2. Das Porträt im Rahmen des Altarbildes.

Nachdem die Maler einmal begonnen hatten, mit der überlieferten

typischen oder konventionellen Darstellung des Menschen bezw. des

Heiligen zu brechen und ihn mit Zügen aus dem wirklichen Leben

zu begaben, lag der Versuch sehr nahe, auch eine ganz ~bestimmte

Persönlichkeit~ auf dem Altarbilde erscheinen zu lassen, so wie sie

leibt und lebt, mit ihren individuellen Eigenarten und mit all den

Zufälligkeiten ihrer äusseren Gestalt: ein folgerechter und ruhiger

Schritt in der Entwickelung der Bildnismalerei, der uns heute

natürlich und selbstverständlich erscheint und der doch den Menschen

des 15. Jahrhunderts als ein ganz unerhörter Wagesprung in Erstaunen,

manchen wohl auch geradezu in Erschrecken versetzt haben muss. Welch

ein seltsames Gefühl mag der Meister gehabt haben, dem ein solches

Porträtexperiment einigermassen gelungen war, und wie mag der Beschauer

überrascht gewesen sein, als er sich selbst oder einen seiner Freunde

auf den ersten Blick im Bilde wiederkannte.

Auf welcher Tafel sind die Anfänge dieser neuen Kunstgattung zu finden?

Auf Meister Stephans Dombild oder auf seinem Weltgericht? oder erst im

Werke des älteren Holbein? Der subjektive Eindruck kann hier allein

entscheiden; mit dem Anspruch auf allgemeine Giltigkeit kann man nicht

mehr sagen, als dass in der ~zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts~

der Anfangstermin für die Aufnahme individueller Existenzen auf den

Altarbildern gelegen ist, — der Endtermin dieser besonderen Art den

Menschen in heiliger Umgebung darzustellen, für die Burckhardt das

Wort »Assistenzbild« gebraucht und dessen auch ich mich bedient habe,

ist, wie noch besprochen werden soll, schon etwa hundert Jahre später

anzusetzen. —

Die Summe der porträtartigen Bildniswelt auf altdeutschen Gemälden ist,

wie aus den vorhergehenden Abschnitten zu ersehen, eine sehr geringe,

verglichen mit der Porträtdurchsättigung der Werke des italienischen

Quattrocento eine kaum nennenswerte.

[Illustration: ~Lochners Weltgericht.~ Mittelbild. Köln, Museum.

Nach Photographie.]

Die Ursachen dieser Erscheinung sind zum grössten Teile bereits bei

der Schilderung der Bilderbesteller berührt worden, es sind, um es

noch einmal kurz zusammenzufassen und zu ergänzen, die folgenden: Die

Zeit der grossen Männer, deren Bildnisse für die ~Allgemeinheit~ ein

Interesse gehabt hätten, war für das Deutschland des 15. Jahrhunderts

noch nicht gekommen. Aus seinem kreissenden Kultur- und Geistesschosse

entwickelte sich wohl eine Fülle eigenartiger Persönlichkeiten, die

mit unverbrauchter Kraft und jugendlicher Schaffenslust sich in allen

Zweigen der Kunst, Wissenschaft und gewerblicher Thätigkeit erprobten,

aber es fehlte ihrem Wirken der Wiederhall aus den breiten Massen des

Volkes und somit auch die Resonanz aus den Werkstätten der Maler. Fürst

und Adel, aus deren Schichten sich einzelne kraftvolle Individualitäten

durch geschickte Benutzung der politischen Verhältnisse gewaltsam über

die Menge emporgehoben hatten, mussten alle Kräfte anspannen, ihren

Besitz zu behaupten und konnten nicht daran denken, die Kunst in ihre

Dienste zu stellen, überdies ermangelten sie der für bedeutendere

Aufträge notwendigen Mittel. Geld, die Vorbedingung aller verfeinerten

Kunst, war nur bei der Geistlichkeit, einigen Korporationen und

allenfalls bei der Grosskaufmannschaft zu finden, aber selbst die

»Spitzen« dieser Gesellschaftsklassen haben es nur ausnahmsweise über

eine lokale Berühmtheit gebracht.

Zum anderen, ein Umstand, der immer wieder betont werden muss, wo

es sich um einen Vergleich zwischen deutschem und italienischem

Kunstschaffen handelt, fehlte diesseits der Alpen das grosse, für die

unbeschränkteste Oeffentlichkeit bestimmte Fresko, das ein Sammelort

zeitgenössischer Porträts hätte werden können. Während in Italien

an allen Kirchen- und Palastwänden und Gewölben in religiöser,

historischer oder allegorischer Malerei sich eine Elite von geistiger,

persönlicher oder sozialer Bedeutung ausbreiten konnte, mussten

die deutschen Kanonici, Zunftmeister und Handelsherren sich mit

einem bescheidenen Plätzchen zwischen den Heiligen des beschränkten

Tafelbildes begnügen.

Zum dritten gab es in Deutschland noch keine Kunst um ihrer selbst

willen, und das allgemeine Niveau der Malerei war ein tieferes als in

Italien. Für die historische Betrachtung kommt zu diesen dreien, dem

deutschen Assistenzbild ungünstigen Verhältnissen, noch erschwerend

hinzu, dass eine Identifizierung der wenigen überhaupt dargestellten

Persönlichkeiten infolge der Dürftigkeit der Ueberlieferungen heute nur

in den seltensten Fällen möglich ist. —

Der Darstellungskreis, in welchem das Porträt als Assistenzbild

erscheint, ist in Deutschland ein engbegrenzter, er umfasst nur die

kirchliche und die häusliche Altartafel. Volkssage, Historie und

Allegorie treten, von den seltensten Ausnahmen abgesehen, erst später

in das Arbeitsfeld des Künstlers ein, und für mythologische und

novellistische Bilderzählungen, wie sie uns schon frühzeitig auf den

italienischen Truhen, den cassoni forzieri, begegnen, hat erst die

Renaissance den Sinn geweckt.

Verhältnismässig am häufigsten erscheinen Porträts oder porträtartige

Bildnisse auf den figurenreichen Darstellungen der Anbetung der Könige,

und zwar ist es dort häufig der kniende und älteste der Könige, Kaspar,

dem die Züge einer bestimmten Persönlichkeit gegeben werden, zuweilen

auch einzelnen des königlichen Gefolges, seltener dem zweitältesten

der Fürsten, dem Balthasar, — dem dritten, dem Melchior, wenn er als

Mohrenkönig gebildet ist, wohl niemals. Bei der Geburt Christi oder

Marias Anbetung des Kindes ist häufig ein zuschauendes Hirtenpaar

porträtartig gegeben, auf den Kreuzigungsbildern einzelne, nicht direkt

an der Handlung beteiligte, den Raum füllende Personen, auch wohl Josef

von Arimathia auf Kreuzesabnahme und Grablegung; Simon von Kyrene soll

auf einem in Augsburger Privatbesitz befindlichen, das Wappen der

Ravenpurger tragenden Bilde des älteren Holbein die Züge des Stifters

zeigen. Auch auf den Passionen ist oft die Gelegenheit benutzt worden,

unter den Zuschauern ein Porträt anzubringen, gewiss auch auf den

Weltgerichtsbildern, so ohne Zweifel auf einem Bruchstück, »Art des

Meisters von Grossgmain (um 1500)« Schleissheim Nr. 93, nur sind leider

gerade bei diesen Darstellungen die Persönlichkeiten der Seligen oder

der Verdammten nicht mehr zu ermitteln.

Anwesende Frauen behalten fast immer die allgemeinen Gesichtstypen bei.

Geflissentlich scheint man bei ihnen alles unterdrückt zu haben, was an

profane Lebensbeziehungen erinnert. Und doch macht man zuweilen just

bei der Frau eine Ausnahme, wo man es aus nahe liegenden Gründen am

wenigsten erwarten sollte, bei Maria Magdalena. Vor mancher Darstellung

des Kalvarienberges, wo die schöne Sünderin kniend, meist prächtig

gewandet, den Kreuzesstamm umschlungen hält, habe ich das Gefühl,

als ob ein wirkliches Porträt beabsichtigt sei.[69] Ob man in einem

solchen Fall auf eine reumütige Büsserin als Donatrix schliessen darf,

bleibe dahingestellt.[70] Dass die Frauen des 15. Jahrhunderts vor der

Oeffentlichkeit mit niedergeschlagenem Blicke erscheinen, der uns, wie

auch die überstark zur Seite geneigte Kopfhaltung, affektiert anmutet,

mag in den Anstandsregeln der Zeit begründet sein, die den Ausdruck

der Bescheidenheit und Züchtigkeit durch ein solch äusserliches,

kindlich-naives Mittel verlangten.

Je höher der Rang des Heiligen ist, desto sorgfältiger werden ihm

persönliche Züge ferngehalten. Die Verwandten Christi erscheinen

allenfalls hin und wieder auf dem Sippenbilde als Porträts; von Josef

sind mir solche erst aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts

bekannt. (Glatt rasiert, mit Klemmerbrille, lesend, auf einem Bilde des

Meisters vom Tode der Maria. London, Nat.-Galerie, nicht katalogisiert,

in dem kleinen deutschen Zimmer, und in ganz ähnlicher Auffassung aus

derselben Zeit auf einer niederrheinischen Madonnendarstellung in

Köln, No. 582.) In Einzeldarstellungen oder da, wo sie die Hauptfigur

der Handlung bilden, sind die grossen Heiligen durchgehends typisch,

aber in ihrem Typus häufig sich gleichend, gestaltet. (Anders mehrfach

in italienischer Kunst, so z. B. ist Pollajuolos Sebastian, London,

No. 292, offenbar ein Porträt. (Nach Vasari des Gino Capponi.) — Aus

späterer Zeit mag an Dürers Sebastian in Bergamo (Sebastian Imhof?

Thode) und aus der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts an

das Selbstbildnis van Dycks als Patron der Schützen in München

erinnert werden.) Auch für die Apostel, in nordischer Kunst so häufig

dargestellt am Sterbebette Marias, haben wohl schwerlich Zeitgenossen

direkt als Modell gedient. (Dürers Münchner Apostel von 1526 sind,

obgleich auf zum Teil noch vorhandenen Naturstudien beruhend,

Idealbildnisse im höchsten Sinne. Als Merkwürdigkeit sei erwähnt, dass

Vasari von Andrea del Castagno erzählt, er habe sich selbst in einem

Marienleben des Spitals der Kirche S. Maria Nuova con viso di Giuda

Scariotto gemalt, come egli era nella presenza e ne’ fatti, — dem er an

Leib und Seele glich. Ausgabe Milanesi II. S. 678.)

Bei denjenigen Persönlichkeiten, welche zu einer Zeit von der Kirche

heilig gesprochen wurden, zu der ein authentisches Porträt von

ihnen zu erlangen war, sind die Züge des Originals häufig auf die

späteren Darstellungen übergegangen. Das bekannteste Beispiel ist der

heilige Franz. Weniger bekannt dürfte es sein, worauf mich Aldenhoven

aufmerksam machte, dass auch der h. Bernhardin von Siena, gestorben

1444, von dem sich ein gesichertes Porträt in der Akademie seiner

Vaterstadt befindet, mit seinem Asketengesicht, dem hohen Schädel,

der steilen Stirn, dem tief eingesunkenen Munde und dem scharf

hervorspringenden Kinn auf mehreren deutschen Darstellungen sofort zu

erkennen ist: auf einem Kupferstich des Münchener Kabinets (P. V, 18,

24), der früher als italienisch galt, von Lehrs jedoch dem deutschen

»Meister von 1462« zugeschrieben wird, auf einem Tafelbild des Meisters

der Verherrlichung Mariä, No. 71 und einem des (jüngeren) Meisters

von S. Severin, No. 132, beide in Köln. Sein Attribut ist stets die

Strahlensonne mit dem I. H. S. (in hoc signo), dem späteren Hauptsymbol

des Jesuitenordens.

[Illustration: ~Der heilige Bernhardin von Siena.~

Kupferstich des Meisters von 1462 (Lehrs),

München, Kupferstich-Kabinet. (Teilbild.)

Nach besonderer Aufnahme.]

Bei Maria war das Festhalten an dem Typus, wie er sich im allgemeinen

schon in der altchristlichen Kunst ausgebildet hatte, durch eine

ehrfurchtsvolle Scheu vor der heiligen Gestalt der Mutter Gottes

bedingt, eine schuldige Ehrenbezeugung, die auch darin ihren Ausdruck

findet, dass zu keiner Zeit ein Künstler gewagt hat, sie unbekleidet

darzustellen, selbst Michelangelo nicht.[71] (Erst spätere — Dürer,

Raphael, Rubens, allerdings auch schon Fra Filippo Lippi, der

seine Geliebte, die schöne Nonne Lukrezia Buti zum Vorbild nahm —

geben ihr etwas ausgesprochen, wenn auch vielleicht unbeabsichtigt

Porträtartiges. Die Kölner Dombildmadonna ist auch unter ihrer späteren

Uebermalung ein Typus, — trotz dem Dichter, der in den Augen, den

Lippen, den Wänglein das Bild der Geliebten zu erkennen glaubt. Die

frühste von dem Herkommen abweichende Mariendarstellung ist die des Jan

Foucquet in Antwerpen, gemalt 1474; sie soll die Züge der Agnes Sorel

tragen.)

Der Christus-Typus behält die ideale Bildung romanischer Zeit bei,

jedoch mit starken provinziellen Abwandlungen. Der schmerzerfüllte

Zug des Leidens und die Dornenkrone treten erst um die Mitte des 15.

Jahrhunderts auf. Schon früh scheint in ihm etwas vom germanischen

Heldenideal zum Ausdruck zu kommen, das durch Dürer seine höchste

Vollendung erhält. Bartlos ist er mir ein oder zweimal begegnet;

abweichend von allen üblichen Typen und offenbar das Abbild eines

Lebenden nur auf einer Marienkrönung in Diessen im Schwarzwald, wo sein

Gesicht überdies einen bitteren, durch die gefaltete Stirn geradezu

unfreundlichen Ausdruck trägt.[72]

Als Kuriosum sei hier des belustigenden Einfalls des kurfürstlich

sächsischen Hofmalers Heinrich Göding gedacht, der, als er 1566

den Auftrag erhielt, den Hochaltar der Schlosskirche von Stolpen

zu erneuern, auf einem Abendmahl der Predella nicht nur die

Apostelphysiognomien dem Hofstaat seines gestrengen Herrn entnahm,

sondern auch diesen selbst, den Kurfürsten August, als Welterlöser

malte. (Dresden, Gross. Garten-Museum No. 84.)

In ehrwürdiger, aber völlig typischer Gestalt erscheint auch Gottvater

auf den Tafeln des 15. Jahrhunderts, wodurch nicht ausgeschlossen ist,

dass häufig für ihn, wie auch für Christus, ein lebendes Modell benutzt

worden ist, so von dem älteren Holbein für das Votivbild des Ulrich

Schwartz eine freilich durchaus nicht hoheitsvolle Physiognomie seiner

Silberstiftblätter mit plumper Nase und verwildertem Bart, die er auch

für den Kopf des Alten am weitesten links auf dem Sebastiansaltar

verwendet hat. Klass. Bilderschatz 519. — Die Darstellung des

Weltenschöpfers mag wohl zu den unlösbaren Aufgaben der bildenden

Kunst gehören, nicht Raphael, nicht Dürer und, um einen der Jüngsten

zu nennen, nicht Böcklin ist es gelungen, das innerste Wesen des nahen

und unfassbaren Gottes zu versinnlichen; auch in der Dichtkunst hat

wohl nur Einer das bezeichnende Symbol für ihn, der Sonne, Mond und

Sternen ihre Bahnen anweist, gefunden, indem er den Herrscher und

Lenker aller Dinge als ~blitzenden Punkt~ darstellt.[73]

~Selbstporträts~ der Meister des 15. Jahrhunderts als Anwesende bei

einer heiligen Handlung sind schwer nachweisbar. Die Ueberlieferung

schweigt darüber, und mit Pinsel und Palette haben sie sich nicht

unter die Assistenz gemischt, auch nicht wie das Dürer that, mit

einem Namenstäflein in der Hand. Dargestellt haben sie sich gewiss

recht häufig, und auf einigen Bildern glaubte ich sie mit einiger

Wahrscheinlichkeit bezeichnen zu können, so auf dem grossen Sippenbilde

des nach diesem Werke benannten anonymen kölnischen Meisters, auf

einem von Thode dem Meister des Löffelholz-Altars zugeschriebenen

Altarwerk in S. Lorenz, auf dem Peringsdörffer Altar, auf einer Tafel

des Mainzer Marienlebens und auf einem Altar im Dom zu Speyer. Auch von

Wolgemut wird erzählt, dass er sich auf seinen Altargemälden abgebildet

habe, jedoch kann ich auf keinen derselben einen Kopf bezeichnen, der

eine auffallende Aehnlichkeit mit dem bekannten dürerschen Porträt

in München hätte. Erst von dem älteren Holbein sind authentische

Selbstporträts auf Altären bekannt. (St. Pauls-Basilika in Augsburg und

Sebastiansaltar in München.) Im 16. Jahrhundert ist dann eine grössere

Anzahl mit Sicherheit zu erkennen.

Das Bildnis bei den altdeutschen Meistern bis auf Dürer · 第 24 / 67 题