[_Widerstand gegen die Liturgie in Schottland._] In dieser Krisis ward

die ganze Gestalt der öffentlichen Angelegenheiten durch einen Akt

wahnsinniger Bigotterie plötzlich verändert. Wäre der König weise

gewesen, so hätte er so lange eine vorsichtige und milde Politik gegen

Schottland verfolgt, bis er der Herr des Südens geworden; denn von allen

seinen Reichen war in Schottland die größte Gefahr vorhanden, daß ein

Funke zur Flamme, und eine Flamme zu einer Feuersbrunst werden konnte.

Eine constitutionelle Opposition, wie man sie ihm in Westminster

entgegenstellte, hatte er allerdings in Edinburg nicht zu fürchten, da

das Parlament seines nördlichen Königreichs ein ganz anderer Körper als

der war, der in England denselben Namen führte. Es war schlecht

zusammengesetzt, ward wenig geachtet und hatte nie einem seiner

Vorgänger ernste Schranken gezogen. Die drei Stände beriethen in einem

Hause; die Bevollmächtigten der Flecken betrachtete man nur als von den

großen Edelleuten abhängige Personen, und kein Gesetz konnte eingebracht

werden, bevor nicht die Lords der Artikel, -- ein Ausschuß, den die

Krone in der That, wenn auch nicht der Form nach ernannte -- ihre

Billigung ausgesprochen hatten. War nun auch das schottische Parlament

ein fügsames, so hatte sich doch das schottische Volk stets als ein

unruhiges und unlenksames gezeigt. Es hatte seinen ersten Jakob in dem

Schlafzimmer niedergemetzelt, mehr als einmal die Waffen gegen Jakob II.

erhoben, Jakob III. auf dem Schlachtfelde erschlagen, durch Ungehorsam

Jakob V. das Herz gebrochen, Maria entthront und eingekerkert, hatte den

Sohn derselben gefangen gehalten, und war noch eben so unbändig als

sonst. Alle seine Gewohnheiten waren roh und kriegerisch. An der ganzen

südlichen Grenze, sowie auf der ganzen Landstrecke zwischen den Hoch-

und Niederlanden wüthete beständig ein Raubkrieg; in jedem Landestheile

war man gewohnt, den Beschwerden über erlittenes Unrecht mit kräftiger

Faust abzuhelfen, und wie groß auch die frühere Anhänglichkeit der

Nation an die Stuarts gewesen sein mochte, sie war während der langen

Abwesenheit derselben erkaltet. Der mächtigste Einfluß auf die

öffentliche Stimmung theilte sich unter zwei Klassen von Mißvergnügten:

unter die der Grundherren und die der Prediger -- Grundherren, von

demselben Geiste beseelt, der so oft die alten Douglas zum Widerstande

gegen das königliche Haus angetrieben, und Prediger, welche Knox's

repulikanische Ansichten und den Starrsinn desselben geerbt hatten.

Sowohl die nationalen als die religiösen Gefühle der Bevölkerung waren

gleich tief verletzt worden; alle Stände klagten, daß ihr Vaterland,

einst so ruhmvoll um seine Unabhängigkeit gegen die fähigsten und

muthigsten Plantagenets kämpfend, jetzt durch seine eigenen Fürsten eine

englische Provinz, wenn auch nicht dem Namen nach, doch in der That

geworden sei. Die calvinistische Lehre und Kirchenordnung hatte in

keinem andern Theile Europa's einen so starken Haltpunkt in der

öffentlichen Meinung gewonnen; die große Masse des Volks sah auf die

römische Kirche mit einem Hasse, der mit vollem Rechte ein grimmiger zu

nennen war, und die Kirche von England, die täglich der von Rom

ähnlicher zu werden schien, war der Gegenstand einer nicht minder großen

Abneigung.

Das anglikanische System über die ganze Insel auszudehnen, war schon

lange der Wunsch der Regierung gewesen, und in dieser Absicht hatte sie

bereits verschiedene, jedem Presbyterianer höchst ärgerliche Änderungen

vorgenommen. Eine Neuerung aber, die kühnste von allen, weil sie von dem

Volke unmittelbar aufgefaßt werden mußte, hatte man noch nicht versucht.

Es war nämlich der öffentliche Gottesdienst in der bei dem Volke gern

gesehenen Weise bisher abgehalten; Karl und Laud beschlossen aber jetzt,

den Schotten die englische Liturgie oder vielmehr eine Liturgie

aufzudringen, die nach dem Urtheile aller strengen Protestanten nicht

nur von der englischen abwich, sondern auch in den abweichenden Punkten

schlechter war, als jene.

Diesem rein aus tyrannischem Übermuthe und in sträflicher Unkenntniß

oder noch strafwürdigerer Verachtung der Volksgefühle unternommenen

Schritte verdankt unser Vaterland seine Freiheit. Der erste Gottesdienst

mit den neuen Ceremonien hatte einen Aufruhr zur Folge, und der Aufruhr

ward schnell zu einer Revolution. Ehrgeiz, Vaterlandsliebe und

Fanatismus brausten auf in einem gewaltig reißenden Strome; die ganze

Nation stand unter den Waffen. Zwar war die Macht Englands, wie sich

einige Jahre später auswies, stark genug, um Schottland im Zügel zu

halten; aber ein großer Theil des englischen Volks theilte die

religiösen Gefühle der Aufständischen, und viele Engländer, denen

Wechselgesänge, Kniebeugen, Altäre und Chorhemden keine Scrupel

erregten, sahen mit Freuden auf die Fortschritte einer Empörung,

die Aussicht auf Vereitelung der Willkürpläne des Hofes und auf die

Einberufung eines Parlaments bot.

Für diesen unklugen Einfall, der solche Wirkungen hervorbrachte, ist

Wentworth nicht verantwortlich zu machen,[11] denn er verwirrte in der

That alle seine Pläne. Eine Nachgiebigkeit anzurathen, lag jedoch nicht

in seiner Natur. Es ward versucht, den Aufstand durch das Schwert zu

dämpfen; aber die militärischen Kräfte und Talente des Königs waren dem

Unternehmen nicht gewachsen. Unter diesen Umständen und im Widerspruche

mit den Gesetzen neue Steuern aufzuerlegen, wäre Wahnsinn gewesen; es

blieb keine andere Aussicht als ein Parlament, und im Frühjahr 1640 ward

ein solches einberufen.

[Anmerkung 11: Siehe seinen Brief an den Grafen von

Northumberland, d. d. 30. Juli 1638.]

[_Ein Parlament wird berufen und aufgelös't._] Bei der Aussicht auf

Wiederherstellung einer verfassungsmäßigen Regierung und auf Abhilfe der

Beschwerden war die Stimmung der Nation eine bessere geworden. Das neue

Haus der Gemeinen zeigte sich gemäßigter und ehrerbietiger gegen den

Thron, als alle, die sich seit dem Tode Elisabeths versammelt hatten.

Die ausgezeichnetsten Royalisten haben die Mäßigung dieser Versammlung

hoch gepriesen, aber den Häuptern der Opposition scheint sie nicht wenig

Sorge und eine große Enttäuschung bereitet zu haben. Karl blieb indeß

seiner eben so unpolitischen als unedeln Gewohnheit treu, den Wünschen

seines Volks so lange sich abhold zu zeigen, bis diese Wünsche drohend

ausgesprochen wurden. Kaum legten die Gemeinen die Neigung an den Tag,

die Beschwerden, unter denen das Land elf Jahre lang gelitten, in

Betracht zu ziehen, als der König das Parlament mit allen Zeichen des

Mißfallens auflös'te.

Zwischen der Auflösung dieser auf so kurze Zeit einberufenen Versammlung

und der Constituirung jenes ewig merkwürdigen Körpers, der unter dem

Namen des Langen Parlaments bekannt ist, lagen wenig Monate, in denen

das Joch der Nation sich herber als je gestaltete, der Volksgeist aber

sich zorniger als je dagegen erhob. Der Geheime Rath ließ Mitglieder des

Hauses der Gemeinen wegen ihres parlamentarischen Verhaltens zur

Rechenschaft ziehen, und als sie sich weigerten Rede zu stehen, in's

Gefängniß werfen. Das Schiffsgeld ward mit größerer Strenge

eingetrieben; man bedrohte den Lord Mayor und die Sheriffs von London

mit Gefängniß, weil sie nicht streng genug die Gelder eingezogen hatten;

es fanden gewaltsame Aushebungen von Soldaten statt, deren Unterhalt

ihre Grafschaften bestreiten mußten. Die stets ungesetzlich gewesene

Folter, und erst kürzlich noch von den servilsten Richtern jener Zeit

für ungesetzlich erklärt, ward in England im Monat Mai 1640 zum letzten

Male angewendet.

Von dem Ausgange der Kriegsoperationen des Königs gegen die Schotten

hing nun Alles ab. Jener Geist, der den eigentlichen Soldaten von dem

Volke trennt und ihn an seine Führer bindet, zeigte sich äußerst

spärlich in seinen Truppen. Das Heer, größtentheils aus Rekruten

zusammengesetzt, die sich nach dem Pfluge zurücksehnten, von dem man sie

gewaltsam fortgerissen, und die im ganzen Lande vorherrschenden

religiösen und politischen Ansichten theilend, war dem Könige

gefährlicher als dem Feinde. Die von den Führern der englischen

Opposition ermuthigten Schotten fanden bei den englischen Truppen nur

schwachen Widerstand, sie gingen über den Tweed und den Tyne, und

lagerten sich an den Grenzen von Yorkshire. Und nun artete das Murren

der Unzufriedenheit in einen Tumult aus, der alle Gemüther, eines

ausgenommen, mit Schrecken erfüllte. Strafford beharrte noch immer bei

dem »Durch«, und selbst in diesem verhängnißvollen Augenblicke zeigte er

sich so grausam und despotisch, daß nicht viel fehlte, und seine eigenen

Lanzknechte hätten ihn in Stücke zerrissen.

Noch gab es indessen ein Auskunftsmittel, das dem Könige, wie er sich

schmeichelte, die Schmach ersparen könnte, einem andern Hause der

Gemeinen gegenüberzutreten. Dem Hause der Lords war er weniger

abgeneigt. Die Bischöfe hingen an ihm und die weltlichen Lords, wenn

auch im Allgemeinen mit seiner Verwaltung nicht einverstanden, mußten

sich doch als Stand so sehr bei der Aufrechterhaltung der Ordnung und

dem Verbleiben der alten Einrichtungen interessiren, daß ein Drängen

nach ausgedehnten Reformen ihrerseits nicht zu fürchten war. Wider die

Gewohnheit, die seit Jahrhunderten ununterbrochen bestanden, rief er nur

die Lords zu einem großen Rathe zusammen; die Lords aber waren zu klug,

als daß sie die verfassungswidrigen Funktionen übernahmen, die er ihnen

zugedacht hatte. Ohne Geld, ohne Credit und ohne Autorität, selbst in

seinem eigenen Lager, fügte er sich dem Drange der Nothwendigkeit. Die

Häuser wurden zusammenberufen und die Wahlen bewiesen, daß Mißtrauen und

Haß gegen die Regierung seit dem Frühjahre gefährliche Fortschritte

gemacht hatten.

[_Das lange Parlament._] Im November 1640 trat jenes berühmte Parlament

zusammen, das, ungeachtet mancher Irrthümer und Mißgeschicke, gerechten

Anspruch auf die Hochachtung und Dankbarkeit aller derer hat, die in

irgend einem Theile der Welt sich der Segnungen einer constitutionellen

Regierung erfreuen.

Im Laufe des folgenden Jahres stellte sich in den Häusern keine

Meinungsverschiedenheit von großer Wichtigkeit heraus. Die bürgerliche

und geistliche Verwaltung war zwölf Jahre hindurch so bedrückend und so

verfassungswidrig ausgeübt worden, daß selbst diejenigen Klassen,

die gewöhnlich auf Ordnung und Autorität halten, mit großem Eifer

volksthümliche Reformen zu fördern und die Werkzeuge der Tyrannei vor

Gericht zu stellen bemüht waren. Eine Verordnung ward erlassen, wonach

zwischen einem und dem nächsten Parlamente nicht mehr als drei Jahre

liegen durften und erfolgte das Ausschreiben unter dem großen Siegel

nicht zur gehörigen Zeit, so waren die Wahlbeamten befugt, auch ohne ein

solches Ausschreiben die Wahlkörper behufs Wahl der Vertreter

einzuberufen. Die Sternkammer, die Hohe Kommission und der Rath von York

wurden aufgehoben. Männer, die grausam verstümmelt in tiefen Kerkern

schmachteten, wurden freigelassen. An den ersten Dienern der Krone nahm

das Volk schonungslose Rache; der Lord Siegelbewahrer, der Primas, der

Lord Statthalter wurden in Anklagestand versetzt; Finch rettete sich

durch die Flucht, Laud ward in den Tower geworfen und Strafford ward vor

Gericht gestellt und laut eines Parlamentsbeschlusses zum Tode

verurtheilt. An demselben Tage, an dem dieser Beschluß durchging,

stimmte der König einem Gesetze bei, durch das er sich verpflichtete,

das bestehende Parlament weder zu vertagen, noch zu prorogiren oder

aufzulösen, wenn es nicht selbst seine Zustimmung dazu gäbe.

Im September 1641, nach einer zehnmonatlichen angestrengten Arbeit,

vertagten sich die Häuser auf kurze Zeit und der König besuchte

Schottland, das er nur mit Mühe durch die Verzichtleistung auf alle

seine kirchlichen Reformpläne und durch die mit großer Überwindung

ertheilte Bestätigung einer Akte, die das Episcopat in Widerspruch mit

Gottes Wort erklärte, beruhigte.

[_Erstes Auftreten der beiden großen englischen Parteien._] Die Ferien

des englischen Parlamentes dauerten sechs Wochen. Der Tag des

Wiederzusammentritts der Häuser bildet eine der merkwürdigsten Epochen

unserer Geschichte. Von diesen Tage an existiren die beiden großen

corporativen Parteien, die seitdem stets das Land abwechselnd regiert

haben, obgleich der Unterschied, der damals augenscheinlich hervortrat,

in einem gewissen Sinne immer bestanden hat und auch immer bestehen muß,

denn er entspringt den Verschiedenheiten des Temperaments, der

Intelligenz und des Interesses, die man in allen Gesellschaften findet

und so lange finden wird, bis der menschliche Geist aufhört, sich durch

den Reiz der Gewohnheit und Neuheit in entgegengesetzte Richtungen

leiten zu lassen. Wir finden diesen Unterschied nicht nur in der

Politik, sondern auch in der Literatur, in Kunst und Wissenschaft, in

Chirurgie, Mechanik, dem Seewesen, der Landwirthschaft, und selbst in

der Mathematik. Überall begegnen wir einer Menschenklasse, die mit

Vorliebe an allem Alten hängt, und selbst dann noch mit banger Besorgniß

und bösen Ahnungen in die Neuerung willigt, wenn überwiegende Gründe für

deren Wohlthätigkeit vorliegen. Ebenso finden wir überall eine zweite

Menschenklasse, die sanguinischer Hoffnung und kühner Pläne voll die

Unvollkommenheiten des Bestehenden rasch erfaßt, über die Gefahren und

Widerwärtigkeiten der Neuerungen leicht hinweggeht, und nur zu geneigt

ist, jede Veränderung für eine Verbesserung zu halten. In den Neigungen

beider Klassen liegt etwas, das man billigen muß; aber die Höhepunkte

Beider findet man in der Nähe der gemeinschaftlichen Grenze, der extreme

Theil der einen besteht aus abergläubischen, einfältigen Narren; der

extreme Theil der andern aus seichten und unbesonnenen Empirikern.

Daß sich schon in unsern ersten Parlamenten ängstlich auf Erhaltung des

Bestehenden bedachte Mitglieder von andern, eifrig nach Reformen

strebenden unterscheiden ließen, ist nicht zu bezweifeln; so lange aber

die Sitzungen des gesetzgebenden Körpers nur von kurzer Dauer waren,

konnten diese Gruppen keine bestimmte und bleibende Form annehmen, sich

anerkannten Führern nicht unterordnen, und sich weder durch Namen und

Zeichen noch durch Losungsworte unterscheiden. Der Unwille über die seit

vielen Jahren erlittene widergesetzliche Unterdrückung war während der

ersten Monate des langen Parlaments so groß und allgemein, daß das Haus

der Gemeinen wie ein Mann handelte. Ohne Streit verschwand Mißbrauch auf

Mißbrauch. Eine geringe Minorität des repräsentativen Körpers wünschte

die Sternkammer und die Hohe Commission beizubehalten; aber

eingeschüchtert durch die Begeisterung und das numerische Übergewicht

der Reformer begnügte sie sich, im Stillen den Verlust von Institutionen

zu beklagen, die mit irgend einer Aussicht auf Erfolg sich offen nicht

vertheidigen ließen. Die Royalisten fanden es in einer spätern Zeit für

zweckmäßig, den Ursprung der zwischen ihnen und ihren Gegnern

eingetretenen Spaltung weiter hinauszuverlegen, und die Akte, die dem

Könige das Auflösen oder Vertagen des Parlamentes verbietet, die Akte

über die dreijährige Frist zwischen zwei Parlamenten, sowie die Anklage

der Minister und den Antrag auf Straffords Verurtheilung, jener Faktion

beizumessen, die später gegen den König Krieg führte. Ein unredlicherer

Kunstgriff läßt sich nicht denken. Die eifrigste Förderung dieser

strengen Maßregel war von Männern ausgegangen, die später unter den

Cavalieren in erster Reihe standen. Kein Republikaner hätte härter über

Karls so lange schlecht verwaltete Regierung gesprochen, als Colepepper,

und die merkwürdigste Rede zu Gunsten der Dreijährigkeits-Akte hatte

Digby gehalten. Die Anklage des Lord Siegelbewahrers hatte Falkland

beantragt, und die Forderung, den Lord Statthalter in engem Gewahrsam zu

halten, war an den Schranken des Lords von Hyde gestellt. Erst dann, als

das Gesetz in Betreff der Verurtheilung Strafford's vorgeschlagen wurde,

ließen sich die Zeichen einer ernsten Uneinigkeit erkennen und selbst

gegen dieses Gesetz, das nichts als die äußerste Nothwendigkeit

rechtfertigen konnte, stimmten etwa sechzig Mitglieder des Hauses der

Gemeinen. Es ist gewiß, daß Hyde nicht bei der Minorität war, und daß

Falkland nicht nur mit der Majorität stimmte, sondern auch kräftig zu

Gunsten der Bill sprach. Selbst die kleine Anzahl, die Zweifel darüber

hegte, ob eine die Todesstrafe aussprechende Verfügung rückwirkend sein

könne, hielten es für nöthig gegen Straffords Charakter und Verwaltung

den größten Abscheu auszudrücken.

Unter dieser scheinbaren Einmüthigkeit verbarg sich indeß ein großes

Schisma, und als im October 1641 das Parlament nach kurzen Ferien wieder

zusammentrat, standen zwei Parteien einander feindlich gegenüber, dem

Wesen nach dieselben, die unter verschiedenen Namen seitdem stets um die

Leitung der öffentlichen Angelegenheiten gestritten haben und noch

streiten. Man bezeichnete sie einige Jahre hindurch mit den Namen:

Cavaliere und Rundköpfe; später nannte man sie Tories und Whigs, und wie

es scheint, werden diese letztern Namen sobald nicht veralten.

Auf jede dieser berühmten Faktionen eine Schmähschrift oder eine Lobrede

zu verfassen, würde nicht schwer sein, denn Jeder, der noch einigermaßen

urtheilsfähig und redlich ist, muß eingestehen, daß dem Rufe der Partei,

der er angehört, nicht zu vertilgende Flecken ankleben und daß seine

Gegenpartei sich vieler ausgezeichneten Namen, vieler heroischen Thaten

und vieler großen, dem Staate geleisteten Dienste rühmen kann. Die

Wahrheit ist, daß England beider Parteien, obgleich sie sich oft

bedeutend geirrt, nicht hätte entbehren können. Wenn wir in den

Institutionen desselben Freiheit und Ordnung mit den aus Neuerung und

Verjährung entspringenden Vortheilen bis zu einem Umfange vereinigt

finden, der andernorts unbekannt ist, so können wir diese glückliche

Eigenthümlichkeit den heftigen Kämpfen und den abwechselnden Siegen

zweier wetteifernden Verbindungen von Staatsmännern zuschreiben: der

einen, die für Autorität und Alterthum, der andern, die für Freiheit und

Fortschritt eiferte.

Man darf den Umstand nicht übersehen, daß der Unterschied zwischen den

beiden Hauptabtheilungen englischer Politiker stets mehr ein Unterschied

des Grades als des Grundsatzes gewesen ist. Gewisse Grenzen, zur Rechten

wie zur Linken, wurden sehr selten überschritten. Eine kleine Anzahl

Enthusiasten auf der einen Seite hätte bereitwillig alle unsere Rechte

und Freiheiten dem Könige zu Füßen gelegt; auf der andern Seite gab es

ebenfalls einzelne Enthusiasten, die gern ihr Lieblingsphantom, das

einer Republik, durch endlose Bürgerkriege verfolgt hätten. Aber die

große Mehrzahl der Anhänger der Krone war dem Despotismus nicht

zugethan, und die große Mehrzahl der Kämpfer für die Volksrechte wollte

die Anarchie nicht. Im Laufe des siebzehnten Jahrhunderts stellten beide

Parteien zweimal den gegenseitigen Kampf ein, um ihre Kräfte zur

Durchführung einer gemeinschaftlichen Sache zu vereinigen. Ihre erste

Vereinigung stellte die erbliche Monarchie wieder her; ihre zweite

rettete die verfassungsmäßige Freiheit.

Ferner muß bemerkt werden, daß diese Parteien nie die ganze Nation

umfaßt, und daß selbst beide zusammen nie eine Mehrzahl von der Nation

gebildet haben; stets befand sich zwischen ihnen eine große Masse,

die nicht beständig einer oder der andern anhing, und bald in träger

Neutralität verharrte, bald hin und her schwankte. Diese Masse ist in

wenigen Jahren mehr als einmal von einem Extreme zu dem andern, und dann

wieder zurück gegangen. Mitunter wechselte sie ihre Parteistellung nur

deshalb, weil sie stets dieselben Männer zu unterstützen müde war;

mitunter, weil sie vor ihrem eigenen Zuweitgehen erschrak, und nicht

selten auch, weil sie Unmöglichkeiten erwartet hatte und sich getäuscht

sah. Neigte sie sich aber mit ihrem ganzen Gewicht nach der einen oder

andern Richtung hin, war ein Widerstand für diese Zeit unmöglich.

Bei dem ersten Auftreten der rivalisirenden Parteien in bestimmter

Gestalt schienen ihre Kräfte ziemlich gleich vertheilt zu sein. Auf der

Seite der Regierung stand eine große Mehrzahl des Adels und jener

reichen Gentlemen aus guter Familie, denen, um adelig zu sein, nichts

fehlte als der Name; diese bildeten mit ihren Anhängern, über deren

Beistand sie bestimmen konnten, eine nicht unbedeutende Macht im Staate.

Auf derselben Seite standen der ganze Clerus, beide Universitäten und

jene Laien alle, die fest der bischöflichen Regierung und dem

anglikanischen Ritual anhingen. Diesen achtbaren Klassen hatten sich

einige Bundesgenossen von minderer Bedeutung angeschlossen. Alle,

die aus dem Vergnügen ein Geschäft machten, oder durch Galanterie,

Kleiderprunk und Geschmack an den leichten Künsten sich hervorthun

wollten, veranlaßte die puritanische Strenge, zu der Partei des Königs

zu treten. Mit diesen gingen nun wiederum alle diejenigen, die davon

lebten, Andern Zeitvertreib zu schaffen; der Maler, der komische

Dichter, der Seiltänzer und der Possenreißer (lustige Andreas). Diese

Künstler wußten recht gut, daß sie nur unter einem stolzen und üppigen

Despotismus gedeihen konnten, unter der strengen Herrschaft der

Rigoristen aber Hunger leiden mußten. Dasselbe Interesse leitete alle

Katholiken. Die Königin, eine Tochter Frankreichs, bekannte sich zu

ihrem Glauben; von dem Gemahle derselben wußte man, daß er seine Gattin

eben so sehr liebte, als er sie fürchtete, und daß er, obgleich

unbezweifelt Protestant aus Überzeugung, dennoch die Bekenner der alten

Religion nicht mit Abneigung betrachtete, sondern ihnen gern eine

größere Duldung gewährte, als er den Presbyterianern zu bewilligen

bereit war. Wenn die Opposition den Sieg davon trug, so wären

wahrscheinlich die unter der Regierung Elisabeths erlassenen Blutgesetze

streng geübt worden; die Römisch-Katholischen hatten daher die

triftigsten Gründe, sich der Sache des Hofes zuzuwenden. Verfuhren sie

im Allgemeinen auch mit einer Vorsicht, durch die sie den Vorwurf der

Feigheit und Lauheit auf sich zogen, so ist es dennoch wahrscheinlich,

daß sie bei dieser großen Zurückhaltung nicht minder das Interesse des

Königs als ihr eigenes im Auge hatten, und es wäre wahrlich nicht

heilbringend für ihn gewesen, wenn sie sich unter seinen Freunden

besonders bemerkbar gemacht hätten.

Die Opposition fand ihre Hauptstärke in den kleinen Freisassen auf dem

Lande und den Krämern der Städte; aber diese wurden von einer zu

fürchtenden Minorität der Aristokratie geleitet, zu der die reichen und

mächtigen Grafen von Northumberland, Bedford, Warwick, Stamford und

Essex gehörten. In denselben Reihen befanden sich sämmtliche

protestantischen Nonconformisten und die mehrsten derjenigen Mitglieder

der Staatskirche, die noch immer an den calvinistischen Meinungen

hingen, welche die Prälaten und die niedere Geistlichkeit vor vierzig

Jahren allgemein getheilt hatten. Auch die städtischen Corporationen

standen, mit geringen Ausnahmen, auf Seite derselben Partei. In dem

Hause der Gemeinen hatte die Opposition das Übergewicht, jedoch ein

nicht entschiedenes.

Keiner der beiden Parteien fehlte es für die Maßregeln, die sie

ergriffen zu sehen wünschten, an triftigen Gründen. Das Raisonnemenent

der aufgeklärtesten Royalisten kann in Folgendem zusammengefaßt werden:

»Es ist wahr, daß große Mißbräuche stattgefunden haben, aber sie sind

beseitigt. Es ist wahr, daß theure Rechte verletzt worden sind, aber man

hat ihnen wieder volle Geltung und neue Bürgschaften dafür gegeben. Man

hat zwar die Versammlungen der Reichsstände gegen alle frühern Gebräuche

und gegen den Geist der Verfassung elf Jahre lang ausgesetzt, jetzt aber

steht fest, daß in Zukunft nie drei Jahre ohne ein Parlament

verstreichen sollen. Die Sternkammer, die Hohe Commission und der Rath

von York haben uns gedrückt und ausgeplündert; diese verhaßten

Gerichtshöfe existiren nicht mehr. Der Lord Statthalter gedachte einen

Militairdespotismus einzuführen; er hat diesen Verrath mit seinem Kopfe

gebüßt. Der Primas befleckte unsern Gottesdienst mit papistischen

Gebräuchen und strafte die Zweifel unsers Gewissens mit papistischer

Grausamkeit; er erwartet im Tower das Urtheil seiner Pairs. Der Lord

Siegelbewahrer bestätigte einen Plan, nach dem das Eigenthum aller

Engländer der Gnade der Krone unterworfen werden sollte; er ist

beschimpft, zu Grunde gerichtet und gezwungen worden, Zuflucht in einem

fremden Lande zu suchen. Die Diener der Tyrannei haben ihre Verbrechen

gebüßt -- die Opfer der Tyrannei haben für ihre Leiden Entschädigung

erhalten. Es würde nicht weise sein, wollten wir unter diesen Umständen

ferner noch auf einem Verfahren beharren, das damals gerechtfertigt und

nothwendig war, als wir nach einem langen Zwischenraume wieder

zusammentraten und die ganze Verwaltung nur aus Mißbräuchen bestehend

vorfanden; jetzt müssen wir uns hüten, unsern Sieg über den Despotismus

nicht so weit zu verfolgen, daß wir der Anarchie anheimfallen. Die

schlechten Einrichtungen, unter denen das Vaterland noch vor Kurzem

seufzte, ohne gewaltige, die Grundlagen der Regierung erschütternde

Maßregeln zu beseitigen, stand nicht in unserer Macht; jetzt aber, da

diese Einrichtungen gestürzt sind, dürfen wir nicht zögern, dasselbe

Gebäude zu stützen, das zu zertrümmern noch vor kurzer Frist unsere

Pflicht war. Unsere Weisheit muß künftig darin bestehen, daß wir

mißtrauisch die Neuerungspläne in's Auge fassen und alle jene

Hoheitsrechte, die das Gesetz im Interesse des allgemeinen Besten dem

Souverain verliehen, vor Beeinträchtigung wahren.«

Dies waren die Ansichten der Männer, als deren Führer der vortreffliche

Falkland zu betrachten ist. Auf der andern Seite behaupteten nicht

geringer befähigte und redliche Männer mit nicht minder ernstem

Nachdrucke, daß die Bürgschaften für die Freiheiten des englischen

Volkes mehr scheinbare als wirkliche seien, und daß der Hof seine

Willkürpläne sofort wieder aufnehmen würde, wenn die Wachsamkeit der

Gemeinen nachließe. Es sei wahr, sagten Pym, Hollis und Hampden, daß

viele gute Gesetze erlassen wären, aber hätten diese Gesetze genügt, den

König zu beschränken, so würden seine Unterthanen nur wenig Ursache zu

Klagen über seine Verwaltung gehabt haben, und die neuen Gesetze,

meinten sie, hätten sicherlich keine geringere Autorität, als die Magna

Charta und die Bitte um Recht; aber weder die Magna Charta, wenn auch

durch die Verehrung geheiligt, die man ihr vier Jahrhunderte lang

gezollt, noch die Bitte um Recht, die Karl selbst nach reiflicher

Erwägung und aus wichtigen Gründen genehmigt, sei für den Schutz des

Volkes wirksam genug befunden worden. Erschlaffte nur einmal der Zügel

der Furcht, ließe man den Geist der Opposition nur einmal einschlummern,

so würden sich alle Bürgschaften für die englischen Freiheiten in eine

einzige auflösen, in das königliche Wort, und daß man diesem nicht viel

trauen dürfe, sei durch eine lange und bittere Erfahrung bewiesen.

[_Der irische Aufstand._] Noch beharrten beide Parteien in einer

feindseligen Vorsicht, noch hatten sie ihre Kraft nicht gemessen, als

eine Kunde anlangte, welche Beider Leidenschaften entflammte und Beide

in ihren Ansichten bestärkte. Es hatten nämlich die großen Häuptlinge

von Ulster, die sich bei Jakobs Regierungsantritte der königlichen

Autorität nach langem Kampfe gebeugt, der erniedrigenden Abhängigkeit

müde, sich gegen die englische Regierung verschworen, und waren des

Hochverraths für schuldig erklärt worden. Ihre unermeßlichen Besitzungen

fielen nun der Krone anheim und wurden bald von Tausenden englischer und

schottischer Auswanderer bevölkert. Die neuen Ansiedler überragten an

Civilisation und geistiger Bildung die Eingeborenen, und mißbrauchten

nicht selten diese Überlegenheit. Der Haß, den die Verschiedenheit des

Stammes erzeugt, ward durch die Verschiedenheit der Religion noch

vermehrt. Unter Wentworth's eiserner Herrschaft hatte sich zwar kaum ein

leises Murren vernehmen lassen; als aber dieser starke Druck aufgehoben,

als Schottland das Beispiel eines erfolgreichen Widerstandes geliefert,

und als England mit eigenen Zwistigkeiten zu thun hatte, da brach die

verhaltene Wuth der Iren in schrecklichen Gewaltthätigkeiten aus.

Die Eingeborenen erhoben sich gegen die Colonisten. Ein Krieg, dem

nationaler und religiöser Haß einen besonders furchtbaren Charakter

verliehen, verwüstete Ulster und breitete sich über die benachbarten

Provinzen aus. Das Schloß von Dublin hielt man kaum noch für sicher.

Jede Post brachte Gräuelberichte nach London, die, wenn sie auch nicht

übertrieben gewesen wären, dennoch Mitleid und Schrecken erregen mußten.

Diese bösen Botschaften nun entzündeten bis zum höchsten Grade den Eifer

der beiden großen Parteien, die in Westminster zum Kampfe gerüstet

einander gegenüber standen. Die Anhänger des Königs behaupteten, es sei

die Pflicht eines jeden guten Engländers und Protestanten, in einer

solchen Krise die Macht des Souveräns zu stärken; die Opposition dagegen

war der Ansicht, es lägen jetzt mehr als je triftige Gründe vor, ihm

Hindernisse und Schranken entgegenzusetzen. Die Gefahr des Gemeinwesens

war allerdings Grund genug, einem des Vertrauens würdigen Oberhaupte

ausgedehnte Gewalt zu verleihen; aber der Umstand, daß dieses Oberhaupt

dem Lande feindlich gesinnt war, gab einen eben so triftigen Grund

dafür, ihm die Macht zu entziehen. Eine große Armee aufzustellen, war

von jeher des Königs Hauptbestreben gewesen, und jetzt mußte ein solches

Heer gesammelt werden. War man nun nicht auf neue Bürgschaften bedacht,

so stand zu befürchten, daß die zur Bezwingung Irlands aufgestellten

Streitkräfte gegen die Freiheit Englands verwendet werden würden. Aber

auch dies war noch nicht Alles. Es hatte sich ein gräßlicher Verdacht,

wenn auch ungerecht, doch nicht ganz unnatürlich, vieler Gemüther

bemächtigt. Die Königin nämlich war eine erklärte Anhängerin der

römisch-katholischen Kirche; den König hielten die Puritaner, weil er

sie stets schonungslos verfolgt hatte, nicht für einen aufrichtigen

Protestanten, und seine Zweideutigkeit war so allgemein bekannt, daß es

keine Verrätherei mehr gab, deren seine Unterthanen, nur bei einigem

Anscheine von Grund, ihn nicht für fähig gehalten hätten. Leise tauchte

das Gerücht auf, der Aufstand der Römisch-Katholischen von Ulster sei

nichts als ein Theil eines großen Werkes der Finsterniß, daß man in

Whitehall vorbereitet habe.

[_Die Remonstration._] Am 22. November 1641 fand nach einem Vorspiele

von einigen Wochen der erste große parlamentarische Kampf zwischen den

Parteien statt, die seitdem stets um die Regierung der Nation gestritten

haben und noch darum streiten. Die Opposition stellte den Antrag, das

Haus der Gemeinen möge dem Könige eine Vorstellung übergeben, in der die

Fehler, die er seit seiner Thronbesteigung in der Verwaltung begangen,

aufgezählt würden, und die zugleich das Mißtrauen ausdrücke, mit dem das

Volk seine Politik betrachte. Dieselbe Versammlung, die noch vor wenig

Monaten einstimmig die Abschaffung der Mißbräuche gefordert hatte, war

jetzt in zwei heftig erbitterte Parteien von fast gleicher Stärke

getheilt. Nach einer mehrstündigen heißen Debatte ward die beantragte

Remonstration mit nur elf Stimmen angenommen.

Der conservativen Partei war das Ergebniß dieses Kampfes ungemein

günstig. Daß sie binnen kurzer Zeit das Übergewicht im Unterhause

erlangen würde, war unzweifelhaft, wenn nicht eine große Unbesonnenheit

es verhinderte. Des Oberhauses hatte sie sich schon bemächtigt; es

fehlte nichts zur völligen Sicherung ihres Erfolgs, als daß der König in

seinem ganzen Verhalten Achtung vor den Gesetzen und gewissenhafte Treue

gegen seine Unterthanen an den Tag legte.

Seine ersten Maßregeln versprachen Gutes. Wie es schien, hatte er die

Nothwendigkeit eines vollständigen Wechsels des Systems erkannt und sich

klüglich dem zugewendet, was nicht länger vermieden werden konnte. Offen

erklärte er seinen Entschluß, daß er in Übereinstimmung mit den Gemeinen

regieren und deshalb nur Männer zu seinen Räthen wählen wolle, in deren

Fähigkeiten und Charakter sie volles Vertrauen setzten. Und diese Wahl

fiel auch wirklich nicht übel aus. Falkland, Hyde und Colepepper, drei

Männer, die sich durch den Eifer für Abstellung von Mißbräuchen und

Bestrafung schlechter Minister hervorgethan, wurden eingeladen, die

Stellung als vertraute Räthe der Krone einzunehmen, und sie erhielten

auch von Karl die feierliche Versicherung, daß er ohne ihr Mitwissen

keinen Schritt unternehmen wolle, der in irgend einer Weise das

Unterhaus verletze.

Hätte er dieses Versprechen gehalten, so würde ohne allen Zweifel die

Reaktion, die bereits im Fortschreiten begriffen, bald so stark geworden

sein, als es die besten Royalisten nur immer wünschen konnten. Die

heftigen Mitglieder der Opposition begannen schon an dem glücklichen

Erfolge ihrer Partei zu verzweifeln, für ihre eigene Sicherheit zu

fürchten und von dem Verkaufen ihrer Güter und der Übersiedelung nach

Amerika zu sprechen. Daß die helle Aussicht, die sich dem Könige bereits

eröffnet, sich plötzlich verdunkelte, daß sein Leben durch

Widerwärtigkeit getrübt und endlich gewaltsam verkürzt wurde, ist nur

seiner eigenen Treulosigkeit und Verhöhnung der Gesetze beizumessen.

Daß er beide Parteien, in die das Haus der Gemeinen sich theilte, haßte,

ist wahrscheinlich, und man kann sich darüber nicht wundern, denn in

beiden Parteien waren Freiheits- und Ordnungsliebe, wenn auch in

verschiedenen Verhältnissen, stets gemischt vorhanden. Die Rathgeber,

die zu berufen ihn die Nothwendigkeit gezwungen, waren durchaus nicht

Männer nach seinem Herzen; sie hatten an der Verurtheilung seiner

Tyrannei, an der Schmälerung seiner Macht und der Bestrafung seiner

Werkzeuge Theil genommen. Nun waren sie allerdings bereit, durch streng

gesetzliche Mittel seine streng gesetzlichen Rechte zu vertheidigen,

aber sie würden vor dem Gedanken zurückgeschaudert sein, Wentworths

Pläne des »Durch« wieder in Angriff zu nehmen. Aus diesem Grunde hielt

sie der König für Verräther, die sich nur durch den Grad ihrer

aufrührerischen Bosheit von Pym und Hampden unterschieden.

[_Anklage der fünf Mitglieder._] Einige Tage nach dem den Häuptern der

constitutionellen Royalisten geleisteten Versprechen, daß kein wichtiger

Schritt ohne ihr Mitwissen gethan werden solle, faßte er die

verhängnißvollste Entschließung seines ganzen Lebens, verbarg sie ihnen

sorgfältig und brachte sie in einer Weise zur Ausführung, die sie mit

Scham und Schrecken erfüllte. Er gab dem Kronanwalt Auftrag, Pym,

Hollis, Hampden und andere Mitglieder des Hauses der Gemeinen vor den

Schranken des Hauses der Lords als Hochverräther anzuklagen. Noch nicht

zufrieden mit dieser schweren Verletzung der Magna Charta und des

ununterbrochenen Gebrauchs von Jahrhunderten, erschien er in

Person, unter Begleitung von Bewaffneten, um in den Mauern des

Parlamentsgebäudes selbst die Führer der Opposition zu verhaften.

Der Versuch mißlang, denn die angeklagten Mitglieder hatten kurz vor

Karls Erscheinen das Haus verlassen. Sowohl im Parlamente als im Lande

folgte nun ein plötzlicher und heftiger Umschwung der Stimmung. Die

gelindeste Ansicht, welche die parteilichsten Verfechter des Königs über

sein Verhalten bei dieser Gelegenheit je gehegt haben, ist die, daß er

schwach genug gewesen sei, sich von den schlechten Rathschlägen seiner

Frau und seiner Höflinge zu einer unerhörten Unbesonnenheit hinreißen zu

lassen. Die allgemeine Stimme aber klagte ihn laut eines weit schwerern

Vergehens an. In demselben Augenblicke, in dem seine Unterthanen, lange

durch seine schlechte Verwaltung ihm entfremdet, mit Gefühlen des

Vertrauens und der Liebe zu ihm zurückkehren wollten, führte er einen

tödtlichen Streich auf ihre theuersten Rechte, auf die Vorrechte des

Parlaments, überhaupt auf das ganze Prinzip der Geschwornengerichte, und

zeigte, daß er eine Opposition gegen seine Willkürpläne für eine nur

durch Blut zu sühnende Schuld betrachte. Er war nicht nur seinem großen

Rathe und seinem Volke, sondern auch seinen eigenen Anhängern untreu

geworden, und hatte einen Schritt zu thun gewagt, der wahrscheinlich

einen blutigen Kampf an dem Stuhle des Sprechers hervorgerufen haben

würde, wenn ihn ein unvorhergesehener Zufall nicht verhindert hätte. Es

fühlten jetzt die einflußreichsten Männer im Unterhause, daß nicht nur

ihre Macht und Popularität, sondern auch ihre Güter und Köpfe von dem

Ausgange des Kampfes, in den sie verwickelt waren, abhingen. Der

gesunkene Eifer der dem Hofe entgegenstehenden Partei erhob sich

plötzlich wieder zu neuem Leben. Die ganze Nacht, die auf den Frevel

folgte, stand die City von London unter Waffen. Die der Hauptstadt

zuführenden Straßen waren nach wenig Stunden schon mit Schaaren von

Freisassen bedeckt, welche mit den Zeichen der Parlamentssache an den

Hüten nach Westminster eilten. Die Opposition im Hause der

Gemeinen wurde plötzlich unwiderstehlich und setzte, bei einem

Stimmenverhältnisse von mehr als zwei gegen eine, Beschlüsse von

beispielloser Heftigkeit durch. Die Wache in Westminsterhall wurde von

starken Abtheilungen der Landmiliz besetzt und regelmäßig abgelös't.

Eine wüthende Menge belagerte täglich die Thüren des königlichen

Palastes, ihre Schmähungen und Flüche drangen bis in das Audienzgemach,

und die Hofdiener konnten den Andrang kaum von den königlichen Zimmern

abhalten. Wäre Karl noch länger in der stürmisch aufgeregten Hauptstadt

geblieben, die Gemeinen würden wahrscheinlich einen neuen Vorwand

gefunden haben, um ihn, unter Beobachtung äußerer Formen der

Ehrerbietung, zum Staatsgefangenen zu machen.

[_Karls Abreise von London._] Er verließ London, um nicht eher dorthin

zurückzukehren, bis der Tag einer furchtbaren und denkwürdigen

Abrechnung gekommen war. Es begann eine Unterhandlung, die mehrere

Monate dauerte. Anklagen und Gegenanklagen wechselten zwischen den

streitenden Parteien; jede friedliche Schlichtung war unmöglich

geworden. Auch den König ereilte endlich die sichere Strafe, die den

steten Verrath treffen muß. Umsonst verpfändete er jetzt sein

königliches Wort, umsonst rief er den Himmel zum Zeugen der

Aufrichtigkeit seiner Versicherungen an; das Mißtrauen seiner Gegner war

weder durch Schwüre noch durch Verträge zu verbannen, denn sie hegten

die Überzeugung, daß ihre Sicherheit von seiner völligen Hilflosigkeit

abhinge, und aus diesem Grunde bestanden sie darauf, er solle nicht nur

auf die Vorrechte verzichten, die er sich durch die Verletzung alter

Gesetze und seiner eigenen noch kürzlich geleisteten Versprechen

angemaßt hatte, sondern auch auf andere, in deren Besitz die englischen

Könige seit undenklichen Zeiten waren und noch bis auf den heutigen Tag

sind. Es sollte ohne Zustimmung der Häuser kein Minister ernannt, kein

Pair gewählt werden, und vor Allem sollte der Souverain sich der

höchsten Militairgewalt entäußern, die seit einer Zeit, deren sich

niemand mehr erinnert, der königlichen Würde angehört hatte.

Daß Karl auf solche Forderungen eingehen würde, so lange er noch irgend

ein Widerstandsmittel besaß, ließ sich nicht erwarten; aber es würde

auch schwer sein, den Nachweis zu liefern, daß die Häuser mit Sicherheit

weniger hätten fordern können. Die große Mehrzahl der Nation hielt fest

an der erblichen Monarchie; der republikanisch Gesinnten waren nur noch

wenige, und diese wagten nicht, ihre Meinung laut auszusprechen. Die

Abschaffung des Königthums war daher eine Unmöglichkeit; aber zugleich

war es klar, daß man in den König kein Vertrauen setzen durfte. Es

hätten Diejenigen, die sein Streben nach ihrer Vernichtung aus jüngster

Erfahrung kannten, widersinnig gehandelt, wenn sie sich damit begnügt

hätten, ihm eine andere Bitte um Recht einzureichen, und von ihm neue,

denen ähnliche Versprechungen anzunehmen, die er wiederholt gegeben und

nicht gehalten hatte. Nur der Mangel einer Armee hatte ihn verhindert,

die alte Reichsverfassung völlig umzustürzen. Die Wiedereroberung

Irlands hatte die Aufstellung einer großen regelmäßigen Armee nöthig

gemacht, es wäre daher reiner Wahnsinn gewesen, hätte man die volle

Militairgewalt, wie sie seine Vorfahren besaßen, in seinen Händen lassen

wollen.

Befindet sich ein Land in der Lage, in der sich damals England befand,

wird das königliche Amt mit Liebe und Verehrung, aber die dasselbe

verwaltende Person mit Haß und Mißtrauen betrachtet, so sollte man

meinen, daß der einzuschlagende Ausweg nicht fern läge: die Würde des

Amtes aufrecht zu halten, und die Person zu beseitigen. Diesen Weg

wählten unsere Vorfahren 1399 und 1689. Hätte im Jahre 1642 ein Mann

gelebt, der eine Stellung wie Heinrich von Lancaster zur Zeit der

Entthronung Richards II., oder wie der Prinz von Oranien zur Zeit der

Thronentsetzung Jakobs II. einnahm, so ließe sich annehmen, daß die

Häuser die Dynastie gewechselt, aber keine förmliche Veränderung der

Verfassung ausgeführt haben würden, und der neue König, durch ihre Wahl

zu dem Throne berufen und abhängig von ihrer Unterstützung, hätte

nothwendig in Übereinstimmung mit ihren Wünschen und Ansichten regieren

müssen. Aber die Partei des Parlaments zählte keinen Prinzen von

königlichem Geblüte zu ihren Anhängern, und wenn sie auch Männer von

hohem Range und ausgezeichneten Fähigkeiten besaß, so war doch keiner

unter ihnen, der die übrigen dergestalt überragte, daß man ihn als

Throncandidaten aufstellen konnte. Da es einen König geben mußte, und

ein neuer nicht zu finden war, so stellte sich die Nothwendigkeit

heraus, Karl den königlichen Titel zu belassen, und es blieb nur der

eine Ausweg übrig, den Titel von den Hoheitsrechten zu trennen.

Schien auch die Änderung, welche die Häuser an unsern Institutionen

vorzunehmen beschlossen, eine weitumfassende, als man sie genau in

Vertragsartikel geordnet hatte; so ging sie doch in der That um nicht

viel weiter als jene Änderung, welche in der nächsten Generation die

Revolution hervorbrachte. Der Souverain ward in der Revolution

allerdings nicht durch ein Gesetz der Macht beraubt, seine Minister zu

wählen; aber es steht auch fest, daß es seit der Revolution keinem

Minister möglich war, länger als sechs Monate im Amte zu bleiben, wenn

das Haus der Gemeinen widersprach. Der Souverain hat zwar noch immer die

Gewalt Pairs zu ernennen, und die noch viel wichtigere des Schwertes;

aber er ist seit der Revolution bei Ausübung dieser Gewalten stets von

Räthen umgeben gewesen, die das Vertrauen der Volksvertreter besaßen.

Die Führer der Rundköpfe vom Jahre 1642 und die Staatsmänner, die

vielleicht ein halbes Jahrhundert später die Revolution hervorriefen,

verfolgten in der That genau dasselbe Ziel, und dieses Ziel war, den

Streit zwischen der Krone und dem Parlamente dadurch zu Ende zu bringen,

daß man dem Letztern die Oberaufsicht über die executive Verwaltung

zuertheilte. Die Staatsmänner der Revolution bewirkten dies indirekt

durch einen Dynastie-Wechsel. Die Rundköpfe von 1642 mußten einen

direkten Weg zum Ziele einschlagen, da sie den Dynastie-Wechsel nicht

bewirken konnten.

Es darf uns jedoch nicht befremden, wenn die Forderungen der Opposition,

die eine vollständige und förmliche Übertragung aller der Krone bisher

angehörigen Befugnisse auf das Parlament umfaßten, jene große Partei

abschreckten, deren charakteristische Merkmale Achtung vor gesetzlicher

Autorität und Furcht vor gewaltsamen Neuerungen waren. Diese Partei

hatte noch kürzlich die Hoffnung gehegt, die Erlangung des Übergewichts

in dem Hause der Gemeinen durch friedliche Mittel zu bewirken; in dieser

Hoffnung aber war sie getäuscht. Karl hatte durch seine Treulosigkeit

die alten Feinde unversöhnlich gemacht, eine Anzahl gemäßigter und im

Übertritte zu ihm begriffener Männer in die Reihen der Mißvergnügten

zurückgetrieben, und seine besten Freunde so tief gekränkt, daß sie sich

eine Zeit lang beschämt und entrüstet zurückzogen. Jetzt aber mußten die

constitutionellen Royalisten unter zwei Gefahren wählen, und sie hielten

es für Pflicht, eher zu einem Fürsten zu stehen, dessen bisheriges

Verfahren sie verabscheuten und dessen Worten sie wenig Vertrauen

schenkten, als eine Entwürdigung des königlichen Amtes und eine völlige

Umgestaltung der Reichsverfassung zu dulden. Mit diesen Gefühlen traten

viele Männer, deren Tugenden und Fähigkeiten einer jeden Sache zur Ehre

gereicht haben würden, auf die Seite des Königs.

[_Anfang des Bürgerkriegs._] Im August 1642 griff man endlich zum

Schwerte, und fast in jeder Grafschaft des Königreichs standen zwei

bewaffnete Parteien einander feindlich gegenüber. Welche von den

streitenden Parteien anfangs die furchtbarste war, läßt sich schwer

bestimmen. Die Häuser geboten über London und die umliegenden

Grafschaften, über die Flotte, die Themseschifffahrt und die meisten

großen Städte und Seehäfen; fast alle Kriegsvorräthe im Königreiche

standen zu ihrer Verfügung, so daß sie Zölle sowohl von Waaren, aus

fremden Ländern eingeführt, als auch von einigen wichtigen Erzeugnissen

inländischer Industrie erheben konnten. Der König war mit Artillerie und

Munition schlecht versehen. Die Steuern, welche er aus den von seinen

Truppen besetzten Landbezirken zog, lieferten einen weit geringern

Ertrag, als der, den das Parlament allein aus der City von London erhob.

Zwar ist es nicht zu läugnen, daß die Freigebigkeit seiner reichen

Anhänger ihn mit Geldmitteln unterstützte, daß viele von ihnen ihr

Grundeigenthum mit Schulden belasteten, ihre Juwelen verpfändeten und

ihre silbernen Geräthe und Taufbecken zu Gelde machten, um ihm zu

helfen; allein die Erfahrung hat vollständig bewiesen, daß die

freiwillige Aufopferung Einzelner, selbst in den Zeiten der größten

Aufregung, gegen eine strenge regelmäßige Besteuerung, die willige und

zähe Zahler zugleich drückt, nur eine dürftige finanzielle Hilfsquelle

ist.

Karl besaß jedoch einen Vortheil, der nicht nur den Mangel an Vorräthen

und Geld mehr als aufgewogen haben würde, wenn er ihn gut benützt hätte,

sondern ihm auch, ungeachtet der schlechten Führung, einige Monate lang

die Überlegenheit im Kriege gab. Seine Truppen kämpften anfangs viel

besser, als die des Parlaments. Bestanden auch beide Armeen fast nur aus

Leuten, die nie ein Schlachtfeld gesehen hatten, so war dennoch der

Unterschied ein großer. In den Reihen der Parlamentstruppen standen eine

Menge Miethlinge, die Mangel und Müßiggang bewogen hatten, sich anwerben

zu lassen. Hampdens Regiment hielt man für eins der Besten; aber selbst

dieses Regiment schildert Cromwell nur als eine zusammengelaufene Bande

von unbeschäftigten Kellnern und Bedienten. Die Armee des Königs dagegen

bestand größtentheils aus muthigen, begeisterten Gentlemen, gewohnt, den

Tod der Schande vorzuziehen, im Fechten und im Gebrauche der Feuerwaffe

geübt, als kecke Reiter vertraut mit der männlichen und gefahrvollen

Lust der Jagd, die man passend ein Bild des Krieges genannt hat. Solche

Männer, ihre Leibrosse unter sich und kleine Schaaren kommandirend, die

aus ihren jüngern Brüdern, ihren Stallknechten, Wildhütern und Jägern

zusammengestellt waren, zeigten sich schon am ersten Tage des Feldzugs

befähigt, in einem Gefecht mit Ehren zu bestehen. Zwar brachten es diese

tapfern Freiwilligen nie zu der Ausdauer, dem pünktlichen Gehorsam und

der maschinenmäßigen Präzision in den Bewegungen, die den regulären

Soldaten eigen sind; aber man stellte sie anfangs Feinden entgegen, die

eben so undisziplinirt wie sie, und bei weitem nicht so unternehmend,

stark und beherzt waren. Aus diesem Grunde fochten die Cavaliere eine

Zeit lang fast immer mit Glück.

Auch in der Wahl eines Generals war das Parlament unglücklich gewesen.

Der Rang und Reichthum des Grafen Essex machten ihn zu einem der

bedeutendsten Glieder der Parlamentspartei. Er hatte ruhmvoll auf dem

Continente gefochten, und bei dem Beginne des Krieges ward er als

Militair so hoch geachtet, wie nur irgend ein Mann im Lande; aber bald

zeigte es sich, daß er dem Posten des Oberbefehlshabers nicht gewachsen

war. Er hatte wenig Energie und durchaus keinen erfinderischen Geist, so

daß ihn die im pfälzischen Kriege erlernte regelmäßige Taktik nicht vor

dem Schimpfe bewahrte, sich von einem Anführer wie Ruprecht, der keinen

höhern Ruhm als den eines kühnen Parteigängers beanspruchen konnte,

überrumpeln und zersprengen zu lassen.

Ebenso wenig waren die Offiziere, denen man unter Essex die Hauptposten

anvertraut hatte, geeignet, das zu ersetzen, was ihm fehlte. Das

Parlament kann man dafür nicht verantwortlich machen. In einem Reiche,

in dem seit Menschengedenken kein großer Landkrieg geführt war, suchte

man vergebens nach Generalen von erprobter Kunst und Tapferkeit, mußte

daher anfangs unerprobten Männern vertrauen und gab natürlich von diesen

denen den Vorzug, die sich entweder durch ihre Stellung, oder durch ihre

im Parlamente entwickelten Fähigkeiten hervorgethan hatten. Aber auch

nicht eine einzige Wahl war eine glückliche zu nennen; weder die großen

Herren noch die großen Redner zeigten sich als gute Soldaten. Der Graf

von Stamford, einer der bedeutendsten Männer des hohen Adels, ward bei

Stratton von den Royalisten geschlagen; Nathaniel Fiennes, der an

Fähigkeiten in bürgerlichen Angelegenheiten keinem seiner Zeitgenossen

nachstand, bedeckte sich durch die kleinmüthige Übergabe von Bristol mit

Schmach. Von allen Staatsmännern, die in jener Zeit hohe Militairposten

empfingen, scheint Hampden allein auch im Felde die Fähigkeit und

Energie gezeigt zu haben, durch die er sich in der Politik auszeichnete.

[_Erfolge der Royalisten._] Nach Verlauf eines Jahres waren alle

Kriegsvortheile entschieden auf Seiten der Royalisten. In den westlichen

und nördlichen Grafschaften hatten sie gesiegt, sie hatten dem

Parlamente Bristol, die zweite Stadt des Königreichs, entrissen, und

mehrere Schlachten gewonnen, ohne eine einzige ernste oder schimpfliche

Niederlage zu erleiden. Unter den Rundköpfen dagegen begann das

Mißgeschick Uneinigkeit und Unzufriedenheit hervorzurufen; das Parlament

ward bald durch Komplote, bald durch Tumulte in einer steten Aufregung

erhalten, so daß man es für nöthig erachtete, London gegen die

königliche Armee zu befestigen, und einige mißvergnügte Bürger an ihren

eigenen Hausthüren aufzuhängen. Mehrere der bekanntesten Pairs, die bis

dahin zu Westminster geblieben waren, flüchteten an den Hof, damals zu

Oxford, und unbezweifelt würde Karl im Triumphe nach Whitehall marschirt

sein, wenn zu dieser Zeit die Operationen der Cavaliere durch

scharfsinnige und energische Köpfe geleitet worden wären.

Aber der König ließ den günstigen Augenblick vorübergehen, und dieser

Augenblick kam nie wieder. Im August 1643 belagerte er die Stadt

Gloucester, die von den Einwohnern und der Garnison mit einer

Hartnäckigkeit vertheidigt ward, wie sie die Anhänger des Parlamentes

seit dem Beginn des Krieges nicht gezeigt hatten. Dieses Beispiel

erweckte den Eifer Londons, und die Miliz der City erklärte sich bereit,

nach allen Orten zu gehen, wo man ihrer Dienste bedürfe. Man sammelte

schnell eine beträchtliche Streitmacht, und ließ sie nach dem Westen

ausrücken. Man entsetzte Gloucester. In allen Theilen des Königreichs

verloren die Royalisten den Muth, die Parlamentspartei ward von neuem

begeistert, und die abtrünnigen Lords, welche jüngst von Westminster

nach Oxford geflohen waren, kehrten eilig von Oxford nach Westminster

zurück.

[_Erstehen der Independenten._] Neue beunruhigende Symptome zeigten

sich nun in dem kranken Staatskörper. Von Anfang an hatte die

Parlamentspartei Männer gehabt, die Pläne zu verwirklichen suchten, vor

denen die Mehrzahl dieser Partei zurückgebebt wäre. Diese Männer waren

Independenten in religiöser Beziehung. Sie waren der Ansicht, jede

christliche Gemeinde sei nach Christus die höchste Gerichtsstelle in

geistlichen Angelegenheiten, Berufungen an Provinzial- und

National-Synoden seien der heiligen Schrift eben so sehr entgegen, als

Berufungen an den erzbischöflichen Gerichtshof oder den Vatican, und

Papstthum, Prälatur und Presbyterianismus seien nur drei Formen einer

und derselben großen Apostasie. In der Politik waren die Independenten,

um sie mit der Benennung ihrer Zeit zu bezeichnen, Wurzel- und

Zweig-Männer, oder, um einen verwandten Ausdruck unserer Zeit

anzuwenden, Radicale. Mit der Beschränkung der Macht des Monarchen nicht

zufrieden, wollten sie auf den Trümmern des alten englischen Staats eine

Republik errichten. An Zahl wie an Einfluß waren sie anfangs zwar

unbedeutend gewesen, aber bevor noch der Krieg zwei Jahre gedauert,

hatten sie sich, wenn auch nicht zu der größten, doch zu der mächtigsten

Partei im Lande ausgebildet. Die alten parlamentarischen Führer hatte

theils der Tod geraubt, theils hatten sie selbst das öffentliche

Vertrauen verscherzt. Pym war mit fürstlichen Ehren neben den

Plantagenets zur Gruft bestattet; Hampden war seiner würdig gefallen,

indem er bei einem vergeblichen Versuche, den kühnen Reitern Ruprechts

standzuhalten, seinen Leuten ein heldenmüthiges Beispiel geben wollte;

Bedford war der Sache untreu geworden; Northumberland war als ein lauer

Anhänger bekannt, und Essex sammt seinen Unterbefehlshabern hatte wenig

Kraft und Befähigung zur Leitung der Kriegsoperationen bewiesen. Unter

diesen Umständen begann die feurige, entschlossene und hartnäckige

Independenten-Partei sowohl im Lager als im Hause der Gemeinen ihr Haupt

zu erheben.

[_Oliver Cromwell._] Die Seele dieser Partei war Oliver Cromwell. Er war

zu friedlichen Beschäftigungen erzogen, hatte aber doch, schon über

vierzig Jahre alt, eine Stelle in der Parlamentsarmee angenommen. Kaum

Soldat geworden, erkannte er mit dem hellen Blicke des Genie's, was

Essex und Genossen, trotz aller ihrer Erfahrung, nicht erkannt hatten.

Ihm ward sofort klar, worin die Stärke der Royalisten bestand, und

welche Mittel zur Bewältigung derselben anzuwenden seien. Er erkannte,

daß eine Reorganisation des Parlamentsheeres nothwendig, und daß zu

diesem Zwecke reiches und vortreffliches Material vorhanden sei, wenn

auch nicht so glänzendes, aber doch zuverlässigeres als das, aus dem die

tapfern Schwadronen des Königs gebildet waren. Es mußten Rekruten

beschafft werden, die nicht nur als Miethlinge dienten, sondern aus

anständigen Lebensverhältnissen kamen, und einen ernsten Charakter,

Gottesfurcht und Eifer für die öffentliche Freiheit besaßen. Solche

Männer stellte er in die Reihen seines eigenen Regimentes, und indem er

sie einer strengen, bis dahin in England unbekannten Disziplin

unterwarf, wirkte er zugleich durch Reizmittel von außerordentlicher

Kraft auf ihre geistige und sittliche Natur.

Die Ereignisse des Jahres 1644 lieferten den vollständigen Beweis von

der Überlegenheit seines Geistes. Im Süden, unter Essex' Oberbefehl,

erlitten die Truppen des Parlaments eine schimpfliche Niederlage nach

der andern; im Norden aber ward durch den Sieg bei Marston Moor ein

reicher Ersatz für alles Das geboten, was andernorts verloren ging. Den

Royalisten war dieser Sieg kein härterer Schlag, als der Partei, die in

Westminster bis dahin das Übergewicht gehabt, denn man wußte allgemein,

daß die Energie Cromwells und der ausdauernde Muth der von ihm

gebildeten Truppen die Schlacht, welche die Presbyterianer schimpflich

verloren, wieder gewonnen hatten.

[_Selbstverleugnungsverordnung._] Die Selbstverleugnungsverordnung und

die neue Organisation der Armee waren Folgen dieser Begebenheiten. Essex

und die meisten derjenigen Männer, die unter ihm hohe Posten eingenommen

hatten, wurden unter schicklichen Vorwänden und mit allen Zeichen der

Achtung entlassen; die Führung des Kriegs ward andern Händen übergeben.

Fairfax, ein tapferer Soldat, aber ein Mann von mittelmäßigen

Fähigkeiten und unentschlossenem Charakter, wurde dem Namen nach

Generalissimus der Armee, Cromwell aber war das eigentliche Haupt

derselben.

Cromwell organisirte nun eilig die ganze Armee nach denselben

Grundsätzen, nach denen er die Organisation seines eigenen Regimentes

bewirkt hatte, und mit der Vollendung dieses Werkes war auch der Ausgang

des Krieges entschieden. Die Cavaliere standen nun einem natürlichen

Muthe gegenüber, der nicht geringer als ihr eigener war, einem höhern

Enthusiasmus, als sie selbst besaßen, und einer Disziplin, die ihnen

durchaus mangelte. Daß die Soldaten des Fairfax und Cromwell von anderer

Zucht seien, als die des Essex, wurde bald sprichwörtlich.

[_Sieg des Parlaments._] Der erste große Zusammenstoß der Royalisten und

der neuorganisirten Armee der beiden Häuser hatte bei Naseby statt; der

Sieg der Rundköpfe war vollständig und entscheidend, und andere Triumphe

reiheten sich ihm in kurzer Zeit an. Wenig Monate genügten, und die

Autorität des Parlaments war vollständig im ganzen Königreiche

hergestellt. Karl flüchtete zu den Schotten, und diese lieferten ihn

seinen englischen Unterthanen in einer Weise aus, die ihrem

Nationalcharakter wenig Ehre machte.

Noch war der Ausgang des Krieges zweifelhaft, und schon hatte das

Parlament den Primas hinrichten, den Gebrauch der Liturgie, soweit sich

seine Autorität erstreckte, verbieten lassen, und Jedermann

aufgefordert, jene berühmte Urkunde zu unterschreiben, die unter dem

Namen der feierlichen Ligue und des Covenants bekannt ist. Nach

beendigtem Kampfe ward das Werk der Neuerung und Rache mit erhöhtem

Eifer fortgesetzt. Man veränderte die Kirchenverfassung des Königreichs

und verjagte die meisten Mitglieder des alten Klerus aus ihren Pfründen.

Den Royalisten, die schon durch die dem Könige gewährten reichen

Unterstützungen verarmt waren, wurden so hohe Geldbußen auferlegt, daß

sie völlig zu Grunde gingen. Viele Güter wurden confiscirt und viele

geächtete Cavaliere fanden es gerathen, den Schutz einflußreicher

Mitglieder der siegenden Partei mit großen Kosten zu erkaufen.

Ausgedehnte Besitzungen der Krone, der Bischöfe und Kapitel zog man ein

und vergab sie entweder an Andere, oder verkaufte sie öffentlich, so daß

in Folge dieser Beraubungen ein großer Theil des Bodens von England auf

einmal feilgeboten wurde. Da nur wenig Geld vorhanden, der Markt

überfüllt, der Besitztitel unsicher und die Furcht vor mächtigen

Kauflustigen der freien Mitbewerbung hinderlich war, waren die Preise

oft nur dem Namen nach vorhanden. Spurlos verschwanden auf diese Weise

viele alte und ehrenwerthe Familien, und viele bis dahin unbekannte

Leute wurden in kurzer Zeit reich.

Während aber die Häuser in dieser Art ihre Autorität geltend machten,

ward sie plötzlich ihren Händen entrissen. Das Parlament hatte diese

Autorität dadurch erlangt, daß man eine Gewalt erschaffen, der keine

Schranken gesetzt werden konnten. Im Sommer 1647, nachdem ungefähr zwölf

Monate verflossen, seit der letzte feste Platz der Cavaliere sich dem

Parlamente ergeben, mußte das Parlament sich seinen eigenen Soldaten

unterwerfen.

[_Herrschaft und Charakter der Armee._] Nun folgte ein Zeitraum von

dreizehn Jahren, in dem England, wenn auch unter verschiedenen Namen und

Formen, in der That durch das Schwert regiert ward. Weder vor noch nach

dieser Zeit ist in unserm Vaterlande die bürgerliche Gewalt einer

Militairdictatur unterworfen gewesen.

Die Armee, die nun die Hauptmacht im Staate bildete, war von allen denen

sehr verschieden, die wir seitdem kennen gelernt haben. Die Löhnung des

gemeinen Soldaten ist jetzt der Art, daß sie nur die unterste Klasse der

Arbeiter Englands reizen kann, ihren Stand aufzugeben. Der Gemeine ist

von dem höhern Offizier durch eine fast unübersteigliche Schranke

getrennt. Von allen denen, die im Militairdienste avancirt sind, hat die

größere Mehrzahl die Stellen erkauft. Die entfernten Besitzungen

Englands sind so zahlreich und ausgedehnt, daß jeder in den Kriegsdienst

Eintretende fürchten muß, entweder viele Jahre im Exile, oder einige

Jahre unter Himmelsstrichen zu verleben, die auf Gesundheit und Kraft

eines Europäers nachtheilig einwirken. Die Armee des langen Parlaments

war für den Dienst im Inlande bestimmt; die Löhnung des gemeinen

Soldaten war bedeutend höher als der Lohn, den die große Masse des

Volkes durch Arbeit verdiente, und jeder, der sich durch Einsicht und

Tapferkeit auszeichnete, hatte Hoffnung auf höhere Stellungen. So kam

es, daß in den Reihen des Heeres Leute standen, die an Stand und Bildung

die große Masse überragten, nüchtern, sittlich, fleißig und zu denken

gewöhnt waren, Leute, die weder aus Hang zur Veränderung und

Zügellosigkeit, noch durch die Kniffe der Werbeoffiziere veranlaßt,

sondern aus religiösem und politischem Eifer und mit dem Streben nach

Auszeichnung und Beförderung die Waffen ergriffen hatten. Diese Soldaten

sprachen in ihren feierlichen Beschlüssen mit Stolz aus, daß sie weder

durch Zwang, noch aus Gewinnsucht Dienste genommen, daß sie nicht

Janitscharen seien, sondern freigeborene Engländer, die aus eigenem

Antriebe für die Freiheit und die Religion Englands ihr Leben

einsetzten, und deren Recht und Pflicht es wäre, die Wohlfahrt der

Nation, die sie gerettet hätten, zu bewachen.

Einem aus solchen Elementen hervorgegangenen Heere konnte man ohne

Nachtheil für die Wirksamkeit desselben einige Freiheiten nachsehen, die

bei andern Truppen alle Disziplin aufgelöst haben würden. Gewöhnlich

werfen Soldaten, die politische Klubs bilden, Abgeordnete erwählen und

Beschlüsse über wichtige politische Fragen fassen, jeden Zwang ab, hören

auf eine Armee zu sein und werden die schlechtesten und gefährlichsten

Pöbelhaufen. In unserer Zeit würde es nicht gerathen sein, religiöse

Zusammenkünfte in irgend einem Regimente zu gestatten, bei denen ein

Korporal, der in der Bibel belesen, die Andachtsübungen seines weniger

aufgeklärten Obersten leitete, oder einen vom Glauben abgefallenen Major

Zurechtweisungen ertheilte. Aber die Krieger, die Cromwell gebildet,

waren so einsichtsvoll, so ernst und so mächtig ihrer selbst, daß,

unbeschadet der militairischen Organisation, eine politische und

religiöse in ihrem Lager bestehen konnte. Leute, die außer dem Dienste

als Demagogen und als Prediger im freien Felde verrufen waren,

zeichneten sich durch Beharrlichkeit, Liebe zur Ordnung und durch

strengen Gehorsam sowohl auf der Wache und bei den Exercitien, als auf

dem Kampfplatze aus.

Im Kriege war dieser wunderbaren Armee nicht zu widerstehen. Das System

Cromwells hatte den unbeugsamen Muth, der dem englischen Volke eigen

ist, nicht nur geregelt, es feuerte ihn auch an. Andere Führer haben

eine eben so strenge Ordnung eingeflößt und ihren Leuten nicht minder

glühenden Eifer eingeflößt, aber nur in seinem Lager fand man strenge

Disziplin und feurigen Enthusiasmus gepaart Mit der Genauigkeit von

Maschinen, obgleich wie Kreuzfahrer fanatisirt, rückten seine Truppen

zum Siege. Von der Reorganisation bis zu seiner Auflösung hat das Heer

weder auf den britischen Inseln noch auf dem Festlande einen Feind

gefunden, der seinem Angriffe widerstehen konnte. In England,

Schottland, Irland und Flandern haben die puritanischen Soldaten, wenn

auch oft mit Schwierigkeiten und nicht selten gegen eine dreifach

überlegene Macht kämpfend, nicht nur stets den Sieg errungen, sie haben

auch jedes ihnen entgegenstehende Heer völlig geschlagen und vernichtet,

so daß sie zuletzt den Tag der Schlacht als einen Tag unfehlbaren Siegs

betrachteten und mit stolzer Zuversicht den berühmtesten Bataillonen

Europa's entgegenrückten. Turenne staunte über das wilde Jubelgeschrei,

mit dem seine englischen Verbündeten zum Kampfe gingen, und als er

erfuhr, daß die Lanzenträger Cromwells stets mit hoher Freude dem Feinde

in's Angesicht sähen, sprach er die höchste Zufriedenheit des wahren

Soldaten aus. Auch in den verbannten Cavalieren regte sich der

Nationalstolz, als sie eine Brigade ihrer Landsleute, von den Feinden an

Zahl überlegen und von ihren Verbündeten verlassen, die schönste

spanische Infanterie in wirrer Flucht vor sich hinjagen und den Weg zu

einer Schanze brechen sahen, die so eben erst die tüchtigsten Marschälle

von Frankreich für unüberwindlich erklärt hatten.

Aber die Hauptauszeichnung der Armee Cromwells vor andern Armeen waren

die strenge Moralität und Gottesfurcht, die sich in allen Reihen zeigte.

Selbst die eifrigsten Royalisten haben zugegeben, daß in diesem

seltsamen Lager nie ein Schwur gehört, nie Trunkenheit und Spiel

gesehen, und daß in der langen Zeit der Soldatenherrschaft das Eigenthum

friedlicher Bürger und die Ehre der Frauen stets heilig gehalten worden

sind. Die etwa vorkommenden Excesse waren von denen, die siegreiche

Armeen gewöhnlich auszuüben pflegen, sehr verschieden. Es hatte sich

keine Magd über rohe Galanterie der Rothröcke zu beklagen, und kein

Goldschmied, daß aus seinem Laden eine Unze Silber genommen sei; aber

eine pelagianische Predigt, oder ein Fenster, auf dem die Jungfrau mit

dem Kinde abgebildet war, regten die puritanischen Reihen dergestalt

auf, daß die Offiziere nur mit großer Anstrengung sie wieder beruhigen

konnten. Die Musketiere und Dragoner von gewaltsamen Angriffen auf die

Kanzeln der Geistlichen abzuhalten, deren Reden nicht, wie man sich zu

jener Zeit ausdrückte, schmackhaft waren, bot für Cromwell eine der

Hauptschwierigkeiten dar, und viele unserer Kathedralen tragen jetzt

noch die Zeichen des Hasses, mit dem jene strengen Geister auf jede Spur

des Papstthums blickten.

[_Unterdrückung der Aufstände gegen die Soldatenherrschaft._] Es war

selbst für diese Armee keine leichte Aufgabe, das englische Volk im

Zaume zu halten. Sobald die Nation, an eine solche Knechtung nicht

gewöhnt, den ersten Druck der militairischen Tyrannei fühlte, begann sie

einen heftigen Kampf dagegen. Selbst in den Grafschaften, die während

des letzten Krieges dem Parlamente die unterwürfigsten gewesen waren,

brachen Aufstände los. Das Parlament verabscheute in der That seine

alten Vertheidiger mehr als seine alten Feinde, und mit Karl auf

Unkosten der Truppen einen Vergleich zu schließen, war sein lebhaftester

Wunsch. In Schottland erstand zu derselben Zeit eine Koalition zwischen

den Royalisten und einer großen Zahl Presbyterianer, welche die Lehren

der Independenten verabscheuten. Bald kam der Sturm zum Ausbruch. In

Norfolk, Suffolk, Essex, Kent und Wales erfolgten Aufstände. Die

Themseflotte zog plötzlich die königliche Flagge auf, stach in See und

bedrohte die südliche Küste. Eine große schottische Heeresabtheilung

überschritt die Grenze und rückte bis nach Lancashire vor. Daß alle

diese Bewegungen von einem großen Theile der Lords und der Gemeinen mit

stillem Wohlgefallen betrachtet wurden, läßt sich nicht mit Unrecht

vermuthen.

Aber so war das Joch der Armee nicht abzuwerfen. Während Fairfax die

Erhebungen in der Umgebung der Hauptstadt niederdrückte, schlug Cromwell

die Insurgenten von Wales, zerstörte ihre festen Plätze und rückte gegen

die Schotten vor. Gegen die angreifenden Truppen waren die seinigen nur

gering an Zahl, aber er war nicht gewohnt, seine Feinde zu zählen. Die

schottische Armee ward völlig vernichtet. Nun erfolgte eine Veränderung

in der schottischen Regierung; in Edinburg setzte man eine dem Könige

feindliche Verwaltung ein, und Cromwell, mehr als je von seinen Soldaten

geliebt, kehrte triumphirend nach London zurück.

[_Verfahren gegen den König._] Nun bildete sich ein Plan zu einer festen

Form aus, den Niemand bei dem Beginne des Bürgerkrieges auch nur

anzudeuten gewagt haben würde und der mit der feierlichen Ligue und dem

Covenant eben so im Widerspruche stand, als mit den alten Gesetzen von

England. Seit mehrern Monaten hatten die finstern Krieger, welche die

Nation beherrschten, eine furchtbare Rache an dem gefangenen Könige

ersonnen. Wann und wie dieser Plan zuerst entstanden, ob er von dem

Generale in die Reihen der Soldaten, oder von diesen zu dem Generale

seinen Weg gefunden, ob er der Politik beizumessen ist, welche den

Fanatismus als ihr Werkzeug benutzte, oder dem Fanatismus, der die

Politik jäh mit sich fortriß, sind Fragen, die sich selbst heute noch

nicht mit voller Sicherheit beantworten lassen. Im Allgemeinen aber läßt

sich annehmen, daß der, der zu leiten schien, in der Wirklichkeit folgen

mußte, und daß er bei diesem, wie einige Jahre später bei einem andern

Anlasse, sein eigenes Urtheil und seine eigenen Neigungen den Wünschen

des Heeres zum Opfer brachte; denn die von ihm erschaffene Macht konnte

er selbst nicht immer zügeln, und um nach der Regel befehlen zu können,

mußte er mitunter auch gehorchen. Er gab öffentlich die Erklärung ab,

daß er weder die Sache angeregt habe, noch um die ersten Schritte wisse,

daß er dem Parlamente die Ausführung des Streichs nicht habe anrathen

können, aber daß er seine eigenen Gefühle der Macht der Verhältnisse

untergeordnet, von der er geglaubt, sie deute die Zwecke der Vorsehung

an. Man hat gewöhnlich diese Bekenntnisse für Beweise der Heuchelei

gehalten, die man ihm beizumessen pflegte; aber selbst die, die ihn für

einen Heuchler halten, werden es gewiß nicht wagen, ihn einen Narren zu

nennen, und deshalb werden sie darthun müssen, daß er zu irgend einem

Zwecke das Heer heimlich reizte, den Weg zu betreten, den er offen zu

empfehlen nicht wagte. Die Annahme wäre widersinnig, daß er, dem selbst

die achtbarsten Feinde weder muthwillige Grausamkeit noch unversöhnliche

Rachsucht beigemessen haben, den wichtigsten Schritt seines Lebens aus

reiner Bosheit gethan haben solle. Er war viel zu klug, um nicht wissen

zu können, daß er durch das Einwilligen, das geheiligte Blut zu

vergießen, eine That verübe, die nichts sühnen konnte, und welche nicht

nur die Royalisten, sondern auch neun Zehntheile der Parlamentspartei

mit Schmerz und Abscheu erfüllen würde. Mögen Andere Phantomen

nachgehangen haben, er dachte sicher weder an eine Republik nach antikem

Muster, noch an das tausendjährige Reich der Heiligen. Wenn er selbst

schon danach strebte, eine neue Dynastie zu gründen, so wäre Karl I.

offenbar ein weniger zu fürchtender Mitbewerber gewesen, als Karl II.

Von dem Augenblicke an, in dem Karl I. starb, würde jeder Cavalier seine

Loyalität unverkürzt auf Karl II. übertragen haben. Karl I. war ein

Gefangener, Karl II. lebte in der Freiheit. Karl I. war selbst bei denen

ein Gegenstand des Mißtrauens und der Abneigung, die bei dem Gedanken an

seine Ermordung zurückbebten; Karl II. würde alle die Theilnahme für

sich gehabt haben, die unglückliche Jugend und Unschuld erregen. Es läßt

sich unmöglich annehmen, daß dem scharfsinnigsten Politiker jener Zeit

so naheliegende und inhaltschwere Betrachtungen entgangen sein sollten.

Das Wahre ist, daß Cromwell eine Zeit lang die Absicht hegte, zwischen

dem Throne und dem Parlamente zu vermitteln und unter der Sanktion des

königlichen Namens den zerrütteten Staat durch die Macht des Schwertes

wieder aufzubauen. An dieser Absicht hielt er so lange fest, bis er

durch den widerstrebenden Geist seiner Soldaten und die unheilbare

Treulosigkeit des Königs sie aufzugeben gezwungen ward. Eine Partei im

Lager forderte den Kopf des Verräthers, der mit Agag zu unterhandeln

vorschlug. Es wurden Verschwörungen angezettelt, mit Anklagen laut

gedroht, und eine Meuterei brach aus, die Cromwell mit aller seiner

Kraft und Entschlossenheit kaum zu unterdrücken vermochte. Stellte er

auch durch eine kluge Vereinigung von Strenge und Milde die Ordnung

wieder her, so entging es ihm doch nicht, daß es im höchsten Grade

schwierig und gefährlich sei, die Wuth von Kriegern bezähmen zu wollen,

die den gefallenen Tyrannen nicht nur als ihren eigenen Feind, sondern

auch als den Feind Gottes betrachteten.

Um diese Zeit stellte sich klarer als je heraus, daß man dem Könige

nicht trauen dürfe. Die eigenen Laster hatten Karl völlig umstrickt,

wobei allerdings auch Laster waren, die in schwierigen Lagen doppelt

stark hervorzutreten pflegen. Die List ist dem Schwachen das

natürlichste Vertheidigungsmittel, und ein Fürst, der auf dem Gipfel

seiner Macht Täuschungen aus Gewohnheit ausübte, wird in schwierigen

Lebenslagen und Bedrängnissen sich wahrlich der Aufrichtigkeit nicht

befleißigen. So gewissenlos Karl in der Kunst zu heucheln war, eben so

unglücklich war er auch darin, denn keinem Staatsmanne sind soviel

Betrügereien und Unwahrheiten unwiderleglich nachgewiesen, als ihm.

Er erklärte öffentlich die Häuser zu Westminster als ein gesetzliches

Parlament, und gleichzeitig gab er im geheimen Rathe die Erklärung ab,

daß diese Anerkennung nichtig sei. Er verwahrte sich öffentlich, daß er

nie daran denke, fremde Hilfe gegen sein Volk in das Land zu rufen;

heimlich suchte er Hilfe bei Frankreich, Dänemark und Lothringen.

Er leugnete öffentlich, daß er Papisten in seine Dienste nähme;

gleichzeitig sandte er seinen Generalen im Geheimen die Weisung, jeden

Papisten, der dienen wolle, anzunehmen. Er nahm öffentlich zu Oxford das

Sakrament darauf, daß er das Papstthum in England nie begünstigen wolle;

im Geheimen gab er seiner Gattin die Versicherung, daß er das Papstthum

in England dulden werde, und Lord Glamorgan ermächtigte er zu dem

Versprechen, daß das Papstthum in Irland eingeführt werden solle; dann

versuchte er, sich auf Kosten dieses Bevollmächtigten rein zu waschen:

Glamorgan empfing von der Hand des Königs geschriebene Verweise, die zum

Lesen für Andere bestimmt waren; aber auch lobende Anerkennungen, die

nur er allein lesen solle. Und wahrlich, es beherrschte in der That die

Falschheit den ganzen Charakter des Königs dergestalt, daß seine

treuesten Freunde sich nicht enthalten konnten, sich gegenseitig mit

bitterm Schmerze und tiefer Scham über seine unredliche Politik zu

beklagen. Seine Niederlagen, äußerten sie, verursachten ihnen weniger

Kummer als seine Intriguen. Seit dem Beginne seiner Gefangenschaft

suchte er jeden Theil der siegreichen Partei durch Schmeicheleien und

Umtriebe zu berücken, aber keiner seiner Versuche war je so unglücklich

ausgefallen, als der, Cromwell durch Schmeicheleien zu täuschen und zu

stürzen.

Cromwell mußte indeß einen Entschluß fassen. Sollte er bei dem ohne

Zweifel vergeblichen Versuche, einen König zu retten, der durch keinen

Vertrag zu binden war, die Anhänglichkeit seiner Partei und Armee, seine

eigene Größe, ja selbst sein Leben preisgeben? Nach vielem Kämpfen und

Schwanken, vielleicht auch nach vielem Beten, ward der Entschluß

festgestellt. Karl blieb seinem Schicksale überlassen. Die kriegerischen

Heiligen beschlossen nun, daß der König, den alten Reichsgesetzen und

der fast allgemeinen Gesinnung der Nation zum Trotz, sein Verbrechen mit

dem Leben büßen solle. Eine Zeit lang glaubte er einen Tod sterben zu

müssen, wie seine unglücklichen Vorgänger, Eduard II. und Richard II.

Einen solchen Verrath hatte er indeß nicht zu fürchten, denn die, welche

ihn unter ihren Händen hatten, waren keine nächtlichen Meuchelmörder;

was sie thaten, sollte ein Schauspiel für Himmel und Erde sein und ein

ewiges Andenken bleiben. Das Ärgerniß, das sie gaben, hatte für sie den

höchsten Reiz. Daß die alte Verfassung und die öffentliche Meinung

Englands mit dem Königsmorde im schroffsten Widerspruche standen, ließ

einer Partei, die eine vollständige politische und sociale Revolution

bewirken wollte, den Mord in einem verführerischen Lichte erscheinen.

Die Erreichung dieses Zweckes machte das Zerbrechen jedes einzelnen

Theils der Staatsmaschine nöthig, und diese Nothwendigkeit berührte sie

mehr angenehm, als schmerzlich. Die Gemeinen stimmten für den Abschluß

eines Vergleichs mit dem Könige; die Soldaten schlossen die Majorität

gewaltsam aus. Die Lords verwarfen einstimmig den Vorschlag, den König

vor Gericht zu stellen; ihr Haus ward sofort geschlossen. Kein

ordentlicher Gerichtshof wollte die Verantwortung auf sich nehmen,

den zu richten, der die Quelle der Gerechtigkeit repräsentirte.

[_Seine Hinrichtung._] Da ward ein revolutionaires Tribunal errichtet,

und dieses Tribunal erklärte Karl für einen Tyrannen, für einen

Verräther, einen Mörder und einen öffentlichen Feind. Vor Tausenden von

Zuschauern, dem Banketsaale seines Palastes gegenüber ließ man seinen

Kopf von dem Rumpfe trennen.

Aber bald zeigte es sich, daß die politischen und religiösen Eiferer,

denen diese That beizumessen ist, nicht nur ein Verbrechen, sondern auch

ein Versehen begangen hatten. Dem Fürsten nämlich, der dem Volke bisher

nur durch seine Fehler bekannt gewesen, hatten sie Gelegenheit geboten,

auf einer großen Bühne, Angesichts aller Nationen und Zeiten,

Eigenschaften zu zeigen, die unwiderstehlich Bewunderung und Zuneigung

erwecken müssen: den hohen Muth eines Helden, und die Geduld und

Sanftmuth eines reuigen Christen; sie hatten selbst ihre Rache in einer

Weise ausgeübt, daß derselbe Mann, der sein ganzes Leben hindurch nur

auf die Vernichtung der Freiheiten Englands gesonnen, als ein Märtyrer

eben dieser Freiheiten zu sterben schien. Nie hat ein Demagog so auf den

öffentlichen Geist gewirkt, als dieser gefangene König, der selbst auf

dem höchsten Gipfel des Unglücks seine volle königliche Würde bewahrte,

dem Tode furchtlos in's Angesicht sah und den Gefühlen seines

unterdrückten Volkes Ausdruck verlieh, indem er muthig seine

Rechtfertigung vor einem dem Gesetze unbekannten Gerichtshofe

verweigerte, von der Soldatengewalt an die Grundsätze der Verfassung

appellirte, nach dem Rechte fragte, mit dem das Haus der Gemeinen seiner

achtbarsten Glieder und das der Lords seiner legislativen Funktionen

beraubt sei, und den weinenden Zuhörern sagte, er vertheidige nicht nur

seine, sondern auch ihre Sache. Seine lange schlechte Regierung, seine

unzähligen Treulosigkeiten waren nun vergessen, und in den Gemüthern des

größten Theils seiner Unterthanen lebte sein Andenken mit dem an die

freien Institutionen fort, die er lange zu vernichten bemüht gewesen

war, denn diese freien Institutionen waren mit ihm untergegangen, und

seine Stimme allein hatte sie unter dem schmerzlichen Schweigen eines

durch Waffengewalt unterdrückten Staates vertheidigt. Eine Reaktion, zu

Gunsten der Monarchie und des vertriebenen Königshauses, trat an diesem

Tage ein und schritt so lange fort, bis der Thron in seiner vollen alten

Würde wieder aufgebaut war.

Anfangs schien es jedoch, als ob die Mörder des Königs in dem blutigen

Sakramente, das sie eng mit einander verbunden und für immer von der

großen Masse ihrer Landsleute getrennt hatte, neue Willenskraft fänden.

England ward zu einer Republik umgeschaffen, und das Haus der Gemeinen,

auf eine kleine Zahl von Gliedern beschränkt, ward dem Namen nach die

höchste Staatsgewalt; in der That aber regierten die Armee und ihre

ersten Führer. Cromwells Wahl war getroffen, er hatte sich die Herzen

seiner Soldaten bewahrt und fast alle übrigen Klassen seiner Mitbürger

sich entfremdet. Man konnte nicht sagen, daß er außerhalb der Grenzen

seiner Lager und festen Plätze Anhänger habe. Die Elemente jener Macht,

die seit dem Beginne des Bürgerkriegs sich unter einander selbst

bekämpft hatten, als sämmtliche Cavaliere, die große Mehrzahl der

Rundköpfe, die anglikanische, presbyterianische und römisch-katholische

Kirche, England, Schottland und Irland, alle hatten sich nun gegen ihn

verbunden. Aber Cromwells Genie und Entschlossenheit waren so gewaltig,

daß er Alles vernichtete, was ihm auf der Bahn entgegentrat, die er

eingeschlagen hatte, um sich zu einen unumschränktern Gebieter seines

Vaterlandes zu machen, als irgend einer der gesetzlichen Könige

desselben gewesen, und um es gefürchteter und geachteter hinzustellen,

als es Generationen hindurch unter der Regierung legitimer Fürsten

gestanden hatte.

England kämpfte schon nicht mehr; aber die beiden andern Königreiche,

die unter dem Scepter der Stuarts gestanden, hegten gegen die neue

Republik eine feindliche Gesinnung. Die irischen Katholiken und die

schottischen Presbyterianer sahen gleich gehässig auf die

Independenten-Partei. Beide Länder, erst kürzlich noch aufständisch

gegen Karl I., huldigten jetzt der Autorität Karls II.

[_Unterwerfung Irlands und Schottlands._] Aber nichts konnte der Kraft

und Geschicklichkeit Cromwells Widerstand leisten. Er besiegte in wenig

Monaten Irland so vollständig, wie es in den fünfhundert Jahren, die

seit der Landung der ersten normannischen Ansiedler verflossen, nie

besiegt gewesen. Dem Kampfe der Volksstämme und Religionen, der so lange

die Insel zerrüttet, wollte er dadurch ein Ziel setzen, daß er der

englischen und protestantischen Bevölkerung die entschieden wichtigste

Stellung anwies. Um diesen Zweck zu erreichen, zügelte er den wilden

Fanatismus seiner Anhänger nicht mehr, führte einen Krieg, der dem

Israels gegen die Kananiter glich, vernichtete die Götzendiener mit der

Schärfe des Schwertes, daß große Städte fast keine Einwohner mehr

hatten, trieb Tausende nach dem Festlande oder ließ sie nach Westindien

führen, und füllte die dadurch entstandene Lücke mit Ansiedlern

sächsischen Blutes und calvinistischen Glaubens aus. Daß das eroberte

Land unter dieser eisernen Regierung sich eines zunehmenden Wohlstandes

zu erfreuen schien, klingt seltsam, aber es ist wahr. Gegenden, die noch

vor kurzer Zeit so unwirthbar gewesen, als jene, in denen die ersten

weißen Ansiedler von Connecticut mit den rothen Männern kämpften,

glichen nach wenig Jahren Kent und Norfolk. Überall erstanden neue

Gebäude, Straßen und Pflanzungen; der Ertrag der Güter vermehrte sich

schnell, und bald klagten die englischen Grundbesitzer über die

Konkurrenz irischer Produkte auf den Märkten, und forderten

Schutzgesetze.

Der siegreiche Feldherr, der nun auch dem Namen nach war, was er schon

längst in Wirklichkeit gewesen, Lord General der republikanischen Heere,

wandte sich von Irland nach Schottland, wo der junge König war, der zur

presbyterianischen Kirche übergetreten, den Covenant unterzeichnet,

und als Lohn dafür von den strengen Puritanern, die zu Edinburg die

Regierung leiteten, die Erlaubniß erhalten hatte, die Krone zu tragen,

und unter ihrer Oberaufsicht still und ernst einen Hof zu halten. Diese

Scheinloyalität dauerte nicht lange; Cromwell vernichtete in zwei großen

Schlachten die ganze Kriegsmacht Schottlands. Karl rettete sich durch

die Flucht vor dem Schicksale, das seinen Vater betroffen. Zum ersten

Male war nun das alte Königreich der Stuarts völlig zur Unterwürfigkeit

gebracht, und von der Unabhängigkeit, die einst gegen die tüchtigsten

Plantagenets so tapfer vertheidigt worden, blieb keine Spur. Das

englische Parlament gab Schottland Gesetze, englische Richter hielten

dort Assisen, und selbst die hartnäckige Kirche, die ihre

Selbstständigkeit gegen so viele Regierungen bewahrt, wagte nicht einmal

leise zu murren.

[_Das lange Parlament wird vertrieben._] Zwischen den Kriegern, die

Irland und Schottland unterjocht, und den Politikern, die in Westminster

beriethen, hatte bis zu dieser Frist wenigstens ein Schein von

Übereinstimmung stattgefunden; aber den Bund, den die Gefahr

geschlossen, löste der Sieg wieder auf. Das Parlament vergaß, daß es nur

eine Kreatur der Armee war, und die Armee war jetzt weniger als sonst

geneigt, sich den Verordnungen des Parlaments zu fügen. Es hatte auch in

der That der geringe Mitgliederbestand, den man verächtlich den Rumpf

des Hauses der Gemeinen nannte, nicht mehr Anspruch auf die Achtung, die

Volksvertretern gebührt, als die Befehlshaber in der Armee. Der Streit

ward bald zu einem entscheidenden Ende geführt. Cromwell füllte das Haus

mit Bewaffneten, der Sprecher ward von seinem Stuhle geworfen, der Stab

vom Tische genommen, der Saal geleert und die Thür verschlossen. Die

Nation, die keiner der streitenden Parteien hold war, aber ohne es zu

wollen, die Tüchtigkeit und Energie des Feldherrn achten mußte, sah

geduldig, vielleicht auch mit Wohlgefallen zu.

König, Lords und Gemeine waren nach und nach bewältigt und vernichtet

und Cromwell erschien nun als der einzige Erbe der Machtbefugnisse die

jene zusammen besessen hatten; aber die Armee selbst, der er seine

ausgedehnte Autorität verdankte, legte ihm gewisse Beschränkungen auf.

Dieser sonderbare Körper bestand größtentheils aus eifrigen

Republikanern, die ihr Vaterland frei zu machen wähnten, indem sie es

der Knechtschaft überlieferten. Das von ihnen allgemein verehrte Buch

enthielt ein Beispiel, dessen sie häufig erwähnten. Es murrte die

unwissende und undankbare Nation gegen ihre Befreier, wie einst ein

anderes auserwähltes Volk gegen den Mann gemurrt, der es auf mühseligen

und traurigen Pfaden aus der Knechtschaft in ein Land geführt, wo Milch

und Honig floß; und dennoch hatte dieser Führer seine Brüder wider ihren

Willen befreit, auch eben so wenig Anstand genommen, diejenigen zum

abschreckenden Beispiele furchtbar zu züchtigen, welche die dargebotene

Freiheit verachteten, und sich nach den Fleischtöpfen, den Frohnvögten

und Götzenbildern Egyptens zurücksehnten. Das Ziel der kriegerischen

Heiligen, die Cromwell umgaben, war die Gründung einer freien, frommen

Republik. Zur Erreichung dieses Ziels waren sie bereit alle Mittel,

selbst gewaltthätige und ungesetzliche, ohne Bedenken anzuwenden. Es lag

daher die Möglichkeit vor, mit ihrer Hilfe eine dem Wesen nach absolute

Monarchie zu errichten, aber eben so auch die Wahrscheinlichkeit, daß

sie ihre Hilfe sofort einem Herrscher entziehen würden, der selbst unter

streng constitutionellen Formen, den Namen und die Würde eines Königs

anzunehmen wagte.

Cromwell dachte anders; er war nicht mehr, was er gewesen, und die

Veränderung in seinen Ansichten nur als eine Wirkung selbstsüchtigen

Ehrgeizes ansehen zu wollen, würde ungerecht sein. Er brachte, als er zu

dem langen Parlamente trat, wenig Bücherkenntniß aus seiner ländlichen

Einsamkeit mit, und besaß weder Erfahrung in wichtigen Angelegenheiten,

wohl aber eine durch lange Tyrannei der Regierung und der Hierarchie

gereizte Stimmung. Während der folgenden dreizehn Jahre hatte er eine

politische Schule nicht gewöhnlicher Art durchgemacht. In einer Reihe

von Revolutionen hatte er bedeutende Rollen gespielt; er war lange die

Seele und zuletzt das Haupt einer Partei gewesen; er hatte Heere

befehligt, Schlachten gewonnen, Verträge abgeschlossen, und Königreiche

unterjocht, beruhigt und geordnet. Es wäre in der That seltsam gewesen,

wenn er stets dieselben Ansichten behalten, die er damals besessen

hatte, als sein Geist sich nur mit den Feldern und der Religion

beschäftigte, als ein Viehmarkt oder eine fromme Versammlung in

Huntingdon die Hauptereignisse waren, die in den einförmigen Lauf seines

Lebens Abwechselung brachten. Er sah ein, daß manche jener früheren

Neuerungspläne, für die er eiferte, mochten sie nun an sich gut oder

schlecht sein, der allgemeinen Stimmung des Landes nicht entsprachen,

und daß er, wenn er auf diesen Plänen beharrte, stets mit Unruhen zu

schaffen haben würde, die nur durch unausgesetzte Anwendung des

Schwertes unterdrückt werden könnten. Deshalb beabsichtigte er, in allen

wesentlichen Punkten jene alte Verfassung wieder herzustellen, welche

der große Theil des Volks stets geliebt hatte, und nach der es sich

jetzt sehnte. Das Verfahren, das später Monk anwendete, konnte Cromwell

noch nicht beobachten. Der große Königsmörder ward durch die Erinnerung

an einen furchtbaren Tag von dem Hause Stuart für immer getrennt; ihm

blieb nichts, als den alten englischen Thron zu besteigen und im Sinne

der alten englischen Staatsverfassung zu regieren. Gelang ihm dies, so

durfte er hoffen, daß die Wunden des zerfleischten Staatskörpers bald

wieder verharrschen würden; es hätten sich viele redliche und besonnene

Männer um ihn gesammelt, und diejenigen Royalisten, die mehr an den

Institutionen als den Personen, mehr an dem königlichen Amte als an

König Karl I. oder Karl II. hingen, würden bald die Hand des Königs

Oliver geküßt haben. Es würden die Peers, die still auf ihren Landgütern

wohnten und mürrisch die Theilnahme an öffentlichen Angelegenheiten

verweigerten, mit Freuden ihre alten Functionen wieder übernommen haben,

wenn sie das Ausschreiben eines im Besitz des Thrones befindlichen

Königs zu ihrem Hause gerufen hätte; Northumberland und Bedford,

Manchester und Pembroke würden stolz gewesen sein, wenn sie dem Manne,

der die Aristokratie wiederhergestellt, Krone und Sporen, Scepter und

Reichsapfel hätten vorantragen können; das Volk würde nach und nach

durch ein Gefühl der Loyalität mit der neuen Dynastie verbunden worden

sein und bei dem Tode des Gründers dieser Dynastie wäre die königliche

Würde unter allgemeiner Billigung auf seine Nachkommen übergegangen.

Die scharfsinnigsten Royalisten hielten dafür, daß diese Ansichten

richtig seien, und daß, wenn Cromwell nur nach seinem Urtheile hätte

verfahren können, die vertriebene Dynastie nie wieder zur Regierung

gelangt wäre; aber sein Plan widersprach völlig den Gefühlen jener

Klasse, der einzigen, die er nicht zu reizen wagte. Den Soldaten war der

Name des Königs verhaßt. Einige derselben haßten selbst eine Verwaltung,

die sich in den Händen einer einzelnen Person befand; und war der große

Theil auch geneigt, den General, als den gewählten ersten Beamten einer

Republik, gegen alle Factionen zu schützen, die seine Autorität nicht

anerkennen würden, so wollten sie doch nicht zugeben, daß er sich den

Königstitel beilege, oder daß die Würde, die nur der gerechte Lohn für

seine persönlichen Verdienste sei, für erblich in seiner Familie erklärt

werde. Ihm blieb nun nichts weiter übrig, als der neuen Republik eine

der alten Monarchie so ähnliche Verfassung zu geben, als es die Armee

nur irgend gestattete. Damit nun seine Erhebung zur Macht nicht als ein

Akt persönlichen Ehrgeizes erscheinen möchte, berief er einen Rath, der

theils aus Personen zusammengesetzt war, auf deren Unterstützung er

zählen, theils aus solchen, deren Opposition er ohne Gefahr Trotz bieten

konnte. Nachdem diese, von ihm Parlament genannte Versammlung, von dem

Volke aber nach einem seiner hervorragendsten Mitglieder »Barebones

Parlament« getauft, sich eine Zeit lang der allgemeinen Verachtung

ausgesetzt hatte, gab sie dem General die von demselben empfangenen

Vollmachten zurück und überließ ihm allein, einen Verfassungsplan zu

entwerfen.

[_Oliver Cromwell's Protektorat._] Sein Plan hatte Anfangs nur eine

große Ähnlichkeit mit der alten Verfassung; nach Verlauf einiger Jahre

aber glaubte er weiter gehen und fast alle Theile des alten Systems

unter neuen Namen und Formen wiederherstellen zu dürfen. Der Königstitel

ward nicht wieder verwendet, aber die Vorrechte des Königs wurden einem

Lord Groß-Protektor bewilligt. Man nannte den Souverain nicht »Se.

Majestät«, sondern »Se. Hoheit.« Man krönte und salbte ihn nicht in der

Westminsterabtei, aber man ließ ihn feierlich den Thron besteigen, mit

einem Staatsschwerte umgürtet und einem Purpurmantel angethan, und in

der Westminsterabtei schenkte man ihm eine prachtvolle Bibel. Man hatte

sein Amt nicht für erblich erklärt, aber ihm erlaubt, seinen Nachfolger

zu ernennen, und Niemand zweifelte, daß er seinen Sohn wählen würde.

Ein Haus der Gemeinen war ein nothwendiger Bestandtheil der neuen

Verfassung. Bei der Gestaltung dieses Instituts zeigte der Protektor

Weisheit und Gemeinsinn, die seine Zeitgenossen nicht gebührend

gewürdigt haben. Waren die Fehler des alten Vertretungssystems auch

nicht so bedeutend, als sie später wurden, so hatten sie scharfblickende

Männer dennoch schon bemerkt. Cromwell reformirte dieses System nach

denselben Grundsätzen, nach denen Pitt einhundertdreißig Jahre später es

zu verbessern versuchte, und nach denen es endlich in unserer Zeit

wirklich verbessert wurde. Den kleinen Flecken entzog man mit noch

schonungsloserer Strenge als 1832 das Wahlrecht und die Zahl der

Grafschaftsmitglieder ward vergrößert. Nur wenig Städte, die nicht

vertreten waren, hatten sich bis dahin zu einer Bedeutung erhoben;

zu diesen wenigen gehörten Manchester, Leeds und Halifax, und diese

erhielten Vertreter. Die Zahl der Mitglieder, die für die Hauptstadt

wählten, wurde vermehrt. Das Wahlrecht ward dergestalt geordnet, daß

jeder Besitzende, mochte sein Eigenthum in Freisassengütern bestehen

oder nicht, eine Stimme in der Grafschaft hatte, in der er angesessen

war. Nur wenig Schotten und wenige der englischen Colonisten von Irland

wurden zu der Versammlung berufen, die in Westminster allen Theilen der

britischen Inseln Gesetze geben sollte.

Ein Haus der Lords zu errichten, war eine schwierigere Aufgabe. Die

Demokratie kann die Stütze der Verjährung entbehren, die Monarchie hat

oft ohne sie bestanden, aber ein Patrizierstand ist das Werk der Zeit.

Cromwell fand einen reichen, hoch geehrten und in allen untern

Volksklassen so populären Adel vor, als nur je der Adel gewesen ist.

Wenn er als König von England, gemäß dem alten Brauche des Königreichs,

die Pairs zu dem Parlamente berufen hätte, es würden viele derselben

ohne Zweifel dem Rufe gefolgt sein; dies durfte er nicht, und daß er den

Häuptern erlauchter Familien in seinem neuen Senate Sitze anbot, blieb

ohne Erfolg, denn sie sahen ein, daß sie einer neuerstandenen

Versammlung nicht beitreten konnten, ohne auf ihr Geburtsrecht zu

verzichten und ihren Stand zu verrathen. Der Protektor sah sich nun

genöthigt, sein Oberhaus mit neuen Männern zu besetzen, die sich in der

letzten Zeit der Aufregung hervorgethan hatten. Diese seiner

Einrichtungen, die allen Parteien mißfiel, war die unglücklichste. Die

nach allgemeiner Gleichheit strebende Partei -- Levellers -- zürnte ihm

darüber, daß er eine bevorzugte Klasse schuf; die Menge, welche für die

großen geschichtlichen Namen des Landes Achtung und Liebe hegte,

verlachte sonder Scheu ein Haus der Lords, das glückliche Kärrner und

Schuhmacher zu Gliedern zählte und wenige der alten Adeligen, die sich

fast alle verächtlich davon abwandten, berufen hatte.

Die Art und Weise der Einrichtung von Cromwells Parlamenten war

praktisch von untergeordneter Bedeutung, da er die Mittel besaß, auch

ohne die Unterstützung und ungeachtet der Opposition derselben die

Verwaltung zu führen. Eine verfassungsmäßige Regierung, und an Stelle

der Schwertherrschaft die der Gesetze zu stellen, scheint in seinem

Wunsche gelegen zu haben. Aber ihm ward bald klar, daß er nur bei einer

unumschränkten Verwaltung sicher sein konnte, da Royalisten und

Presbyterianer ihn haßten. Das erste Haus der Gemeinen, auf seinen

Befehl vom Volke gewählt, zog seine Autorität in Frage; es ward

aufgelöst, ohne daß es auch nur eine Akte durchgebracht hatte. Sein

zweites Haus der Gemeinen, das ihn zwar als Protektor anerkannte und ihn

gern zum Könige gemacht haben würde, weigerte sich dessenungeachtet

hartnäckig, seine neuen Lords anzuerkennen. Ihm blieb nichts übrig, als

das Parlament aufzulösen. Als er schied, rief er aus: Gott sei Richter

zwischen Euch und mir!

Diese Zerwürfnisse hatten jedoch durchaus keinen Einfluß auf die

energische Verwaltung des Protektors. Dieselben Soldaten, die ihm das

Tragen des Königstitels nicht gestatten wollten, unterstützten ihn bei

Ausführung solcher Gewaltmaßregeln, wie sie je ein englischer König nur

versucht hat. So war die Regierung der Form nach republikanisch, in

Wahrheit aber eine durch die Weisheit, Mäßigung und Großherzigkeit des

Despoten gemilderte Despotie. Das Land war in Militairbezirke getheilt,

die unter den Befehlen von Generalmajors standen. Jede aufständische

Bewegung ward im Keime erstickt und bestraft. Die Macht des Schwertes in

einer so starken, unbeugsamen und erfahrenen Hand dämpfte den Muth der

Cavaliere und der Levellers. Die loyale Gentry erklärte, sie sei zwar

immer noch bereit, für die alte Verfassung und Dynastie das Leben

einzusetzen, wenn nur eine schwache Hoffnung auf Erfolg vorhanden wäre;

aber an der Spitze von Dienern und Pächtern sich den Lanzen von Brigaden

entgegenzustellen, die in hundert Schlachten und Belagerungen siegreich

gewesen, sei eine unsinnige Verschwendung unschuldigen und

schätzenswerthen Blutes. Da sich von offenem Widerstande nichts hoffen

ließ, begannen Royalisten und Republikaner schwarze Mordpläne zu

ersinnen; aber des Protektors Kundschafter waren gut, und seine

Wachsamkeit ward nicht lästig; nur in der Mitte der blanken Schwerter

und Harnische seiner getreuen Garden verließ er die Mauern seines

Palastes.

Wäre Cromwell ein grausamer, ausschweifender und raublustiger Regent

gewesen, so hätte die Nation vielleicht in der Verzweiflung Muth

gefunden und sich durch eine krampfhafte Anstrengung von der

Militairherrschaft zu befreien gesucht; aber waren auch die

Bedrückungen, unter denen das Land seufzte, stark genug, um ernstliche

Unzufriedenheit zu erregen, so konnten sie doch die große Masse nicht

bewegen, Leben, Vermögen und die Wohlfahrt der Familien einer

furchtbaren Macht gegenüber auf das Spiel zu setzen. Die Last der

Steuern war, wenn auch drückender als unter den Stuarts, mit den

Nachbarstaaten verglichen und nach den Hilfsquellen Englands beurtheilt,

eine leichte zu nennen. Das Eigenthum war sicher, und selbst der

Cavalier, wenn er die neue Verfassung unangetastet ließ, genoß in

Frieden, was ihm die bürgerlichen Unruhen gelassen hatten. Nur in

Fällen, in denen es sich um die Sicherheit der Person und der Regierung

des Protektors handelte, wurden die Gesetze überschritten; aber in

Streitsachen zwischen Privaten ward die Justiz mit einer Strenge und

Unparteilichkeit geübt, wie man sie zuvor nie gekannt. Seit der

Reformation hatten unter keiner englischen Regierung so wenig religiöse

Verfolgungen stattgefunden. Betrachtete man auch die unglücklichen

Katholiken als dem Bereiche der christlichen Kirche nicht mehr

angehörig, so gestattete man dennoch dem gestürzten anglikanischen

Klerus, seinen Gottesdienst unter der Bedingung abzuhalten, daß seine

Predigten alle Politik ausschlössen. Es durften selbst die Juden, denen

seit dem dreizehnten Jahrhundert der öffentliche Gottesdienst untersagt

gewesen, sich trotz der Opposition neidischer Kaufleute und fanatischer

Theologen in London eine Synagoge bauen.

Des Protektors auswärtige Politik zwang zugleich auch diejenigen, die

ihn am meisten haßten, gegen ihren Willen ihm Anerkennung zu zollen. Die

Cavaliere konnten kaum den Wunsch unterdrücken, daß der, der soviel zur

Vermehrung des Nationalruhmes gethan, ein legitimer König gewesen sei,

und die Republikaner waren zu dem Eingeständnisse gezwungen, daß der

Tyrann nur für sich allein das Recht usurpire, mitunter dem Vaterlande

Unrecht zu thun, und daß er ihm für die geraubte Freiheit Ruhm

zurückgegeben habe. Nach einem halben Jahrhundert, während dessen

England kaum ein bedeutenderes Gewicht in der Politik Europa's gehabt,

als Venedig und Sachsen, erhob es sich plötzlich zu der gefürchtetsten

Macht der Welt, schrieb den Vereinigten Niederlanden Friedensbedingungen

vor, rächte an den Seeräubern der Berberei die der ganzen Christenheit

zugefügte Schmach, besiegte Spanien zu Land und zu Meer, bemächtigte

sich einer der schönsten westindischen Inseln und gewann an der

flämischen Küste einen festen Platz, der den Nationalstolz für den

Verlust von Calais tröstete. Es war die erste Macht auf dem Weltmeere;

es stand an der Spitze des protestantischen Interesses; Cromwell ward

von allen in katholischen Königreichen zerstreuten reformirten Kirchen

als Schirmherr anerkannt; die Hugenotten von Languedoc, die Hirten, die

sich in ihren Alpendörfchen zu einem ältern Protestantismus als den von

Augsburg bekannten, wurden durch den Schrecken allein vor Verfolgung

gesichert, den sein großer Name verbreitete. Selbst der Papst mußte

papistischen Fürsten Menschlichkeit und Mäßigung einschärfen, denn eine

Stimme, die selten vergebens drohte, hatte erklärt, daß die englischen

Kanonen in der Engelsburg gehört werden sollten, wenn man dem Volke

Gottes nicht Duldung angedeihen lasse. Es gab in der That Nichts, was

Cromwell wegen seiner und seiner Familie hätte mehr wünschen können, als

einen allgemeinen europäischen Religionskrieg, denn in diesem Falle wäre

er der Führer der protestantischen Armeen, und das Herz Englands wäre

mit ihm gewesen; man hätte seine Siege mit einer allgemeinen

Begeisterung begrüßt, wie sie das Land seit der Vernichtung der Armada

nicht geäußert, und der Flecken, den eine durch die Stimme der ganzen

Nation verdammte Handlung auf seinem strahlenden Ruhme zurückgelassen,

würde durch sie verlöscht worden sein. Zu seinem Unglücke bot sich ihm

keine Gelegenheit, außer gegen die britischen Inseln, sein

bewundernswürdiges Feldherrntalent zu entwickeln.

Seine Gewalt, den Unterthanen ein Gegenstand der Abneigung, der

Bewunderung und der Furcht zugleich, stand, so lange er lebte, fest.

Seine Regierung war nur bei Wenigen beliebt, aber die, denen sie am

meisten verhaßt war, haßten sie nicht so sehr, als sie sie fürchteten.

Wäre die Regierung eine schlechtere gewesen, ihre Stärke hätte sie

wahrlich nicht vor dem Sturze sichern können. Aber sie enthielt Mäßigung

genug, um Bedrückungen zu vermeiden, welche die Menschen zur Wuth

treiben, und besaß eine Kraft und Energie, die zu bekämpfen nur Menschen

wagen konnten, welche die Unterdrückung bereits zum Wahnsinn getrieben.

[_Richard, Cromwells Nachfolger._] Man hat oft behauptet, und

anscheinend nur aus wenigen Gründen, daß Cromwell zu einer seinem Ruhme

günstigen Zeit gestorben sei, und daß er, bei längerer Lebenszeit,

wahrscheinlich minder ehrenvoll und glücklich geendet haben würde.

Soviel steht fest, daß ihn seine Soldaten bis zu dem letzten Momente

ehrten, daß ihm die ganze Bevölkerung der britischen Inseln gehorchte,

daß ihn alle auswärtigen Mächte fürchteten, daß er mit einem Gepränge,

wie London es zuvor nie gesehen, neben den alten Souverainen Englands

zur Gruft bestattet wurde, und daß ihm sein Sohn Richard so ruhig in der

Regierung folgte, wie je ein Prinz von Wales einem Könige gefolgt ist.

Die Verwaltung Richard Cromwells hatte fünf Monate lang einen so

friedlichen und regelmäßigen Gang, daß ganz Europa der Meinung war,

seine Stellung am Staatsruder sei eine durchaus feste. Seine Lage war

wirklich in manchen Beziehungen vortheilhafter, als die seines Vaters;

er war noch zu jung, um Feinde zu haben, und an seinen Händen klebte

noch kein Bürgerblut. Die Cavaliere selbst gestanden ein, daß er ein

braver, gutmüthiger Gentleman sei. Die presbyterianische Partei, gleich

mächtig an Zahl wie an Reichthum, hatte mit dem nun verstorbenen

Protektor in tödtlicher Feindschaft gestanden, dem gegenwärtigen aber

zeigte sie eine geneigte Stimmung. Diese Partei hatte stets den Wunsch

genährt, es möge die alte Reichsverfassung mit einigen genauern

Bestimmungen und einigen stärkern Bürgschaften für die öffentliche

Freiheit wieder hergestellt werden, aber sie hatte mancherlei Gründe,

die Wiedereinsetzung der alten Herrscherfamilie zu fürchten. Für diese

Politiker war Richard der rechte Mann, denn seine Humanität, seine

Freimüthigkeit und Bescheidenheit, die Mittelmäßigkeit seiner Talente

und die Fügsamkeit, mit der er sich der Leitung klügerer Leute, als er,

überließ, machten ihn ganz vorzüglich geeignet, das Oberhaupt einer

beschränkten Monarchie zu sein.

Es schien wirklich eine Zeit lang, als ob er unter der Leitung fähiger

Rathgeber das durchführen werde, was sein Vater umsonst begonnen hatte.

Es ward ein Parlament berufen und die Ausschreiben dazu erließ man in

der alten Form. Den kleinen Flecken gab man das ihnen vor Kurzem

entzogene Wahlrecht zurück; Manchester, Leeds und Halifax schickten

ferner nicht mehr Mitglieder ab, und die Grafschaft York ward wiederum

auf zwei Abgeordnete beschränkt. Es muß einer Generation, welche durch

die Fragen über Reform des Parlaments fast bis zum Wahnsinn aufgeregt

ward, außergewöhnlich erscheinen, daß große Städte und Grafschaften sich

dieser Änderung nicht nur geduldig, sondern auch gern fügten; aber

wenn auch damals schon denkende Männer die Fehler des alten

Repräsentativ-Systems und die daraus früher oder später entspringenden

ernsten praktischen Übel erkannten, so waren doch diese praktischen Übel

noch nicht empfindlich fühlbar gewesen. Hatte Oliver Cromwell sein

Repräsentativ-System auch nach den richtigsten Grundsätzen gebildet, so

war es doch nicht volksthümlich; sowohl die Begebenheiten, aus denen es

hervorgegangen, als die Folgen, die es bewirkt, konnten die öffentliche

Meinung nicht für dasselbe gewinnen. Es war der Militairgewalt

entsprungen, und hatte nur Streit erregt. Der Regierung durch das

Schwert überdrüssig, sehnte sich die ganze Nation nach der Regierung

durch das Gesetz. Deshalb gewährte die Wiederherstellung selbst der

Anomalien und Mißbräuche, die mit den Gesetzen streng übereinstimmten

und durch das Schwert vernichtet gewesen waren, allgemeine Befriedigung.

Im Hause der Gemeinen gab es eine starke, theils aus offenen

Republikanern, theils aus geheimen Royalisten bestehende Opposition;

aber eine große, fest entschlossene Majorität schien dem Plane geneigt,

die alte Verfassung unter einer neuen Dynastie wieder herzustellen.

Richard ward feierlich als die erste obrigkeitliche Person im Staate

anerkannt. Die Gemeinen erklärten sich nicht nur bereit, mit den von

Oliver Cromwell ernannten Lords gemeinschaftlich die Staatsgeschäfte zu

verhandeln, sondern nahmen auch den Beschluß an, daß diejenigen

Adeligen, die zur Zeit der Unruhen der Sache der öffentlichen Freiheit

angehangen, ohne neue Ernennung im Oberhause des Parlaments zu sitzen

das Recht haben sollten.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Erster Band enthaltend Kapitel 1 und 2 · 第 6 / 12 题