4. Das Rosenkranzbild und die Mater Misericordiä.

Zwischen Assistenz- und Stifterbildnis steht eine andere Gruppe von

Darstellungen, die häufig zur Anbringung von Kollektivporträts benutzt

worden ist, das Rosenkranzbild und die Mater Misericordiä.

Das erstere, seit Mitte des 15. Jahrhunderts hauptsächlich in der

Stich- und Schneidekunst ausgeführt, zeigt in der Regel die heilige

Jungfrau von einem Ring roter und weisser Rosen umgeben, ein Sinnbild

der Freuden und Leiden Mariä, welcher Repräsentanten aller Stände

den Rosenkranz überreichen, ein Gedanke, der mit der Stiftung der

Rosenkranz-Bruderschaften in Verbindung steht.

[Illustration: ~Rosenkranzbild.~ Basel, Museum.

Nach besonderer Aufnahme.]

Ein frühes deutsches Tafelbild dieser Art, vom Jahre 1457, besitzt das

Museum von ~Basel~, No. 74. Im innersten Kreis ist die Krönung der

Maria durch die Dreieinigkeit dargestellt, Vater, Sohn und heiliger

Geist in menschlicher Gestalt, ihn umgeben zwei Ringe, der eine mit

Engelsgestalten ausgefüllt, in dem äusseren Vertreter der verschiedenen

geistlichen und weltlichen Stände in recht guten Bildnissen, von denen

die Mehrzahl der männlichen Porträts sein mögen. In den Ecken der Tafel

befinden sich die vier Evangelistensymbole.

Die ~Mater Misericordiä~, auch Maria Schutz oder Schutzmantelbild

genannt, zeigt die Madonna, wie sie ihren weiten, oft von Engeln oder

Heiligen gehaltenen Mantel über die ihrer Obhut sich Anvertrauenden

ausbreitet. Der schöne Gedanke, der einer solchen Auffassung der

Königin des Himmels zum Grunde liegt, ist der nämliche, der in dem

Gebete seinen Ausdruck findet: sub tuum praesidium confugimus oder

in den Worten des italienischen Volksliedes Sotto il tuo bel manto,

amabile Signora, viver io voglio e ancora voglio morir un dì. Das

Schutzmantelbild war also ursprünglich eine ~mystische~ Darstellung. In

dieser Annahme, die auch dem Geiste des Mittelalters entsprechen würde,

bin ich durch ein niederländisches Bild vom Ende des 15. Jahrhunderts

im Musée Condé, Chantilly, No. 111, bestärkt worden, welches ~neben~

der Gruppe der Schützlinge — einem typischen Papst, Kaiser, König,

Bischof und anderen Würdenträgern — und ~ausserhalb~ des heiligen

Mantelschirmes einen knienden Stifter und eine Stifterin zeigt. Wäre

der Maria Schutz als eine individuelle Porträt-Darstellung betrachtet

worden, so sehe ich nicht ein, warum die Donatoren sich abseits

derselben aufgestellt hätten. Ich vermag daher den sinnigen Vorgang

nicht anders zu erklären als ein Symbol, unter welchem sich die ganze

Menschheit in ihren wichtigsten Repräsentanten dem göttlichen Schutze

empfiehlt.[77]

Als etwas Neues mag dann später das Porträtelement hinzugetreten sein.

Die Gelegenheit, sich selbst und seine geistlichen und weltlichen

Oberherren an so bevorzugter Stelle zu sehen, war doch zu verlockend,

als dass man sie hätte unbenutzt vorübergehen lassen, und so erscheinen

denn bald hin und wieder ganz bestimmte Persönlichkeiten an Stelle der

typischen Standesvertreter unter dem himmlischen Gnadenmantel. Eine

noch spätere Erweiterung des ursprünglich so schlichten Gedankens ist

in den nach dem Mantel der seligsten Jungfrau gerichteten Pfeilen zu

sehen, die wohl das furchtbare Gespenst der Pest versinnbildlichen

sollen.

Wo und wann in der bildenden Kunst die erste Idee zu einer Darstellung

der Mater Misericordiä entstanden ist, vermag ich mit Bestimmtheit

nicht zu sagen. Das frühste der mir bekannten Mantelbilder zeigt eine

Skulptur vom Ende des 13. Jahrhunderts, die sich in einer Fiale des

nordwestlichen Strebepfeilers des ~Freiburger Domes~ befindet. Auf

eine Wandfläche scheint das erste Bild dieser Gattung etwa um 1344 in

der Schlosskirche der ~Marienburg~ gemalt worden zu sein, und für die

Tafelmalerei dürfte als das älteste Beispiel ein bezeichnetes Werk des

Lippo Memmi genannt werden, also aus der Mitte des 14. Jahrhunderts,

die Madonna de’ Raccomandati in der Kapella del Corporale des Domes von

~Orvieto~.[78]

Auf deutschem Boden befand sich, ausser in der Marienburg, ein frühes

Gnadenmantelbild, etwa aus den Jahren 1430 bis 1450, bis vor kurzem

an einer Wand der Kirche von ~Feldmoching~ bei München.[79] Das

nächstfolgende ist wahrscheinlich ein Freskogemälde der Kilianskirche

zu Mundelsheim, württemb. Oberamt Marsbach, von 1455. (»Eine

schwäbische Arena-Kapelle, deren Giotto mir leider unbekannt ist,«

schrieb mir Prof. Gradmann.) Maria steht hier vor dem Gottessohn und

zeigt ihm die Brust, die ihn genährt hat, während unter ihrem von

Engeln ausgebreitet gehaltenen Mantel Papst, Kaiser, geistliche und

weltliche Herren und Frauen sich schutzflehend drängen.[80] Aus nur

wenig späterer Zeit ein Mantelbild an einer Wand in ~St. Jodok~,

Niederbaiern.

Tafelbilder mit dieser Auffassung der Maria treten in Deutschland

etwa um die Mitte des 15. Jahrhunderts auf, und hier ist schon bei

den frühsten das Streben nach porträtartiger Bildung der Schützlinge

ersichtlich.

Die herrliche Gnadenmutter von ~Heilsbronn~, nach Thode voraussichtlich

zwischen 1435 und 1463 geschaffen, ist bereits früher erwähnt worden.

(Abbildung S. 155.)

Etwa in den siebziger Jahren mag eine Mater Misericordiä im

~Stuttgarter Altertumsmuseum~ entstanden sein. Sie ist auf ein

und derselben Tafel mit einem inhaltlich sehr merkwürdigen Bilde

dargestellt: Christus überreicht, in Gegenwart von Maria, Gott Vater

den geleerten Kelch(?). Die Herkunft des Gemäldes ist unbekannt, doch

glaube ich in ihm den Einfluss Dirk Bouts’ oder eines niederrheinischen

Vermittlers seiner Kunst etwa von der Art des Meisters des Marienlebens

zu erkennen.

In ~Schleissheim~ befinden sich unter No. 84 und 166 zwei

Schutzmantelbilder. Das erstere, »Oberdeutsch um 1480«, soll aus Passau

oder Oberaltaich stammen: von der geistlichen und weltlichen Gemeinde,

die sich dort unter den Mantel geflüchtet hat, machen einige der in

verkleinertem Massstabe gebildeten Figuren vielleicht den Anspruch auf

Porträtähnlichkeit. Auf dem zweiten, »Schule von Nürnberg um 1500«,

vermag ich dagegen unter den kleinen geistlichen und weltlichen Herren

nichts anderes als frei erfundene Gattungsrepräsentanten zu erkennen.

[Illustration: ~Mater Misericordiä.~

Skulptur am Freiburger Dom.

Nach Eichhorn, Skulpturencyklus u. s. w.]

Von besonderem künstlerischen und ikonographischen Interesse ist eine

Mater Misericordiä von dem (jüngeren) Meister von S. Severin in der

~Andreaskirche~ zu Köln.[81] Sie ist, laut Inschrift, zur Erinnerung

an die 1474 gegründete, bez. damals wieder aufs neue eingeführte

Rosenkranz-Bruderschaft gemalt worden, daher die Darstellung auch

zuweilen als Rosenkranzbild bezeichnet wird. Die Ausführung der

dreiteiligen, beschädigten und mehrfach übermalten Tafel scheint ein

Jahrzehnt später erfolgt zu sein. Im Mittelbild steht die Madonna

mit dem Christkind im Arm, ihr Hermelinmantel reicht über die Flügel

hinweg und wird dort auf der einen Seite von dem h. Dominikus, auf

der anderen von dem h. Märtyrer Petrus von Mailand gehalten. Dicht

an die Gottesmutter geschmiegt knien geistliche und weltliche Herren

und eine Frau, unter denen, obgleich sie ganz typisch gebildet sind,

einer alten Ueberlieferung zufolge Papst Sixtus IV., Kaiser Friedrich

III. — im graumelierten Bart, wie im Weisskunig —, seine bereits 1467

verstorbene Gattin Leonore, Prinzessin von Portugal und sein Sohn

Maximilian dargestellt sein sollen. Auf den Flügeln, also auch noch

vom Mantel beschirmt, links ein Häuflein Bürgersleute und rechts eine

Gruppe glattrasierter Kleriker, nur ein Mann im Vollbart mitten unter

ihnen. Bei allen diesen, wohl den Mitgliedern der Bruderschaft, ist

das Porträtartige jedenfalls deutlicher ausgeprägt als bei den hohen

Schutzbefohlenen des Mittelbildes.

Ein Schutzmantelbild in der um 1480 von Georg dem Reichen auf der

Burg von ~Burghausen~ erbauten Kapelle. Laut Inschrift 1620 und 1720

erneuert. Die Dargestellten haben bei der Restauration Perücken

erhalten. Was alt an dem Bilde sein mag, ist nicht mehr zu sagen.

Der Darstellung mit authentischen Porträts auf der Rückseite des

~Schwanenaltars in Ansbach~ von 1484 ist bereits gedacht worden.

(Abbildung S. 171.)

Schutzmantelbild in der ~Frauenkirche von München~. Soweit die

schlechte Beleuchtung ein Urteil gestattet, von etwa 1500.

Aus derselben Zeit eine dreiteilige Tafel in ~Köln~, No. 61. Auf

dem Mittelbild unter dem von Engeln gehaltenen Mantel Bürger und

Bürgerfrauen, keine Würdenträger, porträtartig gehalten. Links Maria

Aegyptiaca mit einem knienden Stifter, rechts Christus und Magdalena.

In der gotischen Kirche des ~bairischen National-Museums~ ein mit 1504

bezeichnetes Maria Schutz-Bild. Unter dem Mantel nur zwei auf die Knie

gesunkene lebensgrosse und entschieden als Porträts gemeinte Figuren:

ein Ritter im Plattenharnisch und eine Frau in schwarzem, mit goldener

Borte besetztem Kleide, hoher runder Haube und Kinnband; Wappenschilder.

Eine Mater Misericordiä auf einem Altar in ~Heilsbronn~. Nicht vor

1511, vielleicht vom Meister des Schwabacher Altars. (Thode, S. 225.)

Ueber der Gemeinde, links oben in den Wolken, schwingt Gott Vater das

Schwert gegen die sündige Welt (Andeutung der Pest?), Christus, als

Schmerzens~mann~, fängt den Hieb auf.

Das Bildnis bei den altdeutschen Meistern bis auf Dürer · 第 26 / 67 题