Bis hierher waren die Staatsmänner, deren Rath Richard befolgte,

glücklich gewesen. Fast alle Theile der Staatsverwaltung hatte man eben

so eingerichtet, wie sie bei dem Beginne des Bürgerkrieges gewesen.

Hätten der Protektor und das Parlament ungestört fortschreiten dürfen,

so läßt sich kaum bezweifeln, daß unter dem Hause Cromwell schon eine

ähnliche Ordnung der Dinge erstanden wäre, wie sie später unter dem

Hause Hannover begründet ward. Aber es gab im Staate eine andere Macht,

vollkommen fähig, gegen Protektor und Parlament aufzutreten. Richard

besaß nämlich über die Armee keine andere Autorität als die, welche er

aus dem großen ererbten Namen herleitete. Er hatte sie nie zum Siege

geführt, hatte selbst nie die Waffen getragen, alle seine Neigungen und

Gewohnheiten waren friedlicher Art, und seine religiösen Ansichten und

Gesinnungen erfreuten sich des Beifalls der militairischen Heiligen

nicht. Daß er ein guter Mensch war, hat er durch Demuth und

Leutseligkeit, während er auf dem Gipfel menschlicher Größe stand,

und durch freudige Ergebung bei Leiden und Unglücksfällen treffender

dargethan, als durch tiefe Seufzer und lange Reden; aber das damals in

jeder Wachtstube übliche fromme Geschwätz war ihm dergestalt zum Ekel,

daß er seine Abneigung dagegen nicht immer verbergen konnte. Die

Offiziere, welche den größten Einfluß auf die in der Nähe stationirten

Truppen ausübten, gehörten nicht zu seinen Freunden; sie waren durch

Muth und Tapferkeit auf dem Schlachtfelde ausgezeichnete Männer, aber es

fehlte ihnen jene Klugheit, jener bürgerliche Muth, die Eigenschaften,

die ihrem verstorbenen Führer in so hohem Grade eigen waren. Einige von

ihnen waren achtungswerthe, aber fanatische Independenten und

Republikaner. Das Haupt dieser Klasse war Fleetwood. Andere wieder

strebten danach, das zu werden, was Oliver Cromwell gewesen; sein

rasches Emporkommen, sein Glück und sein Ruhm, seine feierliche

Inauguration in den Hallen von Westminster, und seine prachtvolle

Bestattung in der Abtei hatten die Phantasie derselben entflammt; sie

waren von eben so guter Herkunft, eben so gut erzogen, als er, und

begriffen nun nicht, warum sie nicht eben so würdig wären, mit dem

Purpur bekleidet zu werden und das Schwert des Staates zu tragen. Das

Ziel ihres maßlosen Ehrgeizes verfolgten sie nicht, wie er, mit Geduld,

Wachsamkeit, Scharfsinn und Entschlossenheit, sondern mit jener Ungeduld

und Unentschiedenheit, welche die hochfliegende Mittelmäßigkeit

charakterisiren. Unter diesen matten Copien eines großen Originals

zeichnete sich Lambert am auffälligsten aus.

[_Sturz Richards, und Wiedereinsetzung des Langen Parlaments._]

Denselben Tag, an dem Richard den Thron bestiegen, traten die Offiziere

zu einer Verschwörung gegen ihren neuen Gebieter zusammen. Das gute

Einvernehmen zwischen ihm und seinem Parlamente beschleunigte das

Herannahen der Krisis. In dem Lager entstanden Unruhe und Erbitterung,

sowohl die religiösen Gefühle als die des Standes der Armee waren tief

verletzt, und es schien, als sollten sich die Independenten den

Presbyterianern, und die Männer des Schwerts den Männern der Robe

unterwerfen. Zwischen den Unzufriedenen in der Armee und der

republikanischen Minorität in dem Hause der Gemeinen bildete sich eine

Koalition. Selbst wenn Richard das scharfe Urtheil und den eisernen Muth

seines Vaters ererbt hätte, so bleibt es dennoch zweifelhaft, ob er

diese Koalition besiegt haben würde; es ist vielmehr gewiß, daß seine

Einfachheit und Sanftmuth den Erfordernissen der Zeit nicht entsprachen.

Er fiel ohne Widerstand und ohne Ruhm; die Armee benutzte ihn als

Werkzeug zur Auflösung des Parlamentes und schob ihn dann verächtlich

bei Seite. Um ihre republikanischen Verbündeten zufrieden zu stellen,

erklärten die Offiziere die Vertreibung des Rumpfparlamentes für

ungesetzlich und luden diese Versammlung ein, ihre Amtsgeschäfte wieder

zu beginnen. Der alte Sprecher und eine beschlußfähige Anzahl Mitglieder

traten wieder zusammen, und unter schlecht verhehltem Hohne und

Verwünschungen Seitens der Nation wurden sie zur ersten Macht des

Staates ausgerufen. Auch ward ausdrücklich erklärt, daß es weder einen

ersten Beamten, noch ein Haus der Lords ferner geben solle.

[_Zweite Vertreibung des Langen Parlaments._] Ein solcher Zustand der

Dinge konnte nicht von langer Dauer sein. An demselben Tage, an dem das

Lange Parlament wieder in's Leben trat, lebten auch die alten

Zwistigkeiten mit der Armee wieder auf. Es vergaß der Rumpf abermals,

daß er sein Dasein dem Belieben der Soldaten verdankte, und begann

wieder, sie als Untergebene zu behandeln. Wiederum schloß man die Thüren

des Hauses der Gemeinen durch militairische Gewalt, und eine von den

Offizieren ernannte provisorische Regierung übernahm die Leitung der

Staatsgeschäfte.

Das Drückende dieser Lage und die Befürchtung, es könne noch schlimmer

werden, bewirkte indeß eine Verbindung zwischen den Cavalieren und den

Presbyterianern. Einige Presbyterianer hatten zwar schon vor dem Tode

Karls I. zu einer ähnlichen Vereinbarung sich geneigt gezeigt, aber erst

nach dem Falle Richard Cromwells eiferte die ganze Partei für die

Wiederherstellung des Königshauses. Für die Wiederherstellung der alten

Verfassung unter einer Dynastie gab es keine begründete Hoffnung mehr;

man mußte daher zwischen den Stuarts und der Armee wählen. Die

vertriebene Königsfamilie hatte sich großer Vergehen schuldig gemacht,

aber sie hatte diese Vergehen hart gebüßt, und man durfte hoffen, daß

sie in der Schule des Unglücks heilsame Lehren erhalten habe; es ließ

sich annehmen, daß das Schicksal Karls I. für Karl II. ein warnendes

Beispiel sein würde. Aber es waren auch, ohne Rücksicht hierauf, die dem

Lande drohenden Gefahren der Art, daß man zu ihrer Abwendung wohl einige

Ansichten aufgeben und sich einigen Wagnissen aussetzen konnte. England

schien der gehässigsten und erniedrigendsten aller Regierungsformen

anheim zu fallen bestimmt zu sein, einer Form, die alle Übel des

Despotismus mit allen Schrecken der Anarchie vereinigte. Alles Andere

war dem Joche vorzuziehen, das eine Reihenfolge unfähiger und

unrühmlicher Tyrannen auferlegte, welche nach Art der Dey's der Berberei

durch unausgesetzte Militairrevolutionen endlich zur Regierung

gelangten. Lambert konnte der erste dieser Despoten werden, aber nach

Verlauf eines Jahres hätte er wahrscheinlich Desborough, und später

Desborough dem Harrison weichen müssen. So oft der Kommandostab aus

einer schwachen Hand in die andere übergegangen wäre, so oft würde die

Nation den Erpressungen ausgesetzt gewesen sein, welche die Geschenke

für die Truppen nöthig machten. Wenn die Presbyterianer hartnäckig auf

ihrer Trennung von den Royalisten bestanden, wäre der Staat verloren

gewesen, und ob es den vereinigten Anstrengungen Beider gelungen wäre,

ihn zu retten, war sehr zweifelhaft, denn die Furcht vor der

unbesiegbaren Armee hatte sich aller Bewohner der Insel bemächtigt, und

die Cavaliere, durch hundert verlorene Schlachten belehrt, wie wenig die

numerische Überlegenheit gegen die Disziplin vermag, waren selbst noch

mehr eingeschüchtert, als die Rundköpfe.

[_Die Armee von Schottland rückt in England ein._] So lange die Soldaten

unter sich einig blieben, waren alle Complote und Aufstände der

Mißvergnügten ohne Wirkung. Aber wenig Tage nach der zweiten Vertreibung

des Rumpf-Parlaments liefen Nachrichten ein, welche die Herzen Aller,

die entweder der Monarchie oder der Freiheit anhingen, mit Freude

erfüllten. Jene ungeheure Streitmacht, welche Jahre lang wie ein

einziger Mann gehandelt und dadurch so unüberwindlich geworden war,

hatte sich endlich in Zwiespalt aufgelöst. Die schottische Armee, welche

der Republik große Dienste geleistet, befand sich in dem Zustande voller

Kraft; mit einem dem ähnlichen Unwillen, den die an der Donau und am

Euphrat stehenden römischen Legionen bei der Nachricht empfanden, daß

die prätorianischen Garden das Reich zum Verkauf feilgeboten, hatte sie

sich von der Revolution fern gehalten und sie beobachtet. Sie fand es

unerträglich, daß einige Regimenter, weil sie in der Nähe von

Westminster cantonnirten, und nur deshalb sich anmaßten, im Laufe eines

halben Jahres mehrere Regierungen zu ernennen und wieder abzusetzen.

Wäre die Regelung der Staatsangelegenheiten durch Soldaten am rechten

Platze gewesen, so hätten diejenigen, welche im Norden des Tweed die

englische Autorität aufrecht erhielten, dasselbe Recht abzustimmen

gehabt, als die, welche den Tower von London besetzt hielten. Die in

Schottland stehenden Truppen scheinen weniger vom Fanatismus ergriffen

gewesen zu sein, als irgend ein anderer Theil der Armee, und Georg Monk

selbst, ihr General, war der vollständige Gegensatz von einem Zeloten.

Bei dem Beginne des Bürgerkriegs hatte er zu Gunsten des Königs die

Waffen getragen, war von den Rundköpfen gefangen worden, hatte dann von

dem Parlamente eine Offizierstelle angenommen und sich, ohne den

geringsten Anspruch auf Heiligkeit, durch Muth und militairische

Fähigkeiten zu hohen Kommandostellen emporgeschwungen. Beiden

Protektoren hatte er nützliche Dienste geleistet, er war ruhig

geblieben, als die Offiziere zu Westminster Richard stürzten und das

Lange Parlament wieder einsetzten, und hätte ihm die provisorische

Regierung nicht Grund zu Unwillen und Besorgniß gegeben, so würde er

vielleicht eben so ruhig bei der zweiten Vertreibung des Langen

Parlaments geblieben sein, denn er war von Natur vorsichtig, etwas

langsam und durchaus nicht geneigt, sichere und mäßige Vortheile der

Möglichkeit zu opfern, selbst einen glänzenden Erfolg zu bewirken. Die

Furcht, durch die Unterwerfung unter die neuen Herrscher des Staats in

seiner Sicherheit gefährdet zu werden, scheint ihn mehr zum Angriffe

getrieben zu haben, als die Hoffnung, durch ihren Sturz zu einer Größe

sich zu erheben. Was auch immerhin seine Gründe sein mochten -- er trat

als der Verfechter der unterdrückten bürgerlichen Gewalt auf,

verweigerte die Anerkennung der angemaßten Autorität der provisorischen

Regierung und rückte an der Spitze von siebentausend alten Soldaten

gegen England vor.

Dies war das Zeichen zu einem allgemeinen Ausbruche: überall weigerte

sich das Volk, Steuern zu zahlen; zu Tausenden versammelten sich die

Arbeiter der City und riefen laut nach einem freien Parlamente; die

Flotte segelte in die Themse und erklärte sich gegen die Tyrannei der

Soldaten; die Soldaten, frei von der Aufsicht eines überwiegenden

Geistes, theilten sich in Parteien; aus Furcht allein zu stehen und so

das Racheziel der unterdrückten Nation zu werden, beeilte sich jedes

einzelne Regiment, einen Separatfrieden zu schließen. Lambert, der nach

Norden der schottischen Armee entgegen geeilt war, gerieth, von seinen

Truppen verlassen, in Gefangenschaft. Seit dreizehn Jahren hatte die

bürgerliche Gewalt in jedem Streite der militairischen erliegen müssen;

jetzt beugte sich die militairische vor der bürgerlichen Gewalt. Das

allgemein gehaßte und verachtete Rumpfparlament, aber der einzige

politische Körper im Lande, der noch einen Schein von gesetzlicher

Autorität trug, kehrte in das Haus zurück, aus dem man es zweimal

schimpflich vertrieben hatte.

Monk rückte indeß London näher. Überall, wohin er kam, eilte ihm die

Gentry entgegen und bat ihn flehentlich, er möge seine Macht zur

Wiederherstellung des Friedens und der Freiheit der zerrütteten Nation

verwenden. Der General, kaltblütig, schweigsam und ohne Eifer für irgend

eine politische oder religiöse Verfassung, beobachtete eine

unerschütterliche Zurückhaltung. Was damals seine Pläne waren, und ob er

überhaupt Pläne hatte, läßt sich nicht bestimmen; aber es war

ersichtlich sein Hauptziel, sich so lange als möglich die freie Wahl

zwischen zwei Verfahrungsarten zu erhalten, die gewöhnliche Politik von

Männern, die sich mehr durch Klugheit, als durch Scharfsinn auszeichnen.

Es ist wahrscheinlich, daß er seinen Entschluß erst nach einigen Tagen

Aufenthaltes in der Hauptstadt festgestellt hat. Das ganze Volk rief

nach einem freien Parlamente, und es ist nicht zu bezweifeln, daß ein

solches die verbannte Königsfamilie sofort zurückgerufen hätte. Der

Rumpf und die Soldaten waren dem Hause Stuart noch immer feindlich

gesinnt, und der Rumpf wiederum ward allgemein verachtet und gehaßt.

Man hatte zwar die Macht der Soldaten immer noch zu fürchten, aber die

herrschende Zwietracht hatte diese Macht bedeutend geschwächt, und dabei

war sie ohne Führer. In vielen Theilen des Landes hatten sich die

Soldaten einander feindlich gegenüber gestanden, und noch Tags zuvor,

ehe Monk London erreichte, hatte auf dem Strande ein Kampf zwischen

Reiterei und Fußvolk stattgefunden. Eine einige Armee hatte lange Zeit

eine durch Zwiespalt zerrüttete Nation niedergedrückt; jetzt war die

Nation einig und die Armee durch Zwiespalt zerrüttet.

[_Monk erklärt sich für ein freies Parlament._] Die Verstellung oder

Unschlüssigkeit Monks hielt eine Zeit lang alle Parteien in einer

peinlichen Ungewißheit. Endlich brach er das Schweigen, indem er sich

für ein freies Parlament erklärte.

Diese Erklärung versetzte die Nation in einen wahren Freudentaumel;

überall wo er sich zeigte, drängte sich die jubelnde Menge um ihn und

segnete seinen Namen; alle Glocken Englands stimmten in diesen Jubel mit

ein; in den Straßen floß das Bier, und mehrere Nächte hindurch erhellten

unzählige Freudenfeuer London und die Umgegend von fünf Meilen.

Diejenigen presbyterianischen Mitglieder des Hauses der Gemeinen, die

man mehrere Jahre zuvor durch Waffengewalt vertrieben hatte, kehrten zu

ihren Sitzen zurück und es empfingen sie die lauten Begrüßungen der

Menge, die Westminsterhall und den Schloßhof anfüllte. Die Häupter der

Independenten wagten kaum noch sich in den Straßen zu zeigen, sie waren

selbst in ihren Wohnungen nicht mehr sicher. Man ergriff nun Maßregeln

zur Gründung einer zeitweiligen Regierung; es wurden Befehle zu einer

allgemeinen Wahl erlassen und das denkwürdige Parlament, das durch

zwanzig bewegte Jahre alle Wechsel des Glücks erfahren, seinen Souverain

besiegt, von seinen Dienern geknechtet und zweimal vertrieben, und

zweimal wieder eingesetzt worden, sprach endlich feierlich seine eigene

Auflösung aus.

[_Allgemeine Wahl von 1660._] Das Ergebniß der Wahlen entsprach dem,

was man von der Stimmung der Nation erwarten konnte. Das neue Haus der

Gemeinen war, mit geringen Ausnahmen, aus Männern zusammengesetzt, die

ergeben an der königlichen Familie hingen. Die Presbyterianer bildeten

die Mehrheit.

Es schien fast gewiß, daß nun eine Restauration stattfinden würde; aber

es stand noch zu fürchten, daß sie keine friedliche sein würde. Die

Stimmung der Soldaten war finster und wild, sie haßten den Königstitel,

den Namen Stuart, verabscheuten den Presbyterianismus, aber mehr noch

die Prälatur. Indem sie mit Bitterkeit das Ende ihrer langen Herrschaft

und den Beginn eines Lebens voll Elend und ruhmlosen Mühens herannahen

sahen, schrieben sie ihr Unglück der Schwäche und dem Verrathe einiger

Generale zu. Eine Stunde ihres theuren Oliver Cromwell hätte selbst

jetzt noch den erloschenen Ruhm neu anfachen können. Waren sie auch

verrathen, uneinig und ohne einen Führer, der ihr Vertrauen besaß,

so mußte man sie dennoch fürchten. Der Wuth und Verzweiflung von

funfzigtausend Männern entgegenzutreten, die noch nie einem Feinde den

Rücken gewendet hatten, war keine leichte Aufgabe. Monk und seine

politischen Genossen sahen wohl ein, daß diese Krisis eine sehr

gefährliche sein würde. Indem sie jede List anwendeten, die

mißvergnügten Soldaten zu beruhigen und unter sich zu entzweien, trafen

sie auch zugleich für den Fall eines Zusammenstoßes die kräftigsten

Vorsichtsmaßregeln. Die in London garnisonirende schottische Armee

erhielt man durch Belobungen, Versprechen und Geschenke in einer

günstigen Stimmung. Die reichsten Bürger von London gewährten den

Rothröcken alles, sie spendeten so freigebig ihre besten Weine, daß man

ganze Haufen dieser frommen Krieger oft in einem Zustande fand, der

weder ihrem religiösen, noch ihrem militairischen Charakter große Ehre

machte. Monk wagte es, einige widerspenstige Regimenter aufzulösen,

während die provisorische Regierung mit Hilfe der Gentry und der

Behörden die größten Anstrengungen zur Organisirung der Miliz machte.

Bald stand diese Streitmacht, die mindestens einhundertzwanzigtausend

Mann stark war, in jeder Grafschaft marschfertig. Über zwanzigtausend

gut bewaffnete und ausgerüstete Bürger ward in Hyde-Park Heerschau

gehalten, wobei diese in einen Enthusiasmus ausbrachen, der zu der

Hoffnung berechtigte, daß sie im Fall der Noth tapfer für ihre Läden und

Häuser kämpfen würden. Die ganze Flotte hielt es mit der Nation. Es war

eine Zeit der Aufregung und der Angst, aber auch eine Zeit der Hoffnung.

Man war allgemein der Ansicht, daß England, wenn auch durch einen

verzweifelten und blutigen Kampf, frei werden, und daß die, die so lange

Zeit durch das Schwert geherrscht, jetzt durch das Schwert umkommen

würden.

Glücklicherweise wurden die Gefahren eines Zusammenstoßes abgewendet.

Dadurch, daß Lambert aus dem Kerker entwich und seine Kameraden unter

die Waffen rief, entstand zwar ein Augenblick ernster Gefahr, und die

Flamme des Bürgerkrieges loderte sogleich empor, aber man erstickte sie

durch schnelle und kräftige Maßregeln, so daß sie sich nicht verbreiten

konnte, und nahm den unglücklichen Nachahmer Cromwells von Neuem

gefangen. Das Mißglücken dieses Unternehmens entmuthigte die Soldaten,

so daß sie sich traurig ihrem Schicksale unterwarfen.

[_Die Restauration._] Das neue Parlament, oder richtiger gesagt der

Convent, denn die Zusammenberufung hatte ohne königliche Ausschreiben

stattgefunden, trat in Westminster zusammen, und die Lords kehrten

wieder in den Saal zurück, von dem sie seit länger denn elf Jahren mit

Gewalt fern gehalten worden waren. Beide Häuser luden sogleich den König

ein, in sein Reich zurückzukehren. Mit einem nie gesehenen Gepränge ward

er wiederum proklamirt. Eine glänzende Flotte holte ihn von Holland und

schiffte ihn an der Küste von Kent aus. Die Felsen von Dover waren mit

Tausenden von Zuschauern bedeckt, unter denen sich wohl nicht einer

befand, der nicht vor Freude weinte. Seine Reise nach London war ein

ununterbrochener Triumphzug. Von Rochester an war die ganze Straße mit

Buden und Zelten bedeckt, daß sie einem endlosen Markte glich; überall

flatterten Fahnen, überall ertönten Glocken und Musik, überall floß der

Wein und das Bier auf das Wohl dessen, der Friede, Gesetz und Freiheit

zurückbrachte. Aber inmitten der allgemeinen Freude gewährte ein

düsterer Fleck einen drohenden Anblick. Zur Begrüßung des Herrschers

hatte man die Armee auf Blackheath aufgestellt; ob er auch lächelte,

sich verbeugte, den Obristen und Majoren seine Hand zum Kusse bot --

sein freundliches Entgegenkommen war vergebens. Die Haltung der Soldaten

blieb eine düstere und drohende, und hätten sie ihren Gefühlen freien

Lauf gelassen, so würde das Freudenfest, bei dem auch sie wider Willen

betheiligt waren, ein schreckliches und blutiges Ende genommen haben.

Aber es herrschte keine Einigkeit mehr unter ihnen, das Vertrauen zu den

Führern und zu einander selbst hatten Zwietracht und Abtrünnigkeit

geraubt. Die ganze Macht der City von London stand unter den Waffen,

zahlreiche Milizkompagnien, geführt von loyalen Edelleuten und

Gentlemen, waren aus verschiedenen Theilen des Landes gekommen, um den

König zu bewillkommnen. Dieser große Tag ging in Frieden zu Ende, und

der zurückgerufene Wanderer konnte sicher ruhen in dem Palaste seiner

Vorfahren.

* * * * *

* * * *

Zweites Kapitel.

Geschichte Englands unter Karl II.

=Inhalt.=

Seite

Das Verfahren zur Wiederherstellung des Hauses Stuart

wird mit Unrecht getadelt 5

Beseitigung der Lehnspflichten der Ritterschaft 6

Auflösung des Heeres 7

Wiederausbruch der Streitigkeiten zwischen den Rundköpfen

und Cavalieren 7

Religiöse Uneinigkeit 9

Unpopularität der Puritaner 11

Charakter Karls II. 15

Charakterschilderung des Herzogs von York und des Earl

von Clarendon 18

Allgemeine Wahl von 1661 20

Gewaltsamkeiten der Cavaliere in dem neuen Parlamente 21

Verfolgung der Puritaner 21

Eifer der Geistlichkeit für die erbliche Monarchie 22

Veränderung in den Sitten der Gesellschaft 23

Verworfenheit der Politiker 25

Zustand von Schottland 26

Zustand von Irland 28

Die Regierung in England wird unpopulär 29

Krieg mit den Holländern 31

Opposition in dem Hause der Gemeinen 32

Sturz Clarendons 33

Zustand der europäischen Staatsangelegenheiten und

Überlegenheit Frankreichs 35

Charakter Ludwigs XIV. 36

Die Tripleallianz 38

Die Vaterlandspartei 38

Verbindung zwischen Karl II. und Frankreich 39

Pläne Ludwigs in Bezug auf England 40

Vertrag von Dover 42

Natur des englischen Cabinets 43

Die Cabale 44

Zahlungseinstellung der Schatzkammer 46

Krieg mit den Vereinigten Provinzen und große Gefahr

derselben 46

Wilhelm, Prinz von Oranien 47

Versammlung des Parlaments 48

Indulgenzerklärung 49

Cassirung der Indulgenzakte, Annahme der Testakte 50

Auflösung der Cabale 51

Verwickelte Lage der Vaterlandspartei 53

Verkehr dieser Partei mit der französischen Gesandtschaft 53

Frieden von Nimwegen 54

Große Unzufriedenheit in England 54

Danby's Sturz 56

Die papistische Verschwörung 56

Erste allgemeine Wahl von 1679 58

Heftigkeit des neuen Hauses der Gemeinen 60

Temple's Regierungssystem 60

Charakter des Halifax 63

Charakter Sunderlands 65

Prorogation des Parlaments 66

Habeas-Corpus-Akte 66

Zweite allgemeine Wahl von 1679 67

Popularität Monmouths 67

Lawrence Hyde 70

Sidney Godolphin 70

Heftigkeit der Parteien bei der Frage der Ausschließungsbill 71

Die Namen Whig und Tory 71

Zusammentritt des Parlaments und Durchgang der

Ausschließungsbill im Hause der Gemeinen 72

Die Lords verwerfen die Ausschließungsbill 73

Hinrichtung Staffords 73

Allgemeine Wahlen von 1681 74

Das Parlament zu Oxford gehalten und aufgelöst 74

Toryreaction 75

Verfolgung der Whigs 76

Der Freibrief der City wird zurückgenommen 77

Verschwörung der Whigs 77

Entdeckung der Whigverschwörung 79

Strenge der Regierung 79

Entziehung von Privilegien 79

Einfluß des Herzogs von York 80

Halifax opponirt ihm 81

Lord Guildford 82

Politik Ludwigs 84

Stand der Parteien am Hofe Karls zur Zeit seines Todes 85

[_Das Verfahren zur Wiederherstellung des Hauses Stuart wird mit Unrecht

getadelt._] Englands Geschichte bietet während des siebzehnten

Jahrhunderts das Bild der Umgestaltung einer, nach Art des Mittelalters

geschaffenen beschränkten Monarchie in eine, der höheren geistigen

Entwickelung der bürgerlichen Gesellschaft angemessenere beschränkte

Monarchie, deren Schutz und Vertheidigung nicht blos in den Händen des

Adels liegt, und deren finanzielle Bedürfnisse nicht ferner von dem

Ertrage der Krongüter bestritten werden müssen. Die Staatsmänner welche

im Jahre 1642 die Spitze des Langen Parlaments bildeten, suchten diese

Umwandlung dadurch herbeizuführen, daß sie den Reichsständen die Wahl

der Minister, die Oberaufsicht über die gesammte Administration sowie

den Oberbefehl über das Heer übertrugen; so vortrefflich dieser Plan

aber auch immer durchdacht war, der Gang des herrschenden Bürgerkrieges

ließ ihn nicht zur gewünschten Ausführung kommen. Es ist Thatsache,

daß die Häuser endlich triumphirten, sie hatten aber vorher einen Kampf

bestehen müssen, durch den sie zur Bildung einer Gewalt gezwungen

wurden, die zu überwachen sie nicht mächtig genug waren, und welche gar

bald die Herrschaft über alle Parteien und Stände des Landes sich

anzueignen begann. So lange der weise und hochherzige Cromwell den

Oberbefehl führte, waren die von einer Militairherrschaft

unzertrennlichen Übel weniger fühlbar; als aber das Heldenschwert,

welches er mit Kraft und Muth geführt, seiner Hand entsank, als Führer

an die Spitze des Heeres traten, welche weder seinen Verstand noch seine

Humanität, weder seine Fähigkeiten noch seine Tugenden besaßen, da

schien der Augenblick nicht fern zu sein, wo Freiheit und Ordnung zu

ruhmlosem Untergange übereinander stürzen würden.

Zu dieser Katastrophe sollte es jedoch nicht kommen. Oft haben der

Freiheit huldigende Schriftsteller die Restauration ein unglückliches

Ereigniß genannt, sie haben die Beschränktheit und Niederträchtigkeit

der Convention verdammt, welche die vertriebene Königsfamilie aus der

Verbannung rief, ohne neue Garantien gegen schlechte Staatsverwaltung in

der Hand zu haben; aber Alle, welche dieser Ansicht sind, haben nicht

die Eigenthümlichkeit der Krisis durchschaut, welche nach Richard

Cromwells Absetzung eintrat. England war von der Gefahr bedroht, unter

den Despotismus von bedeutungslosen Menschen zu gerathen, welche die

Willkür der Soldateska heute emporhob, und morgen wieder in das Nichts

zurückwarf. Jeder einsichtsvolle Vaterlandsfreund erkannte die

Nothwendigkeit, der Soldatenherrschaft ein Ende zu machen, doch war die

Lösung dieser Aufgabe höchst schwierig, so lange die Soldaten unter sich

einig blieben. Bald aber schimmerte ein Hoffnungsstrahl; es kam zu

Mißverständnissen und Streitigkeiten unter den Generalen, ein Heerführer

bekämpfte den andern, und die Armeen standen einander erbittert

gegenüber. Jetzt galt es, den kritischen Moment rasch zu fassen und zu

benutzen, die Zukunft unseres Vaterlandes hing davon ab, und wahrlich!

es haben unsere Voreltern nicht gesäumt, im verhängnißvollen Augenblicke

zur That zu schreiten. Alle Streitigkeiten über Reformen, welche unserer

Verfassung nöthig waren, wurden bis zu geeigneterer Zeit vertagt,

Cavalier und Rundkopf, Episcopale und Presbyterianer, sie alle standen

fest und einig zur Unterdrückung der militärischen Tyrannei und

Aufrechthaltung der alten Gesetze des Landes. Mit Recht konnte die Frage

über Vertheilung der Gewalt zwischen Monarchen, Adel und Gemeinen bis zu

der nothwendigen Entscheidung unbeantwortet bleiben, ob künftighin

Englands Regierung in der Hand des Königs und des Volkes, oder in der

bewaffneten Faust der Soldateska liegen solle. Es war ein Glück, daß die

Staatsmänner der Convention nicht durch lange Reden über

Regierungsprinzipien, durch Entwerfung einer neuen Constitution, oder

durch Eröffnung von Conferenzen die Zeit verloren; oder daß man

wochenlang zwischen Westminster und den Niederlanden Boten mit Plänen

und Gegenplänen, Fragen von Hyde und Antworten von Prynne hin und her

gesandt. Wäre es geschehen, so würde die Coalition, welche die Erhaltung

der öffentlichen Sicherheit bezweckte, ihrer Auflösung entgegen gegangen

sein; es wären Streitigkeiten zwischen den Königlich Gesinnten und den

Presbyterianern ausgebrochen; die militairischen Factionen hätten sich

wahrscheinlich geeinigt und die getäuschten Freunde der Freiheit würden

unter einer Regierung, unvollkommener als die des unfähigsten Königs aus

dem Stamme der Stuarts, schmerzlich empfunden haben, daß die günstige

Gelegenheit zur Abhilfe vorübergegangen sei.

[_Beseitigung der Lehnspflichten der Ritterschaft._] So wurde denn durch

allgemeine Übereinkunft der beiden mächtigen Parteien die alte

Staatsverfassung in der Form wiederhergestellt, welche sie vor achtzehn

Jahren, wo König Karl I. die Hauptstadt verließ, gehabt hatte, und alle

Acte des Langen Parlaments, welche der König genehmigt hatte, behielten

ihre volle Geltung. Ebenso wurde auch von dem wieder eingesetzten Könige

eine neue Concession bewilligt, welche für die Cavaliere von größerer

Wichtigkeit war als für die Rundköpfe. Vor Jahrhunderten schon hatte man

als das geeignetste Mittel der Nationalvertheidigung das militairische

Lehnswesen eingeführt, das Nützliche aber was diese Einrichtung in sich

trug, war im Laufe der Zeit verschwunden, und nichts als Beschwerden und

leere Formen davon zurückgeblieben. Wer von der Krone ein Landgut gegen

ritterliche Dienstleistung in Lehn trug -- und in dieser Weise war der

größte Theil des Grundeigenthums von England vergeben -- hatte bei der

Besitznahme eine bedeutende Geldsumme zu erlegen, konnte jedoch nicht

den geringsten Theil des erworbenen Eigenthums ohne höhere Erlaubniß

verkaufen. Starb er und der Erbe der Güter befand sich noch in den

Jahren der Unmündigkeit, so übernahm der König die Vormundschaft, und

erhielt für die Dauer derselben nicht allein einen bedeutenden Theil des

Güterertrags, sondern der Unmündige war auch verpflichtet, bei

Vermeidung schwerer Strafe, nach dem Willen des königlichen Vormunds und

nur in angemessenen Rangverhältnissen Ehebündnisse zu schließen. Daher

kam es, daß eine Menge mittelloser Abenteurer den Hof belagerten, in der

Hoffnung, zum Lohne für Unterwürfigkeit und Schmeichelei ein solches

reiches Mündel durch die Gnade des Königs zu erlangen. Mit der Monarchie

endigten auch diese Mißbräuche, und alle Gutsherren des Landes wünschten

natürlich dringend, daß mit der Wiedererstehung derselben sie nicht etwa

wiederkehren möchten; deshalb wurden sie durch ein Statut feierlich

beseitigt, und mit Ausnahme einiger ehrendienstlichen Handlungen, welche

noch jetzt bei der Krönung von einigen Vasallen der Person des Königs

geleistet werden müssen, entschwanden diese alten, ritterdienstlichen

Lehen für immer.

[_Auflösung des Heeres._] Jetzt sollte das Heer aufgelöst werden.

Funfzigtausend alte, kriegstüchtige Soldaten wurden verabschiedet und

gerechtfertigt schien die allgemeine Furcht, daß diese große Menge

brodlos gewordener Menschen Verbrechen und Unglück in bedeutender Zahl

hervorrufen, und der Mangel sie zu Mord und Plünderung treiben würde;

aber man hatte sich getäuscht, denn schon nach wenigen Monaten war die

furchtbare Armee friedlich im Volke verschwunden und selbst die

königlich Gesinnten mußten zugestehen, daß die entlassenen Kriegsleute

als brave und tüchtige Arbeiter sich allgemeiner Achtung zu erfreuen

hatten, und daß sie das Volk, wie man gefürchtet, weder durch Raub und

Plünderung noch durch Bettelei belästigten. Ja es ging die gute Meinung,

welche man von diesen entlassenen Soldaten hegte, soweit, daß wenn z.B.

ein Bäcker, Maurer oder Fuhrman sich durch Fleiß und Redlichkeit

bemerkbar machte, man unverholen aussprach, er müsse einst zu Oliver

Cromwells alten Soldaten gehört haben. --

Obgleich die militairische Despotie geschwunden war, hatte sie doch im

Volke tiefe Erinnerungen zurückgelassen. Man sprach mit Abscheu und

Verachtung von den stehenden Heeren, und merkwürdig ist es, daß diese

Empfindungen unter den Cavalieren stärker waren als unter den

Rundköpfen. Es war ein Glück, daß als England unter der blutigen

Regierung des Schwertes stand, dasselbe nicht von dem angestammten

Fürsten, sondern den Männern der Revolution geführt wurde, obschon diese

weder das Leben des Königs noch die Kirche schonten. Die Freiheit

unseres Vaterlandes wäre dahin gewesen, wenn König Karl mit seinem guten

Rechte an der Spitze einer so höchst vortrefflichen Armee stand, wie die

Cromwells war. Der monarchischen Partei war das einzige Mittel, wodurch

die Monarchie in eine absolute umgeändert werden konnte, zum Glück ein

Gegenstand der Furcht und des Schreckens, und nach der Ansicht der

Königlichen und Prälatisten nicht zu trennen von Fürstenmord und

Feldkanzelgeschrei. Die Tories eiferten noch ein Jahrhundert nach

Cromwells Tode gegen die Vermehrung des stehenden Heeres, und rühmten

die Vorzüge einer Nationalbewaffnung. War es doch noch im Jahre 1786

einem Minister, der das Vertrauen der Tories in hohem Grade besaß,

unmöglich, die Befestigung der Meeresküsten bei ihnen durchzusetzen,

immer war ihnen das stehende Heer ein Gegenstand des Ärgernisses, bis

endlich die französische Revolution ihren Ansichten einen Umschwung gab.

[_Wiederausbruch der Streitigkeiten zwischen den Rundköpfen und

Cavalieren._] Die Coalition, welche den König wieder auf den Thron

erhoben, hörte mit der Gefahr auf, die sie in's Leben gerufen; aber

wiederum traten zwei feindliche Parteien auf den Kampfplatz. Ihre

einzige übereinstimmende Handlung war die Bestrafung einiger

Unglücklichen, auf denen zu jener Zeit der allgemeine Haß ruhte.

Cromwell war nicht mehr, und diejenigen, welche einst zitternd vor ihm

flohen, hatten die elende Genugthuung, den Leichnam des größten Mannes,

der England je beherrschte, aus der Erde zu reißen, ihn zu verstümmeln,

aufzuhängen und zu verbrennen. Auch von den republikanischen Häuptern

fielen zwar wenige, aber immer noch zu viel der Rache anheim, bald aber,

nachdem sie von dem Blute der Königsmörder gesättigt waren, wandten sich

die Sieger gegen einander. Obschon die Rundköpfe nicht in Abrede

stellten, daß der hingerichtete König viele Vorzüge besessen, und das

Urtheil, welches ein gesetzwidriger Gerichtshof über ihn gesprochen, als

ein ungerechtes verdammten, so behaupteten sie doch, daß er bei seiner

Verwaltung sich Handlungen gegen die Verfassung erlaubt habe, und daß

die Häuser in ihrem vollen Rechte gewesen seien, als sie die Waffen

gegen ihn erhoben. Sie erklärten ferner, der gefährlichste Feind der

Monarchie sei der Schmeichler, welcher das Gesetz den Prärogativen

untergeordnet wissen wolle, der jede königliche Handlung gutheiße,

selbst wenn sie Eingriffe in die Rechte Anderer enthalte, und nicht

allein Cromwell und Harrison sondern auch Pym und Hampden mit den Namen

Verräther belege. Wünsche der König eine friedliche und glückliche

Regierung, so müsse er auch denen vertrauen, welche zwar die Waffen zur

Vertheidigung der verletzten Privilegien des Parlaments ergriffen, sich

aber doch der wüthenden Soldateska entgegen stellten, als es die Rettung

seines Vaters galt, und deren Anstrengungen die königliche Familie ihre

Zurückrufung hauptsächlich zu danken habe.

Weit verschieden von dieser Ansicht war die des Adels. Bei allen

Wechselfällen welche das Fürstenhaus betroffen, waren sie achtzehn Jahre

hindurch diesem treuergeben geblieben. Sollten sie, da sie das

Mißgeschick ihres Fürsten getheilt, nicht auch seinen Triumph theilen?

War nicht ein Unterschied zwischen ihnen und dem unloyalen Unterthan,

welcher das Schwert gegen die heiligen Rechte seines Fürsten gezogen,

und sich als ein Anhänger Richard Cromwells nicht eher an der

Restauration der Stuarts betheiligte, bis er erkannte, daß nur dadurch

das Volk von der gefürchteten Militairherrschaft zu retten sei? Und wenn

auch die Dienste, welche ein solcher Mann zuletzt geleistet, Verzeihung

des Geschehenen erheischten, waren diese Dienste in die Wagschale zu

legen gegen die Aufopferungen und Mühseligkeiten der wackeren Cavaliere,

die in unerschütterlicher Treue bei der Dynastie verharrt? War es

möglich, ihn in gleiche Linie zu stellen mit Männern, welche nicht

nöthig hatten, die Gnade des Königs anzurufen, weil sie dieselbe in

jedem Augenblicke einer vieljährigen Vergangenheit verdient hatten?

Durfte er im Genuß eines Vermögens gelassen werden, welches aus dem

Eigenthume der zu Grunde gerichteten Vertheidiger des Thrones bestand?

Mußte er sich nicht glücklich schätzen, Leben und Eigenthum, welche so

oft der Gerechtigkeit verfallen waren, gesichert zu sehen, und Theil zu

haben an den Segnungen einer milden Regierung, der er so lange feindlich

gegenübergestanden? War es billig, ihn für seine Verrätherei zum

Nachtheile von Männern zu belohnen, deren einziger Vorwurf nur in der

Treue liegen konnte, mit welcher sie fest an ihrem Huldigungseide

gehalten hatten? Durfte der König seine alten Feinde mit Reichthümern

überschütten, die man seinen alten Freunden geraubt? Konnte man zu

Männern Vertrauen haben, welche gegen ihren König aufgestanden, und das

Schwert gegen ihn erhoben, ja ihn eingekerkert hatten, und die jetzt,

anstatt reuig und zerknirscht das Haupt zu beugen, mit keckem Trotz ihre

Handlungen vertheidigten und als hohen Beweis ihrer Loyalität anführten,

daß sie ihre Hand nicht zum Königsmorde bieten wollten? Allerdings

hätten sie bei Wiederaufrichtung des Thrones thätige Hilfe geleistet;

aber wer anders als sie habe ihn denn vorher umgestürzt? und noch jetzt

huldigten sie ja Grundsätzen, welche gar leicht zur Wiederholung einer

solchen That führen könnten. Daß die königliche Gnade einige von denen

berühren möchte, welche sich bei Wiederherstellung des Thrones besonders

nützlich gezeigt, fand man zwar angemessen, aber die Pflicht der

Gerechtigkeit und Dankbarkeit sowie die Staatsklugheit geböten, daß der

König seine Gnade über die treuen Männer ausschütte, welche in den Tagen

des Glücks wie der Gefahr zu ihm und seinem Hause gestanden. Aus diesen

Gründen beanspruchte der Adel natürlich Entschädigung für seine Leiden

und besondere Rücksicht bei Austheilung der königlichen Gnadenbeweise.

Einige exaltirte Männer dieser Partei gingen sogar noch weiter und

verlangten ausgedehnte Proskriptionslisten.

[_Religiöse Uneinigkeit._] Noch erbitterter wurde der politische Kampf

durch einen religiösen Streit. Der König fand die Kirche in einem

eigenthümlichen Zustande. Kurze Zeit vor dem Beginn des Bürgerkrieges

hatte Karl I., wenn auch mit Widerstreben, einer von Falkland

unterstützten Bill seine Zustimmung gegeben, wodurch die Bischöfe ihres

Sitzes im Hause der Lords beraubt worden; das Episcopat aber und die

Liturgie waren niemals durch ein Gesetz aufgehoben worden. Das lange

Parlament hatte jedoch Verordnungen erlassen, welche im Kirchenregiment

und öffentlichen Gottesdienste eine förmliche Revolution hervorgerufen.

Im Prinzip war das neue System kaum weniger erastianisch als das,

welches es verdrängte. Die Kammern, namentlich durch die Rathschläge des

äußerst klugen Selden veranlaßt, hatten den Entschluß gefaßt, die

weltliche Gewalt vollständig über die geistliche zu stellen. Sie hatten

sich geweigert die Erklärung zu geben, daß irgend eine Form der

Kirchenverfassung göttlichen Ursprungs sei, und ebenso bestimmt, daß von

allen geistlichen Gerichtshöfen eine Appellation in letzter Instanz an

das Parlament gehen solle. Mit diesem höchst wichtigen Vorbehalt

beschloß man in England ein Kirchenregiment einzuführen, welches dem

bereits in Schottland vorhandenen vollständig glich. Die Autorität von

Konzilien, die in regelmäßiger Stufenfolge sich eines über das andere

erhoben, setzte man an die Stelle der Autorität der Bischöfe und

Erzbischöfe, die Liturgie machte dem presbyterianischen Directorium

Platz. Die neuen Regulative waren jedoch kaum abgefaßt, als die

Independenten sich zu außerordentlichem Einflusse im Staate erhoben. Die

Independenten waren nicht geneigt, Verordnungen, welche die Klassen-,

Provinzial- und Nationalsynoden betrafen, durchzusetzen, und sie sind

deshalb nie zu vollständiger Ausführung gebracht worden. Das

presbyterianische System wurde ausnahmsweise nur in Middlesex und

Lancashire im ganzen Umfange ausgeübt, in den übrigen fünfzig

Grafschaften scheint fast jedes einzelne Kirchspiel ohne Verbindung mit

den benachbarten geblieben zu sein. Die Geistlichen bildeten zwar in

einigen Bezirken freiwillige Verbindungen unter sich, zu dem Zwecke

gegenseitigen Beistands und Rathes; diese Vereine besaßen aber keine

zwingende Kraft. Da jetzt weder Bischöfe noch Presbyterien die Patrone

der geistlichen Pfründen zügelten, so würde es in deren Macht gestanden

haben, die Seelsorge den verrufensten Menschen zu übergeben, wenn nicht

das energische Einschreiten Cromwells diese Willkür unmöglich gemacht

hätte. Er gründete auf seine eigene Autorität eine Behörde von

Bevollmächtigten, welche den Namen »Prüfer« (+Triers+) führten und von

denen die meisten Independenten-Geistliche waren. Außerdem hatten einige

wenige presbyterianische Pfarrer sowie einige Laien in diesem Kollegium

Sitz und Stimme. Das Zeugniß, welches diese Prüfer gaben, vertrat die

Stelle sowohl der Einsetzung als der Einführung, und Niemand konnte eine

geistliche Pfründe erhalten, wenn er nicht ein solches Zeugniß besaß.

Ohne Zweifel war dies eine Handlung des Despotismus, wie sie wohl selten

von einem Beherrscher Englands ausgegangen, aber bei der allgemeinen

Überzeugung, daß ohne eine solche Maßregel das Land von liederlichen und

unwissenden Menschen überschwemmt werden müsse, welche den Namen von

Geistlichen trügen und deren Einkommen verzehrten, erhoben mehrere

Männer, die in hoher Achtung standen, ihre Stimme, und, obgleich keine

Freunde Cromwells, erklärten sie laut, daß er in diesem Falle als ein

öffentlicher Wohlthäter gehandelt habe. Die Kandidaten, welche die

Prüfer zur Bekleidung eines geistlichen Amtes fähig befunden, nahmen

ihre Pfarreien in Besitz, bebauten ihre Ländereien, erhoben den Zehnten,

beteten ohne Buch und Chorhemd und ertheilten das Abendmahl an

Kommunikanten, welche an langen Tafeln saßen.

In solch heilloser Verwirrung befand sich Englands Kirchenverfassung.

Das Episcopat war die Regierungsform, welche die alten bis dahin noch

nicht aufgehobenen Gesetze vorschrieben; eine Parlamentsverordnung hatte

die presbyterianische Form festgestellt, aber weder das alte Gesetz noch

die parlamentarische Verordnung waren thatsächlich in Kraft. Die Kirche

in ihrem wahren Zustande erschien als ein unregelmäßiger Körper,

zusammengefügt aus einigen wenigen Presbyterien und einer Menge von

Independenten-Gemeinden, welche sämmtlich durch die Autorität der

Regierung nieder- und zusammengehalten wurden.

Von denen, welche bei der Zurückführung des Königs hauptsächlich

mitgewirkt hatten, wünschten Viele dringend Synoden und das Directorium.

Andere eiferten dafür, durch einen Vergleich die religiösen

Streitigkeiten, welche England so lange bewegt hatten, zu beendigen.

Zwischen den bigotten Anhängern Lauds und Calvins konnte weder Friede

noch Waffenstillstand bestehen; aber es war möglich, die gemäßigten

Episcopalen von Ushers Schule und die gemäßigten Presbyterianer von der

Schule Baxters zu einer Verständigung zu bewegen. Die gemäßigten

Episcopalen würden zugestehen, daß ein Bischof gesetzmäßig durch ein

Konzil unterstützt werden könne, und die gemäßigten Presbyterianer

würden nicht in Abrede stellen, daß jede Provinzialversammlung

gesetzmäßig einen beständigen Präsidenten haben und daß dieser

gesetzmäßig »Bischof« genannt werden könne. Man könne eine revidirte

Liturgie annehmen, welche das extemporirte Gebet nicht ausschlösse,

einen Taufdienst, bei welchem man das Zeichen des Kreuzes nach Ermessen

in Anwendung bringen könne oder nicht; eine Austheilung des Abendmahls,

bei welcher es den Gläubigen unbenommen bleiben sollte zu sitzen, wenn

ihr Gewissen es ihnen nicht gestatte zu knieen. Dieser Plan aber stimmte

nicht mit den Ansichten der Cavaliere überein. Die wirklich religiösen

Mitglieder dieser Partei waren dem ganzen System ihrer Kirche auf das

Gewissenhafteste zugethan. Diese war ihrem gemordeten König theuer

gewesen und hatte sie selbst getröstet, als das Unglück hereinbrach.

Ihr Gottesdienst, der während einer schweren Prüfungszeit in heimlicher

Kammer so oft das gramerfüllte Herz gestärkt, er war ihnen so lieb

geworden, daß sie sich nicht entschließen konnten, auch nur eine einzige

Response aufzugeben. Andere königlich Gesinnte, welche weniger fromm

waren, hielten es mit der Episcopalkirche, blos weil sie eine Feindin

ihrer Feinde war. Gebete und Ceremonien beurtheilten sie nicht nach dem

Troste, welcher ihnen daraus erwuchs, sondern nach dem Ärgerniß, welches

den Rundköpfen dadurch verursacht wurde, und da es ihnen nicht einfiel,

durch Nachgiebigkeit Einigung herbeiführen zu wollen, so war eine solche

zur Unmöglichkeit geworden. Sie waren gegen die Nachgiebigkeit

hauptsächlich deshalb eingenommen, weil sie keine Einigung wünschten.

[_Unpopularität der Puritaner._] So tadelnswerth diese Gefühle auch

immer sein mochten, so waren sie doch nicht nur natürlich, sondern auch

wohl zu entschuldigen. Die Puritaner hatten unstreitig in den Tagen

ihrer Macht Veranlassung zur Gereiztheit gegeben. Aus ihrer eigenen

Unzufriedenheit, ihrem eigenen Siege und der Vernichtung jener stolzen

Hierarchie, unter deren schwerem Joche sie geschmachtet, mußten sie

gelernt haben, daß im siebzehnten Jahrhundert die Macht der bürgerlichen

Obrigkeit in England nicht ausreiche, die Gemüther der Menschen zur

Übereinstimmung mit ihrem theologischen Systeme abzurichten. In Alles

sich einmischend, bewiesen sie sich dabei so unduldsam, als Laud es nur

jemals gewesen war. Unter Androhung schwerer Strafen verboten sie nicht

allein in den Kirchen, sondern selbst für Privathäuser den Gebrauch des

allgemeinen Gebetbuches. Wenn ein frommes Kind am Krankenlager der

Eltern eine der schönen Kollekten las, welche seit Jahrhunderten den

Kummer christlicher Herzen gelindert hatten, so wurde diese Handlung der

kindlichen Liebe für ein Verbrechen erklärt. Mit schwerer Ahndung wurden

diejenigen bedroht, welche es wagen würden, die calvinistische Form des

Gottesdienstes zu tadeln. Geachtete Geistliche wurden zu Tausenden nicht

nur von ihren Pfründen vertrieben, sondern auch oft den Mißhandlungen

eines fanatischen Pöbels preisgegeben; Gotteshäuser und Grabstätten,

treffliche Kunstwerke und seltene Überbleibsel des Alterthums wurden mit

roher Hand verunstaltet oder vernichtet. Eine Verordnung des Parlaments

verfügte, daß sämmtliche Gemälde der königlichen Gallerie, welche Jesus

oder die heilige Jungfrau mit dem Kinde darstellten, in's Feuer geworfen

werden sollten. Gleiches Schicksal erlitten die Werke der

Bildhauerkunst. Nymphen und Grazien, welche unter ionischen Meißeln

entstanden waren, wurden den Händen puritanischer Steinmetzen übergeben,

welche sie anständig machen mußten. Gegen leichtsinnige Vergehen aber

kämpfte die herrschende Partei mit einem Eifer, der ebenso wenig durch

Humanität als durch gesundem Menschenverstand gemäßigt war. Man erließ

strenge Gesetze gegen das Wetten und eine Verordnung verhängte die

Todesstrafe über den Ehebruch. Der unerlaubte Umgang der Geschlechter,

selbst wenn weder Verführung und Gewaltthätigkeit dabei vorkam, noch die

Sittlichkeit beleidigt oder das eheliche Recht verletzt war, galt für

ein schweres Verbrechen. Öffentliche Lustbarkeiten, von den

Maskenspielen in den Häusern der Vornehmen bis zu den Ringstechen und

ländlichen Jahrmarktspossen herab, wurden auf das Ernstlichste verfolgt.

So bestimmte eine Verordnung, daß in England künftig alle Maibäume

umgehauen werden sollten; eine andere untersagte theatralische

Vorstellungen. Die Schauspielhäuser sollten niedergerissen und die

Schauspieler gestäupt werden, die Zuschauer aber in eine Geldstrafe

verfallen. Seiltanz, Puppenspiel, Kegeln und Pferderennen wurden ungern

gesehen; der entsetzlichste Gräuel aber, welcher den Zorn der Sektirer

auf den höchsten Punkt trieb, war die Bärenhetze, damals eine

Lieblingsunterhaltung für Vornehme und Geringe. Es ist bemerkenswerth,

daß die Abneigung gegen diese Lustbarkeit nicht aus dem Gefühle

hervorging, welches in unserer Zeit die Gesetzgebung bewog, sich in's

Mittel zu legen, um die Thiere gegen die muthwillige Grausamkeit der

Menschen in Schutz zu nehmen. Der Puritaner verabscheute die Bärenhetze

nicht, weil dabei der Bär gemartert wurde, sondern weil die Zuschauer

daran Vergnügen fanden. Er hatte sich die zwiefache Freude ersonnen,

nicht nur den Bären, sondern auch den Zuschauer zu quälen.[1]

Den deutlichsten Begriff von der Denkungsweise der Rigoristen giebt

vielleicht ihr Verhalten in Bezug auf das Weihnachtsfest. Seit

undenklichen Zeiten war Weihnachten die Zeit der Freude und häuslichen

Liebe, in welcher die Familien sich vereinigten, die entfernt lebenden

Kinder in's Vaterhaus zurückkehrten, alle Streitigkeiten ausgeglichen,

die Häuser mit Immergrün geschmückt und die Tische mit den besten

Speisen besetzt wurden. Die Weihnachtszeit stimmt das Herz sanft und

öffnet es fremden Leiden, wenn nicht alle Menschenliebe aus ihm gewichen

ist. Zu dieser Zeit gestattete man den Armen, theilzunehmen an den

Genüssen des Reichen, dessen Freigebigkeit in Betracht der kurzen Tage

und der rauhen Witterung um so höheren Werth hatten. Der Unterschied

zwischen den Herren und Pächtern, den Vorgesetzten und Untergebenen trat

in dieser Zeit weniger hervor, als im übrigen Theile des Jahres. Doch

der großen Freude ist auch stets der Muthwille nahe; im Ganzen genommen

aber war der Geist, in dem der festliche Tag gefeiert wurde, eines

christlichen Festes nicht unwürdig. Zwar gebot das Lange Parlament im

Jahre 1644, daß man den 25. December streng als Fasttag behandeln,

und daß Jedermann an diesem Tage um Vergebung der großen Nationalsünde

bitten solle, welche das Volk seit Menschengedenken an demselben

begangen, indem es sich unter dem Mistelzweige getummelt, wilden

Schweinskopf verzehrt und Ale, mit gerösteten Äpfeln dazu, genossen.

Keine öffentliche Maßregel jener Zeit rief in den niederen Klassen eine

größere Entrüstung hervor, als diese, und beim nächsten Weihnachtsfeste

brachen an verschiedenen Orten gefährliche Empörungen aus. Die

Konstabler wurden mißhandelt, die Obrigkeiten verhöhnt, man stürmte die

Häuser bekannter Zeloten und in allen Gotteshäusern wurde offen das

verbotene Gebet des Tages abgehalten.

So war der Geist der extremen Puritaner, sowohl der Presbyterianer wie

der Independenten. Wenngleich Cromwell auch nicht geneigt war, sich in

Alles, was geschah, einzumischen oder wohl gar Verfolgungen eintreten zu

lassen, so stand er doch an der Spitze einer Partei und war folglich ein

Sklave derselben, weshalb er auch nicht vollständig nach eigener Ansicht

und Neigung regieren konnte. Viele Obrigkeiten machten sich selbst unter

seiner Herrschaft in ihren Bezirken so verhaßt, wie Sir Hudibras. Sie

störten alle Vergnügungen in der Nachbarschaft, trieben mit roher Gewalt

festliche Versammlungen auseinander und warfen die Fiedler in das

Gefängniß. Noch unsinniger und gefährlicher war der Eifer der Soldaten.

Erschienen sie in einem Dorfe, so mußte alles Tanzen und Glockenläuten

unterbleiben und jedes Fest hatte ein Ende. In London unterbrachen sie

zu verschiedenen Malen theatralische Vorstellungen, welche durch kein

Verbot des gutmüthigen und einsichtsvollen Protektors gestört worden

waren.

Eine solche Tyrannei mußte Furcht und Haß erzeugen, und mit ihnen

mischte sich die tiefste Verachtung. Seit den Zeiten Elisabeths waren

die Eigenthümlichkeiten des Puritaners, sein Aussehen, seine Kleidung,

seine Sprachweise, seine seltsamen Gewissensskrupel Gegenstände des

Spottes gewesen, aber diese Sonderbarkeiten erschienen viel widerlicher

bei einer Partei, welche die Regierung eines mächtigen Reiches führte,

als bei einer machtlosen verfolgten Gemeinde. Wenn es schon lächerlich

erschien, das geistliche Kauderwelsch auf der Bühne aus dem Munde von

+Tribulation Wholesome+ (heilsame Trübsal) und +Zeal-of-the-Land Busy+

(geschäftiger Landeseifer) zu hören, so klang es noch viel lächerlicher,

wenn sich Heerführer und hohe Staatsbeamte desselben bedienten. Hierbei

ist noch zu erwähnen, daß während der Revolution einige Sekten in's

Leben getreten waren, deren Überspanntheit Alles, was man bis dahin in

England gesehen, übertraf. Ludwig Muggleton, ein wahnsinniger Schneider,

zog in den Bierhäusern herum, und Ale trinkend verkündete er ewige

Qualen allen denjenigen, welche an seiner Versicherung zweifelten, daß

das höchste Wesen nur sechs Fuß hoch sei und die Entfernung der Sonne

von der Erde genau vier Meilen betrage.[2] Die größte Heiterkeit

erregte Georg Fox durch seine Behauptung, daß es eine Verletzung der

christlichen Aufrichtigkeit sei, die einzelne Person in der Mehrheit

anzureden, und eine heidnische Verehrung des Janus und Wodan, wenn man

vom Januar und dem Tage Wodans (der Mittwoche) spreche. Wenige Jahre

später nahmen einige angesehene Männer seine Lehre an und sie gelangte

zu nicht unbedeutendem öffentlichen Ansehen. Für die verächtlichsten

Fanatiker jedoch galten zur Zeit der Restauration in der Meinung des

Volkes die Quäker. Die Puritaner Altenglands behandelten sie mit großer

Strenge und in Neuengland wurden sie auf das Heftigste verfolgt. Das

Volk aber, welches sich selten um genaue Unterscheidungen kümmert,

verwechselte die Puritaner oft mit den Quäkern. Beide waren Schismatiker

und haßten das Episcopat wie die Liturgie; beide hatten lächerliche

Manieren hinsichtlich ihrer Kleidung, ihrer Gewohnheiten und

Vergnügungen. Obgleich ihre Meinungen völlig von einander abwichen, so

wurden sie doch von dem Volke als scheinheilige Schismatiker in eine

Kategorie geworfen, und was sie Lächerliches oder Gehässiges an sich

hatten, vermehrte die Verachtung und den Widerwillen, welche die Menge

gegen beide fühlte.

Vor dem Beginn der Bürgerkriege waren selbst diejenigen, denen die

Ansichten und Gewohnheiten der Puritaner am meisten zuwider waren, zu

der Anerkennung gezwungen, daß ihre Moralität im Wesentlichen tadellos

sei; doch jetzt wurde dieses Lob nicht mehr gezollt, zum Unglück aber

auch nicht mehr verdient. Immer war es das Schicksal der Sekten, so

lange sie verfolgt und unterdrückt wurden, im Rufe der Heiligkeit zu

stehen; sobald sie aber mächtig sich erhoben, verschwand auch die hohe

Achtung, welche ihnen bis dahin geworden war. Die Erklärung liegt nicht

fern. Nur selten wird Jemand einer geächteten, religiösen Gesellschaft

beitreten, den nicht Gewissensgründe dahin führen, und deshalb besteht

ein solcher Verein mit nur wenigen Ausnahmen aus Persönlichkeiten, die

von der Wahrheit und Richtigkeit ihres Glaubens völlig durchdrungen

sind. Die strengste Zucht, welche in einer solchen Gesellschaft

gehandhabt werden kann, ist ein sehr schwaches Werkzeug der Läuterung im

Vergleich mit etwas heftiger Verfolgung. Es ist bestimmt wahr, daß zur

Zeit als Diokletian die Christen verfolgte, nur Wenige sich taufen

ließen, welche nicht die ernste, religiöse Überzeugung dazu bewog,

und daß aus gleichem Grunde Viele sich protestantischen Gemeinden

anschlossen, auf die Gefahr hin von Bonner verbrannt zu werden. Aber

wenn eine Sekte zu Ansehen und Macht gelangt, wenn ihre Gunst den Weg

bahnt zu Ehrenstellen und Reichthümern, so werden sich immer habsüchtige

und ehrgeizige Menschen herandrängen, ihre Sprache reden, ihre Gebräuche

annehmen, ihre Eigenthümlichkeiten nachahmen, überhaupt in allen äußeren

Zeichen des Eifers ihre ehrenwerthen Mitglieder sehr bald übertreffen.

Die strengste Wachsamkeit der kirchlichen Leiter und ihre schärfste

Unterscheidungsgabe wird nicht hinreichen, das Eindringen solcher

heuchelnden Gesellen zu verhindern. Es ist nicht möglich, das Unkraut

vom Weizen zu sichten, aber bald fängt die Welt an einzusehen, daß die

frommen Herren nicht besser sind als andere Leute und schließt dann

nicht ganz unrichtig, daß, wenn sie nicht besser sind, sie wohl

schlechter sein müssen. So dauert es gar nicht lange, daß die äußeren

Zeichen, welche man früher als Eigenthümlichkeiten der Heiligkeit

betrachtete, als charakteristische Kennzeichen eines Schurken betrachtet

werden.

So erging es den englischen Nichtconformisten. Während sie unterdrückt

waren, hatte sich ihre Gemeinschaft rein erhalten; als sie aber

übermächtig wurden im Lande, da durfte Niemand der Hoffnung leben, ohne

ihren Einfluß zu Ehren und Ansehen zu gelangen; ihre Gunst aber war nur

dadurch zu gewinnen, daß man gewisse Zeichen und Losungsworte der

geistlichen Brüderschaft mit ihnen wechselte. Einer der ersten

Beschlüsse von Barebones Parlament, welches von allen das am meisten

puritanische war, bestand darin, daß Niemand in den Dienst des Staates

treten sollte, bevor das Haus sich von seiner Frömmigkeit genügend

überzeugt habe. Was damals für ein Zeichen wahrer Gottseligkeit galt,

der dunkle Anzug, das saure Ansehen, das kurzgeschorne Haar, das

näselnde Gewinsel, die mit Bibelstellen durchwebte Rede, der Abscheu vor

Schauspielen, Karten und Falkenbeize, wurde sehr leicht von Männern

nachgeahmt, denen jede Religion gleichgültig war. Die aufrichtigen

Puritaner verschwanden bald in einer Masse von weltlichen Leuten, die

zum Theil der schlechtesten Sorte angehörten. Denn der anerkannteste

Wüstling, der unter dem königlichen Banner gefochten hatte, konnte mit

Recht für tugendhaft gelten, denen gegenüber, welche, während sie von

süßen Erfahrungen und trostgewährenden Traktätleins sprachen, in steter

Ausübung von Betrug, Raub und geheimer Wollust lebten. Das Volk bildete

sich leider ein zu rasches Urtheil über die ganze Körperschaft nach dem

Betragen dieser elenden Heuchler; die Gottesverehrung, die Sitten, die

Redeweise der Puritaner wurden nach der öffentlichen Meinung mit den

abscheulichsten und niedrigsten Ausschweifungen in Verbindung gebracht.

Als die Restauration begonnen hatte, und man ohne Gefahr seine

Feindschaft gegen die Partei aussprechen durfte, welche so lange im

Lande geherrscht, da tönte aus allen Gegenden des Königreichs _ein_

Schrei des Hasses gegen den Puritanismus, welcher häufig durch die

Stimmen jener Schurken verstärkt wurde, deren Lasterhaftigkeit den

puritanischen Namen in Verruf gebracht hatte.

So waren die beiden großen Parteien, welche nach langen Feindseligkeiten

sich auf einen Augenblick zur Wiederherstellung der Monarchie die Hand

gereicht, einander jetzt wiederum, sowohl in politischer wie religiöser

Beziehung, gänzlich entfremdet. Die Masse des Volkes hielt zu den

Royalisten. Vergessen waren die Verbrechen Straffords und Lauds, die

Gräuelthaten der Sternkammer und der hohen Kommission, und Niemand

gedachte mehr der großen Dienste, welche das Lange Parlament in dem

ersten Jahre seines Bestehens dem Staate geleistet hatte. An die

Ermordung Karls I., die finstere Tyrannei des Rumpfs und die

Gewaltthätigkeiten des Heeres dachte man mit Entrüstung, und die Massen

waren geneigt, Alle, welche dem vorigen Könige Widerstand

entgegengesetzt, für dessen Tod und die daraus hervorgegangenen

unglücklichen Folgen verantwortlich zu machen.

Das Haus der Gemeinen war in einer Zeit gewählt worden, als noch die

Presbyterianer herrschten, und so vertrat es in keiner Art die

allgemeine Stimmung des Volks, zeigte aber eine starke Neigung, der

unduldsamen Loyalität der Edelleute ernsthaft entgegen zu treten. Als

ein Mitglied öffentlich erklärte, daß Alle, welche gegen Karl I. die

Waffen ergriffen, eben solche Verrätherei begangen wie diejenigen,

welche ihn hingerichtet, wurde dasselbe zur Ordnung gerufen, und erhielt

von dem Sprecher einen Verweis. Ohne Zweifel war es der allgemeine

aufrichtige Wunsch des Hauses, die kirchlichen Streitigkeiten so zu

ordnen, daß die gemäßigten Puritaner dadurch zufriedengestellt würden;

eine solche Erledigung wünschte aber weder der Hof noch das Volk.

[Anmerkung 1: Wie wenig das Mitleid dabei im Spiele war, erkennt

man zur Genüge aus einer Schrift, betitelt: +A perfect Diurnal of

some Passages of Parliament, and from other Parts of the Kingdom,

from Monday July 24th, to Monday July 31st, 1643+. »Als die

Königin aus Holland zurückkehrte, brachte sie außer einem Haufen

von schlechtem Gesindel, welches das Aussehen von Menschenfressern

hatte, eine Anzahl wilder Bären mit. Ihr werdet aus dem Weiteren

ersehen, zu welchem Zwecke. Man ließ diese Bären bei Newark

zurück, um sie Sonntags in die Landstädte zu bringen und dort zu

hetzen. Solcher Art ist die Religion, welche die, von denen hier

die Rede ist, unter uns einführen wollen. Wagte es Jemand, ihre

schändlichen Entheiligungen zu hindern oder sich nur Bemerkungen

darüber zu erlauben, so wurde er unverzüglich als Rundkopf oder

Puritaner bezeichnet und war in Gefahr geplündert zu werden.

Einige von Oberst Cromwells Soldaten, welche zufällig am Sonntag

nach der Stadt Uppingham in Rutland kamen, sahen die eben

stattfindende Bärenhetze, und veranlaßten, daß das Spiel sofort

unterbrochen und die Bären an einen Baum gebunden und erschossen

wurden.« Dieses war durchaus kein vereinzeltes Beispiel. Der

Sheriff von Surrey, Oberst Pride, befahl, daß die Bären im Garten

von Southwark getödtet werden sollten. Ein loyaler Satyriker läßt

ihn diesen Befehl folgendermaßen vertheidigen: »Am meisten liegt

mir die Tödtung dieser Bären am Herzen, wodurch ich mir den Haß

des Volkes zugezogen, das mich mit allen Benennungen des

Regenbogens beehrt. Aber erschlug nicht David einen Bären? Tödtete

nicht der Lord Statthalter Ireton einen Bären? Tödtete nicht ein

anderer Lord von den Unsrigen fünf Bären?« +Last Speech and dying

Words of Thomas Pride.+]

[Anmerkung 2: Man sehe Penns +New Witnesses proved Old Heretics+

und Muggletons Werke an mehreren Stellen.]

[_Charakter Karls II._] Der neueingesetzte König besaß um diese Zeit die

Liebe des Volkes in höherem Maaße, als jemals einer seiner Vorgänger.

Das Unglück, welches sein Haus betroffen, der heldenmüthige Tod seines

Vaters, die vielen Leiden und romantischen Abenteuer, welche er erlebt,

machten ihn zum Gegenstande allgemeiner Theilnahme. Durch seine Rückkehr

wurde England von einer drückenden Knechtschaft erlöst. Herbeigerufen

durch die Stimmen der beiden streitenden Parteien, war er der geeignete

Mann, um als Schiedsrichter zwischen sie zu treten, und in gewisser

Beziehung war er wohl befähigt, diese Aufgabe zu lösen. Die Natur hatte

ihn mit vorzüglichen Anlagen und einem glücklichen Temperament

ausgestattet, und von seiner Erziehung ließ sich erwarten, daß sie

seinen Verstand entwickelt und ihn zur Ausübung jeder Tugend des

öffentlichen und Privatlebens befähigt habe. Der Wechsel des Glücks war

ihm nicht unbekannt, und beide Seiten der menschlichen Natur hatte er

beobachten lernen. In früher Jugend hatte ihn das Schicksal aus dem

Königsschlosse hinausgeworfen in ein Leben der Verbannung, der Gefahren

und Entbehrungen; in einem Alter der geistigen und körperlichen

Kraftfülle, in dem das erste Aufbrausen der jugendlichen Leidenschaften

sich bereits gelegt, ward er zurückgerufen von seinen unstäten

Wanderungen, um Englands mächtige Krone zu tragen. Bittere Erfahrungen

hatten ihm bewiesen, wie oft die zur Schau getragene Ergebenheit der

Hofleute Bosheit, Verrätherei und Undank verbirgt; dagegen waren ihm in

der Hütte der Armuth die überzeugendsten Beweise von wahrem Seelenadel

gegeben worden. Als hohe Belohnung jedem versprochen ward, der ihn

seinen Feinden verrathen würde, und man denjenigen, welcher ihm

hilfreich beistehen wollte, mit dem Tode bedrohte, da hatten arme

Landleute und die niedrigsten seiner Diener mit rührender Aufopferung

dem unglücklichen Fürsten zur Seite gestanden, und ihn mit derselben

tiefen Ehrerbietung behandelt, als ob die Krone seiner Väter noch in

vollem Glanze auf seinem Haupte strahlte. Es stand zu erwarten, daß ein

junger Mann, dem es weder an Fähigkeiten noch an liebenswürdigen

Eigenschaften gebrach, durch die gemachten Erfahrungen zu einem großen

und ausgezeichneten König herangebildet worden sei. Karl besaß, neben

gefälligen Formen für die Gesellschaft, feine und einnehmende Manieren

und nicht wenig Talent für lebendige Unterhaltung; aber dabei war er dem

Sinnengenusse im höchsten Grade ergeben, sowie ein Freund des Müßiggangs

und der Leichtfertigkeit, ohne Kraft sich zu beherrschen, ohne hohen

Begriff von menschlicher Tugend und Zuneigung, ohne Drang nach Ruhm, und

unempfindlich gegen jeden Tadel. Nach seiner Ansicht war jeder käuflich,

nur daß er sich oft in höheren Preis stellte, als ein anderer, und wenn

der Handel recht hartnäckig und geschickt betrieben ward, so gab es für

denselben verschiedene und wohlklingende Namen. Die höchste

Geschicklichkeit, mit welcher kluge Männer den Preis ihrer Fähigkeiten

zu steigern wußten, ward Rechtschaffenheit, die raffinirteste

Gewandtheit, mit der liebenswürdige Frauen den Preis ihrer Reize zu

erhöhen verstanden, Sittsamkeit genannt. Vaterlandsliebe, Familienliebe,

Freundesliebe, Liebe zu Gott, dies Alles waren leere Phrasen, zarte und

schickliche Benennungen für die Selbstliebe. Bei einer solchen Ansicht

von den Menschen war es Karl natürlich sehr gleichgültig, wie diese über

ihn dachten. Ehre und Schande waren ihm dasselbe, was dem Blinden Licht

und Dunkelheit sein mag. Man hat seine Verachtung der Schmeichelei hoch

gerühmt, aber sie erscheint des Lobes nicht würdig, wenn man sie in

Zusammenhang mit den übrigen Eigenschaften seines Charakters bringt.

Man kann sowohl über der Schmeichelei stehen, wie unter ihr, wer dem

Schmeichler nicht traut, wird auch keinem Andern trauen; wer keinen

Begriff von _wahrem_ Ruhme hat, wird auch den _scheinbaren_ verachten.

Bei Karls Gemüthsart ist es rühmlich zu erwähnen, daß er trotz der

schlechten Meinung, welche er von den Menschen hatte, doch nie ein

Menschenfeind wurde. Er fand in den Menschen wenig was ihm nicht

hassenswerth dünkte, und doch haßte er sie nicht, er war sogar

menschenfreundlich genug, daß es ihm Kummer verursachte, wenn er ihre

Leiden sah, oder ihre Klagen hören mußte. Diese Art von

Menschenfreundlichkeit aber, welche bei einem Privatmann recht schön und

lobenswerth sein mag, indem dessen Macht, Nutzen oder Schaden zu

bringen, auf einen engen Kreis beschränkt wird, ist bei Herrschern

häufiger ein Laster gewesen als eine Tugend. Mehr als ein wohlgesinnter

Fürst hat ganze Provinzen dem Raube und der Unterdrückung preisgegeben,

blos weil es ihn unangenehm berührte, andere als glückliche Gesichter

auf seinen Spaziergängen und an seiner Tafel zu sehen. Keiner ist

geeignet, das Scepter eines großen Staats zu führen, welcher Bedenken

trägt, zum Besten der Massen mit denen er niemals in Berührung kommt,

die Wenigen, welche Zutritt bei ihm haben, zu kränken. Die leichtsinnige

Schwäche, welche Karl besaß, war so groß, wie sie vielleicht noch nie

bei einem Manne von seinem Verstande gefunden wurde; obgleich nichts

weniger als ein Schwachkopf, war er doch ein Sklave. Nichtswürdige

Männer und feile Frauen, deren Erbärmlichkeit er völlig durchschaute,

von denen er wußte, daß er ebensowenig ihre Liebe wie sie sein Vertrauen

besaßen, konnten mit Leichtigkeit ihm Alles abschmeicheln was sie

wünschten: Titel, Ehrenstellen, Güter, Staatsgeheimnisse und

Begnadigungen. Obgleich er viel austheilte, genoß er doch niemals das

Vergnügen, welches die Freigebigkeit verursacht, und ebensowenig erntete

er den Ruhm derselben. Er gab nie aus freiem Antriebe, aber es war ihm

unangenehm das Erbetene zu versagen. Eine natürliche Folge davon war,

daß im Allgemeinen nicht diejenigen, welche sie verdienten, oder die in

seiner Gunst standen, Empfänger dieser Gnadenbeweise waren, sondern daß

sie den unverschämtesten und zudringlichsten Bewerbern zu Theil wurden,

denen es gelungen war, sich eine Audienz zu verschaffen.

Die Beweggründe, welche das politische Verhalten Carls II. leiteten,

waren ganz anderer Natur als diejenigen, welche die Handlungen seines

Vorgängers wie seines Nachfolgers auf dem Throne bestimmten. Er war

nicht der Mann, den eine patriarchalische Regierungstheorie oder die

Lehre vom göttlichen Recht anziehen konnte. Durchaus frei von Ehrgeiz,

verabscheute er alle Geschäfte, und ehe er sich der Mühe unterzogen

hätte, die Zügel der Regierung selbst in die Hand zu nehmen, würde er

lieber auf die Krone Verzicht geleistet haben. Seine Arbeitsscheu sowie

seine Unkenntniß der Staatsgeschäfte waren so groß, daß selbst die

Schreiber, welche Gelegenheit hatten ihn im Geheimen Rathe zu

beobachten, über seine kindische Ungeduld und seine läppischen

Bemerkungen oft nur mit Mühe das Lachen unterdrücken konnten. Seine

Schritte wurden weder von der Dankbarkeit noch von der Rache geleitet,

denn auf sein Gemüth konnten empfangene Beleidigungen ebensowenig wie

geleistete Dienste einen anderen als einen schwachen und rasch

vorübergehenden Eindruck machen. Es war nur sein Wunsch, ein König zu

sein wie es später Ludwig XV. von Frankreich war, ein Herrscher, der zur

Befriedigung seiner Privatneigungen rücksichtslos den Staatsschatz

benutzen und durch Ehrenstellen und Geld Personen an sich fesseln

konnte, die geeignet waren seinen Müßiggang zu theilen, und welcher,

wenn auch die schlechteste Verwaltung den Staat an den Rand des

Verderbens gebracht, immer noch die mißliebige Wahrheit aus dem Bereiche

seines Serails fern halten und nichts sehen und hören wollte, was ihn in

seiner üppigen Trägheit hätte stören können. Zu diesen Zwecken, aber

auch _nur_ zu diesen Zwecken, wünschte er eine willkürliche Gewalt,

vorausgesetzt daß sie ohne Anstrengung und Gefahr erlangt werden konnte.

Bei den religiösen Streitfragen, welche Zwiespalt unter den Protestanten

hervorriefen, blieb sein Gewissen vollkommen unberührt, denn seine

Ansichten schwankten fortwährend zwischen Unglauben und Pabstthum. Wenn

aber auch sein Gewissen bei dem Kampfe der Episcopalen und

Presbyterianer unberührt blieb, so war es doch anders mit seinen

Neigungen. Gerade diejenigen Laster, gegen welche der Puritanismus die

wenigste Nachsicht zeigte, übte er am fleißigsten, und als Mann von

guter Erziehung, der mit großem Scharfblick die lächerlichen Seiten

einer Sache erkannte, ließ er es nicht an verächtlichen Scherzen über

die puritanischen Abgeschmacktheiten fehlen. Es ist indessen nicht zu

leugnen, daß er einige Ursache hatte mit dieser Secte unzufrieden zu

sein. In einem Alter wo die Leidenschaften am ungestümsten herrschen,

und der Leichtsinn am ehesten zu entschuldigen ist, hatte Karl einige

Monate in Schottland gelebt, dem Namen nach als König, in der That aber

ein Staatsgefangener unter der Obhut der schroffen Presbyterianer. Nicht

genug, daß sie ihm zumutheten ihren Gottesdienst zu üben und ihr

Covenant zu unterschreiben, bewachten sie jeden seiner Schritte, und

überhäuften ihn mit Strafpredigten, wenn er sich eine jugendliche

Thorheit zu Schulden kommen ließ. Er wurde gezwungen endlose Gebete und

Predigten anzuhören, und konnte sich noch glücklich schätzen, wenn er

nicht von einem fanatischen Kanzelredner, auf seine eigenen Schwächen

rücksichtslos sowie auf das tyrannische Regiment seines unglücklichen

Vaters und den papistischen Götzendienst der Mutter aufmerksam gemacht

wurde. Er hatte diese Zeit seines Lebens in so traurigen Verhältnissen

zugebracht, daß das Unglück, welches ihn zu neuer Wanderung hinaustrieb,

ihm eher eine Befreiung als ein Mißgeschick dünken mußte. Beherrscht von

diesen Gefühlen, war es Karls eifrigster Wunsch, die Partei zu

vernichten, welche seinem Vater so heftigen Widerstand entgegengestellt

hatte.

[_Charakterschilderung des Herzogs von York und des Earl von

Clarendon._] Nach demselben Ziele strebte des Königs Bruder, Jacob,

Herzog von York. Obgleich in hohem Grade der Sinnenlust ergeben, war

Jacob fleißig, methodisch, und liebte Autorität und Beschäftigung. Sein

Verstand war höchst einfach und beschränkt, sein Charakter starr,

hartnäckig und unversöhnlich. Daß dieser Fürst kein Wohlgefallen an den

freien Institutionen Englands und an der Partei finden konnte, welche

für diese Institutionen die wärmste Theilnahme hegte, leuchtet ein.

Obgleich ein Mitglied der anglikanischen Kirche hatte der Herzog doch

schon gewisse Neigungen gezeigt, welche die guten Protestanten ernstlich

beunruhigten.

Der Mann, dessen Schultern in jener Zeit den größten Theil der

Regierungslast zu tragen hatten, war Eduard Hyde, Kanzler des Reichs,

welcher bald zum Earl von Clarendon erhoben ward. Wenn auch Clarendon

als Schriftsteller unsere Achtung mit Recht verdient, so müssen wir doch

auch die großen Fehler erwähnen, welche er sich als Staatsmann zu

Schulden kommen ließ. Diese Fehler werden allerdings zum Theil

entschuldigt und erklärt durch die ungünstige Lage, in der er sich

befand. Im ersten Jahre des Langen Parlaments zeichnete er sich höchst

ehrenvoll unter den Senatoren aus, welche ernstlich bemüht waren, den

Beschwerden der Nation abzuhelfen. Eine der schlimmsten von diesen

Beschwerden, welche das Concil von York betraf, wurde hauptsächlich

durch seine Bemühungen beseitigt. Beim Eintritt der großen Spaltung, als

die Reformpartei und die Partei der Conservativen sich gegen einander

schaarten, trat er mit vielen weisen und braven Männern auf die Seite

der Conservativen. Von jetzt an theilte er die Schicksale des Hofs,

genoß König Carls I. volles Vertrauen, soweit der zurückhaltende

Charakter und die gewundene Politik dieses Monarchen solches einem

Minister überhaupt gewähren konnten, und ging später mit Carl II. in die

Verbannung, wo er dessen politisches Verhalten leitete.

Nachdem die Restauration durchgeführt war, gelangte Hyde zur Stellung

eines Premierministers, und einige Monate nachher wurde allgemein

bekannt, daß er zu dem regierenden Hause in ein engverwandtschaftliches

Verhältniß getreten, indem durch eine bisher geheimgehaltene Vermählung

seine Tochter Herzogin von York und deren Nachkommenschaft dadurch zur

Thronfolge berechtigt worden sei. In Folge dieser hohen Verbindung

gewann Hyde eine Bedeutung, welche ihn über die ältesten und

angesehensten Geschlechter des Adels erhob, und in mancher Hinsicht war

er auch dieser hervorragenden Stellung vollkommen gewachsen, indem nicht

nur in Abfassung wichtiger Staatsschriften, sondern auch in Rath und

Parlament er sehr anerkennungswerthe diplomatische Befähigung zeigte.

Genau bekannt mit den allgemeinen Grundsätzen der Staatskunst, verstand

es Niemand besser wie er, die Verschiedenheiten der Charaktere mit

geübtem Auge zu erkennen, und dabei besaß er nicht nur ein starkes

Gefühl für sittliche und religiöse Verpflichtungen, sondern auch eine

tiefe Ehrfurcht gegen die Gesetze des Vaterlandes und aufrichtige

Achtung für die Ehre und das Ansehen der Krone. Dabei war er stolz und

anmaßend; jeder Widerstand reizte ihn. Es ist kaum möglich, daß ein

Diplomat, den die bürgerlichen Wirren in die Verbannung getrieben, und

der eine Reihe von Jahren in derselben zugebracht, in dem Augenblicke,

wo ein Umschwung der politischen Verhältnisse ihn wieder an die Spitze

der Regierung zurückruft, die Zügel derselben mit sicherer und gewandter

Hand zu führen vermag. Auch mit Clarendon war dies der Fall. Als er, dem

Zwange der Nothwendigkeit weichend, England verlassen hatte, erbittert

durch den heftigen Kampf, welcher dem Sturze seiner Partei und seines

Glücks voranging, betrachtete er Alles, was sich in dem Zeitraume von

1646 bis zum Jahre 1660 in seinem Vaterlande ereignete, vom fernen

Continente aus in falschem Lichte. Seine Ansichten von dem Stande der

Dinge regelte er nach den Mittheilungen aufgeregter Parteimänner, deren

zerrüttete Vermögensverhältnisse ihren Geist mit Wuth und Verzweiflung

erfüllten. Den günstigen Stand der Ereignisse beurtheilte er nicht nach

dem Maaße, in welchem sie die Wohlfahrt und den Ruhm seines Volkes

vermehrten, sondern nur nach der Aussicht, die sie ihm zur Rückkehr

boten, und sein Wunsch, den er durchaus nicht verhehlte, war, daß

niemals Ruhe und Friede in England einziehen möge, bis die alte

Königsfamilie den Thron ihrer Väter wieder in Besitz genommen habe. Als

er endlich zurückkehrte, wurde ihm, ohne daß er Zeit gehabt hatte, sich

von dem Stande der Dinge durch eigne Anschauung zu unterrichten, und zu

ermitteln welche Veränderungen vierzehn ereignißvolle Jahre in dem

Charakter und den Gesinnungen des englischen Volks herbeigeführt, sofort

die Leitung des Staates übergeben. In solchem Falle würde wohl selbst

ein Minister von größter Umsicht und bei aller Geneigtheit gute Lehre

anzunehmen, in ernste Irrthümer verfallen sein; Takt aber, und

Gelehrigkeit lagen nicht in Clarendons Charakter. Er sah in England noch

das England, wie es zur Zeit seiner Jugend war, und sein Antlitz

verfinsterte sich bei Wahrnehmung aller der Veränderungen, welche die

Ereignisse der letzten Jahre hervorgerufen. Obgleich er nicht daran

dachte, gegen die alte, unbezweifelte Macht des Hauses der Gemeinen

aufzutreten, so blickte er doch mit dem höchsten Mißfallen auf die

zunehmende Gewalt desselben. Die königlichen Rechte, um die er so

Manches erlitten, und durch welche er endlich zu Glück und hohen Ehren

gekommen war, sie galten ihm heilig; gegen die Rundköpfe aber fühlte er

eine sowohl persönliche wie politische Abneigung. Als treuer Anhänger

der anglikanischen Kirche hatte er wiederholt in Fällen, wo die

Interessen dieser Kirche es erheischten, sich von den besten Freunden

getrennt, und sein Eifer für das Episcopat und das gemeinschaftliche

Gebetbuch vereinigte sich mit einem racheglühenden Hasse gegen die

Puritaner, der weder dem Staatsmanne noch dem Christen zur Ehre

gereichte.

Während der Zeit als das Haus der Gemeinen, welches die Königsfamilie

zurückrief, versammelt war, war eine Wiederherstellung des alten

kirchlichen Systems unausführbar. Nicht allein, daß der Hof seine Pläne

völlig geheim hielt, der König hatte auch in feierlichster Weise

Zusicherungen ertheilt, durch welche die Gemüther der gemäßigten

Presbyterianer vollkommen beruhigt wurden. Er hatte vor seiner

Wiedererhebung das Versprechen gegeben, allen Unterthanen völlige

Gewissensfreiheit zu gestatten, und indem er dieses Versprechen jetzt

erneute, fügte er die Versicherung hinzu, daß er mit allen Kräften dahin

wirken würde, zwischen den streitenden Parteien eine Vereinigung

herbeizuführen. Er erklärte, es sei sein Wunsch, daß Bischöfe und

Synoden die geistliche Gerichtsbarkeit unter sich theilen, und daß eine

Anzahl gelehrter Theologen, zur Hälfte aus Presbyterianern bestehend,

eine Revision der Liturgie vornehmen sollten. Die Fragen in Betreff des

Chorhemds, des Knieens beim Abendmahle, des Bekreuzigens bei der Taufe,

sollte selbst für ängstliche Gewissen in befriedigender Weise gelöst

werden. Auf diese Art hatte der König die Wachsamkeit derjenigen, welche

er hauptsächlich fürchtete, eingeschläfert, und als dieses geschehen

war, hob er das Parlament auf. Zu einer Acte, durch welche mit wenigen

Ausnahmen alle Diejenigen, die in den letzten Unruhen politischer

Vergehen schuldig geworden waren, begnadigt werden sollten, hatte er

bereits seine Zustimmung gegeben. Von den Gemeinen war ihm eine

lebenslängliche Bewilligung von Steuern zugesprochen worden, deren

jährlicher Betrag auf eine Million zweimalhunderttausend Pfund geschätzt

ward. Diese Summe, nebst den erblichen Einkünften der Krone, reichte

damals vollkommen hin, um in Friedenszeiten die Bedürfnisse der

Regierung zu bestreiten. Für ein stehendes Heer wurde nichts bewilligt,

die Nation erschrak schon bei Erwähnung desselben, und die geringste

Hinweisung darauf würde die Gemüther aller Parteien auf's heftigste

erbittert und beunruhigt haben.

[_Allgemeine Wahl von 1661._] Zu Anfang des Jahres 1661 fand eine

allgemeine Wahl statt. Das Volk war in hohem Grade von loyaler

Begeisterung erfüllt, und die ganze Hauptstadt war in der lebendigsten

Thätigkeit wegen der Vorbereitungen zur prachtvollsten Krönung, von der

man jemals gehört. Das Resultat bestand darin, daß man Abgeordnete in's

Parlament sandte, wie sie England bisher noch nie gesehen hatte. Ein

großer Theil der glücklichen Bewerber waren Männer, welche für Krone und

Kirche gekämpft, und die schweren Beschimpfungen und Demüthigungen noch

nicht vergessen hatten, die ihnen die Rundköpfe angethan. Als die

Mitglieder zusammenkamen, traten die Leidenschaften, unter deren

Einflusse jeder Einzelne stand, heftiger hervor. Mehrere Jahre hindurch

war das Haus der Gemeinen eifriger für das Königthum eingenommen als der

König selbst, und günstiger gestimmt für das Episcopat als die Bischöfe.

Carl und Clarendon waren über die Vollständigkeit ihres Erfolgs fast

bestürzt, ihre Lage hatte Ähnlichkeit mit der Ludwigs XVIII. und des

Herzogs von Richelieu, als im Jahre 1815 die Kammer versammelt war.

Hätte der König auch wirklich die Absicht gehabt, die Versprechungen,

welche er den Presbyterianern gemacht, zu erfüllen, es würde jetzt gar

nicht mehr in seiner Macht gestanden haben. Nur seinen eifrigen

Bemühungen ist es zuzuschreiben, daß der siegreiche Adel verhindert

wurde, die Indemnitätsacte zu vernichten und erbarmungslose Rache

auszuüben für die erduldeten Leiden.

[_Gewaltsamkeiten der Cavaliere in dem neuen Parlamente._] Die Gemeinen

eröffneten ihre Thätigkeit mit den Beschlüssen, daß jedes Mitglied bei

Strafe der Ausstoßung das Abendmahl nach der Form genießen müsse, welche

die alte Liturgie vorschrieb, und daß der Covenant durch Henkershand im

Hofe des Palastes verbrannt werden sollte. Es wurde eine Acte

durchgesetzt, welche die Macht des Schwertes nicht nur einzig und allein

dem König zusprach, sondern auch bestimmte, daß in keinem auch noch so

extremen Falle die beiden Häuser berechtigt sein sollten, dem König

gewaltsamen Widerstand entgegen zu setzen. Eine zweite Acte, welche

ebenfalls durchging, forderte von jedem öffentlichen Beamten einen Eid,

daß er Widerstand gegen das Ansehen des Königs unter allen Umständen für

ungesetzlich halte. Einige exaltirte Männer bemühten sich, eine Bill zur

Geltung zu bringen, welche alle Gesetze, die das Lange Parlament

geschaffen, mit einem Male aufheben und die Sternkammer nebst der Hohen

Commission wieder herstellen sollte; bei aller Heftigkeit der Reaction

aber gelang es ihr doch nicht, dies durchzusetzen. Das Gesetz, daß nach

Verlauf von drei Jahren ein Parlament gehalten werden mußte, blieb in

Kraft, die strengen Klauseln aber welche die Wahlbeamten anwiesen,

zur bestimmten Zeit, auch ohne königliches Ausschreiben, die Wahl

vorzunehmen, wurden aufgehoben. Die Bischöfe kehrten auf ihre Sitze im

Oberhause zurück; die alte Kirchenverfassung und die alte Liturgie

wurden ohne jede Beschränkung, welche auch nur die vernünftigsten

Presbyterianer zu versöhnen geeignet gewesen wäre, wieder hergestellt.

Zum ersten Male wurde jetzt die bischöfliche Ordination unerläßliche

Bedingung für diejenigen, welche ein geistliches Amt bekleiden wollten.

Fast zweitausend Prediger, denen ihr Gewissen nicht gestattete sich zu

fügen, wurden an einem Tage abgesetzt, und frohlockend erinnerte die

herrschende Partei die Dulder daran, daß das Lange Parlament, als es auf

dem Gipfel seiner Macht gestanden, eine noch viel größere Anzahl von

königlich gesinnten Geistlichen vertrieben habe. Dieser Vorwurf war

allerdings nicht ungegründet, aber das Lange Parlament hatte den

Vertriebenen wenigstens eine Unterstützung zukommen lassen, welche sie

vor bitterem Mangel schützte; die Gerechtigkeit und Humanität des Adels

aber, welcher von Haß bethört war, reichten nicht aus, um dieses

Beispiel nachzuahmen.

[_Verfolgung der Puritaner._] Bald erschienen Strafgesetze gegen die

Nichtconformisten, die in der puritanischen Gesetzgebung vergebens ihres

Gleichen suchten, welche der König aber unmöglich genehmigen konnte,

ohne Zusagen zu brechen, die er bei dem wichtigen Wendepunkte seines

Schicksals denjenigen gegeben, in deren Händen dasselbe damals lag.

Erschreckt und tief bekümmert eilten die Presbyterianer an die Stufen

des Thrones, rühmten ihre jüngst geleisteten Dienste und beriefen sich

auf das wiederholt verpfändete königliche Wort. Der König schwankte,

seine eigne Handschrift, sein eignes Siegel, sie konnte er nicht

abläugnen, und er fühlte nur zu wohl, welchen großen Dank er den

Bittstellern schuldig war. Dringenden Bitten zu widerstehen war er nicht

gewöhnt, ebensowenig war er verfolgungssüchtig, und wenn auch gegen die

Puritaner eingenommen, so konnte diese Abneigung doch nur ein schwaches

Gefühl genannt werden neben dem bitteren Hasse, von welchem Laud

durchdrungen war. Er war überdies der römisch-katholischen Kirche

gewogen, und sah wohl ein, daß es nicht möglich sein würde, den

Bekennern derselben Freiheit des Gottesdienstes zu gewähren, ohne

dieselbe Begünstigung auch auf die protestantischen Dissenters zu

übertragen. Zwar versuchte er es den unduldsamen Glaubenseifer des

Hauses der Gemeinen zu beschränken, aber dieses stand unter dem

Einflusse tieferer Überzeugungen und heftigerer Leidenschaften, als der

König. Nach einigem scheinbaren Sträuben gab er nach, und genehmigte mit

einem Anschein von Bereitwilligkeit eine Reihe gehässiger Maßregeln

gegen die Separatisten. Es galt für ein Verbrechen, dem Gottesdienste

der Dissenters beizuwohnen, ein gewöhnlicher Friedensrichter konnte ohne

Jury verurtheilen, und über denjenigen, welcher zum dritten Male das

Verbot übertrat, die Deportation auf sieben Jahre verhängen. Mit

überlegter Grausamkeit ward festgesetzt, daß der Übertreter des Gesetzes

nicht nach Neu-England transportirt werden sollte, wo er die Aussicht

hatte, gleichgesinnte Freunde anzutreffen, und kehrte er vor Ablauf der

festgesetzten Verbannungszeit in sein Vaterland zurück, so sollte er der

Todesstrafe verfallen sein. Ein neuer, unsinniger Eid wurde von den

Geistlichen verlangt, welche man ihrer Pfründen beraubt hatte, weil sie

sich nicht conformiren wollten, und Alle die sich weigerten diesen Eid

zu leisten, durften nicht auf fünf Meilen in die Nähe einer Stadt

kommen, welche von einer Gemeindecorporation verwaltet wurde, oder im

Parlamente vertreten war, oder auch einer Stadt, wo sie als Geistliche

ihren Wohnsitz gehabt. Die Magistratspersonen, welche diese strengen

Bestimmungen in Ausführung zu bringen hatten, waren fast durchgängig von

Parteigeist erfüllte Männer, entflammt durch die Erinnerung an Leiden,

welche sie während der Republick erduldet hatten. Die Kerker waren daher

sehr bald mit Dissenters überfüllt, und unter diesen Unglücklichen

befanden sich nicht wenige, deren Genie und Tugend eine Zierde jeder

christlichen Gesellschaft gewesen sein würden.

[_Eifer der Geistlichkeit für die erbliche Monarchie._] Die englische

Kirche erkannte den Schutz, dessen sie sich von Seiten der Regierung

erfreute, dankbar an. Sie hatte seit dem Anfange ihres Bestehens

Anhänglichkeit an die Monarchie gezeigt, aber während des

Vierteljahrhunderts, welches der Restauration folgte, überstieg ihr

Eifer für königliches Ansehen und erbliches Recht jede Grenze. Sie hatte

mit dem Hause der Stuarts gelitten, und war mit ihm wieder zu Geltung

gekommen; sie war mit ihm durch gemeinschaftliche Interessen,

Freundschaften und Feindschaften eng verknüpft. Es schien unmöglich,

daß jemals eine Zeit eintreten könnte, wo die Bande, welche sie mit den

Nachkommen des erlauchten Märtyrers vereinte, zerrissen, wo die

Loyalität, deren sie sich rühmte, aufhören würde, ihr eine angenehme und

vortheilhafte Pflicht zu sein. Sie pries deshalb in den widerlichsten

Phrasen jenes Vorrecht, welches stets bemüht war sie zu vergrößern und

zu vertheidigen, und verdammte auf das Behaglichste die Ruchlosigkeit

derjenigen, welche durch Bedrückung, die sie selbst nicht zu erwarten

hatte, zum Aufruhr verleitet wurden. Die Verwerfung des Widerstandes war

ihr Lieblingsthema, und diese Lehre trug sie ohne jede Einschränkung vor

und entwickelte sie bis zu den äußersten Consequenzen. Ihre Anhänger

wiederholten unaufhörlich, daß selbst wenn England das Unglück haben

sollte von einem König wie Busiris oder Phalaris heimgesucht zu werden,

welcher zum Hohne der Gesetze ohne alle rechtlichen Gründe täglich

hunderte von unschuldigen Opfern zu Folterqualen und Tod verdammte,

überhaupt kein Fall denkbar sei, wo alle Stände des Königreichs

insgesammt berechtigt sein würden, dem Tyrannen physische Gewalt

entgegenzustellen. Glücklicherweise gewährt der menschliche Charakter

hinreichende Bürgschaft, daß derartige Theorien eben nur Theorien

bleiben werden. Als der Tag der Prüfung kam, da standen die Männer,

welche laut und aufrichtig diese grenzenlose Loyalität zur Schau

getragen hatten, fast in allen Grafschaften Englands dem Throne mit den

Waffen in der Hand gegenüber.

Im ganzen Königreiche wechselte jetzt das Grundeigenthum seine Besitzer.

Die Verkäufe der Nationalgüter, welche das Parlament nicht bestätigt

hatte, erklärten die Gerichtshöfe für ungültig. Der König, die Bischöfe,

die Dechanten, die Capitel, der hohe und niedere royalistische Adel:

sie alle traten wieder in den Besitz ihrer eingezogenen Güter, und

verdrängten selbst diejenigen Käufer, welche die angemessensten Preise

dafür bezahlt hatten. Die Verluste, welche dem Adel während des

Übergewichtes seiner Gegner erwachsen waren, wurden theilweise ersetzt,

aber eben nur theilweise. Die allgemeine Amnestie schloß alle Klagen

über entzogene Nutzungen aus, und eine Menge von Royalisten, welche zur

Abzahlung von auferlegten Geldstrafen an das Parlament, oder um sich die

Gunst mächtiger Rundköpfe zu erkaufen, Grundeigenthum unter dem

wirklichen Werthe veräußert hatten, mußten die gesetzlichen Folgen ihrer

Handlungsweise tragen.

[_Veränderung in den Sitten der Gesellschaft._] Während die erwähnten

Veränderungen stattfanden, trat ein anderer noch bedeutungsvollerer

Wechsel in den Sitten und Gebräuchen der Gesellschaft ein.

Leidenschaften und Neigungen, welche die strenge Herrschaft der

Puritaner gezügelt hatte, so daß dieselben, wenn es überhaupt geschah,

nur mit großer Vorsicht befriedigt werden konnten, brachen jetzt, wo das

Hemmniß beseitigt war, mit maßloser Gewalt hervor. Man suchte

unsittliche Vergnügungen und strafbare Genüsse mit einer Begierde,

welche nach den Gesetzen der Natur nur in Folge langer und erzwungener

Enthaltsamkeit entstehen kann. Durch die öffentliche Meinung wurde

dieses Treiben nicht beschränkt. Die Nation, voll Widerwillen gegen die

gottseligen Reden, argwöhnisch gegen alle Ansprüche auf Heiligkeit, und

dabei immer noch leidend unter den Nachwehen der erlittenen Tyrannei von

Gebietern, welche sauer waren im Leben und heiß im Gebet, blickte eine

Zeit lang wohlgefällig auf die angenehmeren und freundlicheren Laster.

Noch weniger Beschränkungen erlaubte sich die Regierung. Es gab in der

That keine Ausschweifung, welche nicht durch die unverhohlene

Lasterhaftigkeit des Königs und seiner Günstlinge sanktionirt worden

wäre. Nur einige bejahrte Räthe Carls I. bewahrten noch den sittlichen

Ernst, welcher dreißig Jahre früher in Whitehall geherrscht hatte. Zu

ihnen gehörten Clarendon selbst, sowie seine Freunde Thomas Wriothesley,

Earl von Southampton, Lord-Schatzmeister, sowie Jacob Butler, Herzog von

Ormond, der, nachdem er unter wechselnden Verhältnissen ritterlich für

seines Königs Sache in Irland gekämpft hatte, dieses Königreich jetzt

als Statthalter regierte. Aber weder das Andenken an die Verdienste

dieser Männer noch ihre hohe Stellung im Staate schützte sie vor den

Sarkasmen, welche neumodische Laster so gern auf veraltete Tugend

schleudern. Der Ruf feiner Bildung und angenehmer Manieren war kaum zu

erlangen, wenn man sich nicht zur Verletzung der Schicklichkeit

entschloß. Bedeutende und vielseitige Talente unterstützten die

Verbreitung dieses moralischen Übels nach Kräften. Die Moralphilosophie

hatte in neuerer Zeit eine Gestalt angenommen, welche ganz geeignet war,

einer Generation zu gefallen, welche der Monarchie wie dem Laster mit

gleichem Eifer ergeben war. Thomas Hobbes hatte in einer bestimmteren

und glänzenderen Sprache, als je ein anderer metaphysischer

Schriftsteller sie gebraucht, die Behauptung aufgestellt, der Wille des

Fürsten sei der Maßstab für Recht und Unrecht, und jeder gute Unterthan

müsse bereit sein, auf Befehl des Königs zum Papstthum, Mahomedanismus

oder Heidenthume überzutreten. Tausende, welche das wirklich Gediegene

in seinen Ansichten nicht zu würdigen verstanden, begrüßten freudig eine

Theorie, welche zu gleicher Zeit das königliche Ansehen erhöhte, die

Bande der Moralität lockerte, und die Religion zu einer bloßen

Staatsangelegenheit herabwürdigte. Der Hobbismus wurde bald ein

wesentlicher Bestandtheil des Charakters eines vollendeten Gentleman.

Die leichteren Zweige der Literatur erhielten einen starken Anstrich von

der herrschenden Sittenlosigkeit; die Dichtkunst wurde eine Kupplerin

der gemeinsten Begierden; der Witz, anstatt Schuld und Irrthum zu

züchtigen, wandte seine verletzenden Pfeile gegen Unschuld und Wahrheit.

Die wiederhergestellte Kirche machte zwar einen Versuch gegen die

herrschende Sittenlosigkeit anzukämpfen, aber es geschah ohne alle

Energie und mit getheiltem Herzen. Obgleich die Würde ihres Charakters

es erheischte, die irrenden Kinder zu ermahnen, so geschahen diese

Ermahnungen doch auf höchst lässige Weise. Ihre Aufmerksamkeit war nach

einer anderen Seite hin beschäftigt, ihre ganzen Kräfte concentrirten

sich in der Absicht, die Puritaner zu vernichten, und ihre Jünger zu

zwingen, dem Kaiser zu geben was des Kaisers sei. Sie war beraubt und

niedergehalten worden durch die Partei, welche strenge Sittlichkeit

predigte; Wüstlinge hatten sie wieder zu Ehren und Ansehen gebracht. Ob

auch die Männer der Lust und Mode nicht geneigt waren, ihre Lebensweise

nach den Vorschriften der Kirche einzurichten, so ließen sie sich doch

jeden Augenblick willig finden, für ihre Kathedralen und Paläste, für

jeden Buchstaben ihrer Gesetze und jeden Faden ihrer Gewänder bis an die

Knie im Blute zu kämpfen. Der ausschweifende Edelmann besuchte zwar

Bordelle und Spielhäuser, aber er mied wenigstens die Conventikel; wenn

auch sein Mund nur gotteslästerliche und unzüchtige Reden führte, so

machte er das einigermaßen durch seinen Eifer wieder gut, Baxter und

Howe in den Kerker zu werfen, weil sie Predigten und Gebete abgehalten

hatten. So bekämpfte der Klerus längere Zeit die Schismatiker mit einem

Eifer, der ihm wenig Muße ließ dem Laster entgegen zu treten. Die

Zweideutigkeiten Ethereges und Wycherley's wurden in Anwesenheit und mit

besonderer Genehmigung des Kirchenoberhauptes in weiblichen

Versammlungen von Frauen öffentlich vorgetragen, während der Verfasser

von des »Pilgers Reise« für das Verbrechen, den Armen das Evangelium

verkündet zu haben, im Kerker schmachtete. Es ist eine feststehende und

lehrreiche Thatsache, daß zu der Zeit, als die politische Macht der

anglikanischen Kirche ihren Höhepunkt erreicht hatte, die Moral der

Nation sich auf der niedrigsten Stufe befand.

[_Verworfenheit der Politiker._] Kaum ein Rang und Beruf entging der

Ansteckung durch die allgemeine Unsittlichkeit, diejenigen aber, welche

sich hauptsächlich mit Politik beschäftigten, bildeten vielleicht den

schlechtesten Theil der verderbten Gesellschaft, indem sie nicht blos

unter den schädlichen Einflüssen standen, welche die Nation im

Allgemeinen berührten, sondern noch einer besonderen Verderbniß der

schlimmsten Art ausgesetzt waren. Ihr Charakter hatte sich mitten unter

häufigen Revolutionen und Contrerevolutionen herangebildet; im Laufe

weniger Jahre hatten sie den wiederholten Wechsel der kirchlichen und

bürgerlichen Verfassung ihres Vaterlandes beobachtet. Sie hatten

gesehen, wie die bischöfliche Kirche die Puritaner verfolgte, wie die

puritanische Kirche die Bischöflichen verfolgte, und wie die

bischöfliche Kirche dann wieder die Puritaner verfolgte. Sie hatten die

Vernichtung und Wiedererstehung der erblichen Monarchie gesehen, hatten

beobachtet, wie das Lange Parlament dreimal die Oberherrschaft im Staate

errang, und dreimal unter Verwünschungen und Hohngelächter von Millionen

wieder zusammenstürzte. Sie hatten erlebt, wie eine neue Dynastie sich

rasch auf den Gipfel der Macht und des Ruhmes erhob, um bald darauf ohne

allen Kampf wieder vom Thronsessel herabgeschleudert zu werden. Sie

hatten gesehen, wie ein neues System der Volksvertretung entworfen,

versucht und wieder aufgegeben worden war. Sie hatten ein neues Haus der

Lords eben so schnell entstehen wie vergehen sehen. Sie hatten gesehen,

wie Massen von Eigenthum auf gewaltsame Weise bald den Edelleuten, bald

den Rundköpfen zur Beute wurden. Unter solchen Umständen konnte Niemand

als Staatsmann sich bewegen und gedeihen, der sich nicht willig finden

ließ, je nach den Verhältnissen die Farbe zu wechseln. Nur in stiller

Zurückgezogenheit war es möglich, für die Dauer den Charakter eines

guten Royalisten oder eines starren Republikaners zu behaupten. Wer

unter solchen Zeitverhältnissen bürgerliche Größe zu erlangen wünscht,

muß jeden Gedanken an konsequentes Festhalten aufgeben. Anstatt inmitten

unaufhörlicher Veränderungen nach Unveränderlichkeit zu streben, muß er

beständig umherspähen, um die ersten Kennzeichen einer nahenden Reaktion

zu entdecken und muß den richtigen Augenblick erfassen, um eine verlorne

Sache aufzugeben. Nachdem er fest zu einer Partei gehalten, so lange sie

die Oberhand hatte, muß er sie plötzlich verlassen, wenn sie in

schwierige Lagen kommt, muß sich gegen sie waffnen, sie verfolgen, und

mit den neuen Bundesgenossen eine neue Bahn einschlagen, auf der ihm

Macht und Glück entgegenleuchten. Seine Lage bildet in ihm nothwendig

eine besondere Klasse von Fähigkeiten, wie eine besondere Klasse von

Lastern bis zur höchsten Vollkommenheit aus. Schnelligkeit im Beobachten

verbindet sich mit Fruchtbarkeit an Hilfsmitteln. Ohne Mühe eignet er

sich den Ton jeder Sekte oder Faktion an, mit der ihn der Zufall

zusammenführt. Er erkennt die Zeichen der Zeit mit einem Scharfblick,

den die Menge wunderbar findet, mit einem Scharfblick, ähnlich dem eines

alten Polizeimannes, welcher die schwächsten Anzeichen eines Verbrechen

aufzufinden versteht, oder eines Mohawk-Kriegers, der in den Wäldern

eine Spur verfolgt.

Bei Staatsmännern von derartiger Bildung wird man aber freilich nur

selten Redlichkeit und Ausdauer, oder eine von denjenigen Tugenden

antreffen, welche dem edlen Stamme der Wahrheit entsprossen sind. Er

besitzt weder Glauben an eine Lehre, noch Eifer für eine Angelegenheit.

Vor seinen Augen sind so viele alte Institutionen untergegangen, daß er

keine Achtung vor langem Bestehen kennt. Er hat so viele neue

Einrichtungen, welche zu großen Erwartungen berechtigten, entstehen und

Enttäuschung hervorbringen sehen, daß er keine Hoffnung auf den

Fortschritt setzt; und diejenigen, welche ängstlich bemüht sind _zu

erhalten_, verlacht er nicht minder wie die, welche es sich angelegen

sein lassen _zu verbessern_. Es giebt im Staate nichts, zu dessen

Erhaltung oder Vernichtung er nicht ohne alle Gewissensbisse und ohne

Erröthen mitwirken könnte; treu zu bleiben seinen Überzeugungen und

seinen Freunden, ist in seinen Augen Beschränktheit und Verkehrtheit;

die Politik ist für ihn nicht eine Wissenschaft, die sich mit dem Wohle

der Völker beschäftigt, sondern ein aufregendes Spiel des Zufalls und

der Geschicklichkeit, in welchem der begünstigte Spieler ein Landgut,

eine Adelskrone oder wohl gar eine Königskrone gewinnen, aber auch durch

eine unüberlegte Bewegung Gut und Leben verlieren kann. Der Ehrgeiz,

welcher in friedlichen Tagen bei guten Menschen eine halbe Tugend ist,

wird jetzt, jedem edleren und menschenfreundlicheren Gefühle entfremdet,

eine selbstsüchtige Begierde, fast so unedel, als die Habsucht. Unter

den Staatsmännern, welche von der Restauration bis zum Regierungsantritt

des Hauses Hannover sich an der Spitze der großen Parteien des

Vaterlandes befunden haben, lassen sich nur sehr Wenige auffinden, deren

Ruf nicht durch Eigenschaften befleckt ist, denen man in unserem

Zeitalter die Namen von grober Untreue und Verdorbenheit geben würde. Es

ist schwerlich eine Übertreibung, wenn man sagt, daß öffentliche Männer

ohne alle Grundsätze, welche in neuerer Zeit an den Staatsgeschäften

Theil genommen haben, als uneigennützig und gewissenhaft betrachtet zu

werden verdienten, wollte man sie nach dem Maaßstabe beurtheilen, der in

der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts geltend war.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Erster Band enthaltend Kapitel 1 und 2 · 第 7 / 12 题