1. Die Auftraggeber.

In langer Reihe, nach Heimatländern geordnet, sind die Malertafeln des

14. und 15. Jahrhunderts an unserem Blick vorübergezogen. Eine Fülle

individueller Existenzen ist uns auf ihnen begegnet, als Zuschauer

oder Assistenten bei heiligen Vorgängen, als Stifterbildnisse und als

unabhängige Porträts.

Es muss nun der Versuch gemacht werden, das Gemeinsame von dem

Unterscheidenden zu trennen und ohne landschaftliche Sonderung jede

dieser drei Gruppen zu einem Gattungsbild zusammen zu schliessen.

Zunächst jedoch wird es zweckmässig sein, auf die Persönlichkeiten

einen Blick zu werfen, welche auf jenen drei Bildnisklassen erscheinen,

auf die ~Besteller~ der Tafelbilder.

Dass von keiner Auftragsseite ein kunstfreundliches Motiv bestimmend

gewesen ist, darf von vornherein als ausgemacht gelten. Bei den

Altargemälden (Gruppe 1 und 2) ist es der fromme Glaube, ein Gott oder

dem schützenden Heiligen wohlgefälliges Werk zu vollführen oder das

Bewusstsein sündiger Schuld und die Hoffnung durch eine Stiftung an die

Kirche böse Thaten zu sühnen und so die drohenden Strafen in Fegefeuer

und Hölle zu mildern. Beim Porträt (Gruppe 3) ist es lediglich das dem

Menschen von Anbeginn zu eigene Verlangen, durch ein Abbild seiner

äusseren Erscheinung die Spur von seinen Erdentagen nicht ganz verwehen

zu lassen.

Beförderer der Kunst um der Kunst willen oder zur Befriedigung einer

ästhetischen Neigung sind vor dem Ende des 15. Jahrhunderts in

Deutschland weder bei den Fürsten, noch unter dem Adel, noch in den

breiten Schichten des Bürgertums zu finden. Dass trotzdem kirchliche

Gemälde von hoher künstlerischer Bedeutung geschaffen worden sind,

steht mit dieser Thatsache nicht im Widerspruch. Das allgemeine

Schmuckbedürfnis, welches das gesamte Mittelalter beherrschte und

welches dazu führte, in allem, was überhaupt für das ganze menschliche

Dasein gebildet wurde, instinktiv die Lösung einer bestimmten

Kunstaufgabe zu sehen, musste sich erst recht an Gegenständen

bethätigen, die für die heiligsten Räume der Christenheit geschaffen

werden sollten. Wo es der Ehre der Kirche galt, war gewiss das beste

gerade gut genug.

Aber um einen Altar malen, ja selbst schon um sich von einem

angesehenen Meister abschildern zu lassen, dazu bedurfte es des baren

Geldes, und das war im späteren Mittelalter nur an zwei Stellen zu

finden: bei den geistlichen und den weltlichen ~Korporationen~ und bei

den wenigen ~Patriziern~, die es trotz der dem Grosshandel durchaus

feindlichen Wirtschaftspolitik der Städte zu einem gewissen Reichtum

gebracht hatten.

Es ist nach modernen Begriffen schwer, sich das Oberhaupt des Reiches

ohne finanzielle Mittel vorzustellen und doch darf auf die Kaiser,

mit Ausnahme des durch Böhmen zum Wohlstand gelangten Karl IV.,

beinahe jener sprichwörtliche Vergleich mit der Kirchenmaus angewendet

werden. Ruprecht von der Pfalz, der in Geldangelegenheiten grenzenlos

leichtsinnige Sigmund und der knauserige Friedrich III., sie alle

waren ohne eigentlichen, ein ständiges und gesichertes Einkommen

gewährleistenden Besitz und fristeten ihr Leben gleichsam aus der Hand

zum Mund, auch Maximilian befand sich noch in ewigen Geldnöten. Um die

Territorialherren war es nicht besser bestellt, auch sie waren mehr

oder weniger verschuldet. Der Landadel, der seine wirtschaftlichen

Einkünfte immer geringer werden sah, und dem schliesslich nur zwischen

Verbauerung auf seinem Schlösslein und Strauchdieberei die bange

Wahl blieb, wenn anders er nicht etwa durch Universitätsstudien sich

für eine fürstliche Beamtenstellung vorbereitet hatte, Kriegsdienste

genommen oder den Kampf ums Dasein meidend in ein Kloster geflüchtet

war, er verwendete das erpresste Bauerngut oder die dem reisenden

Kaufmann abgejagten Schätze auf prächtige Kleider, zu Schmausereien

und Trinkgelagen. Für eine künstlerische Ausstattung seines Wohnsitzes

hatte der Landedelmann nichts übrig, selbst wenn er den Sinn dafür

besessen hätte. Kunstliebende Schlossherren, wie sie allenfalls

in Böhmen und Tirol zu finden waren, die das Innere ihrer Burgen

mit Wandmalereien schmücken liessen, bestätigen als Ausnahmen die

Regel. Die Mehrzahl der mit der Not des Lebens hart kämpfenden

Ritter (ein Vergleich ihrer sozialen Lage mit jener unserer heutigen

Grossgrundbesitzer dürfte wohl auch auf ihr Verhältnis zur Kunst

ausgedehnt werden), begnügte sich mit einem bescheidenen Altärchen für

die von einem gewöhnlichen Anstreicher bunt bepinselte Schlosskapelle,

und wenn es hoch kam wurde wohl auch ein farbiges Täfelein für die

Kirche des Pfarrortes bestellt. Bei dem einzelnen Handwerker reichte

es, wenn er überhaupt sich etwas verdient hatte, zur Stiftung eines

Kelches oder eines Kirchenfensters, zu einem dürftigen Andachtsbild

für sein Haus und vielleicht auch zu dem Luxus eines Konterfeis; am

wenigsten gab wohl der Bauer dem Maler zu verdienen, wenn schon es ihm

nicht gar so schlecht ergangen sein kann, wie das die häufigen Klagen

über seine Verschwendungssucht und seine oft recht üppige, den Städtern

nachgeäffte Kleidung beweisen.

So verbleiben als wirklich bedeutende Abnehmer nur die Kirche, die

gewerblichen Zünfte, die vornehmlich in Norddeutschland zu findenden

Bruderschaften — Vereinigungen wirtschaftlich schwacher Berufsgenossen,

zumeist Kaufleute, die neben materiellen auch geistliche Interessen

verfolgten — und die kleine Gruppe der selbständigen reichen

Handelsherren, zu denen in den Binnenstädten vor allem die Tuchhändler

zu rechnen sind. Ganz ausser Betracht kommen aus naheliegenden Gründen

die Juden, welche übrigens das ganze Mittelalter hindurch von dem

Bürger- und Bauerntum als ein feindliches Element empfunden und aufs

heftigste bekämpft wurden.

Klerus, Zünfte, Bruderschaften und Grosshändler haben auch in der That

fast alle die künstlerisch wertvollen Gemälde in Auftrag gegeben, deren

Herkunft sich heute noch nachweisen lässt. Wie geringfügig freilich

die für sie aufgewendeten Summen waren, das geht aus klösterlichen

Urkunden, Zunftbüchern und Haushaltungskonten der Kaufleute hervor,

erbärmlich im Vergleich mit den grossartigen Mitteln, die in denselben

Zeitläuften der Malerei in den Niederlanden und in Italien dienstbar

gemacht worden sind. Allerdings ist hierbei nicht zu vergessen,

dass der Volkswohlstand dort ein unvergleichlich grösserer und die

Verteilung der Güter eine andere war als in Deutschland, und dass

vor allen Dingen das burgundische Herzogshaus einerseits und die

italienischen Gewaltherrscher andererseits sich als freigebige und

mächtige Förderer aller Kunstbestrebungen bethätigen konnten und

bethätigt haben.

Das Bildnis bei den altdeutschen Meistern bis auf Dürer · 第 23 / 67 题