5. Das Porträt als Totendenkmal und die Reihenporträts.

Das Bildnis des Lebenden verdankt dem Kultus des Toten sein Dasein.

An der Stätte, wo seine sterblichen Reste bestattet waren, erhob sich

die Gestalt, in der er auf Erden gewandelt war, — in der Kindheit der

Kunst als Symbol, dann als Typus und schliesslich als ihr getreues

Ebenbild.

Verehrung war der Beweggrund derer, die sie errichteten, Pietät gegen

den Verstorbenen, wohl auch der naive Glaube, den Toten durch ein

solches Denkmal zu erfreuen oder, wie im alten Aegypten, der Gedanke,

seiner Seele eine Zufluchtsstätte zu schaffen, in welche sie sich

flüchten könne in der schauerlichen Dunkelheit ihrer Grabkammer.

So ward das Grab zur Wiege des Porträts.

Das ganze deutsche Mittelalter hindurch beschränkt sich die wirklich

künstlerische Darstellung menschlicher Einzelexistenz auf das bronzene

oder steinerne ~Totendenkmal~. Den schon seit dem 11. Jahrhundert ein

tüchtiges Können bekundenden Grabfiguren gegenüber, vom flachsten

Relief bis zum stärksten Hochrelief, müssen die kleinlichen Zeichnungen

aus den Schreibstuben der Klostermönche und erst recht die dekorativen

Menschensymbole an den Kirchenwänden als Handwerksarbeit erscheinen.

Aber schon frühzeitig, trotz der von der Antike geerbten Vorliebe

für plastische Formen, drängt sich in die gegossene oder gemeisselte

Porträtwelt der Gräber eine andere Darstellungsweise, die das

Malerische wenigstens von ferne streift: mit einfachen Linien wird

der Kontur und die Binnenzeichnung in die Stein- oder Metallplatte

eingeritzt.

Auch die Farbe kommt bald, wenn auch nur in seltenen Fällen und sehr

bescheiden, zu ihrem Recht: sowohl auf der Steinplatte als auch auf der

Bronzeplatte, die besonders im deutschen Norden beliebt war, wird der

vertiefte Umriss der Gestalt zuweilen mit buntem Kitt ausgefüllt.

Diese Technik mag den Versuch nahe gelegt haben, das Bild des

Verstorbenen, immer noch im Sinne des Totendenkmals, auch einmal nur

mit Farben auf eine Holztafel zu malen.

In Hamburg befinden sich im Magdalenen-Kloster und im historischen

Museum zwei derartige Idealbildnisse, welche, nach dem Kostüm zu

urteilen, in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts, zweihundert

Jahre nach dem Tode der Dargestellten, gemalt sein müssen.[82]

In überlebensgrosser Gestalt, eine ausserordentlich seltene Ausnahme,

überliefern beide das Bild Adolfs von Schauenburg, des Gründers des

Magdalenen-Klosters, der Nachwelt. Das eine Mal aufrecht stehend, in

voller Rüstung, mit prächtigem Wams darüber, im Mantel und mit reich

geschmücktem Barett, das Antlitz von einem Bart umrahmt, in der Linken

die Lanze, die Rechte auf das Schwert gestützt; das andere Mal mit der

Mönchskutte angethan, barfüssig, das Gesicht rasiert, im offenen Sarge

liegend, von Engeln umschwebt, die sich freundlich dem toten Fürsten

neigen. Der Hintergrund der ruinenhaften und schlecht übermalten Bilder

war ursprünglich rot und mit goldenen Sternen übersät.

[Illustration: ~Bildnis des Adolf von Schauenburg.~

Nach Lichtwark, das Bildnis in Hamburg.]

Aber das gemalte Totendenkmal ist eine Ausnahme geblieben. Von den

meist schlichten und handwerklichen Epitaphien und den dürftigen

Totenschildern der Armen abgesehen, hat bis auf den heutigen Tag die

Plastik ihr urzeitliches Vorrecht behauptet, den Verstorbenen zu ehren

und ihm wie seiner Grabstätte ein dauerndes Andenken zu bewahren.

Wie für das gemalte Totendenkmal die Technik der gravierten

Bronzeplatte vorbildlich gewesen sein mag, so ist für eine andere

Erscheinungsform der monumentalen Bildnisdarstellung wohl ein Vorgang

in der Buchmalerei bestimmend gewesen: für die ~Reihenporträts~,

welche eine Fürstenfolge oder die Repräsentanten einer geistlichen

oder weltlichen Gemeinschaft als farbigen Wandschmuck vorführen. Hier

tritt bereits der Lebende neben dem Abgeschiedenen auf, jedoch noch

nicht als selbständige Persönlichkeit, sondern lediglich in seiner

Eigenschaft als Mitglied eines bestimmten Standes oder Berufes, nicht

als Individuum, sondern als der Soundsovielste einer Reihe. Wir

waren derartigen Kettenbildern, aus denen sich später die Stammbäume

entwickelt haben, schon frühzeitig in den Handschriften begegnet, und

zwar als fortlaufende Medaillons mit den Brustbildern der Fürsten.

Als ein bemerkenswertes Beispiel ähnlicher Gattung hatten wir ein

Blatt in dem hortus deliciarum gefunden, wo achtundfünfzig Nonnen des

elsässischen Klosters Odilienberg in schlicht aneinander gereihten

Bildnissen dargestellt sind. (Vergl. S. 26.)

Aber die Urbilder dieser Darstellungsart reichen noch in weit ältere

Zeit zurück. In dem Codex theol. lat. fol. 18, Berlin, Kgl. Bibliothek,

etwa vom Jahre 1000 (nicht publiziert), sind in fortlaufenden Bögen

die Brüder eines Klosters kniend porträtiert, allerdings nur durch

Alter und Bart oder Bartlosigkeit voneinander unterschieden, und in

einer Handschrift vom Jahre 1075 (gleichfalls nicht publiziert), im

Dom-Kapitel von Eichstädt, stehen die Aebte des Klosters, ein jeder

unter einem besonderen Bogen, in Reihen nebeneinander.

In der grossen Malerei finden wir die Anfänge der monotonen

Porträtreihen in den Bildnissen der Hochmeister an den Saalwänden

der Marienburg. Im Jahre 1403 hatte dort Konrad von Jungingen die

Bildnisse seiner Vorgänger an die Wandflächen des Remters malen

lassen, 1407, nach dem Tode dieses Hochmeisters, wurde auch dessen

Bild den bereits vorhandenen hinzugefügt, und mit Beziehung auf den

1429 gestorbenen Heinrich von Plauen wird uns berichtet, dass »ihm

lang kein Bildniss gemacht, wie man sonsten pfleget, doch lediglich um

der Nachrede willen liess ihn Herr Märten Truchsess eins machen«. Die

Figuren waren etwa 2 m hoch, von Baldachinen gekrönt, mit Namen und

Reimsprüchen versehen und in Tempera gemalt. Reste haben sich bei den

Wiederherstellungsarbeiten der Marienburg gefunden.[83]

Häufig mögen derartige Reihenbilder im 15. Jahrhundert angefertigt

sein. Eine Folge bairischer Fürsten, die sich, gleichfalls in

Tempera, im alten Hof zu München befand und jetzt auf eine Wand des

Nationalmuseums übertragen ist, hat uns schon früher beschäftigt.

(Vergl. S. 136.)

[Illustration: ~Gruppenbild aus Hoflach bei Alling.~

Nach besonderer Aufnahme.]

In der Tafelmalerei sind solche Bildercyklen, meist in ganz roher

Ausführung, erst viel später, in der Zeit vom 16. bis in das 18.

Jahrhundert, angefertigt worden. Ausser würdigen Domstiftern

und gestrengen Bürgermeistern sind es namentlich die ehrsamen

Zunftmitglieder, die auf diese Weise ihre Vorgänger, später aber

auch sich selber ehrten, wovon die in allen historischen Museen zu

findenden geschmacklosen »Meistertafeln« erzählen. Ganz ausgestorben

ist dieses nüchterne Schema auch heute noch nicht, wie man z. B. sich

in den Ratssitzungssälen der kleinen Provinzialstädte überzeugen kann,

nur ist dort an die Stelle der Malerei die Photographie getreten,

und zwar der Billigkeit wegen meist kleinsten Formates, und der

Sammel-Bilderbogen mit spiegelndem Glas bedeckt und wohl auch von

imitiertem Holzschnitzrahmen umschlossen.

Eine weniger archaische Anordnung der Standes- oder Berufsgenossen

ist nur ausnahmsweise versucht worden. Auch hierfür sind die Vorgänge

bereits in den Illustrationscyklen der Handschriften zu finden. Das

grosse Wandgemälde in der Kirche zu Hoflach bei Alling vom Jahre 1422,

auf welchem eine kniende Schar Adliger und Nichtadliger gemeinsam

porträtiert erscheint (vergl. S. 136) und das Stadtrichterbild im

Grazer Stadthause vom Jahre 1478 (vergl. S. 138), dürfen als Beispiele

einer solchen freieren Auffassung gelten. Auf dem letzteren Bilde

ist nach Janitschek S. 303 die städtische Gerichtsbehörde amtierend

dargestellt, »in der Mitte der Stadtrichter Niklas Strobel in rotem

Mantel, den Richterstab in der Hand, rechts und links je drei Räte, die

einer Eidesleistung beiwohnen, ausserhalb der Schranken ein Jüngling,

dem Vorgang folgend, und ein Gerichtsbote, im Hintergrund endlich eine

Darstellung des jüngsten Gerichts.[84] Alle Köpfe sollen porträtartig

wirken. Häufiger wird diese Art des Kollektivbildnisses erst,

nachdem die Holländer für sie in ihren Schützen- und Regentenstücken

das unvergleichliche Muster aufgestellt hatten; zu einer höheren

künstlerischen Bedeutung hat sie es jedoch in Deutschland bis auf

unsere Tage nicht gebracht.

Das Bildnis bei den altdeutschen Meistern bis auf Dürer · 第 27 / 67 题