6. Das unabhängige Einzelporträt.

a) Vorläufer.

Das nur um seiner selbst willen gemalte ~Einzelporträt~, losgelöst

von seiner jahrhundertelangen Vereinigung mit dem Gnadenbilde und

unabhängig von dem ausgleichenden Zwange der Korporation, tritt etwa

um die Mitte des 15. Jahrhunderts in der deutschen Tafelmalerei auf,

das ist zu einer Zeit, wo es jenseits der Alpen, vor allem in Florenz,

schon zu einer hohen Ausbildung und gewissen Verbreitung gelangt war.

Aber hier wie dort hat das Einzelporträt seine Vorläufer gehabt. Im

Sacro Speco zu Subiaco ist unter mancherlei Uebermalungen ein Bild

des heiligen Franz von Assisi erhalten, das möglicherweise schon zwei

Jahre nach dem 1226 erfolgten Tode des grossen Mystikers gemalt ist,

und auch von den Päpsten des 13. Jahrhunderts ist die Mehrzahl in mehr

oder weniger gesicherten Porträts nachzuweisen. Frankreich besitzt in

dem Bildnis Johanns II., des Guten, gest. 1364, in der Bibl. Nationale

ein solches Frühwerk, England in dem Richards II., gest. 1399, im Chor

der Westminsterabtei. In Deutschland waren wir bereits in der zweiten

Hälfte des 14. Jahrhunderts auf einem Wandgemälde des Hansasaales zu

Köln einem allerdings noch typischen Ebenbilde Karls IV. begegnet

(vgl. S. 63), doch ist es nicht ausgeschlossen, dass hier der Kaiser

nur das einzig erhaltene Glied einer Fürstenreihe gebildet hat. In

der Tafelmalerei führen uns die Vorstufen des Einzelbildnisses wieder

nach dem deutschen Ordensland und diesmal nach dem Dom von Königsberg.

Dort, in der Fürstengruft, hängen die lebensgrossen, auf Holz gemalten

Bildnisse von sechs Ordensmeistern, von denen sich fünf identifizieren

lassen. Die Tafeln blieben in der Kirche, auch als 1524 die neue Lehre

auf die Verbannung aller Bilder drang.

Hagen[85] giebt eine Beschreibung ihrer Beschaffenheit aus der Zeit vor

ihrer Restaurierung, so gut eine solche bei dem schadhaften Zustand

derselben überhaupt möglich war. Darnach waren die Dargestellten

sämtlich gewappnet und trugen den Ordensmantel um die Schultern,

bärtig, wie es die Regel verlangte, unbehelmt, die Linke auf das

Schild gestützt, in der Rechten das gesenkte Schwert, zum Zeichen,

dass sie dem polnischen Könige den Lehenseid geleistet hatten. (»Das

Abhängigkeitsverhältnis ist durch das abwärtsstehende Schwert, das

Oberherrlichkeits-Verhältnis durch Aufrechthaltung des Schwertes

ausgedrückt«.) Brustharnisch oder Wappenrock, sowie Schild und Mantel

schmückte das Kreuz. Ueber die Zeit ihrer Anfertigung ist nichts zu

ermitteln. Heinrich von Plauen, zeitlich der erste der Dargestellten,

ist 1429 gestorben. Möglich, dass er bald nach seinem Tode gemalt

ist. Von dem 1489 gestorbenen Martin Truchsess von Wetzhausen ist es

erwiesen, dass sein Bildnis in einer viel späteren Zeit entstanden ist.

[Illustration: ~Porträt des Konrad Kyeser.~ Miniatur.

Nach besonderer Aufnahme.]

Aber selbst wenn wir Heinrich von Plauen noch in die dreissiger Jahre

datieren könnten, so dürfen diese Kirchenbilder doch nur als Vorstufen,

nicht als eigentliche frühe Porträts in dem Sinne bezeichnet werden,

in welchem wir diese Bildnisgattung begriffen haben, einmal weil sie

jedenfalls erst nach dem Tode der Betreffenden, also als »Idealbilder«,

geschaffen worden sind, und dann weil sie, wenn auch zwei der

Hochmeister nicht im Königsberger Dom begraben liegen, schliesslich

doch, gleichwie die frühen Bildnisse des Franz von Assisi und der

römischen Päpste, mehr das Gepräge des Kenotaphes tragen.

Dagegen haben wir in der Buchillustration ein wirkliches grosses

Einzelporträt schon aus dem Jahre 1405. In einer Göttinger Miniatur,

Codex Philosophicus No. 63, ist der Verfasser eines Buches über

Kriegswissenschaften, Konrad Kyeser, im Brustbild dargestellt. Der Kopf

allein ist grösser als etwa eine flache Hand, von ungemein lebendigem

Ausdruck, mit kurzgeschorenem Haar und Schnur- und Knebelbart. Wäre

das Datum nicht beigeschrieben, so würde man schwerlich auf eine so

frühe Entstehungszeit schliessen dürfen. Das Bild ist, wie man aus der

Abbildung erkennt, etwas beschädigt.

In der Tafelmalerei kommt der Gebrauch des Einzelporträts, wie gesagt,

erst um die Mitte des 15. Jahrhunderts auf, und von dieser Zeit an

ist uns eine grössere Anzahl derselben erhalten geblieben. Dass es

schon vorher existiert hat, ist wohl anzunehmen, wenn wir auch keine

gesicherten Dokumente dafür besitzen.

b) Aeusserlichkeiten der Porträts. Form, Grösse, Tracht, Geschmeide,

Hintergrund.

Die gewöhnliche Form der für Haus und Familie bestimmten Porträts war

die einer länglich viereckigen Holztafel, um welche eine schlichte

Leiste mit gotischem Ablaufprofil nach dem Bilde zu die Umrahmung

darstellte. Tafel und Rahmen wurde vom Schreiner gefertigt, die Leisten

in der Regel schwarz oder zinnoberrot angestrichen und mit goldenen

Sternen besetzt, zuweilen auch mit einer dekorativ wirkenden Inschrift

in goldenen Lettern geschmückt. Oben befand sich ein Ring zum Aufhängen

des Bildes. Hie und da wurde auch Tafel und Rahmen aus einunddemselben

Stück gefertigt. Erst am Ende des Jahrhunderts begann man das

Rahmenwerk kunstmässig mit dem Schnitzmesser zu bearbeiten; eine runde

oder ovale Gestalt hat man ihm, ausser bei den kleinen Medaillons der

Goldschmiedekunst, vor dem 17. Jahrhundert schwerlich gegeben. Die

frühste authentische Kunde von der Verwendung eines Porträts, als

Wandschmuck giebt uns der Holzschnitt eines Zimmer-Innenraums aus Joh.

Hartliebs »Alexander« vom Jahre 1458.

Neben der hier beschriebenen Form des eingerahmten Porträts geht

noch eine andere her, die in erster Linie zur liegenden Aufbewahrung,

vielleicht in einer Lade, oder zum Aufstellen bestimmt gewesen sein

mag: über der rahmenlosen Holztafel mit dem Bildnis und mit ihr durch

ein Gelenkband verbunden, befindet sich als Schutzdeckel eine zweite

Holztafel, auf deren äussere Seite in der Regel das Familienwappen

gemalt ist, während die innere mit einem einfachen Muster, gegen die

Renaissancezeit hin oft mit einer allegorischen Darstellung, verziert

ist.

[Illustration: ~Wohnraum mit einem Porträt als Wandschmuck.~

Aus Schultz, Deutsches Leben im XIV. u. XV. Jahrh.]

Die Grösse der hier in Frage kommenden Einzelporträts beträgt

durchschnittlich etwa 0,35 m in der Höhe und 0,25 m in der Breite.

Die zur liegenden Aufbewahrung bestimmten sind noch etwas kleiner.

Gegen Ende des Jahrhunderts nehmen die Abmessungen der als Wandschmuck

gemalten Porträts allmählich zu.

Dass die Bilder nicht grösser sind, ist nicht zu verwundern. Das Format

eines Gemäldes wird nicht zum mindesten durch den Raum bestimmt, in

welchem es hängen soll, und wie hätte man in der Intimität eines

gotischen Zimmers mit seinen Butzenscheiben, die gar oft nur aus

trüben Glassurrogaten bestanden, ein grosses Porträt belichten können,

namentlich in den unteren Stockwerken, die durch eine malerisch

wirkende, aber höchst unpraktische Ueberkragung der oberen schon an und

für sich verdunkelt wurden? Tritt doch selbst unter der hellen Sonne

des Südens das private Porträt in Lebensgrösse erst mit der Erweiterung

der Wohnräume auf, wenn auch nicht, wie Vasari meint, erst 1541 durch

Titian eingeführt, sondern bereits fünfzehn Jahre früher durch Moretto,

worauf Burckhardt hinweist.[86]

Von dem Körper wird anfangs nur der Kopf, Hals und ein Teil der Brust

gegeben, später tritt der Oberleib hinzu, meist unverhältnismässig

klein gebildet, und zur feineren Charakterisierung auch die Hände,

wobei jedoch gleichzeitig eine malerische Schwierigkeit zu überwinden

ist, die in der neuen Verteilung des Lichtes auf Kopf und Hand

besteht. Zuweilen werden auch zwei Brustbilder zu einem Doppelbildnis

vereinigt. Das sogenannte Kniestück oder die ganze Figur ist mir im 15.

Jahrhundert nicht begegnet. (Der Altarflügel gehört ebensowenig wie das

Totendenkmal zu der hier besprochenen Porträtgattung.)

Der Kopf wird in halbem, selten ganzem Profil, in der Regel in der

Wendung nach links, gegeben, zuweilen auch in der Ansicht von vorn.

(In der italienischen Kunst, wohl unter dem Einflusse der Schaumünze,

ist im Gegensatz zur deutschen das ganze Profil bei den strengen

florentinischen Meistern des Quattrocento sehr häufig.) Eine Wendung

im Kontrapost, die dem Bilde etwas Momentanes verleihen würde, kommt

nicht vor. Der Blick ist ruhig vor sich hin oder mit einer Sehweite von

wenigen Metern aus dem Bilde heraus, am Ende des Jahrhunderts wohl auch

auf den Beschauer gerichtet.

Die Hände halten, wo sie gegeben sind, mit zumeist ungelüfteten

Fingern die Paternosterschnur oder den Rosenkranz. Das ist das

frühste und häufigste Motiv. Giebt ihnen der Maler einen anderen

Gegenstand, etwa einen Ring oder eine Blume, so werden die Finger

gelöst, wodurch der persönliche Reiz der Hand erhöht und ihr eine

gewisse Ausdrucksfähigkeit ermöglicht wird. Man geht wohl nicht fehl,

derartigen Beigaben, welche zur Belebung und Wesensschilderung der

Dargestellten von Bedeutung sind, ausser ihrem künstlerischen Wert auch

einen symbolischen beizumessen. Andere Attribute als Ring und Blume,

welche auf die Sinnesweise oder die Beschäftigungen der Porträtierten

einen Schluss gestatten würden, sind nicht gerade häufig. Einmal ist

es ein Münzstempel, einmal ein Zirkel, mit einem stattlichen Buch in

der Hand hat sich der Kanonikus Schönborn abschildern lassen — ein

Motiv, das für Kleriker nach der Reformation sehr verbreitet ist —,

nur in seltenen Fällen habe ich den bei italienischen Bildnissen so

gebräuchlichen Zettel oder die Schriftrolle gefunden.

Sind die Hände nicht in der Beschäftigung mit einem bestimmten Objekte

geschildert, so erscheinen sie entweder einfach übereinander gelegt

oder die eine ruht auf einer Brüstung, während die andere in das Wams

greift oder ungezwungen, aber schon den Keim der späteren pathetischen

Gebärde in sich tragend, den Mantel hält. Handschuhe sind mir niemals

begegnet, weder als Bekleidung der Finger, noch — wie später, nachdem

der Rosenkranz unmodern geworden war, und bis auf den heutigen Tag so

häufig — in lose zusammengelegtem Zustand als Beschäftigungsmotiv für

die Hände.

Die Tracht kommt, da es sich nur um Kopf- und Brustbilder handelt,

wenig zur Geltung. Der Rock der Männer ist in der Regel bis zum Hals

geschlossen, nur das Staatskleid der Vornehmen lässt den oberen Teil

der Brust frei, oft bedeckt ein Mantel oder die Schaube die Schultern

und eine Mütze oder ein Barett den Kopf. Das Leibchen der Frauen

ist vorn nur wenig ausgeschnitten. Eine Betonung der sinnlichen

Formen wie bei den italienischen Frauenporträts beginnt erst am Ende

des Jahrhunderts, wohl durch das Beispiel der burgundischen Tracht

veranlasst, die in dieser Beziehung eine Mittelstellung eingenommen

hat. Die vorherrschenden Farben der Kleiderstoffe sind ein starkes

Grün, Rot, Blau oder Gelb. Gebrochene, zarte und wie wir heute sagen

duftige Töne kennt die Mode und die Malerei jener Zeit noch nicht. Eine

richtige Vorstellung von der Farbenfreudigkeit der Gewänder des 15.

Jahrhunderts, wie sie auf den Altargemälden so auffällig zum Ausdruck

kommt, können natürlich die wenigen erhaltenen, namentlich weibliche

Porträts durchaus nicht geben. Für Einzelheiten verweise ich auf die

betreffenden Bildbeschreibungen.

Das Haar der Männer fällt vom Scheitel in weichen Wellen auf Nacken und

Schultern herab, auf einigen der handwerklich ausgeführten Porträts

schlichter Bürgersleute sind die Stirnhaare in glatten Strähnen nach

vorn herabgekämmt, sodass sie mit den Augenbrauen abschneiden, auf

anderen sind sie mit dem Brenneisen leicht aufgelockt. Das Gesicht ist

fast immer rasiert.[87]

Die Frauen tragen das Haar unter einer Haube, einem Netz oder einem

Schleiertuch, oft werden an den Schläfen die sorgfältig geflochtenen

Zöpfe sichtbar. Auch von den unausgesetzt wechselnden, phantastischen

und bizarren Moden der männlichen wie weiblichen Haaranordnungen

und Kopfbedeckungen geben unsere wenigen Porträts keinen Begriff.

Will man sich ein richtiges Bild von ihren proteusartigen Wandlungen

verschaffen, so muss man wiederum die grossen Altarbilder, vor

allem aber die Grabsteine, die Handschriften-Illustrationen und die

Kupferstiche zu Rate ziehen[88] und die »Kleiderordnungen« der Städte,

die Berichte in den Chroniken und die donnernden Kanzelreden eines

Geilers u. a. lesen. Hier kann man sich auch über die kosmetischen

Mittelchen unterrichten, durch welche Männer und Frauen ihre Frisur

zu verschönern trachteten: Färben, Brennen, Wickeln, mit Eigelb

auftoupieren, mit Schwefel waschen und an der Sonne trocknen oder im

Winter zu Eis gefrieren lassen u. dergl. Das frühste Muster eines auf

so künstliche Weise prächtig aufgetürmten Haarschmucks scheint in der

blonden Lockenfülle des Johannes auf dem Thomasaltar von 1424 gegeben

zu sein.

Das ~Geschmeide~ spielt erst vom 16. Jahrhundert an seine grosse,

protzenhaft schaustellerische Rolle, wo Nacken und Brust oft geradezu

unter einem Panzer von Schmuck und Steinen verschwinden, wo, wie im

18. Jahrhundert, die vornehme Frau ihr gesamtes Vermögen, und den

Kredit dazu, in Juwelen auf dem Leibe trägt. Unsere bescheidenen

Porträts aus der letzten Zeit der Gotik zeigen nur hin und wieder

ein Schaustücklein, und um überhaupt hier von dem Geschmeide sprechen

zu können, muss ich bei seiner Aufzählung auch das Stifterbildnis mit

heranziehen.

Bei den vornehmen Männern in weltlicher modischer Tracht ist das

Schmuckbedürfnis auf wenige Gegenstände beschränkt: eine Agraffe am Hut

oder Barett, um den Hals eine Kette oder auch eine einfache Schnur mit

einem Anhänger, einem Talisman oder der Bulla — einer halbkugelförmigen

Kapsel, in der sich eine Reliquie zu befinden pflegt; Talisman und

Bulla werden in der Regel von dem Obergewand bezw. dem Hemd bedeckt —,

und an der Hand ein Fingerring, erst in Zeit mehrere, mit auffällig

hohem Kasten für den Stein.

[Illustration: ~Gruppe aus dem Thomas-Altar in Hamburg.~

Nach Schlie, der Hamburgische Meister vom Jahre 1835.]

Abzeichen mittelaltriger Ordensgesellschaften, auf den Grabsteinen so

häufig, begegnen uns auf den hier geschilderten Porträts nicht, bei den

Stifterbildnissen sehr selten, einmal z. B. auf dem Altar von 1484 in

der Gumbertskirche von Ansbach, wo die jugendlichen Prinzen mit den

Insignien des 1440 gestifteten Schwanenordens erscheinen. Auf einer

Stammtafel des 1462 gestorbenen Ulrich Ketzler, germanisches Museum No.

526, hat der Maler eine Anzahl Ordensdekorationen über und neben dem

knienden Ritter an der Wandfläche des Hintergrundes angebracht, — ein

Dokument menschlicher Eitelkeit, für welches das Muster bereits auf den

Grabsteinen römischer Legionsoffiziere zu finden ist. (Beispiele u. a.

im Provinzialmuseum zu Bonn.)

Die vornehme Frau trägt ausser dem Fingerring den Fürspan, ein

Schmuckstück, das am ehesten unserer Brosche zu vergleichen wäre,

und eine Halskette, die oft, gleichwie bei den Männern, mit einem

Anhänger versehen ist, zuweilen auch am Brustausschnitt eine Borte mit

aufgenähtem Goldornament. Armbänder habe ich niemals gefunden: einem

Geschmeide, dessen Wirkung auf der blossen Haut erst recht zur Geltung

kommt, wären die langen Aermel der Frauenkleider auch nicht günstig

gewesen.

Weniger erklärlich ist das gänzliche Fehlen der Ohrgehänge. Bei der

Tracht der Handwerkersfrau und auch der werktägigen der Patrizierin

verhüllte meist, nicht immer, die Haube oder ein Tuch das Ohr, die

grosse Toilette der Weltdame jedoch liess es in der Regel frei, wie

aus zahlreichen Darstellungen auf Altargemälden und Kupferstichen

hervorgeht. Wenn nun selbst die gewöhnlich in prächtig orientalischer

oder höfisch burgundischer Tracht erscheinende Magdalena des Ohrringes

ermangelt, so muss man wohl annehmen, das 15. Jahrhundert habe diesen

Zierrat als etwas barbarisches betrachtet, denn gekannt hat es ihn, wie

der häufig mit einem Ohrring geschmückte Mohrenfürst auf der Anbetung

der Könige beweist.[89]

Der Hintergrund unserer Porträts ist anfangs eine einfarbige Fläche,

vom kühlen Braun bis zum Gelblichen und warmen Hellgrünlichen,

zuweilen bei dunklem Ton mit einem goldenen Sternenmuster verziert.

Dann wird er als Mauerwand behandelt, in der eine Oeffnung oder nach

niederländischem Beispiel ein Fenster angebracht ist, welche einen

Ausblick auf die Landschaft gewähren. (Mit einem Ausblick z. B. auf

dem Porträt bei Burckhardt-Burckhardt, vergl. S. 124, falls hier die

Landschaft nicht spätere Zuthat ist, mit zwei Ausblicken auf dem

Bildnis des Ehepaars in Dessau, vergl. S. 174.) Schliesslich wird die

Figur noch dadurch leicht vom Hintergrund gelöst, dass man sie vor

einen glatt herabfallenden Vorhang stellt, zu dessen beiden Seiten

dann wohl der Blick auf die Landschaft geöffnet wird. (Porträt in

Heidelberg, vergl. S. 80.) Eine ganz offene Landschaft als Hintergrund

ist mir nur einmal begegnet. (Porträt im Besitz des Grossherzogs von

Hessen. Vergl. S. 189.)

In seine gewohnte Umgebung, in einen geschlossenen Innenraum mit

Ausstattungsgegenständen wird der Dargestellte noch nicht gebracht,

höchstens könnten Briefschaften, die an der Rückwand befestigt

erscheinen, mit Gewohnheiten und Neigungen der Porträtierten in

Beziehung gebracht werden (z. B. bei dem Pacimondanus, vergl. S. 188).

Von sonstigem mittelaltrigen Hausrat wird uns nur die Stubenfliege

gezeigt. (Wiederum bei dem Pacimondanus und bei der Hoferin in London,

vergl. S. 186. Auf den Abbildungen leider nicht zu erkennen.)

Im allgemeinen kann man sagen, dass die Veränderungen bezw.

Bereicherungen des Hintergrundes in deutscher, niederländischer und

italienischer Porträtkunst etwa gleichen Schrittes gehen, nur wolle man

bemerken, dass in den Niederlanden der Ausblick durch ein Fenster, in

Italien durch eine Maueröffnung die Regel ist, und dass in Mailand und

Florenz mehr die ganze, in Venedig und in den Niederlanden mehr die

Teillandschaft üblich ist.

Dass Wappen und Inschriften, die sich auf Namen, Alter und Art des

Dargestellten beziehen, sehr häufig auf dem Bildgrunde angebracht

sind, haben wir gesehen. Humoristischen Inhalts, wie so oft im 16.

Jahrhundert, sind sie noch nicht, doch könnte man als einen anmutigen

Vorläufer vielleicht die Zwiesprache über dem Gothaer Liebespaar

betrachten. (Vergl. S. 86.)

Soviel von den Aeusserlichkeiten der Porträts des 15. Jahrhunderts.

Um sie noch einmal kurz in einem Gattungssignalement zusammen

zu fassen: Kopf- oder Brustbilder in kleinem bis mittelgrossem,

länglich-viereckigen Format, Rosenkranz, Ring oder Blume in der Hand,

schlicht gekleidet, selten ein Schmuckstück, Hintergrund einfarbige

Fläche, später Ausblick auf Landschaft.

c) Künstlerische Auffassung. — Die gleichzeitige italienische und

niederländische Porträtkunst. — Malweise. — Porträtsammlungen.

Ueber den künstlerischen Inhalt der Porträts ist leider nur wenig zu

sagen: rein als malerische Bilderscheinung genommen, gewähren sie

eine geringe ästhetische Freude, und als graphische Erläuterer einer

bestimmten Persönlichkeit helfen sie uns nicht, deren inneres Wesen

zu verstehen. Der Maler giebt die ruhenden Formen des menschlichen

Antlitzes wieder, also das, was ich im allgemeinen das Individuelle

einer Physiognomie genannt habe, so gut er es vermag, mit derselben

Objektivität, wie er irgend einen anderen Gegenstand auf die Malertafel

zwingt. Von dem Geiste, welche diese äusseren Formen in langdauernder

Arbeit gebildet hat und der jederzeit gleich einem immateriellen Hauche

über ihnen liegt, also von dem, was ich das Charakteristische nenne,

gelingt es ihm zuweilen, mehr zufällig als beabsichtigt, einen Schimmer

zum Ausdruck zu bringen, einen Wiederschein nicht der subtilen und

schwer zu entziffernden Verstandes- und Gemütseigenschaften, sondern

jener wenigen fundamentalen, die gewissermassen den Grundblock einer

Persönlichkeit bilden und die in augenfälligen und groben Zügen auf

jedem Gesicht geschrieben stehen, als da sind Rohheit oder Feinheit,

Willenskraft oder Wankelmut, Selbstsucht oder Liebe, Wahrhaftigkeit

oder Lüge, Geistesschärfe oder Beschränktheit.

Aber das, worauf es dem Maler in erster Linie ankam, war doch die

rein äusserliche, die physische Aehnlichkeit. Man sollte das Porträt

»erkennen«, es von anderen unterscheiden, und dazu, so meinte er,

bedurfte es der peinlich getreuen Wiedergabe aller Einzelformen, die

das Ganze bilden. Auch der Besteller wird mit solcher stillebenartigen

Behandlung seiner Physiognomie zufrieden gewesen sein. Ueber die

Uebereinstimmung von Gesicht und Wesen, deren wissenschaftliche

Begründung erst unserem Jahrhundert vorbehalten gewesen ist,[90] wird

er nicht viel nachgedacht haben, und die grundstürzende Entdeckung

des verschönernden Mediums, des Schmeichelns, hatten damals die

liebenswürdigen Venetianer noch nicht gemacht.

[Illustration: ~Porträt des Giovanni Arnolfini von van Eyck.~

Berlin, Museum.

Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl.]

Gewiss wird man von einer Frühkunst, die noch mit der Bewältigung

technischer Schwierigkeiten zu ringen hat, nicht das Erfassen des

momentanen, flüchtig vorübereilenden Gesichtsausdruckes erwarten

dürfen, nicht das geheimste Erzittern der Seele, nicht die

blitzschnellen physiognomischen Manifestationen eines plötzlich

auftauchenden Gedankens. Weder die Maler der Niederlande noch die

Italiens haben im Quattrocento einen ernsthaften Versuch nach dieser

Richtung hin unternommen. Aber wenn man die gleichzeitigen Porträts

des Nordens und des Südens den deutschen gegenüberstellt, wird man

sich dem Eindruck nicht verschliessen können, dass bei diesen auch das

Bleibende eines Menschenantlitzes, das Feststehende im ewigen Flusse

der wechselnden Stimmungsbewegungen, die kontinuierliche Ausstrahlung

der Seele, kurz alles das, was den Wesensausdruck einer Persönlichkeit

bestimmt, thatsächlich nur wie zufällig, zum mindesten oberflächlich,

gleichwie mit halbgeschlossenem Malerauge erschaut, wiedergegeben

worden ist. Man vergegenwärtige sich Porträts wie etwa das des Giovanni

Arnolfini und das des Scarampi, beide in Berlin, und vergleiche sie

selbst mit Pleydenwurffs Schönborn oder den Pacimondanus in Basel,

unmöglich wird man die schwächere Kraft der Charakterisierung in

letzteren verkennen.

[Illustration: ~Porträt des Scarampi von Mantegna.~ Berlin, Museum.

Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl.]

* * * * *

Wiederholt im Gange dieser Betrachtungen haben wir das italienische und

das niederländische Porträt des 15. Jahrhunderts herbeirufen müssen,

um uns von dieser oder jener Eigentümlichkeit des deutschen eine

deutlichere Vorstellung zu machen. Es dürfte daher wohl angezeigt sein,

sich einmal im Zusammenhange die Natur jener beiden Vergleichsobjekte

vor Augen zu führen. Das soll hier mit wenigen Worten versucht werden.

Früher als anderswo im Abendlande war in Italien die einzelne

Persönlichkeit zum Gegenstand malerischer Darstellung gemacht worden.

Die ältesten nach dem Leben gemalten Bildnisse gehen in das 13.

Jahrhundert zurück. Mit dem 14. Jahrhundert (Giotto) beginnt die

Aufnahme irgendwie hervorragender Zeitgenossen in der Freskomalerei.

Das 15. Jahrhundert bezeichnet den Höhepunkt der Porträtkunst im

Rahmen des Wandgemäldes und der grossen Altartafel. Nebenher geht,

wie im Norden, das Stifterbildnis. Für das unabhängige Einzelporträt

lag angesichts der Bildnisfülle auf Wänden und Altären zunächst kein

Bedürfnis vor. In der That ist jene Bildnisgattung in den ersten

Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts ungemein selten und erst um die Mitte

hebt in dieser Beziehung ein Umschwung an, am frühsten wohl in Florenz.

(Piero della Francesca.) In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts erhält

die Sitte des Einzelporträts eine grössere Verbreitung, nicht wenig

gefördert durch das flandrische Beispiel, vornehmlich in Venedig.

(Antonello da Messina.) Dort, noch mehr als in Florenz, wo (seit

Donatello) die plastische Büste den Wunsch nach bildlicher Wiedergabe

der Persönlichkeit in so meisterhafter Weise befriedigte, gelangte

das gemalte Porträt zu einer ausserordentlichen Beliebtheit und zu

einer Entwickelungshöhe (Bellini), die schliesslich in dem grössten

Bildnismaler Italiens, in Titian, ihren Gipfel erreichen sollte.

Welches Gattungsbild erhalten wir nun von dieser italienischen

Porträtkunst, wenn wir den Blick vor den Werken des einzigen Lionardo

verschliessen und auch die spätquattrocentistischen Venetianer nicht

berücksichtigen?

Zunächst den Eindruck eines körperlich und geistig wohlgebildeten

Menschengeschlechts, einer monumentalen Auffassung der Persönlichkeit

von seiten des Malers, die das Wesentliche dem Unwesentlichen

unterzuordnen versteht und einer am Fresko erlernten, auch in kleinen

Formen grossflächigen Arbeit.

Auf die bleibenden festen Linien des menschlichen Antlitzes, also auf

das, was die äussere Aehnlichkeit ausmacht, wird hier, wie im Norden,

besondere Sorgfalt verwendet. Die modellierende Kraft der Farbe und des

Lichtes wird benutzt, dem Kopfe Rundung und Energie des Lebensausdrucks

zu geben. Aber auch das, was die spätere italienische Porträtkunst

vor allen anderen auszeichnet, das Streben nach Vereinfachung und

zugleich jenes dichterisch-schaffende Element, welches auch die

innere Aehnlichkeit zu erfassen sucht, die ressemblance morale, wie

der französische Terminus lautet, ist, in seinen Anfängen wenigstens,

bereits zu erkennen. Dagegen gehört der Ausdruck des Momentanen zu

den seltensten Ausnahmen. Die Beschränkung auf Kopf- oder Brustbild

(zudem meist in starrer Profilstellung), schliesst die kommentierende

Sprache der Hände aus (die auf der Brüstung ruhende Hand war nur

ein unvollkommenes Hilfsmittel der Charakterisierung) und sie

verzichtet auf das Persönliche der ganzen Körperhaltung und auf den

»Standesausdruck«. Eine Bewegung der Seele — ich erinnere daran, dass

wir von Lionardo absehen — ist nirgends zu finden.

So dürfte, ganz im allgemeinen gesprochen, die Porträtkunst des

italienischen Quattrocento als eine episch-beschreibende zu bezeichnen

sein, der um die Jahrhundertswende eine dramatisch-charakterisierende

folgen sollte.

Unter ganz anderen Voraussetzungen entwickelt sich die Porträtkunst

in den Niederlanden. Abgesehen von den Verschiedenheiten, welche in

der nordischen Natur und in dem germanischen, im Süden des Landes

stark mit französischen Elementen vermischten Volksstamm begründet

sind, und der anders gefügten politischen, sozialen und kulturellen

Grundlage, ist die niederländische Porträtkunst der italienischen

gegenüber insofern im Nachteil, als ihr die lange Lehrzeit fehlt und

sie in ihrer kurzen, aber entscheidenden Jugendphase die hohe Schule

der Freskomalerei entbehren muss. Von einer Entwickelung in dem Sinne,

wie wir das Wort von der Naturwissenschaft in die Kunstgeschichte

übernommen haben, kann bei ihr kaum gesprochen werden. Selbständig, wie

ein plötzliches Naturereignis, tritt sie mit den beiden Stifterfiguren

des Genter Altars (1432) ins Leben, beinahe unvermittelt, wie das

ganze Wunderwerk von Sankt Bavo selbst, dessen zarte Entstehungslinien

rückwärts nach der burgundischen Plastik einerseits und nach den

niederländisch-französischen Miniaturen anderseits, erst das geschärfte

Auge der modernen Kunstforschung zu enthüllen vermochte. Und dem

Jodokus Vydt und seiner Gattin folgt sofort eine Reihe von Bildnissen

Jans, die zu den vollendetsten Meisterwerken der Porträtkunst zu

rechnen sind. Jan van Eycks Nachfolger in Flandern, Brabant und

Holland vollenden das Gepräge der niederländischen Bildnismalerei,

ohne jedoch die einsame Höhe des grossen Bahnbrechers zu erreichen.

Wiederum versuchen wir alle diese Einzelporträts zu einem Gattungsbild

zusammenzuschliessen. Intimität, mehr als Monumentalität, ist der

Grundzug der künstlerischen Auffassung, der aus allen spricht.

Peinliche Wiedergabe aller Linien und Flächen des menschlichen

Antlitzes scheint in noch höherem Grade als in Italien das Porträtideal

der Niederländer gewesen zu sein. Mit einer, allerdings unbegreiflich

wunderbaren Ausnahme (das Ehepaar Arnolfini in London), begnügen sich

die Maler für das Einzelporträt mit dem Kopf- oder Brustbild, meist

in halber Lebensgrösse, jedoch giebt ihnen die als Regel gewählte

Dreiviertelansicht, mehr als das beim Profilbildnis zum Ausdruck

kommen konnte, die Möglichkeit, tiefer in das persönliche Wesen des

Dargestellten einzudringen. Das Momentane in Miene oder Körperhaltung

begegnet uns selten, der Wiederschein eines inneren Vorgangs, ein

Erglänzen oder Erbeben der Seele, niemals.

Den wichtigsten Unterschied der beiden Kunstweisen sehe ich jedoch

darin, dass, wiederum ganz im allgemeinen gesprochen, bei den

italienischen Porträts eine mehr zeichnerische und plastische, bei den

niederländischen eine mehr malerische Empfindung die für den ersten

Eindruck bestimmende ist. Während das Ziel der Linienführungs- und

Lichtexperimente der Italiener sich auf eine lebenswahre Gestaltung der

körperlichen Erscheinung, also der ~Form~ zu richten scheint, sind die

Niederländer bei ihren künstlerischen und technischen Versuchen, zu

welchen vor allem auch ihre besondere Feinfühligkeit in Verwendung des

Oels als Bindemittel zu rechnen ist, in erster Linie um eine Steigerung

und zugleich Verfeinerung der Wirkung der ~Farbe~ bemüht.

[Illustration: ~Anbetung der Könige vom Meister der hl. Sippe.~

Nach einer Photographie im Kupferstich-Kabinet zu Berlin.]

Die erstaunlich »malerische Stimmung«, die aus den besten Porträts der

niederländischen Quattrocentisten spricht, ist es wohl vornehmlich

gewesen, die auf die Italiener, besonders auf die Venetianer, einen

so gewaltigen Eindruck gemacht und sie zur Nacheiferung angespornt

hat. Auf die mit geringerem Gefühl für den Reiz der Farbe begabten

Deutschen scheint gerade dieser Vorzug der nordischen Porträts keine

erhebliche Wirkung gehabt zu haben. Sie bewunderten wohl mehr die

frappante Aehnlichkeit, um die es ihnen ja selbst hauptsächlich zu

thun war und den Schein der Lebenswahrheit, den sie der Sauberkeit und

Feinheit der Einzelbehandlung zuschrieben. Von einem tiefer gehenden

Einfluss gerade jener malerischen Kabinetstücke, wie etwa der beiden

Brustbilder Jan van Eycks, die sich jetzt in London befinden, seines

Arnolfini in Berlin oder dem seiner Frau in Brügge, ist in der

deutschen Porträtmalerei auch nicht eine Spur zu entdecken. Wohl aber

erkennt man, dass solche Bildnisse des Meisters oder seiner Schule

zur Nachahmung reizten, in denen weniger die farbige Bilderscheinung

die hervorstechende Eigenschaft bildet, als die Kunst der Zeichnung,

die durch einen die Grenze des ästhetisch Annehmbaren beinahe

überschreitenden Naturalismus erreichte physische Aehnlichkeit und die

an die unerbittliche, aber poesielose Wirklichkeitsdarstellung des

photographischen Apparates erinnernde Virtuosität der Detailbehandlung.

Dass ein so bedeutender kölnischer Maler wie der Meister der heiligen

Sippe von allen eyckschen Porträts just den Kopf des Mannes mit

den Nelken (Berlin) erwählte, um ihn in seiner Anbetung der Könige

(Privatbesitz, Westfalen) dem knienden Kaspar zu geben, ist in dieser

Beziehung gewiss höchst bezeichnend.

Schliesslich, aber etwas später als in Italien, ging auch

im Norden der episch-beschreibende Stil gleichfalls in den

dramatisch-charakterisierenden über (Q. Massys). —

* * * * *

Wenn wir der ~malerischen~ Qualität der deutschen Porträts des 15.

Jahrhunderts gerecht werden wollen, so müssen wir, bevor wir sie

mit den Werken einer späteren Zeit vergleichen, uns die Grenzen der

Ausdrucksmittel vergegenwärtigen, an welche auch die besten Meister

des ausgehenden Mittelalters gebunden waren. Es wird dazu nötig sein

in aller Kürze diejenigen Haupthilfsmittel zu bezeichnen, welche den

deutschen Quattrocentisten ~nicht~ zur Verfügung standen, bezw. nicht

zur Verfügung stehen konnten.

Gleich ihren niederländischen und italienischen Mitstrebenden wussten

sie noch nicht den ~Luftkörper~ darzustellen, der alle Erscheinungen

der Wirklichkeit umgiebt und der ihre Farben mit der jeweiligen

Beschaffenheit der Atmosphäre (Feuchtigkeitsgehalt, Staubteile) und je

nach ihrer Entfernung vom Auge des Beschauers verändert. Um das Fehlen

dieses doch scheinbar so naheliegenden Faktors einer künstlerischen

Abbildung der Wirklichkeit zu verstehen, muss man sich die Thatsache

vergegenwärtigen, dass die gesamte Malerei des Mittelalters bis zum

Anfang des 15. Jahrhunderts gewissermassen eine Bilderschrift gewesen

war, in die alle irdischen Erscheinungen übertragen wurden. Nicht

Naturwahrheit war ihr Prinzip, sondern Schönfarbigkeit und dekorative

Wirkung. Da sie also nur ein Gleichnis der Dinge geben wollte, nicht

diese selbst in täuschender Aehnlichkeit, konnte sie auch nicht auf

den Gedanken kommen, sich nach einer Ausdrucksmöglichkeit für die

Darstellung der Körper im lufterfüllten Raume umzusehen. Erst als die

dekorative Behandlungsweise von einigen Vorläufern der neueren Zeit

durchbrochen wurde, sehen wir die Malerei mit der Lösung dieser Aufgabe

beschäftigt, und naturgemäss greift sie nun bei der Wiedergabe des

Raumes zu einem Mittel, welches ihrer frühern Arbeitsart am nächsten

steht: sie versucht seine dreidimensionale Eigenschaft durch Führung

der Linien und durch Verkürzungen der von den Seiten gesehenen Flächen

zum Ausdruck zu bringen. Der Erfolg war gering, denn der Blick auf

einen lediglich linear-perspektivisch aufgebauten Raum stösst doch

immer nur auf Ebenen, anstatt an den Objekten vorbei und gewissermassen

um sie herum, nach der Tiefe geführt zu werden.

Auf die Abwesenheit des Luftkörpers ist es vornehmlich zurückzuführen,

dass allen abendländischen Porträts bis zum Ende des 15. Jahrhunderts

einerseits die volle Freiheit im Raume fehlt und dass sie andererseits

der Einheitlichkeit, der Weiche und des Duftigen ermangeln, das ihnen

die Atmosphäre in Wirklichkeit verleiht.

Das ~Licht~, sowohl in seiner gleichmässigen Verteilung wie es die

Formen belebt und ihre Umrisse sanft verschwimmen lässt, als auch

in seiner besonderen Fähigkeit, als Beleuchtungsquelle mit bestimmt

gegebener Richtung das Körperliche in seiner Rundung hervorzuheben

und den Raum zu vertiefen, war, von mehr ahnenden als bewussten

Experimenten Einzelner abgesehen, den Malern des deutschen Quattrocento

ein verborgenes Geheimnis.

Die modellierende Kraft der ~Farbe~ an sich, die in der

Nebeneinanderstellung der Töne nach Massgabe der in ihnen enthaltenen

»valeurs« beruht (d. i. nach der Menge der Lichtstärke, die sie der

Einheit der Helligkeit oder des Dunkels — weiss und schwarz — nähert),

vorausgesetzt dass dem Beschauer eine gegenständliche Vorstellung zu

Hilfe kommt, ist wohl schon frühzeitig, nachdem das dekorative Prinzip

seine Allgemeingiltigkeit verloren hatte, instinktiv gefühlt, aber nur

zu einem geringen Teile ihrer vielfachen Möglichkeiten verwertet worden.

Der einzige Punkt, in welchem es die frühdeutschen Meister zu einer bis

auf den heutigen Tag schwerlich übertroffenen Vollkommenheit gebracht

hatten, ist die eigentliche ~Technik~, und wenn auch die Leuchtkraft

ihrer Farben vielleicht hinter der eines mit Oel gemalten Bildes

zurückbleiben mag, so haben sie vor den späteren doch den Vorzug des

dünneren, daher durchscheinenden Farbenauftrags und der grösseren

Dauerhaftigkeit ihrer Werke voraus. Der gleichzeitigen italienischen

Maltechnik gegenüber ist die nordische insofern im Vorteil, als der

Firnissüberzug ihrer Kirschgummi-Eiklar-Tempera ein mehrfaches,

allerdings wegen des langsamen Trocknens sehr zeitraubendes Uebermalen

ermöglichte, so oft und so lange bis der gewünschte Farbeneindruck

erreicht war, während die Feigenmilch-Tempera jener nach Auftrag des

Firniss eine abermalige Uebermalung nicht mehr gestattete. Die in der

zweiten Hälfte des Jahrhunderts angenommene Emulsions-Tempera der Eyck,

eine mechanische Vereinigung von Oel oder Fett mit pulverisiertem

Gummi, die sich beliebig mit Wasser verdünnen liess und schnell an der

Luft trocknete, war eine erhebliche Erleichterung für den Maler, nicht

aber eigentlich eine Verbesserung, die der Farbenwirkung in dem Masse

zu gute kam, wie häufig angenommen wird.[91]

Aus der fehlenden Erkenntnis von der vollen Bedeutung der Luft,

des Lichtes und der Farbe ist es erklärlich, dass die deutschen

Porträts des 15. Jahrhunderts unserem modernen Auge wie mit dem

Pinsel hergestellte kolorierte Zeichnungen erscheinen, die frühen

oberdeutschen fast ausnahmslos, die niederrheinischen mit einer

etwas grösseren Annäherung an die farbige Bilderscheinung. Da jedoch

diese letztere Gruppe nur in einer verschwindenden Anzahl auf uns

gekommen ist, auch ihr malerischer Gegensatz zu der oberdeutschen

in augenfälliger Weise erst durch die grossen Bildnismeister

des 16. Jahrhunderts zum Ausdruck gebracht wird, darf wohl eine

zusammenfassende Schilderung des deutschen Porträtwerkes im 15.

Jahrhundert die in verhältnismässig grosser Zahl erhaltenen

oberrheinischen, schwäbischen und fränkischen Werke als Repräsentanten

und Hauptdokumente zum Ausgangspunkt nehmen.

Die Verwandtschaft mit der Zeichnung fällt am deutlichsten bei

den fränkischen Porträts auf, in etwas geringerem Grade bei den

oberrheinischen und schwäbischen, sämtliche aber sind weit davon

entfernt, den Eindruck der vollen Rundung des Körperhaften zu geben

und kommen im besten Falle der Wirkung des flachen Holzschnitzreliefs

nahe. In scharfer Linie setzt sich die Kopfform von dem Hintergrunde

ab, und die Binnenzeichnung, also die einzelnen Gesichtsteile,

besonders der untere Augenrand und seine Umgebung, das unter der

Haut liegende Knochengerüst, die Muskeln und Sehnen, sind in deutlich

erkennbaren Linien voneinander geschieden. Die allgemeine Form

ist meist geometrisch richtig auf die Fläche projiziert, aber ihr

Erscheinungswert ist nicht berücksichtigt, — eine starre, nüchterne

Korrektheit, die zuweilen an die der Totenmaske erinnert. Man hat bei

diesen Porträts, wie übrigens auch bei den gleichzeitigen Innenräumen

und Landschaften, den Eindruck, als habe der Maler »abschnittsweise«

gearbeitet und während sein Blick an einem bestimmten Teile seines

beschränkten Sehfeldes haftete, übersehen, dass ein Teil in seiner

Erscheinung wesentlich durch die daneben befindlichen beeinflusst

wird und durch sie einen ganz anderen Daseinswert erhält, als wenn

er allein stände, und erst recht scheint ihm bei dieser Arbeitsweise

das Wirkungsverhältnis des Porträts zu seinem Hintergrunde entgangen

zu sein, durch welches ein Zurücktreiben der letzteren bewirkt werden

konnte und somit die Figur in ihrer Gesamterscheinung Plastizität

erhalten hätte. Die Modellierung hat er, wenn es ihm überhaupt darum zu

thun war, durch Detaillierung zu erreichen versucht, teils aber auch

durch undurchsichtige grüne, bräunliche bis rosige Schatten, teils

durch einen Wechsel verschieden abgetönter, gewellter Strichlagen.

Welch ein Schein von Körperlichkeit und welch eine verhältnismässig

volle satte Farbenrundung sich mit diesen beiden letzten, immerhin

primitiven Mitteln erzielen lässt, das zeigen die Figuren auf den

Tafelbildern eines Konrad Witz, Lukas Moser, Lochner, Multscher, Pacher

u. a., die ihren Rücken haben, auch wenn sie nur in der Vorderansicht

zu sehen sind. Leider haben uns gerade diese Meister keine eigentlichen

Porträts hinterlassen.

* * * * *

Was die ~Persönlichkeiten der Dargestellten~ betrifft, so vermissen

wir unter ihnen, gleichwie unter den Statistenscharen der kirchlichen

Gnadenempfänger, fast gänzlich die Elite des scheidenden Mittelalters.

Einzelporträts wie auch Stifterbildnisse mögen allerdings in den

gewaltigen Feuersbrünsten, welche die Städte heimsuchten, verbrannt

oder von fanatischen Bilderstürmern und in Kriegsläuften von

plündernden Truppen vernichtet worden sein, viele sind wohl auch als

wertloses Gut auf den Rumpelkammern allmählich von selbst verfallen.

Dass noch im 16. Jahrhundert eine erheblich grössere Zahl als heute

bekannt war, geht aus der grossen Menge der Kopien hervor, die damals

nach Originalen angefertigt worden sind, die wir nicht mehr kennen.

Die Mehrzahl der ersteren ist noch erhalten und vornehmlich in den

bairischen Staatsgalerien und im kunsthistorischen Museum von Wien,

Saal XV und XVI zu finden.

Von diesen Kopien ein paar Worte.

Diejenigen Männer, die wir heute als die eigentlichen Träger des

Geistes jenes merkwürdigen 15. Jahrhunderts betrachten, fehlen

auch hier. In überwiegender Mehrheit sind es die Fürsten und ihre

Verwandten, welche für würdig erachtet wurden, der Nachwelt erhalten

zu bleiben. Personen nach der Mitte des 15. Jahrhunderts scheinen nach

Originalgemälden kopiert worden zu sein, freilich was Auffassung,

Haltung, Tracht und Geschmeide betrifft, nicht ohne Aenderungen und

Zuthaten der neuen Zeit. Für solche, die vor diesem Termin gelebt

haben, mussten ausser gemalten und plastischen Stifterbildnissen,

vor allem die Stammbäume, sowie auch Statuen von Portalen und

Gewölbepfeilern, Grabfiguren, Reliefs, Miniaturen u. dergl. als Vorlage

dienen.

Die erste Sammlung solcher Nachbildungen (auch vereinzelter Originale)

wurde von dem Herzog Wilhelm IV. von Baiern (1508 bis 1550) angelegt

und durch Albrecht IV. (V.), den ob seiner verschwenderischen

Ankäufe und Aufträge tief verschuldeten bairischen Medici, bedeutend

erweitert.[92] Nach einem 1598 aufgenommenen Inventar bestand sie

aus 778 Bildern, darunter nicht weniger als 579 Porträts. Ausser den

Mitgliedern zeitgenössischer Regentenfamilien, wurden ganze Serien von

Kaisern, Helden und Dichtern des Altertums angefertigt, diese natürlich

freie Schöpfungen der Phantasie, ferner, sehr bezeichnend für den

Mangel jeglichen kunstfreundlichen Sammeltriebes, allerlei Kuriosa, wie

bärtige Jungfrauen, Zwerge, Hexen, Verbrecher u. s. w.

Noch umfangreicher war die Sammlung, mit welcher Erzherzog Ferdinand

von Oestreich, der Gemahl der Philippine Welser, in den Jahren 1578 bis

1590 alle Wände des Ambraser Schlosses bedecken und ganze Truhen füllen

liess. (Jetzt zum grössten Teile im Wiener Hofmuseum.[93]) Als Leitbild

mag ihm wohl die weltberühmte Porträtsammlung des Comasken Paolo Giovio

(1483 bis 1552) vorgeschwebt haben, aus welcher er, wie auch Herzog

Albrecht, viele Bilder kopieren liess.

Das Bestreben des Erzherzogs war hauptsächlich darauf gerichtet,

Porträts der regierenden Fürsten des 15. und 16. Jahrhunderts zu

sammeln, ihrer Angehörigen und ihrer Ahnen, erst in zweiter Linie,

und mehr nebenbei, die der grossen Staatsmänner, Künstler und

Dichter derselben Zeit, mit strengstem Ausschlusse aller Männer der

reformatorischen Glaubensbewegung. Wenn nur irgend möglich, hat er die

Kopien nach Originalen anfertigen lassen und reine Phantasiegebilde

fast gänzlich vermieden, ebenso Abnormitäten mit wenigen Ausnahmen,

als welche nur einige »rauche« Menschen und die Lamalitlin, eine

berüchtigte Hungerkünstlerin und Betrügerin aus Augsburg, zu nennen

sind, deren nicht uninteressante Züge auch des älteren Holbeins

Silberstift (Berlin) verewigt hat. Diese geringfügige Rolle, welche

Missbildungen und Wunderlichkeiten spielen, ist sehr bemerkenswert in

einem Zeitalter, welches so leidenschaftlich »das Rare ästimierte«.

Schliesslich ist noch die Porträtsammlung des Statthalters von

Holstein, Heinrichs von Rantzau (1526 bis 1599) zu erwähnen, die später

mit der des Herzogs Philipp II. von Pommern vereinigt wurde. Die

Sammlung kam 1603 nach Stettin und ist seit der Besetzung dieser Stadt

durch die Schweden 1637 verschwunden.

d) Physiognomisches Gesamtbild der Porträts des 15. Jahrhunderts.

Es erübrigt nun noch uns die Frage vorzulegen, ob und in wie weit die

Porträts des 15. Jahrhunderts ~das Aussehen der Menschen~ jener Zeit

richtig wiedergeben, oder ob wir eine Inkongruenz zwischen Abbild und

Wirklichkeit annehmen müssen.

Die Beantwortung dieser Frage führt uns auf den schwankenden Boden

der Vermutungen. Sie selber, nach denen wir uns umsehen, sind in

jenes unbekannte Land eingegangen, von dessen Mark kein Wandrer

wiederkehrt, und ihrer irdischen Gestalt hat keine photographische

Platte Dauer verliehen. Da auch die litterarische Ueberlieferung in

diesem Punkte völlig versagt, können wir uns nur an die plastischen und

gemalten Dokumente halten. Mit den letzteren haben wir uns eingehend

beschäftigt. Welches physiognomische Gesamtbild geben sie uns von den

Menschen des 15. Jahrhunderts?

Könnten wir die Porträts, die Stifter und die porträtartige Assistenz,

denn auf alle diese drei Gruppen müssen wir unsere Schlüsse begründen,

kinematisch in ununterbrochener Reihe an unseren Blicken vorüberziehen

lassen, so würden wir das Unterscheidende allenfalls in der nach

Stammesart verschiedenen Kopfform entdecken, das Gemeinsame jedoch in

dem, was bei flüchtiger Betrachtung zuerst ins Auge fällt, in Bildung

und Ausdruck der Physiognomie.

Die Gesichter der Männer sind mager, ohne Fülle und Rundung des

Fleisches. Falten und Runzeln erscheinen schon bei jüngeren Leuten,

und die Querfurche der Sorge bedeckt gar oft eine jugendliche Stirn.

Die Haut, unter der das Blut langsam und träge zu wallen scheint,

ist welk und gelblich, nicht von jener Mischung des Rot und Blau

durchdrungen, die auf einen gesunden Ernährungszustand hindeutet, oft

erinnert ihre Farbe geradezu an das Spital. Das Auge ist glanzlos,

häufig wie erloschen, die Lider müde und schlaff, und traurig hängen

die Mundwinkel herab. Der Ausdruck ist unfrei, philisterhaft eingeengt,

ohne Lebensfreude und, besonders bei den Einzelporträts, zaghaft,

ängstlich oder bekümmert. So passt auf die Mehrzahl das Wort, welches

in einer französischen Kunstgeschichte sehr mit Unrecht auf Holbeins

und Dürers Bildnisse angewendet wird, dass uns aus ihnen entgegen

wehe: le sanglot sourd du peuple allemand étouffé sous le vieux bourg

féodal![94]

Die Frauenköpfe, sofern sie überhaupt über das Typische hinausgehen,

sind voller als die der Männer, auch gesunderen und frischeren

Aussehens, doch tragen auch sie den Stempel des Kleinbürgerlichen und

Befangenen, nur dass sich ihnen zuweilen ein Zug von Lebenslust, auch

wohl von Schalkheit hinzugesellt.

Dieses Gesamturteil kann natürlich nur einen beschränkten Anspruch

auf allgemeine Giltigkeit erheben, wie jede derartige Generalsentenz.

Ausnahmen sind bei den Einzelbetrachtungen hervorgehoben worden.

Von einer provinziellen Sonderung durfte wohl abgesehen werden:

auf diejenige Malerschule, von der wir die meisten porträtmässigen

Darstellungen besitzen, auf die fränkische, dürfte das vorstehende

Signalement im grossen und ganzen zutreffen.

Wie haben wir uns das Gemeinsame in Gesichtsbildung und Ausdruck zu

erklären?

Zunächst darf es als ausgemacht gelten, dass nicht nur im 15.

Jahrhundert, sondern gemeinhin alle etwa gleichzeitig geschaffenen

Bildnisse, auch wenn die Mitlebenden die individuelle Aehnlichkeit

jedes einzelnen rühmen, und das ist bekanntlich zu allen Zeiten

geschehen, dennoch eine unverkennbare Verwandtschaft untereinander

bekunden. Man erinnere sich, um nur einige der bekanntesten und

charakteristischen Gruppen zu nennen, an die ägyptischen Königsstatuen,

etwa die der 19. Dynastie, an die athenischen Jungfrauen der Akropolis,

an die Porträtköpfe der Diadochen, an die Römerbüsten der zu Ende

gehenden Republik oder an die des julisch-claudischen Herrscherhauses,

an die florentinischen des Quattrocento, an die Porträts der Rokokozeit

oder an die englischen des vorigen Jahrhunderts, ja selbst wenn wir

uns im Geiste die Repräsentationsbilder unserer Tage vergegenwärtigen,

werden wir auch bei ihnen gemeinsame Züge entdecken, und man kann

sich recht wohl vorstellen, wie kommende Zeiten sich aus diesen, wie

auch wir meinen »sprechend ähnlichen« Zeugnissen, eine ganz bestimmte

Vorstellung von dem Aussehen der Geburt-, Geist- und Geldaristokratie

im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts machen werden.

Die Erklärung dieser Zeitgenossen-Aehnlichkeit ist in zwei Umständen zu

finden. Auf das Aeussere, gerade so gut wie auf das Innere des Menschen

vermag das Meiste »die Geburt und der Lichtstrahl, der dem Neugeborenen

begegnet«. Die erstere drückt ihm den Rassen- und Stammesstempel schon

in der Wiege auf, und in dem letzteren bilden sich seine besonderen

Züge. Der Lichtstrahl ist das Produkt der Umgebung, des Milieu, in den

ihn der Zufall versetzt hat, des jeweiligen Zustands der Kultur, der

Freiheit oder der Gebundenheit der Geister, des Wohlstands oder der

Armut, der vorherrschenden geistigen und körperlichen Lebensweise, und,

ist der Neugeborene weiblichen Geschlechts, wohl auch der Höhe der

Kinderzahl, welche die Sitte der Zeit von der Frau erwartet.

Die Erscheinung des Menschen in seinem Ebenbild wird ausser durch

ihn selbst im wesentlichen durch das künstlerische und technische

Vermögen der mitlebenden Menschenbildner bestimmt, ein wenig auch

durch die Tracht, in der er sich porträtieren lässt und durch den Grad

seiner Becheidenheit, ob er nämlich so dargestellt sein will, wie

er wirklich ist, oder ob er anders, d. h. mehr scheinen möchte, als

Geburt und Umgebung ihn nun einmal geschaffen haben. Dieses Moment der

Selbsteinschätzung ist bei allen Porträts vom 17. Jahrhundert an bis

auf den heutigen Tag von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Da nun alle jene vorgenannten Grundlagen und Bedingungen an bestimmten

Orten und in gleichen Kulturperioden annähernd dieselben sind, werden

auch ihre Geschöpfe, das sind die Menschen und ihre künstlerischen

Abbilder, einigermassen einander gleichen, da sie aber andererseits

dem Gesetze des Wechsels unterworfen sind, wird auch Mensch und Bild

mit dem Eintritt einer neuen Epoche sich verändern.

Der zweite Erklärungsgrund dieser Aehnlichkeitserscheinung ist der

folgende: wenn auch der Künstler während der Arbeit des Porträtierens

getreulich bemüht ist, innerhalb der Grenzen seines Könnens sein

Vorbild so wieder zu geben, wie er es vor sich sieht, so bringt er doch

bereits indem er an die Staffelei herantritt, in seiner Vorstellung

ein fertiges Innenbild von der auf die Fläche projizierten Erscheinung

einer jeden Menschengestalt mit. Dieses Innenbild ist ohne sein Zuthun

und ohne seinen Willen ganz von selbst aus der Anschauung derjenigen

Menschenbildnisse geboren, die bereits vor ihm andere geschaffen

haben, von ihm kann er sich nicht losmachen, selbst nicht im Angesicht

des besonderen Modells, — sein Reflex im Porträt, dessen Stärke in

umgekehrtem Verhältnis zu der künstlerischen Kraft des Malers steht und

den man die unbewusste »Manier der Zeit« nennen könnte, ist also bis zu

einem gewissen Grade unabhängig sowohl vom Wesen der Dargestellten als

auch von der jeweiligen Auffassung des Darstellers.

In der Regel, und nicht durch ein Spiel des Zufalls, liegen die

Perioden, in denen die Porträts gleichsam die nämliche Fabrikmarke

tragen, innerhalb derselben Grenzen: es decken sich diejenigen, welche

durch das Aussehen der Menschen, ihre Tracht und das Können und

Wollen der Zeit bestimmt werden, mit denen der gleichen »Innenbilder«

der Künstler. Am Anfang einer jeden Periode steht, wo es sich nicht

um die allererste handelt, das die Nacheiferung erweckende Muster

einer grossen fremden Kultur und Kunst oder das dem eigenen Boden

erwachsene Genie. Ihre Dauer ist ungleich. In den Zeiten langsamen

Kulturfortschrittes und bei dem Mangel eines anregenden Verkehrs mit

einem höher entwickelten Nachbarlande, Bedingungen, die einen Tiefgang

der Kunst zur Folge haben, währen sie wohl Jahrhunderte lang, im

Hochgange von Kultur und Kunst vielleicht Jahrzehnte und in stürmischen

Entwickelungsepochen folgen sie in noch kürzeren Zeiträumen aufeinander.

Das 15. Jahrhundert bildet im grossen und ganzen betrachtet ~eine~

solche Bildnisperiode. Ihr Anfang bezeichnet die in den ersten

Jahrzehnten eingetretene Emanzipation von Typus, welche in diesem

besonderen Falle allerdings weder unmittelbar durch ein fremdes

Beispiel noch durch die That eines einzelnen Genies erfolgte,

sondern durch das Zusammenwirken einer Summe geistiger, kultureller,

psychologischer und künstlerischer Momente und gefördert durch

einzelne Talente sich vollzog. An ihrem Ende steht die Reformation und

Dürer.

Unsere am Eingang gestellte Frage nach dem Grad der Uebereinstimmung

zwischen Mensch und Bild im 15. Jahrhundert darf nach diesen

Ausführungen etwa in folgender Weise beantwortet werden: die allgemeine

Gesichtsbildung entspricht vermutlich der Wirklichkeit. Für die

Wiedergabe der ruhenden Formen reichte das Können der Künstler aus, für

die Bewegungen derselben jedoch, für den Ausdruck, war es unzulänglich.

Die Befangenheit, die ängstliche Spannung, der Ernst und die

Traurigkeit, welche die Mehrzahl der Bildnisse kennzeichnet, ist auf

Rechnung dieses Unvermögens und auf das allen Künstlern vorschwebende

Innenbild zu setzen, — in wie ~weit~ diese letzteren beiden Umstände

freilich der Natur Abbruch gethan haben, wird sich niemals entscheiden

lassen.

Rückschau und Ausblick.

Der Mensch ist der wichtigste Gegenstand der mittelaltrigen

Plastik und Malerei. Das Werden und Wandeln seiner bildnismässigen

Darstellung ist der Hauptinhalt der Geschichte dieser beiden Gebiete.

Er steht im Mittelpunkt allen künstlerischen Interesses von den

Karolingertagen an bis auf Dürer, selbst dann, als mit dem Beginn des

15. Jahrhunderts die Landschaft, zunächst in den Handschriften, sich zu

selbstständiger Bedeutung erhebt. Jede Erweiterung des Anschauungs- und

Darstellungsvermögens kommt im Umriss und in der Binnenzeichnung der

menschlichen Gestalt zum Ausdruck, jede Errungenschaft im Reiche der

Farbe wird ihrer körperlichen Erscheinungsform dienstbar gemacht.

Indem für das Abbild des Menschen, ebenso gut wie für ihn selbst,

bis zu einem gewissen Grade die religiösen, geistigen, sozialen und

kulturellen Strömungen der Zeiten bestimmend sind, ist die Geschichte

des Menschenbildnisses, zum mindesten in dem in unaufhörlichem

Flusse befindlichen Mittelalter, zugleich ein Stück welthistorischer

Wissenschaft.

Künstlerisches Ausdrucksvermögen sowohl als technisches Können

stehen in den verschiedenen Kunstgebieten zu gleichen Perioden

nicht auf einundderselben Stufe, es fallen daher die Höhepunkte der

Menschenbildung in Plastik, Malerei und den ihnen verwandten Künsten

zeitlich nicht zusammen.

In der Buchmalerei, die, was die Wiedergabe des Umrisses der

menschlichen Gestalt anbelangt, gleich am Beginn unserer Betrachtungen

mit einem verhältnismässig hohen Grad des Könnens einsetzt, erreicht

die individuelle Menschenbildung nach mehrfachen Schwankungen und

Hemmungen in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts den Hochstand ihrer

Entwickelung, von dem sie jedoch infolge der nun bald allgemeiner

werdenden Verbreitung des Holzschnitts und des Kupferstichs, rasch

wieder herabsinkt.

In der Plastik hebt das Blütenalter lebenswahrer Menschendarstellung

in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts mit den Naumburger

Stifterbildnissen an und setzt sich fort in den Grabfiguren der beiden

folgenden Jahrhunderte. Die etwa gleichzeitig mit den Naumburger

Donatoren in Braunschweig, Bamberg u. a. O. sofort mit hoher

Vollkommenheit ins Leben tretende idealistische Richtung findet keine

nennenswerte Nachfolge.

Die Wandmalerei überschreitet nicht die Grenzen der primitiven Kunst

oder des Handwerks, sodass bei ihr von einem Ausreifen überhaupt nicht

gesprochen werden kann.

Auf Medaille, Holzschnitt und Kupferstich erreicht das Bildnis seine

volle künstlerische Entfaltung erst in einer Zeit, die jenseits unserer

Betrachtungen gelegen ist.

In der Tafelmalerei, wenngleich auch auf ihrem Gebiete die höchste

Erscheinungsform des Menschen erst von Dürer und Holbein erreicht

wird, erhebt sich Bildnis und Porträt im 15. Jahrhundert zu relativ

beträchtlichen Vollendungshöhen. Nachdem sie etwa im dritten

Jahrzehnt überall und mit erstaunlicher Kraft und Schnelligkeit sich

vom Typus und konventioneller Form befreit und bisher unbekannte

Ausdrucksmöglichkeiten der Zeichnung und Farbe entdeckt hatte, bringt

sie es aus ureigenem Vermögen zu so überraschenden und so vielseitigen

Menschendarstellungen wie auf dem Thomasaltar, dem Kölner Dombild, dem

Imhofaltar, auf einzelnen Werken der Bodenseeschule, der elsässischen

und bairischen Frühkunst.

Um die Mitte des Jahrhunderts erreicht sie der niederländische

Einfluss, der ihr von Anbeginn auf Naturwahrheit gerichtetes Bestreben

wesentlich fördert, bezw. es dort neu ins Dasein ruft, wo ein

idealistischer Hochgang seine Entfaltung gehemmt hätte, und der bald,

zunächst vornehmlich in seiner Fernwirkung auf die schwäbische und

fränkische Kunst, hervorragenden Bildnismalern den Boden bereitet, wie

dem älteren Holbein und denen, die sich um Wolgemut gruppieren.

Das Vorbild der italienischen Malerei hatte im Süden von Deutschland

schon im zweiten und dritten Jahrzehnt langsam eine Läuterung des dort

allzu derb naturalistischen Idioms eingeleitet, worauf die Gestalten

des Bamberger Altars in München, die für Salzburg gemalte Rauchenberger

Votivtafel und vielleicht auch Lukas Mosers Magdalenen-Altar hindeuten.

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts gelangen nordische und

südliche Einflüsse gleichzeitig und gleichwertig zur Geltung, am

spätesten dringen die letzteren zu der niederrheinischen und den

von ihr abhängigen Malerschulen, wo sie zwar im 16. Jahrhundert auf

kölnischem Boden eine glänzende Porträtkunst ins Leben rufen, jedoch

der Selbständigkeit und Eigenart der rheinischen Malerei auf allen

anderen Gebieten ein unrühmliches Ende bereiten.

Die mittleren Gegenden von Deutschland — Schwaben, Franken und

Obersachsen —, deren Malerei die Anregungen der Niederländer gern

aufgenommen hatte, weil ihrem eigenen Wesen im innersten verwandt,

besassen mehr als die von Nordwestdeutschland die Kraft, auch das ihrer

Eigenart widerstrebende Schönheitsideal der romanischen Kunst in sich

aufzunehmen und zu verarbeiten, ohne dem Grundzug ihres Charakters

gänzlich entfremdet zu werden: der Sebastians-Altar des älteren Holbein

ist hierfür ein bezeichnendes Beispiel.

Auch der Kunst der südlichen Alpenländer, welche die nordischen Muster

erst aus zweiter und dritter Hand kennen gelernt hatte, diente das

Formenprinzip der benachbarten Italiener zunächst zur Förderung und

Klärung ihrer heimischen Triebkraft: der Wolfgang-Altar von Michael

Pacher.

* * * * *

Beeinflussungen! Wie ein ermüdendes Leitmotiv erklingt es aus allen

Entwickelungsstadien der deutschen Malerei. Ein Kunstgebiet wirkt auf

das verwandte, eine Malerschule auf die Nachbarin, ein Künstler auf den

anderen, über alles Geschaffene spannt sich ein Netz von verbindenden

Fäden und selbst zu dem Werke des Genius scheint die Fussspur von dem

eines früher erdachten zu führen.

Man ist auf mancher Seite geneigt, die Betonung der »Einflüsse« scharf

abzuweisen. Dass ihre Kenntnis dem ästhetischen Geniessen eines

Kunstwerks eher hinderlich als förderlich ist, sei von vornherein

zugegeben, doch darum handelt es sich in einer geschichtlichen

Betrachtung zunächst nicht. Wenn aber behauptet wird, es hiesse die

originale Bedeutung eines Meisters herabsetzen, indem man frage, wo

er das oder jenes »herhabe«, so fehlt mir für diesen Vorwurf das

Verständnis: nicht wo er die Anregung zu einem Gedanken erhalten hat,

ist doch das Wesentliche, sondern wie er ihn ausgestaltet. Schon in

dem Worte original, von oriri d. h. sich erheben, geboren werden,

abstammen, ist der Hinweis auf eine notwendigerweise vorangegangene

Zeugung enthalten. Michelangelos Moses verliert doch wahrlich nicht

um Haaresbreite an Wert, wenn man nachweist, dass der Schritt seines

Bildners ihn zuweilen vor den Johannes des Donatello geführt hat.

Und wie man nur gar der Meinung sein kann, es gäbe überhaupt ein

Ding, das nicht in irgend einem Zusammenhang mit einem anderen stehe

und mit ihm in Verbindung gebracht werden könnte und müsste, ist in

einem Zeitalter, das sich die Ergebnisse der naturwissenschaftlichen

Forschung eines Darwin — ich spreche nicht von seinen Folgerungen — zu

eigen gemacht haben sollte, schlechterdings unerklärlich.

Kunst ist im letzten Grunde Nachahmung, ihr Objekt ist die Natur. Dass

~sie~ den Künstler »beeinflusst«, bedarf wohl nicht des Beweises.

Wenn nun ein Künstler irgendwo auf seinen Wegen ein bereits von einem

anderen verarbeitetes Stück dieser Natur begegnet, so muss das Produkt

des ihm mehr oder minder wahlverwandten Kunstgenossen gewiss noch mehr

als das der Natur eine Wirkung auf ihn ausüben. Das Abbild des einen

so gut wie des anderen wird in seiner Seele zum Innenbild, und aus der

Summe der Innenbilder entstehen seine Schöpfungen.

Wenn Lukas Moser von Wil den Auftrag erhielt oder wenn er den

selbständigen Drang in sich fühlte, einen Magdalenen-Altar zu malen,

woher ist ihm die Fähigkeit ihn zu komponieren oder der Antrieb dazu

gekommen? Entweder hatte er schon eine ähnliche Tafel gesehen oder er

erfand sie auf der Grundlage verwandter Darstellungen von heiligen

Geschichten, die ihm bekannt waren. Ich persönlich glaube, dass Mosers

Phantasie eine Handschriftillustration angeregt hat, aber in dem einen

wie in dem anderen Falle, Miniatur oder Altargemälde, ist es doch

die zum Innenbild gewordene Anschauung eines Kunstgebildes, die ihn

beeinflusst hat.

Nicht immer wird der Vorgang sich so einfach herleiten lassen wie in

diesem Beispiel. An dem Werke des Genies wird vielleicht nur wieder

das verwandte Genie das spinnenwebenzarte Fädchen entdecken, das von

einem anderen herüberleitet, vorhanden aber wird es immer sein.

* * * * *

In drei Erscheinungsformen ist uns das Bildnis in der Tafelmalerei

entgegengetreten.

Etwa um die Mitte des 15. Jahrhunderts war der Gebrauch aufgekommen,

bestimmte lebende Personen sich als thätige oder unthätige Teilnehmer

unter die Figuren der heiligen Vorgänge mischen zu lassen. In

Niederdeutschland sind derartige Assistenzbilder ungemein selten, in

Oberdeutschland waren es hauptsächlich der ältere Holbein und die

Meister der fränkischen Schule, welche diese Gattung gepflegt haben,

aber auch hier ist ihre Zahl gering, verschwindend gegenüber der

Summe individueller Existenzen, welche auf italienischen Wand- und

Tafelbildern sich ausbreitet.

Das Stifterbildnis, dessen Gedanke älter ist als die Tafelmalerei,

scheint gleichmässig über ganz Deutschland verbreitet gewesen zu sein.

Nur insofern unterscheidet sich der Norden von dem Süden, als dort

einzelne und meist patronisierte Figuren üblich sind, während hier die

Familiengruppen ohne Schutzpatron überwiegen.

Das häusliche Einzelporträt, seit der Mitte des Jahrhunderts

nachweisbar, bildet sich gegen das Ende hin zu solcher Reife aus, dass

es ganz unmerklich, ohne dass man die Grenzlinien bezeichnen könnte,

aus der gotischen Zeit in die Renaissance hinüberführt. Aus der Zahl

der erhaltenen Porträts zu schliessen und den Eigentümlichkeiten

der verschiedenen Malerschulen entsprechend, dürften in Franken

die Konterfeis häufiger gewesen seien als in irgend einer anderen

Gegend. Jedenfalls haben sie auch dort, und zwar bei der Gruppe

Pleydenwurff-Wolgemut, die höchste Vollendung erlangt, ja einzelnen

dieser Meister durften noch bis vor kurzem Porträts zugeschrieben

werden, die jetzt als Werke des jungen Dürer anerkannt sind.

Von allen diesen drei Bildnisgattungen hat nur die zuletzt genannte

sich als einer weiteren, auch heute noch nicht abgeschlossenen

Entwickelung fähig erwiesen. Wohl haben uns die grossen Meister der

Renaissance einige bedeutende Assistenzbilder und manche vortreffliche

Donatorenfigur hinterlassen, aber Kirchen- und namentlich Hausaltäre

wurden in der neuen Zeit überhaupt seltener gemalt, nicht nur in

protestantischen, sondern auch in katholisch gebliebenen Ländern, und

wo neben den neuen Gebieten, die sich der Malerei eröffnet hatten, das

alte Kirchenbild doch noch weiter gepflegt wurde, da verlangte man

wieder ganz entschieden nach einer gewissen Idealisierung, man wollte

nicht mehr den Tuchschneider und den Krämer mit ihren Alltagsgesichtern

unter den Heiligen oder in ihrer nächsten Nähe sehen. Mit des jüngeren

Holbeins Madonna des Bürgermeisters Meyer hatte das Assistenz- und

zugleich das Stifterbild seinen Höhepunkt erreicht, und schon in

den Werken Lukas Cranachs sehen wir das Porträtartige wieder einer

idealisierenden Verallgemeinerung Platz machen.

Ganz verschwunden ist allerdings auch später die profane Assistenz

von den heiligen Darstellungen nicht, und selbst die kleinen

Adorantenpüppchen leben bekanntlich noch heute weiter auf

Totenschildern, Votivtafeln, Marterln u. dergl. Wo aber auf wirklich

künstlerisch ausgeführten Gemälden in unseren Tagen Stifterbildnisse

angebracht werden, wie z. B. auf dem Flügelaltar von Nüttgens im

Frankfurter Dom ein Prälat und ein Stadtpfarrer, machen sie den

unbefriedigenden Eindruck des reflektiert Altertümelnden, und wenn

sie nun gar erst in moderner Alltagstracht erscheinen, wie auf einem

grossen Altar von Delug, den ich 1898 im münchner Glaspalast sah, wird

der Widerspruch zwischen der achaischen Erscheinungsform und dem, was

man sonst in den Jahresausstellungen zu sehen gewöhnt ist, bis nahe an

das Gebiet des Komischen gesteigert.

Nur dem unabhängigen Porträt also gehörte die Zukunft, und schon

wenige Jahrzehnte nach der Zeit, mit welcher wir unsere Betrachtungen

abgeschlossen haben, hat es in der auf die Einheit der Erscheinung und

auf dem Wesensausdruck gegründeten idealistischen Kunst eines Dürers

und eines Holbeins eine glänzende Entwickelungsepoche erlebt.

Aber seinen höchsten Gipfel hat es aller Wahrscheinlichkeit nach weder

mit den genialen Renaissancemeistern, noch selbst mit der einsamen

Riesengestalt des geistes- und stammesverwandten Rembrandt erreicht.

Nach welcher Richtung in dem kommenden Jahrhundert die Weiterbildung

des Porträts erfolgen wird, das ist freilich nicht vorherzusagen.

Erschöpft sind seine Ausdrucksmöglichkeiten jedenfalls noch nicht,

weder nach der Seite des Malerischen, noch weniger nach der des

Charakteristischen. Sehen wir doch, um nur eins der einer Steigerung

fähigen malerischen Momente hervorzuheben, noch immer unsere ersten

Meister um Wahrheit und Kraft des Fleischtons sich abmühen, um das

heisse, blutstrotzende Leuchten des Jünglingsantlitzes, um die rosige,

im Geäder bläulich schimmernde Zartheit des Mädchenteints, um das

Durchscheinen des trägen, stockenden, schwärzlichen Venensaftes durch

die matte, verwelkte Haut des Alters. Aber noch durch keines der ewig

erneuten Experimente, durch keine Mischung der Töne auf der Palette

oder der Leinewand, oder durch das punktweise Nebeneinandersetzen

einer Unmenge reiner Farben, die erst auf der Netzhaut des Auges sich

vereinigen sollen, konnte bisher der Schein des wirklichen Fleischtons

der Natur erreicht werden. Rembrandt kommt ihm am nächsten, aber er

musste dazu seine Porträts in ein so tiefes und farbiges Dämmerlicht

tauchen, in dem wir die Lebenden nicht zu sehen gewöhnt sind.

Und im Hinblick auf das, was an Schärfe der Charakteristik der

Zukunft vielleicht noch zu erringen bleiben wird, wage ich hier das

Wort Momentphotographie auszusprechen. Gewiss »er hat kein Herz, der

Photograph, in seinem Apparat« — so schrieb Hans Thoma einst an eine

Freundin —, »der ist objektiv und seine Richtigkeit macht Niemand das

Herz warm«. Ein Maler, der mit dem Sonnenbilde rivalisieren wollte,

verdiente nicht den Namen eines Künstlers. Aber schliesslich kann man

sich doch vor der Thatsache nicht verschliessen, dass der Akt des

subjektiven Sehens sich durch das Auge vollzieht und dass dieses nichts

anderes ist als ein photographischer Apparat. Wenn man nun bedenkt, wie

scharf das photographische Augenblicksbild die individuelle Silhouette

festhält, die unbewusste Haltung des Körpers, die subtilste Gebärde,

eine in einer Reflexbewegung sich offenbarende Bewegung der Seele,

kurz die Summe aller jener unausgesetzten Ausstrahlungen des Innern

eines Menschen, die wir nicht zu beachten pflegen, die darum aber

nicht minder vorhanden sind und in ganz eminenter Weise das Wesen

einer Persönlichkeit kennzeichnen, so darf man wohl bei der nicht

zu leugnenden Evolution des unterscheidenden Sehvermögens erwarten,

dass auch das physische Auge für derartige scharf zergliedernde

Beobachtungen den Sinn und die Fähigkeit erwerben wird. Wie der grosse

Künstler dann den Menschen aus der Tiefe seines Herzens neu erschaffen

und im Ebenbilde vor unsere Blicke hinstellen wird, das ist das Rätsel,

dessen Lösung nur durch die vollendete That gegeben werden kann.

* * * * *

Alles blüht, alles vergeht. Auch die mittelaltrige Kunst musste der

Renaissance das Feld räumen. Ein Gewinn, — ein unwiederbringlicher

Verlust. Tiefsinnige Gedanken, inbrünstige Glaubenskraft, Reinheit

des sittlichen Wollens und kindliche Naivität wurden mit ihr zu Grabe

getragen. Aber auch das Phänomen der Renaissancekunst unterlag dem

Wechsel aller irdischen Dinge, gleichwie die wuchtige Kraft des

Barocks, das heitere Spiel des Rokoko und die anderen Richtungen, die

ihnen folgten. Neue Zeiten bringen neue Ideale und neue Menschen,

die sie verkörpern. Ein letztes Ziel ist der Kunst und mit ihr der

bildlichen Darstellung des Menschen nicht gesteckt, und ihre Grenzmark

wird sie nicht eher erreichen, als bis auch Schauen, Sinnen, Empfinden,

Denken und Ringen des Menschengeistes am Ende ihrer Entwicklung

angelangt sind.

Fussnoten:

1 In einem Essay über die deutsche bildende Kunst, in dem von H.

Mayer herausgegebenen Sammelwerk: das deutsche Volkstum, Leipzig

und Wien 1899, giebt Henry Thode eine höchst feinsinnige Erklärung

des »Deutschen« in der bildenden Kunst, welche, meines Wissens zum

ersten Male, nicht die äusseren Faktoren, als Natur, Klima, soziale

und politische Verhältnisse, sondern die inneren, d. h. die der

germanischen Rasse angeborene psychisch-physische Anlage in den

Vordergrund rückt. Nach Thode ist das für die künstlerische Darstellung

entscheidende Element dieser Rasseneigentümlichkeit: das Ueberwiegen

der Gefühls- und Phantasiethätigkeit über die Verstandesthätigkeit.

Völlig frei und schrankenlos aber vermögen Gefühl und Phantasie sich

nur in einer Kunst auszusprechen, in der Musik, und daher konnte nur

in ihr das eigentlichste Bedürfnis der deutschen Volksseele seine

höchste Befriedigung finden. In den bildenden Künsten, deren Prinzip

nicht die Zeit, sondern der Raum ist und deren Ausdrucksmöglichkeiten

infolge dessen beschränktere sind, musste ein Uebermass von Gefühls-

und Phantasiethätigkeit, neben so manchen nur der deutschen Kunst

eigentümlichen Vorzügen, auch zu Form, Stil und Einheit störenden

Erscheinungen führen, als da sind: ein zuviel des Stoffes, der

Bewegung, der Individualistik, der schweifenden Gedankenbilder.

Den heftigen Gefühls- und Phantasietrieb des deutschen Künstlers

erkennt Thode in allem vom deutschen Baumeister, Bildhauer oder Maler

Ersonnenen und Gebildeten, ja selbst unter der alles verklärenden, Stil

und Einheit bildenden Lichthülle des grössten Meisters, zwar nicht der

deutschen, aber der germanischen Malerei, in Rembrandts Werken weist er

sein geheimnisvolles Walten nach. — Meine oben im Text folgende Analyse

der deutschen Art war bereits geschrieben als ich die Thodes las. Dass

beide in dem Grundgedanken übereinstimmen, findet seine Erklärung

darin, dass meine Anschauungen über das Wesen der deutschen Kunst sich

seinerzeit an dem gesprochenen Wort des verehrten Lehrers gebildet

haben.

2 Seltsam, dass auch auf diesem Gange Mensch und Bildnis

sich gleichen: auch beim Kinde beginnt die Natur ihre

Differenzierungs-Arbeit beim Munde und nicht, wie wohl nur

erfahrungsarme Mütter meinen, beim Auge. Ob hier dasselbe Gesetz, das

von dem geringsten Widerstande, gilt, wage ich nicht zu behaupten.

3 Vergl. die kleine Studie über das deutsche Porträt von Karl

Lamprecht im 3. Jahrgang des Museums, S. 21, wo dieses Beispiel durch

Abbildungen erläutert wird. Uebrigens wird man bei Betrachtung dieser

kalligraphischen Figuren lebhaft an die ersten Kunstübungen des Kindes

auf der Schreibtafel gemahnt, — wiederum eine Uebereinstimmung zwischen

Mensch und Kunst.

4 Auch die französische Kunstgeschichte stellt die

Handschriften-Illustration dieser grossen Zeit an die Spitze ihrer

Entwickelung, und formell nicht mit Unrecht, denn die nationale

Scheidung zwischen Deutschen und Franzosen beginnt erst mit dem

Vertrage von Verdun. Im Grunde aber ist die karolingische Kunst,

soweit sie nicht römisch ist, eine ~deutsche~, denn auch noch nach der

entscheidenden Schlacht bei Fontenoy, 841, sogar bis ins 12. und 13.

Jahrhundert hinein, verbleiben diejenigen Klassen Frankreichs, von

denen sowohl künstlerische wie litterarische Anregungen ausgehen, der

Adel und die Geistlichkeit, germanisch, ihrer Abkunft und Gesinnung

nach.

5 Für die Behauptung, diese unter Glas und für die Betrachtung recht

ungünstig aufgestellte Reiterfigur sei kein Werk der karolingischen,

sondern der Renaissancekunst, scheint mir der Beweis noch nicht

erbracht zu sein. Vergleiche hierzu die vortreffliche Monographie

der Bildnisse Karls des Grossen von Paul Clemen, Aachen 1890 und den

Versuch einer Widerlegung in G. Wolframs Aufsatz in der Zeitschrift

für bildende Kunst, Jahrgang 1894, S. 160. — Mit Einhards Beschreibung

stimmt auch Karls Kopf auf der bei Gelegenheit der Kaiserkrönung

geschlagenen Bleibulle überein, die sich wenn ich nicht irre im Museum

von Saint-Germain-en-Laye befindet. — Aber die Tradition von dem

Aeussern des Kaisers ging bald verloren. Schon in Handschriften vom

Anfang des 10. Jahrhunderts tritt der lange Vollbart auf. Die seit

der Renaissance in Deutschland geschaffenen Idealgestalten Karls sind

sämtlich mehr oder minder von Dürers grossartigem Bildnis, jetzt im

Germanischen Museum, beeinflusst, zu dem der Historiograph Johann

Stabius seine Züge lieh. — Die bestbeglaubigte unter den gleichzeitigen

Porträtdarstellungen, das Bild Karls des Grossen über seinem Grabe

im Aachener Münster, ist wohl schon 881 von den Normannen vernichtet

worden, und das Mosaik aus dem Triklinium des Lateranes hat bei seiner

Uebertragung an die freistehende Nische der Kap. Sancta Sanctorum fast

jeden Anspruch auf Authenticität verloren.

6 Dass die Beobachtung und Wiedergabe der Gebärde der des

Physiognomischen vorausgeht, wie wir das später auch bei der Wand- und

Tafelmalerei sehen werden, findet seine psychologische Begründung in

der grösseren Empfindlichkeit der Netzhaut des Auges für Bewegungen

als für stabile Verhältnisse. Das beste Beobachtungsobjekt ist auch in

diesem Betrachte wiederum das Kind.

7 Nicht publiziert. Ich verdanke eine Photographie der Güte des Dr.

Swarzenski.

Das Bildnis bei den altdeutschen Meistern bis auf Dürer · 第 28 / 67 题