[_Die Reformation und ihre Wirkungen._] Es scheint demnach gewiß zu

sein, daß das siebzehnte Jahrhundert auch dann nicht ohne heftige Kämpfe

zwischen unsern Königen und ihren Parlamenten vorübergegangen wäre, wenn

nur politische Gründe sie angefacht hätten; aber andere Ursachen,

vielleicht noch gewichtiger, brachten sie hervor. Während die Regierung

der Tudors auf dem Gipfelpunkte ihrer Kraft stand, trat ein Ereigniß

ein, das den Geschicken aller christlichen Völker, und namentlich dem

des englischen Volks, eine neue Richtung gab. Zweimal im Laufe des

Mittelalters hatte sich der Geist Europa's gegen die Herrschaft des

Pabstes erhoben. Die erste Erhebung fand im südlichen Frankreich statt.

Das kräftige Einschreiten Innocenz' III., der Eifer der damals erst

gestifteten Franziskaner- und Dominikaner-Orden und die Rohheit der

Kreuzfahrer, von der Geistlichkeit auf eine unkriegerische Bevölkerung

gehetzt, vernichteten die albigensische Kirche. Die zweite Erhebung

begann in England, und verbreitete sich bis nach Böhmen; aber auch

diesmal gelang es dem Konzil von Kostnitz, indem es einige kirchliche

Mißbräuche, an denen die Christenheit Anstoß nahm, beseitigte, und den

europäischen Fürsten, indem sie schonungslos mit Feuer und Schwert gegen

die Ketzer einschritten, der Bewegung Einhalt zu thun. Auch dies haben

wir nicht sehr zu bedauern. Die Sympathien eines Protestanten werden

sich natürlich zu den Albigensern und Lollards hinneigen; aber ein

gemäßigter und aufgeklärter Protestant wird nach genauer Prüfung doch

wohl in Zweifel ziehen, daß der glückliche Erfolg dieser Sekten

überhaupt Glück und Tugend der Menschen befördert haben würde.

Wie verdorben die römische Kirche damals auch war, so ist es doch

wahrscheinlich, daß eine noch viel verdorbenere an ihre Stelle getreten

sein würde, wenn sie im zwölften, und selbst im vierzehnten Jahrhunderte

noch, gestürzt wäre. Der größte Theil Europa's besaß in jener Zeit nur

wenig Kenntnisse, und die vorhandenen waren Eigenthum der Geistlichkeit.

Von fünfhundert Menschen konnte nicht einer die Psalmen lesen; Bücher

waren selten und theuer; die Buchdruckerkunst kannte man nicht, und

Abschriften der Bibel, bei weitem nicht so schön und deutlich als die,

welche der ärmste Landmann sich jetzt gedruckt verschaffen kann, wurden

zu Preisen verkauft, die selbst der größte Theil der Geistlichen nicht

zu zahlen vermochte. Dem Laienstande war es daher völlig unmöglich,

durch eigene Anschauung die heilige Schrift kennen zu lernen. Wäre nun

das eine geistige Joch abgeworfen gewesen, so hätte man aller

Wahrscheinlichkeit nach ein anderes auferlegt, und die bisher von der

römischen Geistlichkeit ausgeübte Gewalt würde auf eine weit schlimmere

Klasse von Lehrern übergegangen sein. Mit den übrigen Jahrhunderten

verglichen, war das sechzehnte Jahrhundert ein sehr aufgeklärtes; und

dennoch folgte in diesem Zeitalter eine große Anzahl derer, welche sich

von der alten Religion losgesagt, dem ersten besten verlockenden und

scheinheiligen Führer, der sich ihnen darbot, und verfielen bald in noch

gefährlichere Irrthümer als die waren, denen sie entsagt hatten. So war

es dem Matthias und Knipperdolling, den Aposteln der Unzucht, des Raubes

und des Mordes, möglich, eine Zeitlang große Städte zu beherrschen. In

einem noch ungebildeten Zeitalter hätten solche falsche Propheten Reiche

gründen können, und das Christenthum wäre in einen grausamen und

sittenlosen Aberglauben verkehrt worden, schädlicher, nicht nur als das

Pabstthum, sondern auch als der Islam.

Jene große religiöse Umwälzung, die man besonders die Reformation nennt,

begann ungefähr hundert Jahre nach dem Kostnitzer Konzile. Die Zeit war

nun zu Reformationen reif, denn der geistliche Stand besaß nicht mehr

allein und hauptsächlich den Schatz menschlichen Wissens. Die Erfindung

der Buchdruckerkunst hatte den Gegnern der römischen Kirche eine

mächtige Waffe gegeben, die den Vorgängern derselben gefehlt; das

Studium der alten Schriftsteller, die rasche Entwickelung der neuen

Sprachen, die plötzlich in jedem Zweige der Literatur entfaltete

Thätigkeit, der politische Zustand Europas, die Lasterhaftigkeit des

römischen Hofes, die Erpressungen der römischen Kanzlei, die Eifersucht,

welche die Reichthümer und Privilegien der Geistlichkeit in den Laien

erweckten, der Neid, den das Übergewicht Italiens in den diesseits der

Alpen Geborenen erregte, -- dies Alles gab den Predigern der neuen

Gotteslehre einen Vortheil, den sie zweckmäßig zu verwenden wußten.

Man kann ohne Inconsequenz, selbst in Anbetracht des wohlthätigen

Einflusses, den die römische Kirche auf die Menschheit ausübte, die

Reformation als ein unschätzbares Glück betrachten. Das Gängelband,

welches das Kind sichert und aufrecht erhält, ist dem Manne ein

Hinderniß. So können dieselben Hilfsmittel, die auf der einen

Bildungsstufe den menschlichen Geist stützen und entwickeln, auf einer

andern ihm hemmende Bande sein. In der Existenz des Einzelnen wie der

Gesellschaften giebt es einen Punkt, wo die Unterwerfung und der Glaube,

die man in späteren Zeiten mit Recht Knechtssinn und Leichtgläubigkeit

nennen würde, nützliche Eigenschaften sind. Das Kind, das gelehrig und

vertrauensvoll auf die Unterweisungen Älterer hört, wird ohne Zweifel

rasche Fortschritte machen; der Mann aber, der unbedenklich und mit

kindlicher Gelehrigkeit jede Behauptung und jede Glaubensansicht eines

andern und nicht klügern Mannes als er, annimmt, würde verächtlich

erscheinen. Ebenso ist es mit ganzen Gesellschaften. Die Kindheit der

europäischen Nationen verfloß unter der Vormundschaft der Geistlichkeit.

Der Einfluß der geistlichen Orden war lange Zeit so überwiegend, wie es

naturgemäß und mit Recht jede geistige Autorität sein muß. Die Priester,

mit allen ihren Fehlern, bildeten den aufgeklärtesten Theil der

Gesellschaft; es war daher im Ganzen genommen ein Glück, daß man ihnen

gehorchte und sie achtete. Die Übergriffe der kirchlichen Macht in das

Gebiet der weltlichen war so lange mehr segenbringend als schädlich,

als sich die geistliche Gewalt in den Händen der einzigen Klasse befand,

die Geschichte, Philosophie und öffentliches Recht studirt hatte, die

weltliche Gewalt aber in den Händen roher Häuptlinge, die ihre eigenen

Verleihungen und Erlasse nicht lesen konnten. Dies änderte sich jedoch;

die Kenntnisse verbreiteten sich nach und nach unter den Laien, von

denen schon im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts viele in geistiger

Beziehung den aufgeklärtesten ihrer Seelenhirten gleich kamen. Von nun

an wurde jene Autorität, welche ungeachtet mancher Mißbräuche in den

Jahrhunderten der Finsterniß eine gesetzliche und heilsame Vormundschaft

gewesen, eine ungerechte und verderbliche Tyrannei.

Von der Zeit an, wo die Barbaren das weströmische Reich stürzten, bis zu

der Zeit des Wiederemporblühens der Wissenschaften übte die römische

Kirche im Allgemeinen auf Wissenschaft, Civilisation und eine gute

Staatsverfassung einen heilsamen Einfluß aus; aber während der letzten

drei Jahrhunderte ist es ihr Hauptbestreben gewesen, die Entwickelung

des menschlichen Geistes zu hindern. Alle Fortschritte in der

Christenheit, in Wissen, Freiheit, Wohlstand und in den Künsten des

Lebens, sind ungeachtet ihres Entgegenwirkens gemacht worden und haben

stets zu ihrer Macht im entgegengesetzten Verhältnisse gestanden.

Die schönsten und fruchtbarsten Provinzen Europa's sind unter ihrer

Herrschaft in Armuth, politische Knechtschaft und geistige Erstarrung

versunken, während protestantische Länder, die einst als unfruchtbar und

barbarisch sprichwörtlich waren, durch Geschicklichkeit und Fleiß in

Gärten verwandelt wurden, und sich einer langen Reihe von Helden,

Staatsmännern, Philosophen und Dichtern rühmen. Man kann sich ein

Urtheil über die Tendenzen der päpstlichen Herrschaft bilden, wenn man

weiß, was Italien und Schottland von Natur sind und vor vierhundert

Jahren wirklich waren, und wenn man jetzt die Gegend um Rom mit der um

Edinburg vergleicht. Das Herabsinken Spaniens, einst die erste unter den

Monarchien, zu der untersten Stufe der Erniedrigung, und das

Emporsteigen Hollands, ungeachtet mancher natürlichen Hindernisse,

zu einer Höhe, wie sie kein Gemeinwesen von so geringer Ausdehnung je

erreicht hat, beweisen dasselbe. Wer in Deutschland aus einem

katholischen Lande in ein protestantisches, in der Schweiz aus einem

katholischen in einen protestantischen Kanton, und in Irland aus einer

katholischen in eine protestantische Grafschaft kommt, gewahrt, daß er

von einem niedern Grade der Civilisation bei einem höhern Grade

angelangt ist. Dieselben Resultate findet man jenseits des atlantischen

Meeres. Die Protestanten der Vereinigten Staaten haben die Katholiken in

Mexico, Peru und Brasilien weit hinter sich gelassen. Die Katholiken von

Unter-Canada verharren in ihrer Trägheit; die Protestanten aber

erfüllen den ganzen Kontinent um sich her durch Thätigkeit und

Unternehmungsgeist. Die Franzosen haben ohne Zweifel Energie und

Intelligenz an den Tag gelegt, die ihnen, selbst wenn sie in unrechte

Bahnen geleitet wurden, gerechten Anspruch auf den Namen einer großen

Nation geben; aber bei näherer Untersuchung wird sich diese scheinbare

Ausnahme dennoch als eine Bestätigung der Regel bewähren, denn in keinem

Lande, das für römisch-katholisch galt, hat die römisch-katholische

Kirche mehrere Generationen hindurch so wenig in Ansehen gestanden,

als in Frankreich.

Ob England mehr der römisch-katholischen Religion oder der Reformation

verdankt, ist schwer zu bestimmen. Die Vermischung der Volksstämme und

die Abschaffung der Leibeigenschaft ist vorzüglich ein Ergebniß des

Einflusses, den der Clerus des Mittelalters auf den Laienstand ausübte;

die politische und geistige Freiheit hingegen, sammt allen mit ihnen

verbreiteten Segnungen, dankt England hauptsächlich der großen Erhebung

des Laienstandes gegen die Geistlichkeit.

Der Kampf zwischen der alten und neuen Glaubenslehre in unserm

Vaterlande war ein langer, und der Ausgang desselben schien mitunter

zweifelhaft. Es gab zwei extreme Parteien, gleich bereit, mit Gewalt zu

handeln, oder mit unbeugsamer Festigkeit zu dulden. Zwischen diesen

beiden Parteien befand sich eine Zeitlang eine dritte, welche zwar sehr

unlogisch, aber dennoch sehr natürlich die in der Kindheit erhaltenen

Lehren mit den Predigten der neuern Evangelisten vermischt und, obgleich

mit Vorliebe an den alten Observanzen hangend, dennoch die mit diesen

Observanzen verknüpften Mißbräuche verabscheute. Leute von solcher

Denkart folgten willig, fast dankbar, den Anleitungen eines tüchtigen

Führers, der ihnen die Mühe ersparte, selbst zu urtheilen und, mit

starker, fester Stimme das Lärmen des Streitens übertönend, ihnen sagte,

wie sie Gott verehren und was sie glauben müßten. Es kann uns daher

nicht befremden, daß die Tudors einen so großen Einfluß auf die

kirchlichen Angelegenheiten auszuüben vermochten, und daß sie diesen

Einfluß meistens nur in ihrem eigenen Interesse geltend machten.

Heinrich VIII. versuchte eine anglikanische Kirche zu gründen, die sich

von der römisch-katholischen in dem Punkte des Supremats, und nur in

diesem Punkte allein unterschied; der Erfolg war ein außerordentlicher.

Seine Energie des Charakters, seine besonders günstige Stellung zu

fremden Mächten, die ungeheuren Reichthümer, welche durch die Beraubung

der Klöster ihm zufielen, und vorzüglich der Beistand aller Derer, die

zwischen beiden Meinungen schwankten, machten es ihm möglich, beiden

Extremen zu trotzen, die Anhänger der Lehren Luthers als Ketzer

verbrennen und die als Verräther hängen zu lassen, welche die Autorität

des Papstes anerkannten. Aber Heinrichs System starb mit ihm. Wenn er

länger gelebt hätte, würde es ihm schwer geworden sein, eine Stellung zu

behaupten, die von den Anhängern der neuen und der alten Meinungen mit

gleicher Wuth angegriffen wurde. Die Minister, denen die Bewahrung der

königlichen Hoheitsrechte während der Minderjährigkeit seines Sohnes

anvertraut war, konnten es nicht wagen, in einer so kühnen Politik zu

verharren, und eben so wenig unternahm es Elisabeth, zu ihr

zurückzukehren. Es mußte nothwendig eine Wahl getroffen werden: Die

Regierung hatte sich entweder Rom zu unterwerfen, oder die Hilfe der

Protestanten zu erwirken, mit denen sie nur das Eine, den Haß gegen die

päpstliche Gewalt, gemein hatte. Die englischen Reformatoren waren

eifrig bemüht, eben so weit zu gehen, als ihre Brüder auf dem

Continente; einmüthig verdammten sie mehrere Glaubenssätze und Gebräuche

als unchristlich, an denen Heinrich hartnäckig gehalten, und die

Elisabeth nur mit Widerstreben aufgab. Selbst gegen gleichgültige Dinge,

die einen Theil der Verfassung oder des Rituals des mystischen Babylon

gebildet hatten, hegten viele von ihnen einen lebhaften Widerwillen.

Bischof Hooper, der in Gloucester muthig für seinen Glauben starb,

weigerte sich lange Zeit, die bischöflichen Gewänder anzulegen. Bischof

Ridley, ein noch berühmterer Märtyrer, ließ die alten Altäre seiner

Diöcese niederreißen und an Tafeln, die in der Mitte der Kirche

aufgestellt und von den Papisten sehr unehrerbietig Austernbänke genannt

wurden, das heilige Abendmahl austheilen. Bischof Jewel nannte die

geistliche Tracht ein Theaterkleid, einen Narrenanzug, ein Überbleibsel

von den Amonitern, und versprach, Alles aufzubieten, um solche

schmähliche Absurditäten auszurotten. Erzbischof Grindal zögerte lange,

die Mitra anzunehmen, weil er Widerwillen gegen die Weihe hegte, die er

als eine Mummerei betrachtete. Bischof Parkhurst sprach in einem

inbrünstigen Gebet aus, die Kirche von England möge sich die von Zürich

als absolutes Vorbild einer christlichen Verbrüderung nehmen. Bischof

Ponet wollte, daß man die Benennung »Bischof« den Papisten überlassen

und die höchsten Beamten der geläuterten Kirche Superintendenten nennen

sollte. Erwägt man nun, daß alle diese Prälaten nicht der äußersten

Richtung der protestantischen Partei huldigten, so kann man unbezweifelt

annehmen, daß das Werk der Reformation in England ebenso schonungslos

würde betrieben worden sein als in Schottland, wenn man allgemein der

Richtung dieser Partei gefolgt wäre.

[_Ursprung der Kirche von England._] In demselben Maße aber, wie die

Regierung des Beistandes der Protestanten bedurfte, so bedurften die

Protestanten des Schutzes der Regierung. Man gab deshalb viel von beiden

Seiten auf, es kam eine Vereinigung zu Stande, und die Frucht dieser

Vereinigung war die Kirche von England. Viele der wichtigsten

Begebenheiten, die sich seit der Reformation in unserm Vaterlande

zugetragen haben, sind den Eigenthümlichkeiten dieser großen Institution

und den heftigen Leidenschaften zuzuschreiben, die sie in den Gemüthern

von Freunden und Feinden erweckt. Die weltliche Geschichte Englands wird

uns völlig unklar bleiben, wenn wir sie nicht im steten Zusammenhange

mit der Geschichte seiner Kirchenverfassungen studiren.

Der Mann, der am thätigsten bei der Feststellung der Bedingungen jenes

Bündnisses wirkte, aus dem die anglikanische Kirche entstand, war Thomas

Cranmer. Er war der Repräsentant beider Parteien, die damals des

gegenseitigen Beistandes bedurften; er war Theolog und Staatsmann

zugleich. Als Theolog zeigte er sich völlig bereit, die Bahn der

Änderung eben so weit zu verfolgen, als irgend ein schweizerischer oder

schottischer Reformator; als Staatsmann aber strebte er danach, die

Organisation zu bewahren, die Jahrhunderte lang den Zwecken der

römischen Bischöfe so treffliche Dienste geleistet hatte, und von der zu

erwarten stand, daß sie jetzt den Zwecken der englischen Könige und der

Minister derselben eben so ersprießlich sein würde. Sein Charakter und

sein Verstand befähigten ihn vollkommen zu dem Amte des Vermittlers.

Fromm in seinen Worten, ohne Scrupel in seinen Handlungen, im Grunde für

nichts begeistert, kühn in der Theorie, ein Feigling und Mantelträger

bei der Ausführung, ein versöhnlicher Feind und ein lauer Freund, besaß

er alle Eigenschaften, welche zur Aufstellung der Vertragsbedingungen

zwischen den religiösen und weltlichen Feinden des Papismus erforderlich

waren.

[_Ihr eigenthümlicher Charakter._] Noch heute zeigt die Kirche in

Verfassung, Lehren und gottesdienstlichen Gebräuchen die sichtbaren

Spuren des Vergleichs, aus dem sie hervorging; sie ist ein Mittelding

zwischen den Kirchen von Rom und Genf. Ihre von Protestanten verfaßten

Bekenntnisse und Abhandlungen stützen sich auf theologische Grundsätze,

an denen Calvin und Knox kaum ein Wort zu tadeln gehabt hätten. Ihre aus

den alten Brevieren entnommenen Gebete und Danksagungen sind fast alle

der Art, daß Bischof Fisher oder der Cardinal Pole sie aus Herzensgrunde

hätten mitbeten können. Ein Polemiker, der ihre Artikel und Homilien im

arminianischen Sinne auslegt, wird bei billigdenkenden Männern eben so

wenig Recht erhalten, als der, der läugnen wollte, daß in ihrer Liturgie

die Lehre von der Wiedergeburt durch die Taufe zu finden sei.

Die römische Kirche hielt immer noch fest, daß die Bischofswürde eine

göttliche Einsetzung, und gewisse übernatürliche hohe Gaben fünfzig

Generationen hindurch von den elf, die auf dem galiläischen Berge ihre

Ämter empfangen, durch Handauflegen auf die Bischöfe übergegangen seien,

die in Trient sich versammelten. Eine große Anzahl Protestanten aber

hielt die Prälatur geradezu für ungesetzlich, und glaubte in der

heiligen Schrift eine ganz andere Form des kirchlichen Regimentes

ausgesprochen zu finden. Die Gründer der anglikanischen Kirche schlugen

einen Mittelweg ein, indem sie das Episkopat zwar beibehielten, aber den

Einfluß desselben auf das Gedeihen einer christlichen Gesellschaft oder

die Wirksamkeit der Sakramente für unwesentlich erklärten. Cranmer

selbst sprach bei einer wichtigen Gelegenheit als seine Überzeugung aus,

daß es in den ersten christlichen Zeiten keinen Unterschied zwischen

Bischöfen und Priestern gegeben habe, und daß das Händeauflegen völlig

unnütz sei.

In der presbyterianischen Kirche ist die Leitung des öffentlichen

Gottesdienstes größtentheils den Geistlichen überlassen. Ihre Gebete

sind deshalb in zwei Versammlungen an einem Tage oder in einer

Versammlung an verschiedenen Tagen nicht dieselben. In dieser Gemeinde

sind sie inbrünstig, beredt und sinnreich; in jener vielleicht matt

und absurd. Die Priester der römisch-katholischen Kirche hingegen

haben schon seit Jahrhunderten tagtäglich dieselben alten

Glaubensbekenntnisse, Bitten und Danksagungen, in Indien wie in

Lithauen, in Irland wie in Peru, abgesungen. Der in einer todten Sprache

abgehaltene Gottesdienst ist nur den Gelehrten verständlich, und von der

großen Mehrzahl der versammelten Gemeinde kann man sagen, daß sie

demselben mehr als Zuschauer, denn als Zuhörer beiwohnen. Aber auch hier

schlug die englische Kirche wieder den Mittelweg ein, indem sie die

römisch-katholischen Gebetsformen beibehielt, sie in die Volkssprache

übersetzte und die ungelehrte Menge aufforderte, ihre Stimme mit der des

Priesters zu vereinigen.

Dieselbe Politik läßt sich durch alle ihre Systeme verfolgen. Sie

verwarf zwar die Lehre von der Transsubstantiation, und verdammte jede

Anbetung des Brodes und Weines beim Abendmahle als einen Götzendienst;

aber sie verlangte dennoch, zum Ärgerniß der Puritaner, daß ihre Kinder

das Erinnerungszeichen göttlicher Liebe demüthig kniend empfangen

sollten. Sie beseitigte zwar die reichen Bekleidungen, welche die Altäre

des alten Glaubens umgaben; aber das einfache weißleinene Gewand, das

Sinnbild der Reinheit, die ihr als der mystischen Braut Christi zukomme,

behielt sie, zum Schrecken schwacher Gemüther, bei. Sie schaffte

zwar eine Menge pantomimischer Bewegungen ab, die bei dem

römisch-katholischen Gottesdienste verständliche Worte vertreten, aber

sie gab doch manchem strengen Protestanten dadurch Anstoß, daß sie das

eben aus dem Taufsteine besprengte Kind mit dem Zeichen des Kreuzes

segnete. Der römische Katholik betete zu einer Menge Heiliger, unter

denen sich Männer von zweifelhaftem, sogar einige von gehässigem

Charakter befanden; der Puritaner weigert sich, selbst den Apostel der

Heiden, den Jünger, den Jesus liebte, »heilig« zu benennen. Obgleich die

Kirche von England kein geschaffenes Wesen um Schutz anflehte, so setzte

sie doch besondere Tage zur Gedächtnißfeier an die fest, die für den

Glauben Großes gewirkt und gelitten hatten. Die Confirmation und die

Ordination behielt sie als erbauliche Gebräuche bei, aber sie zählte sie

nicht zu den Sakramenten. Die Ohrenbeichte gehörte nicht in ihr System;

aber sie forderte den sterbenden Sünder freundlich auf, seine Vergehen

einem Geistlichen zu bekennen, und ermächtigte ihre Diener, die

scheidende Seele durch eine Absolution zu erleichtern, welche ganz den

Geist des alten Glaubens athmet. -- Man kann im Allgemeinen sagen,

sie wendet sich mehr an den Verstand und weniger an die Sinne und die

Phantasie, als die römische Kirche; aber sie nimmt weniger den Verstand

und mehr die Sinne und die Phantasie in Anspruch, als die

protestantischen Kirchen von Schottland, Frankreich und der Schweiz.

[_Das Verhältniß, in welchem sie zu der Krone stand._] Nichts jedoch

unterschied die englische Kirche so sehr von andern Kirchen, als ihr

Verhältniß zur Monarchie. Der König war ihr Haupt. Die Grenzen der

Macht, die er als ein solches besaß, waren nicht genau angegeben, und

sind auch nie genau angegeben worden. Die Gesetze, durch die er zum

Oberherrn der Kirche ernannt, waren unbestimmt und zu allgemeinen

Ausdrücken abgefaßt. Prüfen wir, um den Sinn dieser Gesetze genau zu

deuten, die Schriften und das Leben der Gründer der englischen Kirche,

so werden wir in noch größere Verlegenheit gerathen, denn diese

schrieben und wirkten in einer Zeit großer geistigen Gährung, in einer

Zeit steten Strebens und Gegenstrebens. Sie standen daher nicht nur

untereinander, sondern oft auch mit sich selbst im Widerspruch. Der

Lehrsatz, daß der König nächst Christus das alleinige Haupt der Kirche

sei, wurde von Allen einmüthig anerkannt; aber diesen Worten wurde von

Verschiedenen, selbst von Einem und Demselben unter verschiedenen

Umständen, eine sehr verschiedene Bedeutung beigelegt. Man schrieb dem

Souverain nicht selten eine Gewalt zu, mit der sich ein Hildebrand

zufrieden erklärt haben würde; dann wieder ward sie dergestalt

eingeschränkt, daß sie nicht viel größer war als jene, welche alte

englische Fürsten beanspruchten, die stete Gemeinschaft mit der

römischen Kirche gepflogen hatten. Das, was Heinrich und seine

vertrauten Räthe unter Suprematie verstanden, war nichts Geringeres, als

die ganze Macht des Papstes; der König sollte der Papst seines Reiches,

der Stellvertreter Gottes, der Ausleger der katholischen Wahrheit, der

Ausfluß der sakramentlichen Gnaden sein. Er maßte sich die rechtsgültige

Entscheidung über wahre Lehre und Ketzerei an, das Entwerfen und

Anordnen von Glaubensbekenntnissen, und religiöse Unterweisungen für das

Volk. Er erklärte, daß alle geistliche und weltliche Gerichtsbarkeit ihm

allein zustehe, und daß er die Macht besitze, die bischöfliche Würde zu

verleihen und zurückzunehmen; er ging selbst so weit, daß er den

Bestallungsdekreten der Bischöfe, wonach diesen ihre Amtsverrichtungen

nur auf so lange übertragen wurden, als er es für gut befinden würde,

sein Siegel beifügte. Nach diesem, von Cranmer aufgestellten Systeme,

war der König nicht nur das geistliche, sondern auch das weltliche

Oberhaupt der Nation, und in dieser doppelten Eigenschaft mußte er seine

Stellvertreter haben. Wie er bürgerliche Beamte zur Bewahrung seiner

Siegel, zur Erhebung seiner Einkünfte und zur Ausübung des Rechts in

seinem Namen bestellte, so ernannte er auch Geistliche verschiedenen

Ranges, um das Evangelium zu predigen und die Sakramente zu ertheilen;

das Auflegen der Hände war dabei nicht nöthig. Nach Cranmer's klar und

deutlich ausgesprochener Meinung konnte der König, kraft seiner ihm von

Gott verliehenen Gewalt, einen Priester bestellen, und der so bestellte

Priester bedurfte keiner weitern Ordination. Trotz der Opposition

einiger eben nicht höfisch ggesinnten Geistlichen, verfuhr Cranmer nach

diesen Ansichten in allen ihren gesetzlichen Consequenzen; er hielt

seine eigenen geistlichen Funktionen für beendet, wie die des Kanzlers

und des Schatzmeisters, sobald die Krone auf ein anderes Haupt übergehe.

-- Demnach holten, bei Heinrichs Tode, der Erzbischof und seine

Suffragane neue Bestallungen ein, die sie ermächtigten, so lange zu

ordiniren und geistliche Verrichtungen vorzunehmen, bis der neue Monarch

anders verfügen würde. Als man den Einwand machte, die Gewalt zu lösen

und zu binden, die der Herr seinen Aposteln verliehen, sei von der

weltlichen Gewalt ganz verschieden, so antworteten die Theologen dieser

Schule, daß die Macht zu lösen und zu binden nicht auf die Geistlichkeit

allein, sondern auf die Gesammtheit der Christen übergegangen sei und

von der höchsten Obrigkeit, als der Repräsentantin der Gesellschaft,

geübt werden müsse. Dem Einwande, der heilige Paulus habe nur von

bestimmten Personen gesprochen, die der heilige Geist zu Aufsehern und

Hirten der Gläubigen erwählt, ward mit der Antwort begegnet: König

Heinrich sei eben der Aufseher und Hirt, den der heilige Geist erwählt

habe, und auf den sich die Worte des heiligen Paulus bezögen.[3]

Diese ausgedehnten Ansprüche erregten bei Protestanten und Katholiken

gleiches Ärgerniß, und dies ward ein noch größeres, als das Supremat,

das Maria dem Papste zurückgegeben, bei der Thronbesteigung Elisabeths

mit der Krone wieder verbunden wurde. Man hielt es für unerhört, daß

eine Frau der erste Bischof der Kirche sein solle, in der, nach dem

Verbote des Apostels, sie nicht einmal ihre Stimme hören lassen dürfe.

Die Königin sah sich daher genöthigt, auf den priesterlichen Charakter,

den ihr Vater sich beigelegt, und der nach Cranmer's Ansicht durch

göttliche Verordnung mit der königlichen Würde unzertrennlich verbunden

sei, ausdrücklich Verzicht zu leisten. Bei der unter ihrer Regierung

stattgefundenen Revision des anglikanischen Glaubensbekenntnisses

erklärte man das Supremat in einer ganz andern Weise, als es an

Heinrich's Hofe zu geschehen pflegte. Cranmer hatte in bestimmten

Ausdrücken erklärt, Gott habe den christlichen Fürsten die ganze Sorge

für das Heil aller Unterthanen, also ebensowohl in Bezug auf die

Ausübung des göttlichen Wortes in der Seelsorge, als in Bezug auf die

Ausübung der staatlichen Gewalt, unmittelbar übertragen.[4] Der

siebenunddreißigste Religionsartikel, der unter Elisabeths Regierung

entworfen ward, erklärt in eben so bestimmten Ausdrücken, daß den

Fürsten die Aufsicht über die Ausübung des göttlichen Wortes nicht

gebühre. Aber dessen ungeachtet besaß die Königin immer noch ein

ausgedehntes und unbestimmt begrenztes Aufsichtsrecht über die Kirche.

Das Parlament hatte ihr das Amt übertragen, Ketzereien und jede Art

kirchlicher Mißbräuche zu verhindern und zu bestrafen, und ihr zugleich

gestattet, diese Gewalt wiederum auf Bevollmächtigte übergehen zu

lassen. Die Bischöfe waren nicht mehr, als ihre Minister. Im elften

Jahrhundert würde die römische Kirche eher ganz Europa in Brand gesetzt

haben, als daß sie der bürgerlichen Macht die unumschränkte Befugniß zur

Ernennung geistlicher Hirten zugestanden hätte. In unserer Zeit würden

die Diener der schottischen Kirche ihre Pfründen bei Hunderten aufgeben,

ehe sie der bürgerlichen Obrigkeit die Gewalt einräumten, Kirchendiener

zu ernennen. Solche Scrupel hegte die englische Kirche nicht. Die

königliche Autorität allein genügte, die Kirchenversammlungen

einzuberufen, zu ordnen, zu vertagen und aufzulösen. Ihre Beschlüsse

hatten ohne die königliche Sanction keine Kraft. Selbst einer ihrer

Glaubensartikel bestimmte, daß ein kirchliches Koncilium ohne königliche

Genehmigung gesetzlich nicht zusammentreten könne. Von allen ihren

Gerichtsstellen konnte man in letzter Instanz an die königliche

Autorität appelliren, selbst wenn es sich um die Feststellung

ketzerischer Ansichten, oder um die Gültigkeit eines ausgetheilten

Sakramentes handelte. Eben so wenig mißgönnte die Kirche unsern Fürsten

diese ausgedehnte Gewalt, die von ihnen in's Leben gerufen, in ihrer

schwachen Kindheit gepflegt, hier vor den Papisten und dort vor den

Puritanern bewahrt, gegen ihr abgeneigte Parlamente geschützt, und an

gelehrten Gegnern, denen zu antworten ihr schwer gefallen wäre, gerächt

worden war. So ward sie durch Dankbarkeit, Hoffnung, Furcht und

gemeinsame Neigung und Abneigung an den Thron gefesselt; alle ihre

Traditionen und Gefühle waren monarchisch. Loyalität wurde unter ihrer

Geistlichkeit zu einem Punkte der Standesehre, zu einem Zeichen, das sie

von Calvinisten und Papisten zugleich unterschied. Calvinisten und

Papisten, obgleich in andern Beziehungen uneinig, betrachteten alle

Eingriffe der weltlichen Macht in das Gebiet der geistlichen mit großer

Eifersucht. Calvinisten wie Papisten behaupteten, daß die Unterthanen

berechtigt seien, gegen gottvergessene Regenten das Schwert zu ziehen.

In Frankreich trotzten Calvinisten Karl IX., Papisten Heinrich IV., und

beide Parteien zusammen Heinrich III. In Schottland nahmen Calvinisten

Maria gefangen; im Norden vom Trent schwangen Papisten die Waffen gegen

Elisabeth. Die Kirche von England aber verdammte Calvinisten und

Papisten, und rühmte sich offen, daß sie keine Pflicht beharrlicher und

dringender einschärfe, als die des Gehorsams gegen die Fürsten.

Die Vortheile, welche der Krone aus dieser innigen Vereinbarung mit der

Staatskirche erwuchsen, waren zwar groß, aber nicht ohne starke

Schattenseiten. Eine große Zahl Protestanten hatte den durch Cranmer

vermittelten Vergleich schon anfangs für eine Erfindung gehalten, um

zweien Herren zu dienen, und für einen Versuch, den Dienst des Herrn mit

dem des Baal zu vereinigen. Unter Eduard VI. hatten die Scrupel dieser

Partei dem regelmäßigen Gange der Regierung mehreremal große Hindernisse

bereitet, und bei der Thronbesteigung Elisabeths mehrten sich diese

Hindernisse. Gewalt gebiert natürlich Gewalt.

[Anmerkung 3: Siehe eine merkwürdige Schrift, die Stryve als von

Gardiners eigener Hand verfaßt hält: +Ecclesiastical Memorials+,

Buch I. Kap. 17.]

[Anmerkung 4: Dies sind Cranmer's eigene Worte. Siehe den Anhang

zu Burnets +History of the Reformation, Part I. Book III. No. 21.

Question 9.+]

[_Die Puritaner._] Nach den von Maria verübten Grausamkeiten war der

Geist des Protestantismus viel heftiger und unduldsamer, als zuvor.

Viele eifrige Anhänger der neuen Glaubensmeinungen waren in jener

schlimmen Zeit nach der Schweiz und nach Deutschland geflüchtet, hatten

dort bei ihren Glaubensbrüdern gastliche Aufnahme gefunden, zu den Füßen

der großen Doctoren von Straßburg, Zürich und Genf gesessen, und waren

einige Jahre hindurch an einen einfachen Gottesdienst und eine

demokratischere Form der Kirchenverwaltung gewöhnt, als in England bis

dahin existirt hatte. Diese Leute kehrten mit der Überzeugung in ihr

Vaterland zurück, daß die unter König Eduard stattgehabte Reform nicht

so gründlich und umfassend gewesen sei, als es die Interessen einer

reinen Religion erforderten. Ihre Bemühungen, von Elisabeth irgend ein

Zugeständniß zu erlangen, blieben ohne Erfolg. Es schien ihnen, daß das

System der Letztern in allem, worin es sich von dem ihres Bruders

unterschied, schlechter sei, als jenes; sie waren wenig geneigt, sich in

Glaubensangelegenheiten irgend einer menschlichen Autorität zu

unterwerfen. Auf ihre eigene Auslegung der Schrift bauend, hatten sie

sich erst kürzlich gegen eine Kirche erhoben, deren Stärke in großem

Alter und in der allgemeinen Anerkennung beruhte; nur durch einen

ungewöhnlichen Aufwand geistiger Kraft war es ihnen gelungen, das Joch

dieses glänzenden und imponirenden Aberglaubens abzuwerfen, und es stand

daher nicht zu erwarten, daß sie unmittelbar nach einer solchen

Emanzipation sich geduldig einer neuen geistigen Tyrannei fügen würden.

Lange gewöhnt, die Angesichter wie vor einem gegenwärtigen Gotte zur

Erde zu neigen, wenn der Priester die Hostie erhob, hatten sie die Messe

als ein götzendienerisches Possenspiel betrachten gelernt; lange

gewöhnt, den Papst als den Nachfolger des ersten der Apostel, als den

Bewahrer der Schlüssel von Erde und Himmel zu betrachten, hatten sie

gelernt, in ihm das Thier, den Antichrist und den Mann der Sünde zu

sehen. Daß sie nun die Huldigung, die sie dem Vatican entzogen,

unmittelbar auf eine neu geschaffene Autorität übertragen, daß sie ihr

eigenes Urtheil der Autorität einer Kirche unterordnen, die sich

ebenfalls nur auf individuelles Urtheil gründete, und daß sie sich

scheuen würden, von Lehren abzuweichen, die selbst von dem, was noch

kürzlich der allgemeine Glaube der westlichen Christenheit gewesen,

abwich, ließ sich nicht erwarten. Es ist leicht zu begreifen, daß kühne

und forschende Geister, triumphirend über die neu errungene Freiheit,

höchst entrüstet sein mußten, wenn eine um manches Jahr jüngere

Institution als sie selbst, eine Institution, die unter ihren eigenen

Augen nach und nach ihre Form von den Leidenschaften und den Interessen

des Hofes erhalten, das hochmüthige Wesen Rom's nachzuahmen begann.

[_Ihr republikanischer Geist._] Da man diese Leute nicht überzeugen

konnte, beschloß man, sie zu verfolgen, und die Verfolgung äußerte ihre

natürlichen Wirkungen: sie fand in ihnen eine Sekte, und machte daraus

eine Partei. Mit ihrem Hasse gegen die Kirche verband sich nun auch der

Haß gegen die Krone. Diese beiden Gefühle vermischten sich, indem eines

die Bitterkeit des andern vermehrte. Die Meinungen der Puritaner über

das gegenseitige Verhältniß zwischen Herrscher und Beherrschten waren

von denen weit verschieden, die in den Homilien eingeschärft wurden.

Die beliebtesten Theologen derselben hatten durch Wort und Beispiel zum

Widerstande gegen Tyrannen und Verfolger ermuthigt; die calvinistischen

Genossen in Frankreich, Holland und Schottland hatten die Waffen gegen

götzendienerische und grausame Regenten ergriffen, und die Ansichten

derselben über Staatsregierung nahmen die Färbung der Ansichten von der

Kirchenregierung an. Einige von den Sarkasmen, die das Volk im gemeinen

Leben gegen die Geistlichkeit richtete, konnten leicht auf das Königthum

gerichtet werden, und manche der Gründe, durch die man bewies, daß die

geistliche Gewalt am besten durch eine Synode ausgeübt werde, führten

anscheinend auch zu dem Schlusse, daß die weltliche Gewalt am besten in

einem Parlamente bewahrt sei.

Wie nun der Priester der Staatskirche aus Interesse, Grundsatz und

Leidenschaft den königlichen Vorrechten ein eifriger Verfechter war,

so stand der Puritaner aus Interesse, Grundsatz und Leidenschaft ihnen

feindlich entgegen. Die mißvergnügten Sektirer hatten eine ausgedehnte

Macht, in jedem Stande fanden sie Anhänger, und unter den

handeltreibenden Klassen der Städte sowie unter den kleinen

Grundbesitzern auf dem Lande die meisten.

[_Gegen die Regierung Elisabeths erhob sich keine systematische

parlamentarische Opposition._] Schon in den ersten Regierungsjahren

Elisabeths bildeten diese Sektirer die Majorität in dem Hause der

Gemeinen, und wenn unsere Vorfahren damals ihre ganze Aufmerksamkeit auf

die innern Angelegenheiten hätten richten können, so unterliegt es

keinem Zweifel, daß der Streit zwischen der Krone und dem Parlamente

sofort begonnen haben würde. Damals aber war keine Zeit für innere

Zwistigkeiten. Es steht überhaupt in Frage, ob selbst die festeste

Vereinigung aller Klassen im Staate die gemeinsame Gefahr, die ihnen

drohte, hätte abwenden können. Das römisch-katholische und das

reformirte Europa führten einen Kampf auf Leben und Tod. Frankreich,

mit sich selbst im Kriege begriffen, konnte für einige Zeit in der

Christenheit nicht in Betracht gezogen werden. Die englische Regierung

stand an der Spitze des protestantischen Interesses, und während sie im

Lande die Presbyterianer verfolgte, ließ sie den presbyterianischen

Kirchen im Auslande einen kräftigen Schutz angedeihen. An der Spitze der

Gegenpartei stand der mächtigste Fürst jener Zeit, ein Fürst, der

Spanien, Portugal, Italien, die Niederlande und Ost- und West-Indien

beherrschte, dessen Armeen mehr als einmal Paris bedrohten, und dessen

Flotten die Küsten von Devonshire und Sussex in Furcht hielten. Lange

hatte es den Anschein, daß die Engländer auf eignem Boden einen

verzweifelten Kampf um Religion und Unabhängigkeit zu bestehen haben

würden, und von der Befürchtung eines argen Verrathes im eignen Lande

waren sie keinen Augenblick frei, denn damals war es auch für viele edle

Charaktere ein Gewissens- und Ehrenpunkt geworden, das Vaterland der

Religion zu opfern. Eine Reihe schwarzer Pläne, von Römisch-Katholischen

gegen das Leben der Königin und die Existenz der Nation ausgebrütet,

hielt die Gesellschaft in steter Besorgniß. Mag immerhin Elisabeth ihre

Fehler gehabt haben, es ist dennoch klar, daß, nach menschlichem

Ermessen, das Schicksal des Reichs und aller reformirten Kirchen von der

Sicherheit ihrer Person und von dem Glücke ihrer Regierung abhing.

Es war daher die erste Pflicht eines Patrioten und Protestanten, die

Autorität derselben zu kräftigen, und diese Pflicht ward treulich

erfüllt. Selbst in der Nacht der Kerker, wohin Elisabeth sie gesendet

hatte, beteten die Puritaner mit ungeheuchelter Inbrunst, daß die

Königin vor dem Dolche des Meuchelmörders geschützt bleiben, daß der

Aufruhr zu ihren Füßen niedergeworfen werden, und ihre Waffen zu Wasser

und zu Lande siegreich sein mögen. Einer der hartnäckigsten Anhänger

jener hartnäckigen Sekte, dem der Scharfrichter eine Hand abhauen mußte,

weil er sich durch seinen maßlosen Eifer zu einem Vergehen hatte

hinreißen lassen, schwenkte unmittelbar nach der Exekution mit der ihm

gebliebenen Hand seinen Hut und rief: Gott erhalte die Königin! Das

Gefühl, das diese Leute bei ihrem Anblicke beseelte, ist auf die

Nachkommen übergegangen, und die Nonconformisten, obgleich sie von ihr

sehr streng behandelt wurden, haben in der Gesammtheit stets ihr

Andenken ehrend bewahrt.[5]

Zeigten sich, während des größern Theils ihrer Regierung, die Puritaner

im Hause der Gemeinen mitunter auch widersetzlich, so versuchten sie

doch nie, in einer systematischen Opposition ihr entgegenzutreten. Als

aber durch die Niederlage der Armada, den glücklichen Widerstand der

Vereinigten Niederlande gegen die spanische Macht, die Befestigung des

Thrones Heinrichs IV. von Frankreich und durch den Tod Philipps II.

Staat und Kirche gegen alle Gefahr von Außen gesichert war, begann

sofort im Innern ein hartnäckiger Kampf, der mehrere Generationen

hindurch dauern sollte.

[Anmerkung 5: Der puritanische Geschichtsschreiber Neal, nachdem

er ihre Härte gegen die Sekte getadelt, der auch er angehörte,

sagt schließlich: Die Königin Elisabeth wird trotz dieser Makel in

der Geschichte eine weise und staatskluge Fürstin bleiben, denn

sie befreite ihr Königreich von den Bedrängnissen, in denen es

sich bei ihrem Regierungsantritte befand, und schützte die

protestantische Reformation, nach außen hin, gegen die mächtigen

Angriffe des Papstes, des Kaisers und des Königs von Spanien, im

Innern gegen die der Königin von Schottland und ihrer papistischen

Unterthanen. Sie war der Ruhm des Zeitalters, in dem sie lebte,

und wird die Bewunderung der Nachwelt sein. -- +History of the

Puritans, Part I. Chap. VIII.+]

[_Monopolfrage._] In dem Parlamente von 1601 lieferte die Opposition,

die seit vierzig Jahren im Stillen Kräfte gesammelt und gespart hatte,

ihre erste große Schlacht, und gewann ihren ersten Sieg. -- Der Boden

war gut gewählt. Die englischen Souveraine sind stets mit der obersten

Leitung der Handelspolizei betraut gewesen; sie besaßen das unantastbare

Recht der Münz-, Gewicht- und Maß-Regulirung, der Bestimmung der

Messen, Märkte und Häfen. Die Grenzlinie ihrer Autorität in

Handelsangelegenheiten war, wie gewöhnlich, sehr undeutlich gezeichnet;

wie gewöhnlich machte sie daher Übergriffe in das Gebiet, das

verfassungsmäßig der Gesetzgebung angehörte. Diese Übergriffe wurden,

wie gewöhnlich, so lange geduldig ertragen, bis sie einen ernsten

Charakter annahmen. Als endlich die Königin sich anmaßte, dutzendweis

Patente zu Monopolen zu ertheilen, daß es kaum noch eine Familie im

Reiche gab, die sich nicht über Bedrückungen und Erpressungen, die

natürlich aus diesem Mißbrauche entstehen mußten, zu beklagen hatte; als

Eisen, Öl, Essig, Kohlen, Salpeter, Blei, Stärke, Garn, Felle, Leder und

Glas mit übermäßig hohen Preisen bezahlt werden mußten -- da versammelte

sich das Haus der Gemeinen in einer sehr zornigen und entschlossenen

Stimmung, und umsonst tadelte eine höfisch gestimmte Minderzahl den

Sprecher, daß er die Handlungen der königlichen Hoheit in Frage stellen

lasse. Die starke und drohende Sprache der mißvergnügten Partei fand in

der Stimme der ganzen Nation ihren Wiederhall. -- Ein wüthender

Volkshaufen umtobte den Wagen des ersten Ministers der Krone,

verwünschte die Monopole, und rief aus, es dürfte nicht geduldet werden,

daß die königlichen Hoheitsrechte die alten Freiheiten Englands

antasteten. Einen Augenblick schien es, als ob die lange und ruhmreiche

Regierung Elisabeths ein schmähliches, unglückliches Ende nehmen solle.

Mit bewunderungswürdiger Klugheit und Fassung lehnte die Königin aber

den Streit ab, stellte sich an die Spitze der reformirten Partei,

entsprach den erhobenen Beschwerden, dankte den Gemeinen in einer

ergreifenden und würdigen Ansprache für die eifrige Sorge um das

öffentliche Wohl, gewann sich die Herzen des Volks wieder, und

hinterließ ihren Nachfolgern ein denkwürdiges Beispiel von dem Verhalten

eines Herrschers öffentlichen Bewegungen gegenüber, denen Widerstand zu

leisten nicht möglich ist.

[_Schottland und Irland werden wieder mit England Theile ein und

desselben Reichs._] Im Jahre 1603 starb die große Königin. In vielen

Beziehungen ist dieses Jahr eine der wichtigsten Epochen unserer

Geschichte. Schottland und Irland wurden damals wieder mit England

vereinigt. Beide Länder waren zwar von den Plantagenets zur Unterwerfung

gebracht, aber keines derselben hatte sich geduldig dem Joche gefügt.

Schottland hatte mit heldenmüthiger Ausdauer seine Unabhängigkeit wieder

erkämpft, war seit der Zeit des Robert Bruce ein besonderes Königreich

gewesen, und ward nun mit dem südlichen Theile der Insel dergestalt

vereinigt, daß sein Nationalstolz mehr befriedigt, als verletzt wurde.

Irland hatte seit der Zeit Heinrichs II. nie die fremden Eroberer

vertreiben können, obgleich es lange und heftig gegen sie gekämpft.

Während des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts war die englische

Macht auf dieser Insel stets gesunken, und in den Tagen Heinrichs VII.

war sie bis zu dem niedrigsten Punkte gelangt. Die irischen Besitzungen

dieses Fürsten bestanden nur aus den Grafschaften Dublin und Louth,

einigen Theilen von Meath und Kildare, und aus einigen an der Küste

zerstreut liegenden Seehäfen. Der größte Theil von Leinster selbst war

noch nicht in Grafschaften eingetheilt. Munster, Ulster und Connaught

standen unter kleinen souverainen Fürsten, die theils Celten, theils

ausgeartete Normannen waren, ihren Ursprung vergessen, und celtische

Sprache und Sitten angenommen hatten. Während des sechzehnten

Jahrhunderts aber war die englische Macht wieder bedeutend gewachsen.

Die halbwilden Häuptlinge, die jenseits der Grenzpfähle regierten,

hatten sich einer nach dem andern den Statthaltern der Tudors

unterworfen. Wenig Wochen vor Elisabeths Tode ward endlich durch

Mountjoy die Eroberung vollendet, die Strongbow vor mehr als vierhundert

Jahren begonnen hatte. Jakob I. hatte kaum den Thron bestiegen, als die

letzten O'Donnell und O'Neill, die bisher in dem Range unabhängiger

Fürsten gestanden, zu Whitehall seine Hand küßten. Von da an gewannen

seine Erlasse in Irland Geltung, seine Richter hielten dort überall ihre

Assisen, und das englische Gesetz trat an die Stelle der Gebräuche, die

unter den eingeborenen Stämmen geherrscht hatten.

Schottland und Irland waren an Umfang einander fast gleich, und beide

zusammen ziemlich so groß wie England; aber sie hatten eine weit

geringere Bevölkerung und standen ihm an Wohlstand und Civilisation

nach. Schottland war durch die Unfruchtbarkeit seines Bodens

zurückgeblieben, und auf Irland ruhete noch immer, obgleich rings von

Licht umgeben, die starre Finsterniß des Mittelalters.

Mit Ausnahme der celtischen Stämme, die dünn zerstreut die Hebriden und

die gebirgigen Theile der nördlichen Grafschaften bewohnten, war die

Bevölkerung Schottlands von demselben Blute wie die Englands, sie redete

dieselbe Sprache, die sich von dem reinsten Englisch nicht mehr

unterschied, als sich die Dialekte von Somersetshire und Lancashire von

einander unterschieden. Die Bevölkerung Irlands dagegen war, mit

Ausnahme der kleinen englischen Kolonie unfern der Küste, celtisch,

und bewahrte noch immer celtische Sprache und Sitte.

Zu der Zeit ihrer Verbindung mit England zeichneten sich beide Nationen

durch angeborenen Muth und durch Intelligenz aus. In Ausdauer,

Selbstbeherrschung, Vorsicht, kurz in allen Eigenschaften, die im Leben

Erfolge sichern, sind die Schotten nie übertroffen worden. Die Iren

hingegen zeichneten sich durch Eigenschaften aus, die mehr interessant

als glücklich machen. Ein feuriges und ungestümes Volk, waren sie leicht

zum Weinen und zum Lachen, zur Wuth und zur Liebe zu bewegen. Von den

Nationen des nördlichen Europa's besaßen sie allein die Empfänglichkeit,

die Lebhaftigkeit und die natürlichen Anlagen zur Pantomime und

Redekunst, die man unter Küstenbewohnern des mittelländischen Meeres

heimisch findet. In geistiger Bildung stand Schottland unbestreitbar

höher. War es auch damals das ärmste Königreich in der Christenheit,

so wetteiferte es dennoch in jedem Zweige des Wissens mit den

begünstigtesten Ländern. Schotten, deren Wohnung und Nahrung so elend

waren, wie die der Isländer zu unserer Zeit, schrieben eben so schöne

lateinische Verse als Vida, und machten wissenschaftliche Entdeckungen,

die einem Galilei zum Ruhme gereicht haben würden. Irland hatte sich

keines Buchanan oder Napier zu rühmen; das Genie, mit dem die Urbewohner

desselben reich begabt waren, gab sich nur in Balladen kund, die

obgleich roh und rauh, dem Kennerauge Spenser's dennoch eine schöne,

reine Poesie zu enthalten schienen.

Schottland bewahrte seine ganze Würde, als es zu einem Theile der

britischen Monarchie umgeschaffen wurde. Nachdem es den englischen

Waffen Generationen hindurch muthigen Widerstand geleistet hatte, ward

es mit seinem überlegenen Nachbar unter den ehrenvollsten Bedingungen

vereinigt.

Es _gab_ einen König, anstatt einen zu _empfangen_; es behielt seine

eigene Verfassung und seine eigenen Gesetze, und seine Gerichtshöfe und

Parlamente blieben von denen zu Westminster völlig unabhängig. Die

Verwaltung Schottland's lag in schottischen Händen, denn es fühlte sich

kein Engländer geneigt, nach dem Norden auszuwandern, um mit dem

schlauesten und beharrlichsten aller Stämme um das zu ringen, was sich

in der ärmsten Schatzkammer zusammenraffen ließ. Dagegen strömten

schottische Abenteurer nach dem Süden, wo sie auf allen Lebensbahnen zu

einem Glücke gelangten, das zwar großen Neid erregte, im Allgemeinen

aber nur der gerechte Lohn der Klugheit und des emsigen Fleißes war.

Dessen ungeachtet erlag Schottland dem Geschicke, dem ein jedes Land,

das mit einem andern an Hilfsquellen reichern zwar verbunden, ihm aber

nicht einverleibt wird, unterworfen ist. War es auch dem Namen nach ein

unabhängiges Königreich, so ward es doch länger als ein Jahrhundert in

vielen Beziehungen nur wie eine unterjochte Provinz behandelt.

Irland ward offen als ein durch das Schwert erkämpftes Besitzthum

regiert. Die rohen National-Institutionen existirten nicht mehr;

die englischen Kolonisten unterwarfen sich den Bestimmungen des

Mutterlandes, ohne dessen Schutz sie nicht bestehen konnten, und suchten

Ersatz darin, daß sie das Volk, unter dem sie sich niedergelassen, mit

Füßen traten. -- Das Parlament, das in Dublin zusammentrat, konnte ohne

vorhergegangene Genehmigung des englischen Geheimen-Raths kein Gesetz

erlassen; die Autorität der englischen Legislatur erstreckte sich über

Irland. Die ausführende Verwaltung war Männern anvertraut, die entweder

England selbst oder dem englischen Bezirke entnommen worden, und in

beiden Fällen wurden diese von der celtischen Bevölkerung als Fremde,

selbst als Feinde betrachtet.

Aber noch ist des Umstandes zu erwähnen, der die Verschiedenheit Irlands

und Schottlands tiefer als ein anderer begründete: Schottland war

protestantisch. Die Erregung des Volksgeistes gegen die

römisch-katholische Kirche hatte sich in keinem andern Theile Europa's

so rasch und heftig gezeigt. Die Reformatoren hatten ihre

götzendienerische Herrscherin besiegt, abgesetzt und eingekerkert; nicht

einmal auf einen Vergleich, wie er in England abgeschlossen, wollten sie

eingehen. Sie hatten die Lehre, die Kirchenzucht und den Gottesdienst

der Calvinisten eingeführt, und machten zwischen Papstthum und Prälatur,

zwischen der Messe und dem allgemeinen Gebetbuche wenig Unterschied. Zu

Schottlands Unglück war der Fürst, den es zur Regierung eines schönern

Erblandes aussandte, durch die Hartnäckigkeit, mit der die schottischen

Theologen die Privilegien der Synode und der Kanzel gegen ihn behauptet,

der von den Schotten geliebten Kirchenverfassung so abhold geworden,

als es seine weibische Natur nur irgend zuließ; und kaum hatte er den

englischen Thron bestiegen, so begann er einen unduldsamen Eifer für das

Regiment und Ritual der englischen Kirche an den Tag zu legen.

Die Iren waren das einzige Volk in dem nördlichen Europa, das der alten

Religion treu geblieben. Dies ist zum Theil dem Umstande beizumessen,

daß sie ihren Nachbarn an Kenntnissen um einige Jahrhunderte

nachstanden. Aber auch andere Ursachen hatten mitgewirkt. Die

Reformation war nicht minder eine rationelle, als eine moralische

Erhebung, nicht nur ein Aufstand der Laien gegen die Geistlichkeit,

sondern auch aller Zweige des großen germanischen Stammes gegen

Fremdherrschaft gewesen. Es ist eine höchst merkwürdige Erscheinung, daß

keine große Gesellschaft, deren Sprache nicht deutschen Ursprungs, je

zum Protestantismus übergetreten ist, und daß überall, wo man eine

Sprache redet, die von der des alten Rom abstammt, die Religion des

neuern Rom bis auf diesen Tag die vorherrschende geblieben. Der

Patriotismus der Iren hatte eine eigene Richtung genommen; -- sie waren

nicht auf Rom, sondern auf England erbittert, und hatten besondere

Gründe die englischen Fürsten zu hassen, welche die Häupter des großen

Schisma gewesen: Heinrich VIII. und Elisabeth. Religiöse und nationale

Begeisterung waren während des fruchtlosen Kampfes, den zwei

Generationen milesischer Fürsten gegen die Tudors unterhalten hatten, in

den Gemüthern des besiegten Volksstammes auf das Innigste verschmolzen.

Der neue Hader zwischen Protestanten und Papisten fachte den alten

zwischen Sachsen und Celten an. Die englischen Eroberer vernachlässigten

dabei alle gesetzlichen Bekehrungsmittel; man sorgte weder für Lehrer,

die der besiegten Nation sich verständlich machen konnten, noch für eine

Übersetzung der Bibel in die ersische Sprache. Die Regierung begnügte

sich mit der Einsetzung einer ausgedehnten Hierarchie protestantischer

Erzbischöfe, Bischöfe und Rectoren, die nichts thaten, und für ihr

Nichtsthun mit dem Raube bezahlt wurden, den man an einer von der großen

Masse des Volks geliebten und verehrten Kirche verübte.

Sowohl in den Zuständen Schottlands als auch Irlands gab es Manches, das

in einem scharfblickenden Staatsmann peinliche Besorgnisse zu erregen

geeignet war. Einstweilen jedoch war ein Anschein von Ruhe da, denn alle

britischen Inseln waren zum ersten Male friedlich unter einem Scepter

vereinigt.

Man würde glauben können, der Einfluß Englands auf die europäischen

Nationen hätte von dieser Epoche an bedeutend zunehmen müssen. Das

Gebiet, das sein neuer König beherrschte, hatte fast den doppelten

Umfang von dem, welches Elisabeth geerbt, und kein Reich der Welt war so

in sich abgeschlossen, so vor Angriffen gesichert, als das seinige.

Die Plantagenets und Tudors hatten sich wiederholt gegen Schottland

vertheidigen müssen, während sie auf dem Festlande in Kriege verwickelt

waren, und der lange Kampf in Irland hatte ihren Hilfsquellen einen

empfindlichen und andauernden Abzug bewirkt; doch selbst unter so

ungünstigen Verhältnissen hatten sich diese Fürsten einer hohen Achtung

in der ganzen Christenheit zu erfreuen gehabt. Deshalb war nicht

grundlos zu erwarten, daß England, Schottland und Irland vereint hätten

einen Staat bilden müssen, der keinem andern seiner Zeit nachstände.

[_Verminderung des Einflusses Englands nach der Thronbesteigung

Jakobs I._] In allen diesen Erwartungen wurde man jedoch arg getäuscht.

Von dem Tage der Thronbesteigung Jakobs I. an sank unser Vaterland von

der Höhe herab, in der es sich bis dahin gehalten, und man begann es als

eine Macht kaum zweiten Ranges zu betrachten. Unter vier auf einander

folgenden Fürsten aus dem Hause Stuart war die große britische Monarchie

viele Jahre hindurch kaum ein wichtigeres Glied in dem europäischen

Staatensysteme, als das kleine Königreich Schottland zuvor gewesen. Dies

ist jedoch nicht zu bedauern. Man kann von Jakob I. wie von Johann

sagen, daß seine Regierung, wäre sie tüchtig und glänzend gewesen, ohne

Zweifel unserm Vaterlande Unheil gebracht hätte, und daß wir seinen

Schwächen und Jämmerlichkeiten mehr verdanken, als der Weisheit und

Kraft viel besserer Regenten. Er kam in einem kritischen Augenblicke zur

Regierung. Der Zeitpunkt, wo entweder der König absolut werden, oder das

Parlament die ganze ausführende Gewalt unter seine Autorität stellen

mußte, rückte schnell heran. Wäre Jakob I. ein tapferer, thätiger und

staatskluger Regent gewesen wie Heinrich IV., Moritz von Nassau oder wie

Gustav Adolph, hätte er sich an die Spitze der Protestanten Europa's

gestellt, hätte er große Siege über Tilly und Spinola erfochten,

Westminster mit der Beute aus baierischen Klöstern und flamländischen

Kathedralen geschmückt, hätte er österreichische und castilianische

Fahnen in der St. Paulskirche aufgehängt und sich, nachdem er große

Thaten ausgeführt, an der Spitze von fünfzigtausend tapfern,

disciplinirten Truppen, die seiner Person treu anhingen, befunden -- das

englische Parlament wäre bald nichts mehr als ein Name gewesen. Zum

Glück war er nicht der Mann, der eine solche Rolle spielen konnte. Er

begann seine Regierung damit, daß er dem Kriege, der viele Jahre lang

zwischen England und Spanien gewüthet hatte, ein Ende machte, und von da

an vermied er Feindseligkeiten mit einer Vorsicht, welche der Hohn

seiner Nachbarn und das Geschrei seiner Unterthanen nicht zu erschüttern

vermochten. Selbst der vereinigte Einfluß seines Sohnes, seines

Günstlings, seines Parlaments und seines Volkes konnte ihm bis zu seinem

letzten Lebensjahre nicht bewegen, den geringsten Schritt zur

Vertheidigung seiner Familie und seiner Religion zu thun. Für die,

welche er regierte, war es gut, daß er in dieser Beziehung ihren

Wünschen kein Gehör gab. Seine friedliche Politik brachte die Wirkung

hervor, daß die Vertheidigung unserer Insel immer noch der Miliz

anvertraut blieb, während Frankreich, Spanien, Italien, Belgien und

Deutschland von gemietheten Soldaten wimmelten.

[_Die Lehre vom göttlichen Rechte._] Da der König kein stehendes Heer

besaß und nicht einmal versuchte, ein solches zu bilden, so hätte er

klug gethan, jeden Konflikt mit dem Volke zu vermeiden. Aber seine

Unbedachtsamkeit war so groß, daß er nicht nur die Mittel, die ihn

allein wahrhaft unumschränkt machen konnten, versäumte, sondern daß er

auch stets in der verletzendsten Weise Ansprüche machte, an die keiner

seiner Vorgänger auch nur im Traume gedacht hatte. Damals tauchten jene

seltsamen Theorien auf, welche Filmer später in ein System brachte und

der heftigsten Klasse von Tories und Hochkirchenmännern zur Loosung

wurden. Man behauptete in vollem Ernste, daß das höchste Wesen die

erbliche Monarchie, im Gegensatze zu andern Regierungsformen, besonders

wohlgefällig betrachte; daß das Gesetz der Erbfolge nach der Ordnung der

Erstgeburt eine göttliche Einrichtung, und älter als die christliche

Religion, selbst als die mosaische Gesetzgebung sei; daß keine

menschliche Macht, selbst die der ganzen gesetzgebenden Gewalt, keine

Dauer unrechtmäßigen Besitzes, und wenn sie zehn Jahrhunderte ausmache,

dem gesetzlichen Fürsten seine Rechte rauben könne; daß seine Gewalt

nothwendig stets despotisch sei; daß die das Hoheitsrecht beschränkenden

Gesetze, sowohl in England wie in andern Ländern, nur eine vom Souverain

freiwillig ertheilte Concession sei, die er nach Belieben zurückziehen

könne; und daß endlich jeder Vertrag, den der König mit seinem Volke

abschließt, nur eine Erklärung seiner augenblicklichen Absichten und

nicht eine Verbindlichkeit sei, deren Erfüllung gefordert werden könne.

Obwohl diese Theorie die Grundlagen der Regierung befestigen sollte, so

ist es doch augenscheinlich, daß sie nur dazu beitrug, sie völlig wanken

zu machen. Ließ das göttliche und unabänderliche Gesetz der Erstgeburt

Frauen zu, oder schloß es dieselben aus? In der einen wie in der andern

Voraussetzung wären die Hälfte der europäischen Regenten Usurpatoren,

die trotz der Befehle des Himmels regierten und von den rechtmäßigen

Erben außer Besitz gebracht werden könnten. Diese widersinnigen Theorien

fanden keine Begründung in dem alten Testamente, denn wir lesen darin,

daß das auserwählte Volk getadelt und bestraft ward, weil es einen König

haben wollte, und daß es später den Befehl erhielt, ihm den Gehorsam zu

verweigern. Die ganze Geschichte jenes Volks unterstützt nicht nur die

Ansicht von der göttlichen Einsetzung des Erstgeburtsrechts nicht, sie

scheint vielmehr anzudeuten, daß der Himmel die jüngern Brüder unter

seinen besondern Schutz genommen habe. Isaak war nicht der älteste Sohn

Abrahams, Jakob nicht der Isaaks, Juda nicht der Jakobs, David nicht der

Isais, Salomon nicht der Davids. In den Ländern, wo die Vielweiberei

herrscht, wird die Altersordnung unter den Kindern selten streng

beobachtet. Durch die Stellen des neuen Testamentes, welche die

Regierung als eine Anordnung Gottes bezeichnen, ward Filmers System eben

so wenig unterstützt, denn die Regierung, unter der die Autoren des

neuen Testaments lebten, war keine erbliche Monarchie. Die römischen

Kaiser waren vom Senate ernannte Magistratspersonen, und keiner

derselben behauptete, kraft des Rechtes der Geburt zu regieren; weder

Tiberius, dem Zins zu zahlen Christus gebot, noch Nero, dem zu gehorchen

Paulus den Römern befahl, waren der patriarchalischen Regierungstheorie

nach faktisch Usurpatoren. Im Mittelalter würde man die Lehre vom

unveräußerlichen Erbrechte für ketzerisch gehalten haben, denn sie war

mit den großen Ansprüchen der römischen Kirche völlig unvereinbar. Auch

den Gründern der englischen Kirche war sie unbekannt. Die Homilie über

die vorsätzliche Empörung hatte den Gehorsam gegen die eingesetzte

Obrigkeit kräftig, und wahrlich zu kräftig, eingeprägt; aber sie machte

weder zwischen erblichen und Wahlmonarchien, noch zwischen Monarchien

und Republiken einen Unterschied. Die meisten Vorgänger Jakobs würden

gewißlich aus persönlichen Beweggründen der patriarchalischen

Regierungstheorie abgeneigt gewesen sein. Wilhelm der Rothe,

Heinrich I., Stephan, Johann, Heinrich IV., Heinrich V., Heinrich VI.,

Richard III. und Heinrich VII., alle hatten regiert, ohne sich an die

strenge Ordnung der Erbfolge zu kehren. Über die Legitimität Maria's und

Elisabeths schwebte ein ernster Zweifel ob. Daß Katharina von Aragonien

und Anna Boleyn beide rechtmäßige Frauen Heinrichs VIII. gewesen, war

unmöglich, und die höchste Autorität des Reichs hatte beide Fälle

geleugnet. Die Tudors betrachteten das Erbfolgegesetz so wenig als eine

göttliche unantastbare Einsetzung, daß sie stets daran zu ändern

suchten. Heinrich VIII. erlangte einen Parlamentsbeschluß, wonach er

ermächtigt war, testamentarisch über die Krone zu verfügen, und wirklich

machte er auch zum Nachtheile der königlichen Familie von Schottland ein

Testament. Eduard VI. nahm sich, ohne Ermächtigung vom Parlamente,

ein ähnliches Recht, und die bedeutendsten Reformatoren billigten es.

Elisabeth, überzeugt, daß ihr eigener Rechtsanspruch ernsten

Anfechtungen ausgesetzt war, und nicht geneigt, ihrer Nebenbuhlerin und

Feindin, der Königin von Schottland, auch nur das Recht der Anwartschaft

zu belassen, wußte das Parlament zur Beschließung eines Gesetzes zu

bewegen, wonach Jeder, der die Befugniß des regierenden Herrschers, mit

Genehmigung der Reichsstände die Thronfolge zu ändern, anfechten würde,

den Tod des Verräthers erleiden solle. Aber die Lage Jakobs war eine

ganz andere, als die Elisabeths. Wenn auch an Fähigkeiten ihr

nachstehend, und weniger bei dem Volke beliebt, wenn auch von den

Engländern als ein Fremder betrachtet und durch das Testament Heinrichs

VIII. vom Throne ausgeschlossen, war der König von Schottland dennoch

der unzweifelhafte Erbe Wilhelms des Eroberers und Egberts. Deshalb

hatte er ein naheliegendes Interesse, wenn er die abergläubische Ansicht

einschärfte, die Geburt verleihe Rechte, die über dem Gesetze ständen,

und das Gesetz könne diese Rechte nicht ändern. Diese Ansicht war

übrigens seinem Verstande und seinem Charakter entsprechend, auch fand

sie nicht nur bald viel Vertheidiger unter denen, die um seine Gunst

buhlten, sondern machte auch schnelle Fortschritte unter den Geistlichen

der Staatskirche.

So wurden die Ansprüche des Monarchen gerade in der Zeit, wo sich im

Parlamente und im Lande der republikanische Geist stark zu regen begann,

so ausgedehnt, daß sie selbst dem hochfahrendsten und eigenmächtigsten

seiner Vorgänger auf dem Throne mißfallen haben würden.

Jakob rühmte sich stets seiner Fertigkeit in dem, was er

Königskunstgriff nannte; und doch läßt sich kaum ein Verfahren denken,

das allen Regeln der Kunst eines Herrschers so zuwider wäre, als das

seine. Weise Regenten haben stets die Politik befolgt, Handlungen der

Gewalt unter populären Formen zu verbergen. Augustus und Napoleon

schufen auf diese Weise absolute Monarchien, indeß die Volksmenge sie

nur für hervorragende Bürger hielt, denen man zeitweilig die höchste

Gewalt übertragen. Die Politik Jakobs stand zu der dieser beiden Männer

im schroffsten Gegensatze. Er reizte und beunruhigte seine Parlamente

durch die wiederholte Erklärung, daß sie ihre Privilegien nur so lange

als es ihm beliebe besäßen, und daß sie eben so wenig die Rechtmäßigkeit

seiner eigenen Handlungen als die der Gottheit zu beurtheilen befugt

seien. Und dennoch beugte er sich ihnen, gab einen Minister nach dem

andern ihrer Rache preis, und ließ sich durch sie zu Handlungen bewegen,

die seinen Lieblingswünschen durchaus nicht entsprachen. Der Unwille

über seine Ansprüche wuchs gleichzeitig mit der Verachtung, die seine

Zugeständnisse erregten. Seine Vorliebe für unwürdige Günstlinge und die

Nachsicht mit der Tyrannei und Raubsucht derselben erhielten die

Unzufriedenheit beständig wach; seine Feigheit, sein kindisches Wesen,

seine Pedanterie, das Widrige in Person und Manieren und seine

provinzielle Sprache machten ihn zum Gegenstande des Gespötts. Selbst in

seinen Vorzügen und Talenten zeigte sich stets das Unkönigliche. In dem

Verlaufe seiner Regierung verloren alle jene ehrwürdigen

Ideenverbindungen, die so lange die Stütze des Thrones gewesen, nach und

nach ihre Kraft. Seit zweihundert Jahren waren alle Herrscher Englands,

mit Ausnahme des unglücklichen Heinrich VI., charakterfeste, stolze,

muthige und wirklich fürstliche Männer gewesen, und fast alle hatten

mehr als gewöhnliche Fähigkeiten besessen; es war daher kein

bedeutungsloser Umstand, daß gerade am Vorabend des entscheidenden

Kampfes zwischen unsern Regenten und ihren Parlamenten das Königthum

stammelnd, geifernd, unmännlich weinend, vor einem gezogenen Degen

bebend und bald im Tone des Narren, bald in dem eines Schulmeisters

redend, der Welt sich zeigen sollte.

[_Die Kluft zwischen der Kirche und den Puritanern wird größer._]

Inzwischen waren die religiösen Zwistigkeiten, die seit der Zeit

Eduard VI. die Protestanten bewegt hatten, furchtbarer als je geworden.

Die Kluft zwischen der ersten Generation der Puritaner einerseits und

Cranmer und Jewel andererseits, war in Vergleich zu der, welche die

dritte Generation der Puritaner von Laud und Hammond trennte, eine

kleine. So lange Maria's Grausamkeiten noch in frischer Erinnerung

standen, die Macht der katholischen Partei noch Besorgnisse erweckte,

und so lange Spanien ein Übergewicht hatte und nach der

Universalherrschaft trachtete, waren sich alle reformirten Sekten eines

starken, gemeinsamen Interesses und eines gemeinsamen Todfeindes bewußt.

Ihre Erbitterung untereinander war im Vergleich zu der, die sie gegen

Rom hegten, nur schwach zu nennen. Conformisten und Nichtconformisten

hatten einen aufrichtigen Bund zur Erwirkung äußerst strenger Gesetze

gegen die Papisten geschlossen. Als aber mehr denn ein halbes

Jahrhundert ungestörten Besitzes der Staatskirche Zuversicht eingeflößt,

als neun Zehntheile des Volks aufrichtig dem Protestantismus anhingen,

als England mit aller Welt in Frieden stand, als eine Gefahr, den

Papismus der Nation durch fremde Waffen aufgedrängt zu sehen, nicht mehr

zu fürchten war, und als die letzten Bekenner, die vor Bonner gestanden,

dahin waren, änderte sich die Stimmung der anglikanischen Geistlichkeit.

Ihre Abneigung gegen die römisch-katholische Lehre und Kirchendisziplin

war bedeutend schwächer geworden; ihre Abneigung gegen die Puritaner

aber wuchs mit jedem Tage. Die Streitigkeiten, die von Beginn an die

protestantische Partei zerrissen hatten, gestalteten sich der Art, daß

keine Hoffnung auf Aussöhnung blieb, und zu den alten Streitfragen

gesellten sich neue von noch größerer Wichtigkeit.

Zwar hatten die Gründer der anglikanischen Kirche das Episkopat als eine

alte, gute und passende kirchliche Einrichtung beibehalten, aber sie

hatten nicht erklärt, daß diese Form der Kirchenverwaltung eine von Gott

eingesetzte sei. Wie gering Cranmer das Amt eines Bischofs hielt, haben

wir bereits gesehen. Jewel, Cooper, Whitgift und andere hervorragende

Religionslehrer unter der Regierung Elisabeths vertheidigten die

Prälatur als etwas Unschädliches und Nützliches, das der Staat

einzuführen befugt sei, und wenn es einmal eingeführt, auf die Achtung

jedes Bürgers Anspruch habe, aber nie läugneten sie, daß eine

christliche Gemeinde ohne Bischof eine reine Kirche sein könne, sie

betrachteten vielmehr die Protestanten auf dem Festlande als Glieder

einer Glaubensfamilie, der sie selbst angehörten. Wohl waren die

Engländer in England gehalten, die Autorität des Bischofs ebenso

anzuerkennen, wie ihnen die Autorität des Sheriffs und des Coroners

anzuerkennen oblag, aber diese Verpflichtung war nur eine örtliche. Ging

ein Mitglied der englischen Kirche, ja selbst ein englischer Prälat,

nach Holland, so fügte er sich ohne Bedenken der holländischen

Staatskirche. Die Botschafter Elisabeths und Jakobs gingen im Auslande

mit vollem Gepränge zu demselben Gottesdienste, den Elisabeth und Jakob

in der Heimath übten, und mieden es sorgfältig, um den schwächern

Brüdern kein Ärgerniß zu geben, ihre Privatkapellen nach anglikanischer

Art auszuschmücken. Im Jahre 1603 erkannte die Kirchenversammlung der

Provinz Canterbury die Kirche von Schottland, welche damals bischöfliche

Beaufsichtigung und Ordination noch nicht kannte, feierlich als einen

Theil der heiligen, allgemeinen Kirche Christi an.[6] Man hielt selbst

presbyterianische Geistliche zu Sitz und Stimme in ökumenischen

Konzilien als berechtigt. Als die Generalstaaten der Vereinigten

Niederlande eine Synode von nicht bischöflich ordinirten Lehrern in

Dortrecht versammelten, betheiligten sich ein englischer Bischof und ein

englischer Dechant im Auftrag des Oberhauptes der englischen Kirche an

den Sitzungen dieser Gottesgelehrten, predigten und stimmten mit ihnen

über die wichtigsten theologischen Fragen ab.[7] Es befanden sich auch

viel englische Pfründen in den Händen von Geistlichen, die früher in der

auf dem Festlande üblichen Weise der Calvinisten zu ihrem Amte geweiht

waren, und man hatte die Reordination durch einen Bischof in solchen

Fällen nicht für nöthig, selbst für ungesetzlich gehalten.

Aber eine neue Art von Theologen begann in der englischen Kirche bereits

aufzutauchen. Nach der Ansicht derselben war das Amt des Bischofs zur

Wohlfahrt einer christlichen Gemeinschaft und zur Förderung der

Wirksamkeit der feierlichsten Religionsgebräuche wesentlich. Es gehören

zu jenem Amte gewisse hohe und heilige Vorrechte, die menschliche Macht

weder verleihen noch entziehen könne. Eine Kirche, sagten sie, welche

die apostolische Nachfolge abschaffte, könne eben so gut auch die Lehre

von der Dreieinigkeit oder der Menschwerdung abschaffen, und die

römische Kirche, welche bei allen ihren Verderbnissen die apostolische

Nachfolge beibehalten, sei der ursprünglichen Reinheit näher, als jene

reformirten Gemeinden, welche vorschnell, dem göttlichen Muster geradezu

entgegen, ein von Menschen ersonnenes System aufgestellt hätten.

Zur Zeit Eduards VI. und Elisabeths hatten die Vertheidiger des

anglikanischen Rituals, sich gewöhnlich mit dem Ausspruche begnügt,

daß das Ritual ohne Sünde angewendet werden könne, und jeder, der sich

weigere, es auf Verordnung der Obrigkeit anzuwenden, sei ein

störrischer, ungehorsamer Unterthan. Die neu erstehende Partei aber, die

für die Institutionen der Kirche einen himmlischen Ursprung bezeichnete,

begann ihren religiösen Handlungen eine Würde und Bedeutung beizulegen.

Man deutete an, daß der Fehler des eingeführten Gottesdienstes, wenn er

überhaupt einen habe, in seiner zu großen Einfachheit bestehe, und daß

die Reformatoren in dem Eifer des Streites mit Rom viel alte Ceremonien

abgeschafft, die man füglich hätte beibehalten können. Man zollte

gewissen Tagen und Orten wiederum eine mystische Verehrung; Gebräuche,

die man lange außer Anwendung gesetzt und als abergläubische Spielereien

betrachtet, wurden wieder hervorgerufen; Gemälden und Schnitzwerken,

welche der Zerstörungswuth der ersten Generation der Protestanten

entkommen waren, ließ man nun wieder eine Verehrung angedeihen, die

Viele für götzendienerisch hielten.

Die Reformatoren verabscheuten keinen Theil des alten Kirchensystems

mehr, als die dem Cölibate gezollte Hochachtung. Sie waren der Ansicht,

daß schon der Apostel Paulus die römische Lehre über diesen Punkt als

die des Teufels prophetisch verdammt habe, und sprachen gern und viel

über die Verbrechen und Ärgernisse, welche diese schreckliche Anklage zu

begründen den Anschein hatten. Luther hatte seine Ansicht, indem er eine

Nonne heirathete, sehr klar an den Tag gelegt. Einige der

ausgezeichnetsten Bischöfe und Priester, die unter der Regierung Maria's

den Feuertod erlitten, hatten Frauen und Kinder hinterlassen. Jetzt aber

tauchte das Gerücht auf, der alte Mönchsgeist lasse sich in der

englischen Kirche wieder verspüren, höhern Orts hege man Abneigung gegen

verheirathete Priester, Laien, die Protestanten seien, hätten in Bezug

auf das Cölibat Entschlüsse gefaßt, die fast Gelübden glichen, und

selbst ein Diener der Staatskirche habe ein Nonnenkloster gegründet,

in welchem ein Verein gottgeweihter Jungfrauen um Mitternacht Psalmen

sängen.[8]

Dies war jedoch nicht Alles. Eine Klasse von Fragen, über welche bei den

Gründern der anglikanischen Kirche und der ersten Generation der

Puritaner wenig oder gar keine Meinungsverschiedenheit herrschte, rief

nach und nach einen heftigen Streit hervor. Die Controversen, welche die

protestantische Partei in ihrer Kindheit schon entzweit, hatten sich

fast ausschließlich auf Kirchenregiment und Kirchengebräuche bezogen,

und über Punkte der metaphysischen Theologie war es zwischen den

streitenden Parteien zu einem ernsten Kampfe nicht gekommen. Die Lehren

von Erbsünde, Glauben, Gnade, Prädestination und Gnadenwahl, an denen

die Häupter der Hierarchie festhielten, waren die, welche man gewöhnlich

calvinisch nannte. Der Erzbischof Whitgift, ihr Lieblingsprälat, entwarf

im Verein mit dem Bischof von London und andern Theologen gegen das Ende

der Regierung Elisabeths die berühmte Schrift, die unter dem Namen der

»Lambeth-Artikel« bekannt ist. Es werden darin die stärksten

calvinistischen Lehren mit einer Bestimmtheit behauptet, die vielen

Calvinisten unserer Zeit anstößig sein würde. Ein Geistlicher, der

entgegengesetzter Ansicht war und sich hart über Calvin äußerte, wurde

von der Universität Cambridge dieser Vermessenheit wegen angeklagt, und

entging der Strafe nur dadurch, daß er sich öffentlich zu den Lehren von

der Verdammniß und dem endlichen Beharren bekannte, und seine Reue über

die Beleidigung aussprach, die er frommen Männern durch seine Angriffe

auf den großen französischen Reformator zugefügt habe. Zwischen

Cranmer's und Lauds Schulen steht jene theologische, deren Haupt Hooker

war, in der Mitte, und die Arminianer haben Letztern in der neueren Zeit

als ihren Genossen betrachtet; aber dennoch erklärte Hooker Calvin für

einen Mann, der allen andern Theologen, die Frankreich je

hervorgebracht, an Weisheit überlegen sei, für einen Mann, dem Tausende

ihre Kenntniß der göttlichen Wahrheit verdankten, er selbst aber,

Calvin, sei nur Gott zu Danke verpflichtet. Als in Holland der

arminianische Streit begann, standen die englische Regierung und die

englische Kirche der calvinistischen Partei kräftig bei, und jene

Flecken, welche durch die Einkerkerung des Grotius und den Justizmord

des Barneveldt auf dieser Partei haften, trägt auch zum Theil der

englische Name.

Vor dem Zusammentritt der holländischen Synode hatte indeß jene Partei

der anglikanischen Geistlichkeit, die dem calvinistischen

Kirchenregimente und dem calvinistischen Gottesdienste besonders abhold

war, angefangen, die calvinistische Metaphysik mißfällig zu betrachten,

und dieses Mißfallen ward natürlich durch die auffallende

Ungerechtigkeit, Anmaßung und Grausamkeit der in Dortrecht

vorherrschenden Partei noch vermehrt. Die arminianische Lehre, nicht so

streng logisch als die der früheren Reformatoren, aber den

Volksbegriffen von der göttlichen Gerechtigkeit und Güte entsprechender,

fand eine rasche und weite Verbreitung. Auch der Hof ward bald davon

ergriffen. Ansichten, die zur Zeit der Thronbesteigung Jakobs kein

Geistlicher aussprechen durfte, ohne den Verlust seines Priesterrockes

befürchten zu müssen, gaben jetzt den besten Anspruch auf Beförderung.

Ein Geistlicher jener Zeit, der von einem schlichten Landedelmann

befragt ward, was die Arminianer denn eigentlich behaupteten, gab die

eben so wahre als witzige Antwort: sie behaupten die besten Bisthümer

und Dekaneien Englands.

Zu gleicher Zeit, als ein Theil des anglikanischen Clerus die

ursprünglich eingenommene Stellung nach einer Richtung hin verließ, wich

ein Theil der Puritaner gerade in entgegengesetzter Richtung von den

Grundsätzen und Gewohnheiten seiner Väter ab. Die von den Separatisten

erlittene Verfolgung war zwar hart genug gewesen, um zu erbittern, aber

zu gelind, um zu vernichten; man hatte sie nicht bis zur Unterwürfigkeit

gezähmt, sondern bis zur Wildheit und Unbeugsamkeit emporgestachelt. Wie

alle unterdrückten Sekten, hielten auch sie ihre eigenen Rachegefühle

für fromme Regungen, erhöhten durch Lesen und Nachdenken den Hang, über

ihre Leiden zu brüten, und bildeten sich ein, wenn sie sich bis zum

Hasse gegen ihre Feinde aufgeregt, daß sie die Feinde des Himmels

haßten. Wenn sich auch im neuen Testamente nur wenig fand, was selbst

bei unredlich verfälschter Auslegung dem Ergeben gehässiger

Leidenschaften scheinbar Nachsicht gewährte, so enthielt doch das alte

Testament die Geschichte eines Volks, das von Gott zum Zeugen seiner

Einheit und zum Diener seiner Rache auserwählt worden, und dem er

besonders mancherlei Dinge zu thun befohlen, die, ohne sein

ausdrückliches Geheiß verübt, die gräßlichsten Verbrechen gewesen wären.

In einer solchen Geschichte Vieles zu finden, was sich durch Verdrehung

den betreffenden Wünschen entsprechend machen ließ, konnte erbitterten

und düstern Gemüthern nicht schwer fallen. Bei den extremen Puritanern

begann sich nun eine Vorliebe für das alte Testament zu bilden, die sich

in ihrer ganzen Denkart und in allen ihren Gebräuchen zeigte, wenn sie

es auch sich selbst nicht offen eingestehen mochten. Der hebräischen

Sprache zollten sie eine Verehrung, die sie der Sprache versagten, in

welcher uns die Unterredungen Jesu und die Briefe des Paulus überliefert

worden; ihren Kindern gaben sie in der Taufe nicht die Namen

christlicher Heiligen, sondern die hebräischer Patriarchen und Krieger;

den wöchentlichen Festtag, den die Kirche von den ältesten Zeiten an zum

Andenken an die Auferstehung des Herrn begeht, verwandelten sie,

ungeachtet der ausdrücklichen und wiederholten Erklärungen Luthers und

Calvins, in einen jüdischen Sabbath; Rechtsgrundsätze suchten sie in den

mosaischen Bestimmungen, und Vorgänge, die ihrem gewöhnlichen Verhalten

als Muster dienen sollten, in den Büchern der Richter und Könige; ihre

Gedanken und Gespräche dreheten sich meistens um Handlungen, die man

sicherlich nicht als nachahmungswürdige Beispiele für uns

niedergeschrieben hat. Der Prophet, der einen gefangenen König in Stücke

hieb, der ungehorsame Feldherr, der das Blut einer Königin den Hunden

gab, das Weib, das ungeachtet eines gegebenen Versprechens und der

morgenländischen Gastfreundschaft zum Trotz, mit einem Nagel das Gehirn

des flüchtigen Bundesgenossen durchbohrte, der an ihrem Tische gesessen

und unter ihrem Zelte schlief, diese alle wurden den unter der Tyrannei

von Fürsten und Prälaten leidenden Christen als Muster aufgestellt.

Moral und Sitten wurden von einem Codex abhängig gemacht, der dem der

Synagoge in ihrem schlechtesten Zustande glich. Kleidung, Haltung,

Sprache, Studien und Vergnügungen dieser strengen Sekte waren nach

Grundsätzen geregelt, ähnlich denen der Pharisäer, die im Stolze auf

ihre rein gewaschenen Hände und breiten Gedenkzettel den Erlöser als

einen Sabbathschänder und Säufer schmähten. Einen Maibaum mit Kränzen zu

schmücken, die Gesundheit eines Freundes zu trinken, einen Falken fangen

zu lassen, einen Hirsch zu jagen, Schmachtlocken zu tragen, die

Halskrause zu stärken, das Spinett zu schlagen oder die Königin der Feen

zu lesen, war eine Sünde. Vorschriften dieser Art, die dem freien und

fröhlichen Geiste Luthers unerträglich, und dem hellen philosophischen

Verstande Zwingli's verächtlich erschienen sein würden, breiteten ein

mehr als mönchisches Duster über das ganze Leben. Die Gelehrsamkeit und

Redekunst, durch die sich die großen Reformatoren so hoch auszeichneten,

und denen sie größtentheils ihre Erfolge verdankten, betrachtete die

neue Schule der Protestanten mit Argwohn, wenn nicht selbst mit

Abneigung. -- Einige der Rigorösesten trugen sogar Bedenken, aus der

lateinischen Grammatik Unterricht ertheilen zu lassen, weil die Namen

Mars, Bacchus und Apollo darin vorkamen. Die schönen Künste waren so gut

wie verpönt; der feierliche Klang der Orgel erschien abergläubisch; die

leichte Musik von Ben Jonson's Maskenspielen galt für unsittlich; die

eine Hälfte der schönen Gemälde in England war götzendienerisch, die

andere unanständig. Den extremen Puritaner konnte man sofort an seinem

Gange, seiner Kleidung, seinem glatten Haare, der kalten Feierlichkeit

seines Gesichts, dem emporgekehrten Weißen der Augen, der näselnden

Sprache und vor Allem an seiner eigenthümlichen Ausdrucksweise erkennen.

Bei jeder Gelegenheit wendete er Bilder und Styl der heiligen Schrift

an. Hebräismen, gewaltsam in die englische Sprache verflochten, und

Metaphern, der kühnsten lyrischen Poesie eines fernen Zeitalters und

Landes entlehnt, und auf die gewöhnlichsten Angelegenheiten des

englischen Lebens angewendet, waren die hervorragendsten

Eigenthümlichkeiten dieses Sprachgemisches, das mit vollem Rechte den

Spott der Prälatisten sowohl als der Freigeister nach sich zog.

Das politische und religiöse Schisma, das im sechzehnten Jahrhunderte

sich gebildet hatte, ward im ersten Viertheile des siebzehnten

Jahrhunderts stets größer. In Whitehall waren Theorien Mode, die sich

dem türkischen Despotismus näherten; der größte Theil des Unterhauses

huldigte Theorien, die sich dem Republikanismus zuneigten. Die eifrigen

Prälatisten, die bis auf den letzten Mann für das Hoheitsrecht kämpften,

und die eifrigen Puritaner, welche eben so heftig für die Privilegien

des Parlaments stritten, standen sich mit einer viel größern Erbitterung

gegenüber, als in der vorangegangenen Generation je zwischen Katholiken

und Protestanten geherrscht hat.

Bei dieser Gemüthsstimmung der Menschen ward das Land nach einem

langjährigen Frieden in einen Krieg verwickelt, der große Anstrengungen

nöthig machte. Durch diesen Krieg ward die große constitutionelle Krisis

beschleunigt. Der König brauchte eine starke Militär-Macht, diese konnte

er ohne Geld nicht erlangen, und Geld war ohne Zustimmung des Parlaments

auf gesetzlichem Wege nicht zu erheben. Hieraus ging hervor, daß er

entweder im Sinne des Hauses der Gemeinen regieren, oder eine Verletzung

der Grundgesetze des Landes wagen mußte, die man seit mehreren Hundert

Jahren nicht mehr kannte. Die Plantagenets und Tudors hatten zwar bei

vorkommenden Gelegenheiten einen Ausfall in ihren Einkünften durch

freiwillige oder gezwungene Anleihen gedeckt, aber diese Aushilfsmittel

waren immer nur vorübergehend. Die regelmäßigen Bedürfnisse eines langen

Kriegs durch regelmäßige Steuern, ohne Einwilligung der Stände des

Reichs ausgeschrieben, zu decken, war ein Verfahren, dessen Ausführung

selbst Heinrich VIII. nicht gewagt haben würde. So schien die

entscheidende Stunde zu nahen, in der entweder das englische Parlament

das Schicksal der festländischen Senate theilen, oder das höchste

Übergewicht im Staate erlangen müsse.

[Anmerkung 6: +Canon 55. of 1603.+]

[Anmerkung 7: Joseph Hall, damals Dechant von Worcester und später

Bischof von Norwich, war einer jener Abgeordneten. In seiner

Selbstbiographie sagt er: »Meine Unwürdigkeit wurde zu einem

Theilnehmer an dieser ehrenwerthen, wichtigen und

verehrungswürdigen Versammlung ernannt.« Diese Demuth wird

Hochkirchenmännern nicht recht am Platze erscheinen.]

[Anmerkung 8: +Peckard's Life of Ferrar.+ Das arminianische

Nonnenkloster, oder eine kurze Beschreibung der vor Kurzem

gestifteten klösterlichen Anstalt, das arminianische Nonnenkloster

genannt, zu Little Gidding in Huntingdonshire, 1641.]

[_Thronbesteigung und Charakter Karls I._] In dieser verhängnißvollen

Zeit starb Jakob, und Karl I. bestieg nach ihm den Thron. Die Natur

hatte ihn mit einem größern Verstande, mit einem stärkern Willen und

einem strengern, festern Charakter begabt, als seinen Vater. Die

politischen Theorien desselben hatte er nicht nur geerbt, er war auch

weit mehr als jener geneigt, sie praktisch auszuführen. Er war wie jener

ein eifriger Anhänger der bischöflichen Kirche, außerdem, was der Vater

nie gewesen, ein eifriger Arminianer, und sah, obgleich kein Papist,

dennoch einen Papisten lieber, als einen Puritaner. Man würde ungerecht

sein, wollte man läugnen, daß Karl einige der Eigenschaften eines guten,

ja selbst eines großen Fürsten besaß. Er schrieb und sprach nicht mit

der Genauigkeit eines Professors, wie sein Vater, sondern wie ein

intelligenter, wohlunterrichteter Edelmann. Sein Geschmack in Literatur

und Kunst war vortrefflich, seine Manieren waren würdevoll, wenn auch

nicht gewinnend, und sein häusliches Leben tadellos. Treulosigkeit war

der Hauptgrund zu seinem Mißgeschick, und bildet den schwärzesten Fleck

auf seinem Andenken, denn er besaß wirklich einen unheilbaren Hang,

dunkle und krumme Wege zu gehen. Es erscheint seltsam, daß sein Gewissen

ihn dieses großen Lasters wegen nie plagte, während es bei unbedeutenden

Gelegenheiten sich ziemlich empfindsam zeigte; man muß indeß mit gutem

Grunde annehmen, daß er nicht nur aus Neigung und Gewohnheit, sondern

aus Grundsatz treulos war. Man möchte glauben, er habe von den

Theologen, die er hoch schätzte, gelernt, daß zwischen ihm und seinen

Unterthanen kein gegenseitiger Vertrag bestehe, daß er sich seiner

despotischen Autorität, auch wenn er wollte, nicht entäußern dürfe, und

daß in jedem seiner Versprechen der stillschweigende Vorbehalt liege, es

im Falle der Nothwendigkeit wieder brechen zu können, und daß ihm allein

die Entscheidung zustehe, ob dieser Nothfall eingetreten sei.

[_Taktik der Opposition im Hause der Gemeinen._] Und nun begann das

gewagte Spiel, das über das Geschick des englischen Volks entschied.

Auf Seite des Hauses der Gemeinen ward mit Eifer, aber auch mit

bewunderungswürdiger Geschicklichkeit, Ruhe und Ausdauer, gespielt. An

der Spitze der Versammlung standen große Staatsmänner, die weit zurück

und weit hinaus zu blicken vermochten, und diese waren entschlossen, den

König in eine Lage zu versetzen, daß er entweder nach den Wünschen des

Parlamentes regieren, oder die heiligsten Grundsätze der Verfassung

gewaltsam antasten müsse. Aus diesem Grunde bewilligten sie ihm nur

kärgliche Geldunterstützungen. Der König erkannte, daß er entweder im

Einverständnisse mit dem Hause der Gemeinen, oder mit allen Gesetzen im

Widerspruche regieren müßte, und sein Entschluß stand bald fest: er

löste sein erstes Parlament auf und erhob aus eigner Machtvollkommenheit

Steuern. Nun berief er ein zweites Parlament, und fand es noch

unbeugsamer als das erste. Wiederum nahm er zu dem Mittel der Auflösung

seine Zuflucht, erhob, ohne den leisesten Anschein eines gesetzlichen

Rechts, neue Steuern, und ließ die Führer der Opposition einkerkern.

Eine neue Beschwerde, welche die eigenthümlichen Gefühle und

Gewohnheiten des englischen Volks zu einer kaum erträglichen Last

machten und die allen scharfblickenden Männern als eine furchtbare

Vorbedeutung erschien, erregte zu derselben Zeit allgemeine

Unzufriedenheit und Unruhe: es wurden Compagnien Soldaten bei dem Volke

einquartiert und das Kriegsrecht verdrängte an einigen Orten die alten

Rechte des Reichs.

[_Bitte um Recht._] Der König berief ein drittes Parlament, und bald

ward er gewahr, daß ihm die Opposition stärker und heftiger

entgegentrat, als je. Nun entschloß er sich, die Taktik zu ändern. Statt

den Forderungen der Gemeinen hartnäckig entgegen zu sein, ging er nach

manchem Streite und manchen Ausflüchten auf einen Vergleich ein, der,

wenn er ihm treulich nachgekommen wäre, ein dauerndes Ungemach

abgewendet haben würde. Das Parlament bewilligte eine namhafte

Geldunterstützung; der König bestätigte feierlich das berühmte Gesetz,

das unter dem Namen der Bitte des Rechts bekannt ist, und die zweite

große Urkunde der Freiheiten Englands bildet. Durch die Bestätigung

dieses Gesetzes legte er sich zugleich die Verpflichtung auf, nie wieder

ohne Bewilligung der Häuser Geld zu erheben, nie wieder eine Person,

wenn nicht der Rechtsgang dabei beobachtet, einzukerkern, und nie wieder

das Volk den Kriegsgerichten zu unterwerfen.

Der Tag, an welchem nach langem Zögern dieses wichtige Aktenstück

feierlich die königliche Sanktion erhielt, war ein Tag der Freude und

der Hoffnung. Die an den Schranken des Hauses der Lords versammelten

Gemeinen erhoben ein lautes Jubelgeschrei, als der Sekretär die Worte

der Formel ausgesprochen, durch welche seit Jahrhunderten unsere Fürsten

den Wünschen der Reichsstände ihre Zustimmung zu ertheilen pflegten.

-- Die Stimme der Hauptstadt und der Nation war der Wiederhall dieses

Jubels; aber schon nach drei Wochen zeigte es sich, daß Karl nicht die

Absicht hatte, den geschlossenen Vertrag zu halten. Das von den

Volksvertretern bewilligte Geld ward erhoben; das Versprechen, durch

welches die Bewilligung erlangt, ward gebrochen. Es entspann sich ein

heftiger Kampf. Das Parlament ward in einer Weise aufgelös't, die

deutlich das Mißfallen des Königs bekundete. Einige der hervorragendsten

Mitglieder wurden eingekerkert, und eins derselben, Sir Johann Elliot,

starb im Gefängnisse nach jahrelangen Leiden.

Karl wagte indeß nicht, die zur Fortführung des Kriegs erforderlichen

Steuern aus eigener Machtvollkommenheit ferner zu erheben; er beeilte

sich demnach, Frieden mit seinen Nachbarn zu schließen, und befaßte sich

von da an nur mit Britanniens politischen Angelegenheiten.

Eine neue Ära begann. Viele englische Könige hatten nur bei gewissen

Gelegenheiten verfassungswidriger Handlungen sich schuldig gemacht, aber

keiner hatte es noch unternommen, sich systematisch zu einem Despoten zu

machen, und das Parlament bis zu einem Nichts herabzubringen. Und dies

war das Ziel, nach welchem Karl unverkennbar strebte. Die Häuser wurden

vom März 1629 bis zum April 1640 nicht wieder zusammenberufen. Unsere

Geschichte wies keinen Zeitraum von elf Jahren nach, der zwischen einem

und dem nächsten Parlamente gelegen; nur ein Mal hat es einen halb so

langen Zwischenraum gegeben. Diese Thatsache allein widerlegt die

Behauptung, daß Karl nur in die Fußtapfen der Plantagenets und Tudors

getreten sei.

[_Die Bitte um Recht wird verletzt._] Durch Zeugnisse der eifrigsten

Anhänger des Königs ist bewiesen, daß er die Bestimmungen in der Bitte

um Recht in diesem Abschnitte seiner Regierung nicht nur bei einzelnen

Gelegenheiten, sondern fortwährend und systematisch verletzte; daß er

die Einkünfte größtentheils ohne gesetzliche Ermächtigung erhoben, und

daß er der Regierung mißliebige Personen, ohne gerichtliche Vorladung

und Verhör, Jahre lang im Kerker hat schmachten lassen.

Für solche Handlungen muß die Geschichte den König als persönlich

verantwortlich erachten. Seit der Zeit seines dritten Parlaments war er

selbst sein erster Premierminister; nur einige Personen, deren Charakter

und Fähigkeiten seinen Plänen entsprachen, standen an der Spitze

verschiedener Verwaltungszweige.

[_Charakter und Absichten Wentworths._] Thomas Wentworth, erst zum Lord

Wentworth und dann zum Earl von Strafford ernannt, ein äußerst fähiger,

beredter und muthiger Mann, aber grausamen und herrschsüchtigen

Charakters, war in politischen und militärischen Angelegenheiten der

vertrauteste Rath des Königs. Früher eins der bedeutendsten Glieder der

Oppositionspartei, hegte er gegen die, deren Sache er verlassen, jene

eigenthümliche Abneigung, die in allen Zeiten die Apostaten

charakterisirt hat. Da die Gefühle, die Hilfsquellen und die Politik der

Partei, der er noch vor Kurzem angehört, ihm genau bekannt waren, hatte

er einen umfassenden, tief durchdachten Plan entworfen, der die kluge

Taktik der leitenden Staatsmänner im Hause der Gemeinen fast vereitelt

hätte. Dieses Plans erwähnte er in seiner vertraulichen Correspondenz

unter der bezeichnenden Benennung: »Durch.« Er beabsichtigte, in England

Alles, und mehr noch als das, zu thun, was Richelieu in Frankreich

gethan; Karl zu einem so unumschränkten Monarchen zu machen, wie nur

irgend einer auf dem Festlande existirte; das Vermögen und die

persönliche Freiheit des ganzen Volks unter die Verfügung der Krone zu

stellen; die Gerichtshöfe aller selbstständigen Macht selbst in

gewöhnlichen civilrechtlichen Angelegenheiten zwischen Privatleuten zu

berauben, und mit schonungsloser Härte alle die zu bestrafen, die bei

Handlungen der Regierung sich unzufrieden zeigten, oder bei irgend einem

Gerichtshofe um Abstellung derselben einkamen.[9]

Dies war sein Ziel, und den einzigen Weg, der zu diesem Ziele führte,

kannte er genau. Hätte er bei seiner wirklich klaren, zusammenhängenden

und bestimmten Anschauungsweise nicht ein seinem Vaterlande und seinen

Mitmenschen so verderbliches Ziel verfolgt, er würde die gerechtesten

Ansprüche auf hohe Bewunderung gehabt haben. Daß es nur ein einziges

Werkzeug gab, seine großen und kühnen Pläne auszuführen, und daß dieses

Werkzeug ein stehendes Heer sei, sah er klar ein. Mit der ganzen Energie

seines kräftigen Geistes strebte er nun nach der Errichtung eines

solchen Heeres. In Irland, wo er Vicekönig war, gelang ihm wirklich die

Einführung eines militärischen Despotismus, nicht nur über die

eingeborene Bevölkerung, sondern auch über die englischen Colonisten,

und er konnte sich mit Recht rühmen, daß der König auf dieser Insel so

unumschränkt sei, als nur irgend ein Fürst der Welt.[10]

[Anmerkung 9: Die Correspondenz Wentworths scheint mir das im Text

Gesagte völlig zu bestätigen. Alle Stellen abzuschreiben, die mich

zu dem erlangten Schlusse geführt, würde eben so unmöglich sein,

als es nicht leicht ist, eine bessere Auswahl zu treffen, als Mr.

Hallam bereits getroffen hat. Aber ich mache den Leser besonders

auf die vortreffliche Schrift aufmerksam, die Wentworth über die

Angelegenheiten der Pfalz verfaßte. Sie ist vom 31. März 1637

datirt.]

[Anmerkung 10: Dies sind Wentworths eigene Worte. Siehe seinen

Brief an Laud vom 16. Decbr. 1634.]

[_Charakter Laud's._] Die Verwaltung der Kirche leitete indeß

hauptsächlich Wilhelm Laud, der Erzbischof von Canterbury. Mehr als alle

Prälaten der anglikanischen Kirche ist Laud von den Grundsätzen der

Reformation abgewichen, und Rom nahegetreten. Seine theologischen

Ansichten entfernten sich von denen der Calvinisten mehr, als selbst die

der holländischen Arminianer. Seine maßlose Vorliebe für Ceremonien,

seine Verehrung der Festtage, Vigilien und geheiligten Orte, seine übel

verhehlte Abneigung gegen die Ehe der Priester, sein glühender und von

Eigennutz nicht völlig freier Eifer, mit dem er den Anspruch des Clerus

auf das ehrerbietige Benehmen der Laien vertrat, würden ihm den Haß der

Puritaner zugezogen haben, auch wenn er nur gesetzliche und milde Mittel

zur Erreichung seiner Pläne verwendet hätte. Aber sein Verstand war ein

beschränkter, und mit der Welt hatte er nur in geringem Verkehre

gestanden. Er war heftig und reizbar von Natur, lebhaft empfindlich,

wenn es seine eigene Würde galt, kalt für die Leiden Anderer, und zu dem

bei abergläubischen Menschen gewöhnlichen Irrthume geneigt, die eigenen

mürrischen und gehässigen Launen für die Regungen eines gottesfürchtigen

Eifers zu halten. Jeder Winkel des Reichs ward unter seiner Leitung

einer unausgesetzten und scharfen Beaufsichtigung unterworfen; jeder

kleine Separatisten-Verein ward ausgespürt und aufgelöst, selbst die

Privatandachtsübungen der Familien entgingen den Späherblicken seiner

Kundschafter nicht. Die Furcht vor seiner Härte war so groß, daß der

tödtliche Haß gegen die allgemeine Kirche, der sich unzähliger Herzen

bemächtigt, unter dem äußern Scheine voller Übereinstimmung mit

derselben allgemein verborgen ward. Selbst an dem Vorabende der für ihn

und seinen Stand so verhängnißvollen Unruhen konnten ihm die Bischöfe

mehrerer umfangreichen Diöcesen noch berichten, daß in ihren Sprengeln

auch nicht ein Dissidenter mehr zu finden sei.

[_Sternkammer und Hohe Commission._] Die Gerichtshöfe gewährten den

Unterthanen gegen die bürgerliche und geistliche Tyrannei jener Periode

keinen Schutz. Die Richter des gemeinen Rechts, die ihre Stellen nur so

lange bekleideten, als es dem Könige beliebte, zeigten sich in

empörender Weise willfährig; aber ungeachtet ihrer Willfährigkeit waren

sie dennoch nicht so bereitwillige und wirksame Werkzeuge der

Willkür-Gewalt, als eine Klasse von Gerichtshöfen, die noch jetzt, nach

mehr als zweihundert Jahren, in dem Andenken des Volks tief verabscheut

wird. An der Spitze dieser Gerichtshöfe, durch Macht und Ehrlosigkeit

gleich ausgezeichnet, standen die Sternkammer und die Hohe Commission;

die Erstere war ein politisches, die Letztere ein religiöses

Inquisitionsgericht, und keins von Beiden war aus der alten Verfassung

Englands hervorgegangen. Die Sternkammer war von den Tudors umgestaltet,

und die Hohe Commission hatten sie erschaffen. War die Gewalt dieser

Höfe schon vor der Thronbesteigung Karls ausgedehnt und furchtbar

gewesen, so zeigte sie sich jetzt in einer Gestalt, daß jene nur gering

erscheint. Von dem gewaltigen Geiste des Primas hauptsächlich geleitet,

und von der parlamentarischen Aufsicht befreit, bethätigten sie eine

Raubgier, eine Grausamkeit und eine boshafte Energie, die man in frühern

Zeiten nie gekannt hatte. Mit Hilfe derselben war es der Regierung

möglich, nach Willkür Geldstrafen aufzuerlegen, einzukerkern, an den

Pranger zu stellen und zu verstümmeln. Zu York hatte ein besonderer Rath

unter dem Präsidium Wentworths seinen Sitz, der, im Widerspruch mit dem

Gesetz und nur durch die eigene Machtvollkommenheit des Königs ernannt,

eine fast maßlose Gewalt über die nördlichen Grafschaften ausübte. Alle

diese Gerichtshöfe, der Autorität von Westminsterhall Hohn und Trotz

bietend, verübten täglich Excesse, welche selbst von den

hervorragendsten Royalisten hart getadelt wurden. Nach Clarendons

Bericht gab es kaum einen bedeutenden Mann im Königreiche, der die Härte

und Gier der Sternkammer nicht aus eigener Erfahrung kennen gelernt; die

Hohe Commission verfuhr in einer Weise, daß ihr kaum noch ein Anhänger

im Lande geblieben, und durch die Tyrannei des Raths von York war

nördlich vom Trent die Magna Charta zu einem todten Buchstaben geworden.

Bis auf einen Punkt war nun die englische Regierung eben so despotisch,

als die französische; aber dieser eine Punkt enthielt eine hohe

Bedeutung: es gab noch kein stehendes Heer, und folglich auch keine

Sicherheit dafür, daß nicht das ganze Gebäude der Tyrannei an einem Tage

zertrümmert werden könne. Wollte aber der König aus eigener

Machtvollkommenheit Steuern zum Unterhalte eines Heeres auferlegen, so

hatte man, aller Wahrscheinlichkeit nach, sofort den heftigen Ausbruch

eines Aufstandes zu fürchten. Durch diese Schwierigkeit ward Wentworth

mehr als durch jede andere in Verlegenheit gesetzt. Man griff nun

begierig zu einem Auskunftsmittel, das Finch, der Lord Siegelbewahrer,

in Übereinstimmung mit andern der Regierung dienenden Rechtsgelehrten,

empfohlen hatte.

[_Schiffsgeld._] Es hatten nämlich die alten englischen Könige die

Bewohner nicht nur der in der Nähe Schottlands liegenden Grafschaften

zur Vertheidigung der Grenze unter die Waffen gerufen, sondern auch die

Grafschaften an dem Meere aufgeboten, Schiffe zur Vertheidigung der

Küste auszurüsten; statt der Schiffe hatte man mitunter Geld genommen.

Diesen alten Gebrauch beschloß man jetzt, nach einem langen Zeitraume,

nicht nur wieder einzuführen, sondern auch auszudehnen. Früher hatten

die Fürsten nur zur Zeit des Krieges Schiffsgeld erhoben -- jetzt

forderte man es in einer Zeit tiefen Friedens ein. Wenn früher die

Fürsten, selbst in den gefährlichsten Kriegen, das Schiffsgeld nur in

den Küstengegenden erhoben hatten, so nahm man es jetzt von den

Grafschaften des Binnenlandes. Früher hatte man das Schiffsgeld

eingefordert, um eine Vertheidigung des Landes zur See zu bewirken;

jetzt trieb man es ein, wie die Royalisten selbst zugestehen, nicht um

eine Flotte zu unterhalten, sondern um dem Könige Gelder zu verschaffen,

deren Betrag er nicht nur nach Belieben ausdehnen, sondern auch zu jedem

beliebigen Zwecke verwenden konnte.

Die ganze Nation gerieth in Aufregung und Entrüstung. John Hampden, ein

reicher Gentleman aus guter Familie in Buckinghamshire, der in seiner

nähern Umgebung hoch geachtet, aber in weitern Kreisen des Königreichs

noch wenig bekannt war, hatte zuerst den Muth, der ganzen Gewalt der

Regierung entgegenzutreten und auf eigene Kosten und Gefahr die

Hoheitsrechte zu bestreiten, die der König in Anspruch nahm. Der Fall

ward den Richtern der Schatzkammer zur Entscheidung vorgelegt; wie

abhängig und knechtisch auch die Richter waren, es lagen so starke

Gründe gegen die Ansprüche der Krone vor, daß die Majorität gegen

Hampden so klein als nur möglich ausfiel -- aber es war immer eine

Majorität. Die Ausleger der Gesetze hatten erklärt, daß der königliche

Machtspruch eine große, ergiebige Steuer auferlegen könne, und Wentworth

bemerkte sehr richtig, ihr Urtheil sei nur durch Gründe zu

rechtfertigen, die direct zu einem Schlusse führten, den zu ziehen sie

nicht gewagt haben würden. -- War es gesetzmäßig, daß zur Unterhaltung

einer Flotte ohne Zustimmung des Parlamentes Geld erhoben werden konnte,

so ließ sich schwer in Abrede stellen, daß auch Geld zum Unterhalte

einer Armee ohne Zustimmung des Parlaments erhoben werden dürfe.

Dieser Richterspruch vermehrte die Erbitterung des Volks. Ein

Jahrhundert früher würde eine minder große Erbitterung einen allgemeinen

Aufstand bewirkt haben; aber die Unzufriedenheit äußerte sich jetzt

nicht so rasch als in früherer Zeit durch Empörung, denn Reichthum und

Gesittung der Nation waren seit lange in stetem Wachsen gewesen, und

seit siebzig Jahren, seit der Zeit nämlich, als die großen nordischen

Grafen die Waffen gegen Elisabeth ergriffen, hatte kein Bürgerkrieg

stattgefunden. So lange die englische Nation existirte, war nie eine so

lange Zeit ohne innern Zwist verflossen. Das Volk hatte sich an den

Betrieb friedlicher Gewerbe gewöhnt, und so erbittert es auch war, so

zögerte es doch lange, ehe es zum Schwerte griff.

Unter diesen Umständen schwebten die Freiheiten unsers Vaterlandes in

der größten Gefahr. Die Gegner der Regierung begannen an dem Schicksale

ihres Vaterlandes zu verzweifeln, und mancher von ihnen hielt die

Wildnisse Amerika's für die einzige Zufluchtsstätte bürgerlicher und

geistiger Freiheit. Einige entschlossene Puritaner, welche für ihre

Religion weder das Toben des Oceans, die Beschwerden des uncivilisirten

Lebens, die Klauen wilder Thiere, noch die Tomahawks wilder Menschen

fürchteten, hatten dort inmitten der Urwälder Dörfer angebaut, die jetzt

große, reiche Städte sind, und durch alle Schicksalswechsel Spuren des

ihren Gründern angestammten Charakters bewahrt haben. Die Regierung sah

mit gehässigen Blicken auf diese jungen Colonien und suchte gewaltsam

dem Strome der Auswanderung nach denselben zu steuern; sie konnte aber

nicht verhindern, daß die Einwohnerschaft Neu-Englands aus allen Theilen

des alten Englands durch unerschrockene und gottesfürchtige Männer

ansehnlich vermehrt wurde. Jetzt jubelte Wentworth ob des nahen

Gelingens seines »Durch«. Wahrscheinlich hätten nur wenig Jahre zur

Ausführung seines großen Planes genügt, und wäre strenge Sparsamkeit

beobachtet, jeder Krieg mit auswärtigen Mächten vermieden, so hätte man

nicht nur die Schulden der Krone bezahlen, sondern auch Fonds zum

Unterhalte einer großen Militärmacht beschaffen können, und diese Macht

konnte bald den widerspenstigen Geist der Nation zügeln.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Erster Band enthaltend Kapitel 1 und 2 · 第 5 / 12 题