Throne insbesondere anhingen, der Klerus und der grundbesitzende Adel,
hauptsächlich Ursache hatten, die katholische Kirche zu hassen. Der
Klerus zitterte für seine Pfründen, der Adel mit Grundbesitz für seine
Abteien und hohen Zehnten. So lange die Regierung der Heiligen noch in
frischem Andenken war, hatte der Haß gegen das Papstthum in etwas dem
Hasse gegen den Puritanismus Platz gemacht; aber während der achtzehn
Jahre, welche seit der Restauration verflossen waren, hatte die
Feindseligkeit gegen den Puritanismus abgenommen, wogegen die Abneigung
gegen das Papstthum gewachsen war. Zwar waren die Bedingungen des
Vertrags von Dover nur Wenigen genauer bekannt, aber einige Andeutungen
doch laut genug geworden. Der allgemeine Glaube war, daß ein großer,
vernichtender Schlag gegen den Protestantismus geführt werden solle.
Viele hatten den König in Verdacht, daß er sich Rom zuwende, sein Bruder
und muthmaßlicher Thronerbe war als ein bigotter Katholik bekannt. Die
erste Herzogin von York war als Katholikin gestorben, und Jacob hatte
darauf, trotz der Gegenvorstellungen des Hauses der Gemeinen, die
Prinzessin Maria von Modena, auch eine Katholikin, geheirathet; wenn aus
dieser Ehe Söhne hervorgingen, so stand zu fürchten, daß dieselben als
Katholiken erzogen werden möchten, und dann eine lange Reihe von Fürsten
auf dem Throne sitzen würden, welche Feindschaft gegen die herrschende
Staatskirche im Herzen trügen; man hatte neuerdings die Verfassung
verletzt, um die Katholiken gegen das Strafgesetz in Schutz zu nehmen;
der Bundesgenosse, dessen Politik England seit Jahren beherrscht hatte,
war nicht blos ein Katholik, sondern auch ein Verfolger des
Protestantismus. Unter allen diesen Umständen war es zu rechtfertigen,
wenn der gemeine Mann eine Wiederkehr der Zeiten jener Fürstin
fürchtete, welche er die blutige Maria nannte.
Die Nation war demgemäß in einer Stimmung, bei der jeder Funke zur
Flamme werden konnte. Da wurde mit einem Male an zwei Stellen Feuer an
die ungeheure Masse des Zündstoffes gelegt, und augenblicklich stand
Alles in Flammen.