3. Das Stifterbildnis.

So gering die Zahl der als Porträts gemeinten Zuschauer oder

Handelnden auf den bildlichen Darstellungen des 15. Jahrhunderts

ist, so unermesslich ist auf Votivgemälden, Kirchen- und Hausaltären

die Gesamtsumme der ~Stifterfiguren~. In allen Grössen, in allen

Lebensaltern, in jeder Art stümperhafter, selten künstlerischer

Ausführung, treten sie uns dort entgegen: Insekten vergleichbar an

Wuchs, als Däumlinge, Zwerge, in halber bis zur vollen Menschengestalt,

Kinder, Jünglinge und Jungfräulein, Männer und Frauen, Greise und

Matronen, vom kaum lesbaren kakographischen Schnörkel oder Stenogramm

einer menschlichen Figur bis zum mehr oder minder lebensgleichen

Konterfei.

Warum gerade in dieser Bildniswelt ein solcher und zum grössten Teile

minderwertiger Ueberfluss?

Dieselben geistigen, sozialen und wirtschaftlichen Zustände, die

das Aufkommen des grossen Assistenzbildes und erst recht eine

Porträtdarstellung der Mithandelnden erschwerten, erklären Zahl und Art

der Stifterscharen. Ein bescheiden in die Ecke gedrücktes Männchen in

kümmerlicher Kutte oder Schaube, war der geistigen Bedeutung und dem

gesellschaftlichen Range des Bestellers angemessener, als ein Heiliger,

ein Apostel, ein römischer Präfekt oder ein König im Hermelin und

Krone. Dabei war es auch erheblich wohlfeiler, denn da man in Bezug auf

Porträtähnlichkeit, wenn überhaupt, so doch nur die allergeringsten

Ansprüche machte, durfte der Maler für dieses unansehnliche

Gnadenempfängerfigürchen gewiss keine Mehrforderungen stellen.

Die Geschichte des Stifterbildnisses ist noch zu schreiben. Zwar

wird sie, wenigstens was das 15. Jahrhundert betrifft, keine kunst-

oder kulturgeschichtlichen Enthüllungen bringen,[74] auch unsere

biographischen Kenntnisse wird sie wenig bereichern, dagegen müsste

für das mittelaltrige kirchliche Leben und für die Wandlungen des

religiösen Gefühls in den hundert Jahren vor der Reformation eine

solche Einzeluntersuchung gewiss von Interesse sein, insbesondere

könnte sie uns über das Verhältnis des Menschen zur Gottheit, wie es

in den verschiedenen Landschaften und Gesellschaftsklassen war und wie

es wechselte, manche lichtbringende Aufklärung verschaffen.

In dieser skizzierenden Uebersicht können nur einige allgemeine, im

Vorübergehen gesammelte Beobachtungen über die seltsame Erscheinung des

Stifterbildnisses Platz finden.

Wo in dem ältesten Kunstschaffen, in Assyrien und Aegypten, der

Sterbliche vor dem Unsterblichen erscheint, ist er fast ausnahmslos

von derselben Leibesgrösse gebildet wie dieser. Könige, Priester

und hohe Würdenträger verkehren mit Göttern und Dämonen in

ebenwüchsiger Gestalt. In griechisch-archaischer Kunst ist das

gleiche Körperverhältnis das vorherrschende, eine puppenhafte

Bildung des Erdgeborenen die Ausnahme. Von demselben Wuchse wie die

Gottheit ist auch der Mensch der freien griechischen Kunst: in voller

Lebensgestaltung schreitet der panathenäische Festzug des Parthenon vor

das Angesicht der olympischen Götter. Erst auf den Votivreliefs des 4.

Jahrhunderts erscheint öfters, aber durchaus nicht immer, der Adorant

in verkleinertem Massstabe.

Die Kunst der christlichen Völker machte die Ausnahme zur Regel.

Sie wollte die Schwäche und Nichtigkeit des Menschen demutsvoll

zum Ausdruck bringen, wenn er dem Erlöser, der Himmelskönigin oder

einem Heiligen gegenübertrat und darum verkümmerte sie die Gestalt

seines Leibes. Für die deutsche Malerei — und auch für die Plastik

—, wo die Stifterbildnisse häufiger sind als in irgend einer anderen

abendländischen Kunst, die germanisch-welsche des italienischen Nordens

nicht ausgenommen, gilt dieser Grundsatz bis an die Ausgangspforten des

Mittelalters, ja noch darüber hinaus.[75] Wo Abweichungen vorkommen,

und wir haben sie bereits in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts in

Böhmen und dann wieder in den dreissiger Jahren des 15. Jahrhunderts

in der Bodenseegegend, vereinzelt auch in Franken gefunden, darf

vielleicht auf eine besondere religiöse Gefühlsströmung geschlossen

werden, etwa auf einen Vorklang der reformatorischen Bewegung der neuen

Zeit, selbst dann, wenn man annimmt, dass der ~äussere~ Anlass zu

dieser Formenwandlung durch fremdes Kunstbeispiel gegeben wurde.[76]

In Italien verschwinden die zwerghaften Adoranten früher von den

Altarbildern als in Deutschland. Aber dennoch darf man nicht annehmen,

dass nicht auch hier das Stilwidrige einer Komposition mit Figuren

verschiedenen Massstabes empfunden worden sei. Hatte man doch schon

im 14. Jahrhundert, und sicherlich von einem verfeinerten Gefühl für

Einheit der Anordnung geleitet, mit dem alten Brauche gebrochen,

einzelne nebensächliche Personen, zu denen seltsamerweise auch der

Nährvater Josef gezählt wurde, besonders aber solche, die man als

Missethäter kennzeichnen wollte, wie die Kriegsknechte, die um Christi

Rock das Los werfen, die Zöllner u. a., kleiner als die übrigen

darzustellen. (Das späteste Beispiel einer solchen Disharmonie auf

einem Tafelbild bietet meines Wissens der Altar aus der Kirche zu

Ortenberg in Oberhessen, jetzt in Darmstadt, No. 167, wohl gegen die

Mitte des 15. Jahrhunderts entstanden, wo auf dem rechten Seitenbilde

mit der Anbetung der Könige — Klass. Bilderschatz 631 — ganz vorn der

in kleinerem Massstab gehaltene Josef, das Süpplein bereitend, kauert.)

Auch spricht gegen einen solchen Mangel an Stilgefühl der Umstand,

dass selbst noch Dürer die Stifterpuppen angewendet hat, z. B. auf der

Beweinung Christi und auf dem Mittelbild des paumgärtnerschen Altars,

beide in München. Sie sind später von Fischer übermalt worden, aber

ihre Umrisse sind noch unter der deckenden Farbe zu erkennen. — Dass

etwa die Kirche einen Zwang nach dieser Richtung ausgeübt hätte — man

könnte sich dabei wohl des Gedankengangs erinnern, den Goethe den

Frauen imputiert: »Sie denken, duckt er da, folgt er uns eben auch«,

— das ist nicht wahrscheinlich, denn gerade in der »Pfaffengasse«

Köln sind die lebensgrossen Stifter frühzeitiger allgemein üblich

als in Nürnberg, wo die Geistlichkeit den Bürgern gegenüber eine

untergeordnete Rolle spielte.

Es bleibt somit keine andere Erklärung für das zähe Festhalten an den

allmählich typisch gewordenen Pygmäenfiguren, als dass der Einzelne,

da wo es sich um seine eigene Person handelte, aus Sorge für sein

Seelenheil vor der Verantwortung die geheiligte Sitte zu durchbrechen,

ängstlich zurückgeschreckt sein mag.

Jedoch auch wo später der Stifter in lebensgrosser Gestalt auftritt,

unterscheidet sich die deutsche, wie überhaupt die abendländische

Auffassung, von der antiken. Der Grieche verkehrte allein und

unmittelbar mit seinem Gott und verschmähte den Beistand seines Heros,

wie auch der Römer den seines Lars, der katholische Christ, beherrscht

von der Furcht vor dem rächenden und strafenden Gotte, bedurfte des

Vermittlers, und so wendet er sich mit seinem Gebet an den Sohn oder

an die Madonna, ja auch diesen Mittelspersonen lässt er sich gern

unter dem besonderen Schutz seines Patrons zuführen, wie das auf dem

»Empfehlungsbilde« zum Ausdruck kommt.

Für das Alter des Stifterbildnisses in deutscher Tafelmalerei

vermag ich keine entscheidenden Zeugnisse herbeizubringen. In der

Wandmalerei erscheint es bereits um die Mitte des 12. Jahrhunderts auf

den ~Gemälden von Schwarzrheindorf~. Die ältesten der mir bekannten

Altarbilder, die aus Soest in Westfalen stammen, sich jetzt im Berliner

Museum befinden und aus dem Anfange, bezw. der zweiten Hälfte des 13.

Jahrhunderts herrühren, enthalten keine Stifter, doch mag hier das

Fehlen derselben einem Zufall oder einer örtlich begrenzten Sitte

zuzuschreiben sein. Dagegen ist auf einer ~Gedenktafel der Barbara

Polani~ in der S. Barbara-Kirche zu ~Breslau~ mit der erneuten, aber

wohl echten Jahresangabe 1309, eine Stifterin in Begleitung ihrer

zwei Töchter zu sehen. (Abgebildet in Försters Denkmale 6. Band

1860.) Sie wendet sich im Gebet an den mit Blut und Wunden bedeckten

Schmerzensmann: Erbarme dich mein, heiliger Gott, lautet die im 17.

Jahrhundert erneuerte Inschrift des Spruchbandes. Hinter ihr steht

ihr Schutzpatron, der Evangelist Johannes. Ueber das beabsichtigte

Grössenverhältnis der Figuren zueinander lässt sich nicht urteilen, da

nicht einmal mit Bestimmtheit zu erkennen ist, ob die Stifterin Barbara

stehend oder kniend gedacht ist.

Nicht an den verlassenen, hilflosen Jesus von Nazareth, sondern an

die gnadenreiche und mächtige Himmelskönigin wendet sich auf einem

~Epitaphium~ von 1365 in der Kirche von ~Heilsbronn~ der Stifter,

Bischof Berthold von Eichstädt, und auf einer anderen Tafel in

derselben Kirche von 1370 ruft sie ein unbekannter kniender Donator

Hilfe flehend an: Te rogo virgo pia nunc me defende Maria. Beide

Stifter sind in kleinerem Massstab als die Madonna gebildet.

Von nun an wird die Zahl der Stifterbildnisse Legion, und daher ist bei

ihrer Besprechung wohl ein summarisches Verfahren gerechtfertigt.

Auf die Schwankungen des Massstabes ist schon hingewiesen worden. Wo

sie in derselben Grösse wie die übrigen Personen gebildet sind und

in der Handlung des Gemäldes keinen auffällig abgesonderten Platz

erhalten haben, nähert sich die Darstellung dem früher besprochenen

Assistenzbild (z. B. wenn der Donator die Handwunde Christi küsst,

Meister des Marienlebens, Altar de Monte, Köln); sie ist erreicht,

wenn sie selbst den wesentlichen Inhalt des Bildes ausmachen. (In dem

berühmten Darmstädter Bilde des Bürgermeisters Meyer, wo eine ganze

Familie sich unter den unmittelbaren Schutz der Madonna stellt.)

In der Regel erscheint der Stifter kniend und betend, den Rosenkranz

mit den Fingern abzählend, ohne Pathos in Gebärde oder Ausdruck, mit

dem Kleide seines Standes angethan, der Ritter in seiner Rüstung,

die Frau in der Kirchentracht. Brustbilder, die von unten her aus

dem Rahmen emportauchen, sind seltene Ausnahmen. (Herlin, Sammlung

Marcuard, Florenz.) Zuweilen werden ihm bandartige, flatternde Streifen

mit einer kurzen Gebetformel oder einem frommen Spruch beigegeben,

die oft, besonders in der Frühzeit, geschickt als Ornament verwertet

werden, ferner auch das Familienwappen. Namensbeischriften sind sehr

selten. (Der Name »Apt Friedrich von Hirzlach« über dem Stifter des

Schmerzensmannes in Heilsbronn aus der Mitte des 14. Jahrhundert ist

ein solches Rarissimum.) Auch eine Angabe des Lebensalters in kleinen

Ziffern habe ich vor Bernhard Strigels trefflichen Stifterbildnissen

in München von 1517, Klass. Bilderschatz 1509, nicht gefunden. Ein

Kreuz, bei Kindern wohl auch ein Blütenkranz um das Haupt gelegt,

bedeutet, dass der Betreffende inzwischen verstorben ist. Wo Männer

und Frauen gleichzeitig erscheinen, werden sie geschlechterweise

geschieden, die Männer links, die Frauen rechts. Solche Gruppen sind

bei kinderreichen Familien, an denen es nicht gemangelt hat, recht

vielköpfig, bis zu zwanzig und mehr Figuren, die dann oft in ihrer

dichtgedrängten Anordnung an die Adoranten-Züge der spätgriechischen

Weihreliefs erinnern. Dass sie Opfergaben darbringen, etwa zum Dank für

eine wunderbare Genesung oder Rettung aus Gefahr, ist mir nur einmal

begegnet. (Zeitblom, Sammlung Sepp, München.) Auch die Ueberreichung

des Modells eines gestifteten Gotteshauses durch eine profane Person

ist selten (auf einem 1341 bezeichneten Kruzifixus im bairischen

Nationalmuseum, Zimmer No. 13, hält eine Frau das Modell einer Kirche),

häufiger erscheint ein derartiges Symbol in der Hand eines Heiligen.

In ihrer überwiegenden Mehrzahl treten die Stifter auf dem

Hauptbilde des Altares auf, und ihre Beziehung zu dem gedanklichen

Inhalte desselben ist mehr oder minder erkennbar, — je loser sie

ist und je mehr sie durch Wuchs und Kleidung sich von den übrigen

Figuren unterscheiden, desto störender ist ihre Anwesenheit für den

harmonischen Eindruck des Bildes. Feinfühlende Künstler haben sich

bemüht, diesen Misston dadurch zu beseitigen, dass sie den Stifter

einigermassen in Grösse, Tracht und Farbengebung mit dem Bilde

zusammenzustimmen suchten. (Ein schüchterner Anfang schon bei dem

Meister des Marienlebens, Berlin, No. 1235.) Aber dieser Weg wurde

nur selten beschritten, er verstiess, wie schon gesagt, gegen die

nun einmal herkömmliche Darstellungsweise und den demütigen Sinn der

Auftraggeber. Ein anderes Mittel, das aber nicht gerade ästhetisch

glücklich zu nennen ist, bestand darin, das notwendige Stifterübel

unter dem Mittelbilde anzubringen, von diesem durch ein ornamentiertes

Band oder eine einfache Leiste geschieden. (Imhof-Madonna in S.

Lorenz, sog. Wolgemut-Bilder in der Bamberger Sammlung, No. 21–23.

Aber auch noch, zwar in zierlicher Puppengestalt, doch nicht ganz so

schematisch, sondern freier angeordnet, auf Baldungs Pietà in London,

No. 1427.) Der beste Ausweg war, die Donatoren, wollte man sie nicht

als integrierenden Teil der Handlung darstellen, überhaupt von dem

Mittelbilde weg auf die Predella oder die Flügel zu verbannen. Das ist

denn auch allmählich mehr und mehr geschehen und auf den letzteren

haben sie, anfänglich noch kniend und von ihren Schutzpatronen

geleitet, schliesslich ihre vollendetste Ausbildung zu völlig

entwickelten, aufrecht und allein stehenden Einzelgestalten erhalten.

(Frühstes Beispiel Herzog Wolf von Schwaben und seine Gemahlin auf den

Seitenbildern einer Legendendarstellung von 1489. Stuttgart 518 bis

520.)

Der künstlerische Wert der deutschen Stifterbildniswelt ist im Grossen

und Ganzen gleich Null. Selbst die besseren Meister haben, ganz im

Gegensatz zu italienischem und niederländischem Kunstgebrauch, die

Donatoren auffällig flüchtiger behandelt als die übrigen Personen

der Darstellung. Nicht einmal eine rein dekorative Wirkung, zu der

besonders die kleinen Puppengestalten recht wohl geeignet waren, ist

beabsichtigt, zum mindesten nicht erreicht worden. Und das ist um so

befremdlicher, als man gerade in Deutschland das Flächenornament (in

der Buchmalerei) mit so unvergleichlicher Meisterschaft herausgebildet

hatte. Meister Stephans Seminarmadonna bestätigt als Ausnahme die Regel

(vergl. S. 70). Auch auf Porträtähnlichkeit scheint es selbst da, wo

ein grösserer Massstab angewendet worden ist, kaum abgesehen zu sein,

und vollends bei jenen Figuren, die in Eichhörnchen-Grösse und -Gebärde

den Vordergrund erfüllen, gewinnt man die Ueberzeugung, dass der Maler

die Originale überhaupt niemals zu sehen bekommen hat: es wird ihm

gesagt worden sein, wie viel Männlein und Weiblein anzubringen sind und

dann hat er sie schlecht und recht als abbreviatorische Menschenbilder

hingepinselt, höchstens durch Tracht und Lebensalter ein wenig

voneinander unterschieden.

Gering wie das künstlerische ist auch das ikonographische Ergebnis.

Nach den grossen Männern, die dem 15. Jahrhundert sein eigenartiges

Gepräge geben, wird man vergeblich sich umschauen, nach den Vorläufern

der Reformation und ihren Bekämpfern, nach den kühnen Bahnbrechern

auf allen Gebieten, den Entdeckern und Erfindern und nach so manchem

der willens- und thatkräftigen deutschen Landesherren. Kaiser

Friedrich III. und Maximilian, einige unbedeutende Reichsfürsten und

eine Handvoll mehr oder minder hervorragender Bischöfe, Gelehrte

und Patrizier, mit ihnen müssen wir uns als Repräsentanten einer an

markanten Persönlichkeiten so reichen Zeit begnügen. Von der grossen

Menge der Stifter wissen wir nichts, selbst wenn uns hin und wieder ein

Name bekannt ist, und schliesslich sind die in ihrer Mehrheit dürftigen

und charakterlosen Köpfe auch nicht darnach angethan, die Neugierde

nach ihren Lebensumständen zu erwecken, — kein Gedanke noch weniger ein

zur Lösung herausforderndes Rätsel ist auf diesen Gesichtern zu lesen,

die, um mit Hermann Grimm zu sprechen, wie Wasser durchs Gedächtnis

laufen.

Das Bildnis bei den altdeutschen Meistern bis auf Dürer · 第 25 / 67 题